Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.

2 Trackbacks

  1. Flusskiesel
  2. Lesestoff – Ausgabe 58DenkfabrikBlog.de

8 Friedenstauben

  1. Aus langjähriger Erfahrung: Meistens liegt es nicht nur an den Absendern, sondern auch an denen, die im CC stehen. Vorgesetzte wollen meistens eine Kopie der Konversationen haben, um a) das Gefühl der Kontrolle zu behalten und b) einen Arbeitsnachweis des Mitarbeiters zu erhalten.

    Umgekehrt ist es aber auch richtig, dass ein CC-Setzer sein Gewissen beruhigen kann. Das gilt nicht nur für die Verantwortung, die man damit ein Stück weit abgibt, sondern auch wieder für das Statement: Guck mal wie fleißig ich bin, was ich schon alles vereinbart habe und was für intelligente Fragen ich stelle!

    Der Unterschied zu früher übrigens: CCs kosten kein Geld. Ich muss keine Kopie anfertigen, keinen Durchschlag, kein Memo, ich kann die Vereinbarungen und Beschlüsse kostenneutral über das gesamte Unternehmen verbreiten. Früher musste man noch Akten anfertigen, heute tut es ein E-Mail-Ordner.

    Kommentar von Johannes Mirus - 04. September 2014 um 12:04 Uhr
  2. Oh, das stimmt, diesen Fleiss- und den Kontroll-Aspekt hab ich gar nicht berücksichtigt, das sind auch große Faktoren.

    Kommentar von nilzenburger - 04. September 2014 um 12:07 Uhr
  3. Uhm. Warum willst du den Leuten das CC ausreden? CC ist super. Das ist wenigstens für alle Beteiligten transparent. Wenn sich CC als unhöflich herausstellt, wird eben BCC genommen oder die Konversation anderweitig weitergeleitet. Du gewännst damit nur die Illusion von Kontrolle und Vertraulichkeit.

    Kommentar von toba - 04. September 2014 um 13:49 Uhr
  4. Kann das jetzt nur aus meiner Sicht beschrieben, cc sind bei mir Leute die ich dann icht nochmal extra über Termine, Vorgehensweisen und sonstige Abstimmungen unterrichten muss bzw. ich bei Problemlösungen nicht alle einzeln Fragen will sondern auch wenn ich A als Hauptansprechpartner empfinde den Gedanken das B irgendwas dazu wissen könnte nicht nochmal extra formulieren will. Der Nachweisaspekt… den erledigt das Backup des mailordners … kann ich irgendwie nich so nachvollziehen. Und Schuls aus ner emailkorrepondenz zu ziehen naja….. weiß nich was du da für Erfahrungen gemacht hast, wenns wichtige Entscheidungen gibt dann telefoniert man eh nochmal hinterher just my 2 ct

    Kommentar von LHME - 04. September 2014 um 14:58 Uhr
  5. und die 2 ct auch ohne Korrekturlesen hingerotzt , is eben keine mail son Kommentar :)

    Kommentar von LHME - 04. September 2014 um 14:59 Uhr
  6. Bis zum Ende des ersten Absatzes dachte ich, du meinst Creative Commons und hatte mich so über den Artikel gefreut.

    Kommentar von Fabian - 09. September 2014 um 19:17 Uhr
  7. Ich dachte das CC-Ding hätte sich seit dem letzten GTT Bingo erledigt?

    Kommentar von Da Na - 14. September 2014 um 08:42 Uhr
  8. Und was machst Du wenn Du herausfindest das einige Emailgespräche auf BCC gelaufen sind? :)

    Kommentar von HERDIR - 10. November 2014 um 16:38 Uhr

Deine Friedenstaube