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Wie mich eine Papp-Spielhölle mal zum weinen brachte.

Scheiss doch auf alle Diskussionen, auf den ganzen Hass, mit dem sich alle gerade im Internet gegenseitig bewerfen. Vergesst das alles. Denn es gibt Geschichten, bei denen ist man glücklich das es das gibt, dieses Netz. Wo sich Fremde im nullkommanichts miteinander vernetzen können, um etwas Gutes zu schaffen. Um einen wunderschönen Moment zu erzeugen, der so nie wieder kommt. Und der durch nichts in der Welt aufgehalten werden kann. Und der, ist er einmal passiert, auch nie wieder weggenommen werden kann.

Ich glaube das ein Film wie dieser Tausend mal mehr erreicht, als jeder aufklärende Film. Ich glaube das die Magie, die dahinter steckt, mehr Frieden stiftet, als alles andere. Das jeder, der das sieht, so berührt ist (selbst wenn er es nicht zugibt), das er dieses Gefühl weiter mit sich rumträgt und im besten Falle auch weitergibt. Ich glaube sehr an die positive Wirkung guter Taten. Nichts finde ich inspirierender, als Menschen die andere Menschen gerne glücklich machen. Danke für diese wundervollen 10 Minuten, von denen sich jede Sekunde lohnt. Danke Internet, dass du so tolle Sachen machst. Deswegen lieb ich dich so, nicht wegen dem anderen Scheiss. Genug gequatscht, sofort gucken:


[VimeoDirektCainesSpielhalle]



Eine Geschichte mit einem schlechten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem schlechten Ende. Das einzige Stichwort war: Kaffetasse.

Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer, Spülmaschine. Voll, leer Spülmaschine. Sie war ihr langweiliges, eintöniges Leben so satt. Es gab wirklich wenig unerfüllendere Daseinsformen, als ein Leben als Kaffeetasse zu führen, fand sie. Damals, als sie noch roher Ton in der Erde war, da ging es ihr gut, da war immer was los. Und auch danach, als sie zu Tage gefördert wurde, da gab es so unheimlich viel zu entdecken. Die Sonne, die menschlichen Hände, die sie anfassten, die Drehscheibe auf der sie landete, das trocknen, das brennen, das glasieren. Hach ja, das war ein spannendes und aufregendes Leben. Und dann stand sie auf dem Markt und war davon überzeugt die tollste und schönste Kaffeetasse zwischen ihren ganzen Freunden zu sein. Und so war es auch: Sie wurde als erstes ausgesucht, als erstes gekauft. Voller Stolz liess sie sich einpacken und zu ihrem neuen Besitzer mit nach Hause nehmen. Sie war jetzt eine Tasse von Welt, eine Grand Tass, oder wie auch immer das auf französich hiess.

Aber hätte sie doch nur jemand gewarnt. Hätte ihr doch nur jemand gesagt wie schrecklich das ist, die Tasse von jemandem zu sein. Es trank eigentlich immer der gleiche aus ihr, der Mann der Familie. Jeden Morgen am Frühstückstisch. Dann trank er seinen Kaffee aus ihr. Sie hasste dieses bittere, ekelige Zeug. Aber es half nichts. Manchmal, vor allem wenn der Mann nicht da war, dann trank auch schon mal die Frau aus ihr. Das war immer ein Freudenfest: Weiche, zarte Lippen, geschmeidige Hände die sie ganz umfassten und vor allem: Tee! Leckerer, süßer, angenehmer Tee! Leider waren diese Tage viel zu selten, der Mann war eigentlich immer zu Hause, zumindest morgens.

