Franziskusweg, Tag 4

Tag 3 findet du hier.

Mit letzten Kräften schritt ich auf den Supermarkt zu. Drinnen: Alles herrlich klimatisiert und temperiert. Ich hatte keine Ahnung, wann ich überhaupt zum letzten Mal in einem klimatisierten Raum war. Die Hotelzimmer, in denen ich bislang schlief, hatten höchstens einen Ventilator rum stehen. Der kühlt leider nur partiell, weht ansonsten warme Luft herum und schlafen kann man auch nicht, wenn die scheiß lauten Dinger laufen. Alles in Allem irgendwie doof.

Oh, was war dieser Supermarkt aber für ein wundervolles Wunderland. Ich hätte am liebsten alles gekauft, aber es war natürlich nicht zu erwarten, dass mein nächstes Hotel eine Kochstelle haben würde. Deswegen war mein Einkauf absolut Vernunft-driven:

- Eine Flasche Fanta (die schmeckt in Italien einfach so super)
- Eine Packung Piadina (eine Art Pfannkuchenbrot, etwas fester)
- Eine Packung rohen Schinken, geschnitten, aus der Region
- Eine Packung „Pan di Stelle“-Kuchen (kleine Kuchen basierend auf einem superleckeren Keks)
- Ein Überraschungsei
- Eine Flasche Wasser
- Eine Orange
- Handwaschmittel, denn diese Hose musste irgendwie sauber gemacht werden.

Man sieht: Eine ausgewogene Wanderermahlzeit. Im Ernst, mir war das Warenangebot zu anstrengend. Ich wollte außerdem so schnell wie möglich im Hotel ankommen. Ich hab also alles einfach gegriffen, was mir im ersten Moment in den Sinn und ins Sichtfeld kam. Außer die Orange, die war von langer Hand geplant. Weil ich nämlich beim wandern immer an zwei Dinge zu Essen denken musste: Ein Brathähnchen und eine Orange. Wenigstens die bekam ich hier.

Das Hotel war dann auch sogar ausgeschildert und gar nicht mehr so weit weg. Nur noch eine Treppe hoch und dann stand ich davor. In der Bar im Haus war gleichzeitig die Rezeption. Ich ging rein und meinte, ich hätte reserviert. Der Wirt musterte mich etwas traurig von oben bis unten, schnappte sich aber dann energisch den Zimmerschlüssel und bedeutete mir mitzukommen. Um in mein Zimmer zu gelangen, mussten wir mit dem Aufzug fahren. Ein Aufzug! Wie froh ich war. Während sich der Lift in die zweite Etage kämpfte, hielten der Gastwirt und ich ein kleines Pläuschchen. „Franziskusweg?“, fragte mich der Wirt. „Ja.“, antwortete ich resigniert. „Ist aber ziemlich heiß gerade, ne?“, fragte er. Ich bejahte zähneknirschend. „Ach, ist doch gut! Hierfür!“, sagt er lachend und reibt sich den Bauch. Da fass ich mir an meine Plauze und muss mitlachen. Endlich wieder Humor um mich herum.

Das Zimmer ist wunderbar. Sehr hoch, Klimaanlage (Mehr Anlage als Klima), schön Dunkel, gemütliches Bett. Als der Wirt mir den Schlüssel gibt und ich alleine bin, lasse ich mich aufs Bett fallen, werfe alles von mir und stürze mich als Erstes auf meine Piadina, die ich mit dem Schinken belege. Mein Gott, wann hat Essen zum letzten Mal so unglaublich gut geschmeckt? Ich hatte seit dem Stück Pizza, bei meiner Mittagsrast am Vortag, nichts mehr gegessen. Umso mehr schlang ich das jetzt in mich rein. Das war superlecker.

hemdkragenhandtuchfaltung

Mit vollem Bauch lag ich dann auf dem Bett. Der Fernseher lief nicht. Ich wollte schlafen. Aber ich konnte nicht. Denn meine Beine taten unendlich weh und wollten sich nicht entspannen. Plötzlich fingen meine Hände an sich ganz seltsam zu verkrampfen. Meine Finger drückten sich aneinander und wollten nicht mehr auseinandergehen. Okay. Wunderwerk Körper. Ich bin also jetzt mittlerweile ca. 65 km in drei Tagen durch die Gegend gelaufen und jetzt, wo ich entspannen kann und will, versucht mein Körper sich zu einer kleinen Schrumpelhülle zusammenzukrampfen, oder wie? Ich war beunruhigend wenig beunruhigt. Eher fasziniert, was da so alles in und an mir passiert.

Dann habe ich mit meiner besten Freundin telefoniert, die sich schon Sorgen gemacht hat, weil ich zwischendurch immer mal wieder SMSe geschickt hab, mit denen ich meine Wanderung erzählte, die aber vermutlich für den Empfänger manchmal echt beunruhigend wirken konnten („Ich hatte heute wirklich zweimal kurz Todesangst. Horror. Furchtbarer Tag. Ich bin erst vor 20 Minuten angekommen“, SMS am Abend von Tag Zwei). Nach dem Telefonat wollte ich nur noch schlafen, aber keine Chance. Die Beinschmerzen pochten auf wach bleiben. Ich hörte ein von Bastian Pastewka wirklich meisterhaft vorgelesenes Hörbuch auf spotify und das war so schön lang und hat mich so abgelenkt und entspannt, dass ich irgendwann dann doch endlich eingeschlafen bin.

