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Lieber DFB, was sagen sie als Aussenstehender zum Thema: Musik?

Ich kenn mich mit Fussball nur sehr wenig aus. Glückwunsch an Dortmund. War ein schönes Spiel.

Nicht so schön war hingegen die Halbzeitpause. Aus verschiedenen, zum Teil naheliegenden Gründen. Was aber jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird, ist schon geradezu putzig. Da muss man dann doch mal ein bisschen ausholen:

In der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Finales in Berlin zwischen Dortmund und Frankfurt ist Helene Fischer aufgetreten. Hat “Atemlos” gesungen und nach der Hälfte des Songs zu ihrem neuen “Hit” “Herzbeben” geschwenkt. Vermutlich in der Hoffnung, dass niemandem so wirklich der Unterschied auffällt. Damit der Konsument denkt: Wenn ich das alte mochte, dann kann ich mir ja auch das neue holen. So irgendwie. Keine Ahnung. To make a long story short: Es ist genauso scheisse. Vielleicht sogar noch etwas schlechter, weil “Atemlos” wenigstens noch neu war.

Während ihres Auftritts, bei dem sie von circa 15 Tänzerinnen und Tänzern flankiert war, haben eigentlich alle anwesenden Fans im Stadion gepfiffen. Das wurde am Ende nochmal deutlich lauter. Frau Fischer lächelte sich beharrlich durch die Nummer und auch am Ende kam ihr ein Dank an Berlin über die Lippen. So weit, so profi.

Aber was jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird! “Die arme Helene!”, “Die sind doch nur neidisch!”, “Nur weil sie erfolgreich ist!”, “Das hat Helene Fischer nicht verdient!”, “Die Fans machen sich lächerlich!”, “Die wollen einen Fussball zurück, den es nicht mehr gibt!”, “Wie beim Superbowl!”, “Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse!”. So in etwa der Tenor. So in etwa die Stimmen danach und dazu.

Leute. Daran ist so viel Käse, dass Frau Antje Überstunden machen muss.

Ertsmal: Viele Fans rechtfertigen die Pfiffe als Kritik am DFB. Dass sie keine Halbzeitshow wollen. Vor allem nicht so eine. Ja, kann man sicher so verstehen. Es ist aber auch nichts schlimm daran, einfach Helene Fischer scheisse zu finden und mit ihrem Plastikschlager bei einem Fussballspiel äusserst deplatziert zu empfinden. Es mag ja sein, dass die CD von der im DFB-Stübchen, oder wie auch immer die Kneipe gegenüber der DFB-Zentrale in Frankfurt heissen mag, rauf und runter läuft und keinen stört und an ganz wilden Abenden dazu sogar Disco-Fox getanzt wird, aber diese groteske Instinktlosigkeit der Organisatoren mit der Gleichung im Kopf “Gefällt vielen = kommt sicher gut an” ist wirklich sagenhaft daneben. Gerade Fussballfans, die Lieder singen wie “You never walk alone”, “Ich würde nie zum FC Bayern gehen”, “Mir stonn ze dir - EffZeh Kölle!” u.ä., die offensichtlich eine Art kernige Ehrlichkeit mögen - warum sollten die im Stadion plötzlich zum jedem normalen Menschen mittlerweile aus den Ohren raushängenenden “Atemlos” voll abfeiern? Noch dazu in der Halbzeitpause, wo jeder Fan total angespannt ist?

Nein, das war kein Fanservice, das war der Brechstangenversuch, noch mainstreamiger zu werden (was ist denn bitte mainstreamiger als Fussball?). Das war der, missglückte, Versuch, auch mal Samstag Abendshow zu sein. Kann man probieren, gar kein Thema. Aber man könnte sich ja dann auch mal Mühe geben.

Es gab auch sehr viele Vergleiche mit der Superbowl-Halbzeitshow. Da würden ja auch Stars auftreten wie Lady Gaga, Beyoncé, Prince usw. Okay, der Vergleich ist auf so abermilionen Weisen dämlich, dass ich versuche nur die beiden allerbescheuertsten Fehler zu benennen:

1.) Football ist nicht Fussball
American Football ist ein werbeoptimierter Sport. Ein Spiel, in dem es gefühlt mehr Breaks und Taktikbesprechungen als Aktion gibt. Da fällt eine Halbzeitshow natürlich ins Gewicht, aber eben gefühlt nicht so, wie bei Fussball, welches im Grunde genommen 45 Minuten Spannung ist, dann ein bisschen Entspannung - aber vor allem Anspannung, was passiert, wenn alle wieder aus der Kabine kommen und dann nochmal 45 Minuten Spannung am Stück. Das ist eine komplett andere Dramatik als Football. Deswegen leiden die Fans auch anders mit. Und das sollte man beachten.

