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Die documenta aus Sicht von einem, der sucht, was ihn berührt.

Dieses Mal würde ich nicht so unvorbereitet sein, hab ich mir vorgenommen. Als ich auf der letzten documenta war, war das meine Erste. Die wollte ich so jungfräulich und unbeleckt wie möglich erleben. Das hat ein bisschen funktioniert und ein bisschen nicht: Es war zwar überraschend groß, aber auch zu großen Teilen überraschend öde. Für die diesmalige documenta hab ich mir also vorgenommen, mich vorzubereiten. Damit ich mit den angebotenen Sachen auch etwas würde anfangen können.

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Die documenta hat einen hohen emotionalen Wert für mich. Das liegt aber gar nicht so sehr an der Ausstellung selbst, sondern dass sie einer der wenigen Momente ist, in denen mein bester Freund Roman und ich uns die Zeit füreinander nehmen. Wir nutzen die Ausstellung als Buddy-Weekend. Das macht sie zu einem besonderen Anlass für mich. So oft schaffen wir es nicht, füreinander da zu sein. Er lebt in München, ich in Berlin und wie das immer so ist, kommt einem allzu oft der Alltag dazwischen. Aber documenta, die ist fix. Schade eigentlich, dass die nicht jährlich stattfindet.

Also, für uns ist das schade. Der Ausstellung schadet das nicht, wohl eher im Gegenteil: Jeder neue Kurator bringt ein komplett neues Konzept, eine neue Idee mit. Der organisatorische Aufwand, der hinter dieser Veranstaltung steckt, ist enorm - dieses Mal vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als sonst.

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Aber zurück zum Anfang. Ich wollte also nicht unvorbereitet anreisen, sondern wirklich wissen, was mich erwartet. Also hab ich mir die documenta-Specials der beiden großen und wichtigen Kunst-Zeitschriften am Kiosk geholt. Was soll ich sagen: Ich war dann doch überrascht, wie sehr hier Gift und Galle über die Ausstellung gespuckt wurde, zumindest in einem der beiden Sonderhefte. Der Kritiker liess kein gutes Haar an der Kuration, ihm war das alles zu Holzhammerig, zu Grobschnittig, nicht subtil genug. Ich war mir nicht wirklich sicher, ob ich das so glauben konnte. Ob die Vision der documenta so schwachbrüstig sein sollte und ich gerade auf dem Weg zu einem langweiligen Wochenende wäre. Die vorsichtige Begeisterung des anderen Sonderhefts (welches auch regulär eher die Publikation meiner Wahl ist) überzeugte mich aber dann doch, nicht auf halber Strecke auszusteigen und schnell mit dem Zug zurück zu fahren.

Es ist durchaus nicht unüblich, dass die documenta sich harter Kritik ausgesetzt sieht. Das war bei den vorhergehenden Ausstellungen nicht anders. Und das ist auch kein Wunder: Wie soll die Weltausstellung zeitgenössischer Kunst nicht kritisiert werden? Wenn sie versuchen würde, es allen Recht zu machen, würden sie alle in der Luft zerreissen. So aber sucht man sich eine Kuratorin oder einen Kurator und lässt sie der Ausstellung ihren Stempel aufdrücken. Wohl wissend, dass sie sich der Bedeutung ihres Schaffens bewusst sind oder zumindest sein sollten.

Nun sind es wilde politische Zeiten, in denen wir gerade leben. Flüchtlinge versuchen nach Europa zu kommen, rechte Kräfte aller Orten versuchen die Angst vor den Flüchtlingen zu schüren und meist junge, meist männliche verwirrte Muslime lassen sich von Terroristen verführen, in ihrem Namen Angst und Schrecken zu verbreiten. Viel zu oft scheint etwas, das gemeinhin „gesunder Menschenverstand“ genannt wird, auf der Strecke zu bleiben. Auf allen Seiten. So zynisch das klingen mag: Wenn das nicht der Zeitpunkt ist, mit einer weltweit beachteten Ausstellung wie der documenta ein Zeichen zu setzen, zu versuchen ein Leuchtturm zu sein, in Zeiten geistiger Massenverwirrung - dann weiß ich es auch nicht. Insofern tat der diesmalige Kurator Adam Szymczyk gut daran, diese Ausstellung aufzuladen. Politisch. Nicht davor zurück zu schrecken, einen Standpunkt einzunehmen. Sehr laut, sehr klar und sehr deutlich.

