Der erste Tag, die ersten dreissig Kilometer. Ich war nicht schlecht, wirklich nicht. Ich habe extrem lange mitgehalten. Aber so ganz langsam (und ohne das ich es wirklich zuzugeben im Stande gewesen wäre) leuchtete mir doch ein, warum die so einen Wert auf dieses “Wanderschuhe”-Thema gelegt haben. Die wurden nämlich langsam ziemlich ungemütlich. Echt jetzt mal. Zähneknirschend nahm ich das hin, aber fiel immer weiter zurück. Auch das Lockenmädchen setzte sich jetzt von mir ab, ich war einfach zu langsam. Und verlor immer mehr Geschwindigkeit. Und noch langsamer. Und noch langsamer. Und…noch….laaaa…..ngs….aaaa….m…eeee..rrr….
Damit kommen wir zu dem Teil, an dem ich meinen tiefsten und herzlichsten Dank an den Hochleistungssport aussprechen muss. Und zwar nicht weil er mich in meiner prekären Situation zu Höchstleistungen getrieben hätte, iwo, wo denkt ihr hin? Aktiver Sport und ich, wir waren tatsächlich immer wie so zwei Gangs aus der Stadt die sich respektieren und ein Wafenstillstandabkommen geschlossen haben, aber wehe einer würde sich mal alleine in das Viertel der anderen wagen: Wenn er das tut, dann geht das selten gut aus. Mein Dank an den Hochleistungssport gehet eher über 3 Banden. Also: Die am Rande eines Spielfelds, nicht die Gangs.
Die Kommilitonin des Lockenmädchens hat früher nämlich ziemlich ausgiebig Hochleistungssport betrieben. Ich weiss zwar nicht genau welchen, aber irgendeiner bei dem man körperlich zumindest ne Menge zu tun hat. Und das kann, wenn man es zu exzessiv macht, eben schon in jungen Jahren gerne mal auf die Knochen gehen. Welch Ironie des Schicksals: Da ist das (ehemals) ultrasportliche Mädchen, das auch brav seine eigenen, neuen Wanderschuhe selbst eingelaufen hat, an den unsportlichen Fremdschuhwanderer mehr oder weniger gebunden. Denn wir hatten beide dasselbe Tempo, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen.
Das klingt jetzt nach Zweckgemeinschaft, das hört sich an nach unüberwindbaren Differenzen und extremst unterschiedlichen Interessenslagen. Und genau so war es auch…NICHT! Dieses Mädchen war so unglaublich lustig, beseelt von einem wundervollen, bösen (aber nicht verletzenden) Humor. Ich hatte meine Wegbegleiterin gefunden. Wir teilten uns meinen Wanderstab, wenn es bergauf ging hielt ich ihr den Stock hin und zog sie hoch. Und immerwieder mussten wir uns die Bäuche halten vor lachen. Das war einfach alles zu absurd. Auf was hatten wir uns da bitte eingelassen?
Nun war es nicht nur lange her, das wir überhaupt noch jemanden aus unserer Gruppe gesehen hatten, nein, langsam liess auch die Wanderer-Dichte generell nach. Wir folgten zwar immernoch den gelben Pfeilen, aber es war langsam spät und die meisten waren wohl schon in ihren Herbergen eingechekt. Und da sahen wir es am Ende der Strasse: Unser Hotel. Wir hatten uns auf dem Weg noch in einem kleinen Laden ultrahässliche 80er-Jahre Stirnbänder im Partnerlook geholt, die da nicht verkauft wurden, weil sie so hip waren, sondern weil sie immernoch da rum lagen. Haben, glaub ich, einen Euro oder so gekostet. Also: Ich, mit Bart, Stirnband das die langen Haare vom Kopf weghält, Rucksack auf dem Rücken unter dem die quer zwischengestopfte Regenjacke rausguckt und ein erschöpftes Mädchen im Sportdress, ebenfalls mit dem gleichen türkis-pinken Kopfschmuck. Mit der Verve zweier Menschen die 27 Beckenoperationen hinter sich haben müssen nahmen wir die 3-stufige Treppe ins Hotel. Wir hörten die anderen auch schon. Sie waren im grossen Speisesaal.
