Franziskusweg, Tag 2

Tag 1 liest du hier.

Ich war wieder viel zu früh wach. Aber das war okay. Die Hitze ließ einen sowieso nicht schlafen. Ich beschloss, noch ein bisschen im Bett zu liegen und den Morgen zu genießen, bevor ich aufstehen und weiterziehen würde. Aber wenn man weiß, dass man sich auf eine zwanzig Kilometer weite Wanderung begibt, dann lässt es sich besonders schlecht gammeln. Das Gewissen nagt an einem. Außerdem: So früh ist es doch mit Sicherheit noch nicht ganz so heiß. Und die Füße tun vom ersten Tag auch noch weh. Mein Gedanke war nämlich der, dass ich nun den schwersten Tag vor mir haben würde, den ich einfach hinter mich würde bringen müssen und ab dem dritten Tag wäre dann alles gut. Ich hatte sozusagen den Schweinehundtag vor mir. In meiner Fantasie. In Wirklichkeit würde ich einen absolut schlimmen Tag vor mir haben. Viel schlimmer, als ich jemals geahnt hätte.

chillen

Guten Mutes ging ich los. Der Wanderführer hat wieder seine innerörtliche Schwäche bewiesen, indem ich erst nicht so richtig aus dem Ort, in dem ich war, herausfand. Als ich aber dann auf der richtigen Route war, ging alles gut. Die Meterangaben in dem Wanderbuch schienen mir seltsam. Zumindest war da diese eine Stelle, bei der ich 170 Meter gehen sollte, das Ziel aber schon nach zwanzig, höchstens fünfzig Metern von mir erreicht war. Aber nicht so wild. Ich ging weiter und der Weg führte an einem Bach entlang. Das fand ich eigentlich am coolsten, wenn ich die ganze Zeit so ein plätschern neben mir hatte. Da konnte man wahnsinnig gut entspannen und gleichzeitig über alles nachdenken. Plätschern, Wasser ist ja immer auch irgendwie Erfrischung, schon das nur zu hören. Deswegen war ich gut gelaunt. Naja, bis es wieder steil bergauf ging, weg vom Bach. Da war ich irgendwie wieder schlechter drauf.

Natürlich tat mir alles weh, vom ersten Tag und ich merkte, dass ich nun öfters Pause machen musste. Weil alles so viel mühsamer war. Aber damit habe ich ja gerechnet. Das war cool. Ich ging über eine „Strada Biancha“, die mich an Feldern vorbeiführte. Da parkte sogar irgendwo ein Auto, aber ich sah niemanden. Eine extrem seltsame Eigenart von mir ist es, hinter jedem in einem Waldstück parkenden Auto einen privaten Pornodreh zu vermuten. Ich habe keine Ahnung woher das kommt, ich habe so etwas auch noch nie in echt gesehen, aber vermute das jedes Mal. So viele Pornos, die im Wald aufgenommen wurden, kann es gar nicht geben, wie ich schon vermutet habe. Oder sagen wir so: Hätte sich mein Verdacht jedes Mal bestätigt, gäbe es mit hundert prozentiger Sicherheit die Kategorie „Wood Porn“ bei den Onanie-Video-Portalen dieser Welt. Hab ich da aber noch nie gesehen. Also, ähm, ein Bekannter, der da manchmal hinsurft, berichtete mir so etwas dort noch nie gesehen zu haben. Es wird sich in den meisten Fällen also um Spaziergänger handeln, in meinem Fall waren das bestimmt Bauern, die auf einem naheliegenden Feld irgendetwas zu tun hatten.

