Hinnehmen müssen

Ich will hier nicht der Partypooper sein, aber ich befürchte, ich muss. Ich lese eure Texte, eure Sorge und ich freue mich darüber, dass ihr alle viel besser als ich artikulieren könnt, was mich sorgt, was mich umtreibt. Aber je mehr ich lese und je mehr ich auch von denen lese, wird mir etwas bewusst.

All unsere Aufrufe verhallen im Nichts. Wir preachen nur zum Choir. Wenn wir argumentativ versuchen, die AfD auseinander zu nehmen, so gelingt uns das relativ gut. Ein Blick in die regionalen Parteiprogramme reicht um zu erkennen, dass die Partei und ihre Mitglieder ein Gemischtwarenladen aus Fremdenfeindlichkeit, Nostalgie und Freiheitsphobie sind. So wenig überraschend das auch sein mag. Auch ihre Strategien in Lärmen und Aufmerksamkeit generieren und dann doch nicht alles so gemeint haben, aber immer mit der Zwinker-Hintertür - auch keine neuartige Vorgehensweise. Wenn man ihren Anhängern zuruft, dass die AfD auch nur Posten und Pensionen haben will - also das, was sie den “etablierten” vorwirft - zucken die nur mit den Schultern und sagen: “Na und, wollen doch alle!”. Also nicht nur die Partei, sondern auch ihre Anhänger machen sich die Welt, wie sie ihnen gerade in den Kram passt. Alle Unlogik und Unwägbarkeit zum Trotz. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über andere Parteien steht, kann man sie gerne teilen. Wenn in einer Zeitung etwas kritisches über die AfD steht, ist sie die Lügenpresse und wird sofort deabonniert. Und dass es sich dabei um ein und dieselbe Zeitung handeln kann, ist dabei für die Anhänger kein Widerspruch.

Man denkt sich in einen Wahn, in ein Wir-gegen-Alle-Gefühl. Im Grunde genommen ist die AfD die “Die Böhsen Onkelz” der Politik. Alle ächten uns, alle hassen uns - das macht uns nur noch stärker. Wir charten, wir machen Konzerte für Hunderttausende von Menschen - aber niemand erkennt das an. Ähnlich wie Wahlerfolge und große Demos - aber alle machen sich noch über uns lustig. Ein “Jetzt erst Recht”, das aus einem “Wir” entsteht. Und der Hauptantrieb ist Wut.

Wut ist von allen Gefühlsregungen so ziemlich die irrationalste. Fakten werden lästig, Widerworte werden persönliche Angriffe. Wer wütend ist, ist nicht mehr erreichbar. Und das weiss die AfD und nährt deswegen nur noch diese Wut. Damit hält sie die Anhänger im Würgegriff. Damit hat sie Erfolg. Wenn die Onkelz morgen eine Platte machen, auf der sie die Schönheit der Liebe besingen und wie sehr sie Einhörner und Zuckerwatte lieben - die Verkäufe wären wohl überschaubar und die Reaktionen der Fans vorhersehbar. Wut ist der Kitt, der all diese Menschen zusammenhält. Wut lässt sich leicht abschöpfen, gerade bei denen, die sich übervorteilt fühlen. Wer die Wut kontrolliert, kontrolliert die Wütenden.

Deswegen werden all eure Argumente, all eure “Jetzt aber mal wirklich!”-Anreden, all eure richtigen und wichtigen Einwände im Nichts verhallen. Diese Leute sind wütend und werden wütend gehalten - mindestens bis zur Bundestagswahl - und sind deswegen für nichts rationales empfänglich. Sie wollen Merkel jetzt endlich diesen Denkzettel verpassen, weil sie als Kanzlerin für ihr persönliches Leid verantwortlich ist. Darum geht es. Um mehr nicht. Und wenn die AfD jetzt behaupten würde, die Renten kürzen zu müssen oder beige Jacken zu verbieten, was wohl einen Großteil ihrer Anhänger empfindlich treffen würde, es wäre egal. Sie hat sich positioniert als Wutventil gegen die Regierung und wir können nichts, gar nichts dagegen tun (ausser andere, normale Parteien als noch größeres Ventil zu positionieren, aber so tief Rechts will niemand fallen…).

Es ist ein hilfloses Gefühl, ich weiß. Und bis es so weit ist, werden noch viele Texte gegen sie verfasst, vielleicht viele Torten auf sie geworfen und viele Menschen werden sich gegen die Partei und ihr krudes Weltbild stellen. Und das mit Recht. Aber sie wird weiterhin Wahlsiege einfahren.

Und dann vom politischen Alltag zerrieben.

Nachwort: Mir ist bewusst, dass mein vorletzter Text fast das gleiche Thema und die gleiche Theorie artikulierte, aber manchmal will man dieselben Sachen nochmal anders formulieren.