Sturmfrei

Ich habe exakt eine Sturmfrei-Party in meinem Leben gefeiert. Sie sollte in unserem kleinen Städtchen zur Legende werden und alle die nicht dabei gewesen sind haben sich noch Jahre später darüber geärgert. Aber der Reihe nach:

Freitag Mittag: Meine Eltern sind zusammen nach Paris gefahren. Ich glaube mein Vater hatte da am Wochenende einen geschäftlichen Termin und hat dann meine Mutter mitgenommen um ein romantisches Wochenende draus zu machen. Sie beschlossen das ich alt genug war um auch mal alleine zu Hause zu bleiben. Mir wurde ein wenig Essensgeld da gelassen, “für Notfälle”, obwohl meinen Eltern und mir klar war, das ich in dem Moment wo ich das Geld habe, das ganze Wochenende zum Notfall erklärt würde. Ich sass in der Schule und habe überlegt, wie ich das beste aus der bevorstehenden Situation machen könnte. Schöne Filme liefen vor meinem geistigen Auge ab: Die schönsten und coolsten Mädchen der Schule würden alle zu mir kommen und wir würden Flaschendrehen spielen, Blues tanzen, die Nacht durchmachen und uns übermüdet Quatsch erzählen. Nun war ich kein Egoist und hab natürlich noch ein paar Kumpels eingeladen, ich wollte ja teilen. Ausserdem war das für die Ladies ja auch interessant, wenn ein bischen Auswahl vor Ort war. Mein Plan schien zumindest Wasserdicht, die Party konnte steigen.

Samstag Mittag: Mit meinen Kumpels hab ich erstmal im örtlichen Supermarkt das Notfallgeld in Bier investiert. Mit unseren Rennrädern verfrachteten wir das leckere Kölsch zu unserem Haus. Gross dekoriert wurde nicht, der Hauptteil der Party sollte eh in meinem Zimmer stattfinden. Das war ja quasi schon dekoriert genug. Weil meine Geschwister schon alle ausgezogen waren, hatte ich die komplette Dachetage für mich. Mein Reich, sogar mit eigenem Badezimmer…! Die Kisten haben wir oben verstaut, dann noch ein bischen Musik gehört und flugs wurde es Abend. Nun sollten sie kommen.

Samstag Abend: Die ersten Mädchen klingeln. Manche haben kleine Geschenke mitgebracht. Ich glaube, abgesehen von ein oder zwei Flaschen Sekt, war auch eine Flasche Blue Curacao dabei, das mystischste Getränk aus meiner Jugend. Alle wollten es trinken, keiner mochte es. Das magische Blau stand in grosser Diskrepanz zum scheiss Geschmack. Aber es hätte uns ja auch mal jemand sagen können, das das Zeug eher als Cocktailfärber denn als Longdrinkgrundlage gedacht war. Wir versammelten uns alle bei mir im Zimmer und quatschten, hörten Musik, tranken. Ich kam nicht so sehr dazu mich um die Ladies oder gar meinen Pegel zu kümmern, denn mittlerweile klingelte es an der Tür im Minutentakt und ich durfte jedesmal wieder vom Dach runterrennen, Leute reinlassen und wieder hoch sprinten. Durch das Hin und Hergerenne verlor ich langsam den Überblick. “Komm, lass uns doch auch rein!”, “Ey, den und den hast du eingeladen und uns nicht?”, “Wir kennen uns nicht, aber ich bin ein Kumpel von dem und dem.”, “Geile Party, wir sind dabei!” waren meistens die Sachen, die an der Tür zu mir gesagt wurden. Mittlerweile war das Haus so voll, das ich nicht mal mehr die Leute reinliess, sondern sie sich gegenseitig. Ich sass oben mit dem Hauptteil der Mädels un dlangsam überkam mich ein komisches Gefühl…Warum hörte ich von unten mehr als von hier oben? Hier sollte doch das Hauptfest sein…? Als dann eines der Mädchen, die ich ausgesprochen toll fand, zu mir sagte, ich solle doch mal gucken gehen, begab ich mich ins Erdgeschoss.

