Move on

Ich habe keinen Führerschein. Ich hab keine Ahnung, wie oft ich das schon gesagt oder (auch in diesen Blog) geschrieben habe. Aber für alle, die das Glück hatten, es nicht mitbekommen zu haben, unterstreiche ich an dieser Stelle noch einmal gerne: Ich habe keinen Führerschein.

Deswegen bin ich sehr oft auf die Bahn angewiesen. Und für Langstrecken und Ganzlangstrecken mag das ja in Ordnung und okay sein und ist ein sehr angenehmes Reisen. Für innerstädtisches Vorrankommen aber…naja. Man hat halt nicht jeden Tag Bock auf die Nähe seiner Mitbürger, zumindest ich nicht. Wenn man morgens schon in die mürrischen Gesichter in der Bahn blickt, kann einem die Lust auf den Tag schnell vergehen. Es gab schon Tage, da wollte ich “Ich kann doch auch nix dafür, dass euer Leben scheisse ist!”, in die Bahn hineinrufen, aber hab mich dann doch noch auf meinen Anstand besonnen. Trotzdem: Immer kann ich mir das einfach nicht geben.

Aber was sind die Alternativen? Taxi? Zu teuer. Bus? Dasselbe in Grün. Zu Fuß gehen? Mach ich saugerne, ist aber oft zeitlich nicht sonderlich effizient, vor allem wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendwo sein muss. Also bleibt für mich genau ein Verkehrsmittel übrig:

Der/Die/Das SEGWAY!

Kleiner Spaß, ich meinte natürlich das Fahrrad. Und so hab ich mir vor ein paar Jahren mal ein richtig tolles, von mir heiß geliebtes, knallrotes Hollandrad gegönnt. Ich weiß nicht, warum, aber ich liebe diese Art Rad. Die sind so gemütlich, in allen Belangen. So liebe ich das Vorwärtskommen. Die sehen einfach schon cool aus. Aber.

Das Modell, welches ich erstand, hat nur drei Gänge. Und so wenig ich auch schalte, wenn ich auf einem Rad mit vielen Gängen sitze: Drei ist dann doch arg wenig, musste ich feststellen. Ja, klar, die meisten richtigen, alten Hollandräder haben vermutlich nur einen Gang, aber das ist doch jetzt mal egal, denn schliesslich hab ich das ja auch neu gekauft, da hätte ich doch noch mehr drauflegen und mir dafür mehr Gänge mitnehmen können. Denn: Ich fahre Rad zu 95% weder aus sportlichen, noch aus wandernden Gründen, sondern um von A nach B zu kommen. Als Transportmittel. Ein Transportmittel, in dem ich in keine mürrischen Gesichter blicke und mit dem ich autonom bin und auch anhalten kann, wo und wann ich will. Das ist so wichtig.

Ich hab also mit dem Gedanken gespielt, mein Hollandrad pimpen zu lassen. Das Hinterrad musste ich schon mal austauschen, weil ich damit mal bei Sturm in eine Strassenbahnschiene geraten war und das komplett zerlegt hab. Da hätte ich eigentlich schon, höhö, “schalten” und mir mehr Schaltmöglichkeiten einbauen lassen sollen. Hab ich aber nicht dran gedacht.

Und dann kam die Anfrage, ob ich nicht mal Bock hätte für meinen Blog ein E-Bike von Shimano zu testen. E-Bikes kannte ich, von meinen Eltern. Die haben sich vor einiger Zeit welche geholt und machen seitdem nur noch Radtouren. Und ich hab das ein wenig belächelt. Jaja, fahren mit Hilfsmotor. Und meine Eltern meinten, dass man trotzdem noch treten müsse, nur eben dabei unterstützt wurde und ich hab nur abgewunken und gesagt “Jaja..fahren mit Hilfsmotor…”.

Aber jetzt hab ich das, supertopmodern, mal angeboten bekommen. Und da hab ich halt zugegriffen und mir gedacht: Scheisse finden kann ich es ja immernoch. Erstmal probier ichs aber aus. Wenn das Fahrrad schon mein Transportmittel Nummer Eins ist, warum sollte ich es mir dann nicht so gemütlich wie möglich machen? Eben.

Das Fahrrad kam (vom einem supercoolen DHL-Truck gebracht) an und ich musste erstmal feststellen, dass ich nix zum festtstellen zu Hause hab. Also Lenkerstange festziehen und so, weil der Lenker ja quasi quer im Paket liegt, zum besseren Transport. Ich habe mir dann mit einer Rohrzange beholfen. Anbei war eine ca. 50-seitige Anleitung, aber das war ja hier keine Raketenwissenschaft. Ich wollte die zwar in Ruhe lesen, aber noch dringender wollte ich das Teil einmal ausprobieren.

Das Fahrrad ist anthrazit. Mit so Stossdämpfern und so, megamodern, aber im Look natürlich auch megalangweilig. Kein Vergleich zu meinem roten Hollandradblitz. Alles an dem Rad sieht so ein bisschen Techno aus. So wie Hobby- oder Hochleistungssportler das ja merkwürdigerweise immer zu mögen scheinen. Wer mir das Gegenteil beweisen möchte, der zeige mir cool aussehende Joggingschuhe. Bäm. Mikedrop.

Es geht aber ja auch erstmal nicht um den Look, auf der Querstange steht sogar “Test Bike”. Und, übrigens, diese Elektronik, also der Akku und so, dass sieht schon edel aus, muss ich sagen. Gar nicht so doof Plastik. Aber es ging eh um was anderes: Ich sollte und wollte endlich wissen, wie sich so ein E-Bike fährt.

