Angst

Man stelle sich folgendes Bild vor, meinetwegen als gezeichnete Karikatur (meine Zeichen-Skills sind zu schlecht, deswegen muss ich das beschreiben): Eine Menschenmenge. Mit Zöpfen und Lederhosen. Sie stehen um einen Mann in zerfetzten Klamotten herum. Sie brüllen ihn an. “DAS LAND IST VOLL!” und “JAJA, EUCH LÄSST MAN KLAUEN!” und “IHR MOSLEMS HASST DOCH ALLE UNGLÄUBIGEN!” und “ENTSCHULDIGE DICH MAL FÜR DIE TERRORISTEN, DU LIEST DOCH AUCH DEN KORAN!” und “EUCH SCHIEBT MAN HINTEN UND VORNE ALLES REIN - ICH WILL AUCH WAS UMSONST!” und “NA WARTE! WENN HIER EINE BOMBE HOCHGEHT - UND DAS KANN NICHT MEHR LANGE DAUERN - DANN WISSEN WIR DASS IHR DAS WART!”
Und ganz hinten, in der letzten Reihe, stehen ein paar Typen mit Deutschlandfähnchen und werfen Granaten und Molotov Cocktails in die andere Richtung und kichern.

Die Hysterie hierzulande ist ausser Kontrolle geraten. Mit Argusaugen werden alle Menschen beobachtet, die nicht deutsch aussehen. Wenn sie im Baumarkt einen Großeinkauf machen, geht man davon aus, dass sie das Schlimmste im Schilde führen. Bevor irgendeine Erkenntnis gewonnen wurde, übertreffen sich die Sensationsmedien schon mit Horrorvisions-Schlagzeilen a la “Rosenmontagszug abgesagt?”, auch wenn die Polizei alles relativiert (sogar im selben Artikel…). Aber einmal Schlagzeile, schon in den Köpfen. Den Geist kriegt man nie mehr zurück in die Flasche. Und schon hat man wieder einen Strich mehr auf der “böser Ausländer”-Liste.

Zynisch gesagt: Manche Menschen, vor allem von rechts, wünschen sich so sehr einen Anschlag von Islamisten hierzulande, damit sie behaupten können, Recht gehabt zu haben, dass sie vor allem anderen die Augen zumachen. Denn der Terrorismus ist schon längst da.

Aber er kommt von Deutschen.

Eine Granate auf ein Haus zu werfen oder ein Haus anzuzünden, in dem man Menschen vermutet, die man vertreiben und/oder umbringen will - das ist Terror, das ist Terrorismus, das ist gelebter Rassismus, das ist Faschismus, das ist es, was die Geschichtsbücher uns versucht haben beizubringen, was nie mehr passieren darf. Passiert im Moment täglich. In diesem Land. Nichts, wovor ich mich mehr fürchte, als ein wiedererstarken einer Bewegung und einer Idee, die vor allem alles vernichten will, was anders ist als sie.

Und der Nährboden dafür? Ist täglich zu sehen. Pegida, AfD, CSU-Köpfe, die führende Rechtsnationale aus Europa offiziell zu sich einladen und immer wieder Facebook: In jeder Gruppe, auf jeder Wall, immer wieder tauchen sie auf. Die Angstpostings. Die Panikmachen. Das Reinfallen auf die Lautsprecher. Der Neid von denen, die nix haben, auf die, die noch weniger haben. So entsteht Angst. So entsteht Wut. So entsteht Feigheit.

So entsteht Terror. Hausgemacht.



Verantwortung ist die Lösung

Läuft bei der AfD. Man hat zwar Probleme mit solchen Leuten wie Höcke, die die Klientel anziehen, die von der Gesellschaft eher liegen gelassen wurde, weil ganz Rechts nicht unbedingt sozial verträglich ist, aber andererseits ist man froh, so einen wie Höcke zu haben, weil der bei diesen Menschen natürlich Stimmen einfängt, die sonst an die NPD oder ähnliche Charmebolzen gegangen wären. Man lässt ihn also gewähren, druckst sich hier und da mal ein “Na na na” ab, wenn er mal wieder zu sehr über die Stränge schlägt, aber meint es nur halbherzig. Ein bisschen schwanger geht eben doch, wenn man Frauke Petry ist. Die kann gleichzeitig für und gegen die selbe Sache sein. Genial.

Und auch 2016 donnern einem wieder die Umfragen um die Ohren. Dieses Jahr stehen ein paar Landtagswahlen an und die AfD hat überall durchaus gute Zahlen. Hier und da munkelt man sogar von um die 15%. Und demokratisch irgendwo in der Mitte verortete Menschen schlagen schon die Hände vor Furcht überm Kopf zusammen. Wie kann das sein, fragen sie sich, dass diese Partei so viele Menschen verführt? Haben denn die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt?

