Es geht mal wieder um die Entwickluing des Netzes. Also im weitesten Sinne Politik. Ich weiß auch nicht, warum ich im Moment immerwieder auf das Thema stosse, aber mei: Ab dem 28. September fällt das Thema sicher wieder weg.
Eine handvoll Blogger/Netzaktivisten/Impressarios hat sich zusammengesetzt und ein Manifest geschrieben und das danach sinnloserweise “Internet-Manifest” genannt. Wobei der Name eigentlich nicht sinnlos ist, aber ungenau. Eigentlich sollte es “Internet-Journalismus-Manifest” heissen, was aber natürlich nicht nur nicht griffig, sondern auch in keinster Weise catchy ist, weswegen man den Begriff “Journalismus” einfachheitshalber aus der Überschrift wegließ. Das ist natülich ein kapitaler Fehler gewesen, weil sich nun jeder angesprochen fühlt, der “Internet” ist. Und das sind ja nunmal eine ganze Menge Leute. In dem Manifest geht es aber nur um die Entwicklung von Journalismus unter den neuen Bedingungen. Gut, es geht am Rande auch noch um die Frage, wie man heutzutage ein Medienimperium schafft, aber das gehört theatisch ja fast dazu. Und natürlich hat das Manifest ein paar Problemchen:
- Wer soll das lesen? Die, die betroffen sind, stimmen ein wenig zu und wissen aber nicht so recht, was sie mit dem Text anfangen sollen. Kommentieren? Selber bloggen? Retweeten? Links liegen lassen? Was soll ich mit einem Text anfangen, der Tatsachen etwas allgemeiner formuliert, anstatt sie mit Beispielen zu untermauern, die mir sowieso klar sind? Da fühle ich mich nicht so wirklich repräsentiert, sondern eher etwas, nun ja, verarscht. So wie ein altes, 67-jähriges bayerisches Ehepaar mit einem jungen, schwarzen Berliner redet. Das fühlt sich nicht gut an. Allerdings, das muss man ja auch betonen: Den gleichen Umgamg pflegen die “alten Medien” mit dem kompletten Netz, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.
- Wie soll man Menschen, die offensichtlich vom Netz überfordert sind, durch das Netz erreichen? Gut, ich gehe davon aus, das das Manifest auch als gedruckte Version an die “Entscheider” weitergeschickt wurde. Oder nein: Ich hoffe es. Das Ding ist nur: Natürlich muss so etwas im Netz stehen, aber doch bitte nicht mit so einem Aufriss. Auch das das alle Beteiligten zum gleichen Zeitpunkt gebloggt haben, mag einen gewissen Impact gehabt haben, aber vor allem auf das “genervte Netz”, denn das es tatsächlich bis in die Chefetagen geschwappt sein sollte.
- Ich verstehe durchaus die Verzweiflung der Beteiligten und sehe auch wo die hinwollten. Aber wenn 15, in meinen Augen äusserst intelligente Menschen, die ich zum großen Teil sehr schätze (Disclaimer mittendrin: Ja, auch privat), zusammensetzen, dann sollte doch etwas mehr rauskommen, als so etwas undurchdachtes. Gut, die Meckerreaktionen waren abzusehen, da muss man nichts drauf geben, die kommen ja immer, aber es wurden ein paar Fehler gemacht, die man dann doch easy hätte vermeiden können, oben erwähntes Überschriften-Problem zum Beispiel oder eine gewisse Intransparent im erstellen des Papiers. Hier wäre etwas Integration des Netzes vorher wohl mehr als angebracht gewesen.
- Das Internet-Manifest ist zu verschwurbelt formuliert. Natürlich wissen die Autoren, das gerade Chefetagen empfänglich für solch eine Art “konzeptioneller Marketingtext” sind, aber da wäre doch deutich mehr drin gewesen. Klingt wie ein Kompromiss aus 15 Köpfen, was es ja demnach vermutlich auch ist. Da wäre ein Chefschreiber schon effizienter gewesen.
