Was uns besser macht.

Ich bin gestern so die Strasse lang gegangen. Vor mir lief ein Teenager, ich schätze zwischen 15 und 16. Adidas-Rucksack. Kopfhörer auf. Und ich hab den die ganze Zeit nur von hinten gesehen. Und wie ich den so beobachte, fällt mir plötzlich auf dass der nicht normal geht. Der wippt auch nicht. Der federt ab, als würde er auf so Sprungfederschuhen laufen. Richtig hoch ging der ganze Körper mit jedem Schritt. Und der Rücken wurde gerade durchgedrückt. Dann blieb er stehen (ich auch), holte sein Handy raus. Scrollte ein bisschen auf dem Bildschirm. Drückte. Steckte es wieder ein und lief weiter. Auf neuen Sprungfederschuhen, diesmal etwas schneller, aber nicht weniger erhaben. Es war klar: Vor mir lief gerade der König der Welt. Seiner Welt. Genau jetzt.

Und an dem Gedanken bin ich hängen geblieben. Ich würde schon behaupten, jemand zu sein, der sich vielleicht überdurchschnittlich mit Kulturgütern beschäftigt. Und ich möchte keine der Lebensverbesserungen, die die mir geben, missen. Neulich war ich mit meiner Freundin im Museum Ludwig in Köln, weil die ein paar coole Sachen in ihrer permanenten Ausstellung haben, wie ich finde. Da war auch gerade eine Gerhard Richter Ausstellung namens “Neue Bilder”. Kurz gesagt: Die neuen Bilder waren doof, aber da waren - um sozusagen den Weg zu den neuen Arbeiten nachzuzeichnen - auch ein paar ältere Werke von Richter ausgestellt und die waren schon sehenswert. Wie überhaupt die Sammlung im Ludwig generell ein paar tolle Schätze bereit hält. Das spannendste dabei: Ich geh da vielleicht alle 5-10 Jahre mal rein. Und jedes Mal entdecke ich etwas anderes für mich. Entweder ist das dann neu hinzugekommen oder mir vorher nicht aufgefallen. Ich schätze, so würde es mir auch gehen, ginge ich jede Woche einmal da rein. Dieses Mal hatte ich Philip Guston für mich entdeckt. Sein Bild “Complications” fand ich sauwitzig. Das ist doch eine ganz schöne Verbindung aus Bild und Titel:

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Interessant, was so bildende Kunst mit mir macht. Dabei ist natürlich die Frage: Gefällt mir, was mir entspricht oder entdecke ich wirklich Neues, auch an mir, wenn ich mich mit Malerei beschäftige? Dieser Frage nachzugehen - das geht nur im Museum. Ich lass mich von Bildern beeindrucken. Interessanterweise geht das auch nur bei Malerei, bei mir. Fotos beeindrucken mich nur mässig, Bildhauerei quasi gar nicht. Ich habe noch einen Soft Spot für Installationen, aber nur, wenn mir die Originalität des Gedankens gefällt. Aber ganz von meinen Vorlieben abgesehen: Diese Art von Kunst bringt mich dazu, mich mit mir und meinem Blick auf die Welt zu beschäftigen. Wie gut das tut. Auch in so einem abstrakten (Denk-)Raum.

Ich lese gerne. Gut, mein Regal platzt vor Büchern, die ich gekauft oder geschenkt bekommen und noch nicht gelesen hab und ich kann mich nicht davon abhalten, regelmässig durch Buchläden zu streifen und trotzdem noch neue Bücher nachzukaufen, die ich dann meistens auch lange erstmal nicht lesen werde und die dann zum Teil sogar noch eingepackt ins Regal wandern, in der Hoffnung, einen Moment der Ruhe zu finden, in dem ich sie dann doch noch lesen werde. Bücher sind für mich auch ein Stück Lebensqualität, ich hab die gerne um mich. Ich bin auch in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Fernseher inmitten der großen Bücherwand stand, ich habe also quasi immer auf Buchrücken geblickt. Auch in meinen Kinderzimmer stand ein Bücherregal, dass unter seiner Last ächzte (aber hielt!). Für Bücher war immer Geld da. Und Platz.

Und klar: Ein paar dieser Bücher werde ich vielleicht auch niemals lesen. Einige habe ich sogar nur wegen dem Titel gekauft und um sie mir ins Regal zu stellen. Die Biografie von Karl Dall zum Beispiel. Die heisst: “Auge zu und durch” und wie könnte man dieses Buch nicht im Regal stehen haben wollen?

