Lamentieren ohne vernünftiges Ergebnis

Die grosse Frage die einen beschäftigt ist ja: Kann man Gefühle verlernen?

Ich befinde mich im Moment in der äusserst glücklichen Situation, wieder ein Gefühl zu spüren, das schon lange nicht mehr bei mir zu Besuch war. Insofern ist eigentlich alles gut und da das ganze noch mit meine geheimen Superfähigkeit gepaart ist (sie nannten ihn ehrfurchtsvoll “The Verdränger”…), kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Nun bezweifel ich nicht das Gefühl an sich. Es ist absolut aufrichtig und aufregend. Aber ich habe ein wenig Sorge davor, das so loszulassen, wie ich es eigentlich sollte und früher auch immer gemacht habe, weil ich befürchte, das es mir ein Schnippchen schlägt. Ich weiss nicht ob das sonderlich einleuchtet. Ich will auch gar nicht sagen, das ich Angst hätte, das Gefühl überzuinterpretieren oder zu befürchten es sei nicht echt. Ich habe keinen Grund an der Echtheit meiner eigenen Gefühle zu zweifeln, sind ja schliesslich meine und die sollte ich persönlich ja eigentlich am besten fühlen. Vielleicht ist es auch nur die Angst aus der Komfortzone des Selbstmitleids heraus zu kommen, die man als Solist nunmal bewohnt und in der man es sich, mit etwas Geschick, auch wunderbar einrichten kann.

Ich stürze mich in dieses Gefühl, wie ich es schon immer getan habe und wofür ich von meinen Freunden auch schon immer gerüffelt wurde. Aber welchen Sinn sollte ausgerechnet dieses machen, wenn man sich nicht komplett reinwürfe? Und doch ist irgendetwas anders als sonst, ich finde nur nicht heraus was es ist. Und das ist es wohl, was mich so ein bischen beunruhigt. Oder ist das einfach nur, weil ich älter geworden bin? Wohl kaum, oder? Bitte sag das das nicht wahr ist. Das wäre ja einfach zu bescheuert. Nein, nein, das kann es nicht sein.

Deswegen steht man dann da, alleine in dem grossen Raum und stellt sich die Frage:

Kann man Gefühle verlernen?

Wenn sie einfach so lange nicht mehr beansprucht wurden, so lange, das man schon gar nicht mehr sicher war, sie in sich zu haben. Dann kann es doch sein, das man sie verlernt, oder? Oder das sie in der Zwischenzeit eine neue Sprache gelernt haben? Oder, noch schlimmer, man selbst hat eine neue Sprache gelernt und erkennt die Alte nicht mehr wieder? Und als wäre das nicht genug, wird es ja sogar noch schlimmer, auch wenn man das jetzt nicht mehr für möglich gehalten hätte. Denn die Frage, die sich jetzt stellt, die alle andern übertönt, lautet ja:

Alter, kann es sein das du dir zu viele Gedanken machst?



Popstars 2009 - Es gibt nur Verlierer

Am Donnerstag endet die aktuelle Popstars-Staffel mit ihrem grossen Finale, in dem entschieden wird, welches Paar aus den Workshops die neue Band “Ich und Du” (oder umgekehrt) formieren wird. Wie eigentlich immer gibt es eine wirklich talentierte Kandidatin und andere, die so lange gezeigt wurden, bis die Zuschauer und die jeweiligen Leute auch selber glaubten, das sie talentiert sind. Diese Popstars-Staffel wird vermutlich meine letzte gewesen sein, die ich aufmerksam verfolgt habe. Naja. Zumindest am Anfang. Ich konnte mir das irgendwann nicht mehr mit ansehen.

