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Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die Höchste Eisenbahn”

Drei Jahre ist das nun schon her. Drei Jahre seit einer Platte, die mich verzaubert hat, die damals meine Platte des Jahres war und die ich seitdem immer und immer wieder gehört habe. Das verrückte daran ist: Ich habe irgendwie gar nicht mehr mit einer weiteren Platte gerechnet. Vielleicht weil die Band in meinem Kopf einen gewissen Projekt-Charakter hat, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher dieses Gefühl kommt.

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Nun habe ich es in der Hand, dass neue Album. Und abgesehen von der schönen Überraschung, ist das auch ein schönes Album. Eine Platte, die dem Debüt in keinster Weise nachsteht. Eine Platte, die auch wieder Magie verströmt, wie zuvor, aber vielleicht diesmal auf eine etwas andere Art. Vielleicht. Mal sehen zu welchem Fazit ich am Ende dieses Textes komme. Vorweg gestellt sei erstmal nur das: Bitte kaufen sie diese Platte. Sie gehört zu den Meisterwerken 2016.

Schon auf Twitter und Facebook wurde ich ungeduldig gefragt, wie mir denn die neue Höchste Eisenbahn gefallen würde - bevor ich sie überhaupt einmal durchgehört hatte. Dann aber hatte ich endlich das Momentum und den Zeitpunkt gefunden, mich in Ruhe mit ihr auseinanderzusetzen.

Und schon der erste Eindruck war: Ich möchte diese Lieder einpacken, in kleine Paketchen, mit Schleife und vielleicht an den Ecken etwas zusammengedrückt. Und die will ich verschicken, an ganz viele Menschen. Menschen, die ich mag. Einfach nur um zu wissen, dass sie diese Lieder auch hören, dass sie dieselben Lieder wie ich hören. Und zwar genau diese. Diese Songs die immer eine Mischung sind aus Anekdoten, die uns allen schon genauso passiert sind und Sätzen, die auf Plakaten gedruckt, unsere Innenstädte zukleistern sollten.

Eigentlich sollte das einen ja erschrecken: Mein Leben ist gar nicht so einzigartig, wie ich immer gedacht habe. Anderen Menschen passieren dieselben Dinge, erschreckend gleich, und sie schreiben dann auch noch Songs drüber. Und in ihren Songs tauchen all diese Namen auf, Lisbeth, Tillmann, Louie, Timmy. Ein Name macht einen Song konkret, ein Adressat macht ein Lied zu einer Aussage. Und dennoch ist das alles kein Grund zur Sorge:

1.) Die Musik
Der AOR des ersten Albums wurde ausgefeilt. Jetzt sind auch, wie zum Beispiel in “Stern”, andere EInflüsse zu hören, die vorsichtig in das Gesamtbild eingefügt wurden. Im genannten Song ist das ein fast housiges Piano im Refrain. In vielen anderen Liedern wurden auch neue Synthie-Sounds genutzt, Sounds, die fast verboten waren.

Die Kompositionen sind clever, ohne angeberisch sein zu wollen. Es scheint keinen Ton zu viel zu geben. Sehr leicht, sehr einschmeichelnd, manchmal mit kleinen eingebauten Stolperern. Ich weiß nicht, was diese Musik für mich so verführerisch macht. Ich kann diesen Harmoniebögen nicht widerstehen. Dieser schlauen Instrumentierung, die immer wie aus dem Bauch wirkt, obwohl man merkt, dass sie sehr durchdacht ist. Sie zwingen mich zuzuhören und gleichzeitig darüber glücklich zu sein. Ich freu mich über die Gesangsmelodien und die zweistimmigen Harmonien. Es schwebt in dur-igen Sphären und hallt in Moll nach. Die Kompositionen sind Sehnsuchtsorte. Vielleicht beschreibt es das am Besten (vielleicht aber auch gar nicht).

2.) Die Texte
Die letzten drei Jahre haben Moritz Krämer und Francesco Wilking wohl dazu genutzt, noch mehr zu beobachten, noch mehr zu erleben, noch genauer hinzuschauen. Manche Menschen haben ab einem gewissen Punkt alles erzählt, nichts Neues mehr erlebt (vor allem im deutschsprachigen HipHop ein häufiges Phänomen) und fangen dann nur noch an, sich zu wiederholen. Eine Falle, in die die Höchste Eisenbahn wohl niemals tritt. Denn ihre Texte handeln von Situationen, die niemals aufhören, die so einzigartig sind, dass sie ein Leben lang vorkommen.

Irgendwann werd ich dir alles erzählen.
Wenn du neben der Rutsche stehst,
werd ich mich zu dir stellen.

Ich sag was zum Wetter.
Du lachst und du nickst.
Und alles ist still.
Für einen Augenblick.

Diese Strophe zum Beispiel aus dem großartigen “Woher denn”, erzählt schon so viel, so bekannte Situationen und hat gleichzeitig etwas unangenehmes, etwas bedrückendes. Zusammen mit dem herrlich leichten Instrumental, in dem immer wieder irgendwelche Sounds kurz und klein aufpoppen, fast wie in einem Sumpf in der Abenddämmerung, wo es an allen Ecken und Enden kleine Geräusche gibt und welches sich dann in ein großes Uptempo-Finale steigert. Das ist so einzigartig toll - so einen Song kann es nur von dieser Band geben.

Oder der Refrain von “Lisbeth”:

Liebe Lisbeth,
wir sind nie Zuhaus
Mit dir würd ich immer wieder,
an einem Laken zum Fenster raus.
Wir waren Waisen
und ständig auf der Flucht.
Ängstlich und alleine
und dann kam der erste Kuss.
Bist nochmal gewachsen,
und ich kann jezt mehr verstehen:
Waisen sind wir immer wieder,
wenn wir uns nicht sehen.

Ich liebe diese Band, ich liebe ihre Melodien, die Art, wie sie ihre Instrumente spielen, wie sie singen, was sie singen, wie sie welche Worte benutzen. Wenn ich eine Band sein wollen würde, dann diese (oder die Lassie Singers). Auch auf dem neuen Album beweist die Höchste Eisenbahn wieder, sehr ausserhalb von allem zu sein, sehr einzigartig und vor allem: Sehr berührend. Es gibt viele deutschsprachige Bands, die ich verehre, aber im Moment keine, die ich so liebe.

Auch wenn ich es schade finde, dass Francesco nicht mal mehr einen italienischen Satz untergebracht hat - aber vielleicht kann ich mit ihm ja eine italienische Cover-Platte machen.