Ich hab ja desöfteren in Berlin im “Rodeo” aufgelegt. Ein Club der mittlerweile Geschichte ist, wie so viele Clubs in Berlin. Und das ist bestimmt auch gut so. Das ein Club schliesst, bevor er beliebig wird (am Ende gabs da DJs die allen Ernstes “Summer of 69″ aufgelegt haben… O_o ). Nun habe ich da nicht immer alleine aufgelegt. Ich traf da mehrere DJ-Kollegen. Viele von denen hatten einen Knall oder Sockenschuss oder einen an der Waffel oder waren zu druff, um noch auf einer normalen, menschlichen Basis miteinander kommunizieren zu können. Aber zwei Jungs, die ich da traf, waren richtig korrekt. Und vor allem großer Spaß beim gemeinsamen auflegen. Der eine war Alan Always, ein New Yorker in Berlin, der immer zurück wollte nach New York und jetzt mittlerweile, wenn ich das richtig mitbekommen habe: In New York ist. Seine MySpaceSeite geht nicht mehr, auf facebook ist er auch nicht zu finden: Gehen wir vom Besten aus.
Der andere DJ mit dem ich einen Abend lang wirklich sehr lustig, musikleidenschaftlich und freundschaftlich gebattlet habe war/ist Bobby Solo. Der wiederum ist noch in Berlin, legt bestimmt auch noch auf und hat unter Anderem eine Band mit eben dem Namen “Die gefundenen Fressen“. Und er hat mir einen Link zum Stream ihrer neuen EP geschickt. 5 Tracks mit dem Titel “Grunewald”. Hier also meine messerscharfe Track-by-Track-Analyse des Short Players:
1. Grunewald
Ich mag die Instrumental-Nummer eigentlich bis zum Break, weil sie dann das Feeling verliert, das sie vorher die ganze Zeit hat: 80er Jahre, Westberlin, Kudamm. Dafür spricht zum Beispiel das äusserst prominente Saxofon und diese Gitarre mit diesem Delay-Effekt. Da kann man sich direkt vorstellen, wie zum Beispiel Christiane F. ins Europa-Center flüchtet und an den Schaufenstern vorbei trippt. Ausserdem war das für mich kleinen Westdeutschland-Jungen immer Berlin: Der Kudamm und das Europa-Center. Weil das in ALLEN Filmen damals immer so auftauchte. Ich fühl mich da dann direkt wohl. Wie gesagt: Die Nummer hält das bis zum Break, dann wirds für meinen Geschmack ein bisschen zu ambitioniert im Melodien-Bereich und die Gitarre Michael-Schenkert mir ein bisschen zu viel rum. Andererseits: Auch das sind die 80er in Berlin…
2. Sinus
Eigentlich ein klasischer Opener: Eine gute Nummer, die die Richtung vorgibt, in die man sich nun bewegen wird, aber auch nicht der klassische “Hit”. Bei so einem Song kann man noch ein bisschen rumprobieren. So auch der Text “Ein Schritt vor und nen halben Schritt zurück”. Funktioniert, macht Spass. Kopfnicker.
3. Naja
Jetzt kommen wir zu einem wirklich seltsamen Fall. Eigentlich genau das richtige für so einen Musik-Justus-Jonas wie mich, der ganz oft von Songs fasziniert ist um sich dann auf die Suche nach dem Faszinosum zu machen. Erstmal das: Die Nummer hat ein unglaublich langes Intro. Und im ersten Moment, wenn diese komischen Synthie-Flächen einsetzen hat man ein bisschen Angst, es hier mit veritablen Mark Knopfler Fans zu tun zu haben. Bevor der Ekel aber dann bis auf die Hirnrinde hochgekrochen ist kommt plötzlich ein Wechsel und ein Klangholz-Synthie-Melodie-Loop setzt ein, der entfernt an Ace of Base erinnert. Nicht das Ace of Base irgendwie “besser” als Knopfler gewesen wären (naja, waren sie vielleicht sogar…), aber immerhin anders und im oben erwähnten Kontext dann durchaus eine überraschende Referenz. Dann setzen (endlich) die Lyrics ein. Da die recht lustig bis originell sind, ist man auch schneller bereit sich mit dem Instrumental zu versöhnen. Ein Beispiel:
“Kritik ist nur gut wenn man beim ersten hören sofort weiß, das sie von einem selber hätte stammen können - oder von der Mutter!”
