Zwei Bücher - meine Meinung

Ich habe zwei grossartige Bücher gelesen, von denen eins nun in meine Top 3 der besten Bücher aller Zeiten aufgestiegen ist, aber kümmern wir uns erstmal um das Andere:

- “Marshall McLuhanist eine hinreissende Biografie, geschrieben von Douglas Coupland, die einen selbst dann interessieren könnte (und sollte), wenn man mit McLuhan erstmal nix anzufangen weiß.

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Coupland dürfte den meisten noch ein Begriff sein, wegen seines Romans “Generation X”, der in den frühen Neunzigern praktischerweise gleich als Label für die Generation verwendet wurde, die ihn las. Seitedem hat der Kanadier noch eine Menge anderer Bücher geschrieben, die ich alle nicht gelesen habe (welch wichtige Information für sie, liebe Leser). Nun also die McLuhan-Bio. Ich mochte McLuhan immer ganz gut leiden, seit ich das erste Mal von ihm im Medienwissenschaftsunterricht an der Filmhochschule gehört habe. Der war irgendwie in seinen Theorien nicht so fantasymässig wie Flusser und nicht so miesepetrig wie Postman. Das mag natürlich auch an den Vorträgen meiner Professorin gelegen haben (die vermutlich die besten Medienwissenschafts-Vorlesungen auf der ganzen Welt hält). Ausserdem ist McLuhan persönlich in einem Woody Allen Film aufgetaucht. Der kann also kein schlechter Mensch gewesen sein. Nun wusste ich noch um die zentrale These von McLuhan (”The Medium is the message”, “heiße” und “kalte” Medien) und damit war mein Wissen über ihn erschöpft. Wenn also Coupland eine Biografie über ihn schreibt: Hey, die ist doch bestimmt gut lesbar. Und was soll ich sagen: Sie ist es.
Coupland verfällt weder dem Zwang, dem sich viele Biografen unterwerfen, nämlich faktisch und zeitlich immer superkorrekt zu bleiben, noch blickt er verklärend auf das Leben McLuhans zurück, wie es in Autobiografien (natürlich) zu oft der Fall ist. Coupland zeichnet den Lebensweg dieses Fremden nach und mischt sich selbst, so oft es geht, in die Geschichte ein. Und das geht sehr oft. Manchmal geht es auch gar nicht und er macht es trotzdem. Und damit macht er dieses Buch zu einer der amüsantesten, kurzweiligsten und gleichzeitig spannendsten Biografien, die ich jemals gelesen habe. Ich bekommen zu jeder Zeit auch noch eine zeitliche und gesellschaftspolitische Einordnung der Äusserungen McLuhans, auch auf das hier und jetzt bezogen. Mehr kann ich mir von so einem Buch eigentlich gar nicht mehr wünschen. Den einzigen Vorwurf den man Coupland machen könnte ist, das das Buch einem kaum noch Gelegenheit lässt, selbst über die Theorien und McLuhan nachzudenken - aber wie und wo könnte das ein ernstzunehmender Vorwurf sein, ausser bei totalen Erbsenzählern und Deutschlehrern? Eben. Selbst wenn man noch nie von McLuhan gehört hat: Kaufen und lesen. Tolle Geschichte! (Und, btw, auch recht schnell zu lesen. Eigentlich perfekt für die Osterferien)

- “Deutschboden: Eine teilnehmende Beobachtungist, seitdem ich es zum ersten Mal gelesen habe, eines meiner drei liebsten Bücher ever, über den Autor Moritz von Uslar, der nach Ostdeutschland fährt um sehen zu wollen, wie es da eigentlich so ist, in dieser unbekannten Welt zwischen Tankstellen und Klischees.

