Auch Deutsche unter den Opfern

Ich bin gerade auf Twitter in eine Diskussion gestolpert, bei der es um oben genannte Nachrichtenphrase geht. Schon so lange ich ein mehr oder weniger politisches Bewusstsein habe, regt mich diese Formulierung auf. Weil sie impliziert, das deutsche Opfer für die deutschen Zuschauer irgendwie besonders hervorgehoben werden müssten. Natürlich wird hinterher behauptet, das das ja in erster Linie für eventuelle Angehörige oder Freunde gesagt wird, damit die alarmiert sind und sich gegebenenfalls informieren oder melden können.

Come on.

Ich kann das an der Katastrophe in Japan im Moment, mal eben ganz kurz ganz gut illustrieren: Als ich die Nachrichten gehört habe über das Erdbeben, den Tsunami und die ganze Katastrophe, da habe ich als erstes versucht Kontakt zu einem Freund von mir aufzunehmen, der gerade in Japan im Urlaub ist. Das habe ich getan, weil die Katastrophe in Japan stattfindet. Muss ich jetzt dafür warten, bis die Medien erste Opferzahlen und Auswertungen haben, die mir sagen ob und wenn ja, wieviele Deutsche da umgekommen sind? Nein, natürlich nicht! Ich will sofort wissen, ob es meinem Freund gut geht. Weil das in meinem Kopf die erste Verbindung und die erste Sorge ist (es geht ihm übrigens gut, er ist snowboarden, da in dem Gebiet kriegen die Leute wohl nicht so viel ab…). Was ist das für ein zynischer Gedanke, das ich das sehen würde, aber erst wenn die Nachrichten sagen “Auch Deutsche unter den Opfern” darauf käme: Oh Schreck! Mein Kumpel ist ja Deutscher! Dann könnte er einer von denen sein!

Sorry. Was für eine blasse Ausrede.

Eine Nachricht wird natürlich für den Zuschauer emotionaler, wenn auch Einheimische beteiligt sind. Ist doch klar. Das ist doch wirklich Sandkasten-Psychologie. Jede Nachricht will verkauft werden. Dabei flutscht sie viel besser, wenn auch Deutsche mit dabei sind. So zynisch das sein mag, Nachrichten sind in erster Linie ein Geschäft und DANN erst ein Service. Das finde ich nicht gut, aber deswegen muss ich davor nicht die Augen verschliessen. Ich nenne das nicht “Rassismus”, darum geht es dabei vordergründig gar nicht. Ich nenne das “verkaufen”. Thats what it is. Und dagegen ist nunmal kein Kraut gewachsen. Aber Scheiße ist es dennoch. Und ich gratuliere jeder Nachrichtensendung, die bewusst auf diese überflüssige Floskel verzichtet.

1 Trackback

  1. "Keine Deutschen unter den Opfern" - Seite 3 - hilferuf [...]

16 Friedenstauben

  1. danke, ja. genau!!

    Kommentar von Mella - 11. March 2011 um 21:27 Uhr
  2. Oh ja, das ist so eine alte Floskel, die in diesen Zeiten von Weltkultur, Europäisierung und Globalisierung wirklich null Wert hat, noch Interesse findet. Davon abgesehen, wenn die da jetzt nicht schleunigst die passenden Kabel beibekommen bedeutet auch der japanische Supergau für uns Deutsche irgendwann sowieso Opferstatus über kurz oder lang, wie für jeden anderen Menschen auf diesem Planeten.

    Kommentar von creezy - 11. March 2011 um 21:30 Uhr
  3. Es geht bei dieser Phrase darum, dass der gemeine Mensch mehr Empathie empfindet, wenn er Menschen in Not wähnt, die aus seinem Lebensraum, seinem Kulturkreis stammen. Daher gab es damals in Thailand die deutlichen Spenden für die Tsunami-Opfer, weil so viele internationale Gäste unter den Opfern waren.
    Wenn das stimmt, dass der Mensch mehr Mitgefühl hat, dann dürfen die gerne weiter Deutsche unter den Opfern wähnen. Von mir aus auch bei Unglücken, bei denen es gar nicht stimmt. Hauptsache, es wird aufräumen geldtechnisch geholfen.

    Kommentar von Lola - 11. March 2011 um 21:33 Uhr
  4. hm. das ist immerhin ein interessanter gedanke, lola, wie man dem noch etwas positives abgewinnen kann…danke! spannende ansatz!

    Kommentar von nilzenburger - 11. March 2011 um 21:35 Uhr
  5. Nilz, du sprichst mir aus der Seele… und Lola hat mich auf einen guten Gedanken gebracht…

    Hier eine weitere, erschüternde Nachricht:
    Immer mehr verhungernde deutsche-Aids-Opfer in Afrika…
    Bitte sofort mehr spenden!

    Kommentar von Daniele - 11. March 2011 um 21:49 Uhr
  6. Ich kann das nicht verwerflich finden.

    Um es mal überspitzt auszudrücken:
    Du interessierst dich doch auch mehr für die Opfer der Loveparade in Duisburg als für einen Flugzeugabsturz in Kambodscha.

