Fischer, Fischer, der Pop ist kaputt!

Achtung: Der folgende Text ist relativ zusammenhanglos und vielleicht auch hier und da ein bisschen unfair hart gegenüber einigen Acts. Er ist aber vor allem gnadenlos subjektiv und aus einer Art Notwehr heraus geschrieben. Da haut man schon mal um sich. Mea culpa.

Hier der Text von mir eingelesen.

Es war Echo und meine ganze Facebook-Timeline platzt vor Helene Fischer Postings. Von “war doof” über “gar nicht mal so schlimm” und “Hahaha, super Endgag” bis “Fischer macht nen super Job!” war alles dabei.

Mein Verhältnis zu Helene Fischer war bislang so: Ach, naja, würd ich mir nie holen, aber ist doch lustig. Ist doch eigentlich wie Britney, nur auf deutsch. Und ich war früher ein großer Britney Spears Afficionado. Und das Phänomen, dass die jetzt auch ausserhalb eines Schlager-Kontexts stattfindet, fand ich auch faszinierend. Und spannend.

Aber, vielleicht auch ausgelöst durch eine Diskussion, die ich gestern auf meiner Timeline hatte, in der mir ein Freund, der großer Sex Pistols Fan war, erklärt hat, wie grotesk lächerlich ihm Kate Bush damals vorgekommen ist, als sie ihre ersten Songs veröffentlichte, plötzlich stand ich da und dachte: Moment mal. Hier läuft irgendwas ganz falsch. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit wurden “Künstler” wie Fischer ausgelacht. Sogar von irgendwelchen Dance Acts. Und jetzt ist diese Art Musik, dieser Schlager, plötzlich Konsens-Pop? Auf einmal sträubt man sich nicht mehr dagegen, zu einem Lied aus den “Mit den Schuhen kommst du hier aber nicht rein, Freundchen!”-Läden dieser Welt mitzuwippen? Die Freundin von Florian Silbereisen ist ein fuckin Popstar?

Wie, verdammt nochmal, konnte es so weit kommen. Warum gibt es nicht mehr “die” und “uns”? Als ich vor ca. 10 Jahren zum letzten Mal auf dem Echo war und Andrea Berg einen Preis bekommen hat, war die ganze Halle so: Hä? Wer ist das denn? Und jetzt machen alle Selfies mit Helene Fischer. Es ist ein Alptraum. Die Musik der Spiesser hat gewonnen. Wie konnte es nur so weit kommen?

Nun, es gibt viele Gründe. Die Toten Hosen zum Beispiel machen seit Jahren Lieder, die so auch Wolle Petri im Programm haben könnte. Die ganzen “Schmusebarden”, also einsame Männer mit Akkustikgitarren, die mit brüchiger Stimme ihren ganzen Exen hinterher jammern, haben deutschsprachigen Pop total aufgeweicht. Beliebiger gemacht. Empfänglicher für simple Schlüsselreize. Dazu noch die Plattenfirmenkrise, die nicht etwa dafür sorgte, Produkte kundenfreundlicher zu machen, sondern sich auf den Markt zu konzentrieren, auf dem noch gekauft wurde und wird: Der Schlager. Und den Markt so groß wie möglich zu machen. Da freut sich auch Onkel Bohlen und pumpt sein DSDS mit Schlager voll, auf das ein neuer Markt entstehe, den man schnell abgrasen kann. Dann lässt man wehrlose, alte Männer noch irgendetwas covern, was nicht zu ihnen passt und auf einmal wird alles umgedreht. War es in den 90ern noch ein Akt himmelschreiender Ironie, wenn eine Band einen alten Schlager nachspielte (zum Beispiel Creme 21 mit “Wann wirds mal wieder richtig Sommer?” oder Dieter Thomas Kuhn mit “Über den Wolken”), bei dem man sich so stark zuzwinkerte, dass Augenkliniken mehrere Augenhöhlenbrüche behandeln mussten, so ist es jetzt genau umgekehrt: Heino singt die Ärzte nach und alle denken, es sei “kultig”.

Mann, ich bin so sauer. Ich bin sauer, dass ich mich auch hab einlullen lassen. Das ich denen auf den Leim gegangen bin. Helene Fischer ist Schlagersängerin, Herrgott nochmal. Alles tutsi-tutsi, heile Welt. Mei, was ein schönes Paar, die Helene und der Flori.

BUÄH! Ich muss kotzen! Das ist verkaufsoptimierter Dreck. Es gibt keine Musik, die so sehr auf verkaufen ausgelegt ist, wie Schlager. An dieser Musik ist überhaupt nichts mehr echt, da findet keine Leidenschaft mehr statt, da geht es nicht mal mehr um Musik. Jeder scheiss Mitte-Elektro-Laptop-Frickler hat mehr Seele und Liebe in seinen nicht-enden-wollenden “Songs”, als die gesamte deutsche Schlagerszene zusammen. Abgewichste Musikerdarsteller, die Abends an der Hotelbar bei einem Pils und einer Kippe sitzen und erzählen, dass sie eigentlich Rockmusiker werden wollten und das Herz eines Rockers haben. Musik machen wie zur Stechuhr gehen. Als Job. Und alle finden ja eigentlich AC/DC toll.

Bäh, ich muss mich richtig schütteln. Pop ist kaputt. Und ihr Schlagerspackos habt ihn auf dem Gewissen. Der Wendler ist nicht Kult oder doch, der Wendler ist total “Kult”, weil mit “Kult” werden ja auch nur noch Dinge beschrieben wie Toilettenpapier mit Witzen drauf bei Nanu-Nana oder Schnaps in Flaschen, die wie Zündkerzen aussehen. Das Prinzip Merkel hat es in die deutsche Musikbranche geschafft. Eigentlich logisch nach so vielen Jahren rumregieren. Man faltet die Hände und lächelt sich so durch. Bloss niemanden aufregen, es soll ja keiner merken, dass von einem nicht viel kommt oder das bei dem, was da so kommt, nicht viel hintersteckt. Helene Merkel. CDU ist Pop. Andrea Nahles ist Pop. GroKo ist PopKo.

Der Test: Man stelle Helene Fischer neben irgendeine xbeliebige Künstlerin und vergleiche. Ist egal neben wen: Lady Gaga, Katy Perry, Britney Spears, younameit. Immer ist Fischer sofort der Bauerntölpel. Das poppige Nichts. Die deutsche Sängerin. Bieder bis zum Anschlag, substanzlos wie eine Rede von Thilo Sarazzin. Für den Eurovision Song Contest wählen die Deutschen zwischen Unheilig und einer Newcomer-Band mit einem Lied, bei dem der deutsche zu Hause so richtig schön auf die Eins klatschen kann. Ach, wir schicken die zu einem internationalen Wettbewerb? Ist doch egal! Wenn wir keine Punkte kriegen, dann sind halt wieder irgendwelche Absprachen schuld. Die Escada vom letzten Jahr hätte doch mindestens Erste werden müssen, mit ihrem Staub-Disco-Pop. Das war Schiebung!

Vergiss es, Zynismus oder Ironie hilft uns auch nicht weiter. Deutscher Pop ist tot. Vereinzelte Heldentaten, wie zum Beispiel Marteria, helfen uns da auch nicht mehr raus. Ich hab keine Ahnung, wie man das Ruder wieder rumreissen kann. Wenn Freunde moderne Schlager plötzlich gar nicht mehr so schlimm finden, dann erinnert sie daran, dass sie es doch sind. Das eine Helene Fischer auch nur ein G.G.Anderson in blond ist. Das uns allen der Wolf im Pop-Pelz untergemogelt wurde. Schlager ist der Schrebergarten des Pop und wird uns gerade als Hofgarten verkauft. Stop damit! Hört auf! Ihr könnt keine Petition gegen Lanz unterschreiben, aber “Atemlos” auf dem mp3-Player haben. Menschen unter 18 Jahren sollten nicht einmal wissen, wer Helene Fischer überhaupt ist! Denkt doch mal an die Jugend! Deren Pop soll vor allem eins: Uns nerven.

Kennt ihr den Film “Sie leben”? Wo einer mit so einer Spezial-Sonnenbrille sieht, dass die Welt von Aliens unter Kontrolle gebracht wurde, weil sie auf jeder Leinwand, in jedem Fernseher sublime Botschaften aussenden, die man nur mit eben jener Brille sieht? Und die Leute sind alle unter ihrem Bann, während der Typ versucht, alle “aufzuwecken”?