Popstars war ja, wenn ich das jetzt gerade richtig überblicke, eigentlich die erste Castingshow, im deutschen Fernsehen. Aus der ersten Staffel sind damals die No Angels entstanden. Dabei hat die Show immer ihre Höhen und Tiefen gehabt, es gab immer Staffeln die mal packender, mal gähnend Langweilig waren. Und es wurde viel ausprobiert. Ich erinner mich noch an die Staffel, wo die Girlgroup gegen die Boygroup antreten musste (Preluders vs. Overground) und irgendwie nie so richtig klar war, um was es hier eigentlich gerade geht. Oder die Monrose-Staffel, die mal eben während sie lief, verlängert wurde und für die Zuschauer unerträglich lang wurde. Und natürlich die Nu pagadi-Staffel, wo es sehr früh NUR noch um den einen Song ging (Seetest Poison), den man dann am Ende der Staffel n a t ü r l i c h auswendig mitsingen konnte. Popstars ist auch immer knapp an die Grenze des Erträglichen gegangen, was meine Empfindlichkeit betrifft, mich als Zuschauer verarscht zu fühlen. Wie gesagt, der offensichtlichste Faktor dafür, das ich als Zuschauer immer nur eine Melkkuh war, war in der Monrose-Staffel. Nun gab es gestern einen noch grösseren Skandal. Gestern war das Halbfinale von Popstars und es ging darum welche zwei von drei Paaren ins Finale zuehen sollen. Und die ganze Show über wurde angeheizt: Rufen sie an, gleich fällt die Entscheidung…blablabla. Nun weiss ich nicht, wie lange das geplant war, was dann kam, denn ehrlich gesagt schien mir das, was das ungelenke moderieren des Sachverhalts betraf, eher eine spontane Entscheidung aus der Regie gewesen zu sein. Aber egal ob spontan oder geplant: Es wurde einfach entschieden, den Zuschauer noch ein bischen mehr abzuzocken, denn es fand eben KEINE Entscheidung statt. Es wurde gesagt, das man noch bis Donnerstag weitervoten kann. Die Leute in der Halle haben gebuht ohne Ende und die Regie, so wie die Moderatoren, waren darauf bedacht, die Show möglichst schnell zu beenden. Mit lauter Musik, damit man das Publikum nicht mehr hört. Mit so einer heftigen und berechtigten Reaktion, haben die wohl nicht gerechnet. Genau nachlesen kann man das in diesem sehr guten Artikel von Peer Schader, drüben im Faz-Fernsehblog.

Um diesen Eklat soll es mir aber gar nicht hauptsächlich gehen. Der ist nur die Kirsche auf dem Sahnehäubchen der Verachtung, welches auf dem Eisbecher der Inhaltslosigkeit thront. Ich halte die Popstars-Redaktion für ziemlich arrogant. Das ist in manchen Staffeln deutlicher, in manchen weniger deutlich. Ich schätze mal, das liegt auch immer an der aktuellen Redaktionsbesetzung. In der aktuellen Staffel aber war es wirklich nicht mehr auszuhalten:

1.) Die Jury-Besetzung

Ich finde das Michelle Leonhardt eine ganz gute Wahl war. Ich mag es, wenn Leute aus dem Biz in der Jury sind, die vielleicht noch nicht so hammerbekannt sind, für den Zuschauer, deren Kompetenz sich aber schnell von selbst erklärt. MIchelle hat zum Beispiel schon eine Menge Songs für diverse Acts wie die No Angels o.ä. geschrieben, somit ist sie ja eigentlich perfekt für die Jury. Dann kam Alex Christensen dazu, der wirklich sehr nett ist, aber, sorry, in der Jury wirklich gar nichts zu suchen hat. Denn der hat mal so gar keine Ahnung, bzw. muss wahrscheinlich hauptsächlich die Entscheidungen der Redaktion oder des Senders ausbaden, die ja bekanntermassen noch weniger Ahnung von der Materie haben. Das wird jetzt keine grosse Überraschung sein, aber wie das genau abläuft in der Popstars-Jury hat Sido im grossartigen Vice-Interview mal ganz anschaulich erklärt:

Das ging schon in den Castings los. Es ist schon so, dass jedes Jury-Mitglied eine Stimme hat. Dann hat aber Pro7 noch zwei Stimmen und die Produktionsfirma hat zwei Stimmen. Damit ist die Jury schon mal überstimmt. Vier zu drei. Dann hatten die da so eine Ampel im Rücken der Kandidaten, die da auf dem Stern standen. Und die zeigte entweder rot oder grün. Rot war für ‚Den auf keinen Fall’ und grün war für ‚nehmt den, nehmt den!’ Und dann kommt da zum Beispiel irgendein Typ, der nicht singen kann, aber die Ampel war auf grün und wir mussten uns dann irgendeinen Scheiß einfallen lassen. Ich hab immer (macht ein Furzgeräusch) gemacht, damit dann wenigstens ein Witz dabei rumkommt, aber die haben die Leute halt immer weiter gelassen und am Ende findest du dann raus, die haben die Leute weiter gelassen, weil der Vater Krebs hat oder so was. Die kommen dann da hin und fragen, was ist in deinem Leben so los und pipapo und dann kommt raus, dass der Vater Krebs hat und dann ist klar, der Typ kommt weiter. Dann heißt es so: mit dem Typen haben wir noch für zwei Folgen eine Geschichte. Danach können wir ihn ja dann rausschmeißen. Ich will auch mal klarstellen, die Leute bei Popstars haben auch nicht Sido den Musikfachmann gebraucht, sondern Sido, der ab und zu mal ein paar Leute beleidigen kann. Das wollten die von mir sehen.

