Block Party…oder so.

Huiuiui, ist das lange her. Ich bin mir nicht mehr genau sicher, war die letzte nun die zum ersten Golfkrieg, wo wir von der Schule aus hingegangen sind und Schilder mit “Kein Blut für Öl” vor uns hintrugen? Oder war es die Antirassismusversammlung auf den Wiesen hinter der Bonner Universität, wo Herbert Grönemeyer auftrat (Was ich die Tage vor dieser Demo tat, liest man übrigens hier)?

So oder so: Beide Termine sind schon verdammt lange her. Wohl mindestens 12 Jahre, oder so. Nun war es also mal wieder an der Zeit, Flagge zu zeigen, auf die Strasse zu gehen, “denen da oben” zu zeigen das es so nicht geht. Ich war am Samstag auf der “Vorratsdatenspeicherung”-Demo in Berlin. Ok, das klingt Scheisse. Nennen wir sie einfach Anti-Schäuble-Paranoia-Politik-Demo. Klingt nicht besser, leuchtet aber schneller ein. Ich war vor allem deshalb aufgeregt, weil es die erste Demo für meine kleine Tochter war. Ich ahnte schon, das sie sich nach einiger Zeit sicher langweilen würde, deswegen machte ich mit ihr aus, das ich sie die meiste Zeit Huckepack nehme. Ich Depp.

Erstmal setzten wir uns auf den Wohnzimmerboden und malten unsere Schilder. Während ich, gähnend unkreativ, einfach den schmissigsten Slogan aus der Slogan-Wiki nahm, kreierte meine Tochter nicht nur ein Non-Verbales-Schild erster Klasse, sondern damit auch noch en passant das perfekte Allround-Schild, denn mal ehrlich: Damit kann man doch wirklich auf jede Demo gehen, oder?

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Foto: Malte für Spreeblick

Ich packte noch etwas Saft in die Lillifee-Flasche, ein bischen Obst in die Umhängetasche, und noch eine Jacke dabei, falls es kühler werden sollte. Und schon gings los. Wir stiegen “Unter den Linden” aus und nach einiger telefoniererei, trafen wir dann auch endlich denBloggers Block“. Erstmal standen wir an der Seite. Um die Kleine zu unterhalten während dieser Wartezeit, in der permanent martialisch gekleidete Polizisten an uns vorbeiliefen, tanzten Madame und ich ein wenig. Dann kam noch ein Mann namens “Orgel-Willi”, positionierte sich mit seiner Drehorgel direkt vor uns auf dem Bürgersteig und leierte sich einen. Dabei schaffte er es durch seine Ansagen immerwieder unseren Block zum kollektiven kichern zu bringen. “Die Terrororgel!” oder “Die Demo zieht weiter, Orgel-Willi bleibt!” waren nur einige der grossartig ungrossartigen Bonmots, die der Tanze-Samba-mit-mir-Dudler absonderte. Endgültig skurril wurde es aber, als er mit fast schon verzweifeltem Duktus “ICH fühle mich NICHT beobachtet!” in sein Mikro brüllte.

Vor dem Adlon haben sich wohl ein paar Jungs entschlossen, das aussenstehende Mobilar zu zertrümmern und sich dann gewundert, das die Ordnungskräfte das nicht so toll fanden. Es ist aber auch wirklich zum kotzen mit der Polizei. Ein paar harmlose, unpolitische Demotouristen kommen gemütlich her, um in Zeiten nahender Kälte (Sonntag war Herbstanfang) der Berliner Bevölkerung dabei zu helfen, Brennholz zu generieren, und dann kommen die Uniformierten und hindern sie dabei. Ungerecht ist gar kein Ausdruck. Diese Nobelmöbel sind doch eh furchtbar hässlich! Da hat man doch dann auch dem ästhetischen Empfinden einen Gefallen getan! Aber nein, die Polizei sieht das wir immer ganz anders. Zur Strafe werden dann eben auf Indymedia nochmal 5000 auf die offiziellen Zahlen draufgerechnet. So. Ätschi. (Ja. ok. Der Weltfrieden ist eigentlich ironiefreie Zone, aber kontraproduktiver als die Spacken kann wohl niemand auf eine Demo gehen…)

