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Fünftausend Ausrufezeichen gegen “Die drei !!!”

Ich hasse “Die drei !!!” mit aller Macht. Angefangen von dem unsagbar beschissenen Namen, über die Tatsache, dass man es überhaupt für nötig hielt, sie zu erfinden und zu schreiben, bis hin zu den Storys und den Titeln. Ich empfinde reine, ungetrübte Verachtung für die Autoren und den Verlag, der so etwas beschissen verlogenes zuliess.

Da kann man auch sagen: “Warum denn ins Museum? Hier, guck mal, ich kann auch eine tolle Mona Lisa malen! Und ich kann ihr sogar noch tolle rosa Schleife ins Haar malen und ihr ein bisschen Make-Up verpassen, damit du als Mädchen auch siehst, wie du als Mädchen auszusehen hast und was dich zu interessieren hat. Guck mal, wie glücklich die Mona Lisa über ihre neuen Smokey Eyes ist! Viel besser als dieses blöde Original!”

Ich bin kein Gender Experte, ich verstehe auch manche Aufregung nicht, andere schon. Ich lach mich kaputt, weil es Gewürzgurken für Männer und für Frauen gibt, kaufe mir persönlich immer das rosa Überraschungsei, weil da das coolere Spielzeug drin ist und mag auch mal gerne einen Aperol Spritz. Man kann sagen, bei mir persönlich hat dieses Gender Marketing auf voller Linie versagt, mich erreichen die nicht, kriegen die nicht, kennen die noch nicht mal. Das ist auch alles nur Marketing, was die für Etiketten auf die Gurkengläser, die ich eh nicht kaufe, kleben, ist mir also recht egal. Auch wenn ich das Symptom natürlich scheisse finde, aber mein Groteskigkeitscontainer ist mit so vielen Sachen in der heutigen Zeit einfach überfüllt, da muss ich gewisse Dinge links liegen lassen. Und da gehören Gurken definitiv dazu. Ich hoffe nur, dass sie darauf sitzen bleiben.

Aber diese drei Ausrufezeichen regen mich schon seit dem ersten Moment auf, als ich sie im Regal liegen sah. Da wurde kreative Arbeit hinein gesteckt. Da wurden Seiten voll geschrieben. Nur weil man meinte, Mädchen sollen keine Abenteuer von Jungs lesen. Mädchen sollten weichere Themen bekommen, mit Pferden, Handys und knutschen. Nun bin ich ja Vater einer unglaublich coolen Tochter und schon beim ersten entdecken der Bücher habe ich ihr unmissverständlich klar gemacht, was ich davon halte. Und sie sieht es ganz genauso. “Die drei ??? Kids” hat sie noch gelesen und gehört, damit war ich auch noch ein bisschen einverstanden. Aber sonst: Stick to the Original. Sie liebt die spannenden Abenteuer von Justus, Bob und Peter. Und kann sich im Leben nicht vorstellen, sich näher mit die drei !!! zu befassen. Selbst als sie klein war, hat sie schon kapiert wie bekloppt das “neue” Konzept war und ist.

Ich bin ja kein Real-Keeper, ich mag neue Sachen. Aber irgendwo ist auch mal gut. Wenn es irgendjemand in irgendeiner Marketingabteilung für eine gute Idee hält, ein seit vielen, vielen Jahren bei ALLEN Kindern etabliertes Produkt in einer “Mädchenversion” zu veröffentlichen, dann sollten in Zukunft endlich auch mal Leute am Konferenztisch aufstehen und dem den Vogel zeigen und sagen: “Du möchtest unsere Gesellschaft spalten, verpiss dich bitte aus diesem Büro.”

Die Ersten werden damit nicht weit kommen, vielleicht sogar im Gegenteil. Aber irgendwann wird man wieder kapiert haben, dass man nicht alles aufspalten kann und muss und soll. Und dann verschwindet dieser Müll hoffentlich auf dem Altpapier. Und verrottet. Und der Rest Asche, der davon übrig bleibt, weht den Machern, die sich in der Zwischenzeit hoffentlich nicht fortgepflanzt haben (denn wie müssen die armen Mädchen von denen aufwachsen???), mitten ins Gesicht und ins Essen. Und ich höre währenddessen mit meinen Enkeln und Enkelinnen den schreienden Wecker. Gut. Das mach ich sowieso.

Aber Eltern, die ihr die drei !!! kauft: Tut das nicht. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder verblödet werden. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder schlechtere Chancen in der Zukunft bekommen sollen. Unterstützt es nicht, dass euren Kindern nur die Hälfte dieser Welt offen stehen soll. Lasst euch nicht ausnutzen, lasst euch nicht für dumm verkaufen. Ihr seid schlauer, intuitiver als alle Marketingmenschen zusammen. Zeigt den Spaltern die rote Karte. Lasst sie auf ihrem Mist sitzen. Für eine Josefine, die auch Maschinenbau studieren und ein Leo, der auch Kindergärtner werden kann.

P.S.: So lange der herausgebende Kosmos-Verlag die Bücher der drei !!! nicht unter einem Sublabel namens “Kosmiss” rausbringt, kann ich deren Willen zur Weiblichkeit eh noch nicht ernst nehmen.



