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Wenn, dann so: Die Höchste Eisenbahn “Schau in den Lauf Hase”

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Ich will nicht lange rumdrucksen: Das ist die Platte des Jahres. Jetzt, wo es raus ist, kann ich mich entspannen, muss keinen künstlichen Spannungsbogen aufrecht erhalten, sondern kann versuchen in ganz klaren Worten die perfekte Schönheit dieses Debuts zu beschreiben und zu loben. Kann ruhig auch so Dinge sagen wie: „Mehr als dieses Album braucht von 2013 nicht übrig bleiben.“ Oder: „Wenn ich mich für drei Dinge für die berüchtigte einsame Insel entscheiden müsste, wären es wohl Die, dann Höchste und Eisenbahn.“

Und dann würden die Leute beim lesen aber unruhig werden. Die Augen würden weiterwandern, den Text verlassen und bei irgendeinem Quatsch hängenbleiben. Weil es nur flache Platitüden wären. Und ich müsste aufpassen. Solche Sätze wohl dosiert einsetzen, wenn überhaupt. Das Letzte was ich will, wenn ich beschreibe warum „Schau in Den Lauf Hase(Amazon-Partnerlink) für mich eine der großartigsten Pop-Platten seit langer Zeit ist (neben „Drei ist ne Party“ von Fettes Brot – die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen), ist den Eindruck zu erwecken, Zeilen schinden zu wollen. Ich will einfach ein Gefühl aufmachen, das vielleicht ansatzweise das erreicht, das diese (bei mir) Platte auslöst.

Aber eine Platte besprechen, von schnoddrigem Gesang sprechen, diese Art Pop historisch einordnen, andere Bands in diesen Kompositionen hören und das alles in elaborierte Worte fassen, das kann ich eigentlich nicht, vor allem nicht wenn ich Begeistert bin. Dann will ich BRÜLLEN! Ich will mich auf den Marktplatz stellen, auf eine Kiste mit einer Flüstertüte und rufen: Menschen, kauft diese Platte, hört sie, Tag und Nacht! Ich verspreche, diese Welt wird ein besserer Ort! Versuchen kann ich es ja trotzdem mal:

Die Lieder von Die Höchste Eisenbahn entwickeln alle einen so seltsamen Sog, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht bei der „Siamese Dream“ der Smashing Pumpkins erlebt habe und doch ist es musikalisch nicht zu vergleichen. Verzerrte Rock-E-Gitarren finden hier nicht statt. Hier hört man 80er Jahre Synthesizer, entfernte Saxofone, Kinderchöre, Drummachines und zärtliches Schlagzeug, weiche, anschmiegsame Gitarren, ein ehrliches Piano, zurückhaltende Streichersätze. Wie kann ich meine Begeisterung ausdrücken, ohne für esoterisch gehalten zu werden? Wie kann ich den Ausdruck „sphärisch“ umschiffen? Ich spüre eine gute Dosis Hall & Oates. Ich schmecke Spandau Ballet, einen ordentlichen Schuß Cure, Paul Simon und Hamburger Schule. Und natürlich ein sehr, sehr eigenes Verständnis von Musik, von Kompositionen, die so eine schöne Trauer haben, dass man sie am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber nicht um sie glücklicher zu machen, sondern um ein bisschen was von dieser wundervollen Traurigkeit abzukriegen, die einen nachts mit Tränen in den Augen durch die verregneten Straßen spazieren und lachen lässt, weil einem so viel bewusst wird, wenn alles drum herum stimmt.

Die Texte handeln oberflächlich größtenteils vom scheitern. Aber wer immer scheitert, der sieht das anders. Der scheitert nicht. Und die Situationen in denen die Texte spielen, können nicht im klassischen Sinne gut ausgehen. Es sind keine Happy End-Situationen. Es sind eher die Momente kurz vor der Klimax, die, in denen dem Held bewusst wird, was er alles falsch gemacht hat. Und nach denen er damit anfangen wird, alles besser zu machen. Man kann auch sagen: Die wahrhaftigsten Momente im Leben.