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Einer dieser Signature Moves, etwas, was man für immer mit ihm und der documenta verbinden wird, war der kühne Plan, die Ausstellung diesmal an zwei Orten stattfinden zu lassen: Zuerst in Athen, dann in Kassel. Athen leuchtet jedem sofort ein: Wiege der Demokratie, der Philosophie und damit auch der abstrakten Beschäftigung mit Kunst, aber auch krisengeplagtes Land heute und eine Art erster Filter für die Flüchtlingsströme. Urlaubs-, Krisen- und Hoffnungsland gleichermassen. Wie kann das nicht der perfekte Ort für die documenta sein? Mein Freund Roman war vor Ort und seine Beobachtungen lesen sich wie folgt:

Athen

Da reiste man nach Athen, um Athen so schön zu sehen, wie nie zuvor. Begeisterte sich an der Gastfreundschaft, dem schönen Wetter und hoffte auf Kunst, die nicht nur ihren Namen trägt.
Eine Leitfunktion hat oder hatte die Documenta doch, oder nicht, und deswegen war einer Öffnung der Spielorte über Europa verteilt zunächst so rein gar nichts einzuwenden.
Knorr, Wild, Ogboh, Aladag hatte die Pressemitteilung versprochen. Und dann bestaunte man diese Werke, Installationen, wie Performances und der Kopf wollte einem aus dem Rätseln fast schon nicht mehr aufwachen. Dann betrat Mann oder Frau jedoch den Raum von Lois Weinberger. Das sogennante „Debris Field“, diese Ausgrabungen rund um, unter und mit Fundstücken aus Bauernhof seiner Eltern traf er das Documenta Motto „Von Athen lernen“ so unununweit der Akropolis mit der Faust. Und damit war klar: Wie hier kuratiert werden sollte, stellte den Kopf vor erhebliche Probleme, die vielleicht allein nur ein Künstler wie Weinberger so wunderbar menschlich zu lösen vermochte.
So war man also nach Athen gereist, um Athen so schön, als nie zuvor zu sehen, und flog mit alles anderem als einem Trümmerfeld, stattdessen diesem eigentümlich zutiefst mystischen Seelenschmunzeln im Herzen weiter nach Kassel.

Also: Ein Teil Begeisterung, ein Teil Ernüchterung, ein Teil Neugier und ein Spritzer Skepsis. Fertig war sein persönlicher documenta-Cocktail, den er mit nach Kassel brachte. So trafen wir uns, beide gerade angereist, auf der Terrasse vom Hotel, mit Blick über die ganze Stadt. Nach Käsekuchen, Cola light und einchecken war kaum Zeit zu verlieren und wir gingen los. Spazierten den ganzen Weg, die Strassenbahnschienen entlang, die wie eine Schneise vom Berg, auf dem der Herkules steht, in die Innenstadt führen. Vorbei an Wohnhäusern, Eisdielen, Cafés und Supermärkten. Durch ein Kassel, das vollkommen unberührt ist, von irgendeinem internationalen Kunstzirkus. Nach längerer Zeit erreichten wir die Torwache, zwei Gebäude am Eingang zu Kassels Innenstadt, die einst als Fundament eines nie realisierten Triumphbogens dienen sollten. Nun waren beide eingehüllt, Christo-esk, in Jutesäcke, die man eigentlich zum Kaffeebohnen-Transport benutzt. Und es war ein überdeutliches Zeichen: Jetzt gehts los, sie betreten jetzt documenta-Gebiet. Eine gelungene Einleitung. Fast ein bisschen wie dieses Tor in der Unendlichen Geschichte, bei dem die riesen Skulpturen Laser auf jeden schiessen, der durchschreitet. Nur eben ohne die Laser. Ergo weniger gefährlich. Aber wir waren auf jeden Fall ähnlich aufgeregt.

