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Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die Höchste Eisenbahn”

Drei Jahre ist das nun schon her. Drei Jahre seit einer Platte, die mich verzaubert hat, die damals meine Platte des Jahres war und die ich seitdem immer und immer wieder gehört habe. Das verrückte daran ist: Ich habe irgendwie gar nicht mehr mit einer weiteren Platte gerechnet. Vielleicht weil die Band in meinem Kopf einen gewissen Projekt-Charakter hat, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher dieses Gefühl kommt.

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Nun habe ich es in der Hand, dass neue Album. Und abgesehen von der schönen Überraschung, ist das auch ein schönes Album. Eine Platte, die dem Debüt in keinster Weise nachsteht. Eine Platte, die auch wieder Magie verströmt, wie zuvor, aber vielleicht diesmal auf eine etwas andere Art. Vielleicht. Mal sehen zu welchem Fazit ich am Ende dieses Textes komme. Vorweg gestellt sei erstmal nur das: Bitte kaufen sie diese Platte. Sie gehört zu den Meisterwerken 2016.

Schon auf Twitter und Facebook wurde ich ungeduldig gefragt, wie mir denn die neue Höchste Eisenbahn gefallen würde - bevor ich sie überhaupt einmal durchgehört hatte. Dann aber hatte ich endlich das Momentum und den Zeitpunkt gefunden, mich in Ruhe mit ihr auseinanderzusetzen.

Und schon der erste Eindruck war: Ich möchte diese Lieder einpacken, in kleine Paketchen, mit Schleife und vielleicht an den Ecken etwas zusammengedrückt. Und die will ich verschicken, an ganz viele Menschen. Menschen, die ich mag. Einfach nur um zu wissen, dass sie diese Lieder auch hören, dass sie dieselben Lieder wie ich hören. Und zwar genau diese. Diese Songs die immer eine Mischung sind aus Anekdoten, die uns allen schon genauso passiert sind und Sätzen, die auf Plakaten gedruckt, unsere Innenstädte zukleistern sollten.

Eigentlich sollte das einen ja erschrecken: Mein Leben ist gar nicht so einzigartig, wie ich immer gedacht habe. Anderen Menschen passieren dieselben Dinge, erschreckend gleich, und sie schreiben dann auch noch Songs drüber. Und in ihren Songs tauchen all diese Namen auf, Lisbeth, Tillmann, Louie, Timmy. Ein Name macht einen Song konkret, ein Adressat macht ein Lied zu einer Aussage. Und dennoch ist das alles kein Grund zur Sorge:

1.) Die Musik
Der AOR des ersten Albums wurde ausgefeilt. Jetzt sind auch, wie zum Beispiel in “Stern”, andere EInflüsse zu hören, die vorsichtig in das Gesamtbild eingefügt wurden. Im genannten Song ist das ein fast housiges Piano im Refrain. In vielen anderen Liedern wurden auch neue Synthie-Sounds genutzt, Sounds, die fast verboten waren.

Die Kompositionen sind clever, ohne angeberisch sein zu wollen. Es scheint keinen Ton zu viel zu geben. Sehr leicht, sehr einschmeichelnd, manchmal mit kleinen eingebauten Stolperern. Ich weiß nicht, was diese Musik für mich so verführerisch macht. Ich kann diesen Harmoniebögen nicht widerstehen. Dieser schlauen Instrumentierung, die immer wie aus dem Bauch wirkt, obwohl man merkt, dass sie sehr durchdacht ist. Sie zwingen mich zuzuhören und gleichzeitig darüber glücklich zu sein. Ich freu mich über die Gesangsmelodien und die zweistimmigen Harmonien. Es schwebt in dur-igen Sphären und hallt in Moll nach. Die Kompositionen sind Sehnsuchtsorte. Vielleicht beschreibt es das am Besten (vielleicht aber auch gar nicht).

2.) Die Texte
Die letzten drei Jahre haben Moritz Krämer und Francesco Wilking wohl dazu genutzt, noch mehr zu beobachten, noch mehr zu erleben, noch genauer hinzuschauen. Manche Menschen haben ab einem gewissen Punkt alles erzählt, nichts Neues mehr erlebt (vor allem im deutschsprachigen HipHop ein häufiges Phänomen) und fangen dann nur noch an, sich zu wiederholen. Eine Falle, in die die Höchste Eisenbahn wohl niemals tritt. Denn ihre Texte handeln von Situationen, die niemals aufhören, die so einzigartig sind, dass sie ein Leben lang vorkommen.

Irgendwann werd ich dir alles erzählen.
Wenn du neben der Rutsche stehst,
werd ich mich zu dir stellen.

Ich sag was zum Wetter.
Du lachst und du nickst.
Und alles ist still.
Für einen Augenblick.

Diese Strophe zum Beispiel aus dem großartigen “Woher denn”, erzählt schon so viel, so bekannte Situationen und hat gleichzeitig etwas unangenehmes, etwas bedrückendes. Zusammen mit dem herrlich leichten Instrumental, in dem immer wieder irgendwelche Sounds kurz und klein aufpoppen, fast wie in einem Sumpf in der Abenddämmerung, wo es an allen Ecken und Enden kleine Geräusche gibt und welches sich dann in ein großes Uptempo-Finale steigert. Das ist so einzigartig toll - so einen Song kann es nur von dieser Band geben.

Oder der Refrain von “Lisbeth”:

Liebe Lisbeth,
wir sind nie Zuhaus
Mit dir würd ich immer wieder,
an einem Laken zum Fenster raus.
Wir waren Waisen
und ständig auf der Flucht.
Ängstlich und alleine
und dann kam der erste Kuss.
Bist nochmal gewachsen,
und ich kann jezt mehr verstehen:
Waisen sind wir immer wieder,
wenn wir uns nicht sehen.

Ich liebe diese Band, ich liebe ihre Melodien, die Art, wie sie ihre Instrumente spielen, wie sie singen, was sie singen, wie sie welche Worte benutzen. Wenn ich eine Band sein wollen würde, dann diese (oder die Lassie Singers). Auch auf dem neuen Album beweist die Höchste Eisenbahn wieder, sehr ausserhalb von allem zu sein, sehr einzigartig und vor allem: Sehr berührend. Es gibt viele deutschsprachige Bands, die ich verehre, aber im Moment keine, die ich so liebe.

Auch wenn ich es schade finde, dass Francesco nicht mal mehr einen italienischen Satz untergebracht hat - aber vielleicht kann ich mit ihm ja eine italienische Cover-Platte machen.



Himmelhochrappend / zu Tode bemüht - Das neue Beginner Album “Advanced Chemistry”

Wie fang ich denn so einen Text an? Hm, vielleicht so:

Die Beginner sind wieder da!

Und in mir macht sich ein großes Gefühl der Erleichterung breit. Irgendwie waren die drei das letzte Puzzle-Stück, das noch gefehlt hat, um meine Rap-Sozialisation wieder komplett zu machen. Fettes Brot waren nie weg und werden immer großartiger in einer gewissen Jetzt-erst-Recht-Haltung. Samy Deluxe bringt regelmässig Soloalben, bei denen man unsicher ist. 5 Sterne Deluxe hab ich so laut wie möglich beim Comeback-Gig vor 2,3 Jahren zugejubelt - aber da war es klar, dass man noch 3000 Jahre würde warten müssen, bis da wieder eine Platte kommt. Die Fantas sind eigentlich unentwegt auf Tour (ich will wieder hin!) und nun also Denyo, Eizy Eis und DJ Mad wieder am Start. Klar, wir werden alle nicht jünger, in der Zwischenzeit haben viele andere Bands und Rapper das Feld übernommen. Niemand hat 13 Jahre auf das Beginner Album gewartet, liebe Leute. Aber jetzt ist es da und niemand kommt daran vorbei. Und das ist auch richtig so.

Erstmal: “Advanced Chemistry” ist ein dopes Album geworden. Es ist exakt das Beginner-Album, das ich erwartet habe, als es hiess, es würde ein neues Beginner-Album geben. Der Flow steht, die Raps sind ebenso entspannt wie da (für mich immer eine der besonderen Beginner-Eigenheiten: Wie kann man nur so entspannt klingen und gleichzeitig so aufregend erzählen?). Die Beats sind von “Herrje” über “Jo, passt” bis zu “Woah! Krass!” und “Hehehe.”. Vielleicht gehen wir einfach mal die Tracklist durch, so wie ich das immer gerne mache:

“Ahnma” war der Türöffner, ist auch der Opener des Albums. Eine starke Represent-Nummer, die vor allem, vermutlich sogar überraschend, den Kultur-Chauvinismus vieler Beginner-”Fans” offenbarte, die mit spitzen Fingern: “Gute Nummer, aber was soll denn bitte dieser Prolo da drin?” in die sozialen Netzwerke kommentierten, damit das GZUZ-Feature im Refrain meinten und zeigten, dass sie von Rap nichts begriffen haben, während die Beginner bewiesen, sehr wohl noch Part des Games zu sein. Im Grunde genommen hätte sofort das Album kommen können - so viel wie da richtig gemacht wurde.

Stattdessen kam noch eine Single, “Es war einmal”, ein schöner Wie alles begann-Track, zum sich erinnern. Also, eigentlich nur dafür. Wer würde den Song hören wollen, der die Geschichte nicht kennt? Dazu ein Video, das einen mit der Flut an Gastauftritten und versteckten Informationen auf Crawls und Einblendungen etwas überfordert, aber trotzdem erstmal begeistert. Aber so eine Reminiscence, die macht einen natürlich auch sofort: alt. Also, mich als Hörer vor allem auch. Hmpf.

