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Das Manifest gegen das Manifest und gegen das Gegen-Manifest

Es geht mal wieder um die Entwickluing des Netzes. Also im weitesten Sinne Politik. Ich weiß auch nicht, warum ich im Moment immerwieder auf das Thema stosse, aber mei: Ab dem 28. September fällt das Thema sicher wieder weg.

Eine handvoll Blogger/Netzaktivisten/Impressarios hat sich zusammengesetzt und ein Manifest geschrieben und das danach sinnloserweise “Internet-Manifest” genannt. Wobei der Name eigentlich nicht sinnlos ist, aber ungenau. Eigentlich sollte es “Internet-Journalismus-Manifest” heissen, was aber natürlich nicht nur nicht griffig, sondern auch in keinster Weise catchy ist, weswegen man den Begriff “Journalismus” einfachheitshalber aus der Überschrift wegließ. Das ist natülich ein kapitaler Fehler gewesen, weil sich nun jeder angesprochen fühlt, der “Internet” ist. Und das sind ja nunmal eine ganze Menge Leute. In dem Manifest geht es aber nur um die Entwicklung von Journalismus unter den neuen Bedingungen. Gut, es geht am Rande auch noch um die Frage, wie man heutzutage ein Medienimperium schafft, aber das gehört theatisch ja fast dazu. Und natürlich hat das Manifest ein paar Problemchen:

- Wer soll das lesen? Die, die betroffen sind, stimmen ein wenig zu und wissen aber nicht so recht, was sie mit dem Text anfangen sollen. Kommentieren? Selber bloggen? Retweeten? Links liegen lassen? Was soll ich mit einem Text anfangen, der Tatsachen etwas allgemeiner formuliert, anstatt sie mit Beispielen zu untermauern, die mir sowieso klar sind? Da fühle ich mich nicht so wirklich repräsentiert, sondern eher etwas, nun ja, verarscht. So wie ein altes, 67-jähriges bayerisches Ehepaar mit einem jungen, schwarzen Berliner redet. Das fühlt sich nicht gut an. Allerdings, das muss man ja auch betonen: Den gleichen Umgamg pflegen die “alten Medien” mit dem kompletten Netz, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.

- Wie soll man Menschen, die offensichtlich vom Netz überfordert sind, durch das Netz erreichen? Gut, ich gehe davon aus, das das Manifest auch als gedruckte Version an die “Entscheider” weitergeschickt wurde. Oder nein: Ich hoffe es. Das Ding ist nur: Natürlich muss so etwas im Netz stehen, aber doch bitte nicht mit so einem Aufriss. Auch das das alle Beteiligten zum gleichen Zeitpunkt gebloggt haben, mag einen gewissen Impact gehabt haben, aber vor allem auf das “genervte Netz”, denn das es tatsächlich bis in die Chefetagen geschwappt sein sollte.

- Ich verstehe durchaus die Verzweiflung der Beteiligten und sehe auch wo die hinwollten. Aber wenn 15, in meinen Augen äusserst intelligente Menschen, die ich zum großen Teil sehr schätze (Disclaimer mittendrin: Ja, auch privat), zusammensetzen, dann sollte doch etwas mehr rauskommen, als so etwas undurchdachtes. Gut, die Meckerreaktionen waren abzusehen, da muss man nichts drauf geben, die kommen ja immer, aber es wurden ein paar Fehler gemacht, die man dann doch easy hätte vermeiden können, oben erwähntes Überschriften-Problem zum Beispiel oder eine gewisse Intransparent im erstellen des Papiers. Hier wäre etwas Integration des Netzes vorher wohl mehr als angebracht gewesen.

- Das Internet-Manifest ist zu verschwurbelt formuliert. Natürlich wissen die Autoren, das gerade Chefetagen empfänglich für solch eine Art “konzeptioneller Marketingtext” sind, aber da wäre doch deutich mehr drin gewesen. Klingt wie ein Kompromiss aus 15 Köpfen, was es ja demnach vermutlich auch ist. Da wäre ein Chefschreiber schon effizienter gewesen.