[YouTubeDirektUntendrunter]

So fühl ich mich gerade. Helft mir! Lasst uns alle aufwecken! Lasst uns Pop zurückerobern! Lasst uns Songs schreiben, Videos drehen, iTunes-Chart-Manipulationsflashmobs machen.

Vielleicht gründe ich eine neue Religion, in der es nur um die Rettung von Musik geht. Und dann steh ich morgen klingelnd vor eurer Tür. Und wenn ihr aufmacht, sag ich nur:

“Hallo. Ich möchte mit ihnen über Pop reden.”



Der Beirat der Musikindustrie - der Song

Der Echo, der nationale Musikpreis, hat jetzt einen externen Beirat. Diese, vom Echo-Veranstalter ernannte, “Experten”-Kommission, bestehend aus sieben weißen Männern (wenn irgendwo eine Quote vonnöten ist, dann ja wohl dringend in der Musikindustrie) soll Fälle klären, die zu Diskussionen führen oder führen könnten. Wir erinnern uns alle an das vergangene Jahr und die Nominierung und dann, nach breiten Protesten seitens der Künstler, wieder Ent-nominierung von brei.mild. Solch ein PR-Desaster für den Echo möchte man nun proaktiv vermeiden. Und hat deswegen eben jenen Beirat gegründet, der die Fälle unabhängig (hahaha) bewertet. Und der hat auch gleich seinen ersten Job, denn schrei.bild stehen natürlich wieder vor der Tür, diesmal mit einem unplugged-Album oder so, welches sich natürlich auch wieder dutzendfach verkauft hat, an irgendeine sich missverstanden-wähnende Masse. Und wenn es etwas gibt, was den Bundesverband der Musikindustrie aufhorchen lässt, dann ist es der liebliche Klang eines “Ka-Ching”. Und bei wem es ganz oft ka-chingt, den haben die dann natürlich ganz doll lieb. Und haben deswegen den Beirat entscheiden lassen, dass wir alle dieses Jahr drei.grillt auch ganz dolle lieb haben. Nicht das die sich in irgendeiner Weise innerhalb der letzten 12 Monate geändert hätten, im Gegenteil. Der Echo-Ausschluss von vor einem Jahr wird denen sogar ganz Recht gewesen sein, konnte man sich doch nur noch mehr als armes Opfer der von denen sogenannten “Mainstream-Medien” gerieren. Das mögen die Fans. Wir gegen alle, niemand versteht uns. Da muss die Band sich dieses Jahr etwas Neues einfallen lassen.

Aber, da der Beirat des Industrieverbands der Musikindustrie ja beschlossen hat, dass wir jetzt alle zwei.gilt-Fans sind, möchte ich helfen. Ich habe der Band (und dem heiligen Beirat) einen Song geschrieben, der sicher der nächste Hit für sie und ihre Fans wird:

Hier der Text, zum mitlesen und mitsingen:

Ihr habt uns nicht verstanden,
das war schon immer so.
Uns war das stets egal.
Doch dann kam der Echo.

Mit euren dummen Lügen
und viel zu engen Hosen,
habt ihr uns von der Preis-
Verleihung ausgeschlosen.

Wir dachten dieses Jahr,
lädt uns keiner mehr ein.
Denn alle deutschen Bands,
ausser uns, sind voll Gemein. (Und Lügner! Und die Mainstreamlügenpresse auch!)

Doch der Echo selbst
wollte uns unbedingt!
Und hatte ne Idee,
damit das jetzt gelingt!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir gründen einen Beirat!
Und dann haltet ihr die Fresse!
Ihr werdet uns nicht stoppen!
Wir werden nicht vergesse (das “n” ist stumm)!

Wir lieben den Beirat,
der Beirat macht uns stolz.
Das sind keine Lügner,
die sind aus unserm Holz.

Zum Glück sitzen im Beirat,
keine Wesen mit zwei Brüsten.
Weil die mit Sicherheit,
nichts beizufügen wüssten.

Die machen doch nur Ärger,
genau wie diese Bands,
die nicht mit uns spielen wollen.
Wo bleibt da die Toleränz?

Nein, nein, in unserm Beirat,
sagen Männer wie es läuft.
Und wer das kritisiert,
muss halt zusehen wo er säuft (auf jeden Fall nicht auf der Echo-Aftershow-Party)!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir verkünden eine Heirat!
Das ist der schönste Tag im Leben!
Die Onkelz und wir,
werden uns das Ja-Wort geben.

Wir fahren heut nach Beirut!
Da soll es ja sehr schön sein!
Wir brauchen noch ein Dreirad!
Jetzt wirds schon wieder gemein.
Wir machen jeden Brei fad!
Wir gehen heut ins Freibad!
Wir hassen jeden der,
einen Papagei hat!
Malst du Bilder mit Schwertern,
dann ist das Samurai-Art!
Verdoppelst du dein Haarspray,
dann besitzt du zwei Gard!
Boxt du gegen einen Fisch,
merkst du schnell: Oh, ist der Hai hart!
Lügenpresse, Lügenbands, Gutmenschen!
Hass! Hass! Hass!



Offene Tabs 3 (Musik-Edition)

Manchmal sind nur noch Tabs mit Musikvideos auf.

- Bardo “One Step”
Die waren wohl Anfang der 80er die Grand Prix Hoffnung für England und haben dann mit diesem Song Platz 7 gemacht. Für mich, heute, mindestens Platz 1. Ich mag auch diese vollkommen bescheuerte aber so herrlich unschuldige Choreografie. Superguter Song. Raffinierte Popkomposition. Ein bisschen Bucks Fizz, aber mit so einem Extra-Schuss Ambition. Ich mag so was ja gerne.


[YouTubeDirektWendyPärchen]

- Jürgen Drews “Es ist kalt in meinem Zimmer”
Ich frag mich wirklich immer, ob Jürgen Drews vielleicht eine ganz andere Karriere hingelegt hätte, wenn der keinen Erfolg mit seinem blöden Bett im Kornfeld gehabt hätte. Vielleicht wär der eher so in die Liedermacher, wenigstens aber in die Chansonnier-Richtung, ähnlich einem Udo Jürgens, gegangen. Das wär irgendwie cool gewesen, find ich. Hier spürt man ein bisschen, wo das hätte hinführen können. Wir wissen halt leider alle, dass es woanders hinging. Aber manchmal, in so Interviews, da merkt man dem an, dass der auch mal ambitioniert war. Das da tief im Herzen, unter der König von Mallorca-Oberfläche, noch ein Drews lebt, der eigentlich Musik machen will.

[YouTubeDirektHeizung]

- Gillian Scalici “Antarctic Arias”
Ein enorm seltsames Lied, dass mich nicht mehr loslässt, seit ich es zum ersten Mal in irgendeiner Sendung gesehen habe. Das rockt so gut. Und dieser Gesang - sehr schräg. Geil. Und irgendwie ist die auch sexy, obwohl ich finde das die ein wenig wie Tony Danza aussieht. Auf eine gute Art!

[YouTubeDirektOpernMetal3000]

- Ireen Sheer “Wenn du eine Frau wärst und ich wär ein Mann”
Ich hab eigentlich die herrlich ungelenke, deutsche Version von “Don´t go breakin my heart” gesucht und bin dabei auf diese Nummer gestossen. Ich konnte nicht anders, bei diesem Songtitel musste ich klicken. Und was sah ich gleich als Erstes? Gabi Decker im Chor! Hihihi, wie süß. Find ich gut, deswegen bin ich auch drangeblieben. Der Song ist wirklich seltsam, ich kapiere überhaupt nicht, was mir der Text sagen will. Und dann dieses Bonnie Tylereske. Auf einer Millarde Ebenen schräg. Vielleicht nicht gut, aber einmal sollte man das schon gesehen haben.

[YouTubeDirektGendertausch]

- Laura Branigan “All night with me”
Ich weiß auch nicht warum, ich werd von so yachtrockigen Hall & Oates-Hooks immer magisch angezogen. Ich kann mich da nicht wehren. Und hätte nie gedacht, dass Frau Branigan auch ein Lied mit Gefühl intonieren kann.

