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Es gibt nur cool und uncool und wie Edgar Wasser sich fühlt.

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Edgar Wasser, Deutschrap-Indie-Phänomen der letzten Jahre. Ich sag extra nicht Underground, denn so Underground ist er gar nicht mehr. Klar, vom Mainstream ist er noch meilenweit entfernt, aber auch nur aus freiem Willen. Wasser möchte kein Teil einer Industrie sein, die er scheiße findet und die für ihn nur scheiße produziert. Aber er möchte einen Teil vom Kuchen haben, den diese Industrie ungerechtfertigterweise nur für sich und ihre Big Player beansprucht. Deswegen ist die Zeit der Gratis-Online-Tapes zwar nicht vorbei, aber sie wird mal kurz ausgesetzt und eine käuflich erwerbbare EP wird zwischengeschoben, namentlich die „Tourette-Syndrom EP“ (Amazon-Partnerlink). Vielleicht um mal zu testen, ob das jemand kauft, vielleicht um endlich mal ein kaufbares Solowerk anbieten zu können: Es spielt keine Rolle, was der Grund für die vermutlich längste EP* aller Zeiten ist, Hauptsache sie ist. Und wie!

Nämlich äußerst gelungen: Deutschrap hat es gerade ein bisschen schwer, obwohl er so boomt. Oder vielleicht gerade deswegen. Überall kommen irgendwelche Acts um die Ecke, die man gut oder anstrengend finden kann, aber meistens bleibt irgendwas auf der Strecke. Vielleicht so was wie Haltung oder so, keine Ahnung. Ich bin ein Kind des 90er Raps. Des Boombap. Des Rucksacks. Da war Gangsta die Ausnahme und wenn, dann sowieso nur aus Amerika cool. Vor allem wegen der Authentizität. Hier hat nur gerappt, wer auch was zu sagen hatte. Das klingt missverständlich, ich meine das nicht nur inhaltlich. Auch technisch, grammatikalisch, wieauchimmer. Heute gibt es, dank größerer Auswahl, auch mehr großartige Acts, aber wo viel Licht, da auch viel durchschnittliche Scheiße und noch mehr Zeug, bei dem man froh ist, dass der Interpret überhaupt ein bisschen Taktgefühl hat. Man muss sich die Perlen mühsam raussuchen, Konsens ist schon lange kein guter Ratgeber mehr, wenn man sein Hörer-Glück im Deutschrap finden will.

Deswegen dieser Text, diese Lobeshymne auf Edgar Wasser. Auf seiner Platte beweist er auf jeden Fall wieder perfekt, was ihn zu so einem Ausnahmerapper macht: Die Stimme immer leicht am Anschlag der Aufregung, aber immer bedacht, nicht darauf reinzufallen, sondern eher durch diese ständige Angespanntheit ordentlich zu representen und den eigenen Aussagen Nachdruck zu verleihen.

Andererseits ist das große Motto der Platte „Glaubt mir doch nichts!“. Wasser möchte gehört werden, hält mit seiner Meinung zu Rap, Politik und öffentlichen Diskussionen nicht hinterm Berg, aber spannt jedes Mal ein Netz über den doppelten Boden, so meta, dass man manchmal auf dem Kopf stehend hinten wieder raus kommt.

Der Opener des Albums beispielsweise: In „Bad Boy“ rappt er als letzte Zeile einer jeden Strophe: „Es wär toll wenn ihr respektiert, dass man euch hier nicht respektiert.“ In einem Lied über Frauen im (deutschen) Hip-Hop. Das ganze Lied ist in seiner triefenden Ironie ein klarer Real Talk Track über den grotesk übertriebenen Sexismus im Rapgame, ebenso schmerzhaft wie perfekt auf den Punkt gebracht. Das kann Rap auch, muss man eben nur wollen.