Und dann wurde sie nach dem Frühstück immer in die Spülmaschine geräumt. Den halben Tag in einem kleinen, dunklen Raum und dann auch noch heiß und nass abgespritzt werden, nein, das war nichts für sie. Das war wirklich unangenehm. Abends wurde sie dann wieder rausgenommen, und direkt in den dunklen Schrank gestellt. Da stand sie dann neben dem ganzen Anderen Geschirr, mit dem nun wirklich keine vernünftige Konversation zu führen war. Die tiefen Teller, die immer nur sangen (und zwar ausschliesslich Shanti-Chöre, also so Seemannslieder wie „Alle die mit uns auf Karperfahrt fahren“ oder „Ik hev in Hamburg nen Veermaster sehn“), die Sektgläser, die immer nur mit ihren hohen Fistelstimmchen über den neuesten Klatsch und Tratsch aufgeregt redeten oder die kleinen Espressotassen, die die ganze Zeit damit beschäftigt waren, die Untertassen mit ihrem italienischen Akzent anzubaggern. Die Tasse des Vaters war nicht arrogant oder so, sie hatte wirklich sehr oft versucht mit dem anderen Geschirr in Kontakt zu treten oder sich anzufreunden, aber die Wellenlängen waren einfach zu unterschiedlich. Mit ihr wollte keiner was zu tun haben.

So ging es viele lange Jahre. Die Tasse unterhielt sich hier und da mal mit anderem Geschirr. Auch wenn neues dazu kam, hatte sie immer die Hoffnung, doch jetzt endlich mal einen Freund gefunden zu haben. Aber es hat kein einziges Mal wirklich funktioniert. Es interessierte sich niemand für die Tasse. Vielleicht war sie mittlerweile auch einfach zu depressiv. Wer weiss? Und dann, plötzlich, nach den ganzen Jahren Frust, kam auf einmal ein grosser Tag. Ein Tag, mit dem die Tasse schon gar nicht mehr gerechnet hat:

Der Schrank wurde wirklich immer voller. Grund genug für die Hausherrin, einmal auszumisten. Sie nahm nacheinander die Geschirrstücke aus dem Schrank, begutachtete sie und entschied dann ob sie bleiben konnten, oder nicht. Ihrem Mann hatte sie schon bei seinem letzten Geburtstag eine neue Tasse geschenkt, seitdem wurde die Ältere eigentlich gar nicht mehr benutzt. Die Frau nahm sie aus dem Schrank, betrachtete sie ein wenig melancholisch, sagte dann zu ihr: „So, was machen wir mit dir?“, überlegt kurz und packte die Tasse dann erst in Zeitungspapier und dann in eine Kiste. Was war hier los? Was würde nun passieren? Oh, war das aufregend! Jippieh!

Nachdem die Kiste quälend endlos lang im Keller rumgestanden hat (zumindest kam es der Tasse so vor, in Wirklichkeit stand die Kiste da nur vier Tage…), wurde sie wieder bewegt. Der Mann trug sie aus dem Haus! Ins Auto! Es war einfach unvorstellbar für die Tasse, was nun noch alles passieren würde. Nach längerer Fahrt hielt das Auto an. Der Kofferraum wurde kurz geöffnet, dann wieder geschlossen. Und dann hiess es wieder warten.

Die Gedanken und Vorstellungen der Tasse überschlugen sich. Sie würde in ein Museum kommen! Nein, sie sind umgezogen! Nein, sie würde den Tanten geschenkt! Sie malte sich die unterschiedlichsten Szenarien aus. Aber sie erschienen ihr alle unrealistisch, sie meinte das jede ihrer Vorstellungen Quatsch wäre. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, was als Nächstes mit ihr passieren würde. Sie konnte es nicht.

