-->

Undercover Boss und das Problem deutscher Kniesbüggel

Gestern Abend hatte die deutsche Version von “Undercover Boss” auf RTL Premiere und hat zu Beginn gleich mal einen Quotensieg hingelegt. So weit, so gut. Und vor allem: So selten, denn “Undercover Boss” kam nicht nur beim Publikum gut an (oder hat zumindest sein Interesse geweckt), sondern war im Vorfeld auch noch ein ziemlicher Kritikerliebling: Ansonsten eher ein Garant für äusserst schlechte Quoten. Umso erfreulicher, das es eben auch noch die Fälle gibt, in denen beides stimmt: Zuspruch und Kritik.

Zur Sendung selbst: “Undercover Boss” ist ein britisches Format, das ebenfalls ultraerfolgreich nach Amerika exportiert wurde. In der Show geht es darum, das der Chef eines möglichst großen Unternehmens mit möglichst vielen Filialen, einmal für eine Woche aus seinem Büro rauskommt und verkleidet, mit anderer Identität getarnt, die ganzen Jobs macht, die seine Firma täglich am Laufen halten. Um am eigenen Leib zu merken, wie es ist da zu arbeiten, welche Entscheidungen aus der Chefetage vielleicht an den falschen Ecken und Enden gespart waren und wie die allgemeine Zufriedenhait ist, für die Firma zu arbeiten.

Nun ist das ja gerade in Amerika ein dankbares Format, denn man weiß ja um die Identifikation der dortigen Arbeiter mit ihrem Arbeitgeber. Man sehe sich nur mal die morgendliche Mitarbeitermotivation in einem Wal-Mart an, die, als sie hierzulande praktiziert wurde, eher befremden und Angst vor “sektenähnlichem Verhalten” geweckt hat. Die deutschen wollen sich eben nicht unbedingt mit ihrem Arbeitsplatz indetifizieren, sondern “Tisch und Bett” klar trennen. Geht ja auch klar, macht es aber für die Sendung schon ein bisschen schwieriger. Und das sah man der ersten Folge gestern Abend auch an:

Begleitet wurde der “Geschäftsleiter” (was ist eigentlich der Unterschied zwischen Geschäftsleiter und Geschäftsführer?) der Firma Eismann. Das sind die, die immer die Tiefkühlkost an die Tür bringen, nach Bestellung. So wie Bo-Frost. Gabs bei uns in der Siedlung damals auch immer, scheint sich ja schon lange zu halten, das Prinzip. Warum nicht? Der Boss war auch gut ausgesucht: Alt genug um “bossy” zu wirken, jung genung um nicht alt zu wirken. Ausserdem sympathisch, konnte gut reden und war sich für nix zu blöd. Idealbesetzung für so eine Sendung. Und dann ging er in einer Woche alle Stationen durch: Als “Rollimann”, die die Schnittstelle zwischen den Fahrern und den Verteilerstationen fungieren und die morgens schon die einzelnen Lieferungen bereit haben. Da hatte er einen älteren Typen beiseite, der seit Jahren für das Unternehmen arbeitet, der wegrationalisiert werden sollte, aber auf Grund des Protests der Fahrer behalten wurde, allerdings für weniger Stunden. In dieser Zeit ist sein Job allerdings nicht zu machen, weswegen er seit Jahren unbezahlte Überstunden macht um seinen Job zu halten. Als nächstes ging es mit einem Fahrer auf Tour, der eine große Familie hat, aber nicht genug Kunden. Dann noch mit einem jungen Mädchen auf Kundenakquise von Haustür zu Haustür. Und dann zu einem…öhm…ich glaube “Regional Manager” oder so, so ein Typ der eine Fahrerstation beaufsichtigt und führt. Am Ende noch eine Nacht im Kühlhaus, Waren sortieren. Und dann durfte er wieder zurück in sein Büro.

Bislang ist alles in Ordnung. Die Dramaturgie stimmt, die Einzelschicksale sind spannend und ganz gut erzählt und der Protagonist scheint wirklich mitgenommen und beteiligt. Aber es machen sich auch schon erste unangenehme Situationen bemerkbar: Der Regional Manager Typ beispielsweise zeigt einmal, wie er jeden morgen mit den Fahrern spricht, mit ihnen kommuniziert, sich erkundigt ob alles in Ordnung ist oder ob es irgendwelche Problemchen gäbe, bei denen er helfen könnte. Und in dieser Minute wird mehr als offensichtlich, das der noch nie mit denen geredet hat. Die Fahrer sind übrfordert von der Kamera und der überraschenden Fragestellung und antworten verunsichert, was sie glauben, was ihr Chef hören will. Zur Megafarce wird es aber dann, als der junge Manager danach dem “Undercover Boss” sinngemäss sagt, das sie das hier immer so machen würden und der Boss wiederum im Interview mit der Sendung (in dem er seine Eindrücke schildert) sagt, das er erstaunt sei wie toll der junge Mann hier mit seinen Mitarbeitern umginge. Das war alles so piefig und so offensichtlich faky, das hat wehgetan. Aber, das muss man den Machern zu Gute halten: Das haben die wohl auch gemerkt und gerade diese Episode so kurz wie möglich gehalten.