Und Edgar Wassser will. Er gibt einen Fick auf Beliebtheitswerte, Wasser macht Rap, der sich wie Notwehr anfühlt, Notwehr gegen die Bescheuertheit dieser Welt. Und macht sich nichts vor, nicht auch selber Teil davon zu sein. Der Track „Faust“ beginnt mit einer ewigen Sample-Zusammenstellung aus seinen eigenen Tracks, in denen er unbedacht den Begriff „behindert“ oder „Spasst“ benutzt hat, nur um sich dann im Lied Gedanken darüber zu machen, wie sehr diese Begriffe eigentlich mit Bedeutung aufgeladen sind und wie das eigentlich so ist mit der Deutungshoheit. Um dann auch wieder im fast schmerzhaften Refrain zu landen, der da lautet: „Diskriminierung ist nicht cool, du Spasst, Diskriminierung ist behindert…“.

Edgar Wasser geht gerne dahin, wo es wehtut, doch wenn anderen Interpreten, von denen man das behauptet, dort mit umherzeigenedem Zeigefinger rumlaufen, baut sich Edgar Wasser erstmal die Hängematte auf, um zu gucken, wie lange er es in der Unerträglichkeit aushält.

Aktuellstes Beispiel: Der Track, den er am Releasetag des Albums rausgehauen hat und in dem er sich selbst zerpflückt für all die Widersprüche, die den Menschen nunmal so innewohnen. So selbstreflektiert ist kein anderer deutscher Rapper. Nicht einmal Max Herre:


(Selbstkritik-Direktlink)

Die Beats auf der Platte sind größtenteils ziemlich dope. Es gibt kleine Qualitätsschwankungen, aber die sind vernachlässigbar, schätze ich. Es pumpt schön und größtenteils geschmackssicher gesampled aus den Boxen. Geht voll klar, Kopfnicker.

Ich hab keine Ahnung ob Edgar Wasser die Rettung des Deutschrap ist. Vermutlich nicht. Weil er das gar nicht sein will. Aber, und das ist ja das gemeine, genau das könnte dafür sorgen, dass er es doch ist. Für mich auf jeden Fall die Rapplatte des Jahres. Auf genau so was hab ich gewartet.

*Eine EP ist etwas zwischen Single und Album. Meistens so um die fünf Tracks. Edgars EP hat 18 Tracks.



Weezers unglaubliche Popreise: „Everything will be allright in the End“

Weezer sind wieder da. Und mittlerweile kann man keinen Text mehr über die Band schreiben, ohne auch auf die Kritik an ihr einzugehen. Man ist also sozusagen zur Meta-igkeit gezwungen. Deswegen bringen wir es schnell hinter uns, damit wir uns ganz auf die neue Platte konzentrieren können:

Alle Pinkerton-Fans können sich jetzt schon mit etwas anderem beschäftigen. Den Rentals oder irgendwelchen anderen Lo-Fi-Noise-Pop-Acts, denn auch „Ewbaite“,wie der aktuelle Albumtitel abgekürzt wird, ist nicht die Platte, auf die ihr gewartet habt. Ich zweifele auch ganz erheblich daran, dass diese Platte jemals erscheinen wird. Weezer mit Pinkerton zu verwechseln ist ein beliebter, oft gemachter Fehler.

Pinkerton, das zweite Album der Band, war ein Stilbruch. Vielleicht ein Ausbruch. Auf jeden Fall ein Bruch. Der auf dem ersten Album etablierte, spezielle Weezer-Sound, der die ganze Welt begeisterte, war plötzlich wieder weg. Stattdessen viel Geschrei, wenig Metalreferenzen und ein Verzicht auf jegliche Cleanliness. Als würde sich jemand auskotzen. Klar, ein nach wie vor harmonisch wertvolles auskotzen, aber eben auch eine Verweigerung, dem selbst geschaffenen Mythos mehr Futter zu geben. Vielleicht war es Frust, vielleicht war es Langeweile, vielleicht die sture Lust aufs ausprobieren. Aber gleich nach diesem Album fanden Weezer zu ihrem ihnen so eigenen Sound zurück, besannen sich auf ihre alte Stärke und beschlossen wieder wie Weezer klingen zu wollen und nicht wie Indie-Band XY. Denn, ganz ehrlich, auch wenn ich das Album toll finde: Pinkerton könnte von jeder Indie-Band sein. Dafür braucht man Weezer wirklich nicht. Und schließlich klangen Weezer auf den sechs Alben nach Pinkerton auch wieder viel mehr nach dem blauen Album. Man darf also beruhigt davon ausgehen, dass die Band einen Sound hat, den sie machen will und der nicht wie auf dem zweiten Album klingt. Es bleibt die Ausnahme. Einigen wir uns also darauf, dass es Weezer-Fans und Pinkerton-Fans gibt. Aber Menschen, die meinen Fans der Band zu sein und die dennoch sagen, dass nach dem zweiten Album kein gutes mehr kam, sollten es doch wie Bassist Matt Sharp machen und nach Pinkerton die Band verlassen. (Übrigens: Beef scheint da nicht zu bestehen. Cuomo grüßt Sharp in den Credits des aktuellen Albums als „Awesome Musician“)