[YouTubeDirektDurchmachenMitMir]



Wenn, dann so: Die Höchste Eisenbahn “Schau in den Lauf Hase”

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Ich will nicht lange rumdrucksen: Das ist die Platte des Jahres. Jetzt, wo es raus ist, kann ich mich entspannen, muss keinen künstlichen Spannungsbogen aufrecht erhalten, sondern kann versuchen in ganz klaren Worten die perfekte Schönheit dieses Debuts zu beschreiben und zu loben. Kann ruhig auch so Dinge sagen wie: „Mehr als dieses Album braucht von 2013 nicht übrig bleiben.“ Oder: „Wenn ich mich für drei Dinge für die berüchtigte einsame Insel entscheiden müsste, wären es wohl Die, dann Höchste und Eisenbahn.“

Und dann würden die Leute beim lesen aber unruhig werden. Die Augen würden weiterwandern, den Text verlassen und bei irgendeinem Quatsch hängenbleiben. Weil es nur flache Platitüden wären. Und ich müsste aufpassen. Solche Sätze wohl dosiert einsetzen, wenn überhaupt. Das Letzte was ich will, wenn ich beschreibe warum „Schau in Den Lauf Hase(Amazon-Partnerlink) für mich eine der großartigsten Pop-Platten seit langer Zeit ist (neben „Drei ist ne Party“ von Fettes Brot – die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen), ist den Eindruck zu erwecken, Zeilen schinden zu wollen. Ich will einfach ein Gefühl aufmachen, das vielleicht ansatzweise das erreicht, das diese (bei mir) Platte auslöst.

Aber eine Platte besprechen, von schnoddrigem Gesang sprechen, diese Art Pop historisch einordnen, andere Bands in diesen Kompositionen hören und das alles in elaborierte Worte fassen, das kann ich eigentlich nicht, vor allem nicht wenn ich Begeistert bin. Dann will ich BRÜLLEN! Ich will mich auf den Marktplatz stellen, auf eine Kiste mit einer Flüstertüte und rufen: Menschen, kauft diese Platte, hört sie, Tag und Nacht! Ich verspreche, diese Welt wird ein besserer Ort! Versuchen kann ich es ja trotzdem mal:

Die Lieder von Die Höchste Eisenbahn entwickeln alle einen so seltsamen Sog, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht bei der „Siamese Dream“ der Smashing Pumpkins erlebt habe und doch ist es musikalisch nicht zu vergleichen. Verzerrte Rock-E-Gitarren finden hier nicht statt. Hier hört man 80er Jahre Synthesizer, entfernte Saxofone, Kinderchöre, Drummachines und zärtliches Schlagzeug, weiche, anschmiegsame Gitarren, ein ehrliches Piano, zurückhaltende Streichersätze. Wie kann ich meine Begeisterung ausdrücken, ohne für esoterisch gehalten zu werden? Wie kann ich den Ausdruck „sphärisch“ umschiffen? Ich spüre eine gute Dosis Hall & Oates. Ich schmecke Spandau Ballet, einen ordentlichen Schuß Cure, Paul Simon und Hamburger Schule. Und natürlich ein sehr, sehr eigenes Verständnis von Musik, von Kompositionen, die so eine schöne Trauer haben, dass man sie am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber nicht um sie glücklicher zu machen, sondern um ein bisschen was von dieser wundervollen Traurigkeit abzukriegen, die einen nachts mit Tränen in den Augen durch die verregneten Straßen spazieren und lachen lässt, weil einem so viel bewusst wird, wenn alles drum herum stimmt.

Die Texte handeln oberflächlich größtenteils vom scheitern. Aber wer immer scheitert, der sieht das anders. Der scheitert nicht. Und die Situationen in denen die Texte spielen, können nicht im klassischen Sinne gut ausgehen. Es sind keine Happy End-Situationen. Es sind eher die Momente kurz vor der Klimax, die, in denen dem Held bewusst wird, was er alles falsch gemacht hat. Und nach denen er damit anfangen wird, alles besser zu machen. Man kann auch sagen: Die wahrhaftigsten Momente im Leben.

Im Lied „Pullover“ zum Beispiel, meines Erachtens nach der Überhit dieser Hitplatte, wird mit einer textlichen Auf-den-Punktheit eine Liebe beschrieben, die für immer ist, aber scheitern muss. Weil im Leben so vieles ist, das es so schwer macht, für-immerigkeit zu leben. Aber vielleicht ist das ja toll, vielleicht ist das ja gerade schön. Vielleicht ist es ein toller Moment, das zu begreifen. Vielleicht ist es ja „für immer“, nur eben in diesem Moment. Die letzte Zeile des Refrains heisst dann auch: „Ohne Kopf ist er endlich das was er ist.“ Dazu pumpen die Rhodes in schönsten Sehnsuchtsfarben.

Oder „Mira“: Die Akkustikgitarre pickt sanft, aber bestimmt. Und wir hören die Geschichte eines Paares, das sich ein Haus anguckt und dort wohl seine Zukunft plant. Aber der Mann, der Sänger, dessen Perspektive wir hier erzählt bekommen, kann sich nicht dazu durchringen. Kann sich nicht verbindlich auf eine Zukunft einlassen. Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass dieses Idyll die Endstation sei. Das man sich so einen Klotz ans Bein bindet, mit so einem Haus, den man nie wieder los wird. Man läuft durch so eine Gegend und alles ist schön. Ausser sich alt werden zu sehen. Zumindest nicht für den Helden dieses Lieds. Und die Frau hat keine Alternative: Sie muss Schluss machen, wenn sie keine Lust auf so eine Unsicherheit hat. Sie erwartet anderes vom Leben. Das Ganze erzählt in bittersüßen vier Minuten sechsunddreissig. Wahnsinn.

Die Höchste Eisenbahn macht mit ihrem ersten Album keine große Hoffnung, dass am Ende alles gut würde. Aber sie schenken trotzdem ein gutes, ein wunderbares Gefühl. Weil vielleicht gar nicht alles gut werden muss oder kann. Ein bisschen wäre ja auch schon gut. Eine Platte wie ein Sonnenuntergang, der alles wegwischt und resetet. Die Höchste Eisenbahn kennt die Problemchen, mit denen wir uns rumplagen und die uns oft zu peinlich sind, um sie zu teilen. Und sie finden sehr präzise und genaue Worte, uns diese eigenen Doofheiten vor Augen zu führen. Aber diese Formulierungen, diese Worte sind so präzise, dass sie auch noch genug Platz und Raum lassen, sie absichtlich mißzuverstehen. Denn wer uns so genau kennt, der weiß auch was für uns am wichtigsten ist: Selbstbetrug. Und dafür ist immer Platz.

Die Platte endet mit den (ja, italienischen) Worten: „Sono io che afferra quello che non vuole.“ Was ich jetzt mit meinem zusammengeklaubten Italienisch als: „Ich habs nicht gerafft…“ übersetzen würde. Fänd ich irgendwie ein gutes Fazit. Auf eine seltsame Art.



Die fünf besten, kölschen Lieder aller Zeiten (Endlich gute Musik - Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Kölsche Musik. Man muss nicht aus Köln kommen, um ihren besonderen Zauber zu verstehen. Aber man muss sich einen Kölner ansehen, wie er sie mitsingt um zu begreifen, was die mit einem Menschen machen können und um ihre herzzerreissende Schönheit zu verstehen. Am besten an Kölnern im Exil ausprobieren. Und Taschentücher bereit halten!

Platz 5
Et Trömmelche – De Räuber

„Denn wenn et Trömmelche jeit, dann stonn mer all parat und mir trecke durch die Stadt un jeder hätt jesaat: Kölle alaaf, alaaf! Kölle alaaf!“ Das ist das Gefühl „Karneval“ komplett auf den Punkt gebracht. Schon Tage vor den „tollen Tagen“ (sprich Weiberfastnacht bis Aschermittwoch) fiebert Köln dem großen Fest entgegen, in dem sich jung und alt vergnügen, das die Schwarte kracht. Das Angenehme dabei ist ja auch noch, das allen Versuchen zum Trotz, Karneval immer noch nicht DAS große Ausflugsziel junger Partytouristen geworden ist. Also ja, na klar, es gibt Karnevalstourismus (auch Rückwärts: Die Kölner, die über die Zeit aus der Stadt fliehen…), aber der ist immer noch in einem überschaubaren Rahmen. Vermutlich einfach deswegen, weil das ausserhalb Kölns kein Feiertag ist. Da liegt am Rosenmontag und an Weiberfastnacht einfach die halbe Stadt brach. Wir lieben eben unseren Karneval.
Nun durfte ich mir auch oft genug von ausserhalb anhören, dass das ja nur ein Sauffest sei und so viele Menschen und ihh und bah. Dazu muss ich sagen: Ich bin damit aufgewachsen, ich sehe das natürlich ein bisschen anders. Aber ich begreife Karneval eher als Chance: Die Chance, endlich einmal in die Kneipen zu gehen, in die ich da Jahr über sonst nicht gehe. Und der größte Spaß an Weiberfastnacht ist es in einer Gruppe Freunde verkleidet eine Kneipe zu „erobern“ in der nicht so viel los ist. Da hatte ich bislang den größten Spaß. Die Leute lieben es auf die Strasse zu rennen und gemeinsam zu feiern. Hach, man muss Karneval einfach lieben. Das ist wahre Völkerverständigung.

