Franziskusweg, Tag 3

Tag 2 findest du hier.

Im feinsten Italienisch begrüßte ich die Frau, die mir die Tür geöffnet hat, nachdem wir uns aber erstmal eine unfassbar lange dauernde Minute stumm lächelnd angeguckt haben. Sie sah aus wie Lisa, eine Kommilitonin aus meinem Regiestudium, die auch damals mit auf dem Jakobsweg war. Ich hab aber seit dem Studium nichts mehr von ihr gehört. Vielleicht hatte sie zur exakt gleichen Zeit exakt die gleiche Idee wie ich und war nun deswegen hier? Das wäre doch einfach zu verrückt!

Sie antwortete mir auf Italienisch, schwang dann aber ins Englische. Ich meinte auf Englisch nur, dass ich hier gerne schlafen würde. Sie zögerte lächelnd und fragte dann: „Oder Deutsch?“. „Gerne!“, antwortete ich lachend, hatte aber die ganze Zeit ein „Lisa? Bist du es?“ auf den Lippen, vor allem jetzt, wo sie auch noch Deutsch sprach.

„Ich bin auch nur Pilgerin, ich schlafe hier. Wie schön dass noch einer gekommen ist!“ meinte sie und damit war alles klar: Der glasklare (und sehr schöne) österreichische Akzent, den sie hatte, bewies das es sich hierbei definitiv nicht um Lisa handelte. Ich war gleichzeitig erlöst und enttäuscht. Das wäre doch wunderbar bekloppt gewesen – einerseits. Andererseits lernte ich jetzt eine fremde Person kennen und das war ja auch spannend.

Sie hieß Katrin und wanderte schon seit Tagen, weil sie von Florenz aus losgegangen ist. Also die ganze Route. Sie war sich noch nicht sicher, ob sie in Assisi (mein Ziel) aufhört oder weitergeht bis Rom.

Ein kurzer Einwurf: Der Franziskusweg führt, wenn man den deutschsprachigen „Outdoor“-Führer als Grundlage nimmt (was fast jeder tut), von Florenz über Assisi nach Rom. Das hat mich schon die ganze Wanderung über extrem genervt und geärgert. Assisi! Das Heim von Franziskus. Der Geburtstort. Der Ort des Klosters. Der Ort der heiligen Chiara. Wo sollte der Franziskusweg enden, wenn nicht dort? Ich hab schon verstanden, dass der so angelegt wurde, dass es sich eher um einen Umbrien-Weg oder einen Mittelitalien-Weg handelt, aber dann soll man ihn doch nicht Franziskusweg nennen, wenn der nur so Alibimässig an ein paar Franziskusstatuen vorbeiführt. Das fand ich irgendwie Kacke. Der Jakobsweg geht ja auch nicht über Santiago de Compostela (wo die Gebeine vom heiligen Jakob rum liegen) nach, zum Beispiel, Barcelona, weil da so eine tolle Jakobsstatue steht. Das wäre Quatsch. Warum macht man diesen Fehler (und ein paar andere) beim Franziskusweg? Einwurf Ende.

Ich habe ihr erschöpft von meinem Horrortag erzählt. Sie war ja so etwas wie meine mich rettende Madonna, weil sie die Tür für mich geöffnet hat. Mit großen, staunenden Augen hörte sie mir zu. „Ich hätte an deiner Stelle die ganze Zeit an die Wölfe gedacht, die hier rumlaufen. Das sind nicht wenige!“, meinte sie am Ende aufgeregt. Und hatte vollkommen Recht. An die hab ich überhaupt nicht gedacht. Zum Glück vermutlich. Sonst hätte ich noch weitaus mehr Panik bekommen.