Der Weg ging nun, strikt dem Wanderführer folgend, einen komischen Gang. Nachdem ich wieder einen Berg aufsteigen durfte, in dessen Verlauf der Weg immer weniger Weg und mehr „zufällige, ausgetrocknete Lehmansammlung“ wurde, kam mal wieder eine der berüchtigten kniffligen Stellen, die aber wieder mehr Spaß gemacht hat, weil sie detektivischer war: Man musste um einen Acker laufen und auf einen Pfad gelangen. Das hab ich auch ganz gut geschafft. Aber dann hat der Franziskusweg zum ersten Mal gezeigt, warum seine Unerschlossenheit auch so ein bisschen ungeil ist: Ich lief durch hüfthohe Gräser, eine kleine Furche entlang, die tatsächlich der Weg war. Dabei stiess ich auch immer wieder auf Spinnennetze, die quer über den „Weg“ zwischen zwei Ästen gesponnen waren. Die hab ich dann immer, eine Entschuldigung an die Spinne laut aussprechend, mit einem Ast weggemacht, damit ich da nicht durchlaufe. Das hat, ehrlich gesagt, ein wenig genervt. Auch für jemanden wie mich, der eine latente Zeckenparanoia hat, ist das nicht die ideale Wandergegend. Aber egal, denn: Irgendwann war dieser Dschungel natürlich auch wieder vorbei und die Freiheit, DANN wieder auf eine Strasse zu kommen, die fühlt sich ehrlicherweise schon wieder ganz gut an. Beim ersten Mal zumindest.

Nach dem anstrengenden Aufstieg auf einen der vielen umbrischen Berge, ging es auf einer richtigen Serpentine wieder bergab. Es waren bestellte Felder zu erkennen und nachdem der Weg anfing, wieder zu nerven und anscheinend unendlich zu werden, erschien auf einmal Zivilisation. Eine Straße mit drei Häusern nebeneinander. Ein Hund bellte. Ein paar Menschen saßen draussen. Bevor ich den Hügel ganz hinab stieg, setzte ich mich auf einen Stein und beschloss Mittagspause zu machen. Ich hatte nämlich nicht nur schlauerweise ganze zwei große Flaschen Wasser an diesem Vormittag im Supermarkt gekauft, sondern auch noch ein Stück Pizza von meinem Abendessen aufbewahrt und im Rucksack verstaut. Und zwar exakt für diesen Moment. Ich sass da im Schatten, mümmelte an der leckeren Pizza vom Vortag und trank mein Wasser, während ich leise Gespräche und lautes Gebell hörte. La dolce vita. So hab ich mir hier eine Mittagspause vorgestellt.

bling meal

Guten Mutes wischte ich meinen Mund mit den Euroschein Servietten ab (ich musste auch noch ein bisschen kichern). Liebe Pizzabäckerinnen, i salute you. Dann den Rucksack geschultert und weiter ging es. Naja. Ein bisschen weiter.

Denn am Ende des Weges, kurz vor den Häusern, hatte ich ein Problem. Hier trafen auf einmal fünf Wege aufeinander. Mein Wanderführer war, wie immer an so kniffligen Nadelöhren, eher keine große Hilfe. Ich entschied mich, die Strasse runterzugehen. Das deckte sich ungefähr mit dem, was in dem Führer stand, außerdem ging es bergab. Da war auch sehr viel Wunsch der Vater des Gedanken. Kurz bevor die Strasse richtig losging, stand ich vor einem Brunnen mit einem Gartenschlauch. Ich begrüßte die Familie, die auf der anderen Seite vor ihrem Haus sass und mich anstarrte. Meine Begrüßung hat sie automatisch aus ihrer Starre gelöst (ich habe magische Kräfte!) und sie deuteten auf ihre Wasserquelle. Ich solle mich bedienen. Da hab ich erstmal meine beiden Flaschen aufgefüllt und bin dann weitergegangen. Fröhlich zum Abschied winkend. Nach ca. 20 Minuten bin ich dann auch endlich an einem richtigen Wegweiser angekommen. Wie toll! Ein Wanderwegwegweiser! Das war immer eine Freude.

