3 Shades of beruhigt euch mal

Ich habe als Kind wahnsinnig gerne die Tom Sawyer und Huckleberry Finn Fernsehserie geguckt. Die war spannend und schön, aufregend und angenehm und die Titelmusik war so schön. Eines schönen Sommertages (das lief ja im Kinderferienprogramm), hat meine Mutter es nicht geschafft, mich zum spielen rauszuschicken und ich sass wieder vor der Glotze. Die Folge war spannend. Die Helden wurden eingeschlossen und mussten sich irgendwie retten. Einer von beiden, ich glaube Tom, hat unter der Tür seines Gefängnisses eine Zeitung geschoben, mit einem Stock im Schloss rumgestochert, den Schlüssel somit auf die Zeitung fallen lassen, die Zeitung mit dem Schlüssel wieder zu sich in den Raum gezogen und ZACK, konnte er sich befreien. Etwas cooleres hatte ich bis dato noch nicht gesehen.

Als die Sendung zu Ende war, ging ich in das Zimmer meiner Schwester. Ich war allein zu Hause, meine Mutter war einkaufen oder so und der Rest der Familie ausgeflogen. Das Zimmer meiner Schwester hatte, im Gegensatz zu meinem, einen Schlüssel. War abschliessbar. Also perfekt, um das eben gesehene nachzuspielen. Ich hab mir noch einen Stock aus dem Garten mitgenommen und die Tageszeitung vom Küchentisch. Dann hab ich mich in dem Zimmer eingeschlossen. Auf dem Boden war Teppich verlegt, der ziemlich bündig mit der Tür abschloss. Da war nur ein kleiner Spalt. Ich drückte den Zimmerschlüssel mit aller Kraft mühsam durch diesen Spalt nach draussen. Dann friemelte ich die Zeitung unter der Tür durch. Als ich mich dann mit dem Stock am Schloss zu schaffen machte, dämmerte mir langsam, dass ich irgendwo einen Denkfehler gemacht hatte. Ach du Kacke. Ich hab mich eingeschlossen und den Schlüssel aus dem Zimmer unerreichbar verbannt.

Mein sechsjähriger Kopf wusste sofort was Sache war: Ich würde hier oben elendig verhungern. Sie würden nur noch mein Skelett finden und sich wundern, warum der Schlüssel vor der Tür lag und eine halb zerrissene und zerknüddelte Zeitung daneben. Ich nahm die letzten Kraftreserven meines bald vorbei gehenden Lebens in meinem selbst gewählten, schon seit zehn Minuten bestehenden, Exil zusammen und klopfte und rief und schrie so laut ich konnte. Meine Mutter war doch da und rettete mich. Ich beschloss, in Zukunft mehr Gedanken an mögliche Versuchsaufbauten zu verschwenden.

Nun, warum muss ich wieder an diese Episode denken? Deswegen: 50 Shades of Grey.

Der Hype um die gerade angelaufene Verfilmung ist endlos und ein schöner Marketing-Coup, aber die Kritik am Sujet und am Film ist, vermutlich auch ausgelöst durch den Marketing-Terror, oftmals so übers Ziel hinaus. Dazu super redundant und sich in ihrer vermeintlichen Originalität fühlend super unoriginell. Ich habe mittlerweile 37mal irgendwo gelesen, dass es wohl deswegen ein SM-Film sei, weil es so eine Qual ist, ihn ganz anzusehen. Höhöhö. Anderen ist er zu flach, zu wenig Fetisch, zu viel gesülze und der Klischeebegriff “Hausfrauenporn” taucht auch in schöner Regelmäßigkeit auf. Dazu die Meldung, dass weltweit Baumärkte ihr Sortiment an Kabelbindern aufstocken, weil ein Run darauf befürchtet wird, weil die sich wohl in dem Film damit fesseln. Ich kann mir schon genau vorstellen, wie süffisant jeder Mensch angeguckt wird, der heute im Baumarkt Kabelbinder kaufen muss. Zwinker zwinker, wa?

Und ebenfalls nicht fehlen dürfen die Mahner und Warner, was der Laie bei solchen Fesselungen ja alles falsch machen könne! Das Buch und der Film sei superkontraproduktiv, das habe doch nix mit echtem SM zu tun, schlimm sei das. Jetzt kichern wieder alle, wenn sie eine Peitsche sehen.

Okay, People, seriously, you have to calm down.