So. Puh. Die vermutlich nötigste und längste Einleitung, die man zu einer Plattenkritik schreiben kann und im Fall der Band auch leider muss. Nun aber, versprochen, kommen wir zum aktuellen Album: Everything Will Be Alright in the End
(Amazon-Partner-Link)

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Das, wie schon zuvor das blaue und das grüne, von Ric Ocasek, Frontmann der Cars, produzierte Album soll eine Rückbesinnung sein. Auf alte Stärken. Auf alte Spielfreude. Auf publikumsteasende Nicht-Publikumsteasung. Auf Rivers Cuomos Songwriterqualitäten. Hat das hingehauen oder ging das daneben? Dem kommt man nur mit der beliebtesten Art der Plattenkritik auf die Spur: Die Track by Track-Analyse. Lets go:

Ain´t Got Nobody – Das Lied beginnt mit einem Filmsample. Alter Punkrockstyle. Ein tiefes, langes Ein-Ton-Riff mit diversen Sprachsamples, ein Tap-Taptap-Klatschen und von hinten schleicht sich plötzlich die Hook-Zeile an, um wie eine welle über einem zu brechen und mit dem fröhlich-verzweifelten Refrain wegzuspülen. Die Strophen eher mollig, rein verzweifelt. Und dann ein herrlich schräges Gitarrensolo mit einem kurzen „Nä Nänänä Nä“-Moment. Dazu am Ende noch Dupdupudp-Adlibs. Es ist ein bisschen vollgestopft mit tollen Ideen. Da geht die einzelne leicht unter. Aber, klar: Lieber ein zu volles als zu leeres Lied. Depri-Electro-Projekte mit zwei Menschen und Null Ideen hat die Welt nun wirklich schon genug.

Back To The Shack – Vergangenheitsbewältigung. In diesem Lied entschuldigt sich Cuomo für alles, was selbsternannte Weezer-Fans der Band in den letzten Jahren vorgeworfen haben. Nun ja. Ich für meinen Teil halte das für ein bisschen zu devot und sehe nicht wirklich, wofür sich die Band zu entschuldigen hat. Vorzuwerfen hat sie sich nichts, außer Sachen auszuprobieren. Aber wer von seiner Band immer nur den selben Kram vorgesetzt bekommen möchte, der sollte doch lieber bei Pink Floyd bleiben. Aber wie dem auch sei, sehen wir es als Handreichung, doch wieder mit auf den Weezer-Bandbus zu steigen. Der Song ist dabei vielleicht die typischste, klassische Rocknummer auf dem Album und vielleicht, ganz vielleicht, ist das ja auch die leise Ironie an der Sache: Ihr wollt nichts Neues? Hier habt ihr das älteste, was wir können.

Eulogy For A Rock Band – Hier kommt man der Schrägheit einer Pinkerton vielleicht noch am nächsten: Es rumpelt sehr ungelenk aus den Boxen, fast bedrohlich. Dazu ein Text, der mit den Worten „Goodbye Heroes“ beginnt. Rivers verabschiedet sich. Von einer Rock Band, die er offensichtlich geliebt hat. Und dann geht es in den Refrain, der fast die Anmutung eines 50er Jahre Liedes hat, in dem jemand seine Verflossene besingt: Adios, wir werden dich vermissen, aber die Zeit geht weiter und wir werden immer deine alten Lieder singen. Drama, Trauer aber auch Aufbruch und tiefe Liebe. Das kann Cuomo ja mit am Besten: Das große Drama im Rock suchen.