Es folgt mit “Meine Posse” ein Song, in dem Samy mal wieder seine Stärken eindrucksvoll demonstriert. Dazu ein schöner, schräger Beat - der von einer ganz seltsam einschmeichelnden Melodie in der Hook getragen wird. Aber auch hier, ganz HipHop, wieder hauptsächlich represent. Ist ja okay.

Über das folgende “Schelle” hab ich viel negatives gelesen. Die Beginner würden versuchen, sich an einen modernen Sound anzubiedern. Wie kommt man auf so eine bekloppte Idee? Der Song ist musikalisch eine gut schräge Reggae/Trap/Cloud/Dubstep-Mische. Warum dürfen die Beginner so etwas nicht probieren? Weil sie älter als 13 sind? Die Jungs waren schon immer sehr geschmackssicher im Beatpicking, so auch hier. Der Song funktioniert super als Dancefloorsmasher. Weil die das wussten, ist der vielleicht auch textlich eher so…nun ja…representig?

“So schön” ist eine Art romantic Rap. Dazu ein Dendemann-Feature. Aber der Beat, ich weiß ja nicht. Keine Ahnung ob die den gesampled haben oder ob der live eingespielt wurde, aber es klingt wie letzteres. Und dabei irgendwie so uninspiriert. Oder brav. Ein bisschen wie späte Jazzkantine (sorry!). Wenn super Musikern ein bisschen die Ideen ausgehen. Text geht klar, vor allem Dendes Part ist - man kennt es ja quasi gar nicht anders von ihm - super. Aber wie schön wäre ein Part von ihm in einem Song gewesen, der genauso strahlt? Erster Bummer des Albums.

Dann aber: “Rambo No.5″. Abgesehen von dem herrlich bescheuerten Lou Bega Wortspiel: Der Beat! Alter! Was für ein Superbrett! Ich habe mich sofort in diesen Beat verliebt! Der Text ein Partytrack, mit dem wunderbaren “Wiener Krawalzer” und “Lambada Meinhoff” und der Zeile “Scheiß auf Ayurveda, der DJ ist mein Apotheker!” Instant Lieblingstrack. Diesen Song, das weiß ich sofort, werde ich dieses Jahr noch viele Male hören. Schon mit seinen Hip-Hop-Partychören in der Hook. Wie herrlich! Beginner! Ja!

Direkt danach “Kater”. Der Hangover-Song. Supergutes Sample, das mich an den “Wichita Lineman” erinnert (wer das nicht kennt: Super Song von Glenn Campbell, der auch viele Male ganz toll gecovert wurde, quer durch die Popgeschichte). Interessanterweise fühlt sich der Song für mich am meisten nach 90ern an. Dieses filtern des Main Samples in den Strophen, da werden sofort Erinnerungen an zum Beispiel “Tag am Meer” wach. Aber ich mag das. Gemütlich. Cozy. Wie immer sehr stilsicher zusammengesetzt.

“Rap und fette Bässe” ist dann wieder Verneigung und, ja, Represent zugleich. Dabei ist der Beat sehr lustig extra unfett (und dabei sehr fett). Es gibt keine Bassdrum, keine Snare. Alles pumpt über (fetten) Bass und Keyboardlines. Dazu ein Afrob und Ferris MC Sample in der Hook, in der nur “Afrob und der Ferris” durch ein “Die Beginner”-Sample verdeckt wird. Sehr gut. Genau DEN richtigen Song gesampled, auf den sich wirklich alle Rap-Heads über 30 einigen können. Starke Nummer!

“Spam”. Wuuuahh. Gruhuselig. Kulturpessimismus und eine “alle gucken nur noch auf ihr Handy”-Haltung, die erstaunlich undifferenziert für die Beginner ist. Find ich unangenehm. Eizi Eiz rappt am Anfang: “Mach auf Curse für die Dramatik und rappe auf Klavier” und genauso hört es sich auch an. Ich verstehe nicht so ganz, warum er es eigentlich macht, wenn es ihm selber aufgefallen ist - aber vielleicht kapiere ich da auch irgendeine Ironie nicht. Kann er mir ja eventuell auf Twitter erklären.

“Thomas Anders”. Puh. Das ist ne harte Nuss. Der Beat ist weird und das auf eine super Art und Weise. Und auch der Text ist stark, Eizi findet genau die richtigen Rhymes und das Megaloh-Feature ist perfekt. Technisch also alles Bombe. Aber: “Sorry Baby, dass ich anders bin” ist die Hook, ist die Aussage, darum dreht sich alles. Und jeder, der schon mal jemand getroffen hat, der von sich gesagt hat: “Sorry, ich bin so anders als die Anderen!”, naja. Das ist wie so ältere Frauen mit gebatikten Gewändern und rot gefärbten Haaren, die in städtischen Büros sitzen und deren Brillengestell zwei verschiedene Formen hat (rund und ein auf der Spitze stehendes Quadrat) und die von sich sagen, sie seien ja eher so verrückt. Sorry. Das verwirrt mich bei diesem Song übrigens extrem.

“Macha Macha”. Ja! Als würde das Haftbefehl-Feature die Jungs anstacheln, ist der Song wieder Beginner von der reinsten Sorte. Der Text wieder herrlich durchdacht, mit Wortspielen aus dem Trakt der Wortspielhölle, in dem man bitte für die Ewigkeit eingesperrt sein möchte und einer guten, den alten Männern ziemlich gut stehenden, Portion Aggroness (”Johann Sebastian Reibach”, “Mittelmaß ist ein No-Go wie ein Hitler-Bart”, etc.). Und natürlich Hafti über dem ganzen Song. Mega. Vielleicht eines der wichtigsten Features des Albums. Auf dass die selbsternannten Gralshüter der Beginner wieder heulen werden und ihr Unwissen wie eine Fahne vor sich hertragen.

“Nach Hause” ist dann vermutlich ein klassischer Album-Closer. Ein Lied zum runterkommen, ein Lied das sich ganz klar gegen Rassismus wendet, gegen die Scheissigkeit, die in Deutschland gerade allgegenwärtig ist. Und gleichzeitig eine Ode an Hamburg, an den Hafen, an die Weite des Wassers, des Hafens. Das Glück in einem Ort zu leben, der von der MIschung der Menschen lebt. Das ist einerseits sehr schön und ergreifend, aber der Beat ist irgendwie so zahm. Schade, dass das Album so enden muss. Ich hätte mir da eher einen Knall zum Ende gewünscht. Aber man kann halt nicht alles haben.

Wie ist nun das Fazit? Ich hab keine Ahnung. Ich freue mich über das Album, freue mich über die Beginner und freue mich über jeden Song, den ich Hammer finde. Aber ich ärger mich auch ein bisschen über die Songs, die ich scheisse finde. Und irgendwie hab ich die ganze Zeit das seltsame Gefühl, irgendeiner unangenehmen Nostalgie auf den Leim zu gehen. Ich checks nicht.

Vielleicht ist das das Beste, was man über eine Platte sagen kann. Dass sie einen verwirrt. Aber dass einem ganz viel gefällt. Denn am Ende sind die guten Songs immer tausendmal wertvoller, als die schlechten. Und ein guter Beginner-Song kann Tage, Wochen, Monate, Jahre retten. Auch wenn es 13 sind. Der Nachfolger wird hoffentlich schneller kommen. Und mit Sicherheit alles abreissen.

Hier zum reinhören:



Die Donots sind back…äh…zurück!

Die Menschen entwickeln die aussergewöhnlichsten Spleens, wenn sie seit 20 Jahren zusammen sind. Manche entdecken plötzlich wagemutige Hobbys wie Fallschirmspringen oder Golf, andere entwickeln obszessive Leidenschaften für solche Dinge wie Nahrung und beschäftigen sich plötzlich mit Molekularküche, wiederum andere suchen sich eine junge Geliebte. Und dann gibt es diejenigen, die plötzlich deutsch sprechen.

Die Donots, seit über 20 Jahren im Geschäft - was man ihnen, unverschämterweise, nicht ansieht - haben beschlossen, mal was anderes auszuprobieren und ihr neues Album “Karacho” mit ausschliesslich deutschen Texten bestückt. Nun kommen die ja aus Ibbenbüren, einer kleinen westfälischen Bergbaustadt im Norden NRWs, mit Stadtteilen, die auf Namen wie “Püsselbüren”, “Dickenberg” oder “Uffeln” hören und einem Flüsschen, bei dessen Benennung die Entdecker nicht weit im Alphabet gekommen sind, weswegen sie es “Aa” nannten. Kein Scheiss.

In so einem Spannungsfeld zwischen Kohle, Schiefer, Fachwerk und dem jährlichen Kartoffelfest “Tolle Knolle” erwartet man sicher einiges. Ruhe, Gelassenheit, Sicherheit, Geborgenheit würde mir da als Erstes einfallen. Ich bin ja in Wesseling aufgewachsen, einer Kleinstadt zwischen Köln und Bonn, ich kenne das Leben in westdeutschen Kleinstädten also gut. Aber von solchen Orten aus den Punkrock erobern, eine zwei Dekaden währende, stetig wachsende Karriere hinlegen und sich dann nochmal neu erfinden? Das ist mehr als bemerkenswert. Das sind die Donots.

