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Es gibt nur cool und uncool und wie Edgar Wasser sich fühlt.

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Edgar Wasser, Deutschrap-Indie-Phänomen der letzten Jahre. Ich sag extra nicht Underground, denn so Underground ist er gar nicht mehr. Klar, vom Mainstream ist er noch meilenweit entfernt, aber auch nur aus freiem Willen. Wasser möchte kein Teil einer Industrie sein, die er scheiße findet und die für ihn nur scheiße produziert. Aber er möchte einen Teil vom Kuchen haben, den diese Industrie ungerechtfertigterweise nur für sich und ihre Big Player beansprucht. Deswegen ist die Zeit der Gratis-Online-Tapes zwar nicht vorbei, aber sie wird mal kurz ausgesetzt und eine käuflich erwerbbare EP wird zwischengeschoben, namentlich die „Tourette-Syndrom EP“ (Amazon-Partnerlink). Vielleicht um mal zu testen, ob das jemand kauft, vielleicht um endlich mal ein kaufbares Solowerk anbieten zu können: Es spielt keine Rolle, was der Grund für die vermutlich längste EP* aller Zeiten ist, Hauptsache sie ist. Und wie!

Nämlich äußerst gelungen: Deutschrap hat es gerade ein bisschen schwer, obwohl er so boomt. Oder vielleicht gerade deswegen. Überall kommen irgendwelche Acts um die Ecke, die man gut oder anstrengend finden kann, aber meistens bleibt irgendwas auf der Strecke. Vielleicht so was wie Haltung oder so, keine Ahnung. Ich bin ein Kind des 90er Raps. Des Boombap. Des Rucksacks. Da war Gangsta die Ausnahme und wenn, dann sowieso nur aus Amerika cool. Vor allem wegen der Authentizität. Hier hat nur gerappt, wer auch was zu sagen hatte. Das klingt missverständlich, ich meine das nicht nur inhaltlich. Auch technisch, grammatikalisch, wieauchimmer. Heute gibt es, dank größerer Auswahl, auch mehr großartige Acts, aber wo viel Licht, da auch viel durchschnittliche Scheiße und noch mehr Zeug, bei dem man froh ist, dass der Interpret überhaupt ein bisschen Taktgefühl hat. Man muss sich die Perlen mühsam raussuchen, Konsens ist schon lange kein guter Ratgeber mehr, wenn man sein Hörer-Glück im Deutschrap finden will.

Deswegen dieser Text, diese Lobeshymne auf Edgar Wasser. Auf seiner Platte beweist er auf jeden Fall wieder perfekt, was ihn zu so einem Ausnahmerapper macht: Die Stimme immer leicht am Anschlag der Aufregung, aber immer bedacht, nicht darauf reinzufallen, sondern eher durch diese ständige Angespanntheit ordentlich zu representen und den eigenen Aussagen Nachdruck zu verleihen.

Andererseits ist das große Motto der Platte „Glaubt mir doch nichts!“. Wasser möchte gehört werden, hält mit seiner Meinung zu Rap, Politik und öffentlichen Diskussionen nicht hinterm Berg, aber spannt jedes Mal ein Netz über den doppelten Boden, so meta, dass man manchmal auf dem Kopf stehend hinten wieder raus kommt.

Der Opener des Albums beispielsweise: In „Bad Boy“ rappt er als letzte Zeile einer jeden Strophe: „Es wär toll wenn ihr respektiert, dass man euch hier nicht respektiert.“ In einem Lied über Frauen im (deutschen) Hip-Hop. Das ganze Lied ist in seiner triefenden Ironie ein klarer Real Talk Track über den grotesk übertriebenen Sexismus im Rapgame, ebenso schmerzhaft wie perfekt auf den Punkt gebracht. Das kann Rap auch, muss man eben nur wollen.

Und Edgar Wassser will. Er gibt einen Fick auf Beliebtheitswerte, Wasser macht Rap, der sich wie Notwehr anfühlt, Notwehr gegen die Bescheuertheit dieser Welt. Und macht sich nichts vor, nicht auch selber Teil davon zu sein. Der Track „Faust“ beginnt mit einer ewigen Sample-Zusammenstellung aus seinen eigenen Tracks, in denen er unbedacht den Begriff „behindert“ oder „Spasst“ benutzt hat, nur um sich dann im Lied Gedanken darüber zu machen, wie sehr diese Begriffe eigentlich mit Bedeutung aufgeladen sind und wie das eigentlich so ist mit der Deutungshoheit. Um dann auch wieder im fast schmerzhaften Refrain zu landen, der da lautet: „Diskriminierung ist nicht cool, du Spasst, Diskriminierung ist behindert…“.

Edgar Wasser geht gerne dahin, wo es wehtut, doch wenn anderen Interpreten, von denen man das behauptet, dort mit umherzeigenedem Zeigefinger rumlaufen, baut sich Edgar Wasser erstmal die Hängematte auf, um zu gucken, wie lange er es in der Unerträglichkeit aushält.

Aktuellstes Beispiel: Der Track, den er am Releasetag des Albums rausgehauen hat und in dem er sich selbst zerpflückt für all die Widersprüche, die den Menschen nunmal so innewohnen. So selbstreflektiert ist kein anderer deutscher Rapper. Nicht einmal Max Herre:


(Selbstkritik-Direktlink)

Die Beats auf der Platte sind größtenteils ziemlich dope. Es gibt kleine Qualitätsschwankungen, aber die sind vernachlässigbar, schätze ich. Es pumpt schön und größtenteils geschmackssicher gesampled aus den Boxen. Geht voll klar, Kopfnicker.

Ich hab keine Ahnung ob Edgar Wasser die Rettung des Deutschrap ist. Vermutlich nicht. Weil er das gar nicht sein will. Aber, und das ist ja das gemeine, genau das könnte dafür sorgen, dass er es doch ist. Für mich auf jeden Fall die Rapplatte des Jahres. Auf genau so was hab ich gewartet.

*Eine EP ist etwas zwischen Single und Album. Meistens so um die fünf Tracks. Edgars EP hat 18 Tracks.



Weezers unglaubliche Popreise: „Everything will be allright in the End“

Weezer sind wieder da. Und mittlerweile kann man keinen Text mehr über die Band schreiben, ohne auch auf die Kritik an ihr einzugehen. Man ist also sozusagen zur Meta-igkeit gezwungen. Deswegen bringen wir es schnell hinter uns, damit wir uns ganz auf die neue Platte konzentrieren können:

Alle Pinkerton-Fans können sich jetzt schon mit etwas anderem beschäftigen. Den Rentals oder irgendwelchen anderen Lo-Fi-Noise-Pop-Acts, denn auch „Ewbaite“,wie der aktuelle Albumtitel abgekürzt wird, ist nicht die Platte, auf die ihr gewartet habt. Ich zweifele auch ganz erheblich daran, dass diese Platte jemals erscheinen wird. Weezer mit Pinkerton zu verwechseln ist ein beliebter, oft gemachter Fehler.