Und ja, also nein, viele Deutsche haben sicher nichts aus der Geschichte gelernt. Das merkt man ja zum Beispiel daran, dass es jemand, der offensichtlich der deutschen Sprache mächtig ist, es geschafft hat, den Begriff “Schuldkult” zu erfinden. Der hört sich gut an, reimt sich, das Wort “Kult” kommt drin vor und das ist immer gut. Das Wort soll beschreiben, wie unmöglich es ist, dass sich die deutsche Gesellschaft noch heute mit den Verbrechen der Nazizeit beschäftigen soll. Denn laut dieser Menschen, ist das Kapitel nun abgeschlossen und gut ist. Man will unbedingt auf etwas stolz sein können, wofür man nichts tun muss (und wofür man auch nichts geleistet haben muss) und da bleibt eigentlich nur der Nationalstolz übrig. Der wird einem hierzulande aber immer so vergällt, wegen dieser doofen Sache damals und deswegen soll man da jetzt nicht mehr drüber reden. Dann kann man wieder öffentlich stolz auf Deutschland sein und alles wird gut.

Aber das nur nebenbei. Es soll auch nicht der Verdacht eines Vergleichs entstehen: Die AfD wird mit Sicherheit nicht die nächste Führer-Partei. Und ich glaube auch ihren Fans und Mitgliedern, dass sie sich selber gar nicht für Nazis halten, sondern für Menschen, denen das Wohl ihres Landes am Herzen liegt. Aus welchen Motiven auch immer.

Das mag Grund zur Sorge sein. Das mag alarmieren. Aber was man auch tut, so sehr man auch gegen sie und ihre kruden Thesen argumentiert - intellektuell ist der Partei und ihren Anhängern nicht beizukommen. Man mauert und lässt Argumente nicht an sich ran. Könnte ja das gemütliche, eigene Weltbild in Frage gestellt werden. Deswegen ja auch immer dieses geifernde Lügenpresse-Geschrei und Mainstreammedien-Gelaber: Es ist der einzige Weg, jede kritische Argumentation an den eigenen Positionen mit einem Wisch vom Tisch zu fegen: Es lügen einfach alle. Und sollte mal zufällig irgendwo etwas stehen, was der eigenen Argumentation gerade gut in den Kram passt, dann ist es ein “lichter Moment”. Man hat sich da also gut in einem logischen Paralleluniversum eingerichtet und als Aussenstehender Normalo betrachtet man das und wünscht sich, auch so schlicht zu sein, um so etwas zu glauben.

Wie soll man also nun so einer Partei beikommen. Wie kann man sie stoppen, bevor sie zu viel Unheil anrichtet? Und im Grunde genommen ist es ganz einfach: Sie kann sich nur selbst stoppen und dazu muss man sie ein bisschen Unheil anrichten lassen.

So schmerzhaft das sein mag, so sehr man sich wünscht, eine Legislaturperiode nicht mit dem babysitten von Pappnasen verbringen zu müssen - eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sprich: Lasst sie wählen und gewählt werden! Die AfD in alle Landtage! Mit so vielen Stimmen wie möglich! Wir normale Demokraten müssen jetzt mal unsere Leidensfähigkeit beweisen (die SPD-Wähler unter uns haben davon ja eine ganze Menge) und das einfach aushalten. Es ist die einzige Chance.

Denn wenn man sich die Realpolitik der letzten Jahrzehnte ansieht, dann hat sich eines immer bewiesen: Stimmen fangen ist nicht das Problem, das kann jeder Depp. Aber Parlamentsarbeit, dass ist was ganz anderes. Vor allem wenn die Töpfe aufgeteilt werden, dann geht das hauen und stechen los. Und als man gerade noch überlegt hat, wie man solche hauptberuflichen Störenfriede wie die Schill-Partei oder die NPD wieder los wird, haben die sich schon selbst verabschiedet oder sind innerlich komplett zerstritten. Und man kann daneben sitzen, sich zurücklehnen, die Arme verschränken und lächelnd mit ansehen, wie die selbst ernannten Retter des Volkes sich selbst demontieren. Schon jetzt scheint es zum Beispiel innerhalb der Partei (vor allem im immer mehr erstarkenden rechten Flügel) den Spitznamen “Frauke Lucke” zu geben. Hahaha, es geht los!

Kurz gesagt: Lasst sie mal machen. Kriegen sie eh nicht hin. Die ganz besonders dummen Kinder muss man halt auf die Herdplatte fassen lassen.