Lieber Sven Regener,

ich schreibe dir diesen Brief als Antwort. Auf deinen Rant beim BR/Zündfunk. Ich hab versucht, dir eine Antwort aufzunehmen, als Podcast, weil es mir die logische Reaktion auf dein frei gesprochenes Telefonat schien. Aber die Diskussion ist vermutlich zu wichtig, um sie mit Schaum vor dem Mund zu führen. Deswegen dieser Brief.

Ich schreibe diesen Brief aus zwei Positionen:

1.) Künstlerfreund.
Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte, die Musik machen bzw. sogar davon leben. Ich hatte ja auch selber mal eine Band und wir haben zwei Alben bei einem Sublabel (Königshaus) des Majors WEA damals rausgebracht und zwei Deutschlandtourneen gespielt. Alles übrigens recht erfolglos, aber mit unglaublichem Spass. Eine Zeit, die ich auf gar keinen Fall missen möchte. Im Gegenteil: Ich denke immer noch recht häufig über eine Reunion nach und eine weitere Tour. Nur noch einmal dieses lustige Rock´n´Roll-Leben mitmachen, das wärs. Man kann also von einer grundsätzlichen Künstlersympathie und -empathie bei mir ausgehen.

2.) Internetfreund
Seit ich ins Netz schreibe, hat das so viel mit und für mich gemacht. Und um mich herum verändert, sogar in mir. Ausserdem habe ich es schätzen gelernt als einen Ort nicht enden wollender Zerstreuung (okay, das ist nicht immer gut, aber sei´s drum), offen zugänglicher Information (die man auch erstmal lernen muss zu filtern) und überbordender Kreativität und Freiheit. Im Netz kann jeder sein und machen, was er will. Das ist ein unglaublicher Platz, eine unfassbare Freiheit. Das ist im Prinzip die ultimative Kreativität. Das zieht natürlich jemanden wie mich, der sich nie festlegen konnte, was er am liebsten macht oder machen will, natürlich magisch an.

Man müsste also erstmal meinen, das ich zwischen den Stühlen sitze. Das ich genau dazwischen bin. Denn wenn man die Diskussionen um ein neues Urheberrecht, über neue Vergütungsmodelle und -Kriterien für Künstler in Zeiten des Internets oder nur mal die größtenteils erstaunlich argumentarme Diskussion über die Rolle der Gema für Musiker und Hörer verfolgt, dann scheint es nur zwei Positionen zu geben. User, die raffgierig alles umsonst haben wollen und Künstler, die halb verhungert auf der Strasse sitzen, weil niemand ihre Musik kauft. So falsch die beiden Bilder sind, so sehr kann ich beide Seiten verstehen.

Das Netz (eine per se schon schwierige Pauschalisierung, das ist als wenn du sagen würdest: “alle Menschen, die heute schwarze Socken tragen” oder “jeder, der Klopapier benutzt”) hat Angst um seine Freiheit. Das ist in manchen Fällen Hysterie, in anderen berechtigte Sorge. Klar ist, das dieser Ort frei sein muss, sonst funktioniert es nicht. Facebook beispielsweise hat für viele Menschen eigentlich schon den Stellenwert des Netzes eingenommen, die bewegen sich kaum da raus. Dennoch merken sie, wie schnell sie an ihre Grenzen stossen, wenn zum Beispiel ihr Name für ein Pseudonym gehalten wird (oder tatsächlich eins ist) und sie sich komischen Tests unterziehen müssen oder direkt ihren Perso scannen und an Facebook schicken. Da wird jedem klar, das das mit Freiheit nicht wahnsinnig viel zu tun hat. So weit, so gut. Schön, wenn man das noch merkt.

Das Urheberrecht, das alte, das nun auf das Netz angewendet wird, kannte das Internet gar nicht und konnte sich das auch nichtmal vorstellen. Und macht es dadurch zu einem unfreien Raum. Und damit meine ich nicht die Freiheit Songs zu “klauen” oder so. Aber die Freiheit Songs auf YouTube zu gucken, um sie danach eventuell zu kaufen, wenn sie mir gefallen haben und ich mehr davon will, die wird mir genommen. Und das ist irgendwie schade, denn eine große Stärke dieses Netzes ist es, das ich solche Sachen wie Songs, zumindest theoretisch, jetzt vorher hören kann, bevor ich sie kaufe. Das ist ja irgendwie voll gut.