Keine Freude war allerdings, dass er mein Ziel in die Richtung zeigte, aus der ich gerade gekommen war. Also wieder zurück. Nun natürlich bergauf. Und wieder an dem Haus vorbei, vor dem immer noch die Familie rumsass. Zu ihrer kichernden Freude meinte ich, dann jetzt auch mal den richtigen Weg zu gehen. Und die haben mir lachend hinterher gewunken, eine gute Reise gewünscht und weiter auf ihrer Terrasse entspannt. Hach. Entspannen. Muss das schön sein.

Ich ging die Strasse eine ziemliche Zeit lang und irgendwann hab ich dann gedacht: Alles klar. Ich bin schon wieder falsch gelaufen. Aber jetzt zurück, damit würde ich ohne Ende zeit verlieren. Dazu war es mir unangenehm, schon wieder vor dieser Familie aufzutauchen. Und ich wusste, dass ich irgendwie auf jeden Fall in die richtige Richtung lief. Grob gepeilt. Ich hielt im Schatten eines einzigen Baums an um zu verschnaufen und eine Entscheidung zu treffen. Und da, wie ein Zeichen aus heiterem Himmel, war exakt an diesem Baum das Erkennungszeichen des Wanderwegs (Rot und Weiß) zu sehen. Ich war also doch richtig! Ha! Wie super!

Ich will es nicht in die Länge ziehen: Ich war natürlich nicht richtig. Keine Ahnung wofür das Zeichen auf den Baum gepinselt war, aber mit Sicherheit markierte es nicht den Weg, den ich gesucht habe. Und dennoch, Glück im Unglück, war ich auf dem Weg in die richtige Richtung, denn als die Strasse plötzlich aufhörte, entdeckte ich einen Wegweiser zu einer Ferienunterkunft und genau die, wurde auch in meinem Wanderführer als Wegmarke der Etappe erwähnt. So einen Dusel muss man haben! Ich bin mit Sicherheit einen Umweg von zwei oder drei Kilometern gelaufen, aber ich war back on track! Nach einer längeren Pause unter einem wundervollen Baum, bei der ich überlegte, ob es eine Möglichkeit gäbe, einfach liegen zu bleiben, raffte ich mich auf und ging weiter. Allerdings: Im Wanderführer stand ein gewisser Bauernhof, an dem man gerne seine Wasserflaschen würde auffüllen können. Den bin ich nun umgangen. Aber ich hatte ja noch eine volle Flasche, die ich eben aufgefüllt hatte und für die andere Flasche würde sich dann sicher auf dem Weg eine erneute Möglichkeit bieten.

baumbreak

Wieder durch ein ganz interessantes Gebiet, mit mehreren Ruinen. Dann las ich etwas von einem kleinen See. Nun hat dieser Wanderführer ja schon mal eine Strasse Dorf genannt, die Meterangaben waren zum Teil verwirrend. Unter einem „kleinen See“ war also von Pfütze bis Baggerloch alles denkbar. Und als er kommen sollte, sah ich die ganze Zeit nichts, gar nichts deutete hier einen See an. War ich wieder falsch? Oder sollte ich das Buch einfach wegwerfen? Ins Altpapier?

Zwei Kurven weiter stand ich aber davor: Ein grün strahlender See, mitten zwischen den Bergen! Ich war total baff. Das sah einfach zu super aus. Und ich würde da jetzt einfach reinspringen, hier war ja eh keiner. Das musste die ultimative Erfrischung sein. Ich lief zum Wasser, den Rucksack schon abgeworfen, die Schuhe und Wandersocken ausgezogen – doch beim Blick ins Wasser, an der einzig auszumachenden Stelle, an der man ins Wasser gelangen konnte, sah ich einen dicken Fisch und eine richtige Wasserschlange vorbeischwimmen. Sofort hielt mich alles davon ab, in dieses Wasser zu steigen. Aber ich wollte mich doch unbedingt erfrischen! Da wurde es Zeit für eine weitere, geniale Idee: Ich nahm meinen Sonnenhut, liess ihn mit kaltem Seewasser vollaufen und setzte ihn wieder auf. Man kennt das aus Filmen, aus Comics, aus Abenteuerbüchern. Allerdings kommt das da irgendwie cooler rüber. In Echt ist das ziemlich unspektakulär. Man wird eigentlich hauptsächlich nass. Aber ich verbuchte das unter „Erfrischung“ und ging weiter des Weges.