Pinkerton, das zweite Album der Band, war ein Stilbruch. Vielleicht ein Ausbruch. Auf jeden Fall ein Bruch. Der auf dem ersten Album etablierte, spezielle Weezer-Sound, der die ganze Welt begeisterte, war plötzlich wieder weg. Stattdessen viel Geschrei, wenig Metalreferenzen und ein Verzicht auf jegliche Cleanliness. Als würde sich jemand auskotzen. Klar, ein nach wie vor harmonisch wertvolles auskotzen, aber eben auch eine Verweigerung, dem selbst geschaffenen Mythos mehr Futter zu geben. Vielleicht war es Frust, vielleicht war es Langeweile, vielleicht die sture Lust aufs ausprobieren. Aber gleich nach diesem Album fanden Weezer zu ihrem ihnen so eigenen Sound zurück, besannen sich auf ihre alte Stärke und beschlossen wieder wie Weezer klingen zu wollen und nicht wie Indie-Band XY. Denn, ganz ehrlich, auch wenn ich das Album toll finde: Pinkerton könnte von jeder Indie-Band sein. Dafür braucht man Weezer wirklich nicht. Und schließlich klangen Weezer auf den sechs Alben nach Pinkerton auch wieder viel mehr nach dem blauen Album. Man darf also beruhigt davon ausgehen, dass die Band einen Sound hat, den sie machen will und der nicht wie auf dem zweiten Album klingt. Es bleibt die Ausnahme. Einigen wir uns also darauf, dass es Weezer-Fans und Pinkerton-Fans gibt. Aber Menschen, die meinen Fans der Band zu sein und die dennoch sagen, dass nach dem zweiten Album kein gutes mehr kam, sollten es doch wie Bassist Matt Sharp machen und nach Pinkerton die Band verlassen. (Übrigens: Beef scheint da nicht zu bestehen. Cuomo grüßt Sharp in den Credits des aktuellen Albums als „Awesome Musician“)

So. Puh. Die vermutlich nötigste und längste Einleitung, die man zu einer Plattenkritik schreiben kann und im Fall der Band auch leider muss. Nun aber, versprochen, kommen wir zum aktuellen Album: Everything Will Be Alright in the End
(Amazon-Partner-Link)

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Das, wie schon zuvor das blaue und das grüne, von Ric Ocasek, Frontmann der Cars, produzierte Album soll eine Rückbesinnung sein. Auf alte Stärken. Auf alte Spielfreude. Auf publikumsteasende Nicht-Publikumsteasung. Auf Rivers Cuomos Songwriterqualitäten. Hat das hingehauen oder ging das daneben? Dem kommt man nur mit der beliebtesten Art der Plattenkritik auf die Spur: Die Track by Track-Analyse. Lets go:

Ain´t Got Nobody – Das Lied beginnt mit einem Filmsample. Alter Punkrockstyle. Ein tiefes, langes Ein-Ton-Riff mit diversen Sprachsamples, ein Tap-Taptap-Klatschen und von hinten schleicht sich plötzlich die Hook-Zeile an, um wie eine welle über einem zu brechen und mit dem fröhlich-verzweifelten Refrain wegzuspülen. Die Strophen eher mollig, rein verzweifelt. Und dann ein herrlich schräges Gitarrensolo mit einem kurzen „Nä Nänänä Nä“-Moment. Dazu am Ende noch Dupdupudp-Adlibs. Es ist ein bisschen vollgestopft mit tollen Ideen. Da geht die einzelne leicht unter. Aber, klar: Lieber ein zu volles als zu leeres Lied. Depri-Electro-Projekte mit zwei Menschen und Null Ideen hat die Welt nun wirklich schon genug.

Back To The Shack – Vergangenheitsbewältigung. In diesem Lied entschuldigt sich Cuomo für alles, was selbsternannte Weezer-Fans der Band in den letzten Jahren vorgeworfen haben. Nun ja. Ich für meinen Teil halte das für ein bisschen zu devot und sehe nicht wirklich, wofür sich die Band zu entschuldigen hat. Vorzuwerfen hat sie sich nichts, außer Sachen auszuprobieren. Aber wer von seiner Band immer nur den selben Kram vorgesetzt bekommen möchte, der sollte doch lieber bei Pink Floyd bleiben. Aber wie dem auch sei, sehen wir es als Handreichung, doch wieder mit auf den Weezer-Bandbus zu steigen. Der Song ist dabei vielleicht die typischste, klassische Rocknummer auf dem Album und vielleicht, ganz vielleicht, ist das ja auch die leise Ironie an der Sache: Ihr wollt nichts Neues? Hier habt ihr das älteste, was wir können.

Eulogy For A Rock Band – Hier kommt man der Schrägheit einer Pinkerton vielleicht noch am nächsten: Es rumpelt sehr ungelenk aus den Boxen, fast bedrohlich. Dazu ein Text, der mit den Worten „Goodbye Heroes“ beginnt. Rivers verabschiedet sich. Von einer Rock Band, die er offensichtlich geliebt hat. Und dann geht es in den Refrain, der fast die Anmutung eines 50er Jahre Liedes hat, in dem jemand seine Verflossene besingt: Adios, wir werden dich vermissen, aber die Zeit geht weiter und wir werden immer deine alten Lieder singen. Drama, Trauer aber auch Aufbruch und tiefe Liebe. Das kann Cuomo ja mit am Besten: Das große Drama im Rock suchen.

Lonely Girl – Es punkrockt aus den Boxen, im klassischsten Weezer-Sinn. Tiefes Grundriff, lieblicher Gesang, schöne Basslinie und ein typischer „Ich bin so alleine“-Text. Das ist weder originell, noch will es das sein. Solche Lieder entstehen in Studio Sessions und ich halte die nicht für Füller, sondern für eine Art Raumspray oder Räucherstäbchen: Vielleicht nimmt man das nicht so bewusst wahr, als das man drüber stolpern würde, aber es verbreitet eine angenehme Note im Raum. Aber klar: Das ist vielleicht der verzichtbarste Song des Albums. Vielleicht aber auch nicht. Mal weiterhören…

I´ve Had It Up To Here – Diese Abrechnung mit Fans, die nur Energie sucken und einer Band andauernd erklären wollen, wie sie zu klingen habe (Haben wir hier etwa einen roten Faden?), hat Cuomo nicht alleine geschrieben, sondern zusammen mit Justin Hawkins, Sänger von The Darkness. Und damit dürfte auch schon das Rätsel gelöst sein, warum Rivers zu Beginn des Songs in so ein herrliches Falsett springt. Die Gitarre klingt fast, für Weezer-Verhältnisse, funky, auf eine seltsame Art und weise. Überhaupt: die ganze Komposition dieses Songs ist ein seltsame Achterbahn, vielleicht um die eigene künstlerische Autonomität, um die es ja geht, noch mehr in den Vordergrund zu stellen. Ich mag diese Reise sehr. Vielleicht einer der stärksten Songs des Albums und deswegen auch perfekt positioniert nach „Lonely Girl“. Fallhöhe schaffen, dass ist das Erste, was man auch beim Drehbuch schreiben lernt. Das gilt für die Dramaturgie einer Tracklist natürlich ebenso.