Damit könnte dieser Text auch eigentlich aufhören. Wenn da nicht diese Kultur des “Ich breche dir jetzt mal ins Gesicht, reiche dir dann ein Taschentuch in das ich vorher meine Popel geschmiert habe und wenn du dann noch scharf sehen kannst, dann pinkel ich noch auf deine Brille” wäre. Das scheint nämlich im Moment der Konsens bzw. die Neudefinition der Netiquette zu sein und ich finde das ehrlich unerträglich. Aber nicht nur, weil ich es formell daneben finde. Geschenkt. Das Netz ist nunmal voll mit Spacken, so wie die Welt da draussen auch. Ich finde es hinterwäldlerisch, rückschrittlich, daneben und einfach nur dumm. DAS ist das Problem. Alle schreien sich die Seele aus dem Leib, wegen angeblich vor der Tür stehender Netzzensur, aber wenn es dann mal darum geht gemeinsam anzupacken und “die da draussen” davon zu überzeugen, was für ein reichhaltiger Schatz das Netz ist, ja, das es quasi eine Art Naturreservat ist, das es zu schützen gilt, dann fällt ihnen allen nur ein, das Sascha Lobo auf einem Vodafone-Plakat zu sehen ist. Das ist kontraproduktiver als alle Von-Der-Leyens zusammen.

Verschiedene Dinge möchten mir dabei nicht in meinen Kopf:

- Woher dieser blanke Hass? Man könnte meinen Lobo wäre ein indischer Programmierer, der aus Versehen auf das Sommerfest der NPD gerät. Gut, er wäre ein Programmierer, der sich bei dem Sommerfest auch noch auf die Bühne stellen und versuchen würde, die Anwesenden von Sharukh Khans Superfilmen zu überzeugen. Aber dennoch: Ich bin auch nicht mit allem Einverstanden, was er tut und sagt, aber man sollte dennoch festhalten, das er für die Aussenwirkung des Netzes mehr getan hat, als die meisten selbsternannten Realkeeper des Netzes zusammen. Plus der Tatsache, das er sich anscheinend gerne als Zielscheibe zur Verfügung stellt, was den Hass auf seine Mitstreiter ein bischen kanalisiert und ein Johnny Haeussler oder Thomas Knüwer eben nicht mehr die volle Breitseite abkriegen. Die sich ebenfalls um eine grössere Diskussion und Akzeptanz verdient gemacht haben.

- Woher die Verachtung? Alle User, ausser den selbsternannten Rettern des einzig Wahren, sind dämliche Idioten, die nur auf Bild.de und SpOn surfen, vermutlich bei Facebook doofe Quizze spielen oder gleich Farmville, und die noch nie einen Wikieintrag editiert hätten, geschweige denn wissen, was ein Wiki überhaupt ist und die eigentlich nur Wikipedia kennen. Geradezu genüsslich werden die Seiten, die “normale” User ansurfen “Klicki-Bunti” genannt, als ob das das einzige wäre, was die interessiert. Diese himmelschreiende Arroganz mündet dann darin, das man sich empört, das die Regierung oder wer auch immer das Sagen in irgendwelchen Netzbereichen hat, sich über diese, sich selbst gerne “kritische Masse” bezeichnende, Gruppe von Lästerern hinwegsetzt, weil sie ja offensichtlich sowieso nicht zu einem Dialog bereit sind mit jemandem, der eben kein Net Citizen ist (Stichwort: Die “Internetausrucker”). Der Witz an der Sache ist: Sie sind es tatsächlich nicht. Selbst wenn der Dialog mit ihnen gesucht wird, können sie nur schreien und sich empören, aber mit einem Entgegenkommen ist definitiv nicht zu rechnen.

- Warum so billig? Das einfachste der Welt ist es, das Manifest auseinanderzunehmen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ja, die 15 Manifestierer können nicht für alle sprechen. Und auch wenn sie immerwieder “das Internet” sagen und “wir”, dann möchte ich dennoch nicht glauben, das das auch ihre Intention war. Das Problem an Netzdiskussionen ist ja das: Es wird immer, ich betone: IMMER, vom schlechtesten im Menschen ausgegangen. A-Blogger, ein Titel den sich Ami-Blogger nur zu gerne ans Revers haften, weil es sie für ihre Arbeit und Mühen belohnt (einschliesslich lukrativer Werbeschaltungen, die das so mit sich bringt), ist hierzulande mittlerweile ein Schimpfwort. Es ist geradezu verboten mit bloggen Geld zu verdienen, als wenn das die eigene Korrumpierbarkeit erhöhen würde. Das ist so dermassen weit entfernt von der Realität, das es nicht auszuhalten ist. Und ich will mich gar nicht auf das Neid-Argument der Kritiker-Kritiker berufen, das ist ebenso bescheuert. Hier geht es nicht um Neid. Das ist einfacher Hass. Das ist die Angst, sein Spielzeug weggenommen zu bekommen und dann wird einfach so lange weitergeheult, in der Hoffnung es dann irgendwann wiederzubekommen. Aber:

Das Internet wird nie wieder so wie früher sein. Es wächst, ständig. Und wie jeder Teenager, der gerade aus der Pubertät raus ist (zumindest aus dem Gröbsten), bemüht es sich nun als Erwachsener ernst genommen zu werden. Get over it.

