Es war so: Ich habe einschlägige Musikmagazine gelesen, als ich jung war. Wobei gelesen hier wohl eher falsch verstanden wird: Ich habe sie gescannt nach Artikeln oder auch nur kleinen Meldungen über meine Lieblingsbands. Das ich wirklich mal einen Artikel las, über eine Band von der ich vielleicht dachte, das sie mich nicht interessieren würde, kam eher seltener vor. War auch nicht so schlimm, für musikalische Sozialisation waren ja eh meine Geschwister zuständig…hehehe.
Wenn ich aber nun in irgendeinem Musikmagazin (und sei es nur das WOM-Heft gewesen) las, wann das Release-Datum einer für mich vermeitlich wichtigen Platte war, so habe ich mich an besagtem Tag nach Köln aufgemacht, zum grössten Plattenladen der Welt, Saturn am Hansaring. Ob das der grösste der Welt war weiss ich nicht, aber die hatten da verdammt viel Platz und verdammt viele Platten. Also würden sie ja wohl am Erscheinungstag auch die jeweilige Platte haben. Und ich bin immer schnurstracks zur Infotheke gerannt, wo der grosse mysteriöse Engländer gearbeitet hat, den alle nur ehrfurchtsvoll “den Engländer” nannten. Um ihn kursierten nämlich so Gerüchte, man müsse nur zu ihm hingehen, irgendeine Melodie vorsummen und er wüsste sofort, welche Platte man sucht. Ich hab das nie probiert, aber freute mich wenn er mir sagen konnte, ob die von mir gesuchte Platte da war (in den meisten Fällen entweder etwas von “Depp Jones” oder von “King Køng”) und hoffte mit ihm in eine Art Small Talk zu kommen, was aber nie der Fall war. Naja, da waren ja auch noch andere Kunden. Dann habe ich nach längerem, gemütlichen suchen irgendwann meine Platte im Regal gefunden, in die Hand genommen und bin freudig zur Kasse gerannt. Noch auf dem Weg nach Hause habe ich vorsichtig die Plastikfolie aufgemacht und geguckt ob auf dem Innencover noch Texte oder sowas drauf stehen. Die ganze Bahnfahrt lang habe ich schon fast alle Texte auswendig gelernt und mir versucht vorzustellen, wie wohl die Musik dazu klingen möge. Um zu Hause vor meiner Anlage dann festzustellen, das sie ganz anders klang. Nämlich viel besser, als ich je vorzustellen in der Lage war. Ich lag auf dem braunen Teppich im Kinderzimmer, spielte die Platte, las die Texte synchron mit und wenn mir ein Lied auf Anhieb besonders gefiel, wiederholte ich es schonmal direkt mehrmals. Plattenkauf war Freiheit, war Freude, war besser als ich mir Sex vorstellen konnte und war jedesmal das erleuchtendste Erlebnis, das ein junger Mensch haben kann. Warum ich euch das erzähle?
Weil ich heute dieses Gefühl mal wieder spüren durfte. Gestern bekam ich einen Link von René zu einem Stream des neuen “I´m from Barcelona”-Albums, weil er weiss das ich Riesenfan von denen bin. Und ich habe lange gehadert, ihn mir anzuhören. Auf der Seite der Band las ich, das das Album am Mittwoch rauskommen soll. Deswegen habe ich mir den Stream verkniffen, wollte mich selbst ein bischen auf die Folter spannen. Und was seh ich da heute Morgen, als ich ein wenig Zeit totschlagen musste, im Regal des Elektronikmarktes?
Das neue Album! Einen Tag früher!
Schon lange habe ich mich nicht mehr so priveligiert gefühlt, so special. Ich habe das Album einen Tag vor Release in der Hand! Da hat wohl jemand im Vertrieb geschludert oder so, ich weiss es nicht aber ich habe es! Und in der Bahn auf dem Weg nach Hause habe ich das Booklet gelesen und fast auswendig gelernt. Und jetzt höre ich die Platte gerade und sie ist noch viel besser, als ich gedacht hätte! Ich liebe Musik, ich liebe alles an ihr, auch das besorgen. Ein Gefühl das ich im Downloadzeitalter fast vergessen hätte….




Das kenn’ ich genau, Homie. Texte auf Hülle oder Inlay waren immer die halbe Miete. Gibt es den braunen Teppich noch?
Vielen Dank für diesen Exkurs in meine Jugend. Hier in Düsseldorf herrscht grad nicht das beste Herbstwetter, und nach einem anstrengendem Tag war es sehr unterhaltsam diesen Post zu lesen. Kann alles genau nachfühlen, vor alllem die Geschichte mit dem Saturn am Hansaring. Er hatte wohl die gößte CD Auswahl der Welt ( zumindest prangerte selbiger Satz an den Schaufenstern ), und das mit dem Engländer kenn ich nur zu gut. Es sollte vielleicht erwähnt werden, dass die Platten bzw. CDs früher dort nach Plattenlabeln, und nicht nach dem Alphabet oder Musikrichtung sortiert waren ( so wie heute ), und der Engländer, nachdem man die dicken Kataloge mit sämtlichen jemals erschienen Platten nach seiner Lieblingsplatte dursucht hatte ( was auch schon mal eine Stunde in Anspruch nahm, wenn der Engländer grad beschäftigt war ), einem auch sofort sagen konnte, in welchem Gang, und vor allem, in welchem Regal ( 3. von oben, rechts von der Mitte ) die Platte zu finden sei. Herrlich. Und anschließend ging es beim Verlassen vom Saturn entweder links den Hansaring runter zu Chinamann, um sich mit einem vegetarischen Teller für 5 Mark den Wanst voll zu schlagen, oder rechts runter zum Comicshop, um sich das neueste Spawn Comic zu besorgen.
Wie gesagt, super Artikel. Grüße aus Düsseldorf,
René.
Hmm, weiß nicht… Ich sehe Filme 2 Monate vor Kinostart und bekomme Presse-DVDs 3 Monate vor Release, aber besonders find ich des eigentlich nicht. Liegt wohl an den Filmen..
Die Musik ist sehr Klasse! Auf http://www.myspace.com/imfrombarcelona gibt es einen Remix-Competition
lieber nilz,
vielen dank! dein eintrag macht mut! vor allem mir als musiker. zum glück gibt es noch menschen, denen musik wirklich etwas bedeutet.
…und ich kann das gefühl beim plattenkauf einer lieblingsband uneingeschränkt nachvollziehen.
mit wünschen und grüßen!