Lonely Girl – Es punkrockt aus den Boxen, im klassischsten Weezer-Sinn. Tiefes Grundriff, lieblicher Gesang, schöne Basslinie und ein typischer „Ich bin so alleine“-Text. Das ist weder originell, noch will es das sein. Solche Lieder entstehen in Studio Sessions und ich halte die nicht für Füller, sondern für eine Art Raumspray oder Räucherstäbchen: Vielleicht nimmt man das nicht so bewusst wahr, als das man drüber stolpern würde, aber es verbreitet eine angenehme Note im Raum. Aber klar: Das ist vielleicht der verzichtbarste Song des Albums. Vielleicht aber auch nicht. Mal weiterhören…

I´ve Had It Up To Here – Diese Abrechnung mit Fans, die nur Energie sucken und einer Band andauernd erklären wollen, wie sie zu klingen habe (Haben wir hier etwa einen roten Faden?), hat Cuomo nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit Justin Hawkins, Sänger von The Darkness. Und damit dürfte auch schon das Rätsel gelöst sein, warum Rivers zu Beginn des Songs in so ein herrliches Falsett springt. Die Gitarre klingt fast, für Weezer-Verhältnisse, funky, auf eine seltsame Art und weise. Überhaupt: die ganze Komposition dieses Songs ist ein seltsame Achterbahn, vielleicht um die eigene künstlerische Autonomität, um die es ja geht, noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich mag diese Reise sehr. Vielleicht einer der stärksten Songs des Albums und deswegen auch perfekt positioniert nach „Lonely Girl“. Fallhöhe schaffen, dass ist das Erste, was man auch beim Drehbuch schreiben lernt. Das gilt für die Dramaturgie einer Tracklist natürlich ebenso.

The British Are Coming – Das war einer der Songs, die schon vorab die Runde gemacht haben, um Lust auf das Album zu machen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Hier beweist Cuomo wieder im besten Sinne seine Harmoniesucht, was Akkordfolgen betrifft. Eine wunderschöne Rockmelancholie mit einem metaphorischen Eroberungstext. Und einem klassischen Rocksolo an einer Stelle, die man nicht kommen sieht. Wenn die Engländer kommen, dann bitte so.

Da Vinci – Das Lied fängt so an (übrigens als Opener der zweiten Seite des Vinyls), dass die Menschen, die Weezer dafür hassen, nicht mehr die Pinkerton-Band zu sein, bestimmt im Strahl kotzen müssen: Mit einer beschwingten Gitarre und einem fröhlichen Pfeifen. Pfeifen! Das darf man doch nicht! Keine Rockband pfeift mehr auf ihren Platten! Das ist doch so Asbach! Wer pfeift denn noch ernsthaft?

Die Antwort? Weezer! Und zwar auf die Leute, die pfeifen für unadäquat halten. Denn es geht hier um einen wunderbaren Popsong, um eine Liebeserklärung. Der Sänger des Songs ist so unglaublich begeistert von seiner neuen Liebe, er ist so beschwingt und erstaunt über so ein überirdisches Wesen, dass er nicht nur, wie im Refrain, sagt, wie unfassbar und unbeschreibbar seine Liebe ist, sondern das er auch beschwingt durch die Straßen läuft und wer hat da keine schöne Melodie pfeifenderweise auf den Lippen? Mehr als nachvollziehbar. Und zum Ende steigert sich das ganze Lied in ein harmonisches Noise-Gewitter, gerade so als würde man den Pinkerton-Fans, die nach dem pfeifen sofort entnervt das Lied geskippt haben, die lange Nase zeigen. Herrlich.