Das Internet ist für alle da. Auch wenn das Nutzungsverhalten der meisten User nicht mit eurem übereinstimmt und ihr nicht verstehen könnt, wie man sich mit so wenig zufrieden geben kann, wäre hier doch nicht nur etwas Toleranz angebracht, sondern auch überlebensnotwendig. Get over it.

Das Internet verändert die Gesellschaft. Man muss aber auch bereit sein, über diese Änderungen zu reden. Dialogbereitschaft ist das vermutlich wichtigste Signal, das man aus dem Netz heraus in die reale Welt (ja, das Internet ist auch eine reale Welt, ich weiß, ich formuliere es jetzt nur etwas zugespitzt, wenn ich nämlich alle 2 Absätze relativieren muss, kriegen wir nie ein Manifest auf die Beine..;)) senden kann. Wenn man sich dem Dialog aber verweigert, auch oder besser gesagt vor allem denjenigen gegenüber, die offensichtlich keine Ahnung haben, dann wird hier alles schneller abgeschaltet, als man 7 Kinder gebären kann.

Das Internet ist keine homogene Masse und soll es bitte auch nicht werden. Auch wenn ich Rassisten-Dreck wie PI oder Panikmache a la Broder aus tiestem Herzen verachte und im ersten Moment reflexartig denke, das so etwas nicht erscheinen sollte, da es Menschen die eher schlichten Gemüts sind, auf die falsche Spur bringen könnte, finde ich es ebenso wichtig, das es existiert und dazu nützt, die “Gegenseite” aus der Deckung zu holen und zu lesen, warum die eigentlich so schräg denken, wie sie es nuneinmal tun. Ganz davon abgesehen das eine Demokratie das meiner Meinung nach sowieso aushalten muss.

Das Internet ist Herkules. Mindestens. Wir wollen alle das gleiche: Ein freies Netz, das nicht rechtsfrei ist. Das muss man auch mal ganz klar formulieren. Auch wenn das Politiker-Mantra “Das Netz ist kein rechtsfreier Raum” lächerlich ist und gerade bei eklatanten Rechtsmissbräuchen (Stichwort: Abmahnungen) eher das Gefühl entsteht, das das Netz zwar nicht rechtsfrei, wohl aber rechts-beugend sein kann, darf man sich nicht gemütlich auf seine Besserwisser-Position zurückziehen und sagen: Ihr seid so dumm, wir wissen wie das Netz geht. Sondern mit einer ebenso redundanten Vehemenz erklären, das niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen das Netz zu einem rechtsfreien Raum zu machen, der er sowieso nicht ist. Das ist mühsam und nervig, aber irgendwann kommt die Botschaft an. Bestimmt. Deswegen ist Zusammenhalten wichtiger als Grabenkämpfe. Das macht das Internet stark.

Das Internet ist … Alles was wir drauss machen. Wir können uns gegenseitig zerstören, Vorwürfe machen, anzicken, bekriegen, anmotzen, runtermachen, auslachen, unsachlich angehen. Wir können aber ebenso dafür sorgen, die Stärken des Netzes auszubauen, es zu einem Instrument machen vor dem “die da oben” zu Recht zittern, das sie ernst nehmen können und müssen, das aber ebenso gut für Ablenkung sorgt.

Wir sind das Netz. Wir werden das Netz sein. Wir sollten Bestehendes besser machen, anstatt unsere Energie dafür einzusetzen, die Versuche dazu zu zerstören. Hugh.

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21 Friedenstauben

  1. Das war bisher das mit Abstand Vernünftigste, was ich bisher an Kommentaren über das Internet-Manifest gelesen habe. Den (großen) Rest hast du selber beschrieben - es ist unfassbar, was für ein Tsunami an Hass und Spackentum sich in den letzten 48 Stunden aus dem Netz über die Verfasser ergossen hat.