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Auf dem Friedrichsplatz, dem zentralen Ort in Kassel, nicht nur für die documenta, sondern auch für die Einkaufsstrasse, an der der Platz liegt, sahen wir direkt eines der zentralen Werke, der 14. Ausstellung. Marta Minujins „Partheon of Books“ ein Stahlrohrkonstrukt-Nachbau der Akropolis in Athen, im Originalmassstab, aber die Rohre sind umwickelt von Klarsichtfolie in die wiederum Bücher eingewickelt sind. Jedes der Bücher, das da hängt, ist irgendwo auf der Welt verboten. Ja gut. Da ist er, der Holzhammer, vor dem uns aufgeregte Kunstkritiker so eindringlich gewarnt haben. Das sieht halt gut und beeindruckend aus. Da rennen Kinder zwischen den Säulen umher und ein gutes Selfie-Motiv ist es auch. Das kann ja also keine ernstzunehmende Kunst sein. Und da kapiere ich, wie ich diese documenta zu lesen, zu verstehen habe. Es geht um mehr, als eine Werkschau. Das hier wird keine Verkaufsveranstaltung, bei der sich jemand empfiehlt. Es gibt hier eine Botschaft und der wurde alles untergeordnet. Das mag man undemokratisch finden, vielleicht sogar als eine Art Zwang empfinden - aber was hat Kunst mit Demokratie zu tun? Der kleinste, gemeinsame Nenner ist gleichzeitig auch immer der zahnloseste Scheiss. Vielleicht ist das „Partheon of Books“ simpel. Vielleicht plakativ. Eventuell sogar pathetisch. So. Fucking. What. In einer Zeit, in der sich jeder und alles verbittet, alles und jedes zu sagen, tut es gut, wenn Kunst sich der Dinge annimmt, die schief laufen. Und anprangert. Was viele andere aus taktischen Gründen nicht mehr anprangern. Das ist nicht cool, wirklich nicht. Aber cool sein muss gerade auch einfach mal aussetzen. Dafür haben wir morgen wieder Zeit.

Im Fridericianum, eigentlich einem der zentralen Ausstellungsorte der documenta am Friedrichsplatz, ist dieses Mal auch alles anders: Keine extra kuratierte Show zeitgenössischer Künstler aus aller Welt, sondern ein Asyl für Kunst. Die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST), die in Athen zur Zeit keinen eigenen Raum zur Verfügung hat, bekommt durch die documenta in Kassel ein ganzes Museum für sich. Um endlich mal wieder zu sehen sein. Sichtbar gemacht zu werden. Denn was ist schlimmer, als Kunst in Lagerhallen? Über die Qualität der Sammlung lässt sich vorzüglich streiten, aber der Move, sie im Herzen der documenta zu platzieren wohl kaum. Das ist ein Statement, das ist ein gerader Rücken. Das bedeutet füreinander einstehen.

Meine persönlichen Highlights fand ich in anderen Ausstellungsräumen. Die „Neue Galerie“ war sehr spannend zusammengestellt. Die Hängung der Bilder fand ich sehr gelungen. Spannend. Andauernd Neues zu entdecken. Die Bilder von Andrzej Wróblewski (1927–57), haben es mir dabei besonders angetan. Seine beiden ausgestellten Serien „Trauernachrichten I-VI“ und „Flut in den Niederlanden“ sind Zeichnungen, die ich so selten gesehen habe. Tinte auf Papier. Kein Strich zuviel. Fast dokumentarisch hat Wróblewski Situationen gezeichnet während der Todesnachricht Stalins in Polen und der großen Flutkatastrophe in den Niederlanden im selben Jahr. Diese Bilder sind Kommentar und äusserst sensible Beobachtung zugleich. Die haben mich förmlich aufgesogen. Dagegen kam dann, zumindest in der neuen Galerie, nichts mehr für mich an. Vielleicht noch die Videoinstallation von Marina Gioti, „The Secret School“, die einen alten Militär-Propaganda-Film aus Griechenland wiederfand und restaurierte, der eine seltsame Besonderheit lokaler Geschichtsschreibung glorifizierte. Ein spannendes Dokument.