The British Are Coming – Das war einer der Songs, die schon vorab die Runde gemacht haben, um Lust auf das Album zu machen. Und ich war sofort Feuer und Flamme. Hier beweist Cuomo wieder im besten Sinne seine Harmoniesucht, was Akkordfolgen betrifft. Eine wunderschöne Rockmelancholie mit einem metaphorischen Eroberungstext. Und einem klassischen Rocksolo an einer Stelle, die man nicht kommen sieht. Wenn die Engländer kommen, dann bitte so.

Da Vinci – Das Lied fängt so an (übrigens als Opener der zweiten Seite des Vinyls), dass die Menschen, die Weezer dafür hassen, nicht mehr die Pinkerton-Band zu sein, bestimmt im Strahl kotzen müssen: Mit einer beschwingten Gitarre und einem fröhlichen Pfeifen. Pfeifen! Das darf man doch nicht! Keine Rockband pfeift mehr auf ihren Platten! Das ist doch so Asbach! Wer pfeift denn noch ernsthaft?

Die Antwort? Weezer! Und zwar auf die Leute, die pfeifen für unadäquat halten. Denn es geht hier um einen wunderbaren Popsong, um eine Liebeserklärung. Der Sänger des Songs ist so unglaublich begeistert von seiner neuen Liebe, er ist so beschwingt und erstaunt über so ein überirdisches Wesen, dass er nicht nur, wie im Refrain, sagt, wie unfassbar und unbeschreibbar seine Liebe ist, sondern das er auch beschwingt durch die Straßen läuft und wer hat da keine schöne Melodie pfeifenderweise auf den Lippen? Mehr als nachvollziehbar. Und zum Ende steigert sich das ganze Lied in ein harmonisches Noise-Gewitter, gerade so als würde man den Pinkerton-Fans, die nach dem pfeifen sofort entnervt das Lied geskippt haben, die lange Nase zeigen. Herrlich.

Go Away – Eigentlich ist es etwas traurig, dass es nicht öfter passiert. Ja, das die Band sogar vielleicht eine Sängerin fest dabei hat. Aber sei es, wie es ist: Weezer Songs eignen sich seltsamerweise auffällig oft für Duetts, vor allem mit weiblichen Konter-Parts. In diesem Fall ist es die Sängerin Bethany Cosentino von der Band Best Coast. Und wie die wenigen Male zuvor, ergänzt sich auch ihre Stimme perfekt mit der von Rivers Cuomo. Vielleicht ist es auch einfach seine immer leicht brüchige Stimme, die so oft wie am Anschlag klingt, die sich so gut mit diesen schönen, ganz leicht verrauchten Frauenstimmen verbinden lässt. In Go away, einem klassischen Schlussmach-Song, ist es auf jeden Fall schön durch den abwechselnden Gesang der Beiden das Gefühl zu bekommen, beide Seiten zu hören. Mehr Duette!

Cleopatra – Der Song hat mehrere Besonderheiten. Textlich geht es um jemanden, der sich endlich von Kleopatras Bann lossagen will. Ähm. Ja. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Geschichte eher ein Mittel zum Zweck ist. Dazu aber gleich. Beginnen wir mit dem Anfang des Lieds: Akkustikgitarre, Mundharmonika. Wer sich schon in Richtung Folk wähnt, der wird bitter enttäuscht. Nach der ersten Strophe geht es gleich ziemlich direkt in den Stromgitarrenrefrain. Und da kommen wir zu den Besonderheiten:

1.) Cuomo scheint seine Zeile „You can´t control me no more, Cleopatra!“ einfach durchzusingen, ohne jede Rücksicht. So wie Kleopatra ja auch geherrscht haben soll. Das führt dazu, dass Pat Wilson am Schlagzeug einen Beat auslassen muss, um wieder in den Rhythmus zu kommen. Dieser bewusste Stolperer fällt sofort auf. Herrlich. Ich mag das, wenn sich Popsongs den Luxus leisten, irgendein im besten Sinne “störendes” Element zu haben, das sie besonders macht.
2.) Singt er immer „Cleopatra, Patra, Patra“, was inhaltlich wenig Sinn macht, aber halt super klingt und somit, vermutlich zur Lösung des Textes führt: Es ging anscheinend nicht so sehr darum, unbedingt ein Lied über die Pharaonin geschrieben zu haben, sondern darum, dass dieser Name so einen tollen Klang hat, mit dem sich so schön rumspielen lässt. Und das hat er dann einfach gemacht. Ein großartig trockenes Gitarrensolo, dass zu einem zweistimmigen Classic Rocksolo wird, tut sein übriges. Super Song.

Foolish Father – Vater Cuomo singt, an eine Frau gerichtet, sie möge doch ihrem dummen Vater vergeben. Im Streit zu leben und auseinander zu gehen ist doch Scheisse. Und ausserdem: Everything will be alright in the end. Das singt am Ende des Lieds ein Mädchen-Chor. Zyniker mögen dem Lied Naivität vorwerfen. In Wirklichkeit ist es doch wunderschön. Eine Versöhnungs-Hymne. Ein Appell für die eigene Familie. Dafür, das alle mal Fehler machen, mehr oder weniger. Aber das ein liebender Vater auch mal ein Narr sein kann, vielleicht sogar sein muss. Kinder begreifen so etwas meistens erst sehr spät und erschrecken dann. Aber hey, egal wie er einem vorkommt: Er ist noch der gleiche Vater, der damals mit einem irgendwelchen Unsinn gemacht hat, den die Mutter nicht sehen wollte. Darum geht es in dem Lied und wer bei dem Ende nicht wenigstens eine leichte Gänsehaut bekommt, der sollte vielleicht mal die eigene Abgebrühtheit überdenken. Macht Spaß die abzulegen. Echt!