Sie hatte noch mehr Gepäck als ich, weil sie eine komplette Campingausrüstung noch dabei hatte und auf ihrer Tour schon ein paar Mal wild gecampt hatte, wenn sie nicht bis in irgendein Dorf gekommen war oder ihr die Hotels zu teuer oder doof waren. Wow. Die machte echt ernst. Ich kam mir etwas bescheuert vor, weil ich hier nach zwei Tagen jammernd rumsass, während sie schon seit Wochen einen Rucksack, der fast so groß war wie sie, durch die Gegend trug und dabei aber den Eindruck machte, gerade von einer Wellness-Farm zu kommen. Superfit, supergut gelaunt, sehr positiv eingestellt. Eine bewundernswerte Person. In der Mischung mit ihrem Heiligenstatus für mich, hab ich mich natürlich auch ein bisschen in sie verliebt. An diesem Abend. Nach dem Gespräch ging jeder von uns in seinem Zimmer schlafen. Sie meinte noch, sie würde versuchen am nächsten Tag gegen halb Sieben abzuhauen, weil es dann noch nicht so heiß sei. Halb Sieben! Ich beschloss erstmal auszuschlafen nach meinem Tag. Wir verabredeten uns lose in Assisi. Und dann ging das Licht aus und die Türen zu. Ich wunderte mich noch, wie zappenduster es in meinem Zimmer war. Und dann war ich weg.

Ausschlafen bedeutet in meinem Fall: Hallo wach um kurz vor Sechs! Ich war wach und konnte nicht mehr einschlafen. Mir taten die Beine weh und ich dachte sofort daran, dass ich ja heute weitergehen muss. Erstens weil ich in einer Jugendherberge mitten im Nichts war und keine Ahnung hatte, wie ich hier sonst hätte wegkommen sollen und zweitens wollte ich mir und meinem Willen beweisen: Du, gestern war einfach der schlimmste Tag, ab heute wird wieder alles gut!

gudnmoagn

So lag ich im Bett, krampfhaft versuchend jeden Muskel zu entspannen (was so ja besonders gut funktioniert…NOT). Im Nebenzimmer hörte ich einen Wecker klingeln. Die machte wirklich ernst, dachte ich. Aber nach dem Wecker war ganz lange gar nix zu hören. Sie hatte sich wohl spontan umentschieden und noch mal umgedreht. Ich konnte und wollte mich nach wie vor nicht bewegen.

So lag ich ziemlich lange da und starrte abwechselnd Decke und Wand an. Ich überlegte, ob ich vielleicht doch Wölfe gesehen hab. Oder gehört. Aber ich hatte keine Ahnung. Vielleicht ja, vielleicht nein. Vielleicht waren das gar keine Glühwürmchen, die ich da im Dunkeln gesehen hab, sondern Wolfsaugen. Gut, so wie die rumgeschwirrt sind muss das arme Tier auf Ecstasy gewesen sein oder so, aber wer weiß das schon? Halt so Gedanken, die man sich so macht.

Irgendwann hörte ich Katrin nebenan doch aufstehen und alles fertig machen. Ich wollte jetzt nicht so awkward „Ach, du bist auch schon wach!“-mässig wirken, deswegen blieb ich in Ruhe liegen. Irgendwann schien sie fertig zu sein und verließ ihr Zimmer. Ich lauschte noch ein bisschen in die Herberge, aber es war nichts mehr zu hören. Ich drehte mich noch mal um, um sicher zu gehen, aber ganz offensichtlich konnte und wollte ich nicht mehr schlafen. Deswegen stand ich langsam humpelnd auf. Ich hatte schon ganz gute Blasen an den Füßen, was normal war. Die waren nicht so riesig wie damals am Jakobsweg, als ich mit den nicht von mir eingelaufenen Wanderschuhen meines Mitbewohners losgelaufen bin. Da hatte ich nach dem ersten Tag bereist Fünf-Markstück große Blasen an den Hacken. Aber hier und jetzt, mit meinen professionellen Multifunktionsdingern auf dem Franziskusweg: Nur eine an der Ferse und am Ballen, aber keine richtig schlimmen Blasen. Ich verarztete sie mit Blasenpflastern und alles war gut. Mann, war ich ein Wanderprofi!