Platz 4
Winke Winke – De Höhner

„Winke Winke“ war das erste kölsche Lied, das ich mitsingen konnte. Schon alleine deshalb gebührt ihm hier natürlich ein Ehrenplatz. Ich bin ja zwar im Kölner Grossraum aufgewachsen (im schönen Wesseling), aber bei uns zu Hause wurde kein Kölsch gesprochen. Insofern war das schon wichtig und toll, auch endlich etwas in dem Dialekt zu können. War natürlich nur der Refrain, aber das ist ja erstmal egal. „Winke, winke, winke, isch jonn eine drinke, drinke, drinke! Ein, zwei Bier, dann komm ich widder heim!“ Die genaue Bedeutung war mir im zarten Alter von Acht auch noch nicht klar, geschweige denn, das ich den Text verstehen konnte.
Über zwanzig Jahre später: Ich war mittlerweile ein großer Liebhaber des kölschen Liedgutes. Vor allem diese ganzen Songs aus den siebziger Jahren haben es mir angetan, allen voran natürlich die Bläck Fööss. Aber auch alte Höhnerlieder waren toll. Nun habe ich mich mit zwei Freunden zusammen getan und wir haben eine Band gegründet namens „Stussdämpfer“ und hatten ein Lied geschrieben, welches „De Mülltüüt“ hiess und als Demo aufgenommen. Wir wollten einfach mal wieder ein kölsches Lied machen, das so instrumentiert ist, wie die alten Nummern und keine durchgehende 4totheFloor-Bassdrum hat, wie dieser ganze neue Schlagerrotz, der immer über die kölsche Musik hereinbricht. Der EMI, eigentlich DIE kölner Plattenfirma, gefiel das total gut und wir machten zusammen eine Single daraus. Ich würde auf Sitzungen spielen! Im Karneval! Und wir haben der Plattenfirma sogar noch eigene Stussdämpfer-Schnäpse als Promotool aus den Rippen geleiert! Wie toll das war, denn selbst wenn es kein Erfolg würde (und das wurde es nicht): Ich hatte ein kölsches Lied veröffentlicht. Ich war ein Teil, der Kölner Liedkultur. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Unsere Plattenfirma wollte uns noch ein bisschen mehr promoten und darum gab es folgenden Plan: Der Express, DIE Kölner Boulevardzeitung, machte einen Wettbewerb, zusammen mit den Höhnern: „Kölle sucht das Superhohn“. Ja, der hiess wirklich so. Und wir sollten da mitmachen, weil das gute Presse wäre. Zu Anfang sollte sich jeder ein Lied der Höhner aussuchen und für die performen. Und da schliesst sich der Kreis natürlich wieder, denn was hab ich mir ausgesucht: „Winke Winke“.

Um das Lied einzustudieren hab ich mich natürlich zum ersten Mal genauer damit auseinandergesetzt und war ganz verzückt: Es beginnt wie ein Lied über einen typischen Hausmann, der seine Frau alleine zu Hause sitzen lässt, weil er ein Bier trinken will und die Frau ihn ein bisschen nervt. Dann aber dreht die Frau das Lied plötzlich um und geht selber einen trinken und zwar ausdrücklich ohne ihren Mann. Der ist ganz verdattert. Und versteht die Welt nicht mehr. Herrlich. Kölsche Emanzipation. Schon immer so en passant erledigt.

Wir haben das dann auch unplugged, nur mit einer Akkustikgitarre vor den Höhnern vorgetragen, aber sind nicht weitergekommen. Da waren wohl Andere, die das mehr wollten. Aber ey: Ich hab denen ihr eigenes Lied vorgespielt, das meine Initialzündung war. Man kann sagen: Was kölsche Musik betrifft hab ich in der Session so ziemlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Winke, winke!

Platz 3
Ich han nen Deckel – Bläck Fööss

Wenn man in Köln lebt, dann hat man irgendwann schon ein gewisses Stillstand-Gefühl. Die Stadt ist so klein, jeder kennt jeden und schnell denkt man, das alle Möglichkeiten etwas anzustellen ausgeschöpft sind und beginnt Däumchen zu drehen. Das liegt natürlich auch daran, das Köln relativ überschaubar ist. Eine kleine Stadt in der sich mehr oder weniger wirklich alles zu Fuß machen lässt. Und irgendwie führt ja auch alles immer auf den Dom zu. Aber das wird einem natürlich auch irgendwann zu eng. Es fühlt sich an, als gäbe es keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr. Als hätte jeder schon mal aufgelegt, gelesen, getan und gemacht. Und dann zieht es einen weg. Oder zumindest mich. Und so bin ich über viele Umwege in Berlin gelandet. Und ich mag Berlin, vor allem im Sommer. Berlin, mit seinen riesigen Strassen, hat ein irrsinniges Freiheitsgefühl. Hier kann jeder rumlaufen, wie er oder sie will. In Berlin gibt es keine zu kleinen Strassen, man kann hier sieben Tage die Woche ausgehen und trotzdem jeden Abend auf komplett neue Leute treffen. Man kann sogar sieben verschiedene Freundeskreise haben, die sich kein bisschen überschneiden. Das geht nur in einer großen Stadt. Und Berlin ist die einzige, wirkliche Großstadt in Deutschland.

Was man dabei aber gerne mal übersieht: So kölsche Lieder und die ganze Kultur, das prägt natürlich auch ungemein. Und wenn man dann mal weg aus der Heimat ist, dann fällt einem das ganz besonders auf. Plötzlich rümpfen die Leute die Nase, wenn man mal vom Karneval erzählt. Gucken einen an, als spräche man Mandarin, wenn man kölsche Lieder singt oder erzählen etwas über angebliche „Reagenzgläser“, wenn man über sein Lieblingsbier aus der Heimat referiert. Das kuschelige, kölsche „Man kennt sich“, weicht einem „Sprich mich bloss nicht an!“ und Rücksicht aufeinander ist plötzlich ein Fremdwort.

Nun war Berlin ja schon immer beliebt, hat aber, denke ich, durch den Mauerfall noch mal an Popularität dazu gewonnen. Ist dann irgendwie doch einfacher zu erreichen. Junge Menschen leben heute gerne in Berlin. Und jetzt kommts:

Auf der Platte „Mer han nen Deckel“ aus dem Jahre 1978 haben die Fööss ein Lied gesungen, in dem ein Mann zum arbeiten nach Berlin ziehen muss. Weil da die besseren Jobs sind und alles besser ist und größer und wilder. Ausserdem, so heisst es in dem Song, wurde ihm gesagt: „Komm her zu uns. Berlin ist in!“. Ist das nicht unglaublich, das man dieses Lied 35 Jahre später immer noch (oder wieder?) genauso unterschreiben kann? Der Text handelt dann auch davon, Köln in der Fremde zu vermissen. Auch wenn es einem in der Fremde gut geht und man glücklich ist und Freunde hat und alles: Wenn ein Kölner aus Köln raus muss, dann fehlt ihm immer was. Eben Köln. Und deswegen hat der Protagonist des Lieds in seiner Stammkneipe in Köln, „Beim Strohze Jupp“, auch immer noch einen Deckel liegen. Damit er immer zurück kann und muss. Was für ein wundervolles Bild ist das bitte schön, in so einer zarten und schönen Country-Ballade. Mit einer ganz wunderschönen Mundharmonika. Das beste Mittel gegen Heimweh ist eben total superpathetisches Heimweh.