Samstag Nacht: Schon mal bei einem Vulkanausbruch dabei gewesen? Damals mit nach Stalingrad gegangen? Jemals in einem Atompilz gestanden? Oder Verkäufer im Kaufhof gewesen als morgens, Punkt 8 Uhr, mit einem lauten “KLACK” die Türen beim Sommerschlussverkauf gleichzeitig geöffnet wurden? Wenn ihr das alles zusammenpackt, dann habt ihr einen leisen Hauch der Ahnung, was bei mir los war. Das haus war gerammelt voll. Vor allem gerne mit Leuten, mit denen man eigentlich nix zu tun hatte. Ein Kumpel von mir hat “Tür gemacht”, was eigentlich nur daraus bestand das er bis auf einen, alle reinliess. Der einzige der nicht reindurfte, war unglücklicherweise einer der wenigen die ein Mofa hatten, und die Tatsache das er nicht rein durfte quittierte er mit schönen Burnout-Ring-Mustern, die er im Vorgarten hinterliess. Natürlich unter Anfeuerung der Anwesenden. Ok, hier konnte ich nichts mehr tun, ich musste mich um andere Baustellen kümmern. In der Küche sassen ein paar Jungs zusammen und der lallend-lachende Spruch “Ist das eigentlich normal, das die Mikrowelle blitzt?” drang an mein Ohr. Ich sprang in die Küche, riss die Mikro auf und sah was passiert war: Mein besoffener Kumpel hatte versucht seine in Alufolie gewickelte Pita aufzuwärmen. Das am Herd gerade Spaghetti gekocht wurden und ein Typ mit einem schwarzen Lederhandschuh die Nudeln per Hand rausgenommen und probiert hat, war mir egal. Denn der nächste Brennpunkt schien mir der Keller zu sein: Drei Jungs haben es sich im Weinkeller meines Vaters gemütlich gemacht und ihre ganz eigene Interpretation einer subtilen und geheimen Weinprobe entdeckt: Flasche nehmen, öffnen, probieren, finden das der Wein scheisse schmeckt, korken wieder drauf drücken, Flasche zurück legen, so tun als wenn nichts gewesen wär. Insgesamt zerstörten die Buben so Wein im Wert von 500 Mark (für einen 8.Klässler eine niemals zu bewerkstelligende Summe), bevor ich sie aufhalten konnte. “Ja! Macht ihm eine neue Frisur!” tönte es aus dem Erdgeschoss, in welches ich aus dem Keller schoss, nachdem ich das Geschrei hörte. Die Jungs fingen an dem Lederhandschuhtypen, der mittlerweile so besoffen war, das er nichts mehr mitbekam, aus Spaghetti eine neue Frisur zu machen. Ich ging zurück ins Wohnzimmer und hinderte den Hauptteil der Gäste daran, die Zigaretten auf dem Terracottafliesenboden auszudrücken. Im Vorgarten wurde gejubelt. Also ich, nix wie raus: Irgendwie hatte es der Lederhandschuh mit der mittlerweile neuen Frisur geschafft, in den ersten Stock zu kommen. Dort hing er jetzt aus dem Fenster meines alten Zimmers und brach unverdaute Spaghettireste in den Quittenbaum. Und alle feuerten ihn an. “Ich gebe auf.”, waren meine Gedanken. Ich musste mich meinem Schicksal fügen, dieser Party konnte man nicht mehr Herr werden. Ich zog mich zu den Mädels nach oben zurück und peu a peu löste das Fest sich auf. Als ich dann endlich mitbekam, das niemand mehr da war, liess ich mich erschöpft ins Bett fallen….das hatte ich mir irgendwie alles ein bischen anders vorgestellt.

Sonntag Mittag: Drei, Vier Freunde kamen vorbei um mich abzuholen. Wir wollten nach Bonn auf eine riesige Anti-Rassismus-Demo, auf der auch Herbert Grönemeyer spielte. Allerdings, das war mehr als offensichtlich, hatte ich noch einiges zu tun. Die anderen packten mit an und wir haben erstaunlich schnell die Wohnung in einen wieder annehmbaren Zustand bekommen. Den Rest würde ich mit einer “kleinen” Party mit Freunden schon erklären können. Wir fuhren nach Bonn und standen uns bis spät Abends die Beine in den Bauch, während auf der Bühne den Nazis klar gemacht wurde, das sie unerwünscht sind. Als ich nach Hause kam, waren meine Eltern wieder da. Ich hatte mir eine ungefähre Gesprächstrategie zurecht gelegt. Die hat aber nix gebracht: Es stank im ganzen Haus nach Kippen und Alk, der Müll war natürlich mehr als offensichtlich, der Weinkeller auch und die Spuren im Vorgarten waren nicht gerade unauffällig: Spaghetti im Baum, auf dem Gitter zum Kellerfenster und kreisförmige Rasenaussparungen durch unsachgemässen Gebrauch eines Mofas. Ende vom Lied: Eine Woche Hausarrest, Taschengeldentzug und nie wieder allein zu Haus.

Ich hätte es damals wahrscheinlich nicht hören wollen, aber: Schon für die Erinnerung daran, hat sich das alles gelohnt.

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13 Friedenstauben

  1. Bei mir waren die Highlight: ein Loch in der Tür, 5 Liter Bowle auf dem Fußboden, Stroboskob und Nebelmaschine im Wohnzimmer und ein vögelndes Pärchen im Schlafzimmer meiner Eltern.

    Kommentar von rene - 15. February 2007 um 07:58 Uhr
  2. Danke für diesen haarsträubenden Bericht, der mir als Papa jetzt schon die Nackenhaare aufstellt, wenn ich daran denke, was mein Sohnemann in 10 Jahren anstellt. Besser, ich erzähle ihm nichts von meiner schlimmsten Fete. Oder doch, ich gestehe alles: die zwei demolierten Glasscheiben im Wohnzimmer, der beim Biernachschub holen zu Schrott gefahrene Volvo, die im Recorder vergessenen Playboyvideos, Vaters umfunktionierte Modelleisenbahn (!) und die Strafe. Und das war das schlimmste: ein geschlagenes halbes Jahr Ausgehverbot. Tutto kompletto. Keine einzige Minute weggehen in sechs Monaten. Auch nicht zu Freunden nebenan!
    btw: Warst du etwa auf der Hofgartendemo? Neben mir gestanden?

