Franziskusweg, Tag 1

Sich maßlos überschätzen. Kann man ruhig auch mal wieder erleben. Mir ist es so ergangen. Ich ging wandern, auf dem sogenannten Franziskusweg. Der hat, als Weg, viel weniger Historie, als man annehmen mag. Der wurde halt sehr spät angelegt, mit dem Gedanken, dass der Franz von Assisi dort hätte langgegangen sein können. Man weiß es nicht so genau. Es ist quasi der Weg des Konjunktivs. Und da ich mal vor zehn Jahren ein paar Tage auf dem Jakobsweg gegangen bin, hab ich gedacht, ich mach so was noch mal.

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Wie blöd kann man eigentlich sein? Vor allem: Wie wenig kann man die eklatanten Unterschiede beachten? Der Jakobsweg ist seit hunderten, wenn nicht gar tausenden von Jahren erschlossen. Der Franziskusweg nicht. Ich bin damals in einer Gruppe gegangen, wo man sich auffängt, anfeuert, antreibt - das fehlt einem, wenn man alleine läuft. Damals wurde unser Gepäck von Hotel zu Hotel gebracht, diesmal hab ich alles selber geschleppt. Und ich bin nicht der Fitteste unter der Sonne. Ach ja, Sonne: Im Hochsommer durch Umbriens Berge laufen, wie kommt man denn auf das schmale Brett?

Okay, die ganze Geschichte war nicht sonderlich durchdacht, das geb ich zu. Aber ich war die ganze Zeit guter Dinge. Hab mir extra ein Wandermagazin geholt, einen Wanderführer, einen Trekkingrucksack und sogenannte Multifunktionsschuhe, die zufälligerweise in meinem Wandermagazin auch noch Testsieger waren. Ich war also vorbereitet. Ich hatte noch überlegt mir eine kurze Hose zu kaufen, aber dann dachte ich: Ach was, die kauf ich mir in Italien auf einem Wochenmarkt. Da ist doch überall andauernd Wochenmarkt, da werd ich eine schöne Hose finden. So eine Imitation für drei Euro. Ich hatte ja keine Ahnung.

Hätte ich aber haben können, wenn ich mir den Wanderführer nur mal genauer durchgelesen hätte. Da steht nämlich schon im Vorwort:

“Die Wanderung führt durch Täler und über Berge, durch mittelalterliche Städte und an jahrhundertealten Klöstern vorbei. Sie wandern meist auf stillen Pfaden und ruhigen Landwegen. Manchmal auch auf alten römischen Straßen, deren Reste hier und da noch erhalten sind. Ab und an ist ein Stück Asphalt unvermeidlich.”

Das hab ich aber geflissentlich überlesen. Ich hab mir das wie den Jakobsweg vorgestellt. Mal durch ein Dörfchen, dann auf andere Pilger treffen, ein bisschen Natur und dann wieder ein bisschen Zivilisation. Als ich angereist bin, hab ich noch in mein Notizbüchlein geschrieben:

“Ein Mini-Abenteuer, das mir schon zu kurz ist, bevor es angefangen hat.”

Und dann, zur Sicherheit, obwohl ich nicht wusste, wie Recht ich haben würde:

“Für diesen Satz werde ich mich sicher noch verfluchen (hoffentlich nicht).”

Die Anreise war total super. Ich musste mit Bus und Bahn fahren, bis ich endlich in dem Ort war, von dem aus ich mein Abenteuer starten wollte. Diese Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit, die ist schon super. Hat mich total gekribbelt. Außerdem hab ich natürlich gedacht, dass mich diese Reise so sehr ändern würde, dass sich mein ganzes Leben dadurch ändert. Ich bin nicht unzufrieden, aber wie bei jedem halbwegs reflektierten Menschen, könnten ein paar Sachen natürlich deutlich besser sein. Und den Schlüssel dazu, vermutete ich auf dem Weg und vor allem beim allein sein. Der Mensch denkt ja immer, besonders viel lösen zu können, wenn er allein ist. Und ich wollte auch wieder so ein lustiges Musikvideo von mir drehen, wie ich es ja schon in Rom und Paris gemacht hatte. Also, sehr viel vorgenommen für fünf Tage rumlaufen. Volles Programm. Langweilig würde mir sicher nicht werden.