Platz 2
En unserm Veedel/Drink doch eine met – Bläck Fööss

Warum zwei Lieder auf Platz zwei? Irgendwie gehören diese beiden Nummern fest zusammen. Ein Kölner, der eines der Lieder hört, wird sofort auch das jeweils Andere hören wollen, beziehungsweise gleich im Ohr haben. Es handelt sich um die zwei größten Hymnen, die es in Köln gibt. Die Lieder, die es bislang am Besten geschafft haben, dieses sehr spezielle kölsche Lebensgefühl (das für die Kölner alles ist) zu artikulieren. „En unserem Veedel“ handelt dabei vom Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Man trifft sich auf der Strasse, in der Kneipe und wenn es einem schlecht geht, ist sofort jemand da, der irgendwie verarzten kann. Ausserdem ist das ein so starkes Band, zwischen den Bewohnern eines Viertels, das kann niemals durchschnitten werden. „Wat auch passeet, dat eine, dat is klar: Et schönste wat mir han, schon all die lange Johr: Es unser Veedel! Denn he, hält mir zesamme! Ejal, wat auch passeet…in unserm Veedel…“

Da scheint auch ein bisschen Widerstand durch. Das ist wohl auch durch die Zeit begründet und ein Thema, dass die Fööss auch mindestens in noch einem anderen Lied („Et Südstadt-Leed (Karolinerring)“ aufgegriffen haben. Die Angst aus der Innenstadt vertrieben zu werden, weil alles neu gebaut wird und umgebaut. Alles im Namen des „Fortschritts“, weil dann da ein neuer, unpersönlicher Supermarkt oder so hinkommt, während die homogen gewachsene „Community“ an den Stadtrand verdrängt wird. Das war eine große Sorge, das heutige Stadtbild Kölns beweist ja auch, dass die vielleicht nicht ganz unbegründet war. Sensibel wurde da nichts geplant. Eher mit der groben Nadel gestrickt. Aber das ist ja eigentlich bis heute so. Man muss sich seine Stadt eben schön singen. Dann geht das.

Das zweite Lied stösst in ein ähnliches Horn, kümmert sich aber mehr um das „kümmern“. „Drink doch eine met“ handelt oberflächlich gesehen von einem Typen, der vor einer Kneipe rumhängt, aber leider keine Kohle in der Tasche hat, um auch ein Bier zu trinken. Und der wird einfach eingeladen. Ohne wenn und aber. Man kann doch keinen durstigen Mann vor einer Kneipe stehen lassen. Irgendwer wird die paar Kölsch schon noch bezahlen und seien es alle zusammen. Natürlich bedeutet das nicht, das in Köln niemand sein Bier bezahlt oder das man da überall frei trinken kann, wenn man sich nur lange genug vor irgendeine Tür stellt. Aber es bedeutet, dass man in dieser Stadt aufeinander achtet. Der Mann vor der Kneipe ist auch noch alt, vermutlich hat er nicht so viel Geld, er zählt es immer wieder und wieder, aber es reicht einfach nicht. Während da drinnen die Post abgeht, muss er wohl wieder nach Hause. Und da kommt einer aus und drückt ihm ein Bier in die Hand. Und tatsächlich: So etwas kann einem in Köln durchaus passieren. Man trinkt halt nicht gern allein und wen jemand alleine ist und offensichtlich keinen Anschluss findet, dann nimmt sich der Kölner in der Regel doch ein Herz und versucht, denjenigen mit einzubeziehen. Das kenne ich so aus anderen Städten ehrlich gesagt nicht. Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg. Aber Kölle. Und jeder Kölsche hat bei diesem Lied laut gröhlend einen Kloss im Hals. Wir können da nicht groß anders.

Wichtiger Hinweis zum Lied: Die Fööss selbst haben sich das Lied in den 90ern kaputt gemacht, indem sie einen Wolfgang Petry-ähnlichen Chor etabliert haben, der die Zeile „Du steijst he die janze Zick eröm…“ mit einem „Zick! Zick! Zick eröm!“-Echo abschliesst – Musikliebhaber und Menschen, die dem Lied das tiefe Gefühl, das es eigentlich hat, erhalten wollen, werden tunlichst gebeten von diesem Ausruf Abstand zu nehmen…Ich bin kein krampfhafter Realkeeper, aber das ist wirklich nur Gaga und ein Schlag in die Fresse des Originals…

Platz 1
En dr Kayjass - Drei Laachduve

Karneval ist ein Fest der Gemeinsamkeit. Selbst wenn man alleine losziehen würde (was ich nicht empfehle, weil das nur der halbe Spaß ist), würde man nicht lange alleine bleiben. Die Menschen grüßen einander, kommen überall ins Gespräch. Es wird geprostet, getrunken, geschunkelt und gelacht. Nun bin ich viele Jahre immer mit meinem Bruder losgezogen, wenigstens einen Tag. Und der hat immer seine Ukulele mitgenommen. Und da haben wir, wo wir standen und gingen, immer einen totalen Klassiker kölschen Liedguts angestimmt, „Die Kayjass“.

Ich hab keine Ahnung, wie so ein Lied überhaupt entstehen konnte. Es geht im Grunde genommen um einen Leher und seine Methoden. Es geht vielleicht um ein „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“-Gefühl. Ganz sicher geht es aber um ein kölsches , sehr eigenes Laissez-faire. In den Strophen dieses Lieds ist eine Gruppe von Männern unterwegs, die erst ihren Unterricht beschreiben, dann die Streiche, die sie spielen und am Ende auch noch Vater werden sollen. Zumindest einer von ihnen soll der Vater sein (was im Umkehrschluss auf eine ziemliche polyamouröse Beziehung aller zueinander hinweist…). Und ihre Antwort auf alles ist der Refrain des Lieds:

„Dreimol Null is Null bliev Null, denn mir woren in dr Kayjass op dr Schull!“

Was für eine Lebensphilosophie. Wie sehr man sich auch anstrengt, rumrechnet, auf den Kopf stellt: Dreimal Null ist Null und wird immer Null bleiben. Egal was passiert. Manche Sachen sind wie sie sind, also kein Grund zur Aufregung. Auch wenn der Schutzmann wissen will, wer die Scheibe kaputt gemacht hat oder die Marie wissen will, wer jetzt genau der Vater des Kindes ist, das sie erwartet: Dreimal Null ist Null und bleibt Null.

Kann man es noch geiler auf den Punkt bringen?



Papa, Perry, Pop

Musik, Musik, Musik. Man möchte dem Kind natürlich den bestmöglichen Musikgeschmack der Welt mit auf den Weg geben und welcher andere könnte das sein, ausser der Eigene? Eben.

So versuche ich natürlich meinem Töchterchen immer wieder Lieder mit auf den Weg zu geben, die ich toll finde. Und meistens klappt das auch ganz gut. Sie hingegen findet natürlich ihren eigenen Weg im Dschungel Pop und steht auch auf so aktuelle Acts wie One Direction oder Taylor Swift. Oder eben Katy Perry.

“Seelenloser Popmüll!”, höre ich die Pink Floyd-Fraktion schon maulen, aber das ist in Ordnung. Für die ist Perry ja auch nicht da. Allerdings muss ich als Erziehungsberechtigter sagen, dass mir im momentanen Bravo-Zirkus Katy Perry mit am meisten gefällt und das nicht nur musikalisch, sondern auch als Role Model, was ja eine zentrale Funktion von Teeniestars ist. Perry steht für ein selbstbewusstes Leck-mich-am-Zuckerpo und bringt eine gewisse Kraft mit auf die Bühne. Natürlich verkörpert sie auch Sehnsucht und “auch mal Schwach sein”, aber im Vergleich kann es einen durchaus schlimmer treffen. Also, was das Fandom des Nachwuchs betrifft. Da finde ich zum Beispiel Rihanna schon deutlich problematischer. Weil Perrys Popkosmos immer auch Doppeldeutigkeiten hat, immer einen doppelten Boden. Während die jüngeren die Candyworld toll finden, wissen die älteren was damit auch gemeint sein “kann”. Ein bisschen wie die Simpsons. Nur eben als Musikact. Bei Rihannas “S&M” gibt es zum Beispiel keine zwei Sichtweisen und wer einem neugierigen Kind dann erklären soll, was die da singt, dem wünsche ich viel Vergnügen (also, nicht dass das nicht möglich wäre, das kann man vermutlich sogar ganz witzig erklären - aber nachsingen im Kinderzimmer müssen sie es ja dann trotzdem nicht unbedingt…).

Nun ist Töchterchen eben Perry Fan und diese hat, wie es vermutlich im Marketing Plan eines jeden weiblichen Solo-Pop-Acts fest vorgesehen ist, nun ein Parfum veröffentlicht. Benannt nach einem Queen Song (ich sag jetzt nicht welchem, aber wer auf “Fat Bottomed Girls” tippt, sollte mal seinen Charme nachjustieren). Und im Rahmen dessen war der Star auch in Berlin und kündigte an, zu seiner großen Duftpremiere an den Kudamm zu kommen und den Fans zu winken. Ab dem Tag, als Töchterchen dies erfuhr, war die Aufregung groß. KATY PERRY KOMMT NACH BERLIN!

