
Fangen wir mal von Vorne an: Eine Wahl der Piraten käme für mich erstmal nicht in Frage. Das hat ganz einfache Gründe, denn ich finde ein freies Netz auch wichtig, aber viele Dinge dann eben doch wichtiger. Ich könnte zum Beispiel wieder mit AOL leben, wenn ich wüsste das dafür alle AKWs vom Netz gehen. Mal zugespitzt formuliert. Natürlich möchte ich das nicht. Natürlich möchte ich ein freies Netz für alle UND die Abschaltung der Atomkraftwerke, aber vor die Wahl gestellt, fänd ich die Stromdinger doch wichtiger.
Das soll aber nicht heissen, das ich nicht mit den Piraten sympathisieren würde, im Gegenteil: Das ist schon eine ganz lustige Truppe und ich mag deren Ehrgeiz und Elan und Motivation endlich mal Politik zu machen. Find ich grossartig. Auch, wenn ich mich dann zwischendurch immermal wieder für die schämen muss (ja, ihr seht richtig: Der sitzt da beim Gespräch mit ner Fahne als Umhang…), aber meh: So sans halt, de junge Leit! :) Ist ja alles noch im Rahmen.
Faszinierend war es im PiratenWiki mitzulesen, als eine Berliner Piratin, Lena, vorgeschlagen hatte, einen eigenen, virtuellen “Raum” nur für weibliche Piratenmitglieder zu gründen, in dem man sich austauschen kann und der eben den Frauen vorbehalten ist. Nun ist ja genug Platz da, im Internet und auch sonst macht das ja auf den ersten Blick hin Sinn, denkt man sich. Warum nicht? Schadet niemandem und bestimmt haben Frauen Themen, die sie lieber unter sich besprechen. Voll in Ordnung. Also, war jetzt so mein erster Reflex, als ich das mitbekommen habe.
Oh oh….das sehen viele Piraten aber anders. Dieser Vorstoss von Lena (den sie, zugegebenermassen mit einer unglücklichen bis doofen Pressemitteilung verlautbarte - und sich danach noch ungeschickter mit einem “das war eine private Pressemitteilung und keine offizielle von der Partei..” rauszureden versuchte..) kam eher so semi-gut an. Was wurde die beschimpfz als Emanze und was sie sich einbilde und wie sehr diese Idee der hochgelobten Transparenz der PP entgegen stünde und wieso Frauen denn eigentlich ihre eigene Mailingliste bräuchten, das wäre doch eigentlich sexistisch, weil Piraten nicht nach Geschlechtern unterscheiden würden, sondern nur Menschen sähen.
Ähm…ja.
Die Diskussion war für jeden einsehbar und ich las ein paar Tage mit, bevor ich die Lust verlor, weil da so verbittert auf Lena rumgehauen wurde, die sich zu einem frühen Zeitpunkt aber schon längst aus der Diskussion verabschiedet hatte, weil sie, mit Verlaub, einfach zu bescheuert war. Argumente gleich Null. Auch wenn weibliche Piraten (die ausdrücklich nicht Piratinnen genannt werden wollen) sich gegen Lena stellten. Mehr als die Jungs Argumente konnten sie auch nicht nachbeten. Ich hab die Piraten dann wieder eher aus den Augen verloren. Hier und da tauchten sie noch in meiner Timeline auf, durch eine Handvoll Piraten denen ich folge und die ich alle schätze, aber ansonsten waren sie mir ein bisschen Egal. Auch zur NRW-Wahl, da haben die ja quasi kaum stattgefunden (ausser dieses “Nazis haben Leitern”-PLakat, das hat mir gut gefallen). Damit lässt sich wohl auch das bescheidenere Ergebnis im Gegensatz zur BTW leztztes Jahr erklären.
Nun hatten die Jungs und Mädels Parteitag in Bingen, mit einem exzellent funktionierendem und aussehenden Stream und deswegen habe ich mir die letzten zwei Tage die Parteiarbeit live angeguckt. Und was ich da gesehen habe…also, warum machen die es mir immer so schwer sie zu mögen? Und wenn ich sie wieder ein bisschen mehr mag, dann machen sie es mir noch schwerer..