Nun ist es in der Auflösung der Show immer so, das die einzelnen Leute, die der Boss kennengelernt hat, in die Zentrale eingeladen werden und da erkennen, das sie eigentlich mit dem Oberchef ihres Unternehmens zusammengearbeitet haben - was sie vorher nicht wussten. Da ist das “Hallo” groß und der Boss, gerührt von den Schicksalen der Einzelnen, hat dann meistens auch noch ein paar warme Worte und eine Überraschung in Petto. Das funktioniert zum Beispiel bei dem Mädchen, das die Akquise macht genau so, wie das sein soll: Sie hatte vorher im Gespräch erklärt, das sie unbedingt zur Teammanagerin aufsteigen will und als sie dann im Büro sass -ZACK- zur Team Managerin aufgestiegen. Wunderbar. Aber dann:

Der “Rollimann” der seit Jahren unbezahlte Überstunden macht, wegen kurzsichtiger Planung der Chefetage bekommt was? Eine einwöchige Reise nach Ägypten, weil er noch nie Urlaub gemacht hat. Wohlgemerkt: Vorher wurde immer groß von den 500 Millionen Umsatz der Firma berichtet und so weiter. Und der Typ wird mit einer 800 Euro Reise abgespeist? Come on, seriöslich? Der italienische Fahrer mit der großen Familie bekommt den Rat “Noch etwas mehr reinzuhauen, du kannst noch mehr!” und später im Off-Text wird noch gesagt, das er jetzt “mehr Kunden bekäme”. Echt jetzt? Thats it?

Und damit wird wieder das ganze Elend deutscher Arbeitnehmer deutlich: Sie wollen sich nicht nur nicht mit ihrer Firma identifizieren, ihre Firma will auch gar nicht, das sie das machen könnten! Da wird alles strikt getrennt und man solle sich doch über einen Urlaub in Ägypten freuen (der später im Off-Text noch zu einem Urlaub in Thailand umgewandelt wurde - vermutlich wegen den Unruhen…). Aber was wird das in und an der Firma ändern, das der eine Woche im Urlaub war? Nix! Wird er ein besserer Arbeiter danach sein? Nö. Wird er wegrationalisiert? Höchstwahrscheinlich. Deutschen Chefs (okay: Diesem deutschen Chef zumindest) fehlt dieser Mut zum Symbol, zur Tat. Ja, RTL soll bitte eine Woche in unserem Unternehmen filmen und ja: Natürich tragen wir auch auf der Chefetage alle immer die Hemden mit dem Eismann-Logo auf den Kragen! Aber, ich bitte sie, die Sendung soll doch wohl keine Konsequenzen haben! Wo kämen wir denn da hin?

Und somit hat der deutsche Ableger von “Undercover Boss” vor allem den Beigeschmack eines ein-stündigen Firmenportraits. Also alles schön zeigen, schön Werbung machen - aber das wars dann auch. Ich möchte überhaupt nicht sagen, das die Show in UK oder den USA wirklich Veränderung in den jeweiligen Firmen bewirken würde, ich bin ja nicht doof. Dennoch: Die Gesten sind da weitaus größer (Ich erinnere mich an eine Folge, wo die Firma ein Stipendium für den Sohn eines Mitarbeiters zahlte, weil der Vater das Studium nicht zahlen konnte). Das ist zwar dann immernoch Unternehmenswerbung, aber eine die wenigstens irgendwas bewegt - und sei es nur das sie einem jungen Menschen einen Studienplatz zusichert.

Für mich scheitert also die erste deutsche Folge “Undercover Boss” an der deutschen Kniesbüggeligkeit. Ich bleibe aber dran.