Ich habe sofort alle möglichen und unmöglichen Hebel in Bewegung gesetzt, um vielleicht ein ganz kurzes Treffen für ein Foto zu ermöglichen, aber nichts hat funktioniert. Ich hab unzählige Bettelmails geschrieben, zum Teil an Menschen, die ich gar nicht kannte, weil ich über 27 Ecken irgendeine Emailadresse bekommen habe, von jemand, der mir weiterhelfen können sollte. Verschiedene Freunde und Bekannte haben ihre Hilfe angeboten und ebenfalls Mails geschrieben und rumgefragt. Aber es war nichts zu machen: Katy Perry zu treffen ist offensichtlich komplizierter als eine Audienz beim Papst zu bekommen.

Aber das ist natürlich auch vollkommen in Ordnung. Ich habe die Kleine von Anfang an darauf vorbereitet, dass ich zwar alles versuchen werde, aber dass es vermutlich nicht klappen wird und wir uns dann eben am Kudamm vor den Laden stellen und warten müssen, bis die Diva kommt. Und genau das haben wir dann auch getan. Wir standen da mit ganz vielen Schaulustigen und haben gewartet und uns die Beine in den Bauch gestanden. Am roten Teppich war ein Moderator, der dazu engagiert war die Fans und die Wartenden bei Laune zu halten. Mir hat er ehrlich gesagt die Laune verdorben, weil er immer irgendwelche Zeiten gelogen hat (”Gleich kommt sie!”, “In fünf Minuten kommt sie aber wirklich!”, “Jetzt wird sie aber in circa zehn Minuten da sein!”, “Nur noch zwei Minuten!”, “Jetzt sind es ganz ehrlich wahrscheinlich nur noch fünf Minuten!”, “Sie muss jeden Augenblick da sein!” usw.), was gar nicht Not tat. Und er war Null an Perry interessiert, konnte nicht mal Begeisterung heucheln. Der hat halt sein Programm da runtergespult, das sich alle fünf Minuten wiederholte. Könnte man auch inspirierter machen, vor allem besser. War den meisten Fans aber vermutlich eh egal. Mich ärgert schlechtes moderieren nur immer, aber das ist natürlich auch Berufskrankheit.

Ich hab Töchterchen dann immer wieder auf die Schultern genommen, wenn etwas zu passieren schien. Und ich hab eine Fastschlägerei in der Menge, ziemlich genau vor uns beobachtet. Aus dem Laden über uns blickte mich ein Fotograf mitleidig an. Anscheinend sah man mir an, dass ich nicht unbedingt wegen Katy Perry da war und mir etwas aufregenderes hätte vorstellen können. Über eine Stunde nach der angesagten Ankunftszeit kam sie dann aber endlich irgendwann auf einem Motorrad angerauscht, flankiert von irgendwelchen Hells Angels oder Banditos oder Motorradkomparsen. Ich nahm Töchterchen auf die Schultern und sah überhaupt nichts mehr, sondern musste aufpassen, von der hin und her springenden Masse nicht umgeworfen zu werden. Perry lief einen großen Bogen, war dann auf der anderen Seite. Töchterchen blickte ihr verzweifelt hinterher. Dann kam der Star über den roten Teppich auf die exakt andere Seite hinter uns. Ich nahm meine Kleine so schnell wie möglich auf meine Schultern und stellte mich so nah wie möglich in eine Lücke bei den Wartenden. Und somit trennte uns quasi nur mehr eine Menschenreihe von der Fireworks-Sängerin.

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Töchterchen auf der Schulter war mit fotografieren und “KATY!!!!”-Rufen beschäftigt, während ich die Position hielt. Da der Popstar sehr langsam am Zaun entlagging, befürchtete ich noch lange so stehen zu müssen. Nun ist meine Tochter schon 12 Jahre alt und kein Kleinkind mehr, das man mal eben easy ein paar Stunden auf den Schultern trägt. Aber plötzlich war mit einem ganz ruhigen: “Lässt du mich bitte runter, Papa?” mein Workout beendet. “Ich will gehen.”

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Die Stimmung war nun sehr gedämpft. Warum sie denn traurig sei, wollte ich wissen. Sie konnte es mir nicht sagen, wusste es selber nicht. Oder konnte es vielleicht nicht artikulieren. Seinem Star, seinem Idol so nah zu sein, räumlich, aber trotzdem nicht ranzukommen, auf einer anderen Ebene…ich kenne das Gefühl. So oder so ähnlich hab selbst ich das heute noch, wenn ich Stars treffe, die mir etwas bedeuten. Und so hab ich mein tolles Mädchen ganz fest an mich gedrückt und getan, was jeder in meiner Situation getan hätte: Ins Hard Rock Cafe gehen und einen großen, leckeren, alkoholfreien Supercocktail als Trost bestellen. Und Simsalabim verwandelte sich die traurige Erkenntnis in ein tolles Fast-Treffen.

Manchmal ist es so einfach.

P.S.: Als Ausgleich und Beweis, wie sehr ich selber zum kleinen Teeniefan werde, in vergleichbaren Situationen: Ich mit meinem absoluten Herz- und Lieblingsschriftsteller Dave Eggers auf einer Lesung von ihm im Frühjahr:

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Fansein ist total super.



Das nacherzählte Lied: “Operator (That´s not the way it feels)” von Jim Croce (Endlich Gute Musik - Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Manche Lieder erzählen mit wenigen Worten sehr komplexe, dramatische und tolle Geschichten. Ich versuche diese Geschichten einmal nachzuerzählen. Ohne Versmaß und Reimzwang. Oder anders gesagt: Das hier stelle ich mir vor und fühle ich, wenn ich diese Lieblingslieder höre:

Hallo? Ja, hallo? Vermittlung? Ah, gut. Könnten sie mich bitte verbinden? Ach wissen sie, eigentlich hätte ich ja selber die Nummer gewählt, aber die ist schon alt und so verblasst, hier in diesem Streichholzbriefchen, dewegen wende ich mich an sie. Die Dame, die ich anrufen möchte, lebt in Los Angeles, zusammen mit meinem ehemaligen besten Freund, Ray. Ha, da fällt mir wieder ein, wie sie immer sagte, dass sie ihn wirklich gut kennt und den sie manchmal einfach nur gehasst hat, was ich mir immer nie so richtig erklären konnte. Aber jetzt hab ich wohl die Antwort bekommen, was?

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern sagen können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Hallo? Vermittlung? Ja, hallo? Sorry, ich war kurz etwas abgelenkt. Ähm, wenn sie mir die Nummer vielleicht noch mal durchgeben könnten, das wäre super. Oder mich am besten gleich verbinden? Ginge das? Ich kann die Nummer nicht lesen, die sie mir gerade gegeben haben, ich hab da irgendwas im Auge, ganz komisch. Passiert mir gerade andauernd, vor allem wenn ich an die Liebe denke, von der ich dachte, dass sie mich retten würde. Retten vor dieser traurigen, traurigen Welt. Ja, geradezu erlösen!

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern einreden können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Ähm, Vermittlung? Ja, Hallo? Immer noch ich. Ja, wissen sie, ich habs mir anders überlegt. Vergessen sie es einfach mit meinem Anruf und so, da ist eigentlich niemand mit dem ich wirklich reden will, verstehen sie? Was soll das denn groß bringen? Ist doch total sinnlos. Vielen Dank für ihre Zeit, sie waren wirklich sehr nett und geduldig, während ich sie hier mit meinen Problemem zugesülzt hab, dass hat sie sicher keinen Deut interessiert. Behalten sie einfach die Vermittlungsgebühr. Ist für sie. Danke noch mal! Für alles.