Ich stieg auf, auf meiner grob gepflasterten Strasse. Es fuhr sich okay, das Rad schien das unwegsame Gelände gut abzufedern. Dann bog ich auf eine gemütlich geteerte Straße und bediente zum ersten Mal dieses digitale Gedöns, das mir auf dem Display angezeigt wurde. Erste Stufe war “eco”. Der Motor sprang leise, fast unhörbar an, ab und zu. Ich spürte, wie mich das Rad unterstützte. Hin und wieder, ein kleines Bisschen. Zeit, die nächste Stufe zu zünden, genannt “Norm”. Also die normale Unterstützung für die gesamte Fahrt. Wouh! Da merkte man schon deutlich, wie man schneller wurde, ohne schneller zu treten. Man kam plötzlich superweit, mit einem Energieaufwand, mit dem man sonst vielleicht nur halb so weit gekommen wäre. Als ich die dritte Stufe, “Hoch”, zündete, wurde mir ganz anders. So ungefähr muss sich der Turbo Boost bei K.I.T.T. in Knight Rider angefühlt haben. Ein Gefühl, als würde mich eine unsichtbare Hand nach vorne drücken, die ganze Zeit. Ich wusste zwar, dass dieser Modus hauptsächlich für Anstiege gedacht war, aber auf ebenem Boden, war der doch ziemlich lustig. Ich hatte das Konzept eines E-Bikes sofort verstanden und wollte es nun ausprobieren, wo es nur ging.

Man muss neu schalten lernen, weil man jetzt nicht nur Gänge schaltet, sondern auch Unterstützungs-Stufen. Und ich nutzte jede Sekunde, die sich bot, das auszuprobieren. Erledigte nun alles mit dem Rad. Ich bin ja schon immer gerne Fahrrad gefahren, aber das hier war eine ganz neue Erfahrung. Keine Angst vor Umwegen, keine Gedanken an nervige innerstädtische Berge, einfach die Freude auf den Fahrtwind, aufs draussen sein. Für mich wurde das E-Bike zu meinem perfekten Transportmittel. Auch wenn ich verabredet war: Schnell und stressfrei da sein und nicht verschwitzt ankommen. Ich hatte endlich gefunden, was ich brauchte, ohne es zu wissen.

Na klar, hat das auch seine Downsides:

Wenn man schneller unterwegs ist, lässt man sich mehr dazu mitreissen, schneller zu fahren. Was ab dem Punkt wieder anstrengender wird, an dem man schneller als der Motor ist, weil man erst mit Motor schnell wird, wenn der aber plötzlich aussteigt, ist es mit einem Mal mindestens doppelt so anstrengend zu treten. Das Fahrrad ist ja auch dazu noch sackschwer. Und der Akku auch. Den muss man natürlich immer abmachen, was dazu führt, dass man, wenn man bspw. in einem Cafe verabredet ist, immer so ein langes, schweres Teil mitbringt und man so ein leichtes Feeling bekommt, wie es in den 80ern gewesen sein muss, wenn diese Typen ihre ersten Funktelefone auf den Tisch legten, diese Riesenkoffer. Ich hab aber ehrlich gesagt keine Ahnung, wie sich das jemals lösen wird. Ist der Akku in den Rahmen gebaut, müsste man ja das ganze Fahrrad zum aufladen anschliessen, das ist doch auch totaler Kokolores. Irgendwann wird es da eine total einfache und logische Lösung für geben und ich werde mir vor die Stirn schlagen, wenn ich die sehe, aber vorher ist noch: Häh?

Und, ganz ehrlich: Es ist noch so wenig verbreitet, dass es immer noch ein wenig peinlich ist, damit Leute zu überholen, vor allem auf Bergen. Die rackern sich ab und man selbst überholt die, als wenn die voll nervig lahm vor einem fahren würden. Ich spüre manchmal die Ja-du-EBike-Trottel-hältst-dich-wohl-für-was-besseres-Blicke auf meinen Schultern, aber ich bin schon besser darin geworden, die zu ignorieren, anstatt mit einem Ja-tut-mir-leid-ich-teste-das-nur-Blick zu beantworten.

Ich bin auch einmal einen etwas sehr hohen Bordstein runtergefahren. Ich dachte dieses Abenteuer-City-Bike könnte das easy abstossdämpfen, hab aber das Gefühl, dass seitdem der Motor etwas lauter ist. Keine Ahnung, vielleicht bilde ich mir das nur ein, vielleicht ist das aber auch nicht ganz so alltagstaugliche empfindliche Elektronik? Das kann ich nicht so sicher beantworten.

Dafür müsste ich das Rad wohl einem extremen Dauertest unterziehen, es Jahre fahren um zu merken, wo es auf lange Sicht ziept und piept. Nach diesen paar Monaten aber bleibt mir nur das Fazit:

Fuck, das ist total geil für jemanden wie mich, der sein Fahrrad mehr oder weniger braucht. Ich hab viel mehr von der Stadt entdeckt, bin viel mehr draussen und freue mich auf und über alles, was ich mit dem Rad erleben und erledigen kann. Ich frag mich, ob man das auch an mein Hollandrad schrauben könnte, denn das tut mir so vernachlässigt schon ein bisschen leid. Ein Holland-E-Bike, wie cool wär das?

Aber danke für das Test-Rad, Shimano. Wenn mir dieser Test etwas bewiesen hat, dann dass ich wohl doch das Kind meiner Eltern bin. Familie E-Bikelberg.