Dieser Parteitag war eine Veranstaltung des absoluten Stillstands. Das kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht gesehen hat. Die 1000 Mitglieder, die man wohl zum harten Kern zählen kann, weil sie ja wohl sonst nicht den Weg nach ausgerechnet Bingen auf sich genommen hätten, die da vor Ort waren, haben ein seltsames Demokratieverständnis, das vermutlich irgendwie so ausgedrückt wird:
“Demokratie ist, das alle auch mal MIR zuören müssen!”
Anders ist es kaum zu erklären, was da abging. 1000 mehr oder weniger erwachsene Menschen in einer Halle, die sich alle gegenseitig davon abhalten, produktiv zu sein. Der Zeitplan, der aufgestellt wurde, konnte nicht im Ansatz eingehalten werden. Man brauchte zwei ganze Tage um einen Vorstand zu wählen. Weil diejenigen, die sich zur Wahl stellten, auch befragt werden durften, zog es sich noch und nöcher - allerdings ohne dabei einen höheren Informationswert zu generieren. Eher im Gegenteil. Die Fragen und Vorwürfe an die Kandidaten wiederholten sich und wenn die “Versammlungsleitung” mal versuchte die ganze Veranstaltung ein wenig zu pushen und voranzutreiben, wurde sie sofort durch sinnlose Anträge a la “Ich möchte das die Redner 45 Sekunden Redezeit haben” ausgebremst. Und solche Anträge kamen im Stakkato-Modus. Jeder wollte mal irgendeinen Antrag stellen oder irgendeine Frage um auch ja gehört zu werden. Eine Handvoll Speuzialisten stellte sich immerwieder am Mikrofon an um auch immerwieder die gleichen Fragen zu stellen (die entweder die Versammlungsleitung schon vorweg hätte nehmen können, oder die Kandidaten in ihren Vorstellungsreden auch…). Das war schon die Redundanz von Redundanz. Alle beschwerten sich, das alles so lange dauert, aber niemand war bereit wirklich etwas dagegen zu tun. Na klar, nachher nannte man das “eben echte Demokratie” die natürlich “auch anstrengend sei”, weil alle alles abstimmen. Aber genau das wäre eben das tolle an der Partei.
Moment: DAS ist ein Vorzug? Das sich alle gegenseitig lähmen und nie auf einen grünen Punkt kommen? Dann habe ich tatsächlich ein anscheinend weniger demokratisches Verständnis von Politik, oder, um es mal anders zu sagen liebe Piraten: Das war absolute Scheisse, was ihr da veranstaltet habt. Echt jetzt mal, das war gar nix. Schrott. Und einige von euch sollten sich mal fragen, warum es so war. Ich meine das weder böse, noch hämisch oder so. Das war Murks. Und ich will jetzt nix hören von Wegen “junge Partei, erst seit 3 Jahren” oder so. Hallo? Man kann schon im ersten Jahr feststellen was geht und was nicht. Und ich erinner mich auch in den Stream des letzten Parteitags reingeguckt zu haben. Und da waren weniger Leute. Und DA waren diese ewigen “Anträge” schon das Problem numero Uno. Also please: Sehr mal zu das ihr Handlungsfähig werdet. Sonst war das Ergebnis in NRW noch gut, wenn ihr versteht was ich meine.
Und das war ja nicht alles an Elend, was ich im Stream gesehen habe (neben, nur um das nochmal deutlich zu machen, supervielen sehr motivierten Leuten, die Spass an der politischen Arbeit hatten, was mich ja auch so am Stream hielt..): Die oben bereits erwähnte Lena stellte sich spontan zur Wahl zur stellvertretenden Vorsitzeden der Piratenpartei. Das war ein Signal. Ein Signal zum Wechsel. Und als sie sich vorstellte, sagte sie viele richtige und wichtige Sachen (auch das sie dafür sorgen möchte, das sich die PP deutlich von Nazis distanziert zum Beispiel), die nur zum Teil mit Gender Themen zu tun hatten. Die aber natürlich auch ihr Thema waren. Und dann kam die Fragestunde. Und dann wurde sie gegrillt. Mit Häme und totaler Scheisselaberei übergossen von Parteimitgliedern, die offensichtlich gar nicht zugehört hatten, was sie da auf der Bühne kurz zuvor gesagt hatte. Die einfach nur ihren Satz des Hasses an sie loswerden wollten, mit vermutet geschickt platzierten Spitzen (”Willst du als Stellvertreterin auch direkt eine Pressemeldung rausgeben?”) , die ebenso lächerlich waren, wie 95% der Fragen, die ihr gestellt wurden. Und die sich ALLE nur ums Thema “Gender” drehte, wohingegen Lena eigentlich über viel mehr gesprochen hatte. Es liegt also die Frage nahe, wer jetzt eigentlich ein Problem mit dem Thema hat? Lena kann weitergehen und sehen und weitermachen. Aber verbissene Piraten können das eben nicht. Das war wirklich gruselig zu hören, was da für eine totale Kacke gefragt wurde. Und peinlich war es auch. So sehr zu zeigen, wie wenig man zu politischem Denken in der Lage ist…uiuiui…das als Basis einer Partei halte ich dann doch schon für bedenklich.