    Kommentar von Bernd Schwer - 09. September 2009 um 13:03 Uhr
  2. Gefällt mir. Inspiriert mich allerdings dazu, mal wieder Twitter, Blog und das ganze Zeug auszuschalten, rauszugehen und Freunde zu treffen.

    Kommentar von Maggi - 09. September 2009 um 13:27 Uhr
  3. Ich habe in den letzten Tagen viel klugen Input und auch gute Kritik zum Manifest gelesen (ich stimme übrigens zu: Der Titel war ein Fehler. Hätte man den Text “Online-Journalismus: 17 Behauptungen” genannt, hätte man viele Missverständnisse vermieden). Und es ist ein Irrtum zu glauben, dass das Manifest überall auf Ablehnung stoßen würde, denn es gibt viel Support, u.a. übrigens vielfach aus dem Ausland.

    Doch auch das, was du beschreibst, bekommt man ab, und das ist streckenweise tatsächlich reiner Hass. Ich habe mich in gewisser Weise daran gewöhnt, es bleibt aber dabei aber immer wieder ein Punkt, der mich enorm frustriert:

    Es sind genau diese Verhaltensmuster im Netz, die zu immer mehr Rufen nach Kontrolle und Regulierung, nach eigenen, zusätzlichen Gesetzen fürs Netz führen. Wer glaubt, das Netz sei völlig frei und unregulierbar unterliegt m.E. einem Irrtum. Der “Internet-Ausweis”, die feste IP, mit der man jederzeit identifizierbar ist – das alles steht längst in den Startlöchern und wird nicht nur in der Politik große Zustimmung finden, wo man es kaum erwarten kann. Und dann kann man technisch noch so fit sein: Du wirst einfach keinen Netz-Zugang mehr bekommen, ohne identifizierbar zu sein. Es gibt für Anonymität im Netz, fürchte ich, keine Mehrheit. Sondern man muss Leute davon überzeugen, dass sie für eine Demokratie wichtig ist.

    Das wird mit Hass nicht funktionieren.

    Kommentar von johnny - 09. September 2009 um 15:56 Uhr
  4. Ich glaube es geht den meisten gar nicht um Neid auf “A-Blogger” oder ähnliches. Es geht nicht darum, dass da ein paar “webprominente” sind, die etwas “für alle” geschrieben haben.
    Es geht darum, dass das, was die Jungs und Mädels da geschrieben haben nichts wirklich neues, intelligentes ist. Da werden allgemeine Parolen, die schon längst bekannt sind als Manifest verkauft und statt das Ganze als Wiki oder Forum zu starten, gibt es einen starren Text. Laut dem Text sind links geil, trotzdem werden alle links in den Kommentaren mit nofollow entschärft.
    Dass es bei der ganzen Sache eigentlich um Journalismus geht merkt kaum jemand. Die klassischen Medien bekommen davon wahrscheinlich nichts mit und die deutsche Blogosphäre zerreißt sich lieber das Maul über den Text, anstatt wirklich das Problem ansich anzupacken.

    Kommentar von Nerdsnacks - 09. September 2009 um 16:02 Uhr
  5. Völlig überein stimme ich mit der Kritik am schlechten Ton, der zwischen den Bloggenden manchmal herrscht. Statt zu sagen: “Ich bin da ganz anderer Meinung…”, folgen Schimpfworte, Schmähkritik usw. Unverständlich. Wenn man sich gegenüberstünde und im Gespräch ist, würde man das doch auch nicht machen: “Also, Du Möchtegern-Alpha-Blogger, was Du da sagst, ist absolute Scheiße…” Und im Impressum steht doch, wer welches Blog betreibt, anonym ist man daher auch sicher nicht. Umgangsformen, Kinderstube - manches Mal Fehlanzeige.
    Und was Sascha Lobo betrifft, will ich denjenigen sehen, der wie er nur frei arbeitet und dann einen lukrativen Werbevertrag ausschlägt. Für eine Telekommunikationsfirma, die im Gegensatz zu anderen aufs Mitmach-Web, auf Generation Upload usw. setzt. Also genau seinen Ansatz verfolgt.

    Kommentar von Andreas Wollin - 09. September 2009 um 16:07 Uhr
  6. Word! Das war auch das Vernünftigste was ich dazu bisher gelesen habe. Sonst nur Anti- und Pro-Manifestkram und halbwegs objektive Berichterstattung bei heise und golem.