Ich gehe davon aus, dass das Leben die Menschen erfahrener macht. Wirklich. Eine Geschichte wie “50 Shades of Grey” ist ja eben nicht Kinderferienprogramm, sondern eher Erwachsenenferienprogramm. Und da sollten die meisten doch auch schon ihr Tom Sawyer Schlüsselmoment gehabt haben, um zu wissen: Nein, man kann nicht alles im wahren Leben eins zu eins so nachmachen, wie man es in einem Film gesehen hat. Klar, ein paar Pfeifen gibt es immer, aber die werden vermutlich auch nicht auf Warnungen in Interviews anspringen, die muss man einfach als verloren akzeptieren. Das sind die Gleichen, die auch schon vorher die Feuerwehr rufen mussten, weil sie die Handschellenschlüssel verloren oder aus Versehen verschluckt haben. Sexuelle Spielarten wie SM bringen das eben so mit sich, dass sie auch falsch gemacht werden können, aber ausser maximal in peinliche Erklärungsnot zu kommen und vielleicht eine taube Hand (ja, schon gut, es gab sicher auch zwei, drei schlimmere Fälle auf der Welt), wird da wohl nicht viel mehr passieren. Und dieses Risiko ist ja, nicht zu vergessen, auch ein Reiz dieses Spiels.

Fazit Eins: Lasst die Leute ausprobieren und ihre kleinen Fehler machen. Niemand wird sich sofort unter die Decke hängen.

Dann diese Interviews mit Szene-Menschen, die jetzt aufstöhnen, dass ihre Clubs und Nischen nun von Hausfrauen belästigt würden, die denken, sie müssten nur eine Beate Uhse Peitsche schwingen und das sei dann schon SM. Und was die alle für falsche Vorstellungen hätten. Rhabarber Rhabarber Rhabarber. Ansonsten, wenn gerade keine 50 Shades Saison ist, lese ich immer von Problemen der Akzeptanz. Ach, die Leute würden das immer so falsch verstehen, man müsse sich verstecken, könne das nicht ausleben. Dann kommt die Chance, die eigenen Präferenzen einer breiteren Akzeptanz zuzuführen, dann ist es auch wieder doof.

Wenn ich durch Beobachtungen und das lesen von Berichten irgendetwas gelernt habe, dann dass die unterschiedlichen Spielarten, die sich unter dem Label Sado-Maso versammeln, so vielfältig sind, wie beispielsweise unter dem Label “Sex zu zweit” oder “Kamasutra”. DEN SM gibt es nicht. Was in 50 Shades gemacht wird, ist eine Version, die quasi auch nur für diese zwei Charaktere ist. Das kann man nicht nachspielen. Das ist bei jedem Menschen anders. Man könnte halt einfach genau darauf hinweisen und sich freuen, dass das Thema nun im Mainstream ist und nicht mehr ganz hinter verschlossenen Schlafzimmer oder Folterkammer Türen. Aber nein: Die Angst, dass einem jemand das Spielzeug wegnimmt, überwiegt immer bei Hypes.

Fazit Zwei: Begrüsst die Neuankömmlinge. Die haben vielleicht ein bisschen Angst. Auch vor euch.

Und das noch: Ich mache ja jetzt seit mehreren Jahren Filmkritik. Da durfte ich mir auch schon einiges anhören, ganz oft dass ich absichtlich Doofes gut und Gutes doof finden würde, nur um eine “andere” Meinung zu haben. Das ist natürlich totaler Kokolores. Aber meine Idee von Kritik mag eine andere sein, als sie die meisten haben. Ich bin der Überzeugung, dass es keine objektive Kritik geben kann. Wie soll das gehen? Kritik muss sich immer an Massstäben abarbeiten, die sich jemand angeeignet hat und wenn es keine selbst gefundenen sind, dann solche, die von anderen formuliert wurden, also auch schon wieder subjektiv. Was soll das auch sein, “objektive Kritik”? Warum verlangen Menschen das? Das macht hinten und vorne keinen Sinn. Nun, warum weicht meine Meinung manchmal von der anderer Kritiker ab? Weil ich mich relativ früh für einen, meiner Meinung nach, recht konstruktiven Ansatz der Kritik entschieden habe: Ich versuche in jedem Film, selbst wenn er mich nicht interessiert, als allererstes herauszufinden, was mir gefallen hat. Was fand ich originell, was hab ich so vielleicht noch nie gesehen, was gibt es Besonderes von dem Film zu berichten? Durch diesen Ansatz lässt sich natürlich auch in der grottigsten Trashkomödie noch ein Moment finden, den man nicht ganz scheisse finden kann. Es sorgt aber interessanterweise auch dafür, dass man manch große Blockbuster nicht so prickelnd finden kann, weil einem genau dann auffällt, dass da wirklich gar nichts originelles mehr drin stattfindet, auch wenn es auf den ersten Moment so wirkt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich hab damals den ersten Hobbit verrissen, so ziemlich aus diesen Gründen und mir eine Menge Fanboy-Ärger damit eingehandelt. Aber ich kann und konnte den Film nicht anders bewerten.