    Kommentar von sachsenwunder - 15. February 2007 um 10:37 Uhr
  3. Ich war mal Gast auf einer Party, die ebenfalls ausgeufert ist. Da hat zwar keiner Alufolie in die Mikrowelle gepackt, aber dafür auf ein Backblech geschissen und das dann in den Ofen gepackt (auf mittlerer Schiene bei 180 Grad ca zwanzig Minuten)… zum Glück war ich schon zu betrunken um das alles mitzubekommen.

    Kommentar von SirParker - 15. February 2007 um 10:44 Uhr
  4. Klasse Partybericht :-)
    Erinnert mich an den Kerl, der meiner Mutter Toaster in Flammen gesetzt hat, weil er morgens um 2 Hawaiitoast machen wollte. Ich hätte nie gedacht, dass schmelzender Käse in Verbindung mit dem Toasterinnenleben solch explosiv hohe Flammen ergibt. Die Küchendecke war aber schnell gestrichen, es hätte nur jemand drauf auchten sollen, dass es die gleiche Farbe ist.
    Meine Erklärungen damals fand mein Dad nicht überzeugend, der künstlerische Eindruck fand keinen Niederschlag in der B-Note. Ich habe lange gewartet bis zur nächsten Party.

    Kommentar von Jekylla - 15. February 2007 um 11:10 Uhr
  5. Dachte deine Eltern waren in “Afrika” ;-)

    Kommentar von diffusor - 15. February 2007 um 13:12 Uhr
  6. meine güte war ich brav! das muss ich sofort meiner mutter erzählen! ;)

    Kommentar von zoee - 15. February 2007 um 14:25 Uhr
  7. Satz des Tages: “[...]brach unverdaute Spaghettireste in den Quittenbaum.”

    Blue Curacao - dann kennst Du bestimmt auch noch “Grüne Banane”? Auch von Bols.

    Bei waren’s damals:
    - Zerstörtes Katzenklo
    - Telefonanschluss aus Wand gerissen
    - Aus Salamischeiben und Ketchup Gesicht an Küchenwand gebastelt
    - Mit Zigarettenkippe “Paderborner” in Cord-Couch gebrannt
    - benutztes Kondom in lustigen Taschenbüchern der Schwester
    - 3facher Polizeibesuch

    Allerdings nicht bei mir zuhause! :)
    Und nach all diesem Ärger sogar noch mit Gastgeberin geschlafen.
    Also… nicht ich.
    Ein Bekannter.

    Kommentar von MC Winkel - 15. February 2007 um 15:37 Uhr
  8. was mich bei solchen stories ja immer interessiert ist, hast du deinen eltern jemals von den wahren begebenheiten erzählt?

    Kommentar von Herm - 15. February 2007 um 15:44 Uhr
  9. War ich bei der Party? Kommt mir mega bekannt vor :-). Wenn ich da war: Das mit den Nudeln im Baum war ich… .

    Kommentar von Der Mitch - 15. February 2007 um 16:53 Uhr
  10. brandflecken, die man bis heute noch sehen kann, kaputte gitarre und die nachbarn teilten meiner mutter mit, dass sie das gemüse auf dem hügelbett besser nicht essen sollte, erbrochenes auf der holzterasse und vor der gartentür der nachbarn, voller einkaufswagen mit bier-und weinflaschen im garten

    Kommentar von silka - 15. February 2007 um 21:15 Uhr
  11. “alle die nicht dabei gewesen sind haben sich noch Jahre später darüber geärgert”

    Erinnert mich an die Hausparties eines Freundes, der diese feierte bevor wir uns kannten und man trotzdem ständig bereuen musste nicht da gewesen zu sein, weil er und Millionen andere bei JEDER Party wieder die alten Geschichten auskramten.
    Inzwischen ist es fast so als sei man dabei gewesen ;)

    Kommentar von taraia - 16. February 2007 um 14:40 Uhr
  12. muss mich dem diffusor anschließen…. dachte auch, mich daran erinnern zu können, dass es da mal was mit einer party und eltern in afrika gab =)

    schade, dass man solche sturmfrei-parties nur haben kann, wenn man noch bei seinen eltern wohnt… in der eigenen wohnung kriegt man das irgendwie nur selten SO legendär hin.

    Kommentar von bono - 17. February 2007 um 17:48 Uhr
  13. Großartig ! Da kommen auch bei mir jetzt viele Bilder wieder - danke. Auf der Rückfahrt einer solchen Party habe ich mich mit 16 Jahren mal auf 1km Strecke mit meinem Fahrrad original 3x volle Lotte abgelegt - das Fahrrad hatte danach Totalschaden ;-)
    Liebe Grüße
    Dirk

    Kommentar von Dirk Schuhmacher - 20. February 2007 um 12:39 Uhr

Deine Friedenstaube