Vielleicht liegt das alles auch in ihrem Naturell, denn, ganz im Ernst, es gibt auf dem ganzen Planeten keine freundlichere Band als diese, geht gar nicht. Die Männer sind total offen, uneitel, sich für nix zu schade und gehen trotzdem ihren Weg. Wenn es so etwas wie Karma gibt, dann wird ihr Erfolg niemals versiegen und sie immer erfolgreicher und glücklicher. Es ist wirklich so, dass man sich wünscht, die würden alle bei einem einziehen, einfach weil es so unheimlich angenehm ist, wenn die um einen herum sind (oder man selbst in ihrer Nähe sein kann). Doch genug der Liebeserklärung. Wichtig ist, was kann das neue Album “Karacho” (Amazon-Partner-Link) und wie gut tut der Sprachenwechsel?

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Wir machen es einfach so: ich zähle erstmal das Negative auf und danach konzentrieren wir uns nur noch auf das Positive am Album. Dann haben wir nämlich die Kritikpunkte aus den Füßen und brauchen uns über den Rest nur noch freuen.

Erster Kritikpunkt: “Junger Mann zum Mitleiden gesucht”. Das Wortspiel ist eigentlich ganz okay, aber der Song als Ganzes, also ich weiß ja nicht. Das Lied klingt wie “I will survive”, da ist so eine Dramagitarre, die durch das Riff zieht, die find ich schwierig. Und textlich will da bei mir leider auch kein Funke überspringen. Ich hab so ein bisschen das Gefühl, die Titelzeile war zuerst da und die gefiel und dann wurde versucht, da einen Text drumrum zu spinnen, der halbwegs passt und Sinn macht. Let’s call it a filler.

Zweiter Kritikpunkt: “Immer noch”. Dudes, seriously? Ein Countrysong? Nach Texas Lightning und dieser Countrysängerin mit der kehligen Stimme und diesem Hit, in dem sie alles so schnell sang? Nachdem sich sogar Taylor Swift nach Jahren vom Country abgewendet hat? The Boss Hoss? Und es ist ja nicht so, als wäre alles schlecht daran. Ich mag dann und wann nochmal einen guten, alten Dolly Parton Song und “Eastbound & Down” ist, trotz akustischer Überstrapazierung als “Circus Halligalli” Titelsong, immer noch ein Knallerlied (Jerry Reed hat eh ein paar ganz gute Nummern gemacht…). Aber das Genre ist auserzählt, da muss nix Neues kommen. Das tut mir ein bisschen weh. Vielleicht ist es auch nur deutscher Country, der mich schmerzt, das weiß ich nicht. Aber ich sehe vor meinem geistigen Auge sofort die “Ibbenbürer Westerngemeinde”, wie sie zu dem Lied von “ihren” Jungs squaredanced und das freut mich sehr für die, aber ich muss das nicht hören.

Nun hab ich mir die Platte auf Vinyl gekauft, schönes Artwork, dickes Doppelvinyl. Der eine Song ist auf der ersten, der andere auf der zweiten Schallplatte und diese Besonderheit ist Glück, denn jede Platte auf der Welt hat ihren Aussetzer. Hier ist es eben einer pro Vinyl. Dadurch absolut verkraftbar und problemlos auszuhalten, denn: Der Rest des gesamten Albums ist großartig.

Der Sprachenwechsel hat super funktioniert, vielleicht war das sogar genau die richtige Idee, vor allem nach dieser langen Zeit. Die Texte, die Ingo schreibt, sind auf eine gute Art bildlich. Das jahrelange schreiben auf Englisch hat dafür gesorgt, dass er irgendwie anders mit Worten in Texten umgeht, als deutsche Songwriter. Seine Worte sollen klingen, sollen einen gewissen Sound haben. Die Aussage ist nicht egal, aber seine Worte sind eben nicht nur Inhaltscontainer, sondern auch Rhythmus, Metronom, Geräusch. Das wirkt manchmal ungewöhnlich, aber das funktioniert super. Schon im Opener “Ich mach nicht mehr mit”, direkt ein Hitfavorit auf der Platte, gibt es die Zeile “Komm lebt doch mein Leben ohne mich”, über die man direkt stolpert. Aber der Song treibt weiter und kommt irgendwann zu der trotzigen Kind vor der Supermarktkasse-Zeile: “Die will ich hier nicht, will ich nicht, nicht nicht nicht nicht!”. Das funktioniert super, Worte wie Maschinengewehr-Salven. Jedes “nicht” ein Treffer. Danach folgt sofort der (erste?) Anti-Pegida-Song “Dann ohne mich”, mit so schönen Textzeilen wie “Der Dumme hängt die Flagge stets am höchsten” oder “Der kleine Mann, die große Meinung - die Dummheit feiert ihr Comeback.”. Herrlich. Man will immer nur “Ja, Mann! Amen, Bruder!” rufen. Mein Lieblingslied auf “Karacho” heißt “Kopf bleibt oben” und lässt sich schön mit folgender Textzeile zusammenfassen:

“Denn: Lieber falsches Pferd als hohes Ross - die Welt sagt Nein, das Herz sagt doppelt Doch!”

Es werden Bilder gezeichnet vom glücklichen Nachts betrunken durch die Straßen ziehen mit Herzensmenschen (”Hansaring, 2:10 Uhr”) oder es sich bequem zu machen, in der Nische des ewigen nicht-verstanden-werdens (”Problem, kein Problem”). Manchmal wird es mir etwas zu Hosig, wie bei “Du darfst niemals glücklich sein”, aber das kann man easy verknuspeln. Man spürt einfach, bei den ganzen Liedern, bei den Dingen die sie unbedingt erzählen wollen - die haben das Herz am rechten Fleck.

Musikalisch macht das ebenfalls große Freude. Moderner Punkrock, viele schöne “Oooooh”-Chöre, die ich uns schon alle im Publikum mitgröhlen sehe und höre. Tolle Riffs, bisschen englisch, weiß auch nicht, warum ich das so empfinde. Mich erinnert das einfach an so modernen, britischen Punkrock. Geil ist zum Beispiel auch “Kaputt”, das nach NDW klingt. Könnte fast ein Ideal-Song sein. Oder das schon erwähnte “Problem, kein Problem”, übrigens das Einzige nicht von Ingo, sondern von Gitarrist Guido, gesungene Stück auf dem Album, welches schon fast ein Reggae-Gefühl vermittelt, sehr leicht, fluffig, poppig. Passt trotzdem zum Rest. Sehr.

Was soll ich sagen: Das zehnte Studioalbum der Donots ist eine Überraschung und auch keine. Der Sprachwechsel funktioniert Eins A. Die Platte macht Spaß und bietet einige Hymnen für diesen Sommer. Meine wird “Kopf bleibt oben” sein. Und was daran keine Überraschung ist?

Vielleicht können schlechte Menschen gute Platten machen. Bestimmt sogar. Aber gute niemals eine schlechte. It’s Karma, Baby.



Es gibt nur cool und uncool und wie Edgar Wasser sich fühlt.

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Edgar Wasser, Deutschrap-Indie-Phänomen der letzten Jahre. Ich sag extra nicht Underground, denn so Underground ist er gar nicht mehr. Klar, vom Mainstream ist er noch meilenweit entfernt, aber auch nur aus freiem Willen. Wasser möchte kein Teil einer Industrie sein, die er scheiße findet und die für ihn nur scheiße produziert. Aber er möchte einen Teil vom Kuchen haben, den diese Industrie ungerechtfertigterweise nur für sich und ihre Big Player beansprucht. Deswegen ist die Zeit der Gratis-Online-Tapes zwar nicht vorbei, aber sie wird mal kurz ausgesetzt und eine käuflich erwerbbare EP wird zwischengeschoben, namentlich die „Tourette-Syndrom EP“ (Amazon-Partnerlink). Vielleicht um mal zu testen, ob das jemand kauft, vielleicht um endlich mal ein kaufbares Solowerk anbieten zu können: Es spielt keine Rolle, was der Grund für die vermutlich längste EP* aller Zeiten ist, Hauptsache sie ist. Und wie!

Nämlich äußerst gelungen: Deutschrap hat es gerade ein bisschen schwer, obwohl er so boomt. Oder vielleicht gerade deswegen. Überall kommen irgendwelche Acts um die Ecke, die man gut oder anstrengend finden kann, aber meistens bleibt irgendwas auf der Strecke. Vielleicht so was wie Haltung oder so, keine Ahnung. Ich bin ein Kind des 90er Raps. Des Boombap. Des Rucksacks. Da war Gangsta die Ausnahme und wenn, dann sowieso nur aus Amerika cool. Vor allem wegen der Authentizität. Hier hat nur gerappt, wer auch was zu sagen hatte. Das klingt missverständlich, ich meine das nicht nur inhaltlich. Auch technisch, grammatikalisch, wieauchimmer. Heute gibt es, dank größerer Auswahl, auch mehr großartige Acts, aber wo viel Licht, da auch viel durchschnittliche Scheiße und noch mehr Zeug, bei dem man froh ist, dass der Interpret überhaupt ein bisschen Taktgefühl hat. Man muss sich die Perlen mühsam raussuchen, Konsens ist schon lange kein guter Ratgeber mehr, wenn man sein Hörer-Glück im Deutschrap finden will.