In Shirt und Boxershorts schlurfte ich in die Küche. Oh: Katrin war doch noch da. „Gudnmoagn“ murmelte ich und sie, schon abspülend weil sie schon gefrühstückt und Kaffee gekocht und getrunken hatte, erwiderte fröhlich „Guten Morgen!“. Ich fand das sehr unangenehm hier quasi in meiner Unterhose zu stehen und schlurfte zurück ins Zimmer. Ich machte mich schnell unter der Dusche etwas frisch und zog mich an. Jetzt machte sich auch meine Theorie des „Ach, in Italien ist doch immer irgendwo Markt, da werd ich mir noch eine Hose holen“ bemerkbar. Wo sollte denn bitte im verkackten Wald irgendwo Markt sein? Ich durfte meine Hose wieder anziehen. Die hatte schon deutliche Salzränder und war einfach nur noch unbequem speckig und die letzte Etappe konnte man gut an dem Sand sehen, der sich quer über das ganze Beinkleid verteilt hatte. Das war ein dreckiges, verschwitztes Teil. Aber ich hatte ja keine andere dabei. Ich überlegte wirklich in Boxershorts loszugehen. Wenn man damit baden gehen konnte, dann konnte man damit doch auch wandern gehen. Aber ich dachte an die hohen Gräser, eventuelle Zecken und natürlich an das Bild für die paar Leute, denen man vielleicht doch begegnet, wenn man da in Unterhose rum läuft und verwarf meinen Plan wieder. Es ging einfach nicht anders.

Katrin klopfte an meiner Zimmertür und verabschiedete sich. Sie ging los. Ich drückte sie noch mal und liess sie gehen. Wie schlimm das gewesen wäre, wenn ich mit ihr gegangen wäre. Ich hätte kein Ballast sein wollen und versucht, Schritt zu halten. Ich wäre vermutlich schon am ersten Berg gescheitert. Wir betonten noch mal unsere lose Verabredung, vielleicht schon im nächsten Dorf. Dann war sie weg.

Ich füllte meine Flaschen auf. Checkte mein Gepäck. Dann fiel mir ein: ich musste doch noch irgendetwas zahlen. Aber hier stand nirgendwo, was das kostete und Katrin zu fragen, hatte ich vergessen. Ich legte einen Betrag, der mir fair und pilgerig erschien auf den Küchentisch, schulterte meinen Rucksack und ungefähr eine Dreiviertelstunde, nachdem sie losgegangen war, zog ich auch los. Es war viertel vor Acht. Franziskusweg – here i come.

Franziskus

Der Tag ging gut los. Ich hatte Schmerzen, ja und ich merkte auch, dass ich an diesem Tag viele Pausen würde einlegen müssen. Aber ich war wieder unterwegs. Ich war wieder auf den Beinen und in allerfeinster Rocky-Manier hatte ich das Gefühl, dass der Weg mich nicht bezwingen kann. Ich lief den Berg hoch und hoch und hoch. Der ganze Weg war hier eine Strasse, gut planiert, keine Spinnennetze, keine schmalen Pfade. Schön viel Platz und sogar ein paar Autos kamen vorbei und überholten mich. Und meistens wurde man auch noch freundlich gegrüßt. Ich kam an einer kleinen Kapelle vorbei, an der ein Mann gerade die Blumen goss, die davor standen und mich freundlich grüßte. Pilger waren hier eben fast so etwas wie Heilige, redete ich mir ein.

Ich kam an einem Weiher vorbei, der für Sportfischer reserviert war und an einer niedlichen, kleinen Kreuzung machte ich meine erste wirkliche Rast, mit einem Blick über eine große Wiese an einem Bach, auf der gerade ein Schäfer mit seiner Herde unterwegs war. Die Wiese lag deutlich tiefer als mein Standpunkt und die wolligen Schafe sahen aus wie langsam umhertitschende Filzbälle, um die zwei wild hüpfende Flummis, die Hunde, schwirrten. Was für ein entspannendes Bild. Allerdings war der Platz, den ich mir ausgesucht hatte, für die Rast ein bisschen ungemütlich. Deswegen ging ich irgendwann doch weiter, obwohl ich lieber noch ein bisschen liegen geblieben wäre. Der ganze Weg ging immer über „Strada Bianchas“, nie kleine Wege. Ich genoss es richtig, nirgendwo durchklettern zu müssen. Ich ging einen Bach entlang, passierte einzelne kleine Kirchlein und machte es mir auf einer Brücke gemütlich. Aber auch hier: „Gemütlich“ war trotzdem irgendwie anders, die vollkommene Entspannung wollte sich nicht einstellen. Also war weitergehen die Devise.