UPDATE: Weil die Diskussion hier und auf Facebook in den Kommentaren aufkam, hier zur Sache: Der obige Absatz ist ein bisschen verwaschen, da hab ich mich zu sehr von so einer Wut leiten lassen. Das Urheberrecht hat erstmal nix mit der Gema/YouTube-Problematik zu tun. Nicht direkt. Das Urheberrecht soll dazu da sein, das der Urheber entsprechend entlohnt wird, also die Rechte an seinen Werken hat und hält. Und das am Besten überall, in und auf jedem Medium. Videos, die bei YouTube nicht zu sehen sind, werden nicht von der Gema gesperrt - um das nochmal klipp und klar auszusprechen - sondern von YT/Google in einer Art vorrauseilendem Gehorsam (und formulieren es dann extra so schwammig das man, ohne die Hintergründe zu kennen, meinen könnte die GEMA würde Videos sperren - Bad Move YT! Von wegen “Do no evil!”…). Das sich beide Parteien endlich einmal einigen müssen, gerade im Interesse der Künstler, liegt aber auf der Hand. Also, der Künstler die das wollen. Die Anderen können ja das, was sie dann mit YT-Views verdienen, spenden :) Weitere Infos zu dem Gema/YT-Konflikt, sehr viel detaillierter und versierter zusammengetragen, hier bei Spreeblick. Weiter im ursprünglichen Text:

Nun sagst du, das YouTube dafür zahlen soll, das sie Videos abspielen und das ist auch irgendwie richtig. Da muss man sich wohl auf einen fairen Preis einigen. Dann kommt noch das “die gehören nämlich zum bösen Google!”-Argument schnell hinterher, um zu rechtfertigen, das die ja auch das nötige Kleingeld dafür hätten. Das macht dein Argument leider wieder ein bisschen madig. Weil natürlich Google ein Konzern ist der natürlich Geld verdienen möchte. Welch Überraschung. Und das die alle lieber auf ihrem Geld sitzen, anstatt es auszugeben, ist irgendwie auch nicht die Nachricht der Woche. Aber Fakt ist, das die sich endlich einigen müssen. MÜSSEN. Es kann nicht sein, das wir das einzige Idiotenland sind, in dem man keine Videos gucken kann, weil sich zwei bockige Parteien nicht einigen können. Denn wer leidet darunter? Also, ausser den Labels, denen eventuelle Einnahmen entgehen? Na klar, die Künstler. Deichkind haben sich erst vor kurzem öffentlichkeitswirksam darüber beschwert, das ihr Video gesperrt wurde. Man mag von der Gema halten, was man will. Ich hab die von meiner Künstlerseite aus immer als einen sehr entgegenkommenden Verein erlebt, wo man auch mal mit ungewöhnlichen Fragen anrufen konnte und die haben stets versucht, mit dem Künstler zusammen eine Lösung zu finden. Aber was die da jetzt machen, das geht nicht. Diese Bevormundung. Einem Künstler nicht zu erlauben, selber darüber zu verfügen, was mit seiner Musik passiert, das geht einfach nicht. Wenn ein Artist dann eben in Kauf nimmt, kein Geld durch YT-Plays zu verdienen, dann soll man ihm doch auch bitte dieses Recht einräumen, oder nicht?

Damit kämen wir auch schnell zu deinem anderen Argument, das es “uncool” sei, sich gegen Downloads etc. in der Öffentlichkeit zu positionieren. Du sagst das vor allem junge, kleine Labels die Schnauze halten, weil sie Angst haben als “uncool” wahrgenommen zu werden.

Dicker. Das müssen wir jetzt aber nicht auseinanderklambüsern, oder? Das ist natürlich Unsinn. Gerade junge Labels nutzen das Netz wie niemand anders und wissen um seine Wirkmechanismen. Und weisst du woran das liegt? Die haben keine Angst, die sind damit aufgewachsen. Die sind anders sozialisiert. Die kennen das nur so. Für die ist das Internet ein selbstverständlicher Raum. Im Privaten wie eben auch im Beruf. Deswegen nutzen die das so, wie sie es tun. Das du Angst davor hast, okay. Aber wir helfen dir gerne, die abzubauen. Ehrlich.