Mit einem schnellen Ruck wurde der Kofferraum geöffnet. Die Kiste wurde rausgehoben. Es war auf jeden Fall ein heller Tag, die Sonne musste wahrscheinlich scheinen. So viel konnte man auch durch das Zeitungspapier hindurch mitbekommen. Viele Stimmen redeten, riefen sich Sachen zu. Es quietschte an allen Ecken und Enden. Autos fuhren langsam, parkten, fuhren wieder weg. Dann wurde sie endlich aus der Kiste gehoben. Das Zeitungspapier wurde entfernt. Nachdem sie sich an das Licht gewöhnt hatte, sah sie endlich wo sie war. Der Mann sagte stolz: „Du kriegst natürlich einen Ehrenplatz, mein Prachtstück..“ und stellte sie auf einen Tisch. Das war kein massiver, schwerer Tisch, das war eher so ein Provisorium. Wie an den vielen anderen Tischen auch, die sie jetzt sah. Ein ganzer Parkplatz voller Tische und Menschen, die allerlei Plunder auf den Tischen ausbreiteteten. Davon hatte die Tasse schon mal gehört, ein älteres Geschirrteil, das plötzlich neu in den Sharnk kam, hatte einmal davon erzählt: Das hier war ein sogenannter Trödelmarkt. Die Tasse blickte sich staunend um. Es war so wundervoll, so schön! All diese Dinge, die eine zweite Chance bekamen! Diese alten Sachen, die sich noch einmal stolz auf einem Markt präsentieren durften! Wie glücklich sie alle waren! Und wie glücklich die Menschen waren, die sie kauften! Alles war entspannt, alles war voller Glück. Sie wusste nicht wann sie das letzte Mal so aufgeregt und glücklich zu gleich war. Und dann bekam sie auch noch einen Ehrenplatz auf dem Tisch! Dies war der beste Tag in ihrem Leben, da war sie sich sicher.

„Oh, das ist aber ein schönes Stück!“, sagte die Frau, die an dem Tisch stand. Sie hob die Tasse hoch und betrachtete sie von allen Seiten. Sie hatte schöne Hände und sie fasste die Tasse ganz behutsam an. Wie einen kleinen Schatz. In diesen Händen würde die Tasse gerne wohnen, dachte sie sich. Der kleine Sohn der Frau rannte herum. Ihm war langweilig, vor allem weil seine Mutter sich eine blöde Tasse ansah. Er wollte weitergehen, er hatte am Ende des Ganges einen Stand mit Playmobil gesehen. Ungeduldig zerrte er am Arm seiner Mutter. Weil sie nicht reagierte, zog er jetzt noch fester. Da passierte es. Seine Mutter erschrak von dem Zieher. Da sie die Tasse nur vorsichtig gehalten hatte, fiel sie ihr nun aus der Hand. Die Tasse stürzte zu Boden. Das wird es dann wohl gewesen sein. Gerade noch so glücklich, so einen wundervollen Moment erlebt und jetzt fiel sie und würde gleich in Tausend kleine Teile zerspringen. Da geschah das unglaubliche: Die Tasse fiel nicht zu Boden, sondern dem kleinen Jungen auf den Kopf, dann weiter Richtung Boden, aber aus Reflex hielt der Junge die Hände auf und fing die Tasse somit, woraughin er sie staunend ansah. Wieviel Glück kann man haben? Die zweite „Wiedergeburt“ an einem Tag! Nun war die Tasse hundertprozentig sicher, bei den richtigen Menschen zu sein und das diese sie jetzt auch kaufen und mit nach Hause nehmen würden, wo sie, die Tasse, ein neues Leben beginnen würde. Einen Neuanfang. Alles noch mal, aber alles anders. Sie fühlte sich wie eine nigel-nagel-neue Tasse.

„Blödes Scheissding, jetzt hab ich ne Beule wegen dir!“ sagte der Junge, nachdem er sich gefasst hatte und warf die Tasse mit voller Wucht auf den Boden, wo sie in tausend Teile zersprang. Die Scherben wurden schnell mit dem Fuss in den Rinnstein gekehrt, wo der Wagen der Stadtreinigung sie später aufsog und zur Müllkippe brachte.

„Hoffentlich werde ich in 1000 Jahren bei Ausgrabungen entdeckt und wieder zusammengesetzt.“, dachte sich die grösste Scherbe. Wohlwissend das ausser ihr alles andere um sie herum früher oder später verrotten würde.



Eine Geschichte mit einem guten Ende

Vor längerer Zeit hat sich ein Mädchen, das ich sehr gut fand, von mir zwei Geschichten gewünscht. Eine mit einem guten Ende und eine mit einem schlechten Ende. Dazu gab sie mir zu jeder Geschichte zwei, drei Begriffe, die drin vorkommen bzw. eine Rolle spielen sollten. Ich mag die Geschichten immernoch (das Mädchen hab ich lang nicht mehr gesehen). Deswegen schenk ich die euch jetzt weiter. Hier die Geschichte mit dem guten Ende. Die Stichworte waren: Verlieren, Reise, wiederfinden.