The Futurescope Trilogy: I. The Waste Land II. Anonymus III. Return To Ithaka – Sie ist wieder da: Die Rock Oper! In diesem Fall ein dreigeteiltes Lied mit zentralem Gesangsstück, welches wiederum “Let it be”-Flair verströmt. Nun, wer ein Album macht, dass sich auf so vielen Metaebenen mit dem Themenkomplex „Rock“ beschäftigt, der muss so eine Platte natürlich auch episch beenden. Wobei man es hier einfach mit einem längeren Song zu tun hat, der in seinen kurzen Breaks einfach dreigeteilt wurde. Aber wie dem auch sei: Durch die Titelgebung und die Aufteilung macht sich durchaus pathetisches Epos-Feeling breit und da muss man natürlich sagen: Besser hätte man so eine Platte auch nicht beenden können. Die Gitarren geben noch mal alles, im dritten Teil wird noch mal das große Solo ausgepackt, um den Zuhörer dann ganz in Ruhe in die Ruhe zu entlassen. Die Ruhe ohne Rivers, ohne Weezer, ohne das jemand einem sagt, dass „Everything will be alright in the end“.

Was soll ich sagen: Man muss diese Band lieben, um sie zu verstehen. Und genauso wie ich mich wundere, wenn ich sehe das es noch Fans von den Spin Doctors gibt, so wundern sich wohl vor allem hierzulande viele Menschen, wenn man zugibt Weezer-Fan zu sein. Aber ich kann es nur noch einmal und immer wieder betonen: Das Songwriting von Rivers Cuomo ist unglaublich. So viele Harmonien, die mich berühren, so viel Mut zum Pathos, auch wenn es manchmal peinlich sein mag, so eine Liebe zu Pop und Rock gleichermaßen und zu versuchen, dass in jedem einzelnen Lied unterzubringen: Das ist das Größte, was man musikalisch versuchen kann. Man muss vielleicht daran scheitern, aber es so konsequent auszuprobieren, zeugt von so viel Liebe und Überzeugung, eines Tages den Schlüssel zu finden, dass ich gar nicht anders kann, als mich davor zu verneigen. Ich mag mit dem Herz eines Fans sprechen, aber ich spreche aus tiefster Überzeugung:

Weezer sind meine Beatles.



OK GO sind wieder da!

Eine der Bands, die ich nach Weezer liebe, sind OK Go. Ich find es eigentlich ein bisschen unfair, dass man immer nur über deren Videos spricht und nie über diese schönen, mitunter schrägen kleinen Indie-Pop-Kompositionen, die ich mir auch auf dem Kopfhörer bei der Fahrt durch die Stadt liebend gerne anhöre. So wie den neuen Song “The Writings on the Wall” auch, gefällt mir auf Anhieb mit seiner leichten Cure-Stimmung und dem typischen OK Go Sound. Aber, zugegeben: Das Video ist auch wieder einsame Spitze, so wie es eben nur diese Kunststudenten hinbekommen:


[YouTubeDirektOptischerFreakout]



ESC 2014 - One Wurst for Europe

Gleich zu Beginn: Den größten Glückwunsch von mir an Österreich und vor allem an Conchita Wurst und an alle Entscheidungsträger, die dafür gesorgt haben, dass sie heute Abend dort auf der internationalen Grand-Prix-Bühne stand und den Pokal nach Hause gebracht hat. Tolle, richtige und mutige Entscheidung. Denn, wie man ja allerorten sieht: Die Holzköpfe trommeln immer am lautesten. Aber deswegen haben sie nicht am rechtesten. Sie sind es nur.

Ich war, ehrlich gesagt, kein großer Fan von Conchita Wursts Song. Ein bisschen Bond-ig, ein bisschen Adele-ig und ich fand es auch ein wenig schnarchig. Allerdings, entscheidend ist aufm Platz und da hat sie voll überzeugt: Der Song war ihr noch mehr auf den Leib geschneidert als das Kleid und das sass schon wie eine Eins. Trotzdem hatte ich andere Favoriten an dem Abend. Wenig überraschend: Deutschland war nicht dabei. Deutsche Entscheidungen, an denen Raab nicht beteiligt ist, bestechen allerhöchstens noch durch totale Einfallslosigkeit. Ich möchte gar nicht an das Cascada-Debakel denken - wer jemals geglaubt hat, dass die irgendeine Chance gehabt hätte, mit ihrem ultradurchschnittlichen Dancepop, der Frau Mustermann als Punkerin wirken lässt, sollte sich nach wie vor um alles kümmern, nur bitte nichts mehr aus dem Themenkomplex “Musik” entscheiden. Elaiza, von den Zuschauern wenigstens zum Glück VOR Unheilig gewählt, sind auch ohne Chance nach Kopenhagen gereist. Dafür war das Lied viel zu vorhersehbar, die Performance viel zu sehr “angezogene Handbremse” und dieser Balkan-Pop-Trend war schon 2013 out. Man kann relativ froh sein, noch im hinteren Mittelfeld gelandet zu sein.

Wen mochte ich heute Abend?


[YouTubeDirektIsland]

Island war ein schöner Punkpop-Song. Ich hab da einfach eine Schwäche für. War aber relativ klar, dass die nix würden reissen können. Umso mehr mochte ich diese positive Attitude, die von denen ausging. Niedlich.


[YouTubeDirektRumänien]

Klar, Kirmestechno, ich mag das aber immer, wenn ich da von einer Idee überrascht werde, die ich zumindest originell finde. Hier ist das zum Beispiel diese Bassdrum, die manchmal jedes Wort betont. Und das wahnsinnig bescheuerte Kreisklavier ist natürlich auch der Hammer.


[YouTubeDirektPolen]

Die polnischen Buttermacherinnen. Das ist auf so vielen Ebenen so unheimlich bescheuert - ich kann das Null ernst nehmen, aber sehr lustig bis skuril finden. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die das zu einhundert Prozent ernst gemeint haben. So weit auseinander können Ansichten mit einem direkten Nachbarn nicht driften.


[YouTubeDirektFrankreich]

Die Loser des Abends, die Franzosen. Aber ich fand das so gut! Das war Party, ein wenig bekloppt, gut tanzbar und Schnurrbärte halte ich für ein gutes Thema. Dem hab ich eindeutig mehr Chancen eingerechnet. Lag es am französisch? Oder hat ein ESC-Abend immer nur Platz für einen Freak? Wenn man es positiv sehen will: Ist doch schön, so ist die Liste aller Teilnehmer von Freaks eingerahmt. Auf dem ersten und dem letzten Platz. Tröstender Gedanke.


[YouTubeDirektItalien]

Italia! Dich find ich einfach immer gut, egal was du machst. Isso. (Die sah aber auch cool aus, heute, mit diesem Lorbeerkranz…)


[YouTubeDirektFinnland]

Woah, Finnland hat mich echt überrascht. Eine Band mit lauter jungen Jungs mit einer guten Rocknummer, die irgendwo zwischen Coldplay, Mando Diao und One Direction oszilliert (geil, den Begriff wollte ich schon immer mal irgendwo sinnvoll einsetzen…). Hat mir supergut gefallen, war sofort mein persönlicher Favorit - wenn ich ihm auch keine Riesenchancen zugetraut habe.