Go Away – Eigentlich ist es etwas traurig, dass es nicht öfter passiert. Ja, das die Band sogar vielleicht eine Sängerin fest dabei hat. Aber sei es, wie es ist: Weezer Songs eignen sich seltsamerweise auffällig oft für Duetts, vor allem mit weiblichen Konter-Parts. In diesem Fall ist es die Sängerin Bethany Cosentino von der Band Best Coast. Und wie die wenigen Male zuvor, ergänzt sich auch ihre Stimme perfekt mit der von Rivers Cuomo. Vielleicht ist es auch einfach seine immer leicht brüchige Stimme, die so oft wie am Anschlag klingt, die sich so gut mit diesen schönen, ganz leicht verrauchten Frauenstimmen verbinden lässt. In Go away, einem klassischen Schlussmach-Song, ist es auf jeden Fall schön durch den abwechselnden Gesang der Beiden das Gefühl zu bekommen, beide Seiten zu hören. Mehr Duette!

Cleopatra – Der Song hat mehrere Besonderheiten. Textlich geht es um jemanden, der sich endlich von Kleopatras Bann lossagen will. Ähm. Ja. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte eher ein Mittel zum Zweck ist. Dazu aber gleich. Beginnen wir mit dem Anfang des Lieds: Akkustikgitarre, Mundharmonika. Wer sich schon in Richtung Folk wähnt, der wird bitter enttäuscht. Nach der ersten Strophe geht es gleich ziemlich direkt in den Stromgitarrenrefrain. Und da kommen wir zu den Besonderheiten:

1.) Cuomo scheint seine Zeile „You can´t control me no more, Cleopatra!“ einfach durchzusingen, ohne jede Rücksicht. So wie Kleopatra ja auch geherrscht haben soll. Das führt dazu, dass Pat Wilson am Schlagzeug einen Beat auslassen muss, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dieser bewusste Stolperer fällt sofort auf. Herrlich. Ich mag das, wenn sich Popsongs den Luxus leisten, irgendein im besten Sinne “störendes” Element zu haben, das sie besonders macht.
2.) Singt er immer „Cleopatra, Patra, Patra“, was inhaltlich wenig Sinn macht, aber halt super klingt und somit, vermutlich zur Lösung des Textes führt: Es ging anscheinend nicht so sehr darum, unbedingt ein Lied über die Pharaonin geschrieben zu haben, sondern darum, dass dieser Name so einen tollen Klang hat, mit dem sich so schön rumspielen lässt. Und das hat er dann einfach gemacht. Ein großartig trockenes Gitarrensolo, dass zu einem zweistimmigen Classic Rocksolo wird, tut sein übriges. Super Song.

Foolish Father – Vater Cuomo singt, an eine Frau gerichtet, sie möge doch ihrem dummen Vater vergeben. Im Streit zu leben und auseinander zu gehen ist doch Scheisse. Und ausserdem: Everything will be alright in the end. Das singt am Ende des Lieds ein Mädchen-Chor. Zyniker mögen dem Lied Naivität vorwerfen. In Wirklichkeit ist es doch wunderschön. Eine Versöhnungs-Hymne. Ein Appell für die eigene Familie. Dafür, das alle mal Fehler machen, mehr oder weniger. Aber das ein liebender Vater auch mal ein Narr sein kann, vielleicht sogar sein muss. Kinder begreifen so etwas meistens erst sehr spät und erschrecken dann. Aber hey, egal wie er einem vorkommt: Er ist noch der gleiche Vater, der damals mit einem irgendwelchen Unsinn gemacht hat, den die Mutter nicht sehen wollte. Darum geht es in dem Lied und wer bei dem Ende nicht wenigstens eine leichte Gänsehaut bekommt, der sollte vielleicht mal die eigene Abgebrühtheit überdenken. Macht Spaß die abzulegen. Echt!

