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Gelesen: “So viel Hitler war selten” von Daniel Erk

Ich kenne den Autor. Früher auf Raves gab es ja die eine GROßE Lüge, die einem jeder halb druff ins Ohr geschrieen hat und die lautete: “Isch kenn den Sven!”. Normalerweise liegt es mit nicht so, mit Bekanntschaften anzugeben, aber da ich jetzt das Buch von Daniel Erk bespreche, den ich aber persönlich kenne und sehr schätze als elaborierten Gesprächspartner, denke ich, sollte das hier nicht unerwöhnt bleiben. Wer mir dennoch zutraut, eine halbwegs objektive Kritik zu seinem Buch verfassen zu können, der sei herzlich eingeladen nun weiterzulesen.

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So viel Hitler war selten” handelt von Erks momentaner Kernkompetenz: Hitler-Pop. Schon seit Jahren betreut er auf den Seiten der taz das Hitlerblog, in dem er kuriose Hitler-Erscheinungen im Pop aller Kulturen dokumentiert und ggf. einordnet. Das war eine mehr oder weniger skurile Sammlung, der aber irgendwie der Kommentar gefehlt hat. Dieser liegt nun vor in Form des Buches.

Daniel Erk behandelt in mehreren Kapiteln Teilaspekte der Pop-Werdung Hitlers. Mal geht es nur um Filmdarstellungen, mal um die Figur Hitler in der bildenden Kunst, mal in der Satire. Ein stets kritischer Blick fragt die ganze Zeit, ob das okay sei. Ob es okay sei, Hitler in der Werbung zu nutzen. Ob es okay sei, Hitler losgelöst von der Figur Hitler zu sehen, hin zum Symbol des ultimativ Bösen. Ist das schon glorifizierung oder nur simplifizierung. Diesen Fragen geht Erk in seinem Buch nach und er findet keine rechte (HöHö) Antwort darauf. Na klar, Hitler als Werbefigur ist Geschmacklos. Andererseits: Wann scherte sich Werbung jemals um Stilsicherheit?

Das gute am Stil von Daniel Erks Aufzählung ist zweierlei:

1.) Er hat eine klare Meinung zur Materie und tappt nicht in die Falle, möglichst objektiv berichten zu wollen. Das ist bei so einem Thema auch schwer möglich. Deswegen positioniert er sich schon im Vorwort und macht es so dem Leser leichter, sich in Ruhe mit den geschilderten Fällen auseinanderzusetzen. Denn nur der leiseste Verdacht der Hitler-Faszination würde das vorbehaltlose Lesen eines solchen Buchs schon sehr zum kippen bringen können.

2.) Er scheut keine Vergleiche. Sämtliche Fälle, die er beschreibt, werden erstmal auf ihre Intention hin abgeklopft und es wird interpretiert, ob es sich nun in erster Linie um Hitlers Ikonografie oder tatsächlich um die unter ihm ausgeführten Verbrechen handelt. Durch den direkten zeitlichen Bezug, zeigt er unverblümt Ungeheuerlichkeiten auf, ohne anzudeuten. Klares zeigen, klares deuten. Damit nicht der Hauch eines Missverständnisses entsteht.

Ich mag das Buch. Ich finde die Materie sehr interessant. An manchen Stellen hätte ich mir einen etwas detaillierteren Einstieg gewünscht, aber das ist wohl der Länge und der Kompaktheit des Buches geschuldet, das man oft nur an der Oberfläche bleibt. Als Startpunkt eines genaueren Diskurses ist es allerdings erste Wahl. Und davon abgesehen, fun to read. Es gibt aber auch die bescheuertsten Sachen.

Ein kleiner Minuspunkt: Im Filmkapitel wird “Onkel Addi” nicht erwähnt. Das war ein unglaublich seltsamer Hitler-Film mit Adriano Celentano und einer extra für den deutschen Markt gedrehten Ansage eines Mitglieds des Kabaretts “Wühlmäuse” aus Berlin, der eigens für den Film erklärte, das die Italiener auch über Hitler lachen würden. Vermutlich hatte man Angst, diesen Film unkommentiert zu verleihen. Eine Kuriosität! Aber vielleicht sollte man da ein extra Buch drüber machen. Auf dem Hitler-Blog kam der Film jedenfalls vor (meine ich mich zu erinnern, ich finds da gerade nicht…).

Dennoch: Ein gutes und empfehlenswertes Sachbuch. Und ein interessantes Thema sowieso. Fernab jeglicher Knopp-Romantik. Kaufen!