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Himmelhochrappend / zu Tode bemüht - Das neue Beginner Album “Advanced Chemistry”

Wie fang ich denn so einen Text an? Hm, vielleicht so:

Die Beginner sind wieder da!

Und in mir macht sich ein großes Gefühl der Erleichterung breit. Irgendwie waren die drei das letzte Puzzle-Stück, das noch gefehlt hat, um meine Rap-Sozialisation wieder komplett zu machen. Fettes Brot waren nie weg und werden immer großartiger in einer gewissen Jetzt-erst-Recht-Haltung. Samy Deluxe bringt regelmässig Soloalben, bei denen man unsicher ist. 5 Sterne Deluxe hab ich so laut wie möglich beim Comeback-Gig vor 2,3 Jahren zugejubelt - aber da war es klar, dass man noch 3000 Jahre würde warten müssen, bis da wieder eine Platte kommt. Die Fantas sind eigentlich unentwegt auf Tour (ich will wieder hin!) und nun also Denyo, Eizy Eis und DJ Mad wieder am Start. Klar, wir werden alle nicht jünger, in der Zwischenzeit haben viele andere Bands und Rapper das Feld übernommen. Niemand hat 13 Jahre auf das Beginner Album gewartet, liebe Leute. Aber jetzt ist es da und niemand kommt daran vorbei. Und das ist auch richtig so.

Erstmal: “Advanced Chemistry” ist ein dopes Album geworden. Es ist exakt das Beginner-Album, das ich erwartet habe, als es hiess, es würde ein neues Beginner-Album geben. Der Flow steht, die Raps sind ebenso entspannt wie da (für mich immer eine der besonderen Beginner-Eigenheiten: Wie kann man nur so entspannt klingen und gleichzeitig so aufregend erzählen?). Die Beats sind von “Herrje” über “Jo, passt” bis zu “Woah! Krass!” und “Hehehe.”. Vielleicht gehen wir einfach mal die Tracklist durch, so wie ich das immer gerne mache:

“Ahnma” war der Türöffner, ist auch der Opener des Albums. Eine starke Represent-Nummer, die vor allem, vermutlich sogar überraschend, den Kultur-Chauvinismus vieler Beginner-”Fans” offenbarte, die mit spitzen Fingern: “Gute Nummer, aber was soll denn bitte dieser Prolo da drin?” in die sozialen Netzwerke kommentierten, damit das GZUZ-Feature im Refrain meinten und zeigten, dass sie von Rap nichts begriffen haben, während die Beginner bewiesen, sehr wohl noch Part des Games zu sein. Im Grunde genommen hätte sofort das Album kommen können - so viel wie da richtig gemacht wurde.

Stattdessen kam noch eine Single, “Es war einmal”, ein schöner Wie alles begann-Track, zum sich erinnern. Also, eigentlich nur dafür. Wer würde den Song hören wollen, der die Geschichte nicht kennt? Dazu ein Video, das einen mit der Flut an Gastauftritten und versteckten Informationen auf Crawls und Einblendungen etwas überfordert, aber trotzdem erstmal begeistert. Aber so eine Reminiscence, die macht einen natürlich auch sofort: alt. Also, mich als Hörer vor allem auch. Hmpf.

Es folgt mit “Meine Posse” ein Song, in dem Samy mal wieder seine Stärken eindrucksvoll demonstriert. Dazu ein schöner, schräger Beat - der von einer ganz seltsam einschmeichelnden Melodie in der Hook getragen wird. Aber auch hier, ganz HipHop, wieder hauptsächlich represent. Ist ja okay.

Über das folgende “Schelle” hab ich viel negatives gelesen. Die Beginner würden versuchen, sich an einen modernen Sound anzubiedern. Wie kommt man auf so eine bekloppte Idee? Der Song ist musikalisch eine gut schräge Reggae/Trap/Cloud/Dubstep-Mische. Warum dürfen die Beginner so etwas nicht probieren? Weil sie älter als 13 sind? Die Jungs waren schon immer sehr geschmackssicher im Beatpicking, so auch hier. Der Song funktioniert super als Dancefloorsmasher. Weil die das wussten, ist der vielleicht auch textlich eher so…nun ja…representig?

“So schön” ist eine Art romantic Rap. Dazu ein Dendemann-Feature. Aber der Beat, ich weiß ja nicht. Keine Ahnung ob die den gesampled haben oder ob der live eingespielt wurde, aber es klingt wie letzteres. Und dabei irgendwie so uninspiriert. Oder brav. Ein bisschen wie späte Jazzkantine (sorry!). Wenn super Musikern ein bisschen die Ideen ausgehen. Text geht klar, vor allem Dendes Part ist - man kennt es ja quasi gar nicht anders von ihm - super. Aber wie schön wäre ein Part von ihm in einem Song gewesen, der genauso strahlt? Erster Bummer des Albums.

Dann aber: “Rambo No.5″. Abgesehen von dem herrlich bescheuerten Lou Bega Wortspiel: Der Beat! Alter! Was für ein Superbrett! Ich habe mich sofort in diesen Beat verliebt! Der Text ein Partytrack, mit dem wunderbaren “Wiener Krawalzer” und “Lambada Meinhoff” und der Zeile “Scheiß auf Ayurveda, der DJ ist mein Apotheker!” Instant Lieblingstrack. Diesen Song, das weiß ich sofort, werde ich dieses Jahr noch viele Male hören. Schon mit seinen Hip-Hop-Partychören in der Hook. Wie herrlich! Beginner! Ja!