So genau funktioniert das Prinzip, deswegen werden von der Jury auch schonmal gerne totale Nulpen ins Finale durchgewunken. Weil die Redaktion oder der Sender das aus Marketing-Gesichtspunkten wichtig finden. Weil sie glauben eine Identifikationsfigur gefunden zu haben, für die jungen Menschen, die ihnen suspekt sind, die sie aber als Zuschauer haben müssen. Wenn die Show nicht so unterhaltsam gewesen wäre, könnte einem schlecht werden. Dazu hatte man in dieser Staffel nun aber auch allen Grund. Und das nicht nur wegen dem rumgewichse hiunter den Kulissen, sondern auch wegen dem, was man auf dem Bildschirm sah.

2.) Die Show

Es war dramatisch diesmal, es war sogar noch dramatischer. Es war das vermutlich dramatischste Fernsehereignis, seit es dramatische Fernsehereignisse gibt. Und noch ein bischen dramatischer. Mal im Ernst, das war wirklich eine Heulstaffel. Und noch mehr Emotion rauspressen und noch ein bischen heulen. Dabei hat sich Detlef D! Soost wirklich das erste Mal als total desinteressiertes Wesen gezeigt. Die Kandidaten waren ihm egal, so lange er sie nur zum heulen gebracht hat. Wirklich, seid froh wenn ihr das nicht gesehen habt. Alles was die Jury trainiert hat (allen voran D!), waren Psychospielchen mit den Kandidaten in Las Vegas. Die möglichst schnell und dramatisch dazu führen sollten, das die Kandidaten heulen. Und das war nicht irgendwie rausgeschnitten, oder subtil versteckt oder so. Nö, fröhlich im ON wurde gezeigt, wie schnell man die Nervenbündel zu noch grösseren Nervenbündeln macht. Genüsslich ausgekostet von einem erschlankten Tanz-Instructor Detlef, der mit den Kilos irgendwie anscheinend auch den Spass an der Sache verloren hat. So verbittert, gelangweilt und humorlos kam der nämlich noch nie rüber.

Ansonsten wird die Show langsam aber sicher seziert und ihrer Identität beraubt. Man schneidet sich noch die Filets raus, aber der zuckende Rest wird den Hunden zum Frass vorgeworfen. So wirkt es zumindest, denn noch keine Staffel hat sich so stark an anderen Formaten orientiert, wie diese. Ich war sehr oft nicht mehr sicher, ob ich nicht gerade doch “Germanys Next Topmodel” gucke. Weil die Kandidaten nun immer zu so Werbecastings mussten, und da auch gut aussehen mussten und so: Das war alles Ablenkung, das war aber auch Inhaltsleere und liess eine gewisse Trennschärfe zu den anderen Formaten vermissen. Aber vielleicht ist das von ProSieben ja auch so gewollt. Man soll nachher gar keine Shows mehr unterscheiden können, das soll alles wie ein nicht enden wollender Castingguss wirken. Dann haben sie hier ganze Arbeit geleistet. Das Problem ist nur: Die haben einem Format sein Herz geklaut und ob das lange gut geht, das wage ich zu bezweifeln. Aber müssen sie selber wissen. Vielleicht haben sie auch einfach keinen Bock mehr auf Popstars und wollten das jetzt irgendwie so schmerzhaft wie möglich beenden. Dann müsste ich auch wieder sagen: Chapeau! DAS ist euch gelungen. Ich konnte auf jeden Fall die letzten 2 oder 3 Folgen nicht mehr gucken. Grösstenteils schlecht ausgwewählte Kandidaten in einer unwirtlichen Umgebung werden von abgebrühten Fernsehleuten dem Zuschauer vorgeführt und von einem menschenverachtenden Juror permanent zum heulen gebracht, in einer Show, die ihre Originalität verloren hat und die deswegen andere Formate kopiert. So könnte man es zumindest auf einen Satz bringen.