Deswegen dieser Text, diese Lobeshymne auf Edgar Wasser. Auf seiner Platte beweist er auf jeden Fall wieder perfekt, was ihn zu so einem Ausnahmerapper macht: Die Stimme immer leicht am Anschlag der Aufregung, aber immer bedacht, nicht darauf reinzufallen, sondern eher durch diese ständige Angespanntheit ordentlich zu representen und den eigenen Aussagen Nachdruck zu verleihen.

Andererseits ist das große Motto der Platte „Glaubt mir doch nichts!“. Wasser möchte gehört werden, hält mit seiner Meinung zu Rap, Politik und öffentlichen Diskussionen nicht hinterm Berg, aber spannt jedes Mal ein Netz über den doppelten Boden, so meta, dass man manchmal auf dem Kopf stehend hinten wieder raus kommt.

Der Opener des Albums beispielsweise: In „Bad Boy“ rappt er als letzte Zeile einer jeden Strophe: „Es wär toll wenn ihr respektiert, dass man euch hier nicht respektiert.“ In einem Lied über Frauen im (deutschen) Hip-Hop. Das ganze Lied ist in seiner triefenden Ironie ein klarer Real Talk Track über den grotesk übertriebenen Sexismus im Rapgame, ebenso schmerzhaft wie perfekt auf den Punkt gebracht. Das kann Rap auch, muss man eben nur wollen.

Und Edgar Wassser will. Er gibt einen Fick auf Beliebtheitswerte, Wasser macht Rap, der sich wie Notwehr anfühlt, Notwehr gegen die Bescheuertheit dieser Welt. Und macht sich nichts vor, nicht auch selber Teil davon zu sein. Der Track „Faust“ beginnt mit einer ewigen Sample-Zusammenstellung aus seinen eigenen Tracks, in denen er unbedacht den Begriff „behindert“ oder „Spasst“ benutzt hat, nur um sich dann im Lied Gedanken darüber zu machen, wie sehr diese Begriffe eigentlich mit Bedeutung aufgeladen sind und wie das eigentlich so ist mit der Deutungshoheit. Um dann auch wieder im fast schmerzhaften Refrain zu landen, der da lautet: „Diskriminierung ist nicht cool, du Spasst, Diskriminierung ist behindert…“.

Edgar Wasser geht gerne dahin, wo es wehtut, doch wenn anderen Interpreten, von denen man das behauptet, dort mit umherzeigenedem Zeigefinger rumlaufen, baut sich Edgar Wasser erstmal die Hängematte auf, um zu gucken, wie lange er es in der Unerträglichkeit aushält.

Aktuellstes Beispiel: Der Track, den er am Releasetag des Albums rausgehauen hat und in dem er sich selbst zerpflückt für all die Widersprüche, die den Menschen nunmal so innewohnen. So selbstreflektiert ist kein anderer deutscher Rapper. Nicht einmal Max Herre:


(Selbstkritik-Direktlink)

Die Beats auf der Platte sind größtenteils ziemlich dope. Es gibt kleine Qualitätsschwankungen, aber die sind vernachlässigbar, schätze ich. Es pumpt schön und größtenteils geschmackssicher gesampled aus den Boxen. Geht voll klar, Kopfnicker.

Ich hab keine Ahnung ob Edgar Wasser die Rettung des Deutschrap ist. Vermutlich nicht. Weil er das gar nicht sein will. Aber, und das ist ja das gemeine, genau das könnte dafür sorgen, dass er es doch ist. Für mich auf jeden Fall die Rapplatte des Jahres. Auf genau so was hab ich gewartet.

*Eine EP ist etwas zwischen Single und Album. Meistens so um die fünf Tracks. Edgars EP hat 18 Tracks.



Weezers unglaubliche Popreise: „Everything will be allright in the End“

Weezer sind wieder da. Und mittlerweile kann man keinen Text mehr über die Band schreiben, ohne auch auf die Kritik an ihr einzugehen. Man ist also sozusagen zur Meta-igkeit gezwungen. Deswegen bringen wir es schnell hinter uns, damit wir uns ganz auf die neue Platte konzentrieren können:

Alle Pinkerton-Fans können sich jetzt schon mit etwas anderem beschäftigen. Den Rentals oder irgendwelchen anderen Lo-Fi-Noise-Pop-Acts, denn auch „Ewbaite“,wie der aktuelle Albumtitel abgekürzt wird, ist nicht die Platte, auf die ihr gewartet habt. Ich zweifele auch ganz erheblich daran, dass diese Platte jemals erscheinen wird. Weezer mit Pinkerton zu verwechseln ist ein beliebter, oft gemachter Fehler.

Pinkerton, das zweite Album der Band, war ein Stilbruch. Vielleicht ein Ausbruch. Auf jeden Fall ein Bruch. Der auf dem ersten Album etablierte, spezielle Weezer-Sound, der die ganze Welt begeisterte, war plötzlich wieder weg. Stattdessen viel Geschrei, wenig Metalreferenzen und ein Verzicht auf jegliche Cleanliness. Als würde sich jemand auskotzen. Klar, ein nach wie vor harmonisch wertvolles auskotzen, aber eben auch eine Verweigerung, dem selbst geschaffenen Mythos mehr Futter zu geben. Vielleicht war es Frust, vielleicht war es Langeweile, vielleicht die sture Lust aufs ausprobieren. Aber gleich nach diesem Album fanden Weezer zu ihrem ihnen so eigenen Sound zurück, besannen sich auf ihre alte Stärke und beschlossen wieder wie Weezer klingen zu wollen und nicht wie Indie-Band XY. Denn, ganz ehrlich, auch wenn ich das Album toll finde: Pinkerton könnte von jeder Indie-Band sein. Dafür braucht man Weezer wirklich nicht. Und schließlich klangen Weezer auf den sechs Alben nach Pinkerton auch wieder viel mehr nach dem blauen Album. Man darf also beruhigt davon ausgehen, dass die Band einen Sound hat, den sie machen will und der nicht wie auf dem zweiten Album klingt. Es bleibt die Ausnahme. Einigen wir uns also darauf, dass es Weezer-Fans und Pinkerton-Fans gibt. Aber Menschen, die meinen Fans der Band zu sein und die dennoch sagen, dass nach dem zweiten Album kein gutes mehr kam, sollten es doch wie Bassist Matt Sharp machen und nach Pinkerton die Band verlassen. (Übrigens: Beef scheint da nicht zu bestehen. Cuomo grüßt Sharp in den Credits des aktuellen Albums als „Awesome Musician“)

So. Puh. Die vermutlich nötigste und längste Einleitung, die man zu einer Plattenkritik schreiben kann und im Fall der Band auch leider muss. Nun aber, versprochen, kommen wir zum aktuellen Album: Everything Will Be Alright in the End
(Amazon-Partner-Link)

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Das, wie schon zuvor das blaue und das grüne, von Ric Ocasek, Frontmann der Cars, produzierte Album soll eine Rückbesinnung sein. Auf alte Stärken. Auf alte Spielfreude. Auf publikumsteasende Nicht-Publikumsteasung. Auf Rivers Cuomos Songwriterqualitäten. Hat das hingehauen oder ging das daneben? Dem kommt man nur mit der beliebtesten Art der Plattenkritik auf die Spur: Die Track by Track-Analyse. Lets go:

Ain´t Got Nobody – Das Lied beginnt mit einem Filmsample. Alter Punkrockstyle. Ein tiefes, langes Ein-Ton-Riff mit diversen Sprachsamples, ein Tap-Taptap-Klatschen und von hinten schleicht sich plötzlich die Hook-Zeile an, um wie eine welle über einem zu brechen und mit dem fröhlich-verzweifelten Refrain wegzuspülen. Die Strophen eher mollig, rein verzweifelt. Und dann ein herrlich schräges Gitarrensolo mit einem kurzen „Nä Nänänä Nä“-Moment. Dazu am Ende noch Dupdupudp-Adlibs. Es ist ein bisschen vollgestopft mit tollen Ideen. Da geht die einzelne leicht unter. Aber, klar: Lieber ein zu volles als zu leeres Lied. Depri-Electro-Projekte mit zwei Menschen und Null Ideen hat die Welt nun wirklich schon genug.

Back To The Shack – Vergangenheitsbewältigung. In diesem Lied entschuldigt sich Cuomo für alles, was selbsternannte Weezer-Fans der Band in den letzten Jahren vorgeworfen haben. Nun ja. Ich für meinen Teil halte das für ein bisschen zu devot und sehe nicht wirklich, wofür sich die Band zu entschuldigen hat. Vorzuwerfen hat sie sich nichts, außer Sachen auszuprobieren. Aber wer von seiner Band immer nur den selben Kram vorgesetzt bekommen möchte, der sollte doch lieber bei Pink Floyd bleiben. Aber wie dem auch sei, sehen wir es als Handreichung, doch wieder mit auf den Weezer-Bandbus zu steigen. Der Song ist dabei vielleicht die typischste, klassische Rocknummer auf dem Album und vielleicht, ganz vielleicht, ist das ja auch die leise Ironie an der Sache: Ihr wollt nichts Neues? Hier habt ihr das älteste, was wir können.