[YouTubeDirektSpanien]

Und schliesslich Spanien, dass mich mit seiner Powerballade gekriegt hat, weil man mich mit Powerballaden immer kriegt. Ich bin nämlich Powerballaden-Afficionado.

Alles in Allem war das diesmal ein wirklich schöner ESC. Das Zeichen, dass Europa mit seiner Auszeichnung von Conchita Wurst setzt, kommt an und tut gut.

Einen Kritikpunkt hab ich noch, aber den kann ja überlesen, wen es nicht betrifft:

Lieber Peter Urban,

seit so vielen Jahren moderierst du nun das ESC-Finale und ich liebe deine Stimme, deinen Witz und deine ironischen Bemerkungen. Eines meiner LIeblings-TV-Ereignisse war nicht das umgefallene Tor damals in Spanien, sondern deine Moderation des Grand Prix, bei dem Deutschland nicht “zugelassen” war, weil der Song zu schlecht war. Ich glaube, das war “Leon” oder so. In dem Jahr hast du dich mit deinen Kommentaren und Moderationen selbst übertroffen, kein Grand Prix war jemals witziger. Und damit kommen wir auch schon zum vermutlichen Knackpunkt:

Deine Begeisterung in allen Ehren, aber in den letzten Jahren scheint mir deine Deutschen-Brille schon etwas zu zwanghaft. Dein “Das hat sie wirklich nicht verdient” zu Cascadas letztem Platz war albern, weil sogar jeder Zuschauer wusste, dass sie es verdient hat, weil ihre Nominierung so komsich von den Plattenfirmen durchgedrückt wurde. Und dein heutiges bedauern, dass man von Österreich oder den Niederlanden keine Punkte bekommt, nur weil sie unsere Nachbarn sind - da könnte einem dann schon auch auffallen, dass das eigene Lied nicht so prickelnd ist. Klar, du sollst nicht die ganze Zeit selbstzerfleischend betonen, wie schlecht der eigene Beitrag ist, aber man darf ruhig auch mal analysieren, wann ein Lied eher langweilig ist. Oder eine Performance. Man muss nix automatisch gut finden. Das wirkt etwas krampfhaft und etwas sehr unauthentisch. Ansonsten, wie immer ein guter Job und das “FUCKING HELL!”, live übern Äther, das hat mir gefallen.

Davon abgesehen: Ich freu mich darauf, nächstes Jahr wieder einen Käseigel zu machen. Aber den pack ich dann ein und nehm ihn mit. Nach Wien. Da will ich nämlich dabei sein. Danke ESC!



Fahrradhelm verrecke! - Fraktus im Thalia

Ich war auf der Uraufführung von “Tonight:Fraktus” im Thalia Theater in Hamburg. Die Männer von Studio Braun haben ihre erfundenen Techno-Erfinder wieder aktiviert und erzählen in diesem Stück nun, wie es nach dem Film weitergeht. Irgendwie.

Schauplatz ist dabei ein Konzert der Band, die zu Beginn noch gar nicht da ist (und deren Ankunft sich immer weiter verschiebt, was ein Bühnenarbeiter durch immer gruseliger werdende Wasserstandsmeldungen in regelmässigen Abständen verkündet). Auf der Bühne finden sich allerlei prototypische (Live-)Musikmitarbeiter, vom Alt-68er über den selbstverliebten Nix-Könner-Schwaben, der natürlich eine leitende Position hat, bis hin zur ultrahysterischen und -nervösen Managerin der Band. Erzählt, vorgestellt und zusammengehalten wird dieses Sammelsurium an Nervbacken von Roadie Dennis. Dennis ist schüchtern, der Arsch für alles (”Wenn du etwas anfängst, ist das als würden zwei was fallen lassen…!”), aber als Nerd auch ein ebenso guter Beobachter und deswegen die beste Wahl, um dem Publikum in kurzen Freeze-Momenten die Protagonisten vorzustellen. Da gibt es die Körner-Schwestern, zweieiige Zwillinge, die zwar die Background-Sängerinnen von Fraktus sind, aber bei diesem Gig ihre große Chance als Vorband bekommen sollen, mit ihrem Postpunk-Electro-Lärm-Act “Thrill”, den sie immer ganz niedlich “Trill” aussprechen.

Und in diesem Chaos ist es dann irgendwann endlich so weit: Die Band ist da. Fraktus. Mit neuen Songs, neuer Show und extrem originellem neuen Merch, getoppt von der Premiere eines Fraktus-Computerspiels. Das folgende Konzert endet mit der Hymne “Friends sind Freunde, Freunde sind Friends” und lässt erahnen: Die Erfinder der elektronischen Musik haben gerade erst wieder damit angefangen, anzufangen. Fraktus forever. Oder so.

Erstmal dieses: Ich bin kein Theater-Typ. Das mag nachlässig sein oder doof oder sonstwas, aber Theater und ich, uns verbindet keine langjährige Freundschaft. Ich hab auch immer mal wieder gute oder interessante Inszenierungen gesehen, so ist es ja nicht, aber ich hab auch ganz oft langweiligen Quatsch gesehen und irgendwie ist das einfach nicht mein Medium. Zumindest nicht als Zuschauer. Gespielt hab ich Theater ja schon in jungen Jahren und ich weiß, wie viel Spaß das machen kann und was das für ein besonderes Gefühl ist. Das mal vorweg, nicht dass man mir mangelnde Vergleiche mit ähnlichen Inszenierungen vorwirft oder so. Ich hab keine Ahnung.

Vielleicht war das bei der Premiere auch von Vorteil, denn ich hab mich noch seltener im Theater so lauthals kaputt gelacht, wie in “Tonight: Fraktus!”. Die ganzen Klischees, die da munter über die Bühne tanzen, sind so bescheuert überdreht und scheinen sich einen Wettlauf zu liefern, wer noch bekloppter rüberkommt. Man schämt sich für keinen Kalauer, kein Gag - und sei er auch noch so platt - wird liegengelassen, man ist sich für nix fies, wie man in Köln so schön sagt. Dabei war es ein ganz wundervoller Einfall, Dennis zum Zentrum des Geschehens zu machen. Jörg Pohl spielt den Bühnenarbeiter so herrlich uneitel und unbeteiligt: Der perfekte Vertreter für den Zuschauer. Man hat das Gefühl, Dennis ist der einzig normale Mensch in dem Zirkus, er stünde im Auge eines Hurrikans aus Stuss und Kokolores.

