Eine Geschichte mit einem schlechten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem schlechten Ende. Das einzige Stichwort war: Kaffetasse.

Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer Spülmaschine. Sie war ihr langweiliges, eintöniges Leben so satt. Es gab wirklich wenig unerfüllendere Daseinsformen, als ein Leben als Kaffeetasse zu führen, fand sie. Damals, als sie noch roher Ton in der Erde war, da ging es ihr gut, da war immer was los. Und auch danach, als sie zu Tage gefördert wurde, da gab es so unheimlich viel zu entdecken. Die Sonne, die menschlichen Hände, die sie anfassten, die Drehscheibe auf der sie landete, das trocknen, das brennen, das glasieren. Hach ja, das war ein spannendes und aufregendes Leben. Und dann stand sie auf dem Markt und war davon überzeugt die tollste und schönste Kaffeetasse zwischen ihren ganzen Freunden zu sein. Und so war es auch: Sie wurde als erstes ausgesucht, als erstes gekauft. Voller Stolz liess sie sich einpacken und zu ihrem neuen Besitzer mit nach Hause nehmen. Sie war jetzt eine Tasse von Welt, eine Grand Tass, oder wie auch immer das auf französich hiess.

Aber hätte sie doch nur jemand gewarnt. Hätte ihr doch nur jemand gesagt wie schrecklich das ist, die Tasse von jemandem zu sein. Es trank eigentlich immer der gleiche aus ihr, der Mann der Familie. Jeden Morgen am Frühstückstisch. Dann trank er seinen Kaffee aus ihr. Sie hasste dieses bittere, ekelige Zeug. Aber es half nichts. Manchmal, vor allem wenn der Mann nicht da war, dann trank auch schon mal die Frau aus ihr. Das war immer ein Freudenfest: Weiche, zarte Lippen, geschmeidige Hände die sie ganz umfassten und vor allem: Tee! Leckerer, süßer, angenehmer Tee! Leider waren diese Tage viel zu selten, der Mann war eigentlich immer zu Hause, zumindest morgens.

Und dann wurde sie nach dem Frühstück immer in die Spülmaschine geräumt. Den halben Tag in einem kleinen, dunklen Raum und dann auch noch heiß und nass abgespritzt werden, nein, das war nichts für sie. Das war wirklich unangenehm. Abends wurde sie dann wieder rausgenommen, und direkt in den dunklen Schrank gestellt. Da stand sie dann neben dem ganzen Anderen Geschirr, mit dem nun wirklich keine vernünftige Konversation zu führen war. Die tiefen Teller, die immer nur sangen (und zwar ausschliesslich Shanti-Chöre, also so Seemannslieder wie „Alle die mit uns auf Karperfahrt fahren“ oder „Ik hev in Hamburg nen Veermaster sehn“), die Sektgläser, die immer nur mit ihren hohen Fistelstimmchen über den neuesten Klatsch und Tratsch aufgeregt redeten oder die kleinen Espressotassen, die die ganze Zeit damit beschäftigt waren, die Untertassen mit ihrem italienischen Akzent anzubaggern. Die Tasse des Vaters war nicht arrogant oder so, sie hatte wirklich sehr oft versucht mit dem anderen Geschirr in Kontakt zu treten oder sich anzufreunden, aber die Wellenlängen waren einfach zu unterschiedlich. Mit ihr wollte keiner was zu tun haben.

So ging es viele lange Jahre. Die Tasse unterhielt sich hier und da mal mit anderem Geschirr. Auch wenn neues dazu kam, hatte sie immer die Hoffnung, doch jetzt endlich mal einen Freund gefunden zu haben. Aber es hat kein einziges Mal wirklich funktioniert. Es interessierte sich niemand für die Tasse. Vielleicht war sie mittlerweile auch einfach zu depressiv. Wer weiss? Und dann, plötzlich, nach den ganzen Jahren Frust, kam auf einmal ein grosser Tag. Ein Tag, mit dem die Tasse schon gar nicht mehr gerechnet hat:

Der Schrank wurde wirklich immer voller. Grund genug für die Hausherrin, einmal auszumisten. Sie nahm nacheinander die Geschirrstücke aus dem Schrank, begutachtete sie und entschied dann ob sie bleiben konnten, oder nicht. Ihrem Mann hatte sie schon bei seinem letzten Geburtstag eine neue Tasse geschenkt, seitdem wurde die Ältere eigentlich gar nicht mehr benutzt. Die Frau nahm sie aus dem Schrank, betrachtete sie ein wenig melancholisch, sagte dann zu ihr: „So, was machen wir mit dir?“, überlegt kurz und packte die Tasse dann erst in Zeitungspapier und dann in eine Kiste. Was war hier los? Was würde nun passieren? Oh, war das aufregend! Jippieh!

Nachdem die Kiste quälend endlos lang im Keller rumgestanden hat (zumindest kam es der Tasse so vor, in Wirklichkeit stand die Kiste da nur vier Tage…), wurde sie wieder bewegt. Der Mann trug sie aus dem Haus! Ins Auto! Es war einfach unvorstellbar für die Tasse, was nun noch alles passieren würde. Nach längerer Fahrt hielt das Auto an. Der Kofferraum wurde kurz geöffnet, dann wieder geschlossen. Und dann hiess es wieder warten.