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern sagen können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Musik zum Text:

[YouTubeDirektVermittlung]



Unverfilmte Soundtracks (”Endlich gute Musik”- Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Manche Lieder entwickeln einen recht seltsamen Sog, wenn ich sie höre. Ich weiß nicht ob das nur an meinem Regie-Studium und meiner damit verbundenen, ständigen Suche nach Inspiration lag, aber wenn ich diese Songs höre, habe ich direkt konkrete Filmszenen vor meinem inneren Auge und die sind dann auch für immer mit diesen Szenen verknüpft. Szenen aus Filmen wohlgemerkt, die es gar nicht gibt (und vermutlich auch nie geben wird). Manchmal ist das nur ein Ausschnitt, manchmal entsteht in meinem Kopf eine komplexere Geschichte. Was manche Lieder eben so auslösen können. Ich beschreibe mal ein paar dieser Szenen, vielleicht kann man sich dann auch den Song vorstellen:

My cruel Joke – Soulwax
Der frustrierte Typ, Mitte Zwanzig, geht die nächtlichen und regennassen Strassen hinunter. Sie hat ihn verlassen, für einen anderen Typen. Und er hat noch an die große Liebe geglaubt, hat gedacht, das mit ihnen, das wäre etwas Besonderes. Er geht an die Orte zurück, an denen sie gemeinsam Sachen erlebt haben. Das Restaurant ihres ersten Dates, der Club in dem sie zum ersten Mal miteinander getanzt haben. Aber die Magie der Orte ist nicht nur weg, im Gegenteil: Alles dort ist hässlich geworden. Monster sitzen an den Tischen und lachen ihn aus. Menschen knutschen ekelig. Alles ist dunkel und schwarz und ungemütlich. Die Romantik ist weg und die Orte sind mit Hass aufgeladen. Der Typ kauft sich ein Bier und trinkt es auf seinem Weg durch die Stadt. Überall sieht er sie. Sie, die Sonne, das weiche Licht. Aber jetzt ist sie weg und mit ihr alles, was gut war.
Er bleibt stehen, atmet ein, atmet aus. Jetzt nur nicht die Kontrolle verlieren. Tief ein- und ausatmen. Sein Blick schweift über die spärlich beleuchtete Strasse. Und da sieht er sie. Sie mit ihrem Neuen, lachend in seinem Arm. Sie schlendern die Strasse hinunter. Sein Blick wird entschlossen. Seine Hand greift die Bierflasche noch fester. Schnellen Schrittes geht er über die Strasse, hinter den Beiden her. Ohne irgendetwas zu sagen zieht er dem Neuen mit voller Wucht die Bierflasche über den Kopf.
Sie fängt an zu schreien. Ein Kampf entsteht. Sofort ist überall Blut. Der Angegriffene schlägt zurück, tritt gezielt auf den Frustrierten. High Kick. Fast Martial Arts. Der Gefrustete fliegt rückwärts zu Boden, richtet sich wieder auf – und bekommt wieder einen Punch, gezielt ins Gesicht. Er hat keine Chance, er muss hier weg. Der Angegriffene verfolgt ihn. Auf seiner Flucht rutscht er auf dem glatten und nassen Kopfsteinpflaster aus, steht aber schnell wieder auf und läuft weiter. Sein vermeintliches Opfer immer hinter ihm her. Wo ist hier Sicherheit? Stress! Nachdem er Ewigkeiten gelaufen ist, sieht er sich vorsichtig um. Er wird anscheinend nicht mehr verfolgt. Erschöpft lässt er sich in einem Hauseingang auf den Boden gleiten und atmet durch.

Spanish Bombs – The Clash
Buddy Komödie. Der smartere hat das Mädchen bekommen, aber das macht dem Anderen nix. Sie haben gegen alle Widerstände geschafft, was sie schaffen wollten. Jetzt sind sie an der Strandpromenade, mit den vielen kleinen Geschäften. Die spätnachmittägliche Sonne wird sicher bald untergehen. Die Jungs schlagen ein, die Frau in der Mitte. So gehen sie die Promenade hinunter, die Kamera fährt leicht nach oben, bleibt aber stehen. Die drei Protagonisten entfernen sich immer weiter von der Kamera. Passanten laufen herum. Der Abspann läuft über die rechte Hälfte vom Bild. Mit dem Ende des Songs wird auch das Bild langsam schwarzgeblendet.

Jesse James – Brazzaville
Der hübsche Mann führt das Mädchen aus. Sie unterhalten sich angeregt im Restaurant. Sie sitzen zusammen im Kino und lachen sich kaputt. Dann zieht sie ihn in einen Fotoautomat, er will erst nicht. Die schwarz-weiß Bilder sind lustig, weil er nur Grimassen zieht. Sie balanciert auf einem Geländer, er hält ihre Hand. Sie sind auf dem Flohmarkt, er guckt ihr verliebt beim feilschen zu. Sie hat ihm ein rotes Halstuch gekauft. Er wirft es sich um den Hals, lässt es im Wind flattern und macht Revolutionsposen. Sie rennen durch den Park. Im Schutz eines Baumes eingeholt haben sie einen Moment. Kurz vor dem ersten Kuss. Sie gucken sich an, kommen sich näher, küssen sich fast. Dann löst sie sich los und rennt wieder weg. Er lachend und augenrollend hinterher.

Lost on the sea – Amari
Superheisse Sexszene. Vielleicht was mit Matsch oder mit zwei Frauen. Oder beides.

Someone for everyone – Nikka Costa
Drängt sich natürlich auf, aber würde auch unglaublich gut funktionieren. Ensemble-Film. Sämtliche Beziehungen sind an einem Wendepunkt, die einen dramatischer, die anderen vielleicht sogar glücklicher. Kamera bleibt bei den Hauptprotagonisten. Zeitlupige Zufahrten auf die Gesichter. Mal traurig, mal in freudiger Erwartung. Alle in anderen Situationen. Mit dem Gitarrensolo geht die Sonne auf und taucht die Gesichter noch mal in ein anderes Licht. Kitschig? Ja, vielleicht. Effektiv? Mit Sicherheit.

Hustle – Jamelia
Anfang des Films. Wir lernen die Hauptfiguren kennen. Wie sie cool in ihr Auto einsteigen, wie sie zur Arbeit gehen, wie sie essen, küssen, tanzen, lachen. Alle Leben scheinen noch in Ordnung (später wird natürlich was passieren, ich weiß aber nicht was). Bei den Hauptcharakteren das Bild in cooler Pose einfrieren und den Namen drunter schreiben. Action, Style, Sexyness. Ich sehe Cabrios. Charlies Angels. Alle sind guter Dinge. Autos fahren mit quietschenden Reifen von der Kamera weg. Der Filmtitel wird übergroß im Bild eingeblendet.

Young until i die – Muff Potter
Auch Filmanfang. Buddykomödie. Man sieht die beiden Leben parallel geschnitten. Der eine steht auf, wohnt in chaotischer Wohnung. Stolpert nach dem aufstehen über Pizzakartons. Sucht in Wäschehaufen mit Geruchstest nach Klamotten, die er noch anziehen kann. Der Andere hat ein spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer. Stylisch reduziert. Steht auf, geht sofort ins Bad wo seine Klamotten ordentlich über dem Stuhl hängen. Der Chaot rasiert und putzt sich die Zähne unter der Dusche. Der Aufgeräumte macht alles ordentlich nacheinander. Dabei achtet er genauestens darauf, das keine Zahnpasta im Waschbecken landet. Der Chaot schmiert sich ein Toastbrot, das sofort auf den Boden fällt. Er hebt es auf, pustet einmal sinnloserweise drauf und steckt es sich in den Mund. Beim verlassen der Wohnung zieht er noch das Sakko an, stopft das Hemd in die Hose, hat den Toast im Mund und schließt hektisch ab. Der Andere hat sich bereits angezogen, entfernt letzte Fussel von seinem Jackett mit einer extra Fusselbürste. Sein Frühstück hat er korrekt in einer Tupperdose verstaut. Alles in einen Rucksack eingepackt verlässt er seine Wohnung und per Knopfdruck verriegelt die Tür.
Eine verranzte, zugetaggte Haustür. Der Chaot kommt raus, Toastbrot schon fast aufgegessen, Hemd noch aus der Hose hängend und wirft sein Skateboard auf den Boden, springt drauf und skatet die Strasse runter. An einem vorbeifahrenden Polizeiauto duckt er sich und hängt sich hinten dran. Eine Andere, schöne und neue Haustür. Die Kamera schwenkt zur Seite. Ein Garagentor geht auf. Heraus kommt der Aufgeräumte auf einem teuren Rennrad. Seine Hose hat er mit Fahrradklammern zur Seite gemacht. Schnurstracks fährt er los. Gleichzeitig im Bild zu sehen, wie beide zur Arbeit fahren. Der Skater springt vom Board, tritt hinten drauf und fängt es. Rennt durch eine Glashalle in einen Aufzug. Der Korrekte steht schon drin. Beide im Fahrstuhl, geben sich High Five. Die Fahrstuhltür schließt sich, der Vorspann ist beendet.

Musik zum Text:

„My cruel Joke“ aus „Much against everyones Advice“ – Soulwax
„Spanish Bombs“ aus „London calling“ – The Clash
„Jesse James“ aus „…in Istanbul“ – Brazzaville
„Lost on the Sea“ aus „Poweri“ – Amari
„Someone for everyone“ aus „Pebble to a Pearl“ – Nikka Costa
„Hustle“ aus „Walk with me“ – Jamelia
„Young until i Die“ aus „Heute wird gewonnen, bitte.“ – Muff Potter



Danke Almut. Für alles. Für immer.