    Kommentar von Ingmar - 09. September 2009 um 16:34 Uhr
  7. Guter Text, einfach Danke.

    Kommentar von Carsten Knobloch - 09. September 2009 um 16:58 Uhr
  8. Hugh. *Knicks*

    Kommentar von Barbarellalala - 09. September 2009 um 20:07 Uhr
  9. Sehr schön und ein guter Beitrag für (Online)Weltfrieden :)

    Kommentar von Gilly - 09. September 2009 um 23:19 Uhr
  10. Danke für den vermittelnden Ansatz.

    Kommentar von PhilipS - 09. September 2009 um 23:40 Uhr
  11. Du überrascht mich immer wieder in Deinem Blog. Gute Arbeit! Klasse Artikel.

    Kommentar von seimutigwerdegluecklich - 10. September 2009 um 05:50 Uhr
  12. Wunderbarer Text, wo kann man den Unterschreiben?

    Kommentar von ThorstenH - 10. September 2009 um 07:39 Uhr
  13. Ich finde es, pardon für die scharfe Formulierung, etwas arm, wenn man bei dieser Flut an Kritik so vorrangig, so leichtfertig und großspurig von “Hass” spricht. Das ist auch eine Art, es sich einfach zu machen. Es ist zudem, nochmals pardon, etwas arm, wenn man lieber falsche Dinge schreibt, damit diese “catchy” sind - als Dinge, die richtig sind. Meine Sichtweise ist die: Dieser postmoderne Beliebigkeitswahn, dieses Gieren auf billig erschwindelte Catchyness, dieser PR-artige (und letztlich das Bemühen um Wahrheit und Wahrhaftigkeit ignorierende, reinweg auf seine Wirkung schielende) Stil, einen Text zu verfassen, das ist auch ein Teil des Problems am Manifest.

    Langweiliger formulieren - und dafür präzis und wahr - ist oft besser. Oder man spitzt zu, und das sogar grell und konfrontativ (wie ich es gerne tue - was aber gewiss nicht der Weisheit letzter Schluss ist), sofern man sich sicher ist, dass das, was man schreibt, völlig wahr ist. Wenn man dabei präzis bleibt.

    Das sogenannte Manifest ist aber kein präziser Text. Absolut nicht - und es bemüht sich nicht einmal darum. Viele Teile im sogenannten Manifest lesen sich, als ob sie eine PR-Argentur verfasst hätte. Trotz oberflächlicher Knalligkeit sind viele Formulierungen wirkt es an vielen Stellen schlurig. Man ist sich als Leser nicht einmal sicher, ob die Autoren den eigenen Text ernst meinen. Da fehlt die geistige Schärfe, zu der die meisten der Autoren eigentlich bestens in der Lage sind - übrigens allemal besser als ich dazu in der Lage bin. Ich achte viele der 15 Autoren sehr.

    Insofern ist das Manifest für viele aufmerksame Leser (und nicht nur für mich) enttäuschend. Ich weiß, beispielsweise, dass Johnny - wenn er sich alleine hinsetzt - etwas deutlich besseres hinbekommt, ich weiß das auch von vielen anderen der 15 Autoren dieses sogenannten Manifestes.

    Das ist einfach zu wenig.

    Ich kann durchaus verstehen: Wo eine derartige Flut an sachlicher, unsachlicher, pointierter, hämischer, konstruktiver, grober und oberflächlicher Kritik über einen herein bricht, da ist es schwierig - sogar sehr schwierig - damit umzugehen.

    Das war aber absehbar, finde ich. Man wollte mit einem großen Paukenschlag loslegen - und nicht etwa andere Leute einbinden. Man wollte es nicht in einem offenen Konzept tun (z. B. einem mühselig und intensiv gepflegten Wiki), sondern man wollte sich selbst in den Vordergrund spielen - und andere dabei ignorieren.

    Ignoranz: Das ist mein erster Hauptvorwurf.
    Unfähigkeit, Kritik zu verarbeiten: Das ist der zweite Hauptvorwurf.