Eulogy For A Rock Band – Hier kommt man der Schrägheit einer Pinkerton vielleicht noch am nächsten: Es rumpelt sehr ungelenk aus den Boxen, fast bedrohlich. Dazu ein Text, der mit den Worten „Goodbye Heroes“ beginnt. Rivers verabschiedet sich. Von einer Rock Band, die er offensichtlich geliebt hat. Und dann geht es in den Refrain, der fast die Anmutung eines 50er Jahre Liedes hat, in dem jemand seine Verflossene besingt: Adios, wir werden dich vermissen, aber die Zeit geht weiter und wir werden immer deine alten Lieder singen. Drama, Trauer aber auch Aufbruch und tiefe Liebe. Das kann Cuomo ja mit am Besten: Das große Drama im Rock suchen.

Lonely Girl – Es punkrockt aus den Boxen, im klassischsten Weezer-Sinn. Tiefes Grundriff, lieblicher Gesang, schöne Basslinie und ein typischer „Ich bin so alleine“-Text. Das ist weder originell, noch will es das sein. Solche Lieder entstehen in Studio Sessions und ich halte die nicht für Füller, sondern für eine Art Raumspray oder Räucherstäbchen: Vielleicht nimmt man das nicht so bewusst wahr, als das man drüber stolpern würde, aber es verbreitet eine angenehme Note im Raum. Aber klar: Das ist vielleicht der verzichtbarste Song des Albums. Vielleicht aber auch nicht. Mal weiterhören…

I´ve Had It Up To Here – Diese Abrechnung mit Fans, die nur Energie sucken und einer Band andauernd erklären wollen, wie sie zu klingen habe (Haben wir hier etwa einen roten Faden?), hat Cuomo nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit Justin Hawkins, Sänger von The Darkness. Und damit dürfte auch schon das Rätsel gelöst sein, warum Rivers zu Beginn des Songs in so ein herrliches Falsett springt. Die Gitarre klingt fast, für Weezer-Verhältnisse, funky, auf eine seltsame Art und weise. Überhaupt: die ganze Komposition dieses Songs ist ein seltsame Achterbahn, vielleicht um die eigene künstlerische Autonomität, um die es ja geht, noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich mag diese Reise sehr. Vielleicht einer der stärksten Songs des Albums und deswegen auch perfekt positioniert nach „Lonely Girl“. Fallhöhe schaffen, dass ist das Erste, was man auch beim Drehbuch schreiben lernt. Das gilt für die Dramaturgie einer Tracklist natürlich ebenso.

The British Are Coming – Das war einer der Songs, die schon vorab die Runde gemacht haben, um Lust auf das Album zu machen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Hier beweist Cuomo wieder im besten Sinne seine Harmoniesucht, was Akkordfolgen betrifft. Eine wunderschöne Rockmelancholie mit einem metaphorischen Eroberungstext. Und einem klassischen Rocksolo an einer Stelle, die man nicht kommen sieht. Wenn die Engländer kommen, dann bitte so.

Da Vinci – Das Lied fängt so an (übrigens als Opener der zweiten Seite des Vinyls), dass die Menschen, die Weezer dafür hassen, nicht mehr die Pinkerton-Band zu sein, bestimmt im Strahl kotzen müssen: Mit einer beschwingten Gitarre und einem fröhlichen Pfeifen. Pfeifen! Das darf man doch nicht! Keine Rockband pfeift mehr auf ihren Platten! Das ist doch so Asbach! Wer pfeift denn noch ernsthaft?

Die Antwort? Weezer! Und zwar auf die Leute, die pfeifen für unadäquat halten. Denn es geht hier um einen wunderbaren Popsong, um eine Liebeserklärung. Der Sänger des Songs ist so unglaublich begeistert von seiner neuen Liebe, er ist so beschwingt und erstaunt über so ein überirdisches Wesen, dass er nicht nur, wie im Refrain, sagt, wie unfassbar und unbeschreibbar seine Liebe ist, sondern das er auch beschwingt durch die Straßen läuft und wer hat da keine schöne Melodie pfeifenderweise auf den Lippen? Mehr als nachvollziehbar. Und zum Ende steigert sich das ganze Lied in ein harmonisches Noise-Gewitter, gerade so als würde man den Pinkerton-Fans, die nach dem pfeifen sofort entnervt das Lied geskippt haben, die lange Nase zeigen. Herrlich.

Go Away – Eigentlich ist es etwas traurig, dass es nicht öfter passiert. Ja, das die Band sogar vielleicht eine Sängerin fest dabei hat. Aber sei es, wie es ist: Weezer Songs eignen sich seltsamerweise auffällig oft für Duetts, vor allem mit weiblichen Konter-Parts. In diesem Fall ist es die Sängerin Bethany Cosentino von der Band Best Coast. Und wie die wenigen Male zuvor, ergänzt sich auch ihre Stimme perfekt mit der von Rivers Cuomo. Vielleicht ist es auch einfach seine immer leicht brüchige Stimme, die so oft wie am Anschlag klingt, die sich so gut mit diesen schönen, ganz leicht verrauchten Frauenstimmen verbinden lässt. In Go away, einem klassischen Schlussmach-Song, ist es auf jeden Fall schön durch den abwechselnden Gesang der Beiden das Gefühl zu bekommen, beide Seiten zu hören. Mehr Duette!

Cleopatra – Der Song hat mehrere Besonderheiten. Textlich geht es um jemanden, der sich endlich von Kleopatras Bann lossagen will. Ähm. Ja. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte eher ein Mittel zum Zweck ist. Dazu aber gleich. Beginnen wir mit dem Anfang des Lieds: Akkustikgitarre, Mundharmonika. Wer sich schon in Richtung Folk wähnt, der wird bitter enttäuscht. Nach der ersten Strophe geht es gleich ziemlich direkt in den Stromgitarrenrefrain. Und da kommen wir zu den Besonderheiten:

1.) Cuomo scheint seine Zeile „You can´t control me no more, Cleopatra!“ einfach durchzusingen, ohne jede Rücksicht. So wie Kleopatra ja auch geherrscht haben soll. Das führt dazu, dass Pat Wilson am Schlagzeug einen Beat auslassen muss, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dieser bewusste Stolperer fällt sofort auf. Herrlich. Ich mag das, wenn sich Popsongs den Luxus leisten, irgendein im besten Sinne “störendes” Element zu haben, das sie besonders macht.
2.) Singt er immer „Cleopatra, Patra, Patra“, was inhaltlich wenig Sinn macht, aber halt super klingt und somit, vermutlich zur Lösung des Textes führt: Es ging anscheinend nicht so sehr darum, unbedingt ein Lied über die Pharaonin geschrieben zu haben, sondern darum, dass dieser Name so einen tollen Klang hat, mit dem sich so schön rumspielen lässt. Und das hat er dann einfach gemacht. Ein großartig trockenes Gitarrensolo, dass zu einem zweistimmigen Classic Rocksolo wird, tut sein übriges. Super Song.

Foolish Father – Vater Cuomo singt, an eine Frau gerichtet, sie möge doch ihrem dummen Vater vergeben. Im Streit zu leben und auseinander zu gehen ist doch Scheisse. Und ausserdem: Everything will be alright in the end. Das singt am Ende des Lieds ein Mädchen-Chor. Zyniker mögen dem Lied Naivität vorwerfen. In Wirklichkeit ist es doch wunderschön. Eine Versöhnungs-Hymne. Ein Appell für die eigene Familie. Dafür, das alle mal Fehler machen, mehr oder weniger. Aber das ein liebender Vater auch mal ein Narr sein kann, vielleicht sogar sein muss. Kinder begreifen so etwas meistens erst sehr spät und erschrecken dann. Aber hey, egal wie er einem vorkommt: Er ist noch der gleiche Vater, der damals mit einem irgendwelchen Unsinn gemacht hat, den die Mutter nicht sehen wollte. Darum geht es in dem Lied und wer bei dem Ende nicht wenigstens eine leichte Gänsehaut bekommt, der sollte vielleicht mal die eigene Abgebrühtheit überdenken. Macht Spaß die abzulegen. Echt!

The Futurescope Trilogy: I. The Waste Land II. Anonymus III. Return To Ithaka – Sie ist wieder da: Die Rock Oper! In diesem Fall ein dreigeteiltes Lied mit zentralem Gesangsstück, welches wiederum “Let it be”-Flair verströmt. Nun, wer ein Album macht, dass sich auf so vielen Metaebenen mit dem Themenkomplex „Rock“ beschäftigt, der muss so eine Platte natürlich auch episch beenden. Wobei man es hier einfach mit einem längeren Song zu tun hat, der in seinen kurzen Breaks einfach dreigeteilt wurde. Aber wie dem auch sei: Durch die Titelgebung und die Aufteilung macht sich durchaus pathetisches Epos-Feeling breit und da muss man natürlich sagen: Besser hätte man so eine Platte auch nicht beenden können. Die Gitarren geben noch mal alles, im dritten Teil wird noch mal das große Solo ausgepackt, um den Zuhörer dann ganz in Ruhe in die Ruhe zu entlassen. Die Ruhe ohne Rivers, ohne Weezer, ohne das jemand einem sagt, dass „Everything will be alright in the end“.

