Ich schäme mich relativ selten. Ich glaube zwar nicht, das das einer der Gründe für meine schier unstillbare Lust an der Fremdscham ist, aber es könnte immerhin ein Erklärungsversuch sein. Wobei die folgenden Videos auch nicht unbedingt etwas mit Fremdscham zu tun haben (für andere haben sie das sicherlich). Ich bin eher fasziniert. Auf eine sehr komische Art und Weise. Am Besten zeige ich euch mal, worum es in den beiden Fällen geht:
Fall 1: Wir sind jetzt eine Band
Ich finde Bands immer erstmal gut. Wirklich. Ich finde es super wenn sich Menschen zusammentun um Musik zu machen, aus welchen Motien auch immer. Die Einen versuchen händeringend ihre “Message” unters Volk zu bringen (vgl. Die Rots), die anderen wollen einfach nur Stars werden und Musik scheint ihnen das probateste Mittel dazu zu sein. Andererseits: Erstmal eine Band gründen und sich dann später daran zu erinnern, das man ja auch mal Musik machen müsste, ist wohl ein Prozess, der durch das Netz in seiner heutigen Form begünstigt wurde. Und das ist nunmal spannend. Find ich. Das ist ja nicht mal mehr “von hinten durch die Brust ins Auge”, sondern irgendwo zwischen Speiseröhre und linkem Lungenflügel hängengeblieben. Und solch einen Fall, der sicherlich kein Einzelfall ist, habe ich nun einmal wieder entdeckt. Sie nennen sich “Die Bikinis”, haben ihren eigenen YouTube-Kanal, auf den sie laut eigener Aussagen jeden Tag ein neues Video stellen wollen, sind eine Band, laufen in ihrer Arbeitskleidung durch Köln, verteilen Stempel (!!!) auf Körperteile interessierter Menschen, auf denen ihre Domain steht und werden nicht müde zu erzählen, das sie eine Band seien. Wir sehen sie in ihrer “Zentrale”, sie führen uns rum, machen alberne Wassertrinkwettbewerbe, die sie bei Elton vs. Simon abgeguckt haben und scheinen drei recht fröhliche, lebenslustige Mädchen zu sein.
An einem Abend treffen sie sogar Dschungelkönig Ross Antony vor einem Club auf der Strasse, der umringt von seinen Fans tatsächlich interessiert zu sein scheint an dem, ähem, bisherigen Erfolg der jungen Damen mit ihrem Auftreten in der Öffentlichkeit (wie gesagt: Der Name ist Programm und die laufen immer und überall in ihren Bikinis rum). Abe die ganze Zeit hat man das Gefühl, das da doch irgendetwas fehlt. Man ist sich nicht sicher. Die sind immer so aufgedreht und fröhlich, nichts kann sie aus der Ruhe oder davon abbringen, selbst dem gruseligsten Vertreter der männlichen Spezies wortwörtlich “ihren Stempel aufzudrücken”.
Aber dann dämmert es einem: Moment mal, die sind doch eine Band! Sollten die nicht auch einen Song haben? Genau. Genau den haben sie aber eben nicht. Dieses lästige “Musikmachen”, das anscheinend zum Band sein dazu gehört, überbrücken sie mit der nimmermüden Lust das komplett durchgegniedelte Lied “I wanna be loved by you” in einer extrem verknappten Version immermal wieder Acapella aufzuführen. Als ihnen auffällt, das das auf dem Sofa gesungen etwas behäbig wirkt, haben sie sogar eine Choreografie dazu einstudiert. Seht selbst:
[YouTubeDirektWirWerdenAuchUnsereHüftenSchwingen]
Okay. Ich will das nicht überbewerten: Hier sind drei Freundinnen, die sich einen Spaß erlauben. Die meisten Videos sind ofensichtlich alle am gleichen Abend entstanden und dann auf mehrere Tage in der Veröffentlichung verteilt. Die machen einfach und gut ist. Sollte man nicht überbewerten. Wenn da nicht immerwieder diese Details wären, die einen dezent verwirren. Ich meine Hey: Einen Stempel? WTF?!?!?!?! Dann gehen sie raus, frieren sich den Arsch ab und wollen Fotos machen, mit dem Dom als Hintergrund. Der “Kameramann” Ben möchte nicht gezeigt werden und ein komischer Mann mit zu kleinem Cowboyhut macht das Foto für sie und bringt sie, endlich, dazu sich doch in die Lücke zwischen so komischen Betonklötzen zu stellen, vor denen sie vorher ihre Fotos selbst gemacht haben. Für ihre Facebook-Seite, wie sie sagen. Nur um am Ende wieder ihren grössten Hit “I wanna be loved by you” in der Accapella-Version anzustimmen.