    [anders formuliert, die Autoren reagieren ganz menschlich... ;-)]

    Im Grunde genommen ist doch die Reaktion einiger (das Wort ist mir sehr wichtig: einiger) der 15 Autoren garnicht so unähnlich zum Grundton der Verleger, an dem man sich seitens dieser 15 Autoren reibt. Man glaubt von sich selbst, man würde wunderschöne, runde Eier legen und die anderen, die Kritiker, die sind:

    * “Hass”
    * “Spackentum”
    * primitiv und gemein
    * unverständlich
    * Der Konsens der Kritiker sei eine Kultur des “Ich breche dir jetzt mal ins Gesicht, reiche dir dann ein Taschentuch in das ich vorher meine Popel geschmiert habe und wenn du dann noch scharf sehen kannst, dann pinkel ich noch auf deine Brille

    Echt: Die 15-Manifest-Autoren haben doch ganz wunderbare Anregungen bekommen. Vielleicht etwas zu viel…

    Und das ist dann eure Art, mit Kritik umzugehen?

    @ Johnny

    Du hast einige sehr gute Punkte angeführt. Wirklich gut. Nur: Warum steht davon immer noch nichts davon im Manifest? Warum schreibst du nichts davon ins Wiki? Ihr fordert eure Leser dazu auf, macht es dann aber selbst nicht. Es wäre doch schade (finde ich wirklich - und sehr), wenn deine eben geäußerten Gedanken verloren gingen.

    Auch finde ich, dass es eben stimmt, was du sagt, dass man die Überschrift korrigieren sollte in Richtung: “Online-Journalismus: 17 Behauptungen“. Wenn man das Ganze nämlich so aufhängt, und den Text noch einmal überarbeitet und ergänzt (einige Punkte hast du gerade angeführt):

    Dann käme etwas Besseres heraus.

    Wenn eine solche Überarbeitung stattfindet: Für mich wäre genau das dann ein Beispiel dafür, warum das Internet doch eigentlich großartig ist - auch im Vergleich zu Print. Denn die Schnelligkeit, Unmittelbarkeit und Flut an Kritik und Reaktion ermöglichen durchaus auch besonders gute und hochwertige Diskurse (bzw.: öffentliche Auseinandersetzungen).

    Auch wenn das ein mühseliges Geschäft ist - deutlich mühseliger zumal als die Erstellung der ersten Fassung.

    Es wäre eine Chance.

    Kommentar von John Dean - 10. September 2009 um 12:08 Uhr
  14. “Trotz oberflächlicher Knalligkeit sind viele Formulierungen wirkt es an vielen Stellen schlurig. ”

    Der eigene Kommentar ist nebenbei ein schönes Beispiel für Schlurigkeit. ;-)

    Kommentar von John Dean - 10. September 2009 um 12:15 Uhr
  15. .

    @Johnny:
    .

    Kommentar von Paul Neuhaus - 10. September 2009 um 12:28 Uhr
  16. @ john: erstmal danke für deinen differenzierten, sachlichen und ausführlichen kommentar. das meiste was du schreibst ist richtig. wie gesagt: ich möchte nicht das manifest als ganzes verteidigen, ich bin da auch mit genug nicht einverstanden (wie ich ja auch oben geschrieben habe). das papier auseinanderzunehmen ist ein leichtes, so viele schwachstellen wie es bietet. und ja: es ist sehr verschwurbelt und sehr wenig klar formuliert. das würde ich nicht unbedingt “unwahr” nennen, aber es ist eben auch keine klare positionierung. eher ein eiertanz. mit so einem text kann man keine überbordende liebe erwarten.

    nun tu ich mich auch etwas schwer, den begriff “hass” zu benutzen, finde ihn etwas stark und möchte auf keinen fall begriffe überstrapazieren und in ihrer eigentlichen bedeutung abschwächen, wohl einer der gründe warum texte zu komplizierten sachverhalten von mir immer so unendlich lang werden, das ich selbst oft genug am ende nicht mehr weiß, was ich am anfang geschrieben habe. oder kurz gesagt: ich passe sehr auf, was ich wann wie schreibe.

    nur: das mit der konstruktiven kritik, das finde ich dann doch schwer. ich hab mir die tage seit erscheinen des textes ca. 10-12 der meistverlinkten, meistbejubelten kritiken über das manifest durchgelesen. von konstruktiver kritik keine spur. das das wiki, das dummerweise erst NACH dem text aufgesetzt wurde dann auch noch spasseshalber gehackt wurde, fand ich im ersten moment auch ganz lustig, zeigte mir aber dann im nachhinein die eigentliche misere: die “gegenseite” (wie ich solche positionierungen hasse) hat zu großen teilen, ähm, eigentlich zum größten teil, gar kein interesse an einem dialog. die suchen nur eine neue zielscheibe für ihren unmut. nur das unmut zu schwach ist. was ich da lese ist hass.