Was soll ich sagen: Man muss diese Band lieben, um sie zu verstehen. Und genauso wie ich mich wundere, wenn ich sehe das es noch Fans von den Spin Doctors gibt, so wundern sich wohl vor allem hierzulande viele Menschen, wenn man zugibt Weezer-Fan zu sein. Aber ich kann es nur noch einmal und immer wieder betonen: Das Songwriting von Rivers Cuomo ist unglaublich. So viele Harmonien, die mich berühren, so viel Mut zum Pathos, auch wenn es manchmal peinlich sein mag, so eine Liebe zu Pop und Rock gleichermaßen und zu versuchen, dass in jedem einzelnen Lied unterzubringen: Das ist das Größte, was man musikalisch versuchen kann. Man muss vielleicht daran scheitern, aber es so konsequent auszuprobieren, zeugt von so viel Liebe und Überzeugung, eines Tages den Schlüssel zu finden, dass ich gar nicht anders kann, als mich davor zu verneigen. Ich mag mit dem Herz eines Fans sprechen, aber ich spreche aus tiefster Überzeugung:

Weezer sind meine Beatles.



OK GO sind wieder da!

Eine der Bands, die ich nach Weezer liebe, sind OK Go. Ich find es eigentlich ein bisschen unfair, dass man immer nur über deren Videos spricht und nie über diese schönen, mitunter schrägen kleinen Indie-Pop-Kompositionen, die ich mir auch auf dem Kopfhörer bei der Fahrt durch die Stadt liebend gerne anhöre. So wie den neuen Song “The Writings on the Wall” auch, gefällt mir auf Anhieb mit seiner leichten Cure-Stimmung und dem typischen OK Go Sound. Aber, zugegeben: Das Video ist auch wieder einsame Spitze, so wie es eben nur diese Kunststudenten hinbekommen:


[YouTubeDirektOptischerFreakout]



ESC 2014 - One Wurst for Europe

Gleich zu Beginn: Den größten Glückwunsch von mir an Österreich und vor allem an Conchita Wurst und an alle Entscheidungsträger, die dafür gesorgt haben, dass sie heute Abend dort auf der internationalen Grand-Prix-Bühne stand und den Pokal nach Hause gebracht hat. Tolle, richtige und mutige Entscheidung. Denn, wie man ja allerorten sieht: Die Holzköpfe trommeln immer am lautesten. Aber deswegen haben sie nicht am rechtesten. Sie sind es nur.

Ich war, ehrlich gesagt, kein großer Fan von Conchita Wursts Song. Ein bisschen Bond-ig, ein bisschen Adele-ig und ich fand es auch ein wenig schnarchig. Allerdings, entscheidend ist aufm Platz und da hat sie voll überzeugt: Der Song war ihr noch mehr auf den Leib geschneidert als das Kleid und das sass schon wie eine Eins. Trotzdem hatte ich andere Favoriten an dem Abend. Wenig überraschend: Deutschland war nicht dabei. Deutsche Entscheidungen, an denen Raab nicht beteiligt ist, bestechen allerhöchstens noch durch totale Einfallslosigkeit. Ich möchte gar nicht an das Cascada-Debakel denken - wer jemals geglaubt hat, dass die irgendeine Chance gehabt hätte, mit ihrem ultradurchschnittlichen Dancepop, der Frau Mustermann als Punkerin wirken lässt, sollte sich nach wie vor um alles kümmern, nur bitte nichts mehr aus dem Themenkomplex “Musik” entscheiden. Elaiza, von den Zuschauern wenigstens zum Glück VOR Unheilig gewählt, sind auch ohne Chance nach Kopenhagen gereist. Dafür war das Lied viel zu vorhersehbar, die Performance viel zu sehr “angezogene Handbremse” und dieser Balkan-Pop-Trend war schon 2013 out. Man kann relativ froh sein, noch im hinteren Mittelfeld gelandet zu sein.

Wen mochte ich heute Abend?


[YouTubeDirektIsland]

Island war ein schöner Punkpop-Song. Ich hab da einfach eine Schwäche für. War aber relativ klar, dass die nix würden reissen können. Umso mehr mochte ich diese positive Attitude, die von denen ausging. Niedlich.


[YouTubeDirektRumänien]

Klar, Kirmestechno, ich mag das aber immer, wenn ich da von einer Idee überrascht werde, die ich zumindest originell finde. Hier ist das zum Beispiel diese Bassdrum, die manchmal jedes Wort betont. Und das wahnsinnig bescheuerte Kreisklavier ist natürlich auch der Hammer.


[YouTubeDirektPolen]

Die polnischen Buttermacherinnen. Das ist auf so vielen Ebenen so unheimlich bescheuert - ich kann das Null ernst nehmen, aber sehr lustig bis skuril finden. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die das zu einhundert Prozent ernst gemeint haben. So weit auseinander können Ansichten mit einem direkten Nachbarn nicht driften.


[YouTubeDirektFrankreich]

Die Loser des Abends, die Franzosen. Aber ich fand das so gut! Das war Party, ein wenig bekloppt, gut tanzbar und Schnurrbärte halte ich für ein gutes Thema. Dem hab ich eindeutig mehr Chancen eingerechnet. Lag es am französisch? Oder hat ein ESC-Abend immer nur Platz für einen Freak? Wenn man es positiv sehen will: Ist doch schön, so ist die Liste aller Teilnehmer von Freaks eingerahmt. Auf dem ersten und dem letzten Platz. Tröstender Gedanke.


[YouTubeDirektItalien]

Italia! Dich find ich einfach immer gut, egal was du machst. Isso. (Die sah aber auch cool aus, heute, mit diesem Lorbeerkranz…)


[YouTubeDirektFinnland]

Woah, Finnland hat mich echt überrascht. Eine Band mit lauter jungen Jungs mit einer guten Rocknummer, die irgendwo zwischen Coldplay, Mando Diao und One Direction oszilliert (geil, den Begriff wollte ich schon immer mal irgendwo sinnvoll einsetzen…). Hat mir supergut gefallen, war sofort mein persönlicher Favorit - wenn ich ihm auch keine Riesenchancen zugetraut habe.


[YouTubeDirektSpanien]

Und schliesslich Spanien, dass mich mit seiner Powerballade gekriegt hat, weil man mich mit Powerballaden immer kriegt. Ich bin nämlich Powerballaden-Afficionado.

Alles in Allem war das diesmal ein wirklich schöner ESC. Das Zeichen, dass Europa mit seiner Auszeichnung von Conchita Wurst setzt, kommt an und tut gut.

Einen Kritikpunkt hab ich noch, aber den kann ja überlesen, wen es nicht betrifft:

Lieber Peter Urban,

seit so vielen Jahren moderierst du nun das ESC-Finale und ich liebe deine Stimme, deinen Witz und deine ironischen Bemerkungen. Eines meiner LIeblings-TV-Ereignisse war nicht das umgefallene Tor damals in Spanien, sondern deine Moderation des Grand Prix, bei dem Deutschland nicht “zugelassen” war, weil der Song zu schlecht war. Ich glaube, das war “Leon” oder so. In dem Jahr hast du dich mit deinen Kommentaren und Moderationen selbst übertroffen, kein Grand Prix war jemals witziger. Und damit kommen wir auch schon zum vermutlichen Knackpunkt:

Deine Begeisterung in allen Ehren, aber in den letzten Jahren scheint mir deine Deutschen-Brille schon etwas zu zwanghaft. Dein “Das hat sie wirklich nicht verdient” zu Cascadas letztem Platz war albern, weil sogar jeder Zuschauer wusste, dass sie es verdient hat, weil ihre Nominierung so komsich von den Plattenfirmen durchgedrückt wurde. Und dein heutiges bedauern, dass man von Österreich oder den Niederlanden keine Punkte bekommt, nur weil sie unsere Nachbarn sind - da könnte einem dann schon auch auffallen, dass das eigene Lied nicht so prickelnd ist. Klar, du sollst nicht die ganze Zeit selbstzerfleischend betonen, wie schlecht der eigene Beitrag ist, aber man darf ruhig auch mal analysieren, wann ein Lied eher langweilig ist. Oder eine Performance. Man muss nix automatisch gut finden. Das wirkt etwas krampfhaft und etwas sehr unauthentisch. Ansonsten, wie immer ein guter Job und das “FUCKING HELL!”, live übern Äther, das hat mir gefallen.

Davon abgesehen: Ich freu mich darauf, nächstes Jahr wieder einen Käseigel zu machen. Aber den pack ich dann ein und nehm ihn mit. Nach Wien. Da will ich nämlich dabei sein. Danke ESC!



Fahrradhelm verrecke! - Fraktus im Thalia

Ich war auf der Uraufführung von “Tonight:Fraktus” im Thalia Theater in Hamburg. Die Männer von Studio Braun haben ihre erfundenen Techno-Erfinder wieder aktiviert und erzählen in diesem Stück nun, wie es nach dem Film weitergeht. Irgendwie.