The Futurescope Trilogy: I. The Waste Land II. Anonymus III. Return To Ithaka – Sie ist wieder da: Die Rock Oper! In diesem Fall ein dreigeteiltes Lied mit zentralem Gesangsstück, welches wiederum “Let it be”-Flair verströmt. Nun, wer ein Album macht, dass sich auf so vielen Metaebenen mit dem Themenkomplex „Rock“ beschäftigt, der muss so eine Platte natürlich auch episch beenden. Wobei man es hier einfach mit einem längeren Song zu tun hat, der in seinen kurzen Breaks einfach dreigeteilt wurde. Aber wie dem auch sei: Durch die Titelgebung und die Aufteilung macht sich durchaus pathetisches Epos-Feeling breit und da muss man natürlich sagen: Besser hätte man so eine Platte auch nicht beenden können. Die Gitarren geben noch mal alles, im dritten Teil wird noch mal das große Solo ausgepackt, um den Zuhörer dann ganz in Ruhe in die Ruhe zu entlassen. Die Ruhe ohne Rivers, ohne Weezer, ohne das jemand einem sagt, dass „Everything will be alright in the end“.

Was soll ich sagen: Man muss diese Band lieben, um sie zu verstehen. Und genauso wie ich mich wundere, wenn ich sehe das es noch Fans von den Spin Doctors gibt, so wundern sich wohl vor allem hierzulande viele Menschen, wenn man zugibt Weezer-Fan zu sein. Aber ich kann es nur noch einmal und immer wieder betonen: Das Songwriting von Rivers Cuomo ist unglaublich. So viele Harmonien, die mich berühren, so viel Mut zum Pathos, auch wenn es manchmal peinlich sein mag, so eine Liebe zu Pop und Rock gleichermaßen und zu versuchen, dass in jedem einzelnen Lied unterzubringen: Das ist das Größte, was man musikalisch versuchen kann. Man muss vielleicht daran scheitern, aber es so konsequent auszuprobieren, zeugt von so viel Liebe und Überzeugung, eines Tages den Schlüssel zu finden, dass ich gar nicht anders kann, als mich davor zu verneigen. Ich mag mit dem Herz eines Fans sprechen, aber ich spreche aus tiefster Überzeugung:

Weezer sind meine Beatles.



Der jüdische Patient - Oliver Polak versteht mich anscheinend

Ich mag Oliver Polak. Nicht nur finde ich sein Stand-Up extrem lustig. Wir sind uns auch schon ein paar Mal “privat” über den Weg gelaufen und ich hab mich jedes Mal gefreut, ihn zu treffen. Ob es ihm allerdings umgekehrt genauso ging, kann ich nur ahnen. Ich glaube, ich habe ihn nicht sehr gestört, einmal hat er sich sogar gefreut mich zu sehen. Ansonsten aber haben wir es irgendwie nicht so richtig geschafft, zu connecten. Immer auch eher zu meinem Bedauern, hatte ich das Gefühl.

Nun hat Polak ein Buch geschrieben (Der jüdische Patient, Amazon-Partnerlink) über eine sehr spezielle Zeit in seinem Leben: Nachdem er, nach seiner ersten Tour und Lesereise, total ausgebrannt in seiner Bude lag und für nichts mehr so richtig zu begeistern war, beschloss er, dass vielleicht ein kurzer Aufenthalt in der psychiatrischen Abteilung des örtlichen Krankenhauses ihm endlich einmal wirklich helfen kann. Aus dem geplanten kurzen Aufenthalt wurden mehrere Wochen, ja, Monate. Monate in denen er auf eine sehr spezielle Art zurück ins Leben fand, oder besser, in den Alltag. Er hatte eine Ruhepause genommen, eine Auszeit um sich wirklich klar zu werden, was er eigentlich will. Und, lucky us, hat er diese Zeit literarisch verarbeitet und vermutlich nichts weniger, als eines der meiner Meinung nach, besten Bücher des Jahres darüber geschrieben (welches ich übrigens begeistert an einem halben Sonntag verschlang, weil ich es nicht mehr weglegen konnte…).