platsch

Es war heiß, heiß, heiß. Meine Klamotten würden im Nullkommanichts wieder getrocknet sein. Ich lief eine Straße hinunter, vorbei an einem Haus, aus dem sogar Stimmen drangen. Hier lebten Menschen! Das Schönste, was es gibt. Die Gäste oder Söhne des Hauses kamen gerade auf ihren Motorrollern zurück. Den Berg hoch. Mir entgegen. Ich laufe den ganzen Tag mutterseelenallein durch die Gegend. Und in dem Moment, als ich einen riesigen Wasserfleck an der Hose an einer Stelle habe, bei der man solche Feuchtigkeit durchaus missinterpretieren könnte, kommen mir Menschen entgegen, die mich, der ich sie freundlich grüße, dann auch noch mit einem mitleidigen Blick a la „der arme und etwas ekelige Penner“ ansehen. Das war natürlich ein ziemlicher Volltreffer. Schnell weg.

Wobei „schnell“ hier sehr relativ ist, aber das ist ja auch so gewollt und okay. Mir tut verdammt noch mal alles weh, vor allem der komplette Bewegungsapparat. Überall Schmerzen, selbst an Stellen, von deren Existenz man bisher noch nicht mal wusste. Zumindest ich nicht. Zwangsentschleunigung. Meine Freunde sagen mir nämlich sonst immer, wenn wir irgendwo lang laufen: „Ey, geh doch nicht so schnell!“.

Ich kam durch einen Hof, der mal eine kleine Kirche oder Kapelle war. Sehr schön, sehr niedlich. Überall Tiere. Ich höre Menschen reden und gehe gemütlich weiter. Der Weg wird sehr breit und überall Kies. Durch diesen Kies läuft ein Bächlein. Und das nutze ich als ganz besondere Chance. Rucksack aus, Schuhe aus, Socken aus. Das kalte Wasser erfrischt meine Füße nicht nur, es scheint die Schmerzen mit wegzuspülen. Es fühlt sich an wie in der Szene aus dem dritten Indiana Jones, als sie das Wasser aus dem heiligen Gral über die Wunde kippen und diese sich zischend schließt und verschwindet. Exakt das gleiche Gefühl hab ich, als ich meine überstrapazierten Füße in den Rinnsal halte. Hier könnte ich ewig liegen bleiben.

aaaaaaaaaah

Aber nein, das ist kein Platz für die Ewigkeit. Ich muss weiter.

Ich grüße Arbeiter, die gerade Holz sägen (und sorge mich, dass sie einen Moment lang unaufmerksam sind, wenn sie mich grüßen und dabei aus Versehen ein paar Finger oder ihre Hand unter der Säge verlieren, was aber zum Glück nicht passiert). Und mitten auf dem, selbstverständlich bergauf gehenden, Weg, werde ich dann von einem Traktor überholt. Der Bauer fährt, die Bäuerin steht im Anhäger und hält sich die Äste aus dem Gesicht. Wir grüßen uns, die überholen mich. Aber nun laufe ich wie an ein unsichtbares Tau gebunden, dem Traktor hinterher. Ich will ihn nicht aus den Augen verlieren. Das ist unwegsames Gelände, schnell fahren kann der sowieso nicht. Deswegen schaffe ich es ganz gut, mit dem Gefährt Schritt zu halten.

