Eine letzte Umarmung für Jutta Winkelmann

Jutta Winkelmann ist gestorben. Jutta war das, was man eine Ikone nennt. Eine Frau, die ein alternatives Leben lebte, ach, die das alternative Leben erfunden hat. Eine 68erin, wie man sie sich vorstellt. Die man betrachtet und neidlos (oder -voll, je nach Standpunkt) anerkennen muss, dass sie ihr ganzes Leben einer Idee von Freiheit gewidmet hat. Freiheit und Selbstbestimmung. Das ging sogar so weit, dass man ihr vorwarf, freiheitliche und selbstbestimmte Ideale über den Haufen zu werfen, als sie Teil des „Harems“ um Rainer Langhans wurde. Aber freier konnte eine Entscheidung natürlich nicht sein, so ein vollkommen neues und ungewöhnliches Beziehungskonzept ausserhalb irgendwelcher (gesellschaftlicher) Zwänge einmal auszuprobieren. Und der Name “Harem” war sowieso bescheuert (und weit entfernt von der Realität).

Ich glaube, zumindest in Deutschland, bewundere ich keine Generation so sehr, wie die 68er. Nicht nur für ihr erwachendes politisches Bewusstsein, dass sich wütend gegen ein immer noch von Alt-Nazis durchsetztes Deutschland zu wehren versuchte (und dabei eben auch gewalttätig weit übers Ziel hinausschoss). Das finde ich schon auch spannend. Aber ich finde noch viel spannender, wie viel sich gesellschaftspolitisch tat. Wie sehr - auch nervenaufreibend - versucht wurde, neue Positionen zu finden. Zu erörtern, wie die Gemeinschaft vielleicht auch noch, vielleicht sogar noch besser funktionieren könnte. Nicht alle Ideen dazu waren gut oder schlau oder durchdacht. Aber dieser Wille zur Veränderung, der auch Kraft kostete, aber darauf abzielte, dieses Land besser, fairer, stärker zu machen, der imponiert mir noch heute, obwohl ich das ja nur aus Büchern oder Erzählungen kenne. Ich frage mich oft, wie ich damals gehandelt hätte. Ich wäre sicher kein Kämpfer gewesen - dazu bin ich viel zu sehr Schisser. Aber ich hätte mich der Faszination nicht entziehen können. Vielleicht wäre ich so wie Jutta gewesen. Ich glaube, ich wäre sehr gerne so wie Jutta gewesen.

Jutta hat viel ausprobiert. Ach, ich will jetzt nicht ihr bewegtes Leben nachzeichnen, dass können andere - sie inklusive - deutlich besser. Ich wusste auch immer sehr wenig über sie, erst nachdem sie gestorben ist, habe ich gecheckt, dass sie mal mit Adolf Winkelmann, dem tollen Regisseur, der u.A. „Die Abfahrer“ gemacht hat, verheiratet war. Ich hab mir ihren Nachnamen nie gesondert angeguckt. Ich wusste das mit Langhans. Dann blichen meine Infos über sie aber auch langsam aus.

Aber das war auch gar nicht wichtig. Denn ich mochte sie. Ich mochte sie aufrichtigen Herzens. Wir waren Facebookfreunde. Ich weiß gar nicht mehr, wer auf wen kam und wie unsere Verbindung dort entstand. Aber wir waren schon einige Zeit befreundet. Und sie ist mir immer mal wieder in meiner Timeline aufgefallen. Also, ihre Posts. Sie war ziemlich spirituell, aber irgendwie so authentisch dabei. Total cool. Das gute „cool“, nicht das kühle. Keine Ahnung, ich weiß nicht mal wie ich das formulieren soll, ohne das es besonders kitschig klingt. Eines Tages aber, da hab ich ihr einfach über Facebook geschrieben. Dass ich sie bewundere und toll finde und mich ihr sehr verbunden fühle, auf eine komische Art. Keine Ahnung, warum ich ihr das schrieb, aber es hat sich echt so angefühlt. Und sie hat sich total gefreut und mir zurückgeschrieben.