2.) Superbowl-Halbzeitshow
Das ist natürlich ein Riesenevent, sportlich sicherlich vergleichbar mit dem DFB-Pokal (eigentlich ist es die Meisterschaft, da die aber hierzulande nicht im KO-System ausgespielt wird, ist der Pokal eine Art Ersatz), alles spitzt sich auf dieses eine Spiel zu. Und damit alle daran Spaß haben, gibt es die Halbzeitshows. Das sind spektakuläre Auftritte fantastischer, internationaler Künstler. Man ist gespannt: Was werden sie sagen, was werden sie tragen? Was werden sie bieten, welche Hits werden sie spielen? Und gibt es Überraschungsgäste? Diese 10-15 Minuten sind so vollgepackt mit Attraktion, mit Überraschung, mit Hits und mit spektakulärsten Sachen - man vergisst komplett wo man ist.

Und jetzt gucken wir uns mal an, was da im Olympiastadion gemacht wurde: Helene Fischer singt 1,5 Lieder mit einer Gruppe Tänzer, die eine sauschlechte Choreografie tanzen und das nicht mal sonderlich synchron. Das Ganze vor der Tribüne mit den Ehrenplätzen, jämmerlich, um das Pokallogo herum. Fischer selbst tanzt die Choreo kaum noch mit. Bei “Atemlos” wirken ihre angedeuteten Bewegungen regelrecht lustlos. Leute, das ist nicht ansatzweise vergleichbar. Das ist, als würde ich die Wahl der schönsten Schaukuh zur “Miss Blickpunkt Rind” mit der Oscar-Verleihung gleichsetzen. Als wenn ich sagen würde: “Toni Erdmann wär echt besser gewesen, wenn Mario Barth die Hauptrolle gespielt hätte”. Oder “Ich mochte die Wildecker Herzbuben, als sie noch nicht so mainstream waren, irgendwie mehr…”. Das ist totaler Quatsch. Not even close. Durch nichts in der realen Welt nachvollziehbar. Das eine: Unfassbare Show. Das andere: Unfassbare Show.

Und dann noch ein letzter Punkt, der mich wirklich nervt in der Diskussion:

Niemand wird gerne ausgebuht. Wirklich. Es ist unfassbar unangenehm, auf einer Bühne zu stehen und direkte, negative Kritik zu bekommen. Das macht keinen Spass. Aber: Mein Mitleid mit Helene Fischer hält sich trotzdem in Grenzen. Sie wollte ja offensichtlich gerne da auftreten, davon ausgehend, dass jeder Fussballfan sie lieben muss, da sie ja auch am Brandenburger Tor so gut ankam zur Weltmeisterfeier. Und weil sie ja so erfolgreich ist. Und davon abgesehen nimmt sie natürlich gerne die Primetime-Coverage in der absehbar quotenstärksten Sendung mit. Wer sich so glatt durch alles zu aalen versucht, der darf dann auch mal auf die Schnauze fallen, find ich. Sie wollte eh nur ihre neue Single spielen. Ihre Fans vor den Fernsehern haben sich sicher gefreut. Aber selber nicht zu sehen, wie fehl man am Platz sein kann, weil einem die Auftrittsmöglichkeit wichtiger ist (und sie macht ja wirklich alles mit, was sie machen kann - deswegen hat sie es ja auch so weit gebracht), als alles andere, das ist dann auch schon mal okay. Da muss man dann halt durch und das hat sie mit festgetackertem Grinsen ja auch gemacht.

Übrigens: Dieses “Das Fernsehen hat die Pfiffe runtergedreht!” ist ja auch nur grotesk. Ein TV-Regisseur will immer das bestmögliche Signal senden. Und das ist bei einem Auftritt die Musik und nicht die Umgebungsgeräusche - super Überraschung. Ich habs im Fernsehen gesehen und trotzdem die Reaktionen mitbekommen. Auch wenn vorsichtshalber kein Publikum in Großaufnahme gezeigt wurde.

Machen wir uns nix vor: Der Auftritt war ein Desaster. Fischer wirds nicht schaden. Am Spielablauf hats nichts geändert. Aber vielleicht, ganz vielleicht, checkt der DFB ja zum nächsten Mal, dass man sich auch beraten lassen kann, wenn es um Dinge geht, von denen man dort offensichtlich nichts versteht, wie zum Beispiel: Musik.



Was uns besser macht.