    Das hat nichts mit Zynismus zu tun, sondern nur damit, welche Meldung einem persönlich näher geht.

    Bei unserer Twitter-Diskussion wollte ich gerne noch erwähnen, dass das Interesse an einer Meldung steigt, wenn der persönliche Bezug da ist, also zumindest die Möglichkeit besteht, dass ein Bekannter darunter sein _könnte_.

    Der Mensch ist nunmal nicht zu unendlicher Empathie fähig, dem Rechnung zu tragen ist nichts Unmenschliches oder kühl Kalkulierendes.

    Kommentar von Lars - 11. March 2011 um 21:49 Uhr
  7. Lars, nochmal: Der Versuch mehr Empathie zu erzeugen geschieht nicht aus einem Hilfsgedanken heraus, sondern aus dem Zwang mehr Zeitungen zu verkaufen oder die höhere Quote zu haben. Dafür werden Opfer “verscherbelt”. Ja, wir sind im Kapitalismus und ja, wir sind alle weitgehend mit diesem System einverstanden. Trotzdem darf ich das in dem konkreten Fall zum kotzen finden.

    Was die vermeintlich unendliche Empathie betrifft: Ich finde die bedrohliche Situtation mit den AKWs und den eventuellen Folgen für die ganze dortige Region und ihre Einwohner auch schlimm ohne zu wissen, das da vielleicht auch 20 Deutsche dabei sind. Da tritt vielleicht Radioaktivität aus und vernichtet ohne Ende Leben. Und macht die Menschen da krank. Und tötet sie. Das weckt keine Empathie in dir? Oder nicht so viel, als wenn auch 3 Deutsche dabei wären? Ernsthaft?

    Kommentar von nilzenburger - 11. March 2011 um 21:55 Uhr
  8. Du wirst persönlich, Nilz, das finde ich nicht ok.

    Selbstverständlich besorgt mich die Situation dort, unabhängig von der Nationalität der potentiellen Opfer.

    Aber ruf Dir doch mal die Flutkatastrophe in Pakistan und zum Vergleich die Oderflut in Erinnerung.

    Du willst doch nicht bestreiten, dass die Menschen durchaus selektiv sind, wem sie ihre Empathie schenken und wem nicht, oder?

    Ich sage nicht, dass das ein besonders feiner Wesenszug des Menschen ist, aber daraus eine grundsätzliche Gefühllosigkeit abzuleiten, halte ich für falsch.

    Kommentar von Lars - 11. March 2011 um 22:05 Uhr
  9. Mir ist das scheissegal, ob die Opfer Deutsch sind. Es ist grundsätzlich schlimm, wenn eine solche Katastrophe passiert. Da empfinde ich für alle Menschen gleich viel bedauern, insbesondere jedoch für Kinder und Eltern eben dieser, keine Ahnung warum? Vielleicht wg. der Hilflosigkeit gerade bei kleinen Kindern. Und nicht zu vergessen, die ganzen Tiere, die ebenfalls keine Chance haben. Das ist ebenfalls schlimm und wird oft vergessen.

    Kommentar von TattooZett - 11. March 2011 um 22:12 Uhr
  10. Nein, ich bestreite nicht, das die Menschen das tun. Ich möchte aber das man den Menschen sagt: Da passiert etwas schlimmes. Und das man nicht dazu sagen muss, wieviele da von wo dabei sind. Vielleicht sind die Menschen dann bei den Japanern trotzdem empathischer, als bei den Pakistani. Wer weiss?

    Natürlich kann ich das nicht mit nationalen Katastrophen vergleichen, das sind Birnen und Äpfel. Was vor der Haustür passiert ist einem immer näher als etwas im Ausland. Darüber brauchen wir doch gar nicht reden. Da geht es ja gar nicht um Empathie-Verteilung. Höchstens wenn, Gott bewahre, all diese Dinge gleichzeitig geschehen würden, aber das ist ja nicht der Fall.

    Ich wollte auch nicht persönlich werden, Lars, das hast du in den falschen Hals gekriegt. Aber die (überspitzte) Frage musste nach deinem vorigen (überspitzten) Kommentar ja auch drin sein.

    Wie gesagt: Niemandem geht es darum Empathie zu erzeugen um den Schrecken greifbarer zu machen. Hier werden Tote verkauft. Immer. Und das könnte man lassen, wenn sich alle darauf einigen würden.

    Utopie: Wenn ALLE Medien diesen Satz weglassen würden, was würde sich ändern. Hätten die Leute hierzulande GAR KEINE Empathie mehr für Katastrophen im Ausland? Kann man nicht den Menschen überlassen was sie erschüttert und was nicht?

    Kommentar von nilzenburger - 11. March 2011 um 22:13 Uhr
  11. Ach so: Mein letzter Kommentar war an Lars gerichtet, nicht das es hier zu Verwirrungen kommt…

    Kommentar von nilzenburger - 11. March 2011 um 22:14 Uhr
  12. “Niemandem geht es darum Empathie zu erzeugen um den Schrecken greifbarer zu machen. Hier werden Tote verkauft.”