Natürlich wurde Lena nicht gewählt. Sie bekam stramme 28 Prozent, was viele schon für ein gutes Zeichen halten. Ich aber sage: Ein gutes Zeichen ist es, wenn sie gewählt wird, denn ganz offensichtlich ist sie politisch durchaus kompetent und weiss was sie sagt und warum sie es sagt. Aber die Piraten sind dann eben doch mehr Bild-Leser als sie wahrhaben wollen: Es soll sich nichts ändern in unserem Schrebergarten. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter wurden beide wiedergewählt. Zwei Leute, die durchaus fähig sind. Aber eben auch sehr unsichtbar (Der Vorsitzende Siepenbusch meinte auch auf die Frage, warum man so wenig von ihm gesehen hätte bei der NRW-Wahl, das er zur Verfügung gestanden hätte, ihn aber niemand gefragt hätte…i mean: come on!).
Überhaupt: Was mich vermutlich am meisten erschrocken hat, war der Aggro-Ton auf dem Parteitag, den man wohl anschlagen muss, damit einem überhaupt irgendwer zuhört. Die Sprecher auf der Bühne mussten regelmässig das Plenum zur Ruhe mahnen. Aber wenn etwas entschieden wurde, was irgendwem nicht gefiel, da wurde dann auch schonmal in der Halle rumgeschrieen. Nicht reingerufen, so wie ein Protest, sondern wirklich reingebrüllt so wie in: “Oh, da hat aber jemand ein Problem für das er mal professionelle HIlfe in Anpruch nehmen sollte:”. Und davon gab es ein paar Kandidaten in der Halle, das fand ich schon erschreckend. Zu Beginn des zweiten Tages übrigens auch der Wahlleiter, aber der hat sich später dafür entschuldigt.
Machen wir uns nix vor: Die Piratenpartei ist eine Jungspartei. Und ich kann jede Frau verstehen, die einen riesen Bogen um die macht. Da wird sich auf ziemlich tiefem Niveau beschimpft und so getan, als sei das ein demokratischer Prozess. Da spielen Jungs so eine Art Real-Life-WoW, wo man sich eben mit der ganzen Gruppe abstimmen muss. Und das ist jetzt kein hohles Klischee, weil Computer eben DAS Thema der Piraten sind, sondern genau so ist dieser Parteitag rübergekommen. Und wenn du mir nicht zuhörst, dann brüll ich dich eben an. Da gibt es wichtige Vaterfiguren, wie eben einen Jörg Tauss, dem kritiklos alles von den Lippen gelesen wird (vom Grossteil, nicht von Allen!), weil er da als Mann mit Erfahrung steht oder dieser Pfarrer, dessen Namen ich vergessen hab, der ein paar mal kandidiert hat, den auch plötzlich alle voll toll fanden, obwohl die Piraten doch eigentlich Religion immer so vehement ablehnen, der aber punkten konnte als er einem jungen Piraten, der sich nach seinen Visionen zur Drogenpolitik erkundete, vorschlug das ganze doch entspannt “in Holland auszudiskutieren”. OMG. Nuff said.

Die Piraten, so gern ich sie auch haben will, sind nicht Politikfähig. Zumindest im Moment nicht und ich sehe da noch nicht wirklich Land. Das ist Schade. Die treten sich gegenseitig auf die Füsse und haben dabei das Gefühl etwas zu bewegen. Dabei stehen sie nur in einem Laufrad. Für dieses Jahr wurde übrigens noch ein Parteitag beschlossen, auf dem soll es dann um inhaltliche Diskussionen gehen. Da bin ich aber mal gespannt. Vielleicht haben sie aus dem Binger Debakel gelernt. Ich befürchte aber das Gegenteil.
[Bilder hab ich vom "offiziellen" Twitteraccount]