Ich passierte Gehöfte, kam an einer kleinen Kirche vorbei – heute fühlte ich mich auf dem Weg wirklich nicht einsam. Auch Autos passierten mich immer wieder. Irgendwann hab ich mir sogar eingebildet, dass der immer gleiche Mann in seinem Panda an mir vorbeifährt. Aber das war nur gemutmasst. Ich hatte gar keine Ahnung, ob das immer ein und dieselbe Person in ein und demselben Auto war.

Nachdem ich eine weitere Ruine passierte (wirklich, Umbrier, ich mag euch, aber lasst das mit dem bauen…), ging der Weg über ein großes Feld. Einmal quer drüber. Am Ende dieses Feldes war ein Hof zu sehen. Es war mittlerweile Mittag. Die Sonne stand hoch und brannte. Auf dem Feldweg war Schatten sehr spärlich gesät, wie man sehen konnte. Einzelne Bäume am Wegesrand konnten rettende Schattenspender sein, aber die lagen weit auseinander. Das schien ein hartes Stück zu werden. Zu Beginn des Weges war eine Wiese am Rand. An der Kante zum Tal stand ein riesiger Baum auf dieser Wiese. Und in dessen Schatten beschloss ich noch eine Rast zu machen, bevor ich mich auf den heißen Sonnenweg begab. Und wie ich da so unter dem wunderschönen Baum lag, die Schuhe ausgezogen und ins frische Gras gebohrt, schlief ich einfach ein.

pause

Ich hab da ungefähr eine Stunde gelegen und geschlafen, bevor die Sonne es schaffte, hinter dem Baum hervorzukommen und mir direkt ins Gesicht zu scheinen. Die Hitze weckte mich auf. Aber die Tatsache, dass ich überhaupt eingeschlafen bin, bewies mir: Oh, wohl doch etwas sehr früh aufgestanden.

Nach dem wohl erholsamten und schönsten und naturverbundenstem Nickerchen aller Zeiten ging ich frohen Mutes weiter. Ich passierte einen Bauernhof, bei dem laut Wanderführer eine Wasserquelle direkt am Wanderweg liegt und man dort trinken darf, wenn man fragt. Aber es war nicht nur niemand da oder zu sehen, den ich hätte fragen können, sondern auch nichts, wonach ich hätte fragen können. Ich hab mir dann gedacht, dass die den Wasserhahn bestimmt wieder weggemacht haben, weil die, seit der Wanderführer raus war, nur noch damit beschäftigt waren Nordic Walking Stick ausgerüsteten Mittsechzigern zu erlauben, ihre Flaschen aufzufüllen und gar nicht mehr zu ihrer Bauernarbeit kamen. Voller Empathie (wenn auch aus anderen Gründen) stellte ich mir vor, wie sie die Autoren des Buchs verfluchten. Aber ich hatte auch noch genug Wasser, dass würde noch einige Zeit reichen. Keine Gefahr, alles gut.

Der Weg war zwar angenehm zu gehen, aber ehrlich gesagt war der diesmal auch stinklangweilig. Das Konzept der hiesigen Flora und Fauna hatte ich mittlerweile erfasst und hätte mich nun wieder über ein paar Überraschungen gefreut. Aber abgesehen von einem kleinen Stückchen reinem Pinienwald kam da nichts mehr, was mich aus den Latschen gehauen hätte. Ich kam an einer kleinen, sehr niedlichen Kapelle vorbei und überlegte mir, mich kurz reinzusetzen. Aber da griff wieder die größte Unlogik der Religionskultur: Es war abgeschlossen. Warum werden Kirchen abgeschlossen? Warum kann ich da nicht immer Trost finden, sondern nur zu festgelegten Öffnungszeiten? Wie widersinnig ist das? Gut, ich hatte mich an diesem Tag sowieso nicht sonderlich katholisch gefühlt, aber die Fragestellung war auch eher allgemeiner Natur. Außerdem bin ich ja evangelisch. Die schließen aber auch ab. Dabei will in deren hässlichen Betonkirchen mit Sicherheit keiner was klauen.