Wo, verdammt noch mal, waren denn jetzt schon wieder seine Schlüssel? So ging es ihm immer: Seine Schlüssel verschwanden jedes Mal auf mysteriöse Art und Weise, sobald er seine Wohnung betrat und wollten auch jedes Mal erst nach einer mehrstündigen Suche wieder auftauchen. Jetzt hat er sie aber gefunden, zum Glück, denn er hatte es sehr eilig. Deswegen fragte er sich auch nicht, wie das Schlüsselbund ausgerechnet in der Butter in seinem Kühlschrank landen konnte. Er wischte sie schnell ab, steckte sie in seine Jackett-Tasche und stürmte aus der Wohnung.

Gehetzt raste er die Strasse hinunter. Auf seiner Uhr sah er, das er noch einen Gang würde drauflegen müssen. Er hatte noch 8 Minuten. 8 Minuten bis zu seinem ersten Date seit gefühlten Ewigkeiten. Und wenn es etwas gab, das er schrecklich fand, dann war es sich zu verspäten. Bei anderen war ihm das egal, er fand es sogar ganz niedlich. Nur mit sich selber war er in puncto Pünktlichkeit sehr streng und gnadenlos: Er hatte gefälligst pünktlich zu sein. Alles andere war nicht akzeptabel.

Da sah er, wie sich vor ihm das Café langsam manifestierte. Man konnte sein Schild sehen, langsam konnte man auch erkennen wer drin sass. Sie war anscheinend noch nicht da und er eine Minute zu früh. Zum Glück. Erschöpft liess er sich in einen viel zu tiefen Sessel fallen und bestellte ein Wasser. Er war zwar pünktlich, aber: verschwitzt. So konnte er ihr unmöglich unter die Augen treten. Also noch schnell ins Bad und frisch gemacht.

Man mag das etwas unorthodox finden, vor allem in einem öffentlichen Bad eines Cafés, aber er hatte jetzt keine andere Wahl: Er zog sein Shirt aus und machte eine Katzenwäsche über dem Waschbecken. Ein Gast kam rein, machte auf dem Absatz aber wieder kehrt. Hoffentlich sagt der jetzt nicht im Laden Bescheid, dachte der sich waschende. Als er in den Hauptraum des Lokals zurückkehrte beachtete ihn niemand, keine vorwurfsvollen Blicke. Gut, der Fremde hatte also nichts gesagt. Glück gehabt.

Ein letztes prüfen des Outfits: Er war erfrischt, das Sakko sass gut, die Hose war schick, das Hemd betonte perfekt die guten Stellen an seinem Körper. Er war gewappnet für sein Blind Date. Seine Hand fuhr zu dem Knopfloch, das dem Kragen am nächsten war. Er wollte noch die orange Nelke richten, die er mit der Unbekannten als Erkennungszeichen verabredet hatte. Und da fiel es ihm auf: Sie war weg! Er muss sie auf seinem Weg hierhin verloren haben! Dabei wollte er sie noch gar nicht anstecken, aber in der Tasche wäre sie ja zerdrückt worden, deswegen schien es ihm praktischer, sie direkt ans Revers zu heften. Und nun hatte er den Salat. Was tun? Hier warten, auf eine Frau mit oranger Nelke? Aber wenn sie die ihre auch verloren hatte dann würden die beiden sich nie erkennen! Und einfach irgendeine verloren aussehende Dame ansprechen, das konnte er nicht. Dafür war er zu schüchtern. Sollte es das gewesen sein?