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Diese documenta suchte sich Raum in der ganzen Stadt. Die „Neue Neue Galerie“ fand ihren Raum im hässlichen spät-70er-Bau der neuen Hauptpost. Und hatte ebenfalls einige der spannendsten Installationen und Performances zu bieten. Irena Haiduks „Yugoexport“-Laden im oberen Stockwerk lädt zum Schuhkauf ein (und ein paar andere Accessoires wie Handtaschen oder Blusen gibt es auch noch). Das Schuhmodell wurde für serbische Fabrikarbeiterinnen entworfen, es soll elegant sein und gleichzeitig tragekomfortabel. Die Künstlerin liess das bereits eingestellte Modell wieder herstellen und verkauft es nun an Menschen, die angeben müssen, ob sie fähig sind „wenig“, „mittel“ oder „viel“ zahlen zu können - danach richtet sich dann der Preis der Schuhe. Wer sie kauft muss einen Zettel unterschreiben, der einem bestätigt, ein wertvolles Wesen zu sein und sich zu verpflichten, diese Schuhe bei der Arbeit zu tragen - was auch immer man selbst als Arbeit empfindet. Der ganze Schuhverkauf und die dazugehörigen Präsentationen waren so durchdacht und clever - ich stand viel zu lange rum und habe mir das alles angesehen. Auch die spannenden Verkaufsgespräche mit einer Künstlerin, die zu keinem Moment und durch keine Frage zum Zweifel am Konzept gebracht werden konnte (und es haben wirklich einige versucht…).

Im Erdgeschoss hat eine Videoionstallation von „Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit“ die Kasseler NSU-Morde rekonstruiert und den Protest darüber begleitet und nacherzählt. Ein sehr bedrückender Moment jüngster, deutscher Geschichte.

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Es machte Spaß, die Stadt zu erkunden, neue Ausstellungsräume und Spielstätten zu entdecken. Ein alter, stillgelegter U-Bahnhof. Oder in einer ehemaligen Ladenzeile, wurde jedes der Geschäfte künstlerisch bespielt. Mal mehr, mal weniger gut, aber die Glaskästen, in denen das stattfand, drängten sich förmlich auf, für Kunst genutzt zu werden und so auch einen umfassenden Blick von aussen zu ermöglichen. Hier beeindruckten mich vor allem die Bilder von Vivian Suter, die wirklich eindringlich den ganzen Pavillon voll hingen, in dem sie ausgestellt waren. Da wurde man Teil der Bilder, zwischen den frei hängenden, riesigen Leinwänden absorbiert. Ein völlig physisches Kunsterlebnis.

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So war auch diese documenta. Ein wirklich physisches Erlebnis, überall in der Stadt zu bestaunen und zu bewundern. Vor klarer Haltung nicht zurückschreckend. Und als Roman und ich dann am Abend müde im Hotelzimmer waren, tauschten wir noch einmal miteinander aus, was uns am Tag am meisten beeindruckt hat. Wir gingen was essen und später noch in eine Bar namens „Hot Legs“ bei der Schaufensterpuppen-Beine von der Decke hängen. Und so stark dieser Tag war, so gut klang er auch aus. Kassel ist wirklich ein besonderer Ort, an dem sich Zeit und Raum auf seltsamste Art und Weise krümmen.

Was nehm ich mit, von dieser documenta? Jede Ausstellung, die Arbeiten präsentiert, die mich in irgendeiner Weise beeindrucken, ist es wert, besucht worden zu sein. Deswegen kann ich nicht klagen. Und vielleicht bestätigt das auch wieder meinen Zugang zu Kunst, für den ich mich vor vielen Jahren entschieden habe: Es macht mehr Sinn, nach dem zu suchen, was mich beeindruckt, als mich über das zu beschweren, was mir nicht gefällt. Applaus für Kritik kriegen ist leicht und billig. Aber begeistern mit dem, was einen begeistert hat - das ist die Kunst. Das hat mir Kassel mal wieder bestätigt, auch diese documenta und mehr kann ich nicht erwarten. Und, ach ja, eins hab ich auch zum wiederholten Male festgestellt:

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Ich bin froh, so einen besten Freund zu haben. Den besten den es gibt.

Alle Fotos: Roman Libbertz

Deine Friedenstaube