Bei “50 Shades of Grey” ist sich gefühlt die komplette Presse einig, dass es sich um seichte Scheisse handelt, die mal ein bisschen härter tut, aber doch eigentlich nur eine Schmonzette sei. So. Fucking. What. Was soll das denn sonst sein? Ein Film, in dem sich ein Paar zwei Stunden lang die Fresse poliert? Wer es bitterer, härter, vielleicht sogar konsequenter will, der kann sich ja nachwievor die “Geschichte der O” mit Udo Kier auf DVD holen. Toller, sexy Film, aber das kann ich doch von 50 gar nicht erwarten. Das ist ein Date Movie, ein Kuschelfilm. Kein bisschen mehr. Warum muss ich mich darüber so aufregen? Jeder will den anderen im sich lustig machen überbieten. Ich aber rufe der Filmkritik zu: Guckt doch mal, was vielleicht interessant war!

Fazit Drei: Alle Kritiker finden den Film scheisse. Wir haben es verstanden. Ist gut jetzt.

Wenn ich also jetzt den Schlüssel wegwerfe, dann weiß ich was ich mache. Meistens zumindest.



Der Tag, an dem der Spiegel mich verlor

Ich plane schon seit längerer Zeit einen Text über den Spiegel. Ich habe nämlich mittlerweile ein sehr seltsames Verhältnis zu dieser Zeitschrift.

Erstmal ist da viel Geborgenheit und eine Art Heimatgefühl. Mein Vater hat immer den Spiegel gelesen. Die Ausgaben türmten sich, an beliebigen Stellen aufgeschlagen, auf seinem Nachttisch. Sobald ich lesen konnte, vor allem längere Texte, durchblätterte ich die Ausgaben alle in der Hoffnung, mal einen Text zu finden, der mich als Kind interessieren könnte. Zum Beispiel über das Sesamstraßenjubiläum oder über Disneyland. Auch E.T. hat es damals, wenn ich mich recht entsinne, sogar auf den Titel geschafft.

Ich kam mir dann ganz erwachsen vor, wenn ich die Texte las und nicht verstand, weil es ja meistens um Sachverhalte ging, deren Erklärung nicht unbedingt kindgerecht erfolgte. Zumindest nicht im Spiegel. Wenn ich damit fertig war, suchte ich meistens die versteckte Maus auf der Kinderseite in der Brigitte meiner Mutter (die sie aber nicht lange las).

Der Spiegel ist also für mich Teil meiner Sozialisation. Und damit irgendwie ein Teil von mir. Die Marke Spiegel war für mich immer moralisch integer, politisch mit meiner Weltsicht weitesgehend kompatibel, ein Medium dem ich vertrauen konnte. Dafür mussten wir nicht immer einer Meinung sein, im Gegenteil. Ich hab mit dem Spiegel auch gelernt, Diskussionen zu verstehen und andere Meinungen auszuhalten. Auch als ich begann, mich für politische Zusammenhänge deutscher Nachkriegsgeschichte zu interessieren, konnte der Spiegel mich begeistern. Die Spiegel-Affäre hat so viel mit Rückgrat und Aufrichtigkeit zu tun, wer, ausser Familie Strauss vielleicht, könnte sich ihr und ihrer Strahlkraft (und damit auch Augsteins Charisma, das ja unmittelbar damit verwoben war) entziehen?

Und auch bei aller Kritik über Verflachung etc. ist selbst Spiegel Online noch Taktgeber und Meinungsführer und erste Informationsquelle, wenn es etwas seriöser als Boulevard sein soll. Also auch im Internet.