Direkt danach “Kater”. Der Hangover-Song. Supergutes Sample, das mich an den “Wichita Lineman” erinnert (wer das nicht kennt: Super Song von Glenn Campbell, der auch viele Male ganz toll gecovert wurde, quer durch die Popgeschichte). Interessanterweise fühlt sich der Song für mich am meisten nach 90ern an. Dieses filtern des Main Samples in den Strophen, da werden sofort Erinnerungen an zum Beispiel “Tag am Meer” wach. Aber ich mag das. Gemütlich. Cozy. Wie immer sehr stilsicher zusammengesetzt.

“Rap und fette Bässe” ist dann wieder Verneigung und, ja, Represent zugleich. Dabei ist der Beat sehr lustig extra unfett (und dabei sehr fett). Es gibt keine Bassdrum, keine Snare. Alles pumpt über (fetten) Bass und Keyboardlines. Dazu ein Afrob und Ferris MC Sample in der Hook, in der nur “Afrob und der Ferris” durch ein “Die Beginner”-Sample verdeckt wird. Sehr gut. Genau DEN richtigen Song gesampled, auf den sich wirklich alle Rap-Heads über 30 einigen können. Starke Nummer!

“Spam”. Wuuuahh. Gruhuselig. Kulturpessimismus und eine “alle gucken nur noch auf ihr Handy”-Haltung, die erstaunlich undifferenziert für die Beginner ist. Find ich unangenehm. Eizi Eiz rappt am Anfang: “Mach auf Curse für die Dramatik und rappe auf Klavier” und genauso hört es sich auch an. Ich verstehe nicht so ganz, warum er es eigentlich macht, wenn es ihm selber aufgefallen ist - aber vielleicht kapiere ich da auch irgendeine Ironie nicht. Kann er mir ja eventuell auf Twitter erklären.

“Thomas Anders”. Puh. Das ist ne harte Nuss. Der Beat ist weird und das auf eine super Art und Weise. Und auch der Text ist stark, Eizi findet genau die richtigen Rhymes und das Megaloh-Feature ist perfekt. Technisch also alles Bombe. Aber: “Sorry Baby, dass ich anders bin” ist die Hook, ist die Aussage, darum dreht sich alles. Und jeder, der schon mal jemand getroffen hat, der von sich gesagt hat: “Sorry, ich bin so anders als die Anderen!”, naja. Das ist wie so ältere Frauen mit gebatikten Gewändern und rot gefärbten Haaren, die in städtischen Büros sitzen und deren Brillengestell zwei verschiedene Formen hat (rund und ein auf der Spitze stehendes Quadrat) und die von sich sagen, sie seien ja eher so verrückt. Sorry. Das verwirrt mich bei diesem Song übrigens extrem.

“Macha Macha”. Ja! Als würde das Haftbefehl-Feature die Jungs anstacheln, ist der Song wieder Beginner von der reinsten Sorte. Der Text wieder herrlich durchdacht, mit Wortspielen aus dem Trakt der Wortspielhölle, in dem man bitte für die Ewigkeit eingesperrt sein möchte und einer guten, den alten Männern ziemlich gut stehenden, Portion Aggroness (”Johann Sebastian Reibach”, “Mittelmaß ist ein No-Go wie ein Hitler-Bart”, etc.). Und natürlich Hafti über dem ganzen Song. Mega. Vielleicht eines der wichtigsten Features des Albums. Auf dass die selbsternannten Gralshüter der Beginner wieder heulen werden und ihr Unwissen wie eine Fahne vor sich hertragen.

“Nach Hause” ist dann vermutlich ein klassischer Album-Closer. Ein Lied zum runterkommen, ein Lied das sich ganz klar gegen Rassismus wendet, gegen die Scheissigkeit, die in Deutschland gerade allgegenwärtig ist. Und gleichzeitig eine Ode an Hamburg, an den Hafen, an die Weite des Wassers, des Hafens. Das Glück in einem Ort zu leben, der von der MIschung der Menschen lebt. Das ist einerseits sehr schön und ergreifend, aber der Beat ist irgendwie so zahm. Schade, dass das Album so enden muss. Ich hätte mir da eher einen Knall zum Ende gewünscht. Aber man kann halt nicht alles haben.

Wie ist nun das Fazit? Ich hab keine Ahnung. Ich freue mich über das Album, freue mich über die Beginner und freue mich über jeden Song, den ich Hammer finde. Aber ich ärger mich auch ein bisschen über die Songs, die ich scheisse finde. Und irgendwie hab ich die ganze Zeit das seltsame Gefühl, irgendeiner unangenehmen Nostalgie auf den Leim zu gehen. Ich checks nicht.

Vielleicht ist das das Beste, was man über eine Platte sagen kann. Dass sie einen verwirrt. Aber dass einem ganz viel gefällt. Denn am Ende sind die guten Songs immer tausendmal wertvoller, als die schlechten. Und ein guter Beginner-Song kann Tage, Wochen, Monate, Jahre retten. Auch wenn es 13 sind. Der Nachfolger wird hoffentlich schneller kommen. Und mit Sicherheit alles abreissen.

Hier zum reinhören:

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