Ein Hurenbock privat

Keine Angst (oder “Tut mir leid”, je nachdem), in diesem Text wird es nicht um mich gehen. Zumindest die Überschrift bezieht sich nicht auf mich. Aber von vorne:

Ich überlege die ganze Zeit, was ich jemals 13 Jahre am Stück gemacht habe. Also, ausser vielleicht besonders charmant zu sein, oder so. 13 Jahre verheiratet sein heisst bestimmt pferdeapfelne Hochzeit, oder so. Aber ich bin ja gar nicht verheiratet. Ah, ich habs! Ich kenne meine allerbeste Freundin, meine Verbündete, meine Soulmate nun seit 13 Jahren. Mit allen Aufs und Abs. Aber gibst noch irgendwas Anderes? Gibt es etwas Anderes, was ich seit 13 Jahren mache? Mein Beruf ist es irgendwie nicht, dafür war mein Lebensweg zu durcheinander. Nun sind 13 Jahre ja auch nicht die Welt, in einem Beruf. Einige Leute haben ja irgendwann ihr 40 jähriges Berufsjubiläum. Ich glaube für 13 Jahre im gleichen Job gibt es gar keine Glückwunschkarte zu kaufen, oder? Vermutlich nicht. Sollte es aber geben! Für einen jungen Typen, der gerade mal am Anfang der 30er ist, sind 13 Jahre ja schon eine Menge Holz. Und für eine Katze (Durchschnittsalter 15 Jahre) ja noch viel mehr! Quitzi, die beste Internetkatze aller Zeiten, feiert ihr 13 jähriges Jubiläum als Comicfachhändler im “Grober Unfug“, meinem schon viel zu oft erwähnten Lieblingscomicladen. Und er nimmt das zum Anlass, seine Expertise auszuspielen: Verschiedene Blogger bekamen von Quitzi einen Comic geschickt, der sie seiner Meinung nach begeistern könnte. Nun mag er sich mit kleinen bunten Bildchen auskennen, mit Menschen aber anscheinend nicht so sehr. Zumindest die ersten beiden Probanden dieses Feldversuchs waren von den Büchern, die sie bekamen, wenig begeistert.

Und da komme ich ins Spiel. Quitzi und mich, uns verbindet eine Vorliebe für seltsamen Humor, der bisweilen auch recht pubertär daher kommen darf. Wenn er, so wie beispielsweise in den Johnny Ryan Comics, dennoch irgendeine Komponente hat, die ihn zu etwas Besonderem macht. Also, ich weiß gar nicht ob wir beide diesen Humor haben, oder er immer nur so tut, wenn ich bei ihm im Laden stehe und er eigentlich lieber Hägar oder so was liest. Aber ich denke nicht. Er hat auch eine große Leidenschaft für das Archie-Universum, das mich zum Beispiel so gar nicht kickt. Das ist ja vielleicht ganz beruhigend zu wissen.

Nun bekam ich meinen Comic für die Aktion mit dem Titel: “Megaquitzchenmittwoch” (weil das Jubiläum an einem Mittwoch war). Und damit kommen wir auch endlich zur titelgebenden Figur dieses Textes. Das Buch heisst “Pascin”, ist von Joann Sfar und im Avant-Verlag schon 2006 erschienen. Quitzi meinte, es würde ihn wundern, das dieses Buch nicht viel erfolgreicher wäre. Nun gut. Gucken wir uns das ganze mal genauer an:

pascin-cover_klein

Das Buch fängt erstmal mit einem Trick an: Über den ersten vier Illustrationen von Pascin steht: “Der Autor möchte betonen, dass die Ereignisse in diesem Buch allesamt seiner Imagination entspringen. Hierbei handelt es sich nicht um eine Biographie des Zeichners und Malers Julius Pinkas, genannt Pascin (1885-1930).” Das ist die erste Information, die man bekommt, bevor man irgendwas gelesen hat. Und dann geht es los, dieses Buch über den Maler Pascin, den sein Aktmodell schon im dritten Bild “Julius Mordecai Pincas” nennt. Die Relativierung also direkt wieder aufgehoben. Pascin ist ein Maler im Paris der Jahrhundertwende. Und er lebt ein Leben, wie man es sich genau da, von genau so einer Person vorstellt. Er zeichnet den ganzen Tag, wo er geht und steht, geht in Cafés, hat schöne Freundinnen, die sich gerne von ihm malen lassen. Ihn umweht ein Hauch von Lust, von Sex und von einer gewissen Ernsthaftigkeit. Er ist ein loyaler Freund, der sich die Menschen um ihn herum immer mit einem staunen ansieht. Er ist ein wenig in seine Muse verliebt, aber sie ist verheiratet. Vielleicht ist er auch eher in dieses Spannungsverhältnis verliebt. Überhaupt Liebe! Er macht sich nicht viel aus Körperlichkeit, aus Nähe. Ihn interessiert die Schönheit des Körpers. Lust ist für ihn, der sich als kleiner Junge gerne in einem Bordell aufgehalten hat, wohl eher Geschäft. Klare Verabredung. Notwendiges Übel. Spaß, ja, auch. Aber seine Inspiration ist woanders. Und Liebe ist für Pascin etwas ganz anderes.

So begleitet man ihn als Leser durch sein buntes Leben. Lernt seine ganzen Frauen kennen, erlebt ihn verzweifelt, erlebt ihn glücklich. Später erlebt man seine Potenzprobleme mit, seine verzweifelten Liebesversuche oder wie er sich, wohl um sich wenigstens wieder zu spüren, völlig grundlos lachend zusammenschlagen lässt. Nur um kurz danach in einer Kneipe ein Loblied auf die Liebe zu halten. Ja, Pascin ist wohl genau das, was man einen “Lebenmann” nennt, einen Bonvivant. Und ganz ehrlich, er ist der Typ, mit dem man um die Häuser ziehen möchte. Ein gütiger Zuhörer und faszinierender Erzähler. Ein Hafen für die ganzen Gestrandeten. Der am liebsten auch noch selber immer die Zeche zahlt. Guter Typ.

pascin_t06_01

Pascin liebt die Huren seiner Stadt. Er begehrt sie nicht körperlich, er fühlt sich mit ihnen verbunden. Sie ziehen ihn an, er liebt sie schon seitdem er als kleiner Junge seinem Vater Geld geklaut hat und zu ihnen ging - bevor er überhaupt geschlechtsreif war. Huren zogen und ziehen ihn an. Diese seltsame Atmosphäre in den Puffs, diese Mischung aus Abgeklärtheit und Verletzbarkeit, die die Nutten ausstrahlen. Dieses überhöhte Zurschaustellen weiblicher Attribute, das einerseits Geschäft ist, andererseits Lust am Spiel. Und die Macht, die die Nutten über ihre Freier haben, über die Männer. Das fasziniert ihn, zieht ihn immer wieder ins Rotlicht.

So wie sein bester Freund, eine Rotlichtgröße aus Marseille. Durch ihn lernen wir, wie und warum Pascin malt und zeichnet. So absurd das sein mag, der Verbrecher ist stellvertretend für den Leser. Versucht genauso sehr zu begreifen, was einen Künstler antreibt. Wie tickt Pascin? Niemand kommt einer Antwort darauf näher als Toussaint, der vermeintlich gröbste, ungehobelste und gefährlichste Freund des Malers.

pascin_t03_04

Das mag wirr klingen. Das mag wie ein Durcheinander klingen. Aber das ist kein Vergleich zu den Zeichnugen. Ich hab wirklich schon viele Comics gelesen. Von den unterschiedlichsten Zeichnern mit den unterschiedlichsten Stilen. Aber ich habe noch niemals jemand gesehen, der so viele verschiedene Stile gleichzeitig malt, wie Sfar in diesem Comic. Die Stile wechseln nicht nur von Kapitel zu Kapitel (was vielleicht noch dadurch zu erklären wäre, dass das Ganze ursprünglich eine sechsteilige Heftserie war), manchmal wechselt er auch mitten im Erzählfluss. Das ist absolut verrückt und kann in seiner craziness nur noch davon getoppt werden, das einem das beim lesen ü b e r h a u p t nichts ausmacht. Wirklich, so was seltsames hab ich noch nicht erlebt. Normalerweise, wenn ich das Buch nur mal eben so durchblätterte, würde ich sagen: Nö, nervt mich. Unruhig, kein durchgehender Stil, scheinbar willkürliche Wechsel des Strichs, will ich nicht lesen. Aber wie furchtbar falsch ich doch läge!