Damit könnte dieser Text auch eigentlich aufhören. Wenn da nicht diese Kultur des “Ich breche dir jetzt mal ins Gesicht, reiche dir dann ein Taschentuch in das ich vorher meine Popel geschmiert habe und wenn du dann noch scharf sehen kannst, dann pinkel ich noch auf deine Brille” wäre. Das scheint nämlich im Moment der Konsens bzw. die Neudefinition der Netiquette zu sein und ich finde das ehrlich unerträglich. Aber nicht nur, weil ich es formell daneben finde. Geschenkt. Das Netz ist nunmal voll mit Spacken, so wie die Welt da draussen auch. Ich finde es hinterwäldlerisch, rückschrittlich, daneben und einfach nur dumm. DAS ist das Problem. Alle schreien sich die Seele aus dem Leib, wegen angeblich vor der Tür stehender Netzzensur, aber wenn es dann mal darum geht gemeinsam anzupacken und “die da draussen” davon zu überzeugen, was für ein reichhaltiger Schatz das Netz ist, ja, das es quasi eine Art Naturreservat ist, das es zu schützen gilt, dann fällt ihnen allen nur ein, das Sascha Lobo auf einem Vodafone-Plakat zu sehen ist. Das ist kontraproduktiver als alle Von-Der-Leyens zusammen.
Verschiedene Dinge möchten mir dabei nicht in meinen Kopf:
- Woher dieser blanke Hass? Man könnte meinen Lobo wäre ein indischer Programmierer, der aus Versehen auf das Sommerfest der NPD gerät. Gut, er wäre ein Programmierer, der sich bei dem Sommerfest auch noch auf die Bühne stellen und versuchen würde, die Anwesenden von Sharukh Khans Superfilmen zu überzeugen. Aber dennoch: Ich bin auch nicht mit allem Einverstanden, was er tut und sagt, aber man sollte dennoch festhalten, das er für die Aussenwirkung des Netzes mehr getan hat, als die meisten selbsternannten Realkeeper des Netzes zusammen. Plus der Tatsache, das er sich anscheinend gerne als Zielscheibe zur Verfügung stellt, was den Hass auf seine Mitstreiter ein bischen kanalisiert und ein Johnny Haeussler oder Thomas Knüwer eben nicht mehr die volle Breitseite abkriegen. Die sich ebenfalls um eine grössere Diskussion und Akzeptanz verdient gemacht haben.
- Woher die Verachtung? Alle User, ausser den selbsternannten Rettern des einzig Wahren, sind dämliche Idioten, die nur auf Bild.de und SpOn surfen, vermutlich bei Facebook doofe Quizze spielen oder gleich Farmville, und die noch nie einen Wikieintrag editiert hätten, geschweige denn wissen, was ein Wiki überhaupt ist und die eigentlich nur Wikipedia kennen. Geradezu genüsslich werden die Seiten, die “normale” User ansurfen “Klicki-Bunti” genannt, als ob das das einzige wäre, was die interessiert. Diese himmelschreiende Arroganz mündet dann darin, das man sich empört, das die Regierung oder wer auch immer das Sagen in irgendwelchen Netzbereichen hat, sich über diese, sich selbst gerne “kritische Masse” bezeichnende, Gruppe von Lästerern hinwegsetzt, weil sie ja offensichtlich sowieso nicht zu einem Dialog bereit sind mit jemandem, der eben kein Net Citizen ist (Stichwort: Die “Internetausrucker”). Der Witz an der Sache ist: Sie sind es tatsächlich nicht. Selbst wenn der Dialog mit ihnen gesucht wird, können sie nur schreien und sich empören, aber mit einem Entgegenkommen ist definitiv nicht zu rechnen.
- Warum so billig? Das einfachste der Welt ist es, das Manifest auseinanderzunehmen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ja, die 15 Manifestierer können nicht für alle sprechen. Und auch wenn sie immerwieder “das Internet” sagen und “wir”, dann möchte ich dennoch nicht glauben, das das auch ihre Intention war. Das Problem an Netzdiskussionen ist ja das: Es wird immer, ich betone: IMMER, vom schlechtesten im Menschen ausgegangen. A-Blogger, ein Titel den sich Ami-Blogger nur zu gerne ans Revers haften, weil es sie für ihre Arbeit und Mühen belohnt (einschliesslich lukrativer Werbeschaltungen, die das so mit sich bringt), ist hierzulande mittlerweile ein Schimpfwort. Es ist geradezu verboten mit bloggen Geld zu verdienen, als wenn das die eigene Korrumpierbarkeit erhöhen würde. Das ist so dermassen weit entfernt von der Realität, das es nicht auszuhalten ist. Und ich will mich gar nicht auf das Neid-Argument der Kritiker-Kritiker berufen, das ist ebenso bescheuert. Hier geht es nicht um Neid. Das ist einfacher Hass. Das ist die Angst, sein Spielzeug weggenommen zu bekommen und dann wird einfach so lange weitergeheult, in der Hoffnung es dann irgendwann wiederzubekommen. Aber:
Das Internet wird nie wieder so wie früher sein. Es wächst, ständig. Und wie jeder Teenager, der gerade aus der Pubertät raus ist (zumindest aus dem Gröbsten), bemüht es sich nun als Erwachsener ernst genommen zu werden. Get over it.
