Chester Brown ist mein Lieblingscomiczeichner. Sein “Ed, the happy clown” ist für mich ein nachwievor unerreichtes Meisterwerk (das ich gerade nicht mehr habe, weil ich jede Ausgabe, die ich davon hab, früher oder später immer wieder verschenke). Ein Comic das ebenso seltsam wie lustig, bizarr wie traurig ist. Und der Zeichenstil, dieser feine Strich, ist so ein bisschen wie das genaue Gegenteil von Crumb. Sehr leise, sehr ruhig. Aber jetzt nicht leise storywise. Neben “Ed” gab es damals noch zwei weitere Bücher von Brown hierzulande zu kaufen, das war einmal “Fuck” und “The Playboy-Stories”. Beides autobiografische Werke, wobei die Playboy-Stories hier noch deutlich besser waren. Für mein Empfinden. Darin ging es um den jungen Chester Brown und seine ersten Erfahrungen, eben mit dem Playboy. In Jugendjahren. Ich bin ja auch der Meinung: “Sein erstes Playmate vergisst man nie.” Das ist so ein bisschen die erste wirkliche “Frau”, die einen ernst nimmt. Sexuell. Es ging in dem Comic natürlich auch viel um “Schuld”, so sah Chester desöfteren seine verstorbene Mutter, die enttäuscht war, das er zu Playboys masturbierte. Am meisten wurde aber vermutlich die Art, wie er wichste, diskutiert. Das hat er genau gezeichnet und die weiter hinten im Heft abgedruckten Leserbriefe zeigten, das das wohl schon eine sehr spezielle Technik war. Der hat, wenn ich mich recht entsinne, seinen Schwanz so zwischen beiden Händen gerollt, wie wenn so Indianer in einem Western Feuer machen. Ich hatte das dann auch mal probiert, nachdem ich den Comic gelesen habe, aber die Erfahrung war eher unbefriedigend. Dennoch ein tolles Heft.

Nach Jahren, in denen ich nichts von Brown gehört oder gelesen habe, nun also sein neuestes Buch. Mein Comicladen, “Grober Unfug“, wusste um mein Brown-Fandom, denn das erste Tattoo, das ich mir hab stechen lassen, war eine Zeichnung von Chester Brown (siehe obiges Foto). Deswegen haben sie mir sofort seinen neuen Band gegeben, damit ich ein Review zu schreiben kann. Würde der alte Brown-Fan glücklich oder eher enttäuscht mit “Paying for it”? Das habe ich mich auch gefragt.

Ich will keinen künstlichen Spannungsbogen aufbauen, deshalb: Ich bin glücklich. Der Chester Brown Fanboy in mir ist glücklich. “Paying for it” ist wie nach Hause kommen. Ein vertrauter Kosmos, eine vertraute Hauptfigur und alles wieder so lakonisch und komisch - eigentlich kommt Brown jetzt, je älter er wird, noch viel eher da an, wo er wohl schon immer hinwollte. Erstmal zur Geschichte:
“Paying for it” ist wieder autobiographisch. Der Untertitel ist: “A comic-strip memoir about being a john”. Und “a john” bedeutet: Freier. Denn genau darum geht es in dem Buch: Browns Beziehung geht zu Ende. Und entgegen seinen Erwartungen, stört ihn das nicht. Es ist nicht so, das es ihm egal wäre, es stört ihn halt nur einfach nicht. So wundert er sich verhältnismässig lange über sich selbst und seine Freunde noch umso mehr. Sie können es nicht verstehen, so sehr er es auch versucht ihnen zu erklären. Sie meinen dann er wäre sich seines Unglücks nur nicht bewusst. Doch Chester macht tatsächlich einen zufriedenen Eindruck. Bis sich eines Tages seine Libido meldet. Er ist jetzt nicht unaufhaltbar horny, aber da ist etwas und ein gewisser Wunsch, nach einer gewissen Nähe. Nur ohne dieses Liebe-Pflichtgefühl. Und somit beschliesst er auszuprobieren, wie es wohl ist zu einer “Professionellen” zu gehen.

Nach anfänglicher Scham und Unsicherheit, findet Chester langsam Gefallen daran. Dabei ist er ein besonders pflegeleichter “John”: Er will nichts ungewöhnliches, er ist immer höflich, er bleibt seinen Mädchen meistens längere Zeit “treu” (falls sie ihm gefallen) und er gibt immer grosszügig Trinkgeld, in der Hoffnung, das die Mädchen es behalten dürfen und nicht abgeben müssen (übrigens auch zeichnerisch wunderbar diskret gelöst, indem man nie die Gesichter der Mädchen sieht, weil sie meistens von Sprechblasen zugedeckt sind). Und als er nach längerer Zeit auch aus der gemeinsamen Wohnung mit der Ex auszieht, kann er die Mädchen sogar endlich zu sich nach Hause kommen lassen und bewegt sich somit sogar endlich aus der Illegalität heraus (in Kanada ist/war es wohl so, das Hausbesuche legal sind, “Puffs” oder “Apartments” in denen die Mädchen “wohnen” aber illegal). Chesters Freunde verstehen das immer weniger, für ihn aber wird es immer klarer. Er hat die Liebe seiner Freunde, seiner Kumpels, seiner Familie und bei den Prostituierten holt er sich noch das körperliche als klares und faires Geschäft. Es scheint, als hätte er den für ihn perfekten Weg gefunden.