Ich bin gestern so die Strasse lang gegangen. Vor mir lief ein Teenager, ich schätze zwischen 15 und 16. Adidas-Rucksack. Kopfhörer auf. Und ich hab den die ganze Zeit nur von hinten gesehen. Und wie ich den so beobachte, fällt mir plötzlich auf dass der nicht normal geht. Der wippt auch nicht. Der federt ab, als würde er auf so Sprungfederschuhen laufen. Richtig hoch ging der ganze Körper mit jedem Schritt. Und der Rücken wurde gerade durchgedrückt. Dann blieb er stehen (ich auch), holte sein Handy raus. Scrollte ein bisschen auf dem Bildschirm. Drückte. Steckte es wieder ein und lief weiter. Auf neuen Sprungfederschuhen, diesmal etwas schneller, aber nicht weniger erhaben. Es war klar: Vor mir lief gerade der König der Welt. Seiner Welt. Genau jetzt.

Und an dem Gedanken bin ich hängen geblieben. Ich würde schon behaupten, jemand zu sein, der sich vielleicht überdurchschnittlich mit Kulturgütern beschäftigt. Und ich möchte keine der Lebensverbesserungen, die die mir geben, missen. Neulich war ich mit meiner Freundin im Museum Ludwig in Köln, weil die ein paar coole Sachen in ihrer permanenten Ausstellung haben, wie ich finde. Da war auch gerade eine Gerhard Richter Ausstellung namens “Neue Bilder”. Kurz gesagt: Die neuen Bilder waren doof, aber da waren - um sozusagen den Weg zu den neuen Arbeiten nachzuzeichnen - auch ein paar ältere Werke von Richter ausgestellt und die waren schon sehenswert. Wie überhaupt die Sammlung im Ludwig generell ein paar tolle Schätze bereit hält. Das spannendste dabei: Ich geh da vielleicht alle 5-10 Jahre mal rein. Und jedes Mal entdecke ich etwas anderes für mich. Entweder ist das dann neu hinzugekommen oder mir vorher nicht aufgefallen. Ich schätze, so würde es mir auch gehen, ginge ich jede Woche einmal da rein. Dieses Mal hatte ich Philip Guston für mich entdeckt. Sein Bild “Complications” fand ich sauwitzig. Das ist doch eine ganz schöne Verbindung aus Bild und Titel:

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Interessant, was so bildende Kunst mit mir macht. Dabei ist natürlich die Frage: Gefällt mir, was mir entspricht oder entdecke ich wirklich Neues, auch an mir, wenn ich mich mit Malerei beschäftige? Dieser Frage nachzugehen - das geht nur im Museum. Ich lass mich von Bildern beeindrucken. Interessanterweise geht das auch nur bei Malerei, bei mir. Fotos beeindrucken mich nur mässig, Bildhauerei quasi gar nicht. Ich habe noch einen Soft Spot für Installationen, aber nur, wenn mir die Originalität des Gedankens gefällt. Aber ganz von meinen Vorlieben abgesehen: Diese Art von Kunst bringt mich dazu, mich mit mir und meinem Blick auf die Welt zu beschäftigen. Wie gut das tut. Auch in so einem abstrakten (Denk-)Raum.

Ich lese gerne. Gut, mein Regal platzt vor Büchern, die ich gekauft oder geschenkt bekommen und noch nicht gelesen hab und ich kann mich nicht davon abhalten, regelmässig durch Buchläden zu streifen und trotzdem noch neue Bücher nachzukaufen, die ich dann meistens auch lange erstmal nicht lesen werde und die dann zum Teil sogar noch eingepackt ins Regal wandern, in der Hoffnung, einen Moment der Ruhe zu finden, in dem ich sie dann doch noch lesen werde. Bücher sind für mich auch ein Stück Lebensqualität, ich hab die gerne um mich. Ich bin auch in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Fernseher inmitten der großen Bücherwand stand, ich habe also quasi immer auf Buchrücken geblickt. Auch in meinen Kinderzimmer stand ein Bücherregal, dass unter seiner Last ächzte (aber hielt!). Für Bücher war immer Geld da. Und Platz.

Und klar: Ein paar dieser Bücher werde ich vielleicht auch niemals lesen. Einige habe ich sogar nur wegen dem Titel gekauft und um sie mir ins Regal zu stellen. Die Biografie von Karl Dall zum Beispiel. Die heisst: “Auge zu und durch” und wie könnte man dieses Buch nicht im Regal stehen haben wollen?