Die Gedanken und Vorstellungen der Tasse überschlugen sich. Sie würde in ein Museum kommen! Nein, sie sind umgezogen! Nein, sie würde den Tanten geschenkt! Sie malte sich die unterschiedlichsten Szenarien aus. Aber sie erschienen ihr alle unrealistisch, sie meinte das jede ihrer Vorstellungen Quatsch wäre. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was als Nächstes mit ihr passieren würde. Sie konnte es nicht.

Mit einem schnellen Ruck wurde der Kofferraum geöffnet. Die Kiste wurde rausgehoben. Es war auf jeden Fall ein heller Tag, die Sonne musste wahrscheinlich scheinen. So viel konnte man auch durch das Zeitungspapier hindurch mitbekommen. Viele Stimmen redeten, riefen sich Sachen zu. Es quietschte an allen Ecken und Enden. Autos fuhren langsam, parkten, fuhren wieder weg. Dann wurde sie endlich aus der Kiste gehoben. Das Zeitungspapier wurde entfernt. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie endlich wo sie war. Der Mann sagte stolz: „Du kriegst natürlich einen Ehrenplatz, mein Prachtstück..“ und stellte sie auf einen Tisch. Das war kein massiver, schwerer Tisch, das war eher so ein Provisorium. Wie an den vielen anderen Tischen auch, die sie jetzt sah. Ein ganzer Parkplatz voller Tische und Menschen, die allerlei Plunder auf den Tischen ausbreiteteten. Davon hatte die Tasse schon mal gehört, ein älteres Geschirrteil, das plötzlich neu in den Sharnk kam, hatte einmal davon erzählt: Das hier war ein sogenannter Trödelmarkt. Die Tasse blickte sich staunend um. Es war so wundervoll, so schön! All diese Dinge, die eine zweite Chance bekamen! Diese alten Sachen, die sich noch einmal stolz auf einem Markt präsentieren durften! Wie glücklich sie alle waren! Und wie glücklich die Menschen waren, die sie kauften! Alles war entspannt, alles war voller Glück. Sie wusste nicht wann sie das letzte Mal so aufgeregt und glücklich zu gleich war. Und dann bekam sie auch noch einen Ehrenplatz auf dem Tisch! Dies war der beste Tag in ihrem Leben, da war sie sich sicher.

„Oh, das ist aber ein schönes Stück!“, sagte die Frau, die an dem Tisch stand. Sie hob die Tasse hoch und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte schöne Hände und sie fasste die Tasse ganz behutsam an. Wie einen kleinen Schatz. In diesen Händen würde die Tasse gerne wohnen, dachte sie sich. Der kleine Sohn der Frau rannte herum. Ihm war langweilig, vor allem weil seine Mutter sich eine blöde Tasse ansah. Er wollte weitergehen, er hatte am Ende des Ganges einen Stand mit Playmobil gesehen. Ungeduldig zerrte er am Arm seiner Mutter. Weil sie nicht reagierte, zog er jetzt noch fester. Da passierte es. Seine Mutter erschrak von dem Zieher. Da sie die Tasse nur vorsichtig gehalten hatte, fiel sie ihr nun aus der Hand. Die Tasse stürzte zu Boden. Das wird es dann wohl gewesen sein. Gerade noch so glücklich, so einen wundervollen Moment erlebt und jetzt fiel sie und würde gleich in Tausend kleine Teile zerspringen. Da geschah das unglaubliche: Die Tasse fiel nicht zu Boden, sondern dem kleinen Jungen auf den Kopf, dann weiter Richtung Boden, aber aus Reflex hielt der Junge die Hände auf und fing die Tasse somit, woraughin er sie staunend ansah. Wieviel Glück kann man haben? Die zweite „Wiedergeburt“ an einem Tag! Nun war die Tasse hundertprozentig sicher, bei den richtigen Menschen zu sein und das diese sie jetzt auch kaufen und mit nach Hause nehmen würden, wo sie, die Tasse, ein neues Leben beginnen würde. Einen Neuanfang. Alles noch mal, aber alles anders. Sie fühlte sich wie eine nigel-nagel-neue Tasse.

„Blödes Scheissding, jetzt hab ich ne Beule wegen dir!“ sagte der Junge, nachdem er sich gefasst hatte und warf die Tasse mit voller Wucht auf den Boden, wo sie in tausend Teile zersprang. Die Scherben wurden schnell mit dem Fuss in den Rinnstein gekehrt, wo der Wagen der Stadtreinigung sie später aufsog und zur Müllkippe brachte.

„Hoffentlich werde ich in 1000 Jahren bei Ausgrabungen entdeckt und wieder zusammengesetzt.“, dachte sich die grösste Scherbe. Wohlwissend das ausser ihr alles andere um sie herum früher oder später verrotten würde.

Eine Friedenstaube

  1. oh =(

    Kommentar von Melladybird - 06. April 2012 um 00:56 Uhr

Deine Friedenstaube