[YouTubeDirektDankeAnUnsereFans]
Jetzt mal ehrlich: Bin ich wirklich der einzige, der das unfassbar bizarr findet? Wer noch nicht ganz überzeugt ist, oder noch mehr sehen will, dem sei der yt-Kanal empfohlen. Allerdings möchte ich mich auf diesem Wege auch beschweren: Seit 6 Tagen kein neues Video mehr! Mädels! Ihr habt es doch schon fast geschafft! Jetzt nicht aufgeben!
Fall 2: Ich bin noch zu haben
Im Amerika der 80er Jahre war es anscheinend Usus, das es örtliche Video-Partnervermittlungen gab. So wie “Video” in den 80ern ja sowieso Synonym für alles moderne, future-mässige war. Irgendwie. Da konnte man dann ein Video aufnehmen lassen, in dem man sich und seine Vorstellungen seines zukünftigen Lebenspartners in einer Art Interview ausbreitete. Nun hat jemand mal ein paar Highlights solcher Videos zusammengeschnitten. Und das ist Wirklich ein Kaleidoskop des schlechten Geschmacks. Was aber noch toller ist, sind diese anscheinend auswendig gelernten Sätze, die brav aufgesagt werden um das Interesse an der eigenen Person zu wecken und scheinbar schlagfertig rüberzukommen. Mein absoluter Liebling ist dabei Mike, ca. bei Sekunde 00:45:
“Hi, my name is Mike, and if you´re sitting and watching this tape, smoking a cigarette, well, hit the fast forward button because i don´t smoke and i don´t like people who do smoke.”
Geht es noch interaktiver? Da fühlt man sich ja fast wie beim wichsen erwischt. Es gibt natürlich noch viele weitere schöne Situationen auf dem Tape, wobei einem bizarrerweise der als Wikinger verkleidete Frührentner noch als der normalste unter den ganzen Soziopathen vorkommt. Aber wer weiss? Vielleicht haben sie alle so ihre große Liebe gefunden? Vielleicht sind die alle, die Mikes und Freds und Monroes und Wikinger, mittlerweile verheiratet, nur dank dem Videodatingservice? Ich wüsste es zu gern. Ich kann mir das auch super vorstellen. Die Nichtraucherin, die sich sofort in Mikes lustige Art verliebt hat, immer neben die Kamera zu gucken (weil da offensichtlich sein Text steht). Um das folgende Video also in seiner Gänze geniessen zu können, macht es wie ich und stellt euch einfach vor, jeder von denen hat durch seine Aufnahme seine Traumfrau gefunden.
[DailyMotionDirektVideoMate, via Chefreuser René]
So. Da sind also Menschen jeglicher Coleur, die ein Video (oder mehrere) aufnehmen, in der Hoffnung so oder so entdeckt zu werden. Das hat wirklich nichts mit Fremdscham zu tun. Das finde ich einfach, in beiden Fällen, so wunderbar ungelenk knuffig. Wobei knuffig wirklich ein schlimmes Wort ist. Vielleicht nehme ich auch mal so ein Video-Mate Video auf?


Der beste Satz: “I enjoy having fun!”
Yeaahh!
Hi. I’m Fred.” (wears a Helmet and spear)
who wanted the one making a video about world war II impress?
für mich der beste satz: “hi, mom!”