Nein!, dachte er, das darf nicht sein. Entschlossen stand er auf und ging aus dem Café. Er würde den Weg zurückgehen und die Blume finden und wieder ins Café eilen und seinem Date die ganze Geschichte erklären und sie würden drüber lachen und sich dann lieben lernen und immerwieder über diese Geschichte lachen und sie auf allen Familienfesten immerwieder erzählen, auch wenn sie alt und grau wären und die Enkel würden schon die Augen verdrehen, wenn die Grosseltern schon wieder diese langweilige „orange-Nelke“-Geschichte erzählen würden, aber für die beiden hätte sie immer noch diesen ganz besonderen Stellenwert. Ja, genauso würde es sein. Und deswegen würde er jetzt diese verdammte Blume wiederfinden. BITTE!

Er suche wirklich den ganzen Weg ab, den er gekommen war. Aber er fand nichts. Keine Blume, keinen Hinweis. Es war nichts zu entdecken. Er stand wieder vor seiner Tür. Aber heute war nicht der Tag und nicht die Zeit zum aufgeben. Er machte auf dem Absatz kehrt und ging den Weg zurück. Diesmal versuchten seine Augen noch weitläufiger das Gebiet abzusuchen. Da entdeckte er auf der anderen Strassenseite den Spielplatz. Ein kleines Mädchen sass auf der Schaukel und genoss die Frühlingssonne. Sie jauchzte umso mehr, je höher sie mit der Schaukel kam. Hinter ihrem Ohr steckte: Eine orangene Nelke.

Er näherte sich dem Spielplatz und sprach das Kind vorsichtig an. Sie hörte ihn nicht, nahm ihn gar nicht wahr. Sie war nur damit beschäftigt immer höher zu schaukeln. Sie kiekste laut vor Glück, er trat näher heran um sie zu fragen, ob das nicht zufällig seine Blume sein könnte, die sie da in ihrem Haar trug. Sie konnte ihn immer noch nicht hören Entschlossen trat er noch näher heran, setzte an, sie kam gerade von ihrem Schwung zurück und da passierte es. Es ging so schnell, er hat das gar nicht richtig mitbekommen. Plötzlich lag er am anderen Ende des Zauns. Ein brennender Schmerz an seinem Kinn. Das Mädchen von der Schaukel kiekste nicht mehr, es weinte nun laut hörbar. Die Eltern von den umliegenden Bänken kamen hektisch angerannt, nahmen das Mädchen in den Arm, fragten sie, was denn los sei. Trösteten sie. Redeten ihr gut zu. Das Mädchen zeigte nur auf den Nelkenlosen, der auf em Boden lag, sich das Kinn rieb und offensichtlich gerade mit seiner Zunge in seinem Mund überprüfte, ob noch alle Zähne an ihrem Platz seien. Einige der Eltern schüttelten nur verständnislos den Kopf und sahen ihn verurteilend an. Zwei Väter gingen mit hochgekrempelten Ärmeln auf ihn zu. Dachte er im ersten Moment noch, das sie ihm aufhelfen würden, so kam er nun zu einem anderen Schluss. Insbesondere auf Grund der Tatsache, das die Männer riefen: „So du Schwein, jetzt machen wir dich fertig! Kleine Kinder erschrecken, was?!?!“

Es fiel ihm schwer sich aufzurichten. Er zog sich am Zaun hoch. Als er stand und wieder bei sich war, erkannte er die Brenzligkeit der Situation und verzichtete auf eine erklärende Diskussion. Er sprang über den Zaun und lief davon. Die Männer riefen ihm noch lange nach, aber es folgte ihm niemand. An der Strasse angekommen, atmete er ersteinmal tief durch, um wieder zu Luft zu kommen. Warum, fragte er sich, würde er nicht einfach zu einem Blumenladen gehen und sich eine neue Nelke holen? Erschüttert über diese unglaublich simple Idee, auf die er vorher nicht gekommen war, begann er ein klein wenig hysterisch zu lachen. Also gut, ein Blumenladen musste her.