Aber ich habe auch Bücher, die ich gerne verschenke. Oder die ich schon mehrmals gelesen hab. Die ich toll und aufregend fand. Welche, die ich vielleicht gar nicht verstanden hab, beim lesen (und auch danach nicht). Durch die ich mich durchgekämpft hab. Die ich vielleicht sogar verflucht hab. Andere, die ich schon ewig hab oder die ich hatte und mir einfach wieder besorgt hab (ich träume immer noch davon, wieder alle “Pitje Puck” Bücher komplett zu haben, wie ich es als Kind tatsächlich hatte…). So viele Bücher, so viele Erinnerungen. An die Bücher selbst, aber auch an die Orte, wo ich sie las. Oder die Menschen, die sie mir gegeben haben. Ein Buch ist immer viel mehr, als das reine Buch.

Am wichtigsten aber: Jedes Buch, dass ich gelesen hab, hat mich schlauer gemacht. Und dabei ist es vollkommen egal, welches Buch das war. Ob ein Percy Pickwick-Band oder ein dicker Schmöker über die Geschichte der Zeit (die Masseinheit, nicht die Zeitung). Ob eines meiner vielen Lieblingsbücher von Dave Eggers oder eine Harald Juhnke Biografie. Es spielt keine Rolle. Jedes Buch, mit dem man sich beschäftigt, macht einen schlauer, macht einen zu einer besseren Version seiner selbst. Deswegen muss auch immer Zeit zu lesen sein. Und wenn man Monate für ein einzelnes Buch braucht - egal. Fast jedes Buch macht einen schlauer. Sogar dumme Bücher irgendwie. Lesen ist ziemlich toll.

Und damit komme ich wieder zu dem Jungen am Anfang. Musik. Hey Musik! Was ist Musik eigentlich für eine unfassbare Superkraft? Vielleicht macht sie einen nur in den seltensten Fällen schlauer und sie regt auch nicht unbedingt zur selbstreflektion an, aber, oh Boy, was macht die nur mit einem? Nichts auf der Welt, keine Kulturtechnik, keine soziale Interaktion, kann so viel so schnell bewirken, wie Musik! Man hört ein Lied und dockt sofort mit einem Gefühl an - vollkommen egal, wie irrational das sein mag. Du kannst der größte Haiopei sein - mit dem richtigen Song auf den Ohren gehst du über die Straße und fühlst dich wie das coolste Wesen, dass jemals den Erdboden berührt hat. Der richtige Song bringt einen zum weinen, wenn man das unbedingt will. Oder zum lachen. Man hört spezielle Musik VOR dem ausgehen, um sich in Stimmung zu bringen für die Musik, die man dann BEIM ausgehen hört und zu der man dann tanzt. Es gibt Musik, die man zum runterkommen hört. Zur Beruhigung. Es gibt Menschen, die beruhigt ein Napalm Death Album. Andere kommen bei Ed Sheeran zur Ruhe. Musik ist die emotionalste Kunstform, die es gibt.

Klar, ich kann einen Film spannend finden, ein Theaterstück aufwühlend - aber ein Lied, das ich mag, braucht drei Minuten um mich mitzureissen. Um in mir ein Bild entstehen zu lassen, dass uninszenierbar wäre. Abgesehen davon: Einige der emotinalsten Momente in Film und Bühne, entstehen vor allem durch das Zusammenspiel mit? Eben: Musik.

Musik, du geile Sau. Auch dich möchte ich nicht missen. Du löst das beste in mir aus. Du befreist alles, was in mir steckt. In Sekundenschnelle. Das kann kein Bild, kein Buch, kein Film, kein Stück. Das kannst nur du, Musik, und machst mich damit besser. Und es gibt so unendlich viel von dir! Ich werde bis an mein Lebensende gar nicht alle Musik entdeckt haben, die ich mögen könnte. Das macht mich einerseits traurig, andererseits bedeutet es: Ich kann mein Leben lang nach ihr suchen. Und werde immer fündig. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke. Irgendetwas tolles werde ich immer nicht kennen und will nur von mir entdeckt werden. Ach, ich könnte mich sofort wieder in irgendwelche Plattenkisten stürzen, aus Freude über alles, was ich noch nicht kenne.

Und auf dem Weg dorthin hab ich sicher meine Kopfhörer auf. Und höre eine Playlist von mir. Und fühle mich wie der coolste Mensch, der rumläuft. Und wenn du mich siehst, ohne zu hören, was ich höre, wirst du denken: “Was ist das denn für ein Otto, warum läuft der so komisch und grinst so blöd?” und das ist okay. Aber du könntest falscher nicht liegen. Würdest du nur fühlen was ich fühle.

Kunst, jede Kunst und Kunstform, macht uns besser. Macht uns, in ihrem Rahmen, ein Stück größer, schlauer, cooler. Wir brauchen Kunst. Aber die braucht uns natürlich auch.

Ich nehm mir jetzt eines der eingepackten Bücher aus dem Regal.