Meine Notizen des Anreisetages enden mit den Worten:

“Ich seh aus wie so ein richtiger Wandertrottel. Das find ich gut.”

Oje.

Am nächsten Morgen. Ich stehe relativ früh auf. Einerseits war es nämlich total heiß in meinem Zimmer, andererseits war ich natürlich auch so derbe aufgeregt. Das Hotel war niedlich, in dem ich war. Das Frühstück war zwar ein Witz, aber mei: Italienisches Frühstück. Wer da Überraschungen erwartet, der kann mir nur leid tun. Ich trank ein Glas H-Milch und checkte aus.

Nun noch den richtigen Weg finden und schon konnte es losgehen. Ich war so weit. Hab mir noch eine große Flasche Wasser gekauft und in der Seitentasche des Rucksacks verstaut. In der Hand eine kleine Flasche Sprite. Und dann ging es raus aus der Stadt…direkt auf einen Berg. Der Tag fing mit einer richtig steilen Steigung an. Also gut. Ich hab es nicht eilig, ich muss mir keinen Druck machen. Langsam schlich ich den asphaltierten Berg hoch. Die Geschichte fing wirklich schon superanstrengend an. Die Sprite hab ich halb voll in eine Mülltonne geschmissen. Irgendwie war ein so süßes Getränk gerade total falsch. Und ich trink solche Sachen wirklich IMMER.

Ich musste um ein Haus und schon kam die erste Prüfung. Der Wanderführer schrieb irgendwas von einem “abfallenden Graspfad”, gegenüber eines Hauses. Nun stand ich an dem Haus, hab aber keinen Graspfad gesehen. Die zwei Hunde, die ohrenbetäubend laut und ohne Unterbrechung nur wenige Zentimeter von mir entfernt hinter dem Zaun des Hauses klar machten, dass sie mich gesehen haben, trugen jetzt auch nicht unbedingt dazu bei, dass ich mir in Ruhe und konzentriert ein genaues Bild der Lage machen konnte. Nachdem ich, permanent bewacht, einige Male um das Haus rumgestakst bin, hab ich den Weg dann doch noch gefunden. Der ging jetzt durch einen Wald, über ein kleines Bächlein, mal musste man ein paar Äste zur Seite drücken…irgendwie cool. So ähnlich hatte ich mir das vorgestellt.

Ich kam an einem Hof vorbei und alle grüssten mich freundlich. Ach, war das schön. Dann ging es schon wieder bergauf. Sehr steil bergauf. Aber durch eine verwunschene Kulisse, mit einem wilden Bach und so einer Art Naturplateaus, auf denen man mal rasten konnte. Das war okay. Ich wusste ausserdem, dass am Ende des Weges ein Kloster sein würde. Wenn man also auf dem Weg hin zu Zivilisation war, war alles halb so wild.

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Das Kloster war wirklich pitoresk und hier konnte ich auch meine Flasche auffüllen, mit frischem, gesegnetem Bergwasser, quasi direkt aus der Quelle. Das war so kalt, so lecker, so gut und rein. Ich glaube, ich hab noch nie besseres Wasser getrunken. Nach einer kleinen Pause ging ich weiter. Die Leute, die ums Kloster herum arbeiteten grüßten mich fröhlich und ich bedankte mich für die guten Reisewünsche. Jetzt ging es wieder bergauf. Seltsam. Wieso geht es immer weiter nach oben? Wie hoch kann das gehen? Es muss doch irgendwann auch wieder runter gehen.