Irgendwann gibt es aber Momente, in denen kippt diese Muppet Show, Momente in denen es ganz kurz ernst wird. Wenn die Körner Schwestern aus ihrem Randalesong “Jeder gegen Jeden” plötzlich in eine ganz rührende Ballade abdriften, zu der Mel Körner dann auch noch Geige spielt - dann verstummt das Theater. Oder wenn Dennis sehr spät in der zweiten Hälfte ein flammendes Plädoyer gegen Fahrradhelme als Symbol der modernen Verspiessung in den Saal spittet, dann braust Applaus auf, nicht von allen, aber von allen die kapiert haben, was er meint. Ein wenig scheint sich das Stück dieser wahrhaften Momente zu schämen oder unsicher zu sein, denn sie werden schnell wieder weggewischt oder besser noch: weggegagt. Aber das ist voll okay. Wir sind hier ja nicht im Drama, wir sind hier in der Komödie und manche bringen das comic relief eben gerne schnell. Man könnte sich fast dazu hinreissen lassen zu behaupten, die deepen Momente klängen so noch viel stärker nach. Naja. Man kann es auch übertreiben. Einigen wir uns auf: Es schadet ihnen nicht besonders, dass sie schnell vorbei sind.

Aber: Es schadet dem Stück selber, dass es so schnell vorbei ist. Das Ende kommt relativ abrupt und wirkt schnell hingeschrieben - das wäre mein wirklicher Kritikpunkt an der Geschichte. Die Hauptfigur Dennis wird hier ein wenig verheizt und meines Erachtens nicht ausreichend “gewürdigt”. Vielleicht ist das so gewollt, ich hätte mir ein größeres Finale-Gefühl gewünscht, wenigstens einen Song für Dennis. Das, was ich da gestern sah, wirkt so lieblos und passt in diesem Gefühl leider gar nicht zum Rest des Stücks. Doof, vor allem wenn es das Ende betrifft, denn das ist ja erstmal der letzte Eindruck, mit dem man rausgeht.

Vergessen wir das Ende. Erfreuen wir uns an dem ganzen Rest: 90 Minuten wunderbares Entertainment, das angenehm clever eine herrliche Albernheit zelebriert und somit perfekt den Geist des Films weiteratmet. Mediensprung wunderbar gelungen. Ich freue mich dann mal auf die Fraktus-TV-Show oder so.

Oh Oh Oheeo!



Fischer, Fischer, der Pop ist kaputt!

Achtung: Der folgende Text ist relativ zusammenhanglos und vielleicht auch hier und da ein bisschen unfair hart gegenüber einigen Acts. Er ist aber vor allem gnadenlos subjektiv und aus einer Art Notwehr heraus geschrieben. Da haut man schon mal um sich. Mea culpa.

Hier der Text von mir eingelesen.

Es war Echo und meine ganze Facebook-Timeline platzt vor Helene Fischer Postings. Von “war doof” über “gar nicht mal so schlimm” und “Hahaha, super Endgag” bis “Fischer macht nen super Job!” war alles dabei.

Mein Verhältnis zu Helene Fischer war bislang so: Ach, naja, würd ich mir nie holen, aber ist doch lustig. Ist doch eigentlich wie Britney, nur auf deutsch. Und ich war früher ein großer Britney Spears Afficionado. Und das Phänomen, dass die jetzt auch ausserhalb eines Schlager-Kontexts stattfindet, fand ich auch faszinierend. Und spannend.

Aber, vielleicht auch ausgelöst durch eine Diskussion, die ich gestern auf meiner Timeline hatte, in der mir ein Freund, der großer Sex Pistols Fan war, erklärt hat, wie grotesk lächerlich ihm Kate Bush damals vorgekommen ist, als sie ihre ersten Songs veröffentlichte, plötzlich stand ich da und dachte: Moment mal. Hier läuft irgendwas ganz falsch. Vor noch gar nicht allzu langer Zeit wurden “Künstler” wie Fischer ausgelacht. Sogar von irgendwelchen Dance Acts. Und jetzt ist diese Art Musik, dieser Schlager, plötzlich Konsens-Pop? Auf einmal sträubt man sich nicht mehr dagegen, zu einem Lied aus den “Mit den Schuhen kommst du hier aber nicht rein, Freundchen!”-Läden dieser Welt mitzuwippen? Die Freundin von Florian Silbereisen ist ein fuckin Popstar?

Wie, verdammt nochmal, konnte es so weit kommen. Warum gibt es nicht mehr “die” und “uns”? Als ich vor ca. 10 Jahren zum letzten Mal auf dem Echo war und Andrea Berg einen Preis bekommen hat, war die ganze Halle so: Hä? Wer ist das denn? Und jetzt machen alle Selfies mit Helene Fischer. Es ist ein Alptraum. Die Musik der Spiesser hat gewonnen. Wie konnte es nur so weit kommen?

Nun, es gibt viele Gründe. Die Toten Hosen zum Beispiel machen seit Jahren Lieder, die so auch Wolle Petri im Programm haben könnte. Die ganzen “Schmusebarden”, also einsame Männer mit Akkustikgitarren, die mit brüchiger Stimme ihren ganzen Exen hinterher jammern, haben deutschsprachigen Pop total aufgeweicht. Beliebiger gemacht. Empfänglicher für simple Schlüsselreize. Dazu noch die Plattenfirmenkrise, die nicht etwa dafür sorgte, Produkte kundenfreundlicher zu machen, sondern sich auf den Markt zu konzentrieren, auf dem noch gekauft wurde und wird: Der Schlager. Und den Markt so groß wie möglich zu machen. Da freut sich auch Onkel Bohlen und pumpt sein DSDS mit Schlager voll, auf das ein neuer Markt entstehe, den man schnell abgrasen kann. Dann lässt man wehrlose, alte Männer noch irgendetwas covern, was nicht zu ihnen passt und auf einmal wird alles umgedreht. War es in den 90ern noch ein Akt himmelschreiender Ironie, wenn eine Band einen alten Schlager nachspielte (zum Beispiel Creme 21 mit “Wann wirds mal wieder richtig Sommer?” oder Dieter Thomas Kuhn mit “Über den Wolken”), bei dem man sich so stark zuzwinkerte, dass Augenkliniken mehrere Augenhöhlenbrüche behandeln mussten, so ist es jetzt genau umgekehrt: Heino singt die Ärzte nach und alle denken, es sei “kultig”.

Mann, ich bin so sauer. Ich bin sauer, dass ich mich auch hab einlullen lassen. Das ich denen auf den Leim gegangen bin. Helene Fischer ist Schlagersängerin, Herrgott nochmal. Alles tutsi-tutsi, heile Welt. Mei, was ein schönes Paar, die Helene und der Flori.