Aber irgendwann fing das alles an anders zu werden. Keine Ahnung warum. Vielleicht liegts an mir. Ich habe das Gefühl, zorniger zu werden. Das mag am Internet liegen, ich glaube dort sehe ich viel mehr Dinge, die mich empören, bekomme mehr mit. Das ist gut, weil ich informierter bin, weil viele Ungehörigkeiten nicht mehr einfach so deswegen passieren können, weil niemand hinguckt. Das ist aber auch schlecht, weil der nächste Aufreger immer nur einen Klick entfernt ist und ich mich wirklich dazu erziehen musste, nicht mehr auf alles anzuspringen, mir nicht mehr jeden Schuh anzuziehen und mich nicht mehr über alles so aufzuregen, dass es mir schlaflose Nächte bereitet. Das funktioniert auch weitesgehend. Es gibt Quellen, die klicke ich zum Beispiel gar nicht mehr an. Bei der deutschen Huffington Post weiß ich zum Beispiel vorher, dass dort schlecht recherchierte Texte von Laien stehen, die nur Klicks generieren wollen. Brauch ich nicht, informiert mich nicht, klick ich nicht. Ähnlich zum Beispiel bild.de. Da steht nichts, was ich wissen muss. Also klicke ich es nicht an. Ich würde mich nur ärgern und die mit Klicks dafür belohnen. Meine Verweigerung ist kein “Seh ich nicht, ist also nicht da!”, sondern die einzige Sanktion, die ich gegen falsche Information habe. Ein Werbeempfänger weniger. So weit, so gut. Fair game.

Nun ist es für mich weder besonders schwer noch entbehrungsreich auf die Bild oder ein schlecht ins deutsche übertragene Konzept zu verzichten. Aber wenn es eine Marke betrifft, zu der ich seit der Kindheit Vertrauen aufgebaut habe, sieht die Sache schon wieder anders aus.

Beim Spiegel lief es schlecht. Auflagenschwund. Die Leute lesen weniger gedrucktes. Was tun? Nun, von den unzähligen Möglichkeiten und Personalien, für die man sich hätte entscheiden können, entschied man sich für die seltsamste/unlogischste/unpassendste/unwahrscheinlichste/AugsteinammeistenimGrabrotierenlassendste: Man holte den stellvertretenden Chefredakteur der Bildzeitung. Was hat dieser Move bedeutet? Dass der Spiegel boulevardesker werden sollte? Krawalliger? Lauter? Unrecherchierter? Bunter?

Lustig aber: Meine Sorge um “meinen” Spiegel war so groß, dass ich, im Gegensatz zu vorher, wieder anfing das Heft regelmäßig zu kaufen, um nachzusehen, ob noch alles in Ordnung war. Tatsächlich schien sich der Einfluss Blomes in Grenzen zu halten. Ja, es wurde tatsächlich hier und da etwas lauter und krawalliger und unrecherchierter. Man erinnere sich an das unsägliche “Stoppt Putin”-Cover bei dem, ungeachtet dessen vielleicht richtiger Aussage, Unglücksopfer zu Ausrufezeichen umfunktioniert wurden, was im Boulevard noch üblich sein mag, aber für das Hamburger Magazin schon ein ziemlicher Haufen dampfender Kacke war. Es war mir etwas unverständlich, warum man seine Reputation für vielleicht ein paar Heftchen mehr am Kiosk, so aufs Spiel setzte, aber in der Verzweiflung probiert man ja vieles aus und ich tat es als Faux-pas ab.

Die letzten Wochen waren bestimmt von innerredaktionellen Streitereien beim Spiegel, in dem es um die Mitarbeiter und die Führungsspitze ging. Verhärtete Fronten, teils verständlich, teils nicht. Aber wenn man es pathetisch runterbrechen wollte, ging es um Kapital vs. Journalismus. Und die Journalisten haben sich durchgesetzt, auch wenn das vielleicht ihren finanziellen Untergang (oder besser: den ihrer journalistischen Heimat) bedeuten kann. Aber das fand und finde ich ja irgendwie gut. Das hat einen leichten Augstein-Duft, der da wieder über Hamburg zu wehen schien. Die letzten Titelgeschichten waren fast alle seichter Müll, aber in den Heften waren immer wieder tolle Texte und Interviews. Ich war irgendwie wieder down mit dem Spiegel. Hab meiner besten Freundin Texte rausgerissen, die sie lesen sollte. Und jetzt das.