Wenn man mit Hunger durch die Strassen streift, dann kommt ganz sicher kein Restaurant. Wenn man etwas lesen möchte, dann sind auf der Strasse plötzlich nur noch Bekleidungsgeschäfte. Wenn man was zum anziehen braucht, ist man auf der Fressmeile gelandet. Undsoweiter. So erging es ihm auch: Kein Blumenladen weit und breit auszumachen. Er hatte seine erste Nelke auch gar nicht hier in der Nähe seines Hauses gekauft, sondern in der Nähe seines Büros. Das war aber mehrere Bahnstationen entfernt. Also keine Chance. Er hat eigentlich noch nie einen Blumenladen gesucht, fiel ihm während seiner Suche auf. Sonst wäre ihm schon früher aufgefallen, das hier keiner ist. Oh! „Keiner“ stimmt doch nicht! Da vorne ist einer! Schnellen Schrittes eilte er hinein.

Nein, sie habe keine orange Nelke mehr, erklärte die Verkäuferin. Sie habe die letzte vor ungefähr 15 Minuten an eine junge Dame verkauft. Vor einer Viertelstunde? An eine junge Dame? Das musste sein Date sein! Sie hatte ihre Blume und würde nun nach ihm suchen, im Café, wenn sie nicht schon längst wieder entnervt gegangen ist!

Jetzt hiess es keine Zeit verlieren: Er machte sich schnurstracks auf den Weg zum Café. Es war seine letzte Chance. Er würde sie einfach ansprechen, wenn er sie sah. Egal ob er eine Blume dabei hatte, oder nicht. Nichts und niemand würde sich ihm in den Weg stellen. Und wieder baute sich das Café am Horizont auf. Ein weiteres Mal kommt er heute abgehetzt zu dem Gebäude. Im inneren des Lokals würde man ihn vermutlich schon für verrückt halten. Aber das war ihm nun egal. Er würde auch diesesmal auf seine Katzenwäsche im Café-Bad verzichten müssen, denn sie würde schon lange vor Ort sein. Aber auch das spielte keine Rolle für ihn. Er wusste was er ihr sagen würde. Jedes. Einzelne. Wort.

Er stand vor dem großen Fenster der Gaststätte. Sein Blick lief über die Gäste. Da sah er sie. Sie sah ganz anders aus, als er sie sich vorgestellt hatte. Sie war schön, kein Zweifel, sogar wunderschön. Und sie wusste das. Die Art wie sie sich kleidete, wie sie sich durchs Haar fuhr, alles an ihr zeugte von ihrer Selbstsicherheit. Die orange Nelke in dem Knopfloch ihres Kostüms wirkte etwas deplatziert, aber selbst dieser Stilbruch schien ihr bewusst und gewollt zu sein. Elegant hatte sie die Beine übereinander geschlagen und rauchte sehr langsam. Und da fiel es ihm auf: Sie sass mit einem Mann am Tisch. Mit einem Mann, mit dem sie sich geradezu königlich zu amüsieren schien. Sie lachte einige Male auf und legte ihre Hand auf seine. Dabei schenkte sie ihm ein bezauberndes, wissendes Lächeln, das der fremde Mann charmant erwiderte.

Er war zu spät. Definitiv. Jemand anders hat seinen Platz eingenommen. Egal was er sagen würde, er würde sie nun nicht mehr für sich gewinnen können. Paralysiert betrachtete er die beiden im Café. Er konnte seinen Blick nicht mehr lösen, obwohl er durch die beiden hindurch sah. Die Wolken zogen sich zusammen. Und mit der Plötzlichkeit eines platzenden Luftballons, setzte ein Regenguss ein, der die ganze Stadt wegzuspülen scheinen wollte. Er stand am Fenster und wurde durchnässt. Bis auf die Knochen. Doch er schien es nicht zu merken, nicht wahrzunehmen.