Die Stilwechsel sind so ziemlich eines der dynamischsten Stilmittel, die ich beim lesen je erlebt habe. Der Focus wird plötzlich total verschoben, egal was erzählt wird. Die Stimmung im Raum ist spürbar, die Stimmung der Protagonisten sowieso. Man macht eine Pause, der Strich wird ungenauer, Details unwichtiger. Der Schritt der Geschichte wird schneller. Dann wieder innehalten. Pascin entdeckt eine wunderschöne Frau. Der Strich wird ultradetailliert. Als wenn es jemand anders gemalt hätte - und doch ganz klar im Stil des Rests der Geschichte. Ich habe ehrlich gesagt gar keine Ahnung, wie Sfar das geschafft hat. Aber er ist der einzige, mir bekannte Zeichner, der so radikal so viele Stile in sich vereint. Und, na klar, diese Unterschiedlichkeit passt natürlich am hervorragendsten zu einer Künstlerbiographie. Die ja keine ist. Angeblich.

pascin_t01_01

Die Biographie des “echten” Pascin ist beherrscht von seinem Selbstmord, 1930. Sfar zeichnet ein ganz anderes Bild des Malers. Die Depression, die sich vor allem in den letzten Lebensjahren ihren Weg gebahnt hat, interessiert ihn höchstens am Rande. Hier und da blitzen solche Momente auf, aber sie bestimmen noch lange nicht den Alltag. Es geht um Pascins Leben, nicht sein sterben.

Ich weiß nicht, was von Sfars Geschichte wahr ist und was er sich ausgedacht hat. Das spielt auch wirklich gar keine Rolle. Er hat eine Geschichte gemalt, über einen Künstler der ihn fasziniert, offensichtlich auch inspiriert (die Zeichnungen des echten Pascin würden auch alle in den Comic passen), jemand dem er sich so versucht hat zu nähern. Indem er sich sein Leben vorstellt, vielleicht anhand von ein paar Eckdaten und Informationen. Ich halte solche Arbeiten für aufrichtige Biographien. Vielleicht erfährt man über den Autor der Biografie auch vieles, vielleicht spiegelt sich der Autor in dem Leben des Objekts seiner Faszination. Ähnlich wie in Couplands McLuhan-Biografie (hier die Weltfrieden-Review).

Ich habe vor vielen Jahren mal das Script für ein Hörspiel über Daniil Charms geschrieben, mein Lieblingsschriftsteller. Und da ging ich ebenso vor: Informationen waren spärlich gesät, eine Charms-Expertin hatte wohl Angst, das ihr irgendwas weggenommen würde und verbat sich jegliche Mithilfe und schrieb noch dazu: “Aber hüten sie sich vor Legendenbildung!” und hat mir damit die Augen geöffnet: Natürlich musste ich Charms zu einer Legende schreiben! Selbstverständlich musste ich ein paar kleine Anekdoten über ihn erfinden und zwischen die Fakten betten. Denn genauso hätte er sich das gewünscht! Kunst und Leben müssen verschwimmen, zu einer Einheit werden. Auch lange nach dem Tod. Na klar!

Und genauso eine Biographie, wie sie Sfar gezeichnet hat, hätte sich Pascin gewünscht. Um dann danach einen trinken zu gehen. Am besten im Puff um die Ecke.

(Die Bilder aus dem Comic, die hier abgebildet sind, sind natürlich und offensichtlich aus der französischen Version - ich hab die deutsche Übersetzung gelesen und die war super - mir kam zumindest nichts sprachlich komisch vor…)

Deine Friedenstaube