Ich mochte Popstars immer gerne, lieber als andere Castingshows. Aber was die sich diesmal erlaubt haben, war eindeutig zu viel. Wenn sogar meine 8-jährige Tochter das stinkend langweilig und doof findet, dann kann da irgendwas nicht stimmen. Die ist nämlich mindestens genauso begeisterungsfähig wie ich für Fernsehen, nur noch eine Spur unkritischer. Also eigentlich genau das, was Pro7 da vor der Kiste haben will. Und gerade kategorisch vertreibt.

Ich weiss: Die sitzen jetzt in ihren Büros, vielleicht auch im Meeting Raum in Unterföhring und reiben sich die Hände. Der Pressetyp rennt aufgeregt ins Büro und schreit die ganze Zeit “Any promotion is good promotion! Any promotion is good promotion!” und die Chefredakteure, Geschäfstführer und verantwortlichen Redakteuer lachen sich kaputt. Über die Dummheit des Zuschauers und das sie nun so viele Reaktionen haben. Man siehe zum Beispiel das Statement des Pro7-Unternehmenssprechers Christoph Körfer gestern Abend zu DWDL.de, die mal berechtigterweise gewagt haben nachzufragen, was denn da in der Halbfinal-Show schief gelaufen ist. Die Antwort haben sie bekommen: Der dumme Zuschauer hat natürlich mal wieder versagt! Oder, wie es aus dem Munde eines echten Unternehmenssprechers lautet:

“Das war eine geplante redaktionelle Entscheidung. Schon häufiger wurden bei ‘Popstars’ Teile einer Entscheidung erst in der nachfolgenden Sendung aufgelöst.”

Das ist schon ein ziemlich deutlicher Punch in the face. Das ist aber ein ganz anderes Problem. Fernsehen wird fast nur noch von Leuten gemacht, die den Zuschauer dafür hassen, das er macht was er will. Das ist meistens auf Seiten der Sender noch schlimmer als auf Seiten der Produktionsfirmen, wobei es da auch ein paar gibt, denen die Zuschauer Wurst sind und die einfach nur schnell mit dem Sender absahnen wollen. Und da hat sich der Zuschauer gefälligst so zu verhalten, wie die das gerne wollen. Das ist nun gestern Abend in die Hose gegangen. Aber seiner wir ehrlich: Es wird überhaupt keine Auswirkung auf irgendwas haben. Nächstes Jahr wird irgendwann eine neue Popstars-Staffel kommen, mit einem noch gelangweilteren D!, noch mehr Werbecastings um noch mehr Marken in der Sendung unterbringen zu können und noch schlechtere Kandidaten um dem Zuschauer noch klarer zu machen, wie wenig er für die Macher wert ist. Aber trotzdem:

Dieser eine Moment gestern Abend, in dem die Zuschauer den Machern den Fuck-Finger gezeigt haben, den werde ich immer in sehr guter Erinnerung behalten. Für mich schon jetzt einer der Popstars-Magic-Moments. Und vermutlich auch der letzte, denn ich kann das zu Schrott gewordene Ex-Gold nicht mehr gucken.

Übrigens: Normalerweise kann man um die Zeit ja auf der Pro7-Seite schon immer die komplette Folge vom Vorabend gucken. Komisch das das heute nur Ausschnittweise geht…:)



Wichita Lineman - Ein Song als Sieger

Erinnert sich noch jemand an meine schonungslose Aufklärungsarbeit um den wundervollen Song “Ooh Child” und dessen frevelhfate Coverversionen? Damals hiess die reisserische Überschrift “Ein Song als Opfer”, beim heutigen Lied aber heisst es “Ein Song als Sieger”. Warum dies?

Nun, ein guter Song zeichnet sich durch viele verschiedene Aspekte aus. Einer aber wird häufig vernachlässigt, ist aber mindestens so wichtig wie alles andere, wenn nicht vielleicht sogar der allerbeste Gratmesser, wenn es darum geht die Qualität eines Songs einzuordnen.