„Schön, oder? Ich mag es wenn sich Menschen finden.“ Er hörte zwar die Stimme hinter sich, aber die Worte kamen, wenn überhaupt, nur sehr langsam bei ihm an. Er reagierte nicht. „Sie sah so toll und elegant aus und sie schien so nett, da hab ich ihr meine Nelke geschenkt.“ Das Mädchen, das diese Dinge sagte, war sehr unaufällig gekleidet. Ihr langer, schwarzer Mantel verbarg alles, was sie drunter trug. Ihre schwarzen Haare klebten an ihrem Kopf, sie hatte ebenfalls keinen Schutz vor dem Regen. Sie hat ihn aber offensichtlich auch nicht gesucht. Sein Hirn schien langsam aus seiner Starre zu erwachen. Ihre Worte hallten in seinem Kopf nach…“…da hab ich ihr meine Nelke geschenkt….geschenkt…Nelke…geschenkt..“

Blitzschnell drehte er sich zu ihr um. Nun hat er alles verstanden! Und vor ihm stand das nasseste, schönste, selbstloseste und süsseste Mädchen, das er je in seinem Leben gesehen hat. Und sie lächelte ihn an.

Noch heute sind ihre Enkel genervt, wenn die Grosseltern schon wieder die Geschichte mit dem Café und den orangen Nelken erzählen.

Ende.



Stichwort: Eigene Nase

Die Diskussion um Sven Regener. Die Diskusion um die 51 Tatort-Autoren, die ein Pamphlet unterschrieben haben. Die Diskussion um die Piraten, um Christopher Lauer als deren mediales Sprachrohr. Die Diskussion um Schlecker. Die Diskussion um eine Urheberrecht-Erneuerung. Die Diskussion, das es nicht um eine Urheberrecht-Erneuerung gehe, sondern um eine Verwertungsrecht-Erneuerung. Die Diskussion um den EffZeh. Die Diskussion um die FDP. Die Diskussion um Gender Gedöns. Die Diskussion um die neue Madonna-Platte. Die Diskussion um Netzneutralität. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht. Die Diskussion um Vergütung. Die Diskussion ums Zitatrecht. Die Diskussion um die Banken. Die Diskussion um die NPD. Die Diskussion um Homöopathie. Die Diskussion um einen Lynchmob. Die Diskussion um die Ethik der Presse. Die Diskussion um die GEZ. Die Diskussion um Zensur. Die Diskussion um Verantwortung. Die Diskussion um die Diskussion um Verantwortung.

Ich werde mit gutem Beispiel voran gehen und mich einfach mal aus den kommenden Diskussionen raushalten. Zumindest bei Facebook und Twitter. Ich habe das Gefühl, dass zu viel Zeit und Energie dafür drauf geht, zu versuchen einen Ton zu finden, mit dem alle etwas anfangen können und verschiedene Positionen abzuwägen, nur um mich dann nachher doch wieder von der einen oder anderen Seite beschimpfen zu lassen. Und ich merke, wie mir das schlechte Laune macht, wenn mir wildfremde Menschen mehr oder weniger “ICH HABE VERDAMMT NOCHMAL DISKUSSIONSKULTUR, DU NICHTSWISSENDER VOLLWICHSER!”, wenn auch manchmal durch die Blume, virtuell ins Gesicht schreien.

Ich diskutiere gerne. Ich stelle auch meine Meinung gerne zur Disposition, wenn jemand kommt und mich davon überzeugt, das ich mich irre. Nur passiert das in den häufigsten, nein, eigentlich in allen Fällen nur, wenn mein Gegenüber ruhig, besonnen und fundiert argumentiert und nicht wenn er am lautesten grunzt. Und stellt euch mal vor: So geht es den meisten Menschen. Ich verstehe nicht, wie man denken kann es sei von Erfolg gekrönt, wenn man jemanden, den man von seiner Position überzeugen will, mit Häme, Spott, Zynismus und Ironie überzieht. Oder um es kurz zu machen: So nicht.