Schauplatz ist dabei ein Konzert der Band, die zu Beginn noch gar nicht da ist (und deren Ankunft sich immer weiter verschiebt, was ein Bühnenarbeiter durch immer gruseliger werdende Wasserstandsmeldungen in regelmässigen Abständen verkündet). Auf der Bühne finden sich allerlei prototypische (Live-)Musikmitarbeiter, vom Alt-68er über den selbstverliebten Nix-Könner-Schwaben, der natürlich eine leitende Position hat, bis hin zur ultrahysterischen und -nervösen Managerin der Band. Erzählt, vorgestellt und zusammengehalten wird dieses Sammelsurium an Nervbacken von Roadie Dennis. Dennis ist schüchtern, der Arsch für alles (”Wenn du etwas anfängst, ist das als würden zwei was fallen lassen…!”), aber als Nerd auch ein ebenso guter Beobachter und deswegen die beste Wahl, um dem Publikum in kurzen Freeze-Momenten die Protagonisten vorzustellen. Da gibt es die Körner-Schwestern, zweieiige Zwillinge, die zwar die Background-Sängerinnen von Fraktus sind, aber bei diesem Gig ihre große Chance als Vorband bekommen sollen, mit ihrem Postpunk-Electro-Lärm-Act “Thrill”, den sie immer ganz niedlich “Trill” aussprechen.

Und in diesem Chaos ist es dann irgendwann endlich so weit: Die Band ist da. Fraktus. Mit neuen Songs, neuer Show und extrem originellem neuen Merch, getoppt von der Premiere eines Fraktus-Computerspiels. Das folgende Konzert endet mit der Hymne “Friends sind Freunde, Freunde sind Friends” und lässt erahnen: Die Erfinder der elektronischen Musik haben gerade erst wieder damit angefangen, anzufangen. Fraktus forever. Oder so.

Erstmal dieses: Ich bin kein Theater-Typ. Das mag nachlässig sein oder doof oder sonstwas, aber Theater und ich, uns verbindet keine langjährige Freundschaft. Ich hab auch immer mal wieder gute oder interessante Inszenierungen gesehen, so ist es ja nicht, aber ich hab auch ganz oft langweiligen Quatsch gesehen und irgendwie ist das einfach nicht mein Medium. Zumindest nicht als Zuschauer. Gespielt hab ich Theater ja schon in jungen Jahren und ich weiß, wie viel Spaß das machen kann und was das für ein besonderes Gefühl ist. Das mal vorweg, nicht dass man mir mangelnde Vergleiche mit ähnlichen Inszenierungen vorwirft oder so. Ich hab keine Ahnung.

Vielleicht war das bei der Premiere auch von Vorteil, denn ich hab mich noch seltener im Theater so lauthals kaputt gelacht, wie in “Tonight: Fraktus!”. Die ganzen Klischees, die da munter über die Bühne tanzen, sind so bescheuert überdreht und scheinen sich einen Wettlauf zu liefern, wer noch bekloppter rüberkommt. Man schämt sich für keinen Kalauer, kein Gag - und sei er auch noch so platt - wird liegengelassen, man ist sich für nix fies, wie man in Köln so schön sagt. Dabei war es ein ganz wundervoller Einfall, Dennis zum Zentrum des Geschehens zu machen. Jörg Pohl spielt den Bühnenarbeiter so herrlich uneitel und unbeteiligt: Der perfekte Vertreter für den Zuschauer. Man hat das Gefühl, Dennis ist der einzig normale Mensch in dem Zirkus, er stünde im Auge eines Hurrikans aus Stuss und Kokolores.

Irgendwann gibt es aber Momente, in denen kippt diese Muppet Show, Momente in denen es ganz kurz ernst wird. Wenn die Körner Schwestern aus ihrem Randalesong “Jeder gegen Jeden” plötzlich in eine ganz rührende Ballade abdriften, zu der Mel Körner dann auch noch Geige spielt - dann verstummt das Theater. Oder wenn Dennis sehr spät in der zweiten Hälfte ein flammendes Plädoyer gegen Fahrradhelme als Symbol der modernen Verspiessung in den Saal spittet, dann braust Applaus auf, nicht von allen, aber von allen die kapiert haben, was er meint. Ein wenig scheint sich das Stück dieser wahrhaften Momente zu schämen oder unsicher zu sein, denn sie werden schnell wieder weggewischt oder besser noch: weggegagt. Aber das ist voll okay. Wir sind hier ja nicht im Drama, wir sind hier in der Komödie und manche bringen das comic relief eben gerne schnell. Man könnte sich fast dazu hinreissen lassen zu behaupten, die deepen Momente klängen so noch viel stärker nach. Naja. Man kann es auch übertreiben. Einigen wir uns auf: Es schadet ihnen nicht besonders, dass sie schnell vorbei sind.

Aber: Es schadet dem Stück selber, dass es so schnell vorbei ist. Das Ende kommt relativ abrupt und wirkt schnell hingeschrieben - das wäre mein wirklicher Kritikpunkt an der Geschichte. Die Hauptfigur Dennis wird hier ein wenig verheizt und meines Erachtens nicht ausreichend “gewürdigt”. Vielleicht ist das so gewollt, ich hätte mir ein größeres Finale-Gefühl gewünscht, wenigstens einen Song für Dennis. Das, was ich da gestern sah, wirkt so lieblos und passt in diesem Gefühl leider gar nicht zum Rest des Stücks. Doof, vor allem wenn es das Ende betrifft, denn das ist ja erstmal der letzte Eindruck, mit dem man rausgeht.

Vergessen wir das Ende. Erfreuen wir uns an dem ganzen Rest: 90 Minuten wunderbares Entertainment, das angenehm clever eine herrliche Albernheit zelebriert und somit perfekt den Geist des Films weiteratmet. Mediensprung wunderbar gelungen. Ich freue mich dann mal auf die Fraktus-TV-Show oder so.

Oh Oh Oheeo!



Fischer, Fischer, der Pop ist kaputt!

Achtung: Der folgende Text ist relativ zusammenhanglos und vielleicht auch hier und da ein bisschen unfair hart gegenüber einigen Acts. Er ist aber vor allem gnadenlos subjektiv und aus einer Art Notwehr heraus geschrieben. Da haut man schon mal um sich. Mea culpa.

Hier der Text von mir eingelesen.

Es war Echo und meine ganze Facebook-Timeline platzt vor Helene Fischer Postings. Von “war doof” über “gar nicht mal so schlimm” und “Hahaha, super Endgag” bis “Fischer macht nen super Job!” war alles dabei.

Mein Verhältnis zu Helene Fischer war bislang so: Ach, naja, würd ich mir nie holen, aber ist doch lustig. Ist doch eigentlich wie Britney, nur auf deutsch. Und ich war früher ein großer Britney Spears Afficionado. Und das Phänomen, dass die jetzt auch ausserhalb eines Schlager-Kontexts stattfindet, fand ich auch faszinierend. Und spannend.

Aber, vielleicht auch ausgelöst durch eine Diskussion, die ich gestern auf meiner Timeline hatte, in der mir ein Freund, der großer Sex Pistols Fan war, erklärt hat, wie grotesk lächerlich ihm Kate Bush damals vorgekommen ist, als sie ihre ersten Songs veröffentlichte, plötzlich stand ich da und dachte: Moment mal. Hier läuft irgendwas ganz falsch. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit wurden “Künstler” wie Fischer ausgelacht. Sogar von irgendwelchen Dance Acts. Und jetzt ist diese Art Musik, dieser Schlager, plötzlich Konsens-Pop? Auf einmal sträubt man sich nicht mehr dagegen, zu einem Lied aus den “Mit den Schuhen kommst du hier aber nicht rein, Freundchen!”-Läden dieser Welt mitzuwippen? Die Freundin von Florian Silbereisen ist ein fuckin Popstar?

Wie, verdammt nochmal, konnte es so weit kommen. Warum gibt es nicht mehr “die” und “uns”? Als ich vor ca. 10 Jahren zum letzten Mal auf dem Echo war und Andrea Berg einen Preis bekommen hat, war die ganze Halle so: Hä? Wer ist das denn? Und jetzt machen alle Selfies mit Helene Fischer. Es ist ein Alptraum. Die Musik der Spiesser hat gewonnen. Wie konnte es nur so weit kommen?

Nun, es gibt viele Gründe. Die Toten Hosen zum Beispiel machen seit Jahren Lieder, die so auch Wolle Petri im Programm haben könnte. Die ganzen “Schmusebarden”, also einsame Männer mit Akkustikgitarren, die mit brüchiger Stimme ihren ganzen Exen hinterher jammern, haben deutschsprachigen Pop total aufgeweicht. Beliebiger gemacht. Empfänglicher für simple Schlüsselreize. Dazu noch die Plattenfirmenkrise, die nicht etwa dafür sorgte, Produkte kundenfreundlicher zu machen, sondern sich auf den Markt zu konzentrieren, auf dem noch gekauft wurde und wird: Der Schlager. Und den Markt so groß wie möglich zu machen. Da freut sich auch Onkel Bohlen und pumpt sein DSDS mit Schlager voll, auf das ein neuer Markt entstehe, den man schnell abgrasen kann. Dann lässt man wehrlose, alte Männer noch irgendetwas covern, was nicht zu ihnen passt und auf einmal wird alles umgedreht. War es in den 90ern noch ein Akt himmelschreiender Ironie, wenn eine Band einen alten Schlager nachspielte (zum Beispiel Creme 21 mit “Wann wirds mal wieder richtig Sommer?” oder Dieter Thomas Kuhn mit “Über den Wolken”), bei dem man sich so stark zuzwinkerte, dass Augenkliniken mehrere Augenhöhlenbrüche behandeln mussten, so ist es jetzt genau umgekehrt: Heino singt die Ärzte nach und alle denken, es sei “kultig”.