Als der schwarze Block vorbeigezogen war, unter polizeilicher Aufsicht, und auch der letzte noch im Gewühl verschütt gegangene Blogger in unserem Kreis auftauchte, ginegn wir dann los und reihten uns, tatsächlich eher zufällig, hinter dem rosa Block ein. Vater und geschulterte Tochter zeigten ihre Schilder. Eine auffällige Ruhe begleitete den Marsch vom Brandenburger Tor zum Alexanderplatz. Malte und ich kamen ins Gespräch in dessen Verlauf wir immer weiter nach Rechts abdrifteten, was in diesem Falle nicht inhaltlich, sondern durchaus physisch zu verstehen ist. Während alle noch auf der Strasse liefen, gingen wir bereits auf dem Bürgersteig. Den Rest der Gruppe natürlich hoffnungslos aus den Augen verloren. Ein weiterer Freund wollte dazustossen, aber wenn gleich zwei nicht besonders Ortskundige versuchen einen mehr oder weniger alt-eingesessenen Berliner irgendwohinzulotsen, dann darf man getrost davon ausgehen, das das misslingt. Am Alex angekommen hat auch endlich mein Nachwuchs seinen Spass bekommen und plantschte im Brunnen. Nebenan die Zwischenkundgebung und unter den beiden Diskutanten schon die Einigung auf einen persönlichen Abbruch des politischen Engagements des Tages. Zu Dritt gingen wir in die U-Bahn und fuhren nach Hause.

Obwohl sie ihrer Mutter sagte “Schön!” als diese sie frug, wie sie denn die Demo gefunden hat, wusste ich das sie sie sterbenslangweilig fand. Kein Wunder. Nicht gerade der spannendste Ort für eine 6-jährige. Ich fand die Demo ok, war irgendwie froh dabei gewesen zu sein. Hab aber auch gemerkt, das sowas einfach nicht mehr mein Ding ist. Mit so einem Schild und einem riesen Pulk von Leuten vor eine Bühne zu gehen, wo dann alle irgendwie Ballermann-Konditioniert an den richtigen Stellen “BUH!” oder “JAA!” rufen, das geht nicht mehr so richtig einher mit meinem Polit-Verständnis. Es wurde ein Signal gesetzt, das ist richtig. Das mag nicht überall angekommen sein, denn ausser den Geek-Medien, hat irgendwie keiner so richtig mitbekommen, was los war. Sicher, Oktoberfestanstich ist vielleicht nicht politisch brisant, hat aber medial einfach den grösseren Impact, das ist mir schon auch klar. Und das sich jetzt Demonstranten aus Berlin in irgendwelchen Blogs darüber aufregen, das in den Nachrichten “irgendwelche demonstrierenden Mönche” gezeigt werden, lässt auch hier schnell auf eigentliches Desinteresse, mindestens aber auf politische Ignoranz schliessen. Die Demo war gut und sie hat nichts gebrtacht. So what? Wer hat erwartet, das die CDU einlenkt?

Auf dem Rückweg hat meine Tochter sich noch das aktuelle Lillifee-Heft kaufen dürfen. Mit Stickeralbum. Ich glaube das war ihr Highlight des Tages. Und wisst ihr womit…?

9 Friedenstauben

  1. Hi,

    toller Bericht.

    Aber ein Foto vom Schild deiner kleinen würde ich doch gern sehen, wenns schon “das perfekte Allround-Schild” ist :-)

    Kommentar von djabszess - 24. September 2007 um 15:42 Uhr
  2. …mit Recht? =)

    guter bericht und für mich sehr nachvollziehbar.

    Kommentar von bono - 24. September 2007 um 17:18 Uhr
  3. ich find dich aktiv sehr gut
    mehr lange artikel

    Kommentar von roman libbertz - 24. September 2007 um 18:18 Uhr
  4. OT: Hab Dich Donnerstag Abend im E-Werk gesehen, aber bevor ich hallo sagen konnte, warst Du im doch sehr großen Getümmel verschwunden. Und danach war ich zu beschäftigt damit, zu versuchen, mir die Party schönzusaufen, als daß ich weiter nach Dir hätte suchen können…

    Kommentar von Pleitegeiger - 24. September 2007 um 22:49 Uhr
  5. Häh?! War das nicht die Nerd-Parade?

    Kommentar von Jimmy Lightning - 25. September 2007 um 00:02 Uhr
  6. schön geschrieben ;o)

    Kommentar von steuertusse - 25. September 2007 um 10:12 Uhr
  7. That’s waht it is.

    Ich find sowas ja auch immer prima und unterstützenswert und toll - nur ändert es doch eh nichts.

    Bitte entschuldigt meinen Pessimismus; ja, ich weiss “wenn jeder so denken würde”-blah… Aber “in echt” ist das doch eh alles nicht mehr zu verhindern. Das mit der Vorratsdatenspeicherung ist hierbei noch das kleinste Problem.

    Was mich viel mehr interessiert: wie war das Lillifee-Heft?

    Kommentar von MC Winkel - 25. September 2007 um 13:06 Uhr
  8. Beste Beschreibung, die ich jemals über die Jungs vom schwarzen Block gelesen hab. :))

    Kommentar von Simon - 25. September 2007 um 20:32 Uhr
  9. Schöner Bericht und ich bin froh, dass er nicht in Pirate-Language geschrieben ist :-)

    Kommentar von Sebastian - 26. September 2007 um 09:00 Uhr

Deine Friedenstaube