Gitarren für die Ewigkeit

Ich hab ja 2006 ein recht HipHop-lastiges Jahr gehabt. Das hat wahrscheinlich einen einfachen Grund: Mir wurde das Gitarrenzeug zu unübersichtlich. Jede Woche war gefälligst eine neue Band aus England zu feiern, die sich dadurch auszeichnete Pete Doherty mal so richtig scheisse zu finden, schon mit ihm gekokst zu haben, sein Vater zu sein oder noch nie von Pete Doherty gehört zu haben. Ich habe da (ganz im Gegensatz zu ModernesRocklexikon-Walter) total die Übersicht verloren. Bands miteinander verwechselt und allenfalls mal die ein oder andere Nummer gut gefunden. Aber nichts was mich auf Albumlänge umgehauen hätte. Im Gegenteil zu all den schönen Hip Hop Sachen (und natürlich “I´m from Barcelona”) die letztes Jahr veröffentlicht wurden. Nun hatte ich aber das Gefühl meinen Gitarren fremd zu gehen und deswegen hat bei mir eine Art schreckliche Frühvergreisung eingesetzt. Ich wurde Opfer des “Früher war alles Besser.”-Gefühls, wenn ich mir so meine Gedanken über Rock machte. Furchtbar.

Ich sah mich schon in 25 Jahren auf Oldiefestivals rumstehen, wo dann Soundgarden spielt, von denen aber nur noch Chris Cornell als Originalmitglied dabei ist. Danach dann Pearl Jam, Eddie Vedder ist ganz dick geworden, aber kann immernoch jamern auf höchstem Niveau. Als Headliner spielen Guns ´n ´Roses, wobei in dem selben Jahr (also das wäre ja dann 2032) endlich “Chinese Democracy” rausgekommen ist. Mit anderen Langhaarigen erinner ich mich wehmütig an die CD zurück, weil einem Musik mittlerweile nur noch direkt ins Hirn gebrannt wird. Die Mac Angels (auch Apple Army genannt) machen an dem Abend die Security, aber viel zu bewachen haben sie nicht. Diejenigen, die damals bei jedem Festival stagediven mussten, haben mittlerweile 27 Bandscheibenvorfälle hinter sich und die anderen waren eh schon immer zu lethargisch oder Dauerbekifft oder beides. An den Ständen wird noch echtes Bier aus dem Plastikbecher verkauft, auch ein Akt der Nostalgie, denn Getränke werden mittlerweile direkt in die Blutbahn geschossen.

Durch den Abend führt Bela B. Ein echter Rocker, der nach dem erneuten Ärzte-Split, 2020, Wetten Dass…? übernommen und verpunkrockt hat. Übernommen hat er es von MC Winkel, der die Sendung abgeben musste, weil er mit der Tochter des YouTube-Gründers im Wasserbett erwischt wurde. Ach so: Nur zum Verständnis: Fernsehen gibts ja eh nicht mehr.

So steh ich also auf dem Festival in der halb gefüllten Sporthalle, zwischen all den anderen, gelangweilte Kinder stehen herum, die wohl mitgehen mussten und darüber alles andere als glücklich sind, wie ihre T-Shirts mit der Aufschrift “Sidos Töchter” oder “Shubidoo” erahnen lassen. An einem Nostalgie-Stand kaufe ich echte Zigaretten, natürlich nur für den Heimgebrauch, für draussen habe ich ja meinen Nikotininjektor. Dann der Überraschungsgast: Rage against the Machine. Nach dem Regierungswechsel (weltweit!) mussten auch sie ihre grössten Hits gerigfügig umschreiben, was aber für die Anwesenden nicht so schlimm ist. So grölt die Masse mit bei “Nicht-so-gut-finden in the name of” oder bei “Chinaböllertrack” und natürlich beim grössten Hit “Bully in the head”, eine kritische Abrechnung mit dem mangelnden Sicherheitsdenken von Fussgängern. Natürlich aus einer Zeit, als es noch Fussgänger gab. Heutzutage gleitet man nur noch überall hin.

Am Ausgang kaufe ich mir ein Ticket für die nächste Veranstaltung mit Smashing Pumpkins, Nirvana (mit Kurt Cobain als Hologramm, was neben den schwer gealterten Kollegen Grohl und Novoselic sehr skuril aussieht), NOFX und Guns ´n´ Roses - die müssen wohl immer dabei sein - und überlege ob meine Tochter wohl mitgeht. Aber ich denke eher nicht. Die hat ja keine Zeit zwischen ihrer Literaturnobelpreisverleihung und Tournee mit ihrer Band. Aber ihre Zwillingssöhne vielleicht….ach ne, die langweilt das nur was der Opa gut findet.

Alleine gehe ich nach Hause, lasse mich in mein 30 Jahre altes Sofa fallen, mache mir vorher noch etwas zu essen im Black und Decker Pizza Hydrator und gucke dann meine Feeds auf YouTube. Dabei werde ich noch angeskyped, aber mein KI-AB ist dran und unterhält sich mit den Leuten, ich habe gerade keine Lust. Stattdessen gehe ich ins Internet (mein Gott, wie altmodisch!) und google mich zurück zu diesem Eintrag hier. Und dann würde ich gerne jemandem sagen: “Siehst du, ich habe es schon damals gewusst!”

Aber seitdem Romans Buch über Liebe mit dem Titel “Alles nur Chemie” so ein Erfolg wurde, haben die Leute von Heute auf Morgen den Glauben daran verloren und Ehen wurden, wenn sie überhaupt bestehen blieben, nur noch Zweckgemeinschaften. Und deswegen sitze ich da alleine mit meiner re-hydrierten Pizza und kann keinem sagen alles schon geahnt zu haben. Schnief.

Und wenn man jetzt auch noch weiss, das ich eigentlich zu Beginn einfach einen Post mit ein paar Videos und den 10 besten Rockplatten ever schreiben wollte, dann macht das das ganze nur irgendwie noch trauriger….

Aber hey: Ich steh auf Zukunft! Bin nur etws abgedriftet….

2 Trackbacks

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5 Friedenstauben

  1. Und das an diesem Tag der Freude… =) Aber sehr schön geschrieben. Frohe Ostern!

    Kommentar von Gerhard - 08. April 2007 um 14:00 Uhr
  2. Ich finde ja Hip-Hop genauso kompliziert wie Rock. Wenn es einem egal ist wer bei welcher Band ausgestiegen ist und warum, und einfach nur Rockmusik hört, dann ist das alles kein Problem. Ehrlich!

    Kommentar von Florian - 08. April 2007 um 18:33 Uhr
  3. (h)ey du!

    Kommentar von roman libbertz - 08. April 2007 um 18:34 Uhr
  4. Super, ich krieg in 13 Jahren noch einen hoch!
    Dann ist ja gut. :)

    Kommentar von MC Winkel - 08. April 2007 um 19:29 Uhr
  5. Du sollst die Gitarre ehren und ihr nie fremdgehen!

    Kommentar von Joaquin - 08. April 2007 um 20:20 Uhr

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