Tatsächlich ging es nun eher auf und ab und ich lief auf einer Art Panzerspur. So trockene, lehmige Erde, mit so einem ganz krassen Profil. Wahrscheinlich von einem Bagger oder Traktor, aber in meiner Fantasie haben hier die Routenplaner mit dem Panzer einen Weg gebahnt. Hätten sie sich mal darauf konzentriert, den Weg zu beschreiben, denn ich war schon wieder ratlos. Mehrere Wege kreuzten sich und es war nicht so richtig klar, wo es nun langgehen soll. Ich ging einfach ein paar Schritte weiter. Da knackte es und einen knappen Meter vor mir lief auf einmal so ein Springbockrehhirschjunge los und hüpfte supercool in den Wald, wobei er immer mit den Vorder- und Hinterbeinen gleichzeitig sprang. Das sah Hammer aus. Ich hab ihm noch hinterher gerufen, aber er kam nicht mehr zurück. Jetzt war ich mega geflasht. Was für eine coole Begegnung!

Fröhlich lief ich weiter. Bergauf natürlich. Und kam dann über die Grenze zwischen Toskana und Umbrien! Yeah! Nicht, dass da jemand irgendwie ein Schild für aufgestellt hätte oder so. Man muss sich da auf Karte und Wanderführer verlassen.

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Ich staunte über die Vielfalt der hiesigen Schmetterlingspopulation und freute mich noch mehr, dass mir sogar der Name eines zweiten Schmetterlings wieder eingefallen ist. Zitronenfalter kann ja jeder, aber ich erinnerte ich plötzlich wieder an das Tigerauge. Super Name.

Ich kam an einem verfallenen Bauernhof vorbei. Schade eigentlich, dachte ich, cooles Haus. Aber lag halt mitten im nix. Da wollte dann irgendwann einfach niemand mehr hin. Ich kam durch einen kleinen Bach an eine Stelle, an der Holz gelagert wurde. Anscheinend für den Winter. Da war auch ein Riesenhaufen mit Stöcken, die so den Durchmesser eines Fünf Mark Stücks hatten. Perfekt. Ich hab sofort meinen Wanderstab gefunden. Hatte ich auf dem Jakobsweg auch und hat mir da super Dienste geleistet. So ging ich meines Weges. Vorbei an einer weiteren Bauernhofruine. Eine ältere Dame mit Nordic Walking Stöcken kam mir entgegen. Ich grüßte, sie grüßte. Man war vertraut, wir kamen quasi aus dem gleichen “Club”. Bei so wenigen Begegnungen mit anderen Wanderern, wurde alles schnell konspirativ.

Ich machte erneut ein kleines Päuschen. Mensch, der Rucksack wurde aber auch nicht leichter. Und es könnte auch mal wieder so eine Wasserquelle kommen, mein Trinkvorrat ging nämlich langsam zur Neige. Und der Stock nervte vielleicht. Das war eine schlechte Idee. Come on, als Wanderer darf man an keinen schlechten Ideen hängen. Und wie einen Speer warf ich den Stock ins Unterholz. Nicht besonders weit, ehrlich gesagt. Die Kraft in meinen Armen hat wohl etwas gelitten. Wurst. Weiter ging’s.

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Nachdem ich quer durch irgendein Feld laufen musste, an einem Straßenwachthäuschen vorbei auf einem Stück Straße, auf dem mich nur ein LKW laut tosend überholte, kam ich wieder auf so eine unbefestigte Straße, eine sogenannte “Strada Biancha”, weil der Schutt und getrocknete Lehm, aus denen diese Wege bestehen, immer so weißlich aussehen. Und mit dem Blick nach vorne wurde klar: Ich würde noch sehr lange auf dieser Straße sein, noch SEHR lange. Es war zwar Nachmittag, aber immer noch unfassbar heiss. Und meine Wasserflasche war fast leer. Kein Haus, geschweige denn ein Ort in Sicht. Und da wurde ich zum ersten Mal auf dieser Tour ein bisschen verrückt. Ich sang laut irgendeinen Stuss vor mich hin, der mir gerade einfiel. Dann redete ich laut italienisch mit mir, um in Übung zu bleiben und gut sprechen zu können, wenn ich in diesem Leben jemals noch mal auf Menschen, womöglich sogar Italiener treffen sollte.