Mit der letzten Kraft schmissen wir uns durch die Schwingtür und traten mit einem lauten “Wir sind da!” ein. Ein kurzer Moment der Irritation. Mehrere Augen guckten uns an, als wenn sie einen Geist gesehen hätten. Und dann: Nicht enden wollender Applaus. Ich weiß nicht ob wir schon abgeschrieben wurden, ob schon Hubschrauber nach uns geschickt wurden, aber offensichtlich hat niemand mehr ernsthaft mit uns gerechnet. Was vielleicht auch erklärt, das alle schon ihr Abendessen hatten, wir haben dann aber extra welches serviert bekommen und wurden mit Fragen gelöchert. Wir assen und dann ging erstmal jeder auf sein Zimmer.
Liebe Zartbesaitete: Jetzt wird es ein wenig ekelig. Denn ich zog meine Schuhe aus. Und die dicken Wollsocken. Und die dünneren Socken darunter auch. Und dann kam ich an die letzte Sockenschicht. Da merkte ich dann schnell, das ich die eher langsamer und mit einer gewissen Vorsicht ausziehen musste. Nachdem ich mich also aus den Strümpfen gepellt hatte, sah ich das ganze Ausmass: 5-Mark-Stück grosse Hautfetzen hingen mir von der Ferse schlaff runter. Dahinter nässendes, rotes Fussfleisch. Ich dachte, das ich das erstmal säubern sollte und erlebte in dem Moment, als ich die Überreste meiner Füße unter fliessendes Wasser hielt, wirklich unglaubliche, nie erahnte Schmerzen, die mir bedeuteten: Ne, lass das mal lieber mit dem Wasser. Ich legte mich so ins Bett, das meine Füsse unten heraushingen und ich einigermassen schlafen konnte. Dann fiel ich ins Lummerland.
- Tag 2
Am nächsten Morgen waren, zu meiner Verwunderung, meine Füße noch nicht verheilt (ich bin ja kein Mediziner, ich gehe immer vom besten Heiliungsprozess aus). Nun waren, zum Glück, in unserem “Betreuerteam” auch Arztgattinnen zugegen. Denen konnte ich meine Füsse zeigen, was sie zu spontanen Begeisterungsstürmen hinriss, das sie so etwas noch nie gesehen hätten, etc. Die Damen waren natürlich auch bestens ausgestattet und verarzteten mich erstmal mit Sprühpflastern, was mir tatsächlich angenehme Linderung bescherte und ich konnte erstmal in Ruhe frühstücken. Nun war mein Schicksal der Gruppe natürlich nicht verborgen geblieben und in einem Akt totaler Selbstlosigkeit (für den ich ihm heute immernoch, vielleicht sogar noch mehr als damals aus tiefstem Herzen dankbar bin), lieh mir ein Kommilitone seine Reef-Sandalen für den Rest der Reise. Das waren keine Flip Flops, sondern so richtige Sandalen eben. Die sahen jetzt auch in Socken nicht wahnsinnig sexy aus, aber ich merkte auch bald: Diesen Weg wird man ohne sexyness bestreiten müssen. Hier will sich einer gegen mich stellen, da muss ich eventuelle Fusskleidvorlieben des anderen Geschlechts beiseite lassen. Denn das geile an den wirklich saugemütlichen Sandalen war ja: Die waren an der Hacke quasi frei.
Okay! Ich war wieder im Rennen! Also, zumindest wieder im Spiel, denn trotz aller High-Tech-Pflaster und Luft-Fuss-Schuhwerke konnte ich natürlich immernoch nicht schneller gehen. Das verhinderten auch die vielfältigen Blasen an meiner Fusssohle, die dort offensichtlich einer Werkschau über die Mannigfaltigkeit des Auftretens von Blasen an Füssen veranstalteten. Beim Start hab ich mitgehalten, aber ich fiel schon schnell zurück. Das Lockenmädchen ist pflichtbewusst und solidarisch eine Zeitlang in meinem Tempo mit gelaufen, aber irgendwann hat auch sie, verständlicherweise, meine Entdeckung der Langsamkeit nicht mehr aushalten können. Und damit zurück zu den absoluten Vorzügen des Hochleistungssports…:)
Fortsetzung folgt…


