Ich wollte diesen Eintrag eigentlich für Renés Nerdcore schreiben, weil da ja Comics auch immerwieder Thema sind, aber dann hab ich gedacht: Bevor hier GAR NIX mehr passiert, schreib ichs lieber hier. Denn das ist ein toller Comic und wenn ihr keine lest, dann könnte das doch ein Anstoss sein, mal damit anzufangen. Und wenn René das für einen interessanten Artikel hält, kann er ja eh hier hin verlinken. Ist ja alles möglich im Internet heutzutage..:) (Ich schreibe das übrigens so explizit, weil ich mal einen Artikel über ein Comic-Crossover (Blackest Night) bei René geschrieben habe..das war aber wirklich auch explizit Nerdcore-Zielgruppe..:)) Ausserdem soll es darum gar nicht gehen. Es geht um einen tollen Comic, der sich für Weltfrieden-Fans zu lesen lohnt.
Sweet Tooth handelt von einem Jungen namens Gus. Gus wächst in einer Hütte mitten im Wald auf, zusammen mit seinem Vater, komplett von der Aussenwelt abgeschnitten. Die Mutter ist schon vor langer Zeit gestorben, als Gus noch sehr klein war. Er kennt sie eigentlich nur aus den Erzählungen seines Vaters. Und sein Vater hat sie vergöttert. Sie ist/war eine Heilige für ihn und genau das bringt er Gus auch bei. Neben vielen anderen Regeln. Nicht aus dem Wald rauszugehen ist eine davon. Niemals Fremden zu folgen oder zu trauen ist auch eine davon. Eine dem Vater sehr Wichtige, wie es scheint.
Eines Tages passiert es dann: Der Vater stirbt. Der naive Gus lässt die Leiche noch lange bei sich liegen und spricht mit ihr, für ihn ist der Tod nichts ungewöhnliches, nichts erschreckendes. Er ist so nicht sozialisiert. Sein Vater ist jetzt in den Himmel gefahren und da geht es ihm gut und das ist für Gus okay, der jetzt versucht sein Leben eben alleine so gut wie möglich zu meistern. Und natürlich kommt es wie es kommen muss: Ein Fremder überfällt Gus und ein Anderer rettet ihn. Jepperd, heisst der Retter und ist ein kauziger, kantiger, wortkarger Typ. Aber irgendwie scheint er was für Gus übrig zu haben. Er sagt ihm, er solle mitkommen. Aber Gus will nicht. Zu sehr fühlt er sich noch den Worten seines Vaters verpflichtet. Aber Jeppard macht ihm relativ unmissverständlich klar, das er auf ihn angewiesen sei, sonst würden noch andere böse Fremde kommen und ihn überfallen und dann wäre niemand da, der ihm hilft. Also nimmt sich Gus ein Herz und folgt Jeppard. Zu einem Ort wo alle so sein sollen wie Gus. Ach so, das hatte ich noch gar nicht erwähnt: Gus hat ein Geweih.

Ich glaube das reicht erstmal an Geschichte, denn Sweet Tooth ist gerade beim achten Heft und entwickelt sich relativ langsam. Ich möchte ja auch nicht zu viel verraten. Aber dieses Comic ist wirklich grossartig. Ich glaube so sehr verschlungen habe ich Vertigo-Hefte zum letzten Mal bei “Preacher”, einer anderen, absolut genialen Serie, die aber schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat. Und böser, düsterer war, als Sweet Tooth es ist.
Was nicht bedeuten soll, das man es mit einem fröhlichen Comic zu tun hat: Die Welt bei Sweet Tooth soll unsere sein und ist doch so anders. Sehr apokalyptisch und man kriegt nur scheibchenweise mit, warum das so ist. Dabei sind die Zeichnungen ganz wunderbar. Eigentlich sehr kantig, sehr eckig und zum Teil wirken sie wie “Work in Progress”, aber sie haben trotzdem eine grosse Tiefe, eine Liebe zum Detail und vor allem eine gewisse Wärme. Das düfte unter anderem auch an der fantastischen, dezenten und immer etwas blassen Colorierung liegen. Und an den Dialogen, die in so einem schönen schluderigen Ami-Englisch geschrieben sind. Ausserdem ist Dialog hier rar gesäht. Die Leute in der Sweet Tooth Welt verlieren keine grossen Worte. Man sieht hier keine Helden. Es geht um Menschen, die es irgendwie schaffen wollen. Die irgendwie durchkommen wollen. Über die Runden. Es gibt keine höhere Moral, kein Kodex nach dem man lebt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Und in diese Welt purzelt der naive Gus, mit riesigen Augen und lernt die Menschen kennen, von ihrer hässlichsten Seite. Und man muss sich genauso wundern, wie er das die ganze Zeit tut.
Sweet Tooth ist wieder so ein klassischer “One in a Million”-Glücksgriff, den die Comic-Verlage alle paar Jahre mal machen. Wo sich dann, als Ausnahme, mal wieder getraut wird, die üblichen Pfade zu verlassen und neue Geschichten, neues Storytelling auszuprobieren. Da Vertigo ja ein Sublabel von DC ist, wird dabei aber nie ausser Acht gelassen, das man es trotzdem lesen können muss. Das es einen Zugang haben muss. Das geht bei Hellblazer zum Beispiel nun auch schon ein paar Jährchen gut, wobei diese Serie wirklich extremen Qualitätsschwankungen unterliegt. Der Vorteil von Sweet Tooth ist eben auch der, beim lesen zu wissen, das es sich um eine abgeschlossene Geschichte handeln MUSS. Man weiss nicht wann, aber man weiss DAS. Das trägt natürlich auch noch zum Lesevergnügen bei.
Sweet Tooth ist eine verquere Geschichte mit dem nötigen und richtigen Schuss Mainstreamappeal, ohne dabei seine Figuren zu verraten. Und während man den kleinen Gus eigentlich die ganze Zeit in den Arm nehmen möchte, ohne das er dabei nervig wird (wie das ja oft bei so “Opfer-Helden” der Fall ist), kann man es auch kaum erwarten, wie die Geschichte weitergeht. Ich erwarte da noch einige Twists. Unbedingt lesen!


Hört sich spannend an. Altersfreigabe?
Altersfreigabe? Es ist zumindest kein Kindercomic. Vertigo ist ja auch quasi das “Erwachsenen-Label” von DC. Also, sagen wir mal: Ab 16 kapirt man schon, was da so läuft. Früher ist vielleicht eifach noch dieses Apokalyptische zu uninteressant…
Als ich angefangen habe zu lesen, dachte ich: Hm, naja, Comic…bla! Ich bin nicht so der Comic-Leser. Aber du hast mich wirklich (zumindest für die Idee) begeistern können! Ob ich die Zeit finde, mir das auch noch reinzuziehen, wo ich doch sonst schon so viel lese, weiß ich noch nicht. Aber vielen Dank für den Hinweis! :)
das war ein feiner tipp!
kennst du ‘blankets’ von craig thompson? das muss ich aufdringlichst jedem empfehlen, der auch nur ein bisschen gezeichnete geschichten mag. sehr eindringlich, coming-of-age-thematik und (räusper) ja, sehr romantisch.
ich bin erst vor kurzem auf diese seite gefallen, macht viel spaß hier zu lesen.
und ich kommentiere gerade zum ALLERERSTEN mal etwas im internet. so. das hab ich dann also auch noch kommentiert. (oh gott, wie aufhören..)
äh, tschüß!so!