Im Lied „Pullover“ zum Beispiel, meines Erachtens nach der Überhit dieser Hitplatte, wird mit einer textlichen Auf-den-Punktheit eine Liebe beschrieben, die für immer ist, aber scheitern muss. Weil im Leben so vieles ist, das es so schwer macht, für-immerigkeit zu leben. Aber vielleicht ist das ja toll, vielleicht ist das ja gerade schön. Vielleicht ist es ein toller Moment, das zu begreifen. Vielleicht ist es ja „für immer“, nur eben in diesem Moment. Die letzte Zeile des Refrains heisst dann auch: „Ohne Kopf ist er endlich das was er ist.“ Dazu pumpen die Rhodes in schönsten Sehnsuchtsfarben.

Oder „Mira“: Die Akkustikgitarre pickt sanft, aber bestimmt. Und wir hören die Geschichte eines Paares, das sich ein Haus anguckt und dort wohl seine Zukunft plant. Aber der Mann, der Sänger, dessen Perspektive wir hier erzählt bekommen, kann sich nicht dazu durchringen. Kann sich nicht verbindlich auf eine Zukunft einlassen. Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass dieses Idyll die Endstation sei. Das man sich so einen Klotz ans Bein bindet, mit so einem Haus, den man nie wieder los wird. Man läuft durch so eine Gegend und alles ist schön. Ausser sich alt werden zu sehen. Zumindest nicht für den Helden dieses Lieds. Und die Frau hat keine Alternative: Sie muss Schluss machen, wenn sie keine Lust auf so eine Unsicherheit hat. Sie erwartet anderes vom Leben. Das Ganze erzählt in bittersüßen vier Minuten sechsunddreissig. Wahnsinn.

Die Höchste Eisenbahn macht mit ihrem ersten Album keine große Hoffnung, dass am Ende alles gut würde. Aber sie schenken trotzdem ein gutes, ein wunderbares Gefühl. Weil vielleicht gar nicht alles gut werden muss oder kann. Ein bisschen wäre ja auch schon gut. Eine Platte wie ein Sonnenuntergang, der alles wegwischt und resetet. Die Höchste Eisenbahn kennt die Problemchen, mit denen wir uns rumplagen und die uns oft zu peinlich sind, um sie zu teilen. Und sie finden sehr präzise und genaue Worte, uns diese eigenen Doofheiten vor Augen zu führen. Aber diese Formulierungen, diese Worte sind so präzise, dass sie auch noch genug Platz und Raum lassen, sie absichtlich mißzuverstehen. Denn wer uns so genau kennt, der weiß auch was für uns am wichtigsten ist: Selbstbetrug. Und dafür ist immer Platz.

Die Platte endet mit den (ja, italienischen) Worten: „Sono io che afferra quello che non vuole.“ Was ich jetzt mit meinem zusammengeklaubten Italienisch als: „Ich habs nicht gerafft…“ übersetzen würde. Fänd ich irgendwie ein gutes Fazit. Auf eine seltsame Art.

2 Trackbacks

  1. oklahoma – od's outtakes » schau in den lauf hase
  2. Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die H [...]

3 Friedenstauben

  1. Danke, mein lieber, die letzte Zeile heißt auf deutsch: “ich bins, der alles festhält, was er nicht will.” aber deine Übersetzung klingt fast richtiger.
    greetings from the highest railway,
    francesco

    Kommentar von Francesco - 18. November 2013 um 12:33 Uhr
  2. Danke, danke, danke, Nilz, für die Empfehlung dieser rundum herrlichen Platte. Läuft bei mir seitdem in der Dauerrotation.

    Kommentar von Benedikt - 19. November 2013 um 15:05 Uhr
  3. So, Nilz, die hab’ ich mir jetzt bestellt. Wegen Dir. Und weil Tapete und Moritz Krämer nicht verkehrt sein kann. Und dabei fällt mir auf: Alter, das ist dieses Jahr bislang MEINE EINZIGE NEUE SCHEIBE! Scheiße, bin ich alt. (Letztens mal wieder eine Platte aufgelegt, die Kinder waren entsetzt: das schwarze Ding im Eck ist ja gar kein Playmobil-Karussell!)
    Jetzt noch die “3 ist ne Party” - oder lieber nächstes Jahr. Sonst schwankt die Konjunktur wieder so…

    Kommentar von stilhaeschen - 05. December 2013 um 09:54 Uhr

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