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Boah. Ich bin meganeidisch auf dieses Buch. Das ist genau das Buch, das ich hätte schreiben wollen - aber nie gekonnt hätte. Moritz von Uslar hat mal so ungefähr die genialste Sprache, die ich jemals gelesen habe. Das ist unglaublich. Auf jeder Seite wieder ein Satz, über den ich mich total gefreut habe und den ich am liebsten irgendwem gezeigt hätte, hätte ihn irgendjemand aus dem Zusammenhang gerissen verstanden (ich hab es 2,3 Mal bei meiner besten Freundin versucht und musste feststellen: Wenn ich mitten aus der Story einen Satz reisse und ihr kichernd vorlese, so lacht sie zwar aus Höflichkeit, kann aber nicht so wirklich was damit anfangen…also quasi das “Muss man wohl dabeigewesen sein”-Syndrom). Und das waren bis jetzt nur die Formalismen. Der Inhalt ist ja dann auch nochmal ein ganz anderer Schnack:

Ich fahre ja überdurchschnittlich viel Bahn, was ja unter Anderem auch daran liegt, das ich keinen Führerschein habe. Und jedesmal wenn ich dann durch die Pampa fahre, vorzugsweise die Ostpampa, denke ich mir bei ganz vielen Dörfern, an denen mein ICE vorbeirast: HIER müsste man mal aussteigen und sich das alles genau angucken. Da vorne hab ich doch ein total interessantes Haus gesehen! So in etwa muss man sich meine Gedankenwelt vorstellen, wenn draussen die echte Welt vorbeirast. Natürlich bin ich noch nie ausgestiegen und vermutlich werde ich das auch nie machen - vor allem jetzt wo von Uslar das schon gemacht und das Maximum an Geschichte und Emotionen aus dieser Situation rausgeholt hat. Er sucht sich ein Dorf in der Nähe von Berlin aus, weil er das Leben auf dem ostdeutschen Land kennenlernen will, quartiert sich dort in einer Pension ein und lernt nach kurzer Zeit ein paar Einheimische kennen. Da er (irgendwie logisch) als Fremder direkt an die kommunikativsten Jungs gerät, lernt er natürlich schnell auch die meisten Anderen Vögel des Ortes kennen, in dem er bleibt. Und er erfährt die Geschichten, die man sich erzählt, die jeder von sich selber parat hat. Die große Frage, die ihn dabei auch umtreibt, ist natürlich immer: Was findet man hier? Was findet man hier, was man zu Hause in der Grossstadt nicht findet? Was ist hier anders? Oder ist hier überhaupt irgendetwas anders?

Was das Buch dabei so aufregend, so schön, zu so einem herzerreissenden Werk von umwerfender Genialität macht, ist die Blöße, die Moritz von Uslar sich gibt. Er weiß das er als Fremder, noch dazu als Wessi und Städter und jemand, der keine Ahnung von Autos oder ähnlichen Dingen, die den dortigen Jungs etwas bedeuten, hat, ein totaler Trottel ist. Und es macht ihm nichts aus. Deswegen wird er so schnell in die Mitte der Leute aufgenommen, deswegen wird er ernst genommen. Weil er sagt: Ich weiß nichts, aber es interessiert mich und ich lass mich gern begeistern. Er findet plötzlich Autos geil, obwohl er keine Ahnung hat. Findet eine PunkRockBand geil, obwohl mindestens die Hälfte der Songs in ihrem Set Coverversionen sind. Er verguckt sich in ein Mädchen, das er in der Stadt vielleicht nicht so begehren würde. Kurz: Er lebt diesen einen, speziellen Sommer. Diese Art von Sommer, die man liebt. Weil es ein besonderer Sommer ist, der so niemals wiederkommen wird. Und er lernt etwas über sich selbst. Ich weiß gar nicht genau was, vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Es geht nicht darum, das er sich groß wandeln würde, oder so. Es geht vielmehr darum zu sehen, wie sich Menschen in ihrem Leben einrichtenm glaub ich. Keine Ahnung. Ich habe es eben erst fertig gelesen und bin immernoch total geflasht. Geiles Buch. Echt. Für mich persönlich in einer Reihe mit Eggers “Herzzerreissendes Werk von umwerfender Genialität” und Davids “Peacocks Manifest”. Nun also mit “Deutschboden” ein drittes Buch in meiner persönlichen Bestenliste. Endlich! Hört sich gleich viel besser an sagen zu können: “Meine drei Lieblingsbücher sind…”, weil die Leute ja immer so auf drei stehen.

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