Ich empfinde deine Argumentation, nach einem Blick auf die Element of Crime-Karriere auf der Wikipedia, mit Verständnis. Du bist seit 27 Jahren Major-Act. Da kann man den Blick für das ausserhalb der Blase schonmal verlieren. Das kann man dir nicht verübeln. Denn, ja, ich hab auch schon Diskussionen im Netz geführt, tatsächlich auch zum Großteil mit Piraten, die der Meinung waren, das Künstler doch mit touren und Merchandise Geld verdienen könnten. Das ist natürlich himmelschreiender Blödsinn. Selbstverständlich müssen Künstler mit ihrer Kunst Geld verdienen können. Das sich Musiker nun die am verhältnismässig leichtesten reproduzierbare Kunst dabei ausgesucht haben, ist ein doofer Zufall. Das darf ihnen aber nicht zum Verhängnis werden. Es müssen neue Vergütungsmodelle gefunden werden, von denen ganz klar alle Beteiligten profitieren. Die User und die Hersteller. Das ist nicht einfach und man hätte schon vor sehr langer Zeit damit anfangen sollen, sich diese Gedanken zu machen. Es ist erst jetzt so weit. Nun gut. Aber dann machen wir doch das Beste draus.

Michael Seeman, ein Netzdenker, hat heute auf Twitter - auch mit Bezug auf deinen Rant - geschrieben:

“der grundfehler der urheberrechtsdebatte ist die fixe idee, die gesellschaft sei den künstlern ein funktionierendes geschäftsmodell schuldig”

Ich weiß nicht, wie sehr er damit Recht hat. Ich denke nicht zur Gänze, denn auch der Gesellschaft sollte an fairer Entlohnung für geleistete Arbeit gelegen sein, aber er hat einen wichtigen Punkt: Anstatt immer zu fordern, dass sich jetzt alle mal Gedanken machen sollen, wie sie Musiker richtig bezahlen können, könnten diese sich doch auch einmal zusammensetzen und selber drüber nachdenken. Oder? Denn vom nachplappern dessen, was einem die diversen Lobbyverbände seit Jahren einflüstern, wird sich niemand ein Brötchen kaufen können. Das ist nur einzementierung des Status Quo.

- Anstatt immer gleich den Gesetzgeber anzurufen, könnte man doch auch mal versuchen dem User entgegenzukommen.

- Anstatt jeden Downloader als Schwerverbrecher oder mindestens Ladendieb hinzustellen, könnte man doch mal auf der eigenen Festplatte gucken ob jedes Logic-PlugIn, mit dem man da seine Musik produziert, jedes Stück, das man da hört, ob das alles rechtmässig gekauft ist.

- Anstatt zu versuchen, so viele Menschen wie möglich zu kriminalisieren, könnte man doch versuchen ihnen in Ruhe zu erklären, warum es cool ist, für ein Musikstück zu zahlen.

- Anstatt zu klagen, wie wenig Geld nur noch beim Künstler ankommt, könnte man doch mal die Labels fragen, ob immer noch so viel wie bei einer CD-Produktion bei ihnen hängenbleiben muss. Oder die Gema, ob ihr Verteilungsschlüssel nicht überaltert und unfair ist.

Es gäbe so viele Ansätze, Künstlern zu helfen zu ihrem verdienten Brot zu kommen. Lass sie uns suchen und versuchen. Bis wir den oder die Richtigen gefunden haben.

Musik wird es immer geben. Lass uns ein faires Business drumherum bauen.

Leg die Scheuklappen ab, Sven.
Es lohnt sich.

Ahoi,
dein Nilz.



Kartoffelsackkörper

Mein Name ist Nilz und ich bin fett. Ich war das nicht immer. Ich war zwar schon immer etwas kräftiger (ausser als kleiner Junge, da war ich wirklich nur Haut und Knochen), aber es war irgendwie immer okay. So ein kleines Pläuzchen, damit konnte ich leben. Ein Adonis würde aus mir sowieso nie werden.

Nein, das Unheil nahm seinen Lauf, als ich die Entscheidung traf, gesünder zu leben. Ich hab vor zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Das war das Problem. Von nun an nahm ich munter zu. Nicht nur, weil ich zu Snacks griff, um eine orale Ersatzstimulanz zu haben, sondern auch weil Rauchen - zumindest bei mir - auch komplete Mahlzeiten ersetzt hatte. Auch das ist nicht das gesündeste, aber es hat geklappt. “Satt rauchen” hab ich das immer genannt. Ich hab mich zu der Zeit zwar auch nicht gesünder ernährt, aber eben nicht so viel davon in mich reingestopft.