BUÄH! Ich muss kotzen! Das ist verkaufsoptimierter Dreck. Es gibt keine Musik, die so sehr auf verkaufen ausgelegt ist, wie Schlager. An dieser Musik ist überhaupt nichts mehr echt, da findet keine Leidenschaft mehr statt, da geht es nicht mal mehr um Musik. Jeder scheiss Mitte-Elektro-Laptop-Frickler hat mehr Seele und Liebe in seinen nicht-enden-wollenden “Songs”, als die gesamte deutsche Schlagerszene zusammen. Abgewichste Musikerdarsteller, die Abends an der Hotelbar bei einem Pils und einer Kippe sitzen und erzählen, dass sie eigentlich Rockmusiker werden wollten und das Herz eines Rockers haben. Musik machen wie zur Stechuhr gehen. Als Job. Und alle finden ja eigentlich AC/DC toll.

Bäh, ich muss mich richtig schütteln. Pop ist kaputt. Und ihr Schlagerspackos habt ihn auf dem Gewissen. Der Wendler ist nicht Kult oder doch, der Wendler ist total “Kult”, weil mit “Kult” werden ja auch nur noch Dinge beschrieben wie Toilettenpapier mit Witzen drauf bei Nanu-Nana oder Schnaps in Flaschen, die wie Zündkerzen aussehen. Das Prinzip Merkel hat es in die deutsche Musikbranche geschafft. Eigentlich logisch nach so vielen Jahren rumregieren. Man faltet die Hände und lächelt sich so durch. Bloss niemanden aufregen, es soll ja keiner merken, dass von einem nicht viel kommt oder das bei dem, was da so kommt, nicht viel hintersteckt. Helene Merkel. CDU ist Pop. Andrea Nahles ist Pop. GroKo ist PopKo.

Der Test: Man stelle Helene Fischer neben irgendeine xbeliebige Künstlerin und vergleiche. Ist egal neben wen: Lady Gaga, Katy Perry, Britney Spears, younameit. Immer ist Fischer sofort der Bauerntölpel. Das poppige Nichts. Die deutsche Sängerin. Bieder bis zum Anschlag, substanzlos wie eine Rede von Thilo Sarazzin. Für den Eurovision Song Contest wählen die Deutschen zwischen Unheilig und einer Newcomer-Band mit einem Lied, bei dem der deutsche zu Hause so richtig schön auf die Eins klatschen kann. Ach, wir schicken die zu einem internationalen Wettbewerb? Ist doch egal! Wenn wir keine Punkte kriegen, dann sind halt wieder irgendwelche Absprachen schuld. Die Escada vom letzten Jahr hätte doch mindestens Erste werden müssen, mit ihrem Staub-Disco-Pop. Das war Schiebung!

Vergiss es, Zynismus oder Ironie hilft uns auch nicht weiter. Deutscher Pop ist tot. Vereinzelte Heldentaten, wie zum Beispiel Marteria, helfen uns da auch nicht mehr raus. Ich hab keine Ahnung, wie man das Ruder wieder rumreissen kann. Wenn Freunde moderne Schlager plötzlich gar nicht mehr so schlimm finden, dann erinnert sie daran, dass sie es doch sind. Das eine Helene Fischer auch nur ein G.G.Anderson in blond ist. Das uns allen der Wolf im Pop-Pelz untergemogelt wurde. Schlager ist der Schrebergarten des Pop und wird uns gerade als Hofgarten verkauft. Stop damit! Hört auf! Ihr könnt keine Petition gegen Lanz unterschreiben, aber “Atemlos” auf dem mp3-Player haben. Menschen unter 18 Jahren sollten nicht einmal wissen, wer Helene Fischer überhaupt ist! Denkt doch mal an die Jugend! Deren Pop soll vor allem eins: Uns nerven.

Kennt ihr den Film “Sie leben”? Wo einer mit so einer Spezial-Sonnenbrille sieht, dass die Welt von Aliens unter Kontrolle gebracht wurde, weil sie auf jeder Leinwand, in jedem Fernseher sublime Botschaften aussenden, die man nur mit eben jener Brille sieht? Und die Leute sind alle unter ihrem Bann, während der Typ versucht, alle “aufzuwecken”?


[YouTubeDirektUntendrunter]

So fühl ich mich gerade. Helft mir! Lasst uns alle aufwecken! Lasst uns Pop zurückerobern! Lasst uns Songs schreiben, Videos drehen, iTunes-Chart-Manipulationsflashmobs machen.

Vielleicht gründe ich eine neue Religion, in der es nur um die Rettung von Musik geht. Und dann steh ich morgen klingelnd vor eurer Tür. Und wenn ihr aufmacht, sag ich nur:

“Hallo. Ich möchte mit ihnen über Pop reden.”



Der Beirat der Musikindustrie - der Song

Der Echo, der nationale Musikpreis, hat jetzt einen externen Beirat. Diese, vom Echo-Veranstalter ernannte, “Experten”-Kommission, bestehend aus sieben weißen Männern (wenn irgendwo eine Quote vonnöten ist, dann ja wohl dringend in der Musikindustrie) soll Fälle klären, die zu Diskussionen führen oder führen könnten. Wir erinnern uns alle an das vergangene Jahr und die Nominierung und dann, nach breiten Protesten seitens der Künstler, wieder Ent-nominierung von brei.mild. Solch ein PR-Desaster für den Echo möchte man nun proaktiv vermeiden. Und hat deswegen eben jenen Beirat gegründet, der die Fälle unabhängig (hahaha) bewertet. Und der hat auch gleich seinen ersten Job, denn schrei.bild stehen natürlich wieder vor der Tür, diesmal mit einem unplugged-Album oder so, welches sich natürlich auch wieder dutzendfach verkauft hat, an irgendeine sich missverstanden-wähnende Masse. Und wenn es etwas gibt, was den Bundesverband der Musikindustrie aufhorchen lässt, dann ist es der liebliche Klang eines “Ka-Ching”. Und bei wem es ganz oft ka-chingt, den haben die dann natürlich ganz doll lieb. Und haben deswegen den Beirat entscheiden lassen, dass wir alle dieses Jahr drei.grillt auch ganz dolle lieb haben. Nicht das die sich in irgendeiner Weise innerhalb der letzten 12 Monate geändert hätten, im Gegenteil. Der Echo-Ausschluss von vor einem Jahr wird denen sogar ganz Recht gewesen sein, konnte man sich doch nur noch mehr als armes Opfer der von denen sogenannten “Mainstream-Medien” gerieren. Das mögen die Fans. Wir gegen alle, niemand versteht uns. Da muss die Band sich dieses Jahr etwas Neues einfallen lassen.

Aber, da der Beirat des Industrieverbands der Musikindustrie ja beschlossen hat, dass wir jetzt alle zwei.gilt-Fans sind, möchte ich helfen. Ich habe der Band (und dem heiligen Beirat) einen Song geschrieben, der sicher der nächste Hit für sie und ihre Fans wird:

Hier der Text, zum mitlesen und mitsingen:

Ihr habt uns nicht verstanden,
das war schon immer so.
Uns war das stets egal.
Doch dann kam der Echo.