An einer orangen Riesenhütte hat er angehalten. Als ich dort ankomme, habe ich nur noch einen guten Schluck Wasser in einer Flasche, die andere ist eh leer. Es ist Nachmittag. Laut Wanderführer würde ich schon noch ein gutes Stück Weg vor mir haben. Ich gehe zum Traktor, zum Bauern und frage, ob er hier, in der orangen Scheune irgendwo Wasser für mich hätte. Hat er nicht. Dafür erklärt er mir aber den Weg. Ich muss den Berg hoch. Auf dem sehr steilen Weg. Nun gut, denk ich mir, gleich muss ich ja, im wahrsten Sinne des Wortes, übern Berg sein und dann sollte es auch wieder Möglichkeiten Wasser zu trinken geben.

Ich steige auf. Immer nur nach oben. Ich hab Angst auf den glatten Steinen auszurutschen. Das fehlte mir gerade noch. Irgendwann muss ich wieder eine Pause machen, als es etwas flacher wird. Ich lege mich in den Schatten eines Strauchs. Ich hab Durst. Durst. Durst. Verdammt. Warum hab ich kein Wasser mehr? Warum gibt es hier keins? Andererseits: Was bin ich eigentlich für eine Lusche? Ich werd ja wohl hier weitergehen können. Ich raffe mich auf. Schleppe mich circa fünfzig Meter weit. Und muss mich wieder hinlegen. Ich kann nicht mehr. Bin total am Ende. Fertig. Mein Wasser ist alle. Kein Tropfen mehr drin. In der anderen Flasche auch nicht. Mein Handy hat keinen Empfang, aber der Akku ist eh gleich alle. Der Ort war wunderschön. Und gleichzeitig eine totale Hölle. Ganz langsam steigt eine leichte Panik in mir auf. Die Sonne brennt. Ich habe Durst. Kann nur noch an Getränke denken. Und ein seltsames Gefühl macht sich in mir breit. Bleib liegen, sagt es, es ist gerade so gemütlich. Bleib liegen. Aber wenn ich jetzt liegen bleibe, komme ich nie an. Und laut Wanderführer hab ich noch ein gutes Stück Weg vor mir. Aber meine Beine wollen mir nicht mehr gehorchen. Streiken. Nichts in mir will weitergehen, ausser der Vernunft.

fertig

Jetzt im Nachhinein klingt das lächerlich und grotesk pathetisch, aber ich lag da und dachte darüber nach, wie einfach es wäre, in diesem Moment zu sterben. Niemand würde mich finden, tagelang nicht. Ich würde hier nirgendwo Wasser kriegen und was hier Nachts, wenn es dunkel würde, so kreucht und fleucht, wusste ich auch nicht. Ich habe mich dem Tod nie so nahe gefühlt. Ich dachte, mein Körper hat gleich keine Flüssigkeit mehr in sich.

