Danke

Ich bin ja gerade Teil eines Voting-Prozesses (Hier im ZDF neo TV Lab kann man abstimmen, welche Sendung in Serie gehen soll und da bin ich mit dem wundervollen Kinoformat MOVIACS vertreten, für das man auch noch abstimmen kann und sollte (nach kurzer Registrierung)). Und mich strengt das unglaublich an. Also, ich freue mich über diese Chance und ich bin sehr überzeugt von der Sendung, die wir gemacht haben und die wir zu machen auch weiterhin im Stande sein werden. Und ich bin auch überzeugt, das das alles Richtig ist und sein Publikum hat. Aber dann sehe ich mir andere Sendungen an, gegen die wir antreten:

Ein unglaublich dichtes (im Sinne von “engmaschig”, nicht im Sinne von “Bong”) Format wie BAMBULE, mit einer tollen Sarah Kuttner, die jetzt genau weiss wo es lang geht (oder zumindest genau weiss, das sie es vielleicht nie so genau wissen wird) und das zu Unrecht immer mit Polygähnlux verglichen wird, nur weil es eben auch aus Berlin kommt. Der Hammer.

Eine Sendung wie “WIE GEIL IST DAS DENN?“, mit einer irrsinnig charmanten Caro Korneli, das vor allem nach dem ersten Drittel an Herz gewinnt, wenn nämlich die Geburt eines Lamms von der Protagonistin nicht mehr ironisch kommentiert werden kann: Ab da hat sie mich, als Zuschauer. Und das würd ich gerne jeden Tag sehen.

Das sind meine persönlichen Favoriten. Gegen die will ich gar nicht antreten müssen, aber ich muss! Das macht einem Bauchschmerzen, das könnt ihr euch nicht vorstellen. Aber noch mehr: Ich muss das Erste mal wirklich für mich werben. Eine Fähigkeit, die bei mir mehr als unteretntwickelt ist. Ja, ich zeige gerne was ich kann und wie ich was mache und ich denke immer, das müsste dann für sich sprechen, aber jetzt muss ich aktiv Links posten, auf Facebook, auf Twitter, bei den Filmfreunden - everywhere. Denn jede Stimme zählt. Und ich hab mich anfangs sehr schwer damit getan, aber ich möchte das diese Show läuft! Ich möchte das MOVIACS gesehen wird. Und deswegen nerve ich meine Online-Umwelt nun seit ein paar Tagen mit Voting-Erinnerungen. Und jetzt kommt das Krasse:

Alle sind dabei. Ich kriege kaum Kritik a la “Hör mal auf”, dafür umso mehr Liebe! Aus allen möglichen Ecken! Menschen stimmen für mich ab, mobilisieren ihre Freunde, ihre Kollegen. Man gratuliert mir, Bekannte oder Fremde, und wünscht mir Glück mit der Show. Alle wollen helfen MOVIACS on air zu kriegen. In den ganzen sozialen Netzwerken bekommen ich Respektbekundungen. Die Links werden weiter verbreitet. Und immerwieder stimmen Menschen für mich, für unsere Show ab. Und deswegen, bevor das Voting zu Ende ist, ganz unschleimig:

DANKE. DANKE für euren Support, eure Unterstützung.

Ich bin ein wenig überwältigt von der Riesenresonanz, die das Ganze hat. Ich danke auch für jeden positiven Blogeintrag, der über uns geschrieben wurde. Ich bedanke mich sogar für die konstruktive Kritik, die wir bekommen haben. Da waren eine Menge brauchbarer Tipps dabei (und eine ebenso große Menge an Tipps, die wir selber auch schon bemerkt haben….:)). Ich zieh mir auch die Kommentare der Hater rein und die lassen mich nicht alle kalt. Aber man muss sich immer wieder bewusst machen, das das eben das Internet ist. Da gibts halt so was. Und sich dann wieder auf das Positive, auf die Liebe und die Power konzentrieren, die wir kriegen. Die ich kriege. Von euch. Einfach so. Weil ich darum bitte.

Ihr seid ein ziemlicher Hammer. Echt jetzt mal.