Im aktuellen Heft, 7/15, befindet sich ein Text namens “Gut gegen Böse” von Matthias Bartsch und Jürgen Dahlkamp. Darin geht es um den Prozess gegen Sanel M. Den Jungen, der angeklagt ist, Tugce Albayrak totgeschlagen zu haben. Und um “neue” Erkenntnisse aus diesem Gerichtsprozess. Deswegen startet der Text, nach einer knackigen Einleitung, die nochmal die Aufstellung der Tatnacht beschreibt, auch mit einem Absatz, der mich sofort hat stocken lassen. Dort steht:

“Ein Gerichtsprozess ist allerdings keinem Idealbild verpflichtet, nur der Wahrheit. Er muss nicht den Wunsch der Öffentlichkeit bedienen, die Chancen und Probleme des Einwanderungslandes Deutschland auf zwei idealtypische Figuren herunterzubrechen, Gut gegen Böse. Er muss aufklären was wirklich passiert ist.”

Häh? Did i miss a fucking Meeting with the Wahrheit? Warum muss das so betont werden? Ich dachte wir wären uns weitesgehend einig, dass das so ziemlich die Definition von Rechtsstaat sei und deswegen eigentlich nicht so einer besonderen Erwähnung bedarf, wenn man über einen Prozess schreibt. Sonst könnte man auch schreiben: “Es kann nicht allen gefallen, was Anwälte sagen, aber sie handeln im Sinne ihrer Mandanten.” oder “Eine Autoreifenfabrik ist kein gemeinnütziger Verein, weswegen man auf ihrem Gelände in der Regel eher keine Greenpeacezentrale errichten kann.”. Überhaupt hat der ganze Absatz so etwas, was man sonst eher aus den letzten Folgen “Britt” kennt, wenn der Nackenschnitzeltragende Typ seiner Frau, die am Lügendetetktor hängt, sabbelnd zuruft: “Ey Schantall, jetzt SAG DEN WAHRHEIT!”. Aber schon bald wird klar, warum der Text so ein Intro bekommen hat.

Es geht weiter mit der Analyse der Ermittlungsakten und schnell beteuert man zwar, dass Tugce das Opfer und Sanel der Täter sei, aber. Laut dem, was die Spiegelautoren da lasen, haben sich “Tugces Mädchen-Clique und Sanels Jungen-Gruppe” nichts an “derben Beleidigungen” geschenkt. Da durchfährt den Hamburger Altbaubewohner-Journalisten ein leichter Schauer. Junge Mädchen, die beleidigt werden und dann zurück beleidigen? Das ist aber keine hanseatische Höflichkeit. Das ist ja ganz schön rau. Bislang war man wohl davon ausgegangen, dass Tugce kein normales, selbstbewusstes Mädchen war, sondern eine Nonne, die im Engelskostüm in den Mc Donalds geschwebt kam, Sanel streng ermahnte und dann schweigend wieder abzog, wie es sich, höhöhö, für eine Frau ja nunmal auch gehört.

Dann heißt es sogar, das sich im Prozess die “Akzente verschieben” könnten, von Zivilcourage zu Courage, weil sich Tugce nichts sagen liess von irgendwelchen dahergelaufenen Haiopeis. “Auch auf die Gefahr hin, dass die dann durchdrehen.” Das steht da. Im Spiegel.

Dann geht es noch um die Verkettung unglücklicher Umstände, die zu Tugces Tod geführt haben. Ja, es war schon ein großes Pech. Gut, angefangen hat alles damit, dass ein Typ sie einfach geschlagen hat, aber das war ja vielleicht auch einfach nur großes Pech, wenn man das so in seinem beheizten Hamburger Büro mit Blick auf die Speicherstadt, in der Ermittlungsakte liest. Was folgt ist die Beschreibung der Geschehnisse im Mc Donalds, basierend auf der Aussage der beiden Mädchen, die von Sanel und seinen Spacken belästigt wurden und zu deren Schutz Tugce eingriff. Die beiden Mädchen hätten ausgesagt, dass sie zwar genervt gewesen seien von den Belästigungen, aber große Angst hätten sie nicht gehabt. Nur ein Bisschen. Dann sei Tugce dazu gekommen und hätte den Jungs gesagt, sie sollen sich “verpissen” (das stand so als Zitat in dem Spiegel-Text). “Verpissen”, aggressiver geht es ja wohl nicht mehr. Dieser Begriff ist ja wohl eine Art Bankrotterklärung an die Zivilcourage, wenn es nach Bartsch und Dahlkamp geht. Ich übertreibe? Ich zitiere einfach mal den im Text folgenden Satz:

“Hatte sie recht? Ganz sicher. War das jetzt Zivilcourage? Sicher. Aber nötig?”