Aber ich habe auch Bücher, die ich gerne verschenke. Oder die ich schon mehrmals gelesen hab. Die ich toll und aufregend fand. Welche, die ich vielleicht gar nicht verstanden hab, beim lesen (und auch danach nicht). Durch die ich mich durchgekämpft hab. Die ich vielleicht sogar verflucht hab. Andere, die ich schon ewig hab oder die ich hatte und mir einfach wieder besorgt hab (ich träume immer noch davon, wieder alle “Pitje Puck” Bücher komplett zu haben, wie ich es als Kind tatsächlich hatte…). So viele Bücher, so viele Erinnerungen. An die Bücher selbst, aber auch an die Orte, wo ich sie las. Oder die Menschen, die sie mir gegeben haben. Ein Buch ist immer viel mehr, als das reine Buch.

Am wichtigsten aber: Jedes Buch, dass ich gelesen hab, hat mich schlauer gemacht. Und dabei ist es vollkommen egal, welches Buch das war. Ob ein Percy Pickwick-Band oder ein dicker Schmöker über die Geschichte der Zeit (die Masseinheit, nicht die Zeitung). Ob eines meiner vielen Lieblingsbücher von Dave Eggers oder eine Harald Juhnke Biografie. Es spielt keine Rolle. Jedes Buch, mit dem man sich beschäftigt, macht einen schlauer, macht einen zu einer besseren Version seiner selbst. Deswegen muss auch immer Zeit zu lesen sein. Und wenn man Monate für ein einzelnes Buch braucht - egal. Fast jedes Buch macht einen schlauer. Sogar dumme Bücher irgendwie. Lesen ist ziemlich toll.

Und damit komme ich wieder zu dem Jungen am Anfang. Musik. Hey Musik! Was ist Musik eigentlich für eine unfassbare Superkraft? Vielleicht macht sie einen nur in den seltensten Fällen schlauer und sie regt auch nicht unbedingt zur selbstreflektion an, aber, oh Boy, was macht die nur mit einem? Nichts auf der Welt, keine Kulturtechnik, keine soziale Interaktion, kann so viel so schnell bewirken, wie Musik! Man hört ein Lied und dockt sofort mit einem Gefühl an - vollkommen egal, wie irrational das sein mag. Du kannst der größte Haiopei sein - mit dem richtigen Song auf den Ohren gehst du über die Straße und fühlst dich wie das coolste Wesen, dass jemals den Erdboden berührt hat. Der richtige Song bringt einen zum weinen, wenn man das unbedingt will. Oder zum lachen. Man hört spezielle Musik VOR dem ausgehen, um sich in Stimmung zu bringen für die Musik, die man dann BEIM ausgehen hört und zu der man dann tanzt. Es gibt Musik, die man zum runterkommen hört. Zur Beruhigung. Es gibt Menschen, die beruhigt ein Napalm Death Album. Andere kommen bei Ed Sheeran zur Ruhe. Musik ist die emotionalste Kunstform, die es gibt.

Klar, ich kann einen Film spannend finden, ein Theaterstück aufwühlend - aber ein Lied, das ich mag, braucht drei Minuten um mich mitzureissen. Um in mir ein Bild entstehen zu lassen, dass uninszenierbar wäre. Abgesehen davon: Einige der emotinalsten Momente in Film und Bühne, entstehen vor allem durch das Zusammenspiel mit? Eben: Musik.

Musik, du geile Sau. Auch dich möchte ich nicht missen. Du löst das beste in mir aus. Du befreist alles, was in mir steckt. In Sekundenschnelle. Das kann kein Bild, kein Buch, kein Film, kein Stück. Das kannst nur du, Musik, und machst mich damit besser. Und es gibt so unendlich viel von dir! Ich werde bis an mein Lebensende gar nicht alle Musik entdeckt haben, die ich mögen könnte. Das macht mich einerseits traurig, andererseits bedeutet es: Ich kann mein Leben lang nach ihr suchen. Und werde immer fündig. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke. Irgendetwas tolles werde ich immer nicht kennen und will nur von mir entdeckt werden. Ach, ich könnte mich sofort wieder in irgendwelche Plattenkisten stürzen, aus Freude über alles, was ich noch nicht kenne.

Und auf dem Weg dorthin hab ich sicher meine Kopfhörer auf. Und höre eine Playlist von mir. Und fühle mich wie der coolste Mensch, der rumläuft. Und wenn du mich siehst, ohne zu hören, was ich höre, wirst du denken: “Was ist das denn für ein Otto, warum läuft der so komisch und grinst so blöd?” und das ist okay. Aber du könntest falscher nicht liegen. Würdest du nur fühlen was ich fühle.

Kunst, jede Kunst und Kunstform, macht uns besser. Macht uns, in ihrem Rahmen, ein Stück größer, schlauer, cooler. Wir brauchen Kunst. Aber die braucht uns natürlich auch.

Ich nehm mir jetzt eines der eingepackten Bücher aus dem Regal.