Eine kurzzeitige Empfangssituation lässt mein Handy piepsen. Ich habe eine Nachricht bekommen. Meine Tochter schreibt, aus dem Nichts: „Ich hoffe es geht dir gut, hab dich lieb Papi!“ Das drückt mich auf die Beine, scheucht mich hoch. Es ist klar, ich habe nur eine Chance: Ich muss den ganzen Weg zurück zu dem Bauernhof mit der Ex-Kapelle und dort nach Wasser fragen. Vielleicht gibt es dort in der Nähe auch ein Dorf, in das ich gehen kann. Dort würde ich dann eine Nacht bleiben. Ausserplanmässig. Ja, das hörte sich nach einem guten Plan an und so schwer es mir fiel (zurücklaufen!), ich wanderte zurück. Sehr schnell. Ich hab da offensichtlich irgendwelche Energiereserven aktiviert. Im Rekordtempo war ich am Bauernhof. Ich rief zur Tür hinauf, ob jemand da wäre. Der Bauer vom Traktor trat aus der Tür. Ich fragte nach Wasser. Er stieg hinab und ging mit mir zu seiner Wasserquelle. So richtig für voll nahm er mich nicht. Kicherte. Ich war vermutlich der unfähigste Wanderer, der ihm jemals begegnet ist. Ich fragte nach einem Dorf in der Nähe. Ja, meinte er, da gab es eine Stadt. Aber die sei zwölf Kilometer entfernt. Zwölf! Hahahah, viel zu weit. Ich würde auf der planmässigen Route bleiben müssen. Am Wasserhahn drehte er auf und überliess mir das Wasser. Ich trank und trank und trank. Das kühle Wasser lief langsam meine Kehle runter, verbreitete sich in meinem Körper. Ich wuchs während ich trank. Nachdem ich meine Flaschen auch aufgefüllt hatte, bedankte ich mich überschwänglich tausend Mal. Der alte Bauer lächelte nur und meinte abwehrend, es sei ja nur Wasser. Ich verneinte und sagte, dass das nicht nur Wasser, sondern das Leben sei. Da lachte er nur. Jetzt wird der unfähige Wanderer auch noch Kalenderphilosoph, muss der gedacht haben.

Nach einem erneuten, kurzen Fussbad im Bach, ging ich entschlossenen Schrittes weiter. Also wieder den ganzen Weg zurück und wieder den steilen Berg hoch. Diesmal pausierte ich oben nicht, sondern lief weiter. Es ging nach oben, nach oben, nach oben. Egal. Immer weiter. Denn ich hatte ein neues Problem: Als der Bauer beim Wasser hörte, wo ich noch hinmüsste, sagte er nur: „Wann wollen sie ankommen? Mitternacht?“. Ich lief nun gegen die Sonne. Es war später Nachmittag, früher Abend. Die Sonne machte sich langsam dran, sich zu verabschieden. Der Berg, auf dem ich gerade lief, war auch noch auf der sonnenabgewandten Seite. Viel Schatten. Dazu noch ein Wanderweg, der sich nun wieder komplett vom Wegsein verabschiedete. Wieder die Furche im Gebüsch. Noch verwachsener als am Vormittag. Noch schwerer zu laufen. Ich hatte keine Zeit mehr auf Spinnennetze zu achten, ich lief einfach die ganze Zeit durch. Ich spürte die hauchdünnen Fäden immer in meinem Gesicht, schüttelte mich und lief weiter. Keine Zeit, keine Zeit. Wie der Hase bei Alice im Wunderland.

ausblick

Ich schlug mich lange durchs Gebüsch auf dem ausschliesslich nach oben führenden Weg und landete plötzlich wieder auf einer Strasse. Strasse war gut, Strasse bedeutete Menschenhand. Und, wie in so einer doofen Traumszene in einem doofen Film, kam aus der Ferne plötzlich ein Auto ganz langsam angetuckert. Das wollte ich anhalten. Die sollten mich mitnehmen. Mir war jetzt alles egal.

Der Wagen war ein kleiner, alter Panda. Die vorderen Sitze waren vom Fahrer und Beifahrer komplett besetzt und ausgefüllt. Eine Rückbank gab es nicht mehr. Da wo die ursprünglich war, trennte nun ein Gitter Fahrerbereich und hinteren Bereich in dem fünf Hunde wild durcheinander liefen und kläfften. Ein Jäger vermutlich. Was hatte ich nur für ein seltsames Glück. In diesem Auto würde ich nicht mitfahren können. Als die Insassen des Wagens hörten, wo ich an diesem Tag noch hinwollte, zogen sie die Augenbrauen hoch. Oh, DA hin?