Vorruf: Boris Becker

Ich hab vor kurzem eine schöne Anekdote über Robin Williams gelesen. Was genau ist ja erstmal egal. Auf jeden Fall war das eine Geschichte, die man auch schon problemlos zu seinen Lebzeiten hätte erzählen können und damit vielleicht etwas bewegt hätte. Sie hätte weder Williams geschadet, noch sonst irgendwem. Und da hab ich mir doch wieder gedacht: wie unglaublich bescheuert ist es eigentlich, sich schöne Erlebnisse mit Prominenten oder gute Dinge, die man über sie erfahren hat, “aufzusparen”, bis man einen Nachruf über sie schreibt. Dem will ich nun entschlossen entgegenwirken und unter “Vorruf” Anekdoten oder Erlebnisse aufschreiben, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Und da schien mir Boris Becker, vor allem nachdem ich sein letztes Spiegel-Interviews gelesen hab, in dem er sich für jeden Hühnerschiss rechtfertigen musste, ein würdiger Startkandidat zu sein:

Ich hab damals mit Becker zusammen diese Sendung, “Sofaduell”, im DSF moderiert. Als mir gesagt wurde, wer mein Co-Moderator sein würde, war ich erst etwas baff: Boris Becker, lebende Legende, würde mit mir zusammen eine Sendung machen, bei der wir durch WG-Wohnzimmer ziehen und ein Sport-Quiz auf der Playstation gegen sportbegeisterte Studenten zocken. Die Vorstellung war irgendwie bizarr.

Die Realität irgendwie auch: Bei der Aufzeichnung zur ersten Sendung kam Becker immer zum drehen aus seinem Aufenthaltsraum raus, ansonsten blieb er die ganze Zeit dort drin. Er war gut gelaunt und es hat mehr Spaß gemacht, als gedacht. Vor allem war der Sportsmann Becker nicht so verbissen, aber doch engagiert genug, gewinnen zu wollen. Irgendwie die perfekte Mischung. Hätte ich so vielleicht vorher auch nicht erwartet.

Bei der Aufzeichnung zur zweiten Sendung schien sich alles zu wiederholen. Ich sass im Catering, Becker in dem von ihm verlangten und ihm zugewiesenen persönlichen Raum. Immer an seiner Seite: Seine Assistentin, die ihm andauernd irgendwelche Fragen zu Terminen stellte, ihn an Anrufe erinnerte usw. Naja, dachte ich mir, so ist das eben. Die Moderationen und das spielen mit ihm funktionierte ja super, er war immer genau on point, wenn man ihn brauchte. Den Rest der Zeit nutzte er eben, um wichtige Sachen zu erledigen.

Ich sass immer noch alleine im Catering, mampfte ein Käsebrötchen, als Becker rein kam. Er setzte sich zu mir. Wir schwiegen uns kurz an. “Na Nilz, wie läufts bei dir mit den Frauen?”

Ich spuckte fast das Käsebrot aus, vor lachen und Becker sass mir grinsend gegenüber. Er, dessen vermeintliche Frauengeschichten gerade in den Käseblättern dieser Welt diskutiert wurden, stellte mir diese Frage. Gelungener Joke! Das Eis war gebrochen, wir kamen sofort ins Gespräch über alles mögliche.

Einige Sendungen später. Ich wusste, dass er zum Superbowl gehen würde und ich erzählte, wie gerne ich so einen Schaumstofffinger hätte, vor allem vom Superbowl. Er gab mir seine Nummer, ich solle ihm noch eine Erinnerungs-SMS schreiben und er würde mal sehen, was er machen kann. Ja, klar, Boris Becker läuft für Nilz Bokelberg durchs Superbowl-Stadion und versucht einen Schaumstofffinger zu kaufen. Ich fand seinen Move mit der Nummer und so smart, schickte ihm auch die SMS, aber war realistisch genug, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen, so ein Teil zu bekommen. Mein Gott, der Mann hat wirklich andere Sorgen. Er war ja auch noch irgendwie als halber Kommentator da, hatte also genug besseres zu tun, als Souvenirs zu shoppen.

Aufzeichnung vorletzte Sendung. Becker frisch aus Miami zurück. Wir stehen in einer Hamburger WG, irgendwo in der Nähe “Schlump”, wenn ich mich recht entsinne (ich find den Namen immer so lustig). Ich komme an, das Set ist schon eingerichtet, Becker auch schon da. Ich begrüße alle. Boris und ich schlagen ein. Ich setz mich hin, Becker verlässt den Raum. Und kommt zurück:

“Nilz, so eine Hand habe ich leider nicht bekommen.”

Ach, egal, sag ich und meine es auch so. Das er daran gedacht hat, fand ich schon cool.

“Deswegen hab ich dir das hier mitgebracht!”

Sagt er und zieht hinter seinem Rücken ein Shirt und ein Cap vom Superbowl hervor. Nur dort vor Ort und nur an diesem Tag zu erwerben. Selbst wenn er es nicht gekauft, sondern nur in die Hand gedrückt bekommen und mir mitgebracht hat: Ich bin sehr gerührt. Damit hab ich wirklich, wirklich nicht gerechnet. Coole, souveräne Aktion und spätestens seit dem:

Boris Becker für immer in meinem Buch der cool People.



Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.