Der nächste Morgen, Tag 4. Bei meiner Reiseroute und dem Zeitplan, den ich mir vorher ausgedacht habe, war es nicht anders möglich, als einen Tag zu überspringen und eine Etappe mit dem Bus abzukürzen um zu dem Zeitpunkt, den ich mir ausgemalt habe, in Assisi anzukommen. Ich hatte schon am Vorabend überlegt, ob der nächste Tag dieser Tag sein sollte. Ich wachte gegen 9 Uhr auf. Die Fensterläden waren zu, aber ein bisschen Licht schien doch ins Zimmer.

Nachdem ich mich aufraffte und merkte, wie viel diesmal weh tat (Alles), schleppte ich mich ins Bad und ließ das Waschbecken vollaufen. Dann noch eine Kappe vom Waschmittel dazu und dann weichte ich meine Hose komplett ein. Ich drückte sie, wrang sie, knüddelte sie, rieb sie, schlug sie, zerrte sie (wobei mir eine Naht aufriss), bis ich den Eindruck hatte, nichts weiter machen zu können und den gröbsten Schmutz beseitigt zu haben. Dann ließ ich das Wasser ab. Da die Hose nun so schnell wie möglich einsatzbereit sein musste, guckte ich wie ich sie am besten trocknen würde. Ich wollte sie ursprünglich aus dem Fenster hängen, aber um die Zeit lag das, natürlich, im Schatten, auf der sonnenabgewandten Seite. Ich durchsuchte die Schublade des Schreibtischs und da fand ich ihn: Einen Fön. (Was macht der bitte im Schreibtisch?)

Das war ein kleiner und schwacher Reisefön. Diese Trockensession würde ewig dauern. Was sie auch tat, weil der Fön auch gerne mal in die Knie gegangen ist und seine Sicherung rausflitschte, wenn es ihm zu heiß wurde. Da musste man den dann fünf Minuten ruhen lassen. Ich hab schätzungsweise eine Stunde an meiner Hose rumgefönt, bis sie zwar noch klamm, aber wieder anziehbar war. Dann hab ich ein frisches Shirt angezogen und bin runter zur Rezeption/Bar gegangen.

„Ist das Zimmer diese Nacht auch noch frei?“
„Ja.“
„Okay, dann nehm ichs.“

Ich hatte nicht im Ansatz Lust, auch nur einen weiteren Schritt weiter gehen zu müssen. Ich hatte keine Lust nach der Hälfte des Tages auf einem Weg festzustecken, von dem es, ausser weiterzugehen, kein entkommen gab. Ich hatte keine Lust auf „Strada Biancha“ und Berge. Ich wollte keine Bauernhofruine im Wald sehen, keinen kleinen Bach, keine Schmetterlingsfamilien. Ich wollte meine tollen Multifunktionsschuhe an diesem Tag um keinen Preis anziehen. Ich wollte so viel Zeit wie möglich ohne meine Hose an den Beinen verbringen. Ich wollte rum liegen und gar nix machen. Außerdem war Sonntag und der Katholik in mir Protestant verbat es mir, an diesem Tag zu laufen. So einfach war das. Dolce far niente.

gute strasse

Nachdem ich das Zimmer verlängert habe, hab ich mir in der Bar noch ein paar kalte Getränke gekauft und bin wieder hoch auf mein Zimmer gegangen, welches ich an diesem Tag nur noch zweimal verließ: Gegen Mittag, um mir in einem kleinen Lädchen, welches auf hatte, frischen, lokalen Schinken zu kaufen und am Abend ging ich noch einmal über die Piazza, schaute kurz dem Zirkus zu, der da gerade auftrat und ging dann wieder in mein Zimmer. Die Leute aus dem Dorf drehten sich immer nach mir um. In italienischen Dörfern spricht sich ja alles schnell rum. Ich stellte mir vor, wie sie mich den „Bekloppten, der im Sommer wandert“ nannten und hinter meinem Rücken lachten. Ich konnte es ihnen nicht verdenken. Und schmunzelte insgeheim mit.

Auf meinem iPad hab ich „Didi auf vollen Touren“ geguckt, ein bisschen geschrieben und viel gegammelt und geschlafen.

Aber, so sehr man es auch drehte und wendete, auch der Sonntag ging irgendwann vorbei. Der Montag erschien am Horizont und mit ihm würde ich meine Herberge verlassen müssen, Richtung Assisi. Mir graute ein wenig, schon vor dem packen. Aber es ging nicht anders.

In dieser Nacht träumte ich von Wildschweinen. Und Brathähnchen. Und dem heiligen Franz, Freund der Tiere, der mit beiden sprach, den Wildschweinen und den gebratenen Hähnchen. Nur mit mir sprach er nicht.

Zum letzten Tag geht es hier.

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