    Das ist zunächst mal eine Behauptung, die zu belegen wäre. (Was schwierig ist, das weiß ich auch.) Ich glaube einfach nicht, dass die alle ihre Ethik an der Stempeluhr abgeben.

    Aber du bist genauso wenig Nachrichtenredakteur wie ich, und wir können uns jetzt noch stundenlang gegenseitig erzählen, dass das alles berechnende Kapitalistenschweine sind, bzw. eben nicht, weiterbringen wird uns das nicht.

    Ich habe zum Thema mal unter blog.tagesschau.de gesucht, ob das dort schon mal aufgegriffen wurde, aber bislang leider nichts gefunden. Vielleicht könnte eine Äußerung eines Verantwortlichen das Ganze etwas erhellen.

    Um nochmal auf den Vergleich zurückzukommen: Warum ist das Interesse an Japan und Haiti hier in Deutschland so viel stärker, als an der erwähnten Flutkatastrophe in Pakistan?

    Das ist doch mit Auflagen, Klickzahlen und Einschaltquoten nicht erklärbar.

    Kommentar von Lars - 11. March 2011 um 22:32 Uhr
  13. Stimmt übrigens nicht, dass für den Tsunami in Thailand so viel gespendet wurde, weil so viele Deutsche unter den Opfern waren. Das wäre auch etwas unlogisch – denn dann müsste man ja für die Hinterbliebenen spenden. Den deutschen Opfern hätten das Geld ja nicht mehr geholfen.

    Für den Tsunami wurde deswegen relativ viel (was immer das auch bedeuten mag, die Deutschen spenden grundsätzlich nie wenig) gespendet, weil es eben die erste Katastrophe der Neuzeit namens Tsunami in diesem riesigen Ausmaß war. Es gab vorher – zumindest seit der aktiven Bildberichterstattung via TV – eine Katastrophe, vom Meer ausgelöst, in diesem Ausmaß noch nicht. Das erinnerte die Leute aber wiederum an die Sturmflut in Deutschland 1962. Und: Thailand ist natürlich bei den Deutschen im höchsten Maße beliebtes Urlaubsland. Man hatte gespendet, weil es ein beim deutschen Urlauber hochgeschätztes „Paradies“ betroffen hatte. Gemäß der Formel „… und die Thailänder sind doch so nett“. Spendenbereitschaft hat unglaublich viel mit Image und Sympathie zu tun, machen wir uns nichts vor.

    Kommentar von creezy - 11. March 2011 um 22:39 Uhr
  14. Lars, das stimmt. Das Problem ist hier sicher ein ganz anderes Fass, das aufzumachen in dieser Kommentarspalte sicher zu viel wäre (Vorurteile - die auch “einige” Medien mit zu verschulden haben: der fleissige Asiate, der faule Pakstani etc.).

    Was das belegen meiner Behauptung betrifft: Ich schilder ja nur meine Beobachtungen. Und der Satz, um den es hier geht, der wird ja wahllos bei jedem Unglück im Ausland genutzt, wenn man ihn nur nutzen kann. Auch wenn der polnische Präsident abstürzt oder oder oder. Da kann ich mich dann wirklich nur noch bezweifeln, das es um das Empathie erzeugen geht, denn der Gebrauch ist ja wahllos.

    Sicher, es gibt bestimmt noch idealistische Nachrichtenredakteure (das Tagesschau-Blog ist tatsächlich eine ganz gute Anlaufstelle dafür - da scheint das nämlich noch verbreitet zu sein), aber diejingen, die das wirklich sind/wären, würden ja gerade diesen Satz vermeiden! Das müsstest du aber erstmal am Chefredakteur vorbei kriegen, ich sähe da eher schlechte Chancen.

    Nur mal kurz Off-Topic: Wie immer eine spannende und anregende Diskussion mit dir. Danke!

    Kommentar von nilzenburger - 11. March 2011 um 22:41 Uhr
  15. Find ich toll, dass hier so diskutiert wird. Ich hab mich auch schon oft gefragt. was dieser Satz denn soll. Angehörige werden ja wohl wissen ob jemand der Seinen an betroffenem Ort ist und sich schon vorher informieren. Und selbst wenn nicht, ist die Aussage, dass es auch deutsche Opfer (oder eben keine) gibt ja ziemlich schwammig. Beruhigt wäre ich da noch lange nicht.

    Kommentar von Astrid - 12. March 2011 um 14:15 Uhr
  16. Kleiner Einspruch! Für die Opfer des Tsunamis wurde so viel gespendet, weil der schlicht in der richtigen, nämlich in der Weihnachtszeit stattfand. Es ist zynisch, aber da denken die meisten Menschen daran zu spenden. Das haben dann noch RTL und die anderen Medien völlig uneigennützig etwas gepusht…..

    Kommentar von Guido - 12. March 2011 um 20:17 Uhr

Deine Friedenstaube