heiß

Nach langem und immer öderem Rumlaufen, kam ich erneut an eine sogenannte „T-Kreuzung“. Der Weg vor mir ging bergauf. Rechts ging eine Strasse ab mit einem Straßenschild, auf dem der Name des Kaffs stand, dass ich an diesem Tag erreichen wollte und musste. Der Wanderweg ging aber geradeaus, den Berg hoch. Jetzt war guter Rat teuer. Den offiziellen Weg weitergehen oder den Wegweisern folgen? Ich erwartete nichts besonderes mehr vom Weg, deswegen war eigentlich nur noch „ankommen“ mein oberstes Ziel. Ich entschied mich, dem Straßenschild zu folgen. Schon allein um dem Wanderführer ein „Fick dich!“ entgegenzuschleudern. Ich lief die Strasse hinunter. Machte Rast unter einem Apfelbaum. Kam an einem Bauernhof vorbei. Am Ende des Hofs waren die zwei wirklich sehr dicken Kinder der Bauern damit beschäftigt, Wasser in ihren neuen Plastikpool laufen zu lassen. Hätte ich doch nur besser italienisch gekonnt. Ich hätte ihnen erklärt, dass sie vorsichtiger mit dieser wertvollen Ressource umgehen sollen. Nein. Ich hätte sie angemotzt dass sie sich glücklich schätzen können, ihre bequemen und fetten Ärsche in so etwas tolles wie Wasser halten zu dürfen und dass sie da gerade nur Wasser verschwenden. Es war auf jeden Fall grotesk: Da die überernährten Blagen, die im Barbiebikini den Schlauch in ein Plastikbecken halten und ungeduldig warten, das es sich füllt und daneben läuft ein Typ, der nur noch ein paar Schlucke Wasser in seiner Flasche hat und aussieht, als wäre er schon Wochen unterwegs.

Ja, man, ich hab nix dazu gelernt. Das Wasser ging schon wieder zur Neige. Aber: Am Ende der Strasse war ein richtig kleines Dorf. Da muss es doch irgendwo eine Wasserquelle geben. Verdammt, das hier was Italien. Da sind Wasserquellen doch an jeder Ecke. Das wusste ich immer aus dem Urlaub und so. Überall Wasserquellen, wo die Leute ihre Flaschen auffüllten. Nur an meinem Wanderweg war natürlich keine Einzige. Aber jetzt war ich ja vom Weg abgewichen, jetzt musste doch eine kommen.

Stattdessen kam etwas anderes: Eine Kreuzung, an der nicht mehr ausgeschildert war, wo ich lang musste. Das war lustig. Was sollte ich jetzt tun? Ich hatte keine Karte, mein Handy ging nicht, nirgendwo stand wo ich lang musste und mein Wanderführer konnte mir auch nicht mehr helfen, weil ich ja jetzt auf eigene Faust unterwegs war. An dieser Kreuzung schien ich aber auf eine wichtige Strasse zu stoßen. Immer wieder kamen Autos vorbei. Ich überlegte zu trampen. Ich hab aber nur einmal in meinem Leben getrampt, mit Sechzehn, und das war auch irgendwie ungeil damals, weil die Fahrer sich einen Spaß daraus machten, mir ein bisschen Angst einzujagen („Bist du Punk? Wir finden ja ganz richtig, was die Republikaner und so, so fordern…höhöhö!“). Ich überlegte die ganze Zeit. Daumen raus oder nicht? Ich wollte erst sehen, wer in den jeweiligen Autos saß und dann den Daumen rausstrecken. Das erwies sich als wenig praktikabel, weil dann in der Regel das Auto schon an einem vorbei gefahren war. Also weiterlaufen. Ich beschloss, dass der Ort, zu dem ich wollte, ein etwas größerer in der Region sein musste, deswegen wählte ich den Weg, in dessen Richtung die meisten fuhren. Vermutlich hat das überhaupt keinen Sinn gemacht, aber es fühlte sich richtig an. Die Strasse ging supersteil bergauf. Mal ehrlich: Wie bescheuert ist es eigentlich als Wanderer einem Straßenschild zu folgen? Das ist natürlich ein Wegweiser für Autofahrer, nicht für Fußgänger. Klar, dass da steile Steigungen und so was keine Rolle spielen. Das war mir dann auch aufgefallen.

lamborghini

Ich ging, ganz langsam, ganz bewusst, Schritt für Schritt die Straße hoch. Kaum Platz am Rand. Ich hoffte, dass hier nicht noch irgendein Unfall passierte, zwei Autos die ineinander stiessen, weil eines davon mir ein bisschen ausweichen musste. Ich stieg und stieg. Schritt. Für. Schritt. Ich hielt an. Sollte ich mich nicht einfach doch überwinden? Daumen raus und gut ist?

