Ich habe Fernsehen immer geliebt. Ich habe mich auf die Ferien gefreut, weil ich da noch mehr Fernsehen konnte. Kinderferienprogramm, ARD-Kinderprogramm, whatever (Um mal einen Satz zu strapazieren, den nach 76 geborene sicherlich nicht mehr hören können: “Ich habe noch ferngesehen, als es nur Erstes, Zweites und Drittes gab!”). Ich habe es geliebt den alten Kasten anzumachen, das heimelige Geräusch wenn die Bildröhre gezündet hat, mit einem PLA-ZIIIIIIIIIING und das Bild sich langsam aus einem schmalen Streifen aufbaute. Erst ganz schwach und durchlässig bis es immer stärker und kontrastreicher wurde und man das Bild erkannte. Hach ja, Fernsehen was my first love.
Es war ein Sommernachmittag. So ziemlich alle aus meiner Familie waren ausgeflogen, nur ich war zu Hause. Ich glaube meine Mutter war schnell was einkaufen, oder so. Und ich habe eine meiner damaligen Lieblings-Abenteuer-Serien geguckt: Tom Sawyer und Huckleberry Finn. Und in der Folge ging es wieder ordentlich zur Sache. Die beiden Jungs wurden gefangengenommen und eingesperrt. Und mit einem geniualen Trick schafften sie es, sich aus ihrem Gefängnis zu befreien. Gebannt sass der 8-jährige Nilzenburger vor dem Fernseher und sah dabei zu, wie die beiden Jungs erst eine Zeitung unter der Tür des Verlies herschoben. Dann stocherten sie mit einem Stock den Schlüssel aus dem Schloss (auf der anderen Seite der Tür, natürlich). Der Schlüssel fiel auf die Zeitung, sie zogen sie wieder rein und konnten sich befreien. Wahnsinn. DAS war wirklich echtes Abenteuer.
Wenn das Kinderprogramm zu Ende war, kamen nur noch langweilige Sachen im Fernsehen. Deswegen schaltete man als Kind automatisch ab. Was sollte ich aber nun tun mit der neu erworbenen Erkenntnis der Selbstbefreiung? Der Fall war klar: Da mich in nächster Zeit niemand einsperren würde und ich mich genauso heldenhaft wie in der Serie befreien können würde, müsste ich die Sache wohl selber in die Hand nehmen.
In weiser Vorraussicht meiner Eltern hatte mein Zimmer keinen Schlüssel, aber meine Schwester war nicht da und ihr Zimmer war abschliessbar. Da sollte mein grosser Coup steigen. Erstmal ging ich ins Zimmer. Ich fühlte mich verwegen und ganz abenteuerlustig. Dann schloss ich mich ein. Nun hatte ich ja den Schlüssel, das ganze war also witzlos. Aber bestens vorbereitet wie ich war, hatte ich auch schon eine Zeitung dabei. Ich nahm also den Schlüssel, legte ihn auf die Zeitung und versuchte beides unter der Tür nach draussen zu schieben. Dabei musste ich aber eine ziemliche Kraft aufwenden, weil bei uns im Haus überall Teppich lag, der ziemlich bündig mit den Türkanten abschloss. Ich quetschte Schlüssel und Zeitung auf die andere Seite. Jetzt war alles bereit.
Und da dämmerte es mir langsam. Das würde so nicht funktionieren. Ich zog an der Zeitung, aber alles was ich bekam war ein abgerissenes Stück der Panorama-Seite, und zwar der Teil, welcher auf meiner Seite der Tür war, und das war nichtmal der Teil mit “Oskar, der freundliche Polizist”, so ziemlich das einzige, was mich damals an der Tageszeitung interessierte. Ansonsten kam nichts mehr ins Zimmer. Ich versuchte mit etwas länglichem, einem Stift oder Kleiderbügel, unter der Tür zu fischen und an den Schlüssel zu kommen, aber die Lage war aussichtslos. Ich sollte aus eigenen Kräften nicht mehr aus dem Zimmer im ersten Stock herauskommen. Ich habe mich tatsächlich eingeschlossen und den Schlüssel weggeworfen. Verdammt. In der Serie sah das alles so ungemein einfach aus.
Und ich sah mich schon halb verhungert im Zimmer meiner grossen Schwester aufgefunden werden. Es war eine existenz-bedrohende Situation. Ich klopfte und rief, doch niemand hörte mich. Also fing ich an zu weinen. Ach, hätte ich doch niemals diese Geschichte nachzumachen versucht, ich war eben doch kein Abenteurer, sondern ein typisches, behütetes Vorstadtkind. So weinte ich bittere Tränen. Bis ich hörte, das jemand die Haustür aufschloss. Ich mobilisierte meine letzten Kräfte (ich war immerhin schon gut eine Stunde da oben eingesperrt, das zehrt!) und rief so laut ich konnte nach Hilfe. Dann hörte ich meine Mutter nahen. Sie wunderte sich darüber, das der Schlüssel vor der Tür lag, mit zerknüddelter Zeitung und befreite mich endlich resp. rettete mir das Leben. Was war ich glücklich!
Und zum Trost hab ich dann erstmal ein bischen fern gesehen.