Das Internet ist für alle da. Auch wenn das Nutzungsverhalten der meisten User nicht mit eurem übereinstimmt und ihr nicht verstehen könnt, wie man sich mit so wenig zufrieden geben kann, wäre hier doch nicht nur etwas Toleranz angebracht, sondern auch überlebensnotwendig. Get over it.
Das Internet verändert die Gesellschaft. Man muss aber auch bereit sein, über diese Änderungen zu reden. Dialogbereitschaft ist das vermutlich wichtigste Signal, das man aus dem Netz heraus in die reale Welt (ja, das Internet ist auch eine reale Welt, ich weiß, ich formuliere es jetzt nur etwas zugespitzt, wenn ich nämlich alle 2 Absätze relativieren muss, kriegen wir nie ein Manifest auf die Beine..;)) senden kann. Wenn man sich dem Dialog aber verweigert, auch oder besser gesagt vor allem denjenigen gegenüber, die offensichtlich keine Ahnung haben, dann wird hier alles schneller abgeschaltet, als man 7 Kinder gebären kann.
Das Internet ist keine homogene Masse und soll es bitte auch nicht werden. Auch wenn ich Rassisten-Dreck wie PI oder Panikmache a la Broder aus tiestem Herzen verachte und im ersten Moment reflexartig denke, das so etwas nicht erscheinen sollte, da es Menschen die eher schlichten Gemüts sind, auf die falsche Spur bringen könnte, finde ich es ebenso wichtig, das es existiert und dazu nützt, die “Gegenseite” aus der Deckung zu holen und zu lesen, warum die eigentlich so schräg denken, wie sie es nuneinmal tun. Ganz davon abgesehen das eine Demokratie das meiner Meinung nach sowieso aushalten muss.
Das Internet ist Herkules. Mindestens. Wir wollen alle das gleiche: Ein freies Netz, das nicht rechtsfrei ist. Das muss man auch mal ganz klar formulieren. Auch wenn das Politiker-Mantra “Das Netz ist kein rechtsfreier Raum” lächerlich ist und gerade bei eklatanten Rechtsmissbräuchen (Stichwort: Abmahnungen) eher das Gefühl entsteht, das das Netz zwar nicht rechtsfrei, wohl aber rechts-beugend sein kann, darf man sich nicht gemütlich auf seine Besserwisser-Position zurückziehen und sagen: Ihr seid so dumm, wir wissen wie das Netz geht. Sondern mit einer ebenso redundanten Vehemenz erklären, das niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen das Netz zu einem rechtsfreien Raum zu machen, der er sowieso nicht ist. Das ist mühsam und nervig, aber irgendwann kommt die Botschaft an. Bestimmt. Deswegen ist Zusammenhalten wichtiger als Grabenkämpfe. Das macht das Internet stark.
Das Internet ist … Alles was wir drauss machen. Wir können uns gegenseitig zerstören, Vorwürfe machen, anzicken, bekriegen, anmotzen, runtermachen, auslachen, unsachlich angehen. Wir können aber ebenso dafür sorgen, die Stärken des Netzes auszubauen, es zu einem Instrument machen vor dem “die da oben” zu Recht zittern, das sie ernst nehmen können und müssen, das aber ebenso gut für Ablenkung sorgt.
Wir sind das Netz. Wir werden das Netz sein. Wir sollten Bestehendes besser machen, anstatt unsere Energie dafür einzusetzen, die Versuche dazu zu zerstören. Hugh.