Mann, ich bin so sauer. Ich bin sauer, dass ich mich auch hab einlullen lassen. Das ich denen auf den Leim gegangen bin. Helene Fischer ist Schlagersängerin, Herrgott nochmal. Alles tutsi-tutsi, heile Welt. Mei, was ein schönes Paar, die Helene und der Flori.

BUÄH! Ich muss kotzen! Das ist verkaufsoptimierter Dreck. Es gibt keine Musik, die so sehr auf verkaufen ausgelegt ist, wie Schlager. An dieser Musik ist überhaupt nichts mehr echt, da findet keine Leidenschaft mehr statt, da geht es nicht mal mehr um Musik. Jeder scheiss Mitte-Elektro-Laptop-Frickler hat mehr Seele und Liebe in seinen nicht-enden-wollenden “Songs”, als die gesamte deutsche Schlagerszene zusammen. Abgewichste Musikerdarsteller, die Abends an der Hotelbar bei einem Pils und einer Kippe sitzen und erzählen, dass sie eigentlich Rockmusiker werden wollten und das Herz eines Rockers haben. Musik machen wie zur Stechuhr gehen. Als Job. Und alle finden ja eigentlich AC/DC toll.

Bäh, ich muss mich richtig schütteln. Pop ist kaputt. Und ihr Schlagerspackos habt ihn auf dem Gewissen. Der Wendler ist nicht Kult oder doch, der Wendler ist total “Kult”, weil mit “Kult” werden ja auch nur noch Dinge beschrieben wie Toilettenpapier mit Witzen drauf bei Nanu-Nana oder Schnaps in Flaschen, die wie Zündkerzen aussehen. Das Prinzip Merkel hat es in die deutsche Musikbranche geschafft. Eigentlich logisch nach so vielen Jahren rumregieren. Man faltet die Hände und lächelt sich so durch. Bloss niemanden aufregen, es soll ja keiner merken, dass von einem nicht viel kommt oder das bei dem, was da so kommt, nicht viel hintersteckt. Helene Merkel. CDU ist Pop. Andrea Nahles ist Pop. GroKo ist PopKo.

Der Test: Man stelle Helene Fischer neben irgendeine xbeliebige Künstlerin und vergleiche. Ist egal neben wen: Lady Gaga, Katy Perry, Britney Spears, younameit. Immer ist Fischer sofort der Bauerntölpel. Das poppige Nichts. Die deutsche Sängerin. Bieder bis zum Anschlag, substanzlos wie eine Rede von Thilo Sarazzin. Für den Eurovision Song Contest wählen die Deutschen zwischen Unheilig und einer Newcomer-Band mit einem Lied, bei dem der deutsche zu Hause so richtig schön auf die Eins klatschen kann. Ach, wir schicken die zu einem internationalen Wettbewerb? Ist doch egal! Wenn wir keine Punkte kriegen, dann sind halt wieder irgendwelche Absprachen schuld. Die Escada vom letzten Jahr hätte doch mindestens Erste werden müssen, mit ihrem Staub-Disco-Pop. Das war Schiebung!

Vergiss es, Zynismus oder Ironie hilft uns auch nicht weiter. Deutscher Pop ist tot. Vereinzelte Heldentaten, wie zum Beispiel Marteria, helfen uns da auch nicht mehr raus. Ich hab keine Ahnung, wie man das Ruder wieder rumreissen kann. Wenn Freunde moderne Schlager plötzlich gar nicht mehr so schlimm finden, dann erinnert sie daran, dass sie es doch sind. Das eine Helene Fischer auch nur ein G.G.Anderson in blond ist. Das uns allen der Wolf im Pop-Pelz untergemogelt wurde. Schlager ist der Schrebergarten des Pop und wird uns gerade als Hofgarten verkauft. Stop damit! Hört auf! Ihr könnt keine Petition gegen Lanz unterschreiben, aber “Atemlos” auf dem mp3-Player haben. Menschen unter 18 Jahren sollten nicht einmal wissen, wer Helene Fischer überhaupt ist! Denkt doch mal an die Jugend! Deren Pop soll vor allem eins: Uns nerven.

Kennt ihr den Film “Sie leben”? Wo einer mit so einer Spezial-Sonnenbrille sieht, dass die Welt von Aliens unter Kontrolle gebracht wurde, weil sie auf jeder Leinwand, in jedem Fernseher sublime Botschaften aussenden, die man nur mit eben jener Brille sieht? Und die Leute sind alle unter ihrem Bann, während der Typ versucht, alle “aufzuwecken”?


[YouTubeDirektUntendrunter]

So fühl ich mich gerade. Helft mir! Lasst uns alle aufwecken! Lasst uns Pop zurückerobern! Lasst uns Songs schreiben, Videos drehen, iTunes-Chart-Manipulationsflashmobs machen.

Vielleicht gründe ich eine neue Religion, in der es nur um die Rettung von Musik geht. Und dann steh ich morgen klingelnd vor eurer Tür. Und wenn ihr aufmacht, sag ich nur:

“Hallo. Ich möchte mit ihnen über Pop reden.”



Der Beirat der Musikindustrie - der Song

Der Echo, der nationale Musikpreis, hat jetzt einen externen Beirat. Diese, vom Echo-Veranstalter ernannte, “Experten”-Kommission, bestehend aus sieben weißen Männern (wenn irgendwo eine Quote vonnöten ist, dann ja wohl dringend in der Musikindustrie) soll Fälle klären, die zu Diskussionen führen oder führen könnten. Wir erinnern uns alle an das vergangene Jahr und die Nominierung und dann, nach breiten Protesten seitens der Künstler, wieder Ent-nominierung von brei.mild. Solch ein PR-Desaster für den Echo möchte man nun proaktiv vermeiden. Und hat deswegen eben jenen Beirat gegründet, der die Fälle unabhängig (hahaha) bewertet. Und der hat auch gleich seinen ersten Job, denn schrei.bild stehen natürlich wieder vor der Tür, diesmal mit einem unplugged-Album oder so, welches sich natürlich auch wieder dutzendfach verkauft hat, an irgendeine sich missverstanden-wähnende Masse. Und wenn es etwas gibt, was den Bundesverband der Musikindustrie aufhorchen lässt, dann ist es der liebliche Klang eines “Ka-Ching”. Und bei wem es ganz oft ka-chingt, den haben die dann natürlich ganz doll lieb. Und haben deswegen den Beirat entscheiden lassen, dass wir alle dieses Jahr drei.grillt auch ganz dolle lieb haben. Nicht das die sich in irgendeiner Weise innerhalb der letzten 12 Monate geändert hätten, im Gegenteil. Der Echo-Ausschluss von vor einem Jahr wird denen sogar ganz Recht gewesen sein, konnte man sich doch nur noch mehr als armes Opfer der von denen sogenannten “Mainstream-Medien” gerieren. Das mögen die Fans. Wir gegen alle, niemand versteht uns. Da muss die Band sich dieses Jahr etwas Neues einfallen lassen.

Aber, da der Beirat des Industrieverbands der Musikindustrie ja beschlossen hat, dass wir jetzt alle zwei.gilt-Fans sind, möchte ich helfen. Ich habe der Band (und dem heiligen Beirat) einen Song geschrieben, der sicher der nächste Hit für sie und ihre Fans wird:

Hier der Text, zum mitlesen und mitsingen:

Ihr habt uns nicht verstanden,
das war schon immer so.
Uns war das stets egal.
Doch dann kam der Echo.

Mit euren dummen Lügen
und viel zu engen Hosen,
habt ihr uns von der Preis-
Verleihung ausgeschlosen.

Wir dachten dieses Jahr,
lädt uns keiner mehr ein.
Denn alle deutschen Bands,
ausser uns, sind voll Gemein. (Und Lügner! Und die Mainstreamlügenpresse auch!)

Doch der Echo selbst
wollte uns unbedingt!
Und hatte ne Idee,
damit das jetzt gelingt!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir gründen einen Beirat!
Und dann haltet ihr die Fresse!
Ihr werdet uns nicht stoppen!
Wir werden nicht vergesse (das “n” ist stumm)!

Wir lieben den Beirat,
der Beirat macht uns stolz.
Das sind keine Lügner,
die sind aus unserm Holz.

Zum Glück sitzen im Beirat,
keine Wesen mit zwei Brüsten.
Weil die mit Sicherheit,
nichts beizufügen wüssten.

Die machen doch nur Ärger,
genau wie diese Bands,
die nicht mit uns spielen wollen.
Wo bleibt da die Toleränz?

Nein, nein, in unserm Beirat,
sagen Männer wie es läuft.
Und wer das kritisiert,
muss halt zusehen wo er säuft (auf jeden Fall nicht auf der Echo-Aftershow-Party)!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir verkünden eine Heirat!
Das ist der schönste Tag im Leben!
Die Onkelz und wir,
werden uns das Ja-Wort geben.

Wir fahren heut nach Beirut!
Da soll es ja sehr schön sein!
Wir brauchen noch ein Dreirad!
Jetzt wirds schon wieder gemein.
Wir machen jeden Brei fad!
Wir gehen heut ins Freibad!
Wir hassen jeden der,
einen Papagei hat!
Malst du Bilder mit Schwertern,
dann ist das Samurai-Art!
Verdoppelst du dein Haarspray,
dann besitzt du zwei Gard!
Boxt du gegen einen Fisch,
merkst du schnell: Oh, ist der Hai hart!
Lügenpresse, Lügenbands, Gutmenschen!
Hass! Hass! Hass!