Find ich ertsmal textlich gut. Interessant ist eh der Gesang, der für mein Empfinden sehr spliffig ist. Ihr seht also anhand der Referenzen: Wir sind nachwievor sehr 80er unterwegs. Aber gut! Vor allem die Hook hat es mir angetan, auch textlich: “Kommt ihr auch? So gut klar? Wie ich? Naja.”
Hat was, gefällt mir. Dann bricht die Nummer plötzlich in ein Crossover-Inferno und fände ich das bei moderner Musik anachronistisch, empfinde ich das hier plötzlich als total vorne und groß und erlösend. Sehr gut! Leider ist dieser Break deutlich zu kurz in einem zu langen Lied, aber man kann nicht alles haben. Live geht der bestimmt länger. Also: Hoffentlich.
4. Simple Present
Es darf geindierockt werden. Erinnert mich in besten Momenten an Kraftclub, die aber ein klein wenig mehr Grandezza haben. Finde aber auch hier wieder diesen 80er-hysterischen-Berlin-Deutsch-Gesang in den Strophen wieder schön. Und die Steigerung(en) am Ende ist/sind super. Großes Rock 1×1, sehr gut. I like. Nur textlich wär aus der Hook sicher noch was rauszuholen gewesen. Dennoch: Schöner Track.
5. Er Sie Es
Jetzt kommt das einzig wirklich unangenehme an der EP. Der Song wirkt auf mehreren Ebenen piefig:
- Der Rap/Gesang ist so schlimmer 90er HipHop, für den sich alle Protagonisten von damals heute noch schämen. Und da sind alle durchgegangen. Es gab auch guten HipHop in den 90ern, keine Frage. Es gab aber diese eine, ganz bestimmte Art, die unangenehm war. Und auf diese Art hat jeder damals einen Song gemacht. Eigentlich hatte man das Gefühl, man hätte sich geeinigt diese Art ad acta zu legen, aber anscheinend nicht. Diese verklausulierte Sozialkritik in den Texten, die nach Möglichkeit auch noch “krass” rüberkommen soll. So ne krasse Story. Uärgs. No please. Textlich hoffe ich, das es sich um eine “Jugendsünde” handelt, anders kapiere ich nicht warum jemand so was noch schreibt. Gut, ausser derjenige ist 14. Aber selbst die haben heute krassere Lyrics. Sorry. Ich will nicht mosern. Aber ich hab mich ein bisschen fremdgeschämt.
- Die Musik ist der Nummer entsprechend und klingt ein bisschen wie Schulband oder Hip Hop Band Anfang der 90er die sagen: Wir machen jetzt mal was mit Liveband. So unmodern, so “hallo, wir spielen alles selbst!!!”-mässig. Das Klavier gibt sich alle Mühe und entfaltet zum letzten Break (nach 4 Minuten!!!) auch endlich mal wieder melodische Raffinesse, indem es sich ein bisschen an so 70er/80er AOR-Harmonien vergreift, die wieder ordentlich Raum für das Saxofon bieten. Ab da mag ich es wieder. Über das Vorher hüllen wir mal vorsichtig den Mantel des Schweigens.
Alles in allem machen “Die gefundenen Fressen” Spass und wenn ich das höre gehe ich vor allem von einer guten Livepräsenz aus. Eine klassische “muss man wohl dabei gewesen sein”-Band. Auf Platte habe ich oft das Gefühl, das nur ich was damit anfangen kann, weil andere vielleicht gar nicht auf dieses sehr spezielle 80er-Feeling abfahren, das ich ja nun schon oft genug erklärt habe. Ich mag mich da aber gerne irren. Wer in meiner Kritik öfters mal gesagt hat: “Ja, geili!”, für den ist die EP sicher etwas. Ich mag sowas. Und die Männer nehmen sich auch nicht zu ernst: Hier wird Musik noch gemacht mit der Hauptmotivation “Bock drauf” und nicht “Dicken Deal absahnen”. Ist ja auch nicht mehr selbstverständlich, obwohl es das sein sollte.
Ausserdem: Bobby ist ein korrekter Kollege, solche Menschen sollten immer full Support bekommen. Damit die Doofen irgendwann ausgestorben sind.