Ein Kanon

featuring Chiara Schoras:


[YouTubeDirektWehrtEuch]



Aufmerksamkeitszwangsdefizitsyndrom

Es brennt an allen Ecken und Enden dieser Welt, dieser Tage. Und das macht mich wahnsinnig. Denn natürlich kann ich nicht allen Geschehnissen gleichzeitig die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen gebührt. Ich kann ja nichtmal Japan die gleich verteilte Aufmerksamkeit zu den dortigen Geschehnissen zukommen lassen. Bin ich entsetzt über die dortige Atomkraftwerkslage, vernachlässige ich die Tatsache, das da gerade alleine durch ein Erdbeben Tausende umgebracht, verletzt oder “nur” Obdachlos wurden. Aber wenn ich darüber nachdenke, vernachlässige ich schon wieder all die Opfer des Tsunamis. Während ich aber über all das nachdenke und lese, schleicht sich von hinten der Gedanke ein: Und während du jetzt so schön abgelenkt bist, hat Gaddafi gemütlich Zeit die Opposition und seine Gegner in einem unglaublich harten und schrecklichen Massaker abzuschlachten. Nur um dann, wenn die Weltöffentlichkeit wieder zu ihm blickt, grinsend auf einem Leichenberg zu stehen und zu fragen: “War was?”. Ach ja: Gestern wurde übrigens auf Demonstranten in Bahrein geschossen. Habt ihr von dem Horror-Crash in Hamburg-Eppendorf gehört? Dabei ist auch, als Passant (!), Günther Amendt ums Leben gekommen. Ein Mann der in den 70ern ein absolut fantastisches Aufklärungsbuch für Jugendliche geschrieben hat, die “Sex-Front”, aus dem ich schon desöfteren Lesungen gehalten habe, wofür er mich einst am Kölner Flughafen ansprach und lachend beglückwünschte. R.I.P. Günther.

Ich finde die Nachrichtenlage gerade ultraanstrengend. Ich fühl mich wie diese Tellerdreher im Zirkus. Wenn man den einen wieder einigermassen beruhigt hat, eiert der auf der anderen Seite schon wieder so sehr, das man schnell hinrennen muss, um den zu beruhigen. Und da eiert schon wieder der nächste.

Gibt es nicht irgendeinen Weg, all diese Dinge gleich wichtig zu behandeln? Gibt es da nicht irgendeinen Trick? Kann man da nicht irgendetwas tun?



Auch Deutsche unter den Opfern

Ich bin gerade auf Twitter in eine Diskussion gestolpert, bei der es um oben genannte Nachrichtenphrase geht. Schon so lange ich ein mehr oder weniger politisches Bewusstsein habe, regt mich diese Formulierung auf. Weil sie impliziert, das deutsche Opfer für die deutschen Zuschauer irgendwie besonders hervorgehoben werden müssten. Natürlich wird hinterher behauptet, das das ja in erster Linie für eventuelle Angehörige oder Freunde gesagt wird, damit die alarmiert sind und sich gegebenenfalls informieren oder melden können.

Come on.

Ich kann das an der Katastrophe in Japan im Moment, mal eben ganz kurz ganz gut illustrieren: Als ich die Nachrichten gehört habe über das Erdbeben, den Tsunami und die ganze Katastrophe, da habe ich als erstes versucht Kontakt zu einem Freund von mir aufzunehmen, der gerade in Japan im Urlaub ist. Das habe ich getan, weil die Katastrophe in Japan stattfindet. Muss ich jetzt dafür warten, bis die Medien erste Opferzahlen und Auswertungen haben, die mir sagen ob und wenn ja, wieviele Deutsche da umgekommen sind? Nein, natürlich nicht! Ich will sofort wissen, ob es meinem Freund gut geht. Weil das in meinem Kopf die erste Verbindung und die erste Sorge ist (es geht ihm übrigens gut, er ist snowboarden, da in dem Gebiet kriegen die Leute wohl nicht so viel ab…). Was ist das für ein zynischer Gedanke, das ich das sehen würde, aber erst wenn die Nachrichten sagen “Auch Deutsche unter den Opfern” darauf käme: Oh Schreck! Mein Kumpel ist ja Deutscher! Dann könnte er einer von denen sein!

Sorry. Was für eine blasse Ausrede.

Eine Nachricht wird natürlich für den Zuschauer emotionaler, wenn auch Einheimische beteiligt sind. Ist doch klar. Das ist doch wirklich Sandkasten-Psychologie. Jede Nachricht will verkauft werden. Dabei flutscht sie viel besser, wenn auch Deutsche mit dabei sind. So zynisch das sein mag, Nachrichten sind in erster Linie ein Geschäft und DANN erst ein Service. Das finde ich nicht gut, aber deswegen muss ich davor nicht die Augen verschliessen. Ich nenne das nicht “Rassismus”, darum geht es dabei vordergründig gar nicht. Ich nenne das “verkaufen”. Thats what it is. Und dagegen ist nunmal kein Kraut gewachsen. Aber Scheiße ist es dennoch. Und ich gratuliere jeder Nachrichtensendung, die bewusst auf diese überflüssige Floskel verzichtet.