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Dabei ist meine Begeisterung eventuell sogar ein kleines Bisschen egoistisch, denn an den meisten Stellen im Buch dachte ich nur: Ja, genau! Ich konnte so viele Dinge so gut nachvollziehen. Auch die schlimmen, die einsamen, die frustrierten. Ich hatte manchmal regelrecht Angst davor, denn in letzter Konsequenz würde das bedeuten, dass ich mich doch vielleicht auch einmal einweisen lassen muss. Oder? Das hab ich mir zumindest bei Teilen des Buches gedacht. Für viele andere Passagen möchte man Polak einfach nur knutschen. Seine Liebeserklärung an Udo Jürgens und die ganze darauffolgende Geschichte ist so rührend und nah, dass sie schon fast ein eigenes Buch wert wäre. Überhaupt: Begegnungen. Sie sind das große Thema des Buches. Polak trifft persönliche Helden oder solche, die es sein könnten. Genauso wie arme Würste die sich vor allem durch seine Erzählungen oder Anmerkungen offenbaren. Während um ihn herum das Irrenhaus tobt, scheint er, der sich gerade als „irre“ hat einliefern lassen, das ruhige Auge des Wirbelsturms zu sein.

Das angenehme an Oliver Polaks Schreibstil ist diese seltsame Beiläufigkeit, mit der er sein ganzes Leben erzählt. Man hat das Gefühl, ganz en passant erzähle er von seinem schwierigen Verhältnis zu seiner Mutter oder die Familiengeschichte der jüdischen Polaks in der Nähe von Oldenburg, kurz nach dem Krieg bis heute. Dieses Nähe, diese Distanzlosigkeit ist es, die einem, so abgedroschen das auch klingen mag, Geschichte näher bringt, sie begreifbar macht. In einer Zeit, in der Hitler sowieso nur noch zu einer Witzfigur verkommen ist (inklusive einer Parodie von Polak selbst in einem KIZ-Video), ist es umso wichtiger, diese beschissene Zeit, in der deutsche Nachbarn jüdische Nachbarn auf Befehl getötet haben (oder deutlich seltener gegen Befehl versteckt und gerettet), greifbarer zu machen, näher zu bringen. Und da tritt Polak die Tür auf und sagt: Guck mal, das haben deine beschissenen Vorfahren meinen Vorfahren angetan. Einfach so, weil ihnen jemand gesagt hat, dass sie das machen sollen. Da muss man schlucken. Und das soll man auch.

In den Momenten, in denen Oliver Polak ganz klar Stellung bezieht, in seinem Buch, Ungerechtigkeit benennt, ohne da irgendeine falsche Scham an den Tag zu legen, in diesen Momenten ist „Der jüdische Patient“ unfassbar stark. Da will man mit dem Buch einschlagen. High Five. Aber auch in den stillen, leidenden Momenten, in den Phasen, in denen dem Protagonisten klar wird, wie wichtig Liebe ist, was sie bedeutet, was sie kann und was sie nicht kann, entwickelt das Buch einen Sog. Einen anderen, aber ebenso großartigen. Und der ganze Gossip, die ganzen Anekdoten, nach denen man den Autor alle ausfragen will („Wer war das?!?!?!“), machen das Erlebnis perfekt. Vielleicht ist nicht alles wichtig, was da drin steht. Vielleicht ist es sehr Ich-bezogen. Vielleicht ist „Der jüdische Patient“ auch nur eine der längsten und kompliziertesten Liebeserklärungen, die es gibt. Vielleicht ist es aber auch das alles zusammen. So oder so, das ist ein wirklich tolles Buch und ich bin froh, das gelesen zu haben. Und wer weiß: Vielleicht connecten wir ja nächstes Mal mehr oder danach oder danach. Vielleicht auch nicht, es wäre gar nicht mehr so schlimm. Ich weiß ja jetzt, wie ähnlich wir uns sind. Da versteht man sich blind.



Bitte nur Gedenken, wo es gut aussieht.