Ein Deutschland

Bitte das Lied laufen lassen, dann den Text drunter dazu lesen. Ich hab das die ganze Zeit auf repeat gehört, als ich den geschrieben hab und es macht die Erfahrung irgendwie runder. Plastischer. Der Song funktioniert hier wie die 3D-Brille im Kino: Ohne gehts zwar auch, ist aber unschärfer.


[YouTubeDirektTextsoundtrack]

Lärmschutzwälle verstecken rotgeklinkerte Häuser, von denen die Hälfte ein gelbes Schaukelgestell im Garten stehen hat. Spielstrassen, auf denen Kinder mit Kreide Parcoure für ihre Fahrräder gemalt haben. Freundschaft mit den Nachbarn. Schlauch ausleihen. Bei untergehender Sonne nach Hause kommen, während die Nachbarskinder auf der Strasse spielen. Kohlrouladen. Mittelklassekombis.
Unverbaute Grundstücke. Waldwege. Feldwege. Bauern, die das Stroh reinholen. „Häng nicht immer vor der Glotze!“ Jugendliche, die ihre ersten Schnäpse auf Kinderspielplätzen trinken und dort in der Dämmerung ihre Namen oder die ihrer Mädchen in die Bänke ritzen. Unkraut. Alte Kinderhasser, die alleine in ihren altmodischen Häusern wohnen. Hunde. Katzen. Müllabfuhr. Parkplätze. Keine Parkplätze. Garageneinfahrt. Der eine Jogger. Polterabend in der Sackgasse. Die Schwangere hat endlich ihr Kind bekommen. In den Kinderwagen gucken dürfen. Kleine Hände. Kleiner Blechschaden beim ausparken. Nachbarn regeln das unter sich.

Die Tageszeitung jeden Morgen im Briefkasten haben. Die Sternsinger beschriften den Türbalken. BoFrost. Zum ersten Mal knutschen, draussen vor der Tür. Eine Mark im Gulli verlieren. Kleine Baustelle beobachten. Baustellenblinklicht nachts klauen. Überhaupt: Nachts mit Freunden auf Baustellen rumklettern. Baggersee. Im Gebüsch nach Wertsachen suchen. Erste Zigarette. Maiskolben zum grillen vom Feld klauen. Kleiner Bach. Wasserrad basteln. Oder so tun, als ob. Nachbarstochter als Babysitter. Den einen da nicht leiden können. Himbeeren vom Gebüsch essen. Sich nicht trauen. Sich trauen. Ach ne, sich doch nicht trauen.

Krankenwagen, große Aufregung. Alle auf der Strasse. Was ist passiert. Informationsaustausch. Mal wieder miteinander reden. Sich lose einladen. Ganz viele Einladungen nicht annehmen. Ein paar doch. Schöne Abende. Gutes Essen, guter Wein. Die Kinder sind beschäftigt. Schnaps zum Abschluss.

Bungalows, Spitzdächer. Das grüne Haus. Der Schornsteinfeger kommt. Die ist beim Schüleraustausch in Amerika. Für ein Jahr! Selber Gastfamilie sein. Verletzter Igel im Garten. Nachtruhe. Irgendjemand feiert irgendwo ein Fest. Sternenhimmel. Gewitter. Auf der Heizung sitzen. Rausgucken. So lange rausgucken, bis irgendetwas erscheint. Bis irgendwas das Interesse weckt. So lange rausgucken, wie man kann.

In die Stadt zum einkaufen. Kleine Fussgängerzone. Deichmann, Tchibo, Kaufland. Apotheke 1. Rathaus, Bücherei, Blumenladen. Apotheke 2. Eisdiele, Pizzeria. Apotheke 3. Lidl. Apotheke 4. Bücherladen.

Alle kennen. Alles kennen. Sich langweilen. Zu Hause sein.