Da. Was war das? Plätschern? Plätschern. Ich blickte durch das Gebüsch an der anderen Straßenseite. Zwischen den Bäumen stand ein kleines Häuschen und da plätscherte es. Ich ging rüber, schlug mich durch einen kleinen Pfad. Aus dem Häuschen ragte ein halb verrostet aussehendes Rohr und aus dem Rohr sprudelte kaltes, klares Wasser. Ich versuchte zu lesen, was aussen an dem Haus stand, aber ich konnte das nicht entziffern, bzw. lesen. Ich liess etwas Wasser in meine hohle Hand laufen und probierte. Schmeckte okay, nicht giftig. Was für ein wissenschaftlicher Test. Ich ging aufs Ganze, füllte beide Flaschen auf. Was solls, dachte ich. Wäre das hier giftig, würde schon ein deutliches Schild darauf hinweisen. Ich trank das kalte Wasser. Und wieder dieser „Kraft breitet sich im Körper aus“-Zaubertrank Effekt. Es ging weiter, ich war wieder im Rennen.

Naja, Rennen? Schlurfen vielleicht eher. Aber ich ging weiter. Die Steigung hörte nicht auf. Auch wenn man um die Kurve kam, ging es immer noch hoch. Und hoch. Und hoch. Nach einer weiteren Kurve war ein besonders steiles Stück Strasse vor mir. Ein holländisches Wohnmobil kam mir entgegen. Holländer. Hier musste irgendwo etwas touristisches in der Nähe sein. Ich schien Richtig zu sein. Nach einem Kriechkampf erreichte ich die Kuppe und da sah ich es vor mir: Das Örtchen zu dem ich wollte, war in nicht allzu weiter Ferne zu erkennen und direkt vor mir, abseits der befahrenen Strasse, war auch wieder mein Wanderweg zu sehen, zu erkennen an den Wegmarkierungen. Ich hatte es tatsächlich geschafft. Die Etappe war besiegt. Ich hab mich nicht unterkriegen lassen. Weder vom Weg, noch vom Wanderführer, noch vom Wasser oder meinem Körper. Ich lachte laut (fast hysterisch, aber nur fast!), pinkelte an einen Zaun am Wegesrand (das hielt ich für ein Weltwunder, weil ich bis dahin dachte wirklich jeden Tropfen Flüssigkeit in meinem Körper ausgeschwitzt zu haben) und lief bergab auf das Dorf zu. Das einzige Problem, dass ich jetzt hatte war folgendes: Das Panorama verschob sich wie in einer japanischen Zeichentrickfilmserie. Heidi oder so. Je weiter ich nach unten, auf das Dorf zuging, desto mehr wuchs es in die Höhe. Nach meinem Marsch, die Strasse hinab, durch ein paar erste Wohnhäuserschluchten hindurch, sah ich das ganze Elend vor mir: Der Dorfkern, da wo mein Hotel sein sollte, da wo ich hinwollte, war auf der Spitze eines Bergs. Die Strassen dort hinauf waren so steil, das man, wenn man aufstieg, quasi nicht hinfallen konnte, weil man eh die Strasse vor der Nase hatte. Ich hab also diesen ganzen Weg hinter mich gebracht um am Ende des Tages noch mal die steilestmögliche Steigung vorgesetzt zu bekommen. Jetzt lachte ich hysterisch. Und rief im Hotel des Ortes an. „Kann ich bei ihnen ein Zimmer reservieren? Ja? Super, dann mach ich das. Ich bin gleich da. Vermutlich in einer halben Stunde.“ Am Dorfeingang ein Hotel reservieren, das in der Dorfmitte ist. Hab ich auch noch nie gemacht. Dann hiess es, den Berg zu bezwingen. Vielleicht war ja Katrin in dem Hotel? Vielleicht wartete sie dort schon auf mich? Vielleicht würden wir ein glückliches Pilgerpaar?