In Berlin wird 25 Jahre Mauerfall gedacht und dafür haben sich die Künstler Christoph und Marc Bauder, vermutlich im Auftrag des Berliner Stadtmarketings, etwas besonderes ausgedacht (denn besondere Jubiläen erfordern besondere Aktionen): Entlang der ehemaligen Grenze, also der Berliner Mauer, zieht sich eine Spur beleuchteter Ballons, die am Sonntag Abend um 19 Uhr losgelassen werden und in den Berliner Abendhimmel entschweben und somit den Fall der Mauer und den Sieg der Freiheit signalisieren. Dazu spielen die Philharmoniker am Brandenburger Tor Beethovens Ode an die Freude. Ein großer Festakt, neben Wowereit stehen wohl auch Gauck, Gorbatschow und Walesa auf der Bühne, um die ersten Ballons zu verabschieden. So weit, so üblich changierend zwischen “ganz gute Idee” und “woher kommt eigentlich die Angst vor Originalität”.

Aber und das ist ein großes, fettes “aber”, weil ich einerseits zwar keinen Bock habe, der Partypooper zu sein, andererseits aber so wütend darüber bin, dass ich mal wieder mein Blog dafür nutze, es loszuwerden: Ist es bei der Planung der Aktion eigentlich folgendermassen abgelaufen?

“Du, super Idee, wir stellen Ballons dann am gesamten Grenzweg entlang auf!”
“Boah, das gibt super Bilder!”
“Ja, gut, wir mögen die Idee. Eine Frage: Muss es denn die ganze Grenze sein? Also, seien wir doch mal ehrlich, die Hostels und Touristen, die befinden sich ja eher im Stadtkern…”
“Ja und die Logistik, wenn wir die Ballons wirklich entlang der kompletten Grenze aufstellen würden…”
“Ja, eben, die machen die ja überall kaputt!”
“Das kann man gar nicht bewachen!”
“Und was das wieder kostet!”
“Und es ist ja eigentlich auch egal, es geht ja eher um die Geste. Die Menschen aus den anderen Vierteln, die zwar auch durch die Mauer getrennt waren, aber die nicht so wichtig sind, die sind ja herzlich eingeladen, in die Innenstadt zu kommen und sich dort die Lichtgrenze anzusehen!”
“Ja, eben! Hach, Lichtgrenze ist so ein schöner Begriff. Da weht doch gleich so ein Hauch von André Heller durch die Stadt…!”
“Also abgemacht: wir sagen, die Ballons stünden auf dem Weg der ehemaligen Mauer und verschweigen einfach dezent, dass es nicht durch ganz Berlin geht. Dann findet das jeder toll.”
“Juchuh! Ich hol schon mal das Helium!”
“Ja, aber sei vorsichtig, Klaus!”

Ungefähr so muss es sich abgespielt haben. Für mich nutzt dieses ganze Aktion die Mauer, ihre Gewalt, ihre Toten und das wichtige Andenken an sie, als einen Ort des Terrors, nur aus um ein bisschen hippes Stadtmarketing zu betreiben. “Hey, Berlin ist eine verrückte Stadt, die macht alles anders. Guckt mal, wo hier überall Ballons stehen. Übrigens: Heute haben auch die Geschäfte auf!”

Und das mag kleinlich sein, aber wenn die Ballons die GESAMTE BERLINER Grenze entlang gestanden hätten (so, wie ich es zuerst verstanden hatte), hätte ich das derbe gefeiert, als eine Aktion, die die Mauer einreisst, die die Stadtteile zusammenführt und ihre Freude darüber vermitteln will, dass diese verkackte Mauer nicht mehr steht. Eine Aktion für Berlin eben, die damalige zerteilte Stadt. So aber kann ich die Ernsthaftigkeit in dieser Frage der Beteiligten nur anzweifeln und muss sagen, hier wurde halt versucht, einen weiteren schicken Selfie-Spot für den innerstädtischen Hostel-Ring anzulegen, aber mit aufrichtigem Gedenken, zu einem sehr erfreulichen Jubiläum, hat das nichts zu tun. Da feier ich den Mauerfall lieber wieder, wie immer, im Stillen für mich und freue mich, dass wir ein Land sind und über all die fantastischen Menschen, die ich ohne die Wiedervereinigung nie getroffen hätte.

Das kann mir kein verhunztes Stadtmarketing der Welt nehmen.