Der Song um den es diesmal gehen soll heisst “Wichita Lineman” und war der grosse Durchbruch des Country-Sägers Glen Campbell. Ich bin mir nicht sicher ob hierzulande jemand den Sänger, geschweige denn den Song kennt. Deswegen hier erstmal das Original, den Smashhit:


[YouTubeDirektGlensFinest]

So weit, so gut. Eine verträumte Nummer über einen Telegrafenmastleitungenausbesserer. Ist ja vermutlich auch der romantischste Beruf, den man sich so vorstelllen kann. Gut, Ironie beiseite: Das Bild funktioniert ganz gut. Dieses tägliche hochklettern, der Duft der Freiheit um die Nase und dann aber auch noch auf den Leitungen mithören können. Das ist tatsächlich ein romantisches Bild. Der Song wurde damals von Jimmy Webb für Campbell geschrieben und das allerbeste ist: Webb tritt auch heute moch auf und erzählt gerne das ein oder andere Anekdötchen. Und dann sitzt da einer im Publikum, filmt das mit, lädt es bei YouTube hoch und wir können uns das alle ansehen um die perfekte Hintergrundinfo zu dem Song aus erster Hand zu bekommen. Ein grün angesprühtes Piano spielt dabei eine Rolle, welche weiss ich selbst noch nicht so genau:


[YouTubeDirektPaintItGreen]

Nun hat man schon beim ersten hören dieses Songs ein Gefühl, das einen irritiert. Man denkt nämlich das Lied hat, relativ ungewöhnlich für einen Countrysong, so etwas wie “Seele” oder anders gesagt “Soul”. Das kann man sehr schön klassisch hören, sexy gespielt, ein bischen Drama in der Stimme und nochmal schöne Bläsersätze geschrieben: Zack, fertig ist der Wichita Lineman zum fummeln.


[YouTubeDirektHutchDerLinemanDoktor]

Das war aber nur Willie Hutchs Soulinterpretation des Kabelreparierers. Selbst innerhalb des Kosmos Soul kann man das auch noch anders auslegen. Man kann das Tempo etwas anheben und dadurch das Drama noch eine Spur erhöhen. Wenn ich auch zugeben muss, das das Stimmchen doch etwas dünn ist. Dafür wird das Stück immer tanzbarer und entfernt sich immer mehr vom Original. Was aber gar nix ausmacht. Vielleicht im direkten Vergleich nochmal das Original oben hören und sich wundern, was sich da rausholen lässt:


[YouTubeDirektOCWichita]

Fünfköpfige Soulgruppen haben immer so ein gewisses Flair. Ein Flair des Choralen, meinetwegen auch funky Choral. So wie die Temptations zum Beispiel. Im Gegensatz zu denen haben aber die Dells den Wichita Lineman gecovert. Mit ganz wunderbaren “Babababababababa”-Adlibs in der Hook. Und einem Sänger mit einem so dermassen coolen, heiseren Schmelz in der Stimme, das ich schon genau weiss wie die Ladys damals geschmolzen sind. Also ich kanns mir zumindest vorstellen. Ich fand ja Mädels, die so eine leicht rauhe Stimme haben auch immer supersexy, warum sollte das bei denen anders sein? Rod Stewart ist ja ein gutes Beispiel, das dezente Heiserkeit im Gesang sogar über überlebensgrosse Warzen hinwegsehen lässt.


[YouTubeDirektFunkyLineman]

Ein Lied, das so oft gecovert wird, über Genregrenzen hinweg, das muss schon ein ziemlicher Hit sein, und ein ziemlicher Hit bedeutet natürlich auch immer was? Ziemlichen Konsens. Und wer stürzt sich auf Konsens? Richtig, Crooner. Die haben ja alles gesungen, von dem sie sicher sein konnten, das es irgendwer mag. Ein Paar waren dabei so cool, da sie das mit einer gewissen Selbstironie taten (Dean Martin), einige haben sich da etwas zu ernst genommen (Sinatra) und andere waren irgendwie nie so richtig Bewohner unseres Planeten. Zu letzteren zählte sicher auch Sammy Davis Jr., der immer gerne das machte, was ihm gerade in den Kram passte. Und dazu zählte eben auch, mal ein Countrylied zu croonen. Gut, es ist nicht wirklich gecroont. Es ist sogar ziemlich hochgejazzt, ohne dabei jazzig zu sein. Es ist geuptempoter Soul, der eigentlich schon fast Disco ist. Aber dafür etwas zu Old-School-Funky. Die Orgel, Alter, die Orgel! Hammerversion! Man spürt förmlich Sammy Davis Schweiss von der Bühne auf einen spritzen.