Das ist im großen und Ganzen die Geschichte von “Paying for it”. Dabei bewegen wir uns als Leser hauptsächlich zwischen den Treffen mit den Frauen und den Treffen mit Browns verständnislosen Freunden. Letztere bescheren immer wieder ein Woody Allen-Gefühl. Dieses sezieren von Gefühlen, diese uneinsichtigen Freunde, über die der Protagonist sich immer ein wenig wundert (und somit auch der Leser), das hat schon diesen Geschmack eines “Annie Hall”. Aber wo Allen dann am Ende doch auch immer sehr moralisch ist, in einer Mainstream-Art, da hat Brown seine ganz eigene Moral entwickelt. Und das geht so lange gut, bis die Panels aufhören. Denn das Buch hat, leider, auch eine dunkle Seite: Die Anhänge.

In den Anhängen versucht Brown seine Position zu erklären, versucht Prostitution als etwas Gutes darzustellen und er versucht die Diskussion zu leiten. Das scheitert leider vor allem an seiner Argumentation. Kann man solche Sachen wie “Man darf nicht immer davon ausgehen, das alle Prostituierten das unfreiwllig machen” vielleicht noch nachvollziehen und als Argument durchgehen lassen, entiwirft er anderer Stelle eine Zukunftsvision, die ihm der ein oder andere Prostitutionsgegner vemutlich genüsslich um die Ohren klatschen wird:
Now lets jump ahead to the year 2080. A young woman works in a hat shop — let´s call her Mary. A young man who also works there decides to ask Mary out on a date.They´ve known each other several months and she likes him, so she says yes, adding that, if he wants to have sex with her, it´ll cost an amount of money that she specifies. He doesn´t find this shocking — it´s a common request in a situation like this. They go out to dinner and then have sex at either his apartment or hers. He pays her the specified price. The next day, Mary tells her friends about the date. They all have sex for money too, so none of them are shocked. Mary tells her mother. She´s not shocked either –she still gets paid for sex herself.
Und so weiter. Das ist jetzt nur aus “Anhang 3″ (über “The normalization of prostitution”) von insgesamt 23 (!!!) Anhängen, die über 20 Seiten Anmerkungen noch gar nicht mitgerechnet. Okay. Hatten wir es also bis zum Ende des Comics noch mit einer, wie ich finde, sehr berührenden und rührenden Geschichte zu tun, deren leise Traurigkeit bzw. Tristesse eine unglaubliche Schönheit (und einen starken Sog) hat, so will Brown jetzt was anderes. Er möchte auf die Situation von Prostituierten aufmerksam machen. Will ihnen helfen. Will ihre Arbeitsrealität verbessern. So weit, so gut. Aber das ändert natürlich alles. Das lädt den Comic (meines Erachtens nach unnötig) politisch auf. Plötzlich geht es gar nicht mehr darum, was Chester Brown da erlebt hat. Plötzlich geht es darum, das es doch normale Health Care auch für Huren geben sollte. Und man erwischt sich selbst dabei im nachhinein den Comic auf seine Ungerechtigkeiten abzuklopfen.

Problematisch wird es ausserdem, wenn Brown - als Argumentationslinie - eine Prostituierte zu sein mit schwul sein vergleicht. Aua. Darauf muss man gar nicht weiter eingehen, das tut schon weh.
Ich habe nach der Hälfte aufgehört den Anhang zu lesen. Ich möchte nicht dabei zusehen, wie sich ein Künstler, den ich toll finde, selbst intelektuell politisch demontiert. Ich unterstelle Brown dabei die besten Absichten und vielleicht ist der Blick auf das Gewerbe überhalb des Teiches naiver als hier. Ausserdem zerlegt Brown auch die Prostitutions-Thesen der Feministin Sheila Jeffries, deren Aussagen mindestens ebenso abenteuerlich wie die von Brown sind, nur eben auf der anderen Seite des Spektrums. Da hat er sich eine gute Sparrings-Partnerin ausgesucht. Aber wie gesagt: Warum im Anhang dieses Comics? Warum nicht als extra Heftchen, wenn er sich schon so viel damit beschäftigt hat?
Meine dringende Empfehlung: Diesen äusserst fantastischen Comic lesen. Wie immer sehr grossartig gezeichnet und sehr packend. Man wird mal wieder eingesogen in das Brownsche (Sexual)Leben, mit so einem seltsamen Blick auf sich selbst, das es eine große Freude ist. Zumindest als Leser. Sobald aber die “Appendix” losgehen, SOFORT das Buch zuschlagen. Niemals, und ich meine NIEMALS, die Anhänge lesen. Auch nicht in einer schwachen Stunde. Dafür dann einfach lieber nochmal die “Playboy Stories” besorgen und lesen. Dann kann man das alles geniessen, dann ist und bleibt “Paying for it” ein weiterer Meilenstein im Kosmos des Chester Brown.
Dabei fällt mir auf, das “Comic-Beichte” vielleicht die falsche Bezeichnung ist, weil eine Beichte ja irgendwie immer etwas negatives ist und Brown findet ja gar nicht schlimm oder falsch was er macht. Aber “Comic-Prostitutions-Spass” klingt so komisch…