Ich denk mir das nicht aus, das steht da original so. Ja, mein Gott, ist ja nett das sie sich einmischt, aber das muss doch nicht sein. Die Mädchen waren doch sicher und die Junges wären bestimmt auch so wieder gegangen. Man muss sich doch nicht überall einmischen. Wenn eine Frau auf der Strasse geschlagen wird, dann ist das sicher schlimm. Aber sie kann ja was böses gesagt haben wie “verpissen” oder sich unnötig irgendwo eingemischt haben. Dann muss sie auch mit Gegenwind rechnen. Der Papst findet schlagen ja auch okay. Von da ist es nur noch ein kurzer Schritt zu denken, die Autoren könnten auch meinen, dass eine Frau im kurzen Rock ja selber Schuld sei, wenn Männer sie belästigen.

Sarkasmus beiseite. Der Text geht die Akte weiter durch, berechnet Alkoholwerte und ob die was mit der ganzen Sache zu tun haben könnten. Es wird zitiert, das Tugce angeblich “Halt die Klappe, du kleiner Hurensohn” zu Sanel gerufen haben sollte, als sie gerade ging, weswegen er nochmal zurück gekommen sein und ihr den tödlichen Schlag verpasst haben soll, der, so weiter im Text, wahrscheinlich nur tödlich war, weil Tugce einen zu festen Ohrring trug und ihre Schädeldecke an der Seite, auf die sie stürzte, dünner war als an anderen Stellen. Man kann es sich nicht ausdenken, was das alles bedeuten soll. Die Redakteure nennen es, sollte das alles stimmen, eine “verhängnisvolle Verkettung von Zufällen”. Und schliessen folgendermassen:

“So aber wurde es eine Nacht, die ein Menschenleben gekostet hat. Und die aus einem Täter einen Töter machte, dessen Leben jetzt endgültig im freien Fall ist.”

Fazit also: Der arme Sanel. Er konnte ja nicht anders, er musste Tugce ja schlagen. Sie hat immerhin “verpissen” und “Hurensohn” zu ihm gesagt. Ist also gar nicht die tolle Heldin, zu der sie gemacht wurde. Nänänänänä. So, jetzt lass mal in die Kantine. Hoffentlich ist nicht wieder Veggi-Day.

So oder so ähnlich muss es sich abgespielt haben. Die Chefredaktion freut sich, hui, endlich mal ein anderer Blick auf die ganze Geschichte, endlich mal die Möglichkeit sich von den anderen abzusetzen, endlich wieder eine Story, über die soch diese ganzen dummen Gutmenschen aufregen werden. Und da wir noch den Absatz mit der Wahrheit reingenommen haben, kann keiner was sagen. Wir suchen ja nur nach der Wahrheit, alles andere interessiert uns nicht, auch wenn es unbequem sein kann.

Unbequem bedeutet beim Spiegel übrigens ein paar Leserbriefe (in der gleichen Ausgabe druckt man vorne, auch nicht ohne Stolz, eine ganze Seite mit Leserbriefen ab, die den Spiegel für sein groteskes Griechenbashing auf dem letzten Cover kritisieren) und Forumstrolle, vielleicht mal ein böser Tweet.

Ein Text, der Zivilcourage kleinzureden versucht, der sexistische Klischees von Anno Tobak bemüht und vertritt, gespickt mit etwas latentem Rassismus, das ganze mit einem Kritik vorwegnehmenden Absatz zu entschärfen versucht und natürlich halbseitig bebildert mit einem schönen Mädchen. Wow.

Ein so metertiefes Absinken unter vor Jahren selbst aufgestellten Qualitätsstandards, hätte ich zumindest dem Spiegel niemals zugetraut. Der Verkaufsgedanke ist in der Redaktion angekommen.

Die Hoffnung stirbt ja zuletzt. Aber Abonnent werd ich dann wohl jetzt doch erstmal lieber nicht. Ich will ja den Spiegel und kein Heft, dessen Texte anscheinend mittlerweile von texanischen Kleinstadtsherrifs geschrieben werden.