Der Weg ging ewig nach oben, klar, wohin auch sonst. Als es auf der anderen Seite des Hügels wieder runter ging, kamen erste Häuser. Aber mehr so zu Villen umgebaute, alte Bauernhäuser. Mit kleinen Zierhecken. Hier konnte man nicht nach Wasser fragen, da würde man sicher direkt eine Ladung Salzkörner aus der Schrotflinte in den Hintern geschossen bekommen. Ich ging weiter. In der Ferne sah ich auf einem Feld einen riesigen Wassersprenger das Feld beregnen. Was hätte ich darum gegeben, auf diesem Feld zu stehen. In diesem Moment. Unter diesem verschwenderischen Wassersprenger. Aber das war zu weit weg und auf gar keinen Fall auf meiner Route. Und Umwege sind die Pest und auf jeden Fall zu vermeiden.

Dann aber kam ich durch das erste Dorf, welches im Wanderführer benannt wurde. Da musste es doch Wasser geben, oder? Gab es nicht. Es war auch kein Dorf, sondern eine Strasse mit vier Häusern und einem Fussballplatz. Aber: Am Ende der Strasse, die aus dem angeblichen „Dorf“ raus führte, sah man schon das nächste, viel größere Dorf. Mein Ziel. Gleich wäre ich da.

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Meine Schritte wurden schneller, obwohl ich nicht mehr konnte. Ich lief zum Dorf hinein. Die vor der Bar abhängende Dorfjugend begrüßte mich mit einem von mir schwach erwiderten “Salve.”. Ich fand ein kleines Lädchen. Eine kleine Flasche Fanta und eine große Flasche Wasser. Beides nicht gekühlt, aber wie egal mir das gerade war. Mit der Kassiererin einen kurzen Plausch über die Hitze und das Wandern auf dem Franziskusweg. Dann raus aus dem Laden. Unter den Blicken des Frisörs und ein paar seiner Kunden, habe ich mich sofort auf der Bank vor dem Laden des Figaros hingesetzt und die Fanta in einem großen Schluck weggezischt. Tat das gut. Trinken! Und wenn es Eselspisse gewesen wäre (manche meinen ja sogar, da wäre der Unterschied gar nicht so groß…). Das hier war eine richtige Erlösung.

Ich checkte im erstbesten Hotel ein, das auch ganz nett war. Dann holte ich mir in einem Imbiss, der von zwei irrsinnig netten und aufmerksamen Damen betrieben wurde, noch ein paar Stücke Pizza. Sie sagten, ich solle Servietten mitnehmen. Ich zog ein paar aus dem Spender. Dann riefen sie mich noch mal zur Kasse und legten mir zwei Servietten hin, als wenn sie sie abzählen würden. Auf der einen war ein 50 Euro Schein gedruckt, auf der anderen ein Hunderter. Mit diebischer Freude gaben sie mir diese beiden Spezialservietten, die wohl nur für besondere Kunden waren. Ich hab mich ehrlich total gefreut und die beiden sich auch. Win-win.

Lustigerweise war an genau diesem Abend im Ort noch ein “Oktoberfest” mit Grill und deutschem Bier und so. Und so sehr ich solch skurrile Augenblicke ungern an mir vorbeigehen lasse: Ich konnte nicht mehr. Also bin ich zurück ins Hotel, aß meine Pizza und guckte im italienischen Fernsehen “Rocky 2″, der glücklicherweise im Zweikanalton ausgestrahlt wurde, weswegen ich ihn in Englisch gucken konnte. Aus dem zwar mit Fensterläden verschlossenen, aber dennoch geöffneten Fenster drangen Alphörner von der örtlichen Sommerwiesn an mein Ohr. Dann schlief ich endlich ein.

Hier gehts weiter mit Tag 2.

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