Aber sie kannten eine kleine Abkürzung und erklärten sie mir. Ich musste die Strasse runterlaufen, bis zu einer kleinen Madonnenfigur und dort würde ich in den Weg genau gegenüber gehen sollen. Das würde mich automatisch zu meinem Ziel bringen. Mit einem mich etwas beunruhigenden, sorgenvollen Blick fuhren sie davon. Ich war aber guter Dinge. Mein Wasservorrat war endlich mal okay, ich hatte von einer Abkürzung erfahren und, nicht unwichtig: Es ging nun erstmal bergab. Auf einer richtigen Straße. Viele Pluspunkte. Überschattet von dem einen, sehr doofen und sehr großen Minuspunkt: Dem Schatten, beziehungsweise der kaum noch am Himmel zu sehenden Sonne.

Ich lief mit schnellem Schritt und nach guten fünfundvierzig Minuten stand ich vor der Madonna, die da blau angeleuchtet am Straßenrand stand. Ich bin ja nicht mal katholisch, aber das war dennoch ein sehr, sagen wir mal, spiritueller Moment. Die Madonna war ja meine Wegmarke, mein Wegweiser, meine Rettung. Da projiziert man schon mal ordentlich drauf. Ich sprach mit ihr, bedankte mich und bat um Schutz auf dem weiteren weg und ein schnelles ankommen. Ihr gegenüber sah ich den Weg, der zu meinem Ziel, der Pilgerherberge führen sollte. Ich trat an den Weg heran. An den Lichtungen, den Stellen ohne Bäume: Ganz wunderbar der Weg zu sehen, dank dem restlichen Tageslicht. Aber an den Ecken, an denen Bäume standen, dichte Sträucher: Schwarz. Nichts zu sehen, schwarze Löcher. Und da kam ich wirklich ins grübeln. Wenn die kurzen Wegstücke schon so düster waren, würde bald der ganze Weg so aussehen. Die Alternative wäre gewesen, der Strasse weiter zu folgen. Ich hörte weiter unten dort immer wieder Autos vorbeifahren. Aber wo hätte mich das hingeführt? Wär das nicht länger gewesen? Hätte da wirklich jemand für mich angehalten? Oder wäre das nicht eher eine Art Selbstmordkommando?

Ich hatte an diesem Tag schon einen Horror Umweg hinter mir, habe eine Verdurstung knapp überstanden, ich würde wohl, wenn ich ein bisschen flotter ging, auch durch einen dunklen Wald kommen. Der Weg wäre ja wenigstens richtig gewesen. Also gab ich mir einen Ruck und los gings.

Die dunklen Abschnitte waren wirklich dunkel. Meine Augen gewöhnten sich nur langsam an die Umgebung. Das Licht am Himmel schwand. Ich lief ewig. Die Waldstücke wurden immer länger, Lichtungen wurden zum seltenen Luxus. Da, ein Knacken im Gehölz. In der Nacht, in der Dunkelheit gehört so ein Wald den Tieren. Ich rechnete vor allem mit Wildschweinen und wusste, dass die Viecher verdammt aggro werden konnten. Aber so lange ich keine sah, machte ich mir keine Sorgen, zumindest keine konkreten. Die diffusen Ängste waren ja sowieso schon den ganzen Nachmittag meine Begleiter. Ich lief und lief. Die Sonne war weg. Der Mond schien relativ hell und versuchte so gut wie möglich, mir Licht zu schenken. Nach einer guten halben Stunde lief ich eine Behelfsstrasse bergab und hoffte nur noch, hinter jeder nächsten Kurve auf Zivilisation zu stossen. Das nahm hier alles kein Ende. Und wenn doch, dann vermutlich kein gutes.

Ich merkte wie Frust, Angst und Panik in mir aufstiegen. Aus dem Arsch, durch den Bauch, den Hals, in den Kopf. Alle Alarmknöpfe wurden gedrückt. Das hier war der Moment für das weinende Zusammenbrechen. Ich schluchzte. Rief „Scheisse!“ in die Dunkelheit. Aber ein Widerstand in mir regte sich. Etwas in mir wollte fighten, wollte den Scheiss hier durchziehen und wusste: Heulen kostet zu viel Kraft. Haben wir nicht. Aufhören damit. Und sofort verstummte ich und eilte weiter.