[YouTubeDirektWichitaRatPack]

Wenden wir uns den etwas skurileren Coverversionen zu, denn im Soul scheinen wir schon jede erdenkliche Form abgehandelt zu haben (die Downtempo-Reggae-Version habe ich jetzt euch und mir mal erspart, die ist nicht wirklich spannend. Stellt euch das Lied einfach noch langsamer vor, dann habt ihr eine ungefähre Vorstellung).

Mediensatire ist ja immer so eine Sache. Meistens geht das etwas daneben, wenn man dem Medium, in dem man mit seiner Satire ja schliesslich doch auch stattfinden möchte, nicht allzu sehr auf den Schlips treten will. Heraus kommt meistens etwas unfertiges, ungares, mit dem dann eigentlich niemand so richtig etwas anfangen kann. Ob es sich bei dem folgenden auch darum handelt, weiss ich gar nicht so genau, ich bin auch gerade zu faul nachzusehen, aber ich habe den schweren Eindruck, das ich ganz richtig liege. Mit diesem gefaketen Zapping und der Ansage, das jetzt ein Sänger für die Kinder kommt und dann da ein komisches Monster steht, mit einer Maske die selbst GWAR zu peinlich gewesen wäre, das alles atmet die Luft einer frechen Abrechnung mit dem Fernsehen. Allerdings ist diese Version des Webb-Songs zu merkwürdig, um sie nicht hier zu zeigen. Ich gucke da fasziniert hin: Alles sieht irgendwie scheisse aus, hört sich auch scheisse an, aber der Song kriegt einen trotzdem.


[YouTubeDirektSchlechtesProgrammLineman]

Ein Phänomen das ich nie so recht verstanden habe, ist dieser Neo-Sixties-Sound. Warum sollte es cool sein zu versuchen, heute die Musik der 60er nachzuempfinden? Damit meine ich nicht so einen wirklich schmerzhaften Frevel wie den einer Amy Whinehouse, die einfach nur ein grossartiges Instrumental nimmt (Ain´t no mountain high enough) und durch eine neue, selbst schlecht ausgedachte Gesangesmelodie verhunzt, ich meine eher so nachempfundene Sachen wie zum Beispiel “Hip Teens…” von Frank Popp. Ich steh da irgendwie nicht so richtig drauf, weiss auch nicht warum. Vielleicht weil ich finde, das die Musik von damals so reichhaltig ist, das es da noch ohne Ende Acts und Songs zu entdecken gibt, die ich noch gar nicht kenne und deswegen keinen Aufguss brauche. Ich weiss es doch auch nicht. Eine Band, die das aber anscheinend auch gerne macht und von der ich noch nie etwas gehört habe ist/war Optiganally Yours, die ganz offensichtlich auch in Japan getourt sind und auf der Bühne etwas machen. Fragt mich nicht was, ich habe es nicht so ganz kapiert. Aber schon allein weil die mitten in den Song einen Breakdance-Battle einfügen (übrigens ohne jegliches tänzerische Talent) und als Basis für ihr Lineman-Cover einen simplen HipHop-Beat nehmen, sollte man das mal gesehen haben:


[YouTubeDirektRocksteadyLineman]

In den letzten Jahren war es plötzlich total Hip und angesagt, Chöre zu gründen. Und Popsongs zu singen. Das war meistens sehr charmant und hatte so eine gewisse ironische Note, aber so schnell wie dieser Trend erschienen ist, ist er auch wieder verschwunden. Was vielleicht ganz gut war, denn so ein Konzept hält sich irgendwie nicht wirklich auf Dauer. Glaube ich. Da gab es doch diesen belgischen Schulchor, oder? Naja, keine Ahnung. Ich mag aber auch die Ausstrahlung klassischer Chöre. Man erwartet immer das die jetzt so Blues-Brothers-mässig durch die Halle turnen. Aber ich bitte euch: Doch nicht beim Wichita Lineman!


