Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



Wenn der Hass anklopft…

Lustig, naja, komisch das ich mich mittlerweile so viel mit Hass hier beschäftige. Aber da der in meiner Filterbubble so allgegenwärtig ist, ist der für mich auch immer ein Thema. Klar, manchmal ist das sehr von Aussen betrachtet. Aber es gibt auch die Momente, wo der sehr nah an mich herankommt.

Da war dieses Mädchen, das fand ich mal toll. Also, ich glaube das ist immer noch eine tolle Frau. Aber ich verstehe nicht, wie sie so viele Abzweigungen nehmen konnte, die dazu führten, dass ich nun nur noch die Augen rollen kann, wenn sie mal wieder ihren vollkommen übertriebenen und undifferenzierten Islam-Hass in meine Timeline kotzt. Ich habe sie vor vielen Jahren als total liberalen, offenen, herzlichen Menschen kennengelernt. Klar, sie war auch spackig und alles, aber so wie wir alle. Total gut. Jederzeit nachvollziehbar. Und dann zog sie weg, heiratete. Sie war früher eine Künstlerin, ihre Kunst gab sie auf. Überhaupt schien sie nur noch für die Familie da zu sein. Ihr Mann machte Karriere, sie blieb zu Hause.

Das ist kein Problem, das muss jeder entscheiden wie er oder sie das möchte. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen sein muss. Aber, so sieht es von aussen aus, diese Entscheidung führte dazu, dass sie begann zu hassen. Nicht alles und jeden, das würde sie spüren. Deswegen jemand, von dem man ihr (oder vermutlich besser: sie sich) gut einreden kann, es sei ein geeignetes Feindbild, verantwortlich für all das Übel auf der Erde.

Und so lese ich sie zusammenhanglos Koran-Zitate rausschleudern, die beweisen sollen, wie kriegerisch der Islam sei - nicht beachtend das man ähnliche Zitate und Fundstellen auch endlos aus der Bibel auflisten könnte. Sie wettert gegen Obama und jeden, der nicht ihre Meinung teilt. Sie wirft den Menschen vor, blind zu sein, den Feind nicht zu sehen - aber plappert doch blind irgendwelche Klischees nach. Ich frage mich, wie sich so ein Menschenhass mit Buddhismus in Einklang bringen lassen soll, aber sie anscheinend nicht, denn so wie ich das verstehe, definiert sie sich noch als Buddhistin.

Plötzlich ist da jemand, den man nicht mehr versteht. Klar, wir verändern uns alle, ständig. Aber so sehr? Ist es möglich, zu so einem anderen Menschen zu werden? Oder war ich geblendet, damals? Hatte sie das schon immer in sich und ich hab es nur nie gesehen? Und was tun? Aus meiner Freundesliste löschen? Und wenn ja, kommentarlos? Oder ihr nochmal schreiben, wie schade man das findet? Sie vielleicht einfach nur muten? Oder hoffen, das irgendwo, tief in ihr drinne, noch eine Stimme der Vernunft haust und darauf warten, dass die wieder durchscheint? Mir macht das echt Bauchschmerzen.

Was tun, wenn der Hass im Freundeskreis auftaucht?