Die Strasse, der Boden war bei diesem „Licht“ nicht mehr zu sehen oder zu erkennen. Ich stolperte. Flog voll auf die Fresse. Aber auch hier: Schmerzen, sich wehgetan zu haben, das kostet Kraft und Zeit. Haben wir nicht. Weitergehen. Und ich rollte mich mit der letzten Energie des Falls ab, zurück in den Stand und lief einfach weiter. Ich konnte mir keine Verschnaufpause leisten.

Ich sah echte Glühwürmchen am Wegesrand. Wenigstens etwas Schönes. Dann diese seltsamen Geräusche. Was war das für ein Tier? Welches seltsame Wesen stößt einen Ruf aus, der auf eine seltsame Art an Jubel erinnert? Ich konnte das nicht zuordnen. Ich hatte aber auch keine Angst mehr, die habe ich für diesen Tag überwunden. Was jetzt geschehen sollte, würde halt einfach geschehen. Ich bog um die nächste Kurve und da war der Ursprung des rätselhaften Klangs vor mir: Eine Jugendherberge! Genauer: Meine Jugendherberge! Ich hatte mein Ziel erreicht! Glücklich sprang ich die letzten Meter die Strasse hinunter bis ich an dem großen Gebäude angekommen war, vor dem gerade eine Jugendgruppe grillte und spielte und tanzte und feierte und dadurch, eher unbewusst, jede Menge seltsamer Geräusche fabrizierte. Ich suchte irgendeinen Erwachsenen – ein Gruppenleiter - und sie verwiesen mich ans Nebenhaus, dort sei die Pilgerherberge. Ausserdem luden sie mich noch zu ihrem Lagerfeuergrillen ein. Menschen. Ich war gerettet. Gute Menschen. Ich war noch geretteter.

An der abgeschlossenen Tür der Pilgerherberge hing ein Zettel mit einer Telefonnummer, die man als Pilger anrufen sollte. Ich legte erstmal meinen Rucksack ab. Dann mich. Auf die Stufe vor die dunkle Herberge. Über den Platz konnte ich das locker gelöste Grill- und Lagerfeuerfest der Jugendlichen beobachten. Es war zappenduster. Viertel vor Zehn Uhr Nachts. Alles war egal. Alle Schmerzen, alle Ängste, aller Horror. Es zählte nur eins. Ich war angekommen. Und hab zwei Situtationen hinter mich gebracht, die ich für lebensbedrohlich hielt, ob sie das nun waren oder nicht.

Ich drückte den Lichtschalter, aber das war gar kein Lichtschalter. Das war die Klingel der Herberge. Nach dem ersten kurzen Schreck musste ich kichern. Kein Licht, aber eine Klingel. Ich würde meine nächste nächtliche Waldwanderung auch mit einer Klingel begehen. Was für ein wundervoll absurder und bescheuerter Gedanke. Als plötzlich meine Lehne wegbrach. Denn die Tür wurde geöffnet und ich starrte einer Frau in meinem Alter ins Gesicht. War das…das konnte doch nicht sein…Lisa? War ich jetzt total übergeschnappt?

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4 Trackbacks

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2 Friedenstauben

  1. Wow. Tolle Geschichte noch toller aufgeschrieben. Kann mich nicht erinnern im Internet jemals so viel Zeit in das Lesen eines Testes gesteckt zu haben.
    Vielen Dank für das teilen deines Erlebnisses. Bin gespannt wie es weitergeht.

    Kommentar von Rene - 16. August 2013 um 13:36 Uhr
  2. Toll! Aber muss ich wirklich bis morgen auf die Fortsetzung warten? Schon ganz ungeduldig …

    Kommentar von Christian - 16. August 2013 um 14:28 Uhr

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