[YouTubeDirektGediegenerLineman]

Hab ich eigentlich schonmal erwähnt, das ich gerne eine Lap Guitar hätte? Nein? Ich hätte gerne eine Lap Guitar. Ich weiss auch nicht warum, vermutlich würde und werde ich sie auch nicht spielen können, aber ich finde das so ein stylisches Instrument. Wenn ich die irgendwo sehe, dann kriege ich immer direkt Bock, die auch mal zu spielen. Vielleicht würde es schon reichen, wenn ich die irgendwo mal ausprobieren täte, aber selbst das schein nciht ganz so einfach zu sein. Hierzulande sind die Teile dann doch etwas spezieller. Mir fällt ja auch auf Anhieb kein Spezialgeschäft für Kuhglocken oder Alphörner ein. Um an dieser Stelle mal ein ziemlich weit hergeholtes Beispiel zu bringen. Komischerweise scheinen Lapguitars auch superuncool zu sein und nur noch von alten Säcken gespielt werden zu können. So sieht es zumindest aus. Womit ich nicht sagen will, das der Mann in dem folgenden Video ein alter Sack sei. Er ist halt ein alter Mann, mit einer gewissen Sackform. Geht das so? ;)


[YouTubeDirektSlideSlideSlideman]

Wo wir schonmal bei Instrumentals sind, können wir ja auch gleich noch etwas jazziger werden. Jazztrios. Oh du Hort seltenen Spasses. So wird man auch im folgenden Video nur schwerlich jemanden lachen sehen. Aber das Leben eines Lineman ist nunmal auch kein Spass, vor allem nicht bei so einem melancholischen Song. Da ist höchste Konzentration gefragt. Man sieht förmlich, wie der Gitarist die Strommäste erklimmt und von oben in den Sonnsnuntergang über der Wüste Arizonas blickt. Vermutlich kommt er eigentlich aus Osnabrück und ist Sozialversicherungsfachangestellter. Da seht ihr mal wieder, was im Jazz alles möglich ist!


[YouTubeDirektWichitaSoFa]

Nun, wir hatten Jazz, einen Chor, die Bandbreite des Soul, ein paar andere Countryhanseln haben das auch noch gecovert, was fehlt denn da eigentlich noch? Wie wäre es mit Rock oder Indierock oder Alternative oder wie immer man das, wofür die Band steht, auch immer nennen möchte. Das kommt ja auch auf den Standpunkt des Betrachters an. Für Pur-Hörer sind das sicherlich die Alternative-Typen vor dem Herrn, für Sonic Youth-Fans sind die wohl eher sowas wie Bon Jovi. Wie man es auch dreht und wendet: R.E.M. sind mir 10000mal lieber als U2. Und ausserdem haben sie was gemacht? Richtig! Den Lineman gecovert:


[YouTubeDirektShinyHappyLineman]

So weit ein kleiner musikalischer Überblick über die wirklich weite Reise, die der Wichita Lineman schon gemacht hat. Ich finde es gibt selten Songs, die so vielfältig und unterschiedlich gecovert wurden, wie dieses kleine Liedchen. Klar, es gibt Songs die öfter nachgespielt wurden (”Yesterday” anybody?), aber das waren Songs, die nie viel Spielraum für Interpretationen liessen. Das ist hier anders. Jetzt habe ich die Nummer aber schon zigmal in zig verschiedenen Versionen gehört, damit soll es erstmal gut sein. Etwas sollte man aber nicht machen: Glen Campbell mit Kenny Rogers verwechseln. Ich bitte euch, das ist nun wirklich ein Unterschied wie Tag und Nacht. Für Exil-Schotten aber anscheinend nicht.


[YouTubeDirektGlenKennyDudelsack]

Bleibt mir als Fazit nur noch eins: Ich habe ja zu Beginn schon mit der Beweisführung angefangen und gesagt, das es ein wichtiges Merkmal gibt für die Qualität von Songs. Bei Ooh Child war der Beweis, das auch schlechte Versionen einen guten Song nicht schlechter machen. Beim Wichita Lineman ist es anders:

Ein guter Song bleibt, wieauchimmer gecovert, immernoch ein guter Song.

Was für eine schöne Entdeckung.