Seitdem ich nicht mehr rauche, ist das anders. Ich muss dreimal am Tag essen, sonst wird mir übel. Manchmal esse ich dann so viel, das mir davon übel wird. Jeder meiner Versuche, wenigstens das viele Essen, das ich in mich reinstopfe, durch halbwegs gesundes Zeug zu ersetzen, hielt nie länger als 2,3 Tage, da waren plötzlich wieder Toasterschnitzel im Kühlfach. Oder Toast! Immer überall nur Toast! Toast, Toast, Toast! Ich seh schon selber aus wie ein Toast!

“Hör auf zu jammern und tu was dagegen!”, höre ich die neunmalklugen, schlanken Menschen rufen. Ja, gut, sicher. Das weiß ich auch selber, ihr Nasen. Aber ich habe mein Leben lang Sport gehasst und ich kann zwar auch gutes Essen zubereiten, nur für mich alleine hab ich meistens keine Lust auf den Aufwand. Wobei: Zuletzt hatte ich wirklich zum ersten Mal im Leben das Gefühl, mich auspowern zu wollen. Da war ich ganz glücklich. Es gibt also noch (sportlich gesehen) Hoffnung für mich! Aus lauter Freude hab ich mir erstmal eine Cola geholt.

Es gibt da dieses Fitnessstudio, an dem ich öfters vorbeilaufe. Und jedesmal ist das proppevoll. Da stehen Typen mit Supermuskeln nebeneinander und stemmen Gewichte oder drücken irgendwelche Maschinen zusammen oder was auch immer die da machen. Da könnte ich niemals hingehen. So nah beieinander, sehen wie der Andere schwitzt, am Ende vielleicht sogar mitleidige Blicke - oder welche die man so interpretiert. Furchtbar. Auf gar keinen Fall. Bei mir um die Ecke gibt es auch ein Studio, da wollte ich schon immer mal hin und mir das angucken. Aber ich hab ja keine Sportsachen!

“Dann geh schwimmen, das ist sowieso der beste Sport, weil der alle Muskelpartien…” Stop! Brauchst nicht weiterreden. Ich kann nicht schwimmen.
“Dann geh laufen, das ist sowieso der beste Sport, weil der für die Ausdauer gut ist, man kann es überall machen und…”, es ist stinklangweilig!

“Dann sei so zufrieden mit dir. Unterwirf dich nicht diesem medial auferlegten Schlankheitswahn! Guck mal, Adele…” Ich bin aber nicht zufrieden. Ich hab mir immer gesagt: Man ist ab dann zu fett, wenn man den eigenen Löres beim duschen nicht mehr sieht, wenn man ganz gerade an sich hinunterguckt. Ich muss zwar den Bauch ganz rausdrücken und den Hals etwas zurücknehmen, damit es wirklich gerade ist, aber dann seh ich nur die Halbkugel mit dem Loch, nicht was dahinter liegt. Das ist schlimm. Oder meine Shirts: Bei der Hälfte meiner T-Shirts baumelt der Saum mittlerweile frei in der Luft, anstatt den Hosenbund zu berühren! Und komm mir nicht mit Adele, die ist das typische Dickerchen, das sich der Pop leistet. Aber immer nur eine. Und sie soll immer fröhlich sein, sonst mögen wir sie nicht mehr!

Fett sein ist scheisse. Keuchend die Treppe hochgehen. Bei jeder etwas fordernden Bewegung sofort schwitzen. Das ist alles Scheisse. Aber auf Süsskram und Ekelessen verzichten, fällt mir auch schwer. Vor allem weil es immer so schnell geht. So bequem ist. Ja, mein Gott, in manchen Dingen bin ich faul. Aber kann man nicht auch irgendwie faul schlank werden oder zumindest ein gewisses Gewicht halten? Operationen natürlich ausgeschlossen (Und mit dem Rauchen kann ich auch erst in fünf Jahren wieder anfangen…aber das ist eine andere Geschichte)?

Wahrscheinlich nicht. Schlank sein/bleiben ist Arbeit. Wie alles andere im Leben auch. Immer muss alles Arbeit sein. Es heisst ja auch “an sich arbeiten”. Ätzend. Aber mir wird keine andere Wahl bleiben. Denn vermutlich wird sich mein Organismus nicht mehr auf übertriebene Verbrennung umstellen. Und in diesem viel zu weiten Körper zu bleiben, ist ja auch keine Lösung.

Dir Frage bleibt also: Wird es eine Möglichkeit geben abzunehmen, die mir am Ende womöglich sogar Spass macht?