Ein paar Jahre später. Jutta hat ihre Krebserkrankung auf ihrer Seite öffentlich gemacht. Und immer wieder ihre Gedanken darüber geteilt. Oder wie sie sie erlebt. Was sie mit dem Virus erlebt. Wie sie sich begegnen. Oder wie es manchmal einfach nur total nervt. Die Schmerzen. Das erzwungene Nachdenken über den Tod. Auch über ihr Buch schrieb sie, nicht ohne Stolz, dass sie am Krankenbett fertig stellte. Sie liebäugelte auch eine Zeit lang damit, als Cover ein Foto ihrer Krankenwindel zu nehmen. Die Krankheit lächerlich machen. Deutungshoheit über das eigene Ich behalten, wenn so viele in so einer Krankheit verschwinden. Das war ihr wichtig und das hat sie mit bewundernswerter Stärke gemacht.

Ich weiß noch, dass sie ihre FB-Freunde um Rat fragte in irgendeiner Sache. Ich wusste nichts dazu. Viele andere auch nicht, aber das hielt sie nicht davon ab, ihr „schlaue“ Kommentare zu schreiben. Ich wollte aber niemanden blossstellen, deswegen schrieb ich ihr lieber wieder eine Privatnachricht. Dass ich ihr leider keinen Rat in der Sache geben könne, aber an sie denken würde. Ich hab das wirklich so gemeint. Und sie antwortete nur: „Danke! Dass du keinen Rat geben kannst….dafür liebe ich dich! Toll! Big Hug!“ Ich schickte ihr einen „Superbig Hug!“ zurück. Das war irgendwie schön zwischen uns. Und auf eine kindische Weise niedlich.

Ich sah, dass es anfing ihr deutlich schlechter zu gehen. Sie träumte davon, noch einmal Indien zu sehen, wohl wissend, dass das nicht mehr passieren würde. Wenn sich das unvermeidliche aufbaut, glaubt man umso mehr, dagegen glauben zu können. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, vielleicht würde sie sich nochmal erholen, vielleicht würde sie diese eine Reise noch machen können. Es war sinnlose Hoffnung. Aber ich wollte trotzdem dran glauben.

Eines Tages schrieb sie mir, ob ich ihr meine Adresse geben könnte, denn sie würde mir sehr gerne ihr fertig gestelltes Buch schicken. Ich freute mich total und zögerte keine Sekunde, bat sie noch um ihre Adresse, damit ich ihr mein neues Buch auch schicken könne, aber darauf antwortete sie nicht mehr. Vielleicht war es auch nicht so wichtig, sich so zu revanchieren, ihr schon gar nicht. Sie wollte keine Bücher tauschen. Sie wollte einfach, dass ich ihr Buch bekomme.

Ein paar Wochen später, war der dicke Umschlag in meinem Briefkasten. Ich packte ihr Buch aus. Schlug die erste Seite auf. Und da stand ihre Widmung:

„Für Nilz, mit einem superdicken Hug! Jutta“

Ich habe das Buch mit auf jede Reise genommen, auf jede längere Bahnfahrt. Aber nie angefangen zu lesen. Ich hab mich immer gefreut, ihr sagen zu können, wie es mir gefällt. Vermutlich war meine bescheuerte Ego-Hoffnung immer, dass sie gar nicht gehen könne, bevor ich ihr nicht was zu dem Buch gesagt hab. Sie konnte es doch. Sie gab dem Stern noch ein letztes, wirklich bewegendes Interview. Und starb am 23.02.

Wenn ich ihr jetzt auf Facebook schreiben würde, würde sie nicht mehr antworten. Und wenn ich unsere wenigen Dialoge dort lese, kommen sie mir nun irgendwie lustig vor. Der kleine Trottel und die weise Frau. So vielleicht. Uns haben nur wenige Momente verbunden, aber die waren von einer seltenen und besonderen Güte. Schon allein deswegen hab ich das Bedürfnis, noch folgendes zu schreiben:

Keine Ahnung, wo du jetzt bist, Jutta.
Aber ich schick dir superbig Hugs!