Schlechte Menschen

Ich kotze. Ich kotze im Quadrat. MIch kotzt es total an, das man denen das einfach so durch lässt. Kein einziger Politiker hat Konsequenzen seines Handelns zu befürchten. Nur so Konsequenzchen. Ja, gut, wenn man Scheisse gebaut hat und erwischt wurde, dann gibt man halt großgestig irgendwelche Scheissposten ab, aber sagt dann noch schnell nuschelnd hinterher, das man den Moneyjob behält. So wie Koch-Mehrin, die den ganzen Vorsitzquatsch, der eh nur zeitraubender Prestigestuss war, mit lautem Tralala abgegeben hat, aber immernoch da im Parlament sitzt, um uns zu vertreten. Eine überführte Betrügerin! Vertritt uns in Europa. Vielen Dank. Weil sie sagt: Nein, ich bleibe hier. Und keiner geht zu ihr hin und sagt: Du Silvana, schwing doch mal deinen Arsch hoch und sieh zu das du hier weg kommst, um mal wenigstens jetzt, wenn es auch eigentlich zu spät ist, noch ansatzweise so was wie Anstand zu zeigen.

Und solche Fälle gibt es ja zu Hauf. Man nennt das ja dann immer so niedlich “am Pöstchen kleben”, als wenn es um so kleine Kinder gehen würde, die nicht in den Kindergarten wollen (oder später nicht mehr aus dem Kindergarten nach Hause). Das ist ein totales Problem. Denn das ist nicht niedlich. Das ist unverschämt. Und moralisch nicht fragwürdig, sondern komplett verwerflich. Mir ist dabei die Parteizugehörigkeit auch herzlich Wurst. Wenn jemand dessen überführt wurde, den moralischen Standards die er und/oder seine Partei hoch hält nicht zu genügen, dann hat dieser jemand zu gehen. Ganz einfach. Und vor allem: Keine Diskussion.

Womit wir ja wieder beim aktuellen Fall wären: Diese öffentliche Heul-Show von von Boetticher möchte ich nicht weiter kommentieren, die war schon schlimm genug. Aber zu sagen: “Ich trete als Landesvorsitzender zurück!”, damit in den Zeitungen steht “Er ist zurück getreten”, dann aber noch schnell klar zu machen, das man den Fraktionsvorsitz aber behalten (wollen) würde, das ist schon von einer besonderen Dreistigkeit, wie sie nur Politiker haben. Verdammte Scheisse, tritt zurück, wenn du Kacke gebaut hast! Und nicht so ein halber Showrücktritt! Oder welches Signal willst du uns vermitteln? War doch nicht so schlimm? Ist ja nicht verboten, also okay? Really? Was für eine arme Wurst.

Ich sag das gerne nochmal in aller Deutlichkeit: Ihr Politiker, die ihr Verantwortung übernehmen wollt, aber dann doch einzelne Posten behaltet, um euer Geld weiterhin in der Politik zu verdienen, ihr seid schlechte Menschen. Richtig schlechte Menschen. Nicht nur schlechte Vorbilder, schlechte Politiker oder schlechte Lügner. Ihr seid schlechte Menschen. Rundum. Und das verachte ich zutiefst, weil ihr das ganz bewusst seid, obwohl ihr es eben so bewusst nicht sein könntet.

Das Traurige ist nur, das diese Nachricht niemals bei ihnen ankommen wird. Aber ich musste das mal los werden.



“Kunst” kommt von “Kind”

Ich bin heute morgen über einen Link gestolpert in dem eine Aktion des MoMA in New York beschrieben wird: Die haben da Zettel ausgelegt, auf denen nur stand: “I went to MoMA and…”. Der Rest des Zettels ist weiß. Die Menschen schrieben, kritzelten, malten auf den Zetteln und gaben sie dann ab. Auf der Homepage kann man nun einige davon begutachten. Und da ist es mir wieder aufgefallen. Und eingefallen.

Ich war letztes Jahr im Sommer in Köln, mit meiner Tochter. Und da bin ich mit ihr ins Museum Ludwig gegangen, im Prinzip das kölsche MoMA. Da war zu dem Zeitpunkt eine große Roy Liechtenstein Ausstellung und der war immer mein Lieblingsmaler, als ich Kind war. Meine Eltern sind nämlich überdurchschnittlich oft mit mir in irgendwelche Museen gegangen. Auch wenn das für mich nie so was richtig besonderes war, weil ich natürlich Kunst noch nicht kulturell-zeitgeschichtlich einordnen konnte oder wollte. Entweder mir gefiel was ich sah - oder eben nicht. Und da mochte ich die Liechtensteinbilder immer besonders gerne, sicherlich meiner großen Leidenschaft für Comics geschuldet. Aber, wie ich im Nachhinein auch finde, eben ein guter Einstieg in das Interesse für Kunst. Und da wollte ich eben mal sehen, ob sich dieses Faszinosum auch übertragen lässt.

