Zehntausend

10.000 Menschen sind durch Dresden gelaufen, um gegen eine Religion zu demonstrieren. 10.000 Menschen, die sich Sorgen machen. 10.000 Menschen, die vielleicht Angst haben. 10.000 Menschen, die so viel Angst haben, dass sie deswegen auf die Straße gehen. Unter diesen Menschen war bestimmt ein Bäcker, bei dem sich die Leute morgens ihr Brot und ihre Zeitung holen. Darunter war bestimmt eine Kassiererin, bei der man seine Lebensmittel bezahlt. Mindestens einer in dieser Menge war sicher Lehrer, vielleicht für Physik. Bestimmt war auch eine Polizistin dabei. Eine Metzgerin. Ein Verwaltungsfachangestellter. Ein Versicherungsvertreter. Eine Zahnärztin. Ein Automechniker. Eine Putzfrau. Eine Buchhändlerin. Eine Dolmetscherin. Ein Koch. Ein Bauer. Eine Straßembahnfahrerin. Ein Bauarbeiter. Ein Programmierer. Eine Rentnerin. Eine Schauspielerin. Ein Musiker.

Selbstbewusst marschieren sie durch die Straßen, rufen “Wir sind das Volk” und fühlen sich auch so. Fühlen sich ungerecht behandelt. Glauben, die Welt besser zu machen, sie vor sich selbst zu schützen. Meinen den Finger in die Wunde zu legen, mit Informationen, die sie sich zusammen gesucht haben, von Menschen veröffentlicht, die wollten dass es genau zu dem kommt, wie es jetzt ist. Sie handeln aus Notwehr. Unverstanden und bisweilen sogar belächelt von einer Politik, die nur noch wegducken als Strategie kennt. Einer Arbeitswelt, die ein solches Verhalten adaptiert. Mitten in einem Sturm aus Informationen, in denen zuerst der gehört wird, der am lautesten ist oder am abstrusesten, was bei Informationen ungefähr den gleichen Effekt hat.

10.000 Menschen gehen auf die Straße, weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie aufgehetzt, instumentalisiert und vor den Karren gespannt werden. Diesen Menschen wurde ein einfaches Feindbild konstruiert, dass sie dankend angenommen haben. Sie müssen die Schuld für ihre Misere nicht mehr in komplexen Zusammenhängen suchen, in einer Politik, die sie vergessen hat. Sie haben einen Sündenbock auf dem Silbertablett serviert bekommen: Der schlechte Asylant.

Rhetorik aus der Zeit, in der die ersten Asylbewerberheime brannten, taucht plötzlich wieder auf der Oberfläche auf. “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Das Boot ist voll”, “Scheinasylanten”, “Die wollen sich doch hier nur durchfressen!” oder, mit Hinblick auf die menschenunwürdige Unterbringung vieler Asylsuchender hierzulande: “Denen geht es hier doch gut! Die kriegen mehr als Hartz IV!”.

Die Saat ist aufgegangen, die Hetze hat gezogen. All die Menschen, die seit Jahren Resentiments schüren, nennen wir sie mal BroSaPi, können sich nun die Hände reiben. Ausgerechnet auch noch in Dresden! Vor wenigen Wochen noch haben wir gefeiert, dass die Menschen hierzulande seit 25 Jahren nicht mehr fliehen müssen, nicht mehr alles zurück lassen müssen, um bei Null anzufangen. Nicht mehr Arbeit, Freunde, Familie verlassen müssen, um frei zu sein. Frei leben zu können. Und da war nicht mal ein Krieg, da waren keine zerstörten Heime. Da war totale Unfreiheit. Eingesperrtheit. Und die wurde gemeinsam aufgebrochen, friedlich niedergerungen.