Der Ton im Netz ist nicht rauer geworden, er ist vor allem unschärfer geworden. Hauptsache draufknüppeln. Und Ohren zu halten und gleichzeitig “Lalala, ich kann dich nicht hören!” rufen. Das ist aber keine Diskussionskultur, das ist Bullshit. Respekt ist ein Fremdwort, weil im Netz alle körperlos sind. Deswegen sind alle immer auf Augenhöhe. Und deswegen freuen sich alle, wenn zum Beispiel Erika Steinbach, die nicht zu ertragende Vorsitzende des Bunds der Vertriebenen, oder wie der heisst, plötzlich auf Twitter ist, weil ihr dann jeder schreiben kann, wie doof und blöd und scheisse er sie findet, anstatt konkret und gezielt zu kritisieren. Wie traurig ist das eigentlich? (Ich hab auch zwei, drei Versuche mit ihr zu diskutieren auf Twitter miterlebt und die Frau ist wirklich beratungsresistent und auch nicht diskussionsfähig, aber da hielte ich dann konsequentes Ignorieren für die schlauere Wahl als permanentes Dissen…but maybe that´s just me)

Geil sind auch Menschen, die in Kommentaren aufschlagen, alles vor ihnen kommentierte ignorieren, weil sie keine Lust haben das zu lesen und eine Diskussion im Zweifelsfall im Keim ersticken, weil sie nochmal von vorne ansetzen, obwohl die stattfindende Auseinandersetzung schon längst viel weiter ist. Wie arrogant ist das bitte?

Ich hab da keine Lust mehr drauf. Wie gesagt, da muss jeder seine persönlichen Konsequenzen ziehen. Für mich bedeutet das zwar kein völliges einstellen meiner sozialen Netzwerkaktivitäten, aber eine deutliche und drastische Reduzierung. Auch wieder mehr bloggen. Vielleicht. Und sicher nicht (nur) über tagespolitische Themen. Im Gegenteil. Wieder offener, frischer, neuer, persönlicher werden.

Ich kann dem ganzen Hass auf der Welt, all dem Schlechten und den Bösen, den Strippenziehern und Lobbyisten, die sogar ihre Oma für ihre Sache verkaufen würden, nur eins entgegensetzen: Eine dicke Umärmelung. Das ändert nicht viel, aber im Kleinen schon.

Zusammengefasst: Ihr änder nichts, n i c h t s, wenn ihr Menschen direkt hart angeht. Die machen dann sofort zu. Ist so. Jetzt kommt mir nicht mit “If you can´t stand the heat…” oder “Wir haben halt keine Lust es zum 1000. Mal zu erklären…” oder “Ist halt Internet” oder “Naja, ist vielleicht ein bisschen ruppig, aber sonst…”, denn das ist alles Bullshit. Schutzbehauptungen, nennt das glaube ich der Jurist. Und wenn ich jemand in aller Ruhe einen Sachverhalt, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin (bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt :)), noch zum eine Millionsten Mal erklären muss, so sollte ich das auch genauso tun. Als wenn ich es zum ersten Mal erklären würde. Denn wie arrogant kann ich sein, zu erwarten, das es jeder mitbekommen hätte, wenn ich irgendwas gesagt habe?

Ich halte das Netz für einen der spannendsten Orte ever, aber die Entwicklung, die das gerade nimmt, ist falsch. Vom Diskussionsmedium zum Shitstorm-Tourismus. Nein Danke, ohne mich.

Ohne Menschen wäre das Netz nichts. Also holen wir sie wieder zurück.

Epilog: Während ich mich noch mit diesem Text hier rumquäle, drin rumeditiere und unsicher bin, auf “Veröffentlichen” zu drücken, kommt via Malte Welding plötzlich dieser Text von Dietrich Brüggemann reingetrudelt und ich lese den und mein Grinsen wird von Zeile zu Zeile breiter und am Ende denke ich: “Wie toll! Da hat jemand schon meinen Text gelesen, bevor ich den veröffentlicht habe.”

Was natürlich Quatsch ist, aber beweist: Ein Umdenken findet statt. Wir lassen uns das Netz nicht von Miesepetern wegnehmen oder okkupieren. Willkommen in der Bewegung: “Netz mit Herz”. Ne, das klingt irgendwie nach Musikantenstadel. “Heartweb”. Ne, auch nicht. Das könnte so eine 90er Jahre-Single vom Captain Hollywood Project sein. “Web of love”? Deutlich zu esoterisch. Ich glaub, ich habs: “Heart Nerds!”! Abgekürzt “<3N”. Juchuh! Sofort mal Buttons machen.