Die Steigung war so krass, dass ich alle fünf Meter pausieren musste. Vielleicht würde ich das Hotel niemals erreichen, dachte ich. Immerhin konnte ich sichergehen, das hier keine Wölfe sind. Und dann sah ich das Schönste, was ich (mindestens!) in den letzten 48 Stunden gesehen habe:

Einen Supermarkt.

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  3. Wochenlinks, 23.8.2013 | extramittel

3 Friedenstauben

  1. Tja, der Einwurf, warum der Franziskusweg nicht in Assisi aufhört (von Florenz aus), läßt sich ziemlich einfach beantworten: Weil halt erst zwischen Assisi und Rom einige der Orte auftauchen, die in der Franziskuslegende eine wichtige Rolle spielen: Greccio, Rieti, Spoleto … Und natürlich Rom, wo Franziskus selbst hingelaufen ist, um seinem zerlumpten Haufen die päpstliche Anerkennung zu besorgen. Die Wegführung folgt übrigens tatsächlich ziemlich genau den Verbindungsrouten, die es damals so gab, ist also nicht einfach nur dem Spleen einiger Tourismus-Manager entwachsen.

    Dass der Jakobsweg hinter Santiago nicht weitergeht, liegt schlicht daran, dass dahinter nur noch das Ende der Welt kommt (Cabo de Finisterre). Besser ausgebaut ist er auch deswegen, weil er als Heeresstraße diente, eine Art antiislamischer Schutzwall sozusagen, was die kirchliche Propaganda auch entsprechend aufgebaut hat.

    Das nur als kleiner Einwurf zurück von einem, der den Weg jedes Jahr mit deutschen Touristen im Schlepptau gehen muss und die gleiche Frage oft genug entgegengenörgelt bekommt. Für Hinweise zu Supermärkten und Trinkwasserquellen und solidarisches Mitmeckern über den Outlook-Führer steh ich übrigens gern zur Verfügung.

    Kommentar von svengali - 18. August 2013 um 13:15 Uhr
  2. Oh, vielen Dank für die Aufklärung! In dem Outdoor-Führer steht das alles nur sehr unbefriedigend beschrieben. Das Problem, dass Assisi quasi in der Mitte liegt (auch im Gegensatz zu Santiago) ist mir auch klar. Aber vielleicht hätte man doch irgendwie anders planen können. Ich wollte ja nur erklären, das der Franziskusweg eben so jung ist, das man schlauer hätte planen können. Und das Assisi das Ziel sein muss. So oder so. Das empfinde ich immer noch so, aber du hast natürlich Recht, wenn du sagst, dass die anderen Stationen auch wichtig für Franz waren. Dennoch: Jakobsweg ist doch wohl deutlich erschlossener, also auch heute noch, so zivilisatorisch. Oder findest du nicht?

    Vielen Dank auf jeden Fall für diesen Supereinwurfeinwurf. Freut mich total da einen “Insider” zu haben. Und eins hab ich auf dem Weg gelernt: Das gelbe Büchlein hasst wirklich jeder. :)

    Kommentar von nilzenburger - 18. August 2013 um 13:32 Uhr
  3. Naja, wer will, kann ja Assisi als Ziel wählen. Ist doch prima, wenn man von zwei Seiten aus dahin laufen kann. ;-) Für meinen Geschmack kommen die spektakulärsten Abschnitte auch erst hinter Assisi. Dass der Franziskusweg nicht so erschlossen ist, finde ich persönlich ja ganz schön; der Jakobsweg ist stellenweise schon mehr eine Pilgerautobahn. Aber wenn ich’s von Deinen Fotos her richtig einschätze, warst Du auch gerade auf dem schwierigsten Stück unterwegs. Ab Gubbio wird’s besser mit den Markierungen.

    (Kleiner Tipp: Die ersten fünf, sechs Kilometer ab Gubbio würde ich auslassen. Nimm lieber den 001er Bus Richtung Perugia und lass Dich bei Valdichiascio oder der Abbazia di Vallingegno rauswerfen. Und mach in Valfabbrica Zwischenstation: Albergo Villa Verde ist einfach, aber günstig, und das Restaurant Villa dei Sapori hat beste Pizza. Guten Weg noch!)

    Kommentar von svengali - 18. August 2013 um 23:50 Uhr

Deine Friedenstaube