No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



The Dusk of the golden Pineapple

Es gibt ja eine Menge, dass man an der FIFA und ihrem Verständnis von Fussball (Cashcow) kritisieren kann. Geschenkt. Eigentlich müssten die ja alle mit Fackeln und Mistgabeln aus der Zentrale gejagt und stattdessen Menschen dort hingesetzt werden, für die Fussball und seine Fans an erster Stelle stehen und dann erst Coca-Cola, Mc Donalds, Adidas und Budweiser. Und dann erst das Architekturbüro, das seit mehreren Jahren kategorisch Stadien verschandelt oder schlecht neu ausdenkt. Und dann erst irgendwelche Politiker, die sich ein Denkmal setzen möchten. Und dann erst, wenn überhaupt, die eigene Tasche.

Bis es so weit ist, bis Kinder mit Fussbällen und ihre Familien mit noch mehr Fussbällen, die Zentrale der Fifa stürmen, wird noch viel Wasser den Rhein runter und viel Geld auf das Konto von Blatter und Konsorten fliessen. Darum soll es auch gar nicht gehen. Vielleicht kann man aber schon mal kleine Veränderungen andenken. Zum Beispiel:

Warum spielt man noch um den dritten Platz?

Jetzt mal ehrlich: Das Spiel, dass man schon seit Jahren “Goldene Ananas” nennt, ist nach meinem Empfinden, überflüssiger geworden als jemals zuvor. Ich denke, das liegt an der Tatsache, dass Fussball wirklich schneller geworden ist, ein anderes Spiel geworden ist. Das alte Spiel, die alten Weltmeisterschaften, das waren tatsächlich noch Spiele irgendeiner wie auch immer gearteten “Ehre”, der olympische Geist des “Dabeisein ist alles” war allgegenwärtig. Deswegen, in diesem Geiste, war es auch allen Beteiligten wichtig zu wissen, wer ist Erst-, Zeit- und Drittbester.

Nun befinden wir uns in einer komischen Leistungsgesellschaft, der Kapitalismus hat auch die Arbeitswelt erobert (Meine Güte, man muss echt viele Binsenweisheiten schreiben, wenn man über Fussball schreibt…das kommt ja wirklich ganz automatisch!). Das muss einem ja nicht gefallen, mich befremdet das die meiste Zeit auch eher. Aber so ist es halt. Ein Handschlag zum Beispiel, gilt heute nix mehr, nur Mails bei denen man zur Sicherheit 27 Menschen cc setzt, am Besten noch die eigene Oma und die des Empfängers. Alles um sich abzusichern. Und erfolgreich alles einzutüten.

Fussball macht Spaß, aber für die Spieler auf dem Platz ist das ihr Job. Und man stelle sich einmal vor, in der Werbeagentur (Oder Redaktion, oder Supermarkt, oder Werkstatt…you get the point) würde eine große Ansprache gehalten, über den einen Mitarbeiter, der nur sehr knapp den Deal nicht bekommen hat. Vor versammelter Mannschaft. Und dann wird noch der andere Mitarbeiter hervorgehoben, der seinen Abschluss noch knapper nicht bekommen hat. Und am darauffolgenden Tag wird dann derjenige gelobt und gefeiert, der es geschafft hat. Das wäre doch eigentlich ziemlicher Quatsch. Ungefähr so muss sich mittlerweile das Spiel um den dritten Platz anfühlen. Eine reine Demütigung. Ihr habt beide verloren? Dann gucken wir doch mal, wer von euch nochmal verliert.

Oliver Bierhoff hat das letzte Golden Goal geschossen. Lassen wir Brasilien - Niederlande das letzte Spiel um den dritten Platz werden. Und als solches feiern.

Versenken wir die goldene Ananas innerhalb der nächsten vier Jahre im Meer. Spongebob würde sich freuen. Win-Win.