Ohne Norcia geht es nicht

Ich laufe die große Straße, vom Stadttor kommend, entlang. Der Weg wird links und rechts gesäumt von Läden, die lokale Spezialitäten anbieten. Vor allem Trüffel und Salsiccia. Auf der rechten Ecke kommt eine Bar, die auch Pizza anbietet. Dann noch die Apotheke und dann hat man es endlich geschafft: Die Piazza öffnet sich vor einem. Ein prächtiger, großer, runder Platz, gesäumt von Cafés und einer großen Kirche mit schönem Rundfenster.

Ich war ein paar Mal in Norcia und es hat mir immer gut gefallen. Mir gefällt Italien ja sowieso und da hat jeder Ort etwas Besonderes. Norcia durfte ich aber noch mal anders kennenlernen. Von innen, sozusagen, da ich auf eine Art Teil Norciner wurde, denn die Mama meiner Tochter, kommt von dort - beziehungsweise ihre Familie. Und so durfte ich Dorfklatsch und Tratsch mitbekommen, aber auch ein paar tolle Menschen vor Ort kennenlernen und besuchen. Ich habe mich in die zwei Wäscherei-Omas verliebt, die seit Jahr und Tag gemeinsam in ihrem Laden stehen und die Schmutzwäsche machen, was durchaus im doppelten Sinne verstanden werden darf, denn sie machen nicht nur die Laken porentief rein (und verpacken sie dann und dann riechen die so toll), sondern sie sind auch eine der besten Quellen, wenn man wissen will, was im Dorf wieder so alles los ist.

Ich hab die Pizza aus der Pizzeria in der Stadtmauer genossen und natürlich den Trüffel- Mjam Mjam. Trüffelpasta an Heiligabend, der Wahnsinn. Natürlich auch die lokalen Würste, gerne mit Wildschwein gefüllt. Wenn man Nachts wach im Bett liegt, hört man manchmal sogar, wie die geschossen werden. Ich war aber auch auf dem “Piano Grande”, diesem unfassbaren Linsen-Feld, das wie ein Teppich in den Bergen vor dem Dorf liegt. Und die Lenticchie, die von dort kommen - ebenfalls ein totaler Genuss. In ganz Italien heissen die Feinkostläden “Norcineria” und ja, das bezieht sich ursprünglich auf Norcia und seine feinen Speisen. Gutes Essen ist dort fast eine Selbstverständlichkeit - aber Genuss eben auch.

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Ich, vor fünf Jahren, am “Piano Grande”.

Ich hab die Reisebusse gesehen, die täglich in Scharen kommen, vor dem Stadttor halten, die - vor allem italienischen - Touristen ausspucken, welche dann einmal durch das Dorf ziehen, einkaufen und wieder einsteigen.

Ich hab auch die Häuser gesehen, in denen viele Nursini übergangsweise gelebt haben, damals, nach dem schweren Erdbeben in den 70/80ern. Viel ist damals kaputtgegangen, aber viele wollten trotzdem bleiben. Sich nicht unterkriegen lassen. Naja, vielleicht hatten viele auch keine andere Idee, wo sie überhaupt hinsollen. Sie kannten nur Norcia, es war ihre Heimat. Die gibt man nicht so einfach auf. Dann baut man sie lieber wieder auf.

Der Mensch verlässt sich vielleicht viel zu leicht auf trügerische Ruhe. Wenn man sich in Norcia umhörte, waren Erdeben immer ein Thema. Ein Thema, über welches immer gesprochen wurde. Man erinnerte sich an das Chaos bei letzten schlimmen Beben. Hatte immer Angst davor, dass es wieder kommen könnte, dass es wieder so schlimm sein könnte. War in ständiger Alarmbereitschaft. Andererseits hat man auch einen Alltag, muss sich arrangieren, muss ja auch leben. Vielleicht würde es nie mehr so schlimm werden. Und man hatte ja jetzt auch erdbebensicher gebaut.

Nach Angaben von Forschern muss in Mittelitalien im Schnitt alle zehn Jahre mit einem Erdbeben der Stärke 6 und mehr gerechnet werden. Mehr als 50 Prozent der Privatwohnungen in Italien entsprechen nach Berechnungen des Nationalen Ingenieurrats nicht den Sicherheitsbestimmungen. Allein die Erdbebensicherung von Wohngebäuden in den am meisten gefährdeten Gegenden könnte demnach bis zu 36 Milliarden Euro kosten.

Quelle: ORF

Ich habe mich immer wohl gefühlt in Norcia. Dieses Dorf hat mich immer mit offenen Armen empfangen und mir immer wieder neue Sachen gezeigt. Es bricht mir das Herz, diese Stadt so am Boden zu sehen. Deswegen bitte ich euch, helft. Ich weiß, es ist nur eine Stadt, es ist öein sehr persönliches Interesse, anderen Erdbebenregionen geht es auch schlecht. Das weiß ich alles. Und ich finde es gut, wenn ihr woanders spendet. Dort, wo es gebraucht wird. Ich kann euch nur bitten, den Schmerz an einem Ort zu lindern, an dem ich ihn nachvollziehen kann.

In Norcia gibt es ein Kloster. Die Mönche weigern sich, den evakuierten Stadtkern zu verlassen. Sie wollen bei ihrer Kirche sein, retten, was zu retten ist. Sie bitten um Spenden und so sehr ich auch immer Angst habe, dass Spenden nicht ankommen - hier tun sie es definitiv.

Bitte gebt und wenn es nur ein bisschen ist. Helft mit, dieses besondere Fleckchen Erde wieder aufzubauen. Helft mit, den Menschen vor Ort wieder eine Perspektive zu geben. Ich mag es nicht, zum spenden aufzurufen, halte mich mit so etwas gerne bedeckt, aber das hier fühlt sich persönlich an. Das ist mein Norcia. Deswegen zögere ich keinen Augenblick. Und wenn es nur das Geld für eine Schachtel Zigaretten, für einen Kinobesuch oder eben für eine Pizza mit Salsiccie ist - bitte gebt.

“Es ist für uns an der Zeit aufzuwachen und uns zu erheben.”

Das hat Benedikt von Nursia, der heilige Benedikt (nach dem sich der jetzige Papst benannt hat), der in Norcia geboren wurde und im Laufe seines Lebens um das Jahr 500 herum den Benedektinerorden gründete, gesagt. Vielleicht passt es niemals besser, als jetzt. Wenn der Schock überwunden ist, sollte die Stadt wieder aufgebaut werden.

Wenn ihr den Mönchen vor Ort spenden möchtet, um was ich euch sehr bitten würde, dann tut das bitte HIER.

Einen guten Überblick über weitere Spendenaktionen, findet man HIER (die gelten aber eher für die ganze Region und gehen zum Teil an so große (und natürlich wichtige) Organisationen wie das Rote Kreuz, falls man “allgemeiner” spenden möchte).

Deine Friedenstaube