    ich persönlich, und das ist subjektiv und fernab von etwaigen privaten freundschaften, teile eher die ansicht von dahlmann. das dieses papier nicht für diejenigen geschrieben wurde, von denen es handelt, sondern für diejenigen, die meinen diese neue art von journalismus, oder wie immer man das nennen will, zu verteufeln. nur diese differenzierung vermisse ich ich fast überall. die klassischen meckerköppe mal aussen vor (fixmbr, don, in letzter zeit leider auch zunehmend ix, der anscheinend denkt ein gewisses aufmerksamkeitsvakuum, das fonsi hinterlassen hat, ausfüllen zu müssen), habe ich in den anderen artikeln nur geheule gelesen, wie substanzlos das manifest wäre, das man sich auf gar keinen fall davon repräsentiert sehen möchte, was diese berliner sich anmassen würden für alle zu sprechen. ich sah aber nichts konstruktives a la: man müsste das eher SO sagen, man sollte hier und da und dort die formulierungen austauschen. ich habe auch niemand gelesen, der gesagt hat: die idee ist gut, die ausführung nicht. nein, einfach alles scheisse, die 15 unterzeichner sind penner blablabla.

    das johnny alleine (oder niggemeier oder auch lobo oder sonstwer) einen viel runderen text hingekriegt hätten - geschenkt. habe ich ja auch schon im text gesagt. das manifest ist ein kompromiss und das tut ihm nicht gut. (wobei die frage wäre ob ein kompromiss aus 1000en usern nicht NOCH verwässerter wäre)

    wenn ich dich richtig verstanden habe, dann sagen wir das gleiche: es ist etwas angestossen worden, und das ist eine chance. jetzt kann die arbeit losgehen. etwas rundes daraus zu schaffen. wenn eben alle sich darauf besinnen etwas ändern zu wollen und an einem strang ziehen. dann wird das manifest zu einem, das den namen auch verdient.

    (desweiteren habe ich den text natürlich auch dazu “benutzt” darauf hinzuweisen, das der ton im netz mittlerweile unerträglich geworden ist - das mag im angesicht des manifests ein nebenkriegsschauplatz sein, ist aber deswegen nicht weniger dringend: wenn das netz ausserhalb des netzes ernst genommen werden will, was es sollte, wenn es etwas gegen netzsperren und co bewirken will, dann muss sich ganz dringend der ton ändern…)

    p.s.: schlurigkeit is the new schludigkeit…;)

    Kommentar von nilzenburger - 10. September 2009 um 12:40 Uhr
  17. d’accord total. danke.

    Kommentar von Christine Brügge - 11. September 2009 um 01:17 Uhr
  18. Soviel Weisheit in einem so kurzen Beitrag;) Würde ich mich jemals vor jemanden verneigen oder den Hut ziehen, dann wäre ich jetzt kurz davor.

    Kommentar von Die Erklaerung - 15. September 2009 um 00:42 Uhr
  19. Ich will mein eigenes Internet, ohne diese ganzen selbsternannten iPropheten.

    Kommentar von big brother - 15. September 2009 um 22:43 Uhr
  20. “…aber man sollte dennoch festhalten, das er für die Aussenwirkung des Netzes mehr getan hat, als die meisten selbsternannten Realkeeper des Netzes zusammen.”
    Ah, ja. Und was bitte?

    Ich finde auch, dass das Ton im Netz unerträglich geworden ist. Das denke ich vor allem jedes Mal wieder, wenn ich wieder irgendwo auf das überhebliche, inhaltsleere Geschwätz von Herrn Lobo, der sich für den Mittelpunkt des Internets zu halten scheint und vor allem sich selbst gerne reden hört, stosse. Auch der Versuch von vodafone Herrn Lobo als “den” bekannten Vertreter der Internetgeneration auf Werbefeldzug zu schicken ist ja kläglich gescheitert. Die einen kannten ihn nicht, die anderen wollen ihn nicht kennen und fühlen sich in keiner Weise von ihm repräsentiert. Was tut also Herr Lobo so für das Internet und/oder dessen Aussenwirkung?

    Kommentar von Marion - 28. September 2009 um 10:42 Uhr
  21. Image Spread kostenlos Fotos & Bilder hochladen Bilder Hosting and Foto Upload for Free

    Kommentar von Steve - 16. November 2009 um 03:24 Uhr

Deine Friedenstaube