Fünfzehntausend

Ich hab mich total vertan. Im ersten Moment, als ich gehört habe, dass 10.000 Menschen durch Dresden marschieren und meinen, für Deutschland zu demonstrieren, habe ich mich total erschrocken. Vor der großen Zahl. Vor der großen Ahnungslosigkeit. Vor dem großen Hass.

Eine Woche später waren sogar 5000 Demonstranten mehr dabei, aber plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Es wurde sogar noch besser: Ich hab mir die angeguckt, hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam, gehört, geschaut. Und was soll ich sagen: Ich musste plötzlich total lachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Diese Fremdenfeindlichkeit, die sich da endlich mal für jeden sichtbar entlädt, die ist doch total absurd. Aus dem letzten Jahrtausend. Ein Anachronismus, der sich jetzt noch einmal aufbäumt, so wie Plateauschuhe von Buffalo, aber das kann man doch beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Ich gucke mir diese Menschen an und denke: Ich kann ja niemandem verbieten, für dumme Dinge auf die Straße zu gehen, dumme Dinge nachzuplappern oder dumme Dinge zu glauben, nur weil sie so dumm sind, dass es jedem denkenden und empathischen Menschen schwer fällt, zu glauben, dass das überhaupt mal jemand so formuliert hat oder irgendjemand ernsthaft glauben kann.

“Man muss die Sorgen ernst nehmen” heißt es und zuerst habe ich genauso gedacht. Aber einen Scheiß muss man. Man muss den Pegida Demonstranten die kalte Schulter zeigen. Den Rücken zudrehen. Ich muss niemanden bekehren, ich verlange Selbstverantwortung von meinen Mitmenschen. Dialog kann sich nicht immer nach dem dümmsten Menschen im Raum richten, sonst geht es nicht voran.

Die Pegida ist ein Witz. Und wenn morgen 20.000 durch Dresdens Straßen ziehen. Dann sind das eben 20.000 Idioten. Warum sollte es nicht so viele dumme Menschen geben und warum sollten die sich nicht versammeln, um ihre Dummheit gemeinsam zu zelebrieren? Das macht doch total Sinn.

Wir müssen keinen Dialog mit denen suchen. Wir haben alle Türen offen gehalten. Die möchten nicht reden. Das ist okay. Aber dann sollen die auch die Fresse halten, wenn man über sie redet, denn offensichtlich wollen sie es nicht anders (man kommt so natürlich auch schneller in die Opferrolle). Sie sind argumentativ widerlegt, faktisch widerlegt und ethisch widerlegt. Wenn sie jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, mit so vielen auf die Straße gehen, um gegen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren, dann haben sie selber zu verantworten, eben jene Idioten zu sein, die an der “Wahrheit” so sehr interessiert sind, wie die AfD an einem gerechten und sozialen Staat. Nämlich gar nicht.

Ich habe kein Mitleid mehr für die Demonstranten. Nur Verachtung. Pegida, ihr seid wirklich eine der lächerlichsten Veranstaltungen, die jemals durch deutsche Straßen gezogen ist. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Deutschland, ihr seid nicht mal Demokraten. Ihr seid einfach ein Haufen sehr vieler, sehr dummer Menschen. Das ist eigentlich alles.

Macht bitte weiter. Werdet mehr und mehr. Nichts ist schöner, als Idioten bei der Selbstentblössung zuzusehen.



Zehntausend

10.000 Menschen sind durch Dresden gelaufen, um gegen eine Religion zu demonstrieren. 10.000 Menschen, die sich Sorgen machen. 10.000 Menschen, die vielleicht Angst haben. 10.000 Menschen, die so viel Angst haben, dass sie deswegen auf die Straße gehen. Unter diesen Menschen war bestimmt ein Bäcker, bei dem sich die Leute morgens ihr Brot und ihre Zeitung holen. Darunter war bestimmt eine Kassiererin, bei der man seine Lebensmittel bezahlt. Mindestens einer in dieser Menge war sicher Lehrer, vielleicht für Physik. Bestimmt war auch eine Polizistin dabei. Eine Metzgerin. Ein Verwaltungsfachangestellter. Ein Versicherungsvertreter. Eine Zahnärztin. Ein Automechniker. Eine Putzfrau. Eine Buchhändlerin. Eine Dolmetscherin. Ein Koch. Ein Bauer. Eine Straßembahnfahrerin. Ein Bauarbeiter. Ein Programmierer. Eine Rentnerin. Eine Schauspielerin. Ein Musiker.

Selbstbewusst marschieren sie durch die Straßen, rufen “Wir sind das Volk” und fühlen sich auch so. Fühlen sich ungerecht behandelt. Glauben, die Welt besser zu machen, sie vor sich selbst zu schützen. Meinen den Finger in die Wunde zu legen, mit Informationen, die sie sich zusammen gesucht haben, von Menschen veröffentlicht, die wollten dass es genau zu dem kommt, wie es jetzt ist. Sie handeln aus Notwehr. Unverstanden und bisweilen sogar belächelt von einer Politik, die nur noch wegducken als Strategie kennt. Einer Arbeitswelt, die ein solches Verhalten adaptiert. Mitten in einem Sturm aus Informationen, in denen zuerst der gehört wird, der am lautesten ist oder am abstrusesten, was bei Informationen ungefähr den gleichen Effekt hat.

10.000 Menschen gehen auf die Straße, weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie aufgehetzt, instumentalisiert und vor den Karren gespannt werden. Diesen Menschen wurde ein einfaches Feindbild konstruiert, dass sie dankend angenommen haben. Sie müssen die Schuld für ihre Misere nicht mehr in komplexen Zusammenhängen suchen, in einer Politik, die sie vergessen hat. Sie haben einen Sündenbock auf dem Silbertablett serviert bekommen: Der schlechte Asylant.

Rhetorik aus der Zeit, in der die ersten Asylbewerberheime brannten, taucht plötzlich wieder auf der Oberfläche auf. “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Das Boot ist voll”, “Scheinasylanten”, “Die wollen sich doch hier nur durchfressen!” oder, mit Hinblick auf die menschenunwürdige Unterbringung vieler Asylsuchender hierzulande: “Denen geht es hier doch gut! Die kriegen mehr als Hartz IV!”.

Die Saat ist aufgegangen, die Hetze hat gezogen. All die Menschen, die seit Jahren Resentiments schüren, nennen wir sie mal BroSaPi, können sich nun die Hände reiben. Ausgerechnet auch noch in Dresden! Vor wenigen Wochen noch haben wir gefeiert, dass die Menschen hierzulande seit 25 Jahren nicht mehr fliehen müssen, nicht mehr alles zurück lassen müssen, um bei Null anzufangen. Nicht mehr Arbeit, Freunde, Familie verlassen müssen, um frei zu sein. Frei leben zu können. Und da war nicht mal ein Krieg, da waren keine zerstörten Heime. Da war totale Unfreiheit. Eingesperrtheit. Und die wurde gemeinsam aufgebrochen, friedlich niedergerungen.

Nun gehen die Menschen mir den gleichen Sprüchen wie damals auf die Straße. Aber alles ist anders. Sie kämpfen nicht für sich, sondern gegen Andere. Sie sind nicht beseelt von einem “Alles ist möglich”-Gefühl, sondern von einem “Nichts geht mehr”. Vielleicht kann ich diese Menschen verstehen. Aber vielleicht ist das Verständnis auch fehl am Platz. Mir macht es Angst, wenn 10.000 Menschen gegen Fremde auf die Straße gehen. Da kann am Ende nichts Gutes bei rauskommen.

Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid die Gefahr.