Meine Tochter fand die Bilder toll. So schön gross und bunt und comic. Es hatte also funktioniert. Ich fand die Bilder übrigens ebenfalls toll, weil da Arbeiten dabei waren, die ich nicht kannte und von Liechtenstein gar nicht erwartet hätte. Und die ganz grossartig mit Metaebenen gespielt haben. Nicht das meine Tochter das beeindruckt hätte, aber ihren Papa.

Wir sind dann durch die ständige Ausstellung gegangen. Ein bisschen Warhol, ein wenig Dali, etwas Picasso und natürlich noch viele andere tolle Künstler. Ich habe immer versucht das Interesse meiner kleinen an den Bildern zu wecken, auch wenn sie ihr auf den ersten Blick nicht so gefallen haben. Ich hab dann versucht ihren Blick fürs Detail zu schärfen oder habe ihr etwas zu den Künstlern erzählt, was ich aus meinem Pool an gefährlichem Halbwissen parat hatte. Sie wurde natürlich langsam erschöpfter und ich konnte auch was zu essen vertragen. Wir gingen ins Museumscafé und dann nach Hause. Vielleicht machten wir noch eine Rheinfahrt, da bin ich mir nicht mehr so sicher, ob das noch am gleichen Tag war.

Ein Jahr später. Wir sitzen mit einem lieben Freund, den ich zu selten sehe, in einer (ach was, DER) Kreuzberger Pizzeria und warten auf das Essen. Es gibt papierne Platzdecken. Bedruckt mit Bildern moderner Künstler. Auf meiner ist ein klasicher Warhol. Ich bedecke, etwas zu spät, seine Unterschrift und frage meine Tochter, von wem das Bild bei mir sei. Müde lächelnd sagt sie “Andy Warhol.”. Kunststück: Wir haben ein Buch über den, das extra für Kinder geschrieben wurde und das haben wir schon ein paar Mal gelesen. Der ist sowieso sehr gegenwärtig, weil ich den auch toll finde - vor allem auch abseits der durchgenudelten Suppendosen. Was jetzt aber bitte nicht als bemühtes Abgrenzen von Mainstream oder so ein Quatsch verstanden werden soll. Ich mag die Idee hinter den Campbell-Dosen nachwievor, aber gesehen habe ich die nun wirklich schon oft genug. Das Bild auf dem Tisch der Pizzeria war auf jeden Fall ein klassischer Warhol. Das war leicht. Aber dann: Auf ihrem Platzdeckchen war die (der? das? dem?) Guernica abgebildet. Und ich fragte eher pro Forma, ob sie wisse wer das gemalt habe. Ich könnte es ihr ja dann erklären.

“Picasso!”, kam wie aus der Pistole geschossen. Mein Mund stand weit offen. Ich war ehrlich total baff. Sie mussten das Bild definitiv an der Schule durchgenommen haben! Klar, das ist es! “Wie hast du das denn erkannt? Habt ihr den an der Schule durchgenommen?”
“Nein, aber wir haben doch letztes Jahr im Museum in Köln diese Bilder von Picasso gesehen und da hab ich das wiedererkannt an der Art wie der malt.”
Vielleicht könnt ihr das nicht nachvollziehen, aber: Stolzes Papaherz.

Und als ich jetzt diese MoMA-Zettel gesehen habe, die von Kindern ausgefüllt wurden, ist mir das alles wieder eingefallen. Und aufgefallen: Kunst ist eigentlich mit das Allerbeste, was man Kindern bieten kann. Weil Maler, egal wie versiert oder nicht, immer auf Augenhöhe mit Kindern sind. Was die machen, können Kinder auch. Ja, sicher, das sieht anders aus, aber die Intention ist die Gleiche: Vorgestelltes aufzeichnen. Und zwar ohne Verständnis zu erhoffen. Nur der eigenen Logik geschuldet. Boah, ist das toll!

Ich bin total glücklich das alles nochmal durch und mit meiner Tochter zu erleben. Wir werden jetzt auch wieder öfter ins Museum gehen. Hoffe ich.