Nun gehen die Menschen mir den gleichen Sprüchen wie damals auf die Straße. Aber alles ist anders. Sie kämpfen nicht für sich, sondern gegen Andere. Sie sind nicht beseelt von einem “Alles ist möglich”-Gefühl, sondern von einem “Nichts geht mehr”. Vielleicht kann ich diese Menschen verstehen. Aber vielleicht ist das Verständnis auch fehl am Platz. Mir macht es Angst, wenn 10.000 Menschen gegen Fremde auf die Straße gehen. Da kann am Ende nichts Gutes bei rauskommen.

Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid die Gefahr.

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  1. Graustufen | Zurück in Berlin

6 Friedenstauben

  1. Danke.

    Kommentar von el-flojo - 09. December 2014 um 12:04 Uhr
  2. DANKE!

    Kommentar von Chris - 09. December 2014 um 12:13 Uhr
  3. Sehe ich ja auch so, aber in einer Demokratie kann jeder das Demonstrationsrecht wahrnehmen. Es entspricht nicht meiner Wahrnehmung, aber ich kann mich ja irren.

    Ich bin zum Beispiel strikt gegen Videoüberwachung aber die Volksparteien machen mit einem solchen Thema sogar Wahlkampf. Wenn ich Demokratie ernst nehme, dann muss ich also diese Wähler davon überzeugen, dass es eine schlechte Idee ist, statt ihnen die Vernunft abzusprechen.

    Gerade beim Thema Ausländer/Zuwanderung/Religion gibt es sehr viel Bevormundung. Oftmals ist auch einfach der Wunsch Vater des Gedankens. Wenn viele Völkerscharen zusammen kommen, dann kracht es automatisch hier und da, und bestimmt auch in einem produktiven Sinne. Das darf man nicht einfach deckeln. Ich sehe die Einwanderungspolitik der letzten Jahrzehnte mehr als eine Art Entsolidarisierungsmasche der Wirtschaftsverbände, mit der die arbeitenden Bevölkerung gegeneinander ausgespielt werden soll und der Zusammenhalt in der Bevölkerung für die sozial Schwachen (und die Sicherungssysteme) untergraben werden soll. Je mehr Konfliktpotenzial desto besser. Wo Gewerkschaften nur noch ihrer eigenen Klientel mit MachmeinenKumpelnichtan hinterher eilen und versuchen den Zusammenhalt zu bewahren statt den Konzernen Zunder zu geben. Wo Rechtspopulisten an die Macht gebracht werden, damit die Wirtschaft frei schalten kann. Linke Politik wird durch diese induzierte Zuwanderung gezielt untergraben. Gleichzeitig wird man als Linker aber immer den betroffenen Menschen gegen Diskriminierung verteidigen.

    Hier in Berlin finde ich die Zuwanderung gut und förderungswürdig, wir sollten eine 4 Mio Stadt werden. Religiös ist sowieso kein Mensch. Bedrohlich schon gar nicht. Vor dem Islam habe ich keine Angst. Ich würde wohl in Berlin an einer Gegendemonstration teilnehmen. Aber ich finde es richtig, dass Personen, die anderer Meinung sind, für ihre Sache demonstrieren und eintreten. Wir sind ja schließlich nicht bei Putin. Ich könnt mich ja irren.

    Kommentar von Andy - 09. December 2014 um 12:27 Uhr
  4. Wunderbarer Text. Du sprichst mir aus der Seele, wie so oft. Danke.

    Kommentar von Marlies - 09. December 2014 um 12:31 Uhr
  5. sau gut!! ja! oh man. ich versteh das nicht.

    hier in Würzburg gibts zum Glück nicht so viele, ist ja auch kleiner, aber noch größeres Glück, dass bisher immer 3mal mehr Gegendemonstranten auf der Straße waren.

    Kommentar von Melladybird - 09. December 2014 um 17:37 Uhr
  6. Wie verrrückt, dass ausgerechnet in den Gegenden mit dem geringsten Migranten-Anteil die “Ängste” so hochkochen….

    Kommentar von Leander - 10. December 2014 um 11:29 Uhr

Deine Friedenstaube