Almut

Die Welt hat einer ihrer größten Poetinnen verloren. Almut Klotz, Mitgründerin der Lassie Singers, ist gestorben.

Almut Klotz und Christiane Rösinger haben in den späten 80ern die “Lassie Singers” in Berlin gegründet (mit dem dann schnell wieder ausgestiegenen Fanny van Dannen zusammen).

Ach, ich will gar nicht so einen nüchternen Faktenblatext schreiben, den bekommt man überall sonst auch. Mir haben die Lassie Singers enorm viel bedeutet. Noch heute höre ich die Lieder mit der gleichen Begeisterung wie als Teenager, nur mit anderen Ohren, mit anderem Verständnis. Heute verstehe ich ganz viel, was ich damals nicht dechiffrieren konnte. Und doch haben mir die Lieder so viel erzählt und gegeben, dass ich mit hundert prozentiger Sicherheit ein ganz anderer wäre, wenn ich LS niemals gehört hätte. Ein nicht unwesentlicher Teil meines Humors und Humorverständnisses, habe ich von dieser Band gelernt.

Man soll nichts auf einen Thron heben, das wenigste überdauert diese Begeisterung. Die ersten beiden Lassie Singers Alben (und das Vierte) sind locker für die Ewigkeit und darüber hinaus. Niemand sonst fand in dieser Sprache jemals wieder treffendere Worte für Gefühle, die so idiotisch wie erschreckend kollektiv sind. Niemand fasste das Singleleben und alles was daran nervt in poetischere Worte als das Team Klotz/Rösinger.

Ich erinner mich noch, wie ich die Lassie Singers mal bei Viva im Interview hatte. Das war zum dritten Album, das musikalisch leider immer aus dem Rahmen fiel. Aber das waren ja trotzdem meine Heldinnen. Ich war glücklich, die bei Interaktiv zu Gast zu haben. Wir haben ein schönes Interview gemacht, dann sind sie wieder gegangen. Später, in der Stadt, ich war auf dem Weg zu einem Freund. Und da bin ich den Dreien (Almut, Christiane und ihr musikalischer Leiter des dritten Albums, EffJott Krüger) zufällig vor die Füße gestolpert. Almut fragte mich, ob ich nicht Lust hätte mit ihnen mit zum Essen zu kommen. Und lächelte mich dabei in der zauberhaftesten Art und Weise an. Ich musste leider verzichten. Ich war verabredet. Und ehrlich gesagt hatte ich ein bisschen Angst. Ich fühlte mich den Menschen nicht als Gesprächspartner gewachsen, deren Worte ich so bewunderte. Aber es war eine tolle Begegnung.

Ich bin aufrichtig schockiert über Almuts Tod. Deutschland, bennene Straßen, Plätze, Schulen nach dieser Frau, die diese Sprache wie niemand sonst sprechen konnte. Oder ne, lieber doch nicht. Das wäre vermutlich das Letzte, was sie wollen würde. Benennt Kneipen nach ihr und ihren Worten. Orte, an denen Menschen sich treffen, sich lieben und sich verlassen. Und dazwischen so bescheuert sind, wie wir eben sind.

Ach man, Almut. Krebs ist so ein unfassbares Arschloch. Du fehlst. Schon jetzt. Jede Sekunde, die du nicht mehr hier bist. Ich hab dir so viel zu verdanken. Und ich wär dir so gern nochmal begegnet. Jetzt wäre ich zum essen bereit gewesen.

Vielleicht.



Heino - Der Heini aus der Stadt von Heine

Hach, es ist schon ein Kreuz. Da hat ein Marketing Typ eine Idee und schon muss man sich wieder mit Asbach Cola Uralt Figuren auseinandersetzen.

Heino ist wieder da. Und weil die Hörerschaft für ein “normales” Heinoalbum schon ausgestorben sein dürfte, wildert man in fremden Gefilden oder bricht zu neuen Ufern auf, je nach Sichtweise. Heino hat auf jeden Fall eine Platte gemacht, auf der er nur Pop/Rock/Punkrock/HipHop Acts covert. Sportfreunde Stiller, Nena, Rammstein, Peter Fox. Und, exemplarisch als erste Single, natürlich die Ärzte.


[YouTubeDirektCoverFromHell]

Erstmal das: Ja, natürlich passt das textlich schonmal wie die Faust aufs Auge. Aber: Warum genau soll das nochmal gut sein? Durch das wegfallen einer ironischen Ebene, weil Heino eben wirklich so ein Vater sein könnte, verliert das Lied jeglichen Witz und ist einfach nur noch ein trauriges Lied das davon handelt, wie Kinder von ihren Eltern daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist lustig? Das ist jetzt natürlich superernst genommen, aber wie soll man Pop auch anders begreifen?

Was mir aber auf die Nerven geht, ist etwas ganz Anderes. Ich lese seit Tagen dass Heino “sich jetzt endlich mal wehrt” und “zurückschiesst”, gegen all den “jahrelangen Spott und Hohn”.

Ich hab zu Weihnachten die Otto Filmbox geschenkt bekommen, mit allen Filmen des Ostfriesen. Da gibt es ja auch diese Thriller/Heino-Parodie. Die ein bisschen lustig ist und natürlich auch Heinos Ikoknografie nährt (Blond, Sonnenbrille), von deren Marken-haftigkeit der Düsseldorfer meiner Meinung nach ganz gut profitiert hat. Das wichtigste daran ist aber: Das ist 25 Jahre her!


[YouTubeDirektThrillerHeino]

Heino-Witze sind so alt wie abgestandener Eierlikör. Und da “leidet” der noch heute so schlimm drunter? Nicht eher darunter, dass bis auf ein paar DVU-Fans und Vorpommerer wirklich niemand mehr größeres Interesse für den Sänger mit dem superrollenden R hat?

An Heino ist nichts “cool”. Heino hat schon immer in seiner Karriere verzweifelt versucht, sich überall anzubiedern, bei noch lebenden und halbwegs liquiden Käuferschichten als “Kult” durchzugehen. Ich erinner mich an den Acid-Enzian. Das wurde dann noch Rap genannt und hat ganz viel ganz schlimm durcheinander gewürfelt. Deswegen konnte da auch keiner was mit anfangen (Übrigens: Da hat er sich mit stilisierten Smileys, die sein Gesicht zeigen, schon des Images angenommen, unter dem er ja ach so gelitten hat…).


[YouTubeDirektAcidRapWasauchimmer]

Immerhin: Diesmal hat der Marketing-Mensch alles richtig gemacht. Die Platte kommt ganz früh im Jahr, wenn noch nicht viel los ist. Sie kommt in die Karnevalszeit, wo die Bereitschaft zu Quatschmusik am höchsten sein dürfte. Es werden nur credibile Hits gecovert. Und es wird ein “Rockerkrieg” erfunden, der das alte Klischee der Heinowitze aus den 80ern bedient. Bämm - plötzlich gilt der als cool.

Ich finde das sehr unangenehm und ich möchte ungern jemandem zujubeln, der so verzweifelt alles versucht um mich als Käufer zu gewinnen. Und ich lass mich nicht gerne für blöd verkaufen. Heino leidet, wenn überhaupt, an mangelnden Plattenverkäufen. Johnny Cashs American Recordings gingen mir ab dem dritten Teil zwar auch auf die Nerven, weil es irgendwann zum Cash (hihi) Cow milking wurde, aber dessen Cover Versionen haben durch sehr exaktes und behutsames auswählen und eine besondere Interpretation dem Orignal wenigstens noch etwas hinzugefügt. Eine gewisse Deepness. Von Heino gecoverte Lieder verlieren alles, was sie ausmacht und sie werden nur noch zu leeren Mitgröhlhüllen. Weil man schon merkt, dass sie für ihn selbst keinerlei Bedeutung haben.

Das ist nicht cool. Das ist homeshopping Television das so tut, als wäre es AC/DC.

Das Einzige, das noch nerviger als diese Platte ist: Von solchen Platten stehen uns jetzt mit Sicherheit hunderte ins Haus:

“Andy Borg singt Einstürzende Neubauten”

“Stephan Mross: Meine liebsten Battlerap-Tracks”

“Bata Iliç - Für immer Punk”

Hoffen wir das dieser Popsommer schnell an uns vorbeizieht.

Zum weiterlesen:

- Staiger, Raplabellegende, ist in etwa derselben Meinung wie ich. Danke Form Prim!

- Wie humorbefreit Heino schon in den 80ern reagiert hat, zeigt dieser Artikel von damals sehr gut. Danke Nico!