Mit euren dummen Lügen
und viel zu engen Hosen,
habt ihr uns von der Preis-
Verleihung ausgeschlosen.

Wir dachten dieses Jahr,
lädt uns keiner mehr ein.
Denn alle deutschen Bands,
ausser uns, sind voll Gemein. (Und Lügner! Und die Mainstreamlügenpresse auch!)

Doch der Echo selbst
wollte uns unbedingt!
Und hatte ne Idee,
damit das jetzt gelingt!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir gründen einen Beirat!
Und dann haltet ihr die Fresse!
Ihr werdet uns nicht stoppen!
Wir werden nicht vergesse (das “n” ist stumm)!

Wir lieben den Beirat,
der Beirat macht uns stolz.
Das sind keine Lügner,
die sind aus unserm Holz.

Zum Glück sitzen im Beirat,
keine Wesen mit zwei Brüsten.
Weil die mit Sicherheit,
nichts beizufügen wüssten.

Die machen doch nur Ärger,
genau wie diese Bands,
die nicht mit uns spielen wollen.
Wo bleibt da die Toleränz?

Nein, nein, in unserm Beirat,
sagen Männer wie es läuft.
Und wer das kritisiert,
muss halt zusehen wo er säuft (auf jeden Fall nicht auf der Echo-Aftershow-Party)!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir verkünden eine Heirat!
Das ist der schönste Tag im Leben!
Die Onkelz und wir,
werden uns das Ja-Wort geben.

Wir fahren heut nach Beirut!
Da soll es ja sehr schön sein!
Wir brauchen noch ein Dreirad!
Jetzt wirds schon wieder gemein.
Wir machen jeden Brei fad!
Wir gehen heut ins Freibad!
Wir hassen jeden der,
einen Papagei hat!
Malst du Bilder mit Schwertern,
dann ist das Samurai-Art!
Verdoppelst du dein Haarspray,
dann besitzt du zwei Gard!
Boxt du gegen einen Fisch,
merkst du schnell: Oh, ist der Hai hart!
Lügenpresse, Lügenbands, Gutmenschen!
Hass! Hass! Hass!



Offene Tabs 3 (Musik-Edition)

Manchmal sind nur noch Tabs mit Musikvideos auf.

- Bardo “One Step”
Die waren wohl Anfang der 80er die Grand Prix Hoffnung für England und haben dann mit diesem Song Platz 7 gemacht. Für mich, heute, mindestens Platz 1. Ich mag auch diese vollkommen bescheuerte aber so herrlich unschuldige Choreografie. Superguter Song. Raffinierte Popkomposition. Ein bisschen Bucks Fizz, aber mit so einem Extra-Schuss Ambition. Ich mag so was ja gerne.


[YouTubeDirektWendyPärchen]

- Jürgen Drews “Es ist kalt in meinem Zimmer”
Ich frag mich wirklich immer, ob Jürgen Drews vielleicht eine ganz andere Karriere hingelegt hätte, wenn der keinen Erfolg mit seinem blöden Bett im Kornfeld gehabt hätte. Vielleicht wär der eher so in die Liedermacher, wenigstens aber in die Chansonnier-Richtung, ähnlich einem Udo Jürgens, gegangen. Das wär irgendwie cool gewesen, find ich. Hier spürt man ein bisschen, wo das hätte hinführen können. Wir wissen halt leider alle, dass es woanders hinging. Aber manchmal, in so Interviews, da merkt man dem an, dass der auch mal ambitioniert war. Das da tief im Herzen, unter der König von Mallorca-Oberfläche, noch ein Drews lebt, der eigentlich Musik machen will.

[YouTubeDirektHeizung]

- Gillian Scalici “Antarctic Arias”
Ein enorm seltsames Lied, dass mich nicht mehr loslässt, seit ich es zum ersten Mal in irgendeiner Sendung gesehen habe. Das rockt so gut. Und dieser Gesang - sehr schräg. Geil. Und irgendwie ist die auch sexy, obwohl ich finde das die ein wenig wie Tony Danza aussieht. Auf eine gute Art!

[YouTubeDirektOpernMetal3000]

- Ireen Sheer “Wenn du eine Frau wärst und ich wär ein Mann”
Ich hab eigentlich die herrlich ungelenke, deutsche Version von “Don´t go breakin my heart” gesucht und bin dabei auf diese Nummer gestossen. Ich konnte nicht anders, bei diesem Songtitel musste ich klicken. Und was sah ich gleich als Erstes? Gabi Decker im Chor! Hihihi, wie süß. Find ich gut, deswegen bin ich auch drangeblieben. Der Song ist wirklich seltsam, ich kapiere überhaupt nicht, was mir der Text sagen will. Und dann dieses Bonnie Tylereske. Auf einer Millarde Ebenen schräg. Vielleicht nicht gut, aber einmal sollte man das schon gesehen haben.

[YouTubeDirektGendertausch]

- Laura Branigan “All night with me”
Ich weiß auch nicht warum, ich werd von so yachtrockigen Hall & Oates-Hooks immer magisch angezogen. Ich kann mich da nicht wehren. Und hätte nie gedacht, dass Frau Branigan auch ein Lied mit Gefühl intonieren kann.

[YouTubeDirektDurchmachenMitMir]



Wenn, dann so: Die Höchste Eisenbahn “Schau in den Lauf Hase”

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Ich will nicht lange rumdrucksen: Das ist die Platte des Jahres. Jetzt, wo es raus ist, kann ich mich entspannen, muss keinen künstlichen Spannungsbogen aufrecht erhalten, sondern kann versuchen in ganz klaren Worten die perfekte Schönheit dieses Debuts zu beschreiben und zu loben. Kann ruhig auch so Dinge sagen wie: „Mehr als dieses Album braucht von 2013 nicht übrig bleiben.“ Oder: „Wenn ich mich für drei Dinge für die berüchtigte einsame Insel entscheiden müsste, wären es wohl Die, dann Höchste und Eisenbahn.“

Und dann würden die Leute beim lesen aber unruhig werden. Die Augen würden weiterwandern, den Text verlassen und bei irgendeinem Quatsch hängenbleiben. Weil es nur flache Platitüden wären. Und ich müsste aufpassen. Solche Sätze wohl dosiert einsetzen, wenn überhaupt. Das Letzte was ich will, wenn ich beschreibe warum „Schau in Den Lauf Hase(Amazon-Partnerlink) für mich eine der großartigsten Pop-Platten seit langer Zeit ist (neben „Drei ist ne Party“ von Fettes Brot – die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen), ist den Eindruck zu erwecken, Zeilen schinden zu wollen. Ich will einfach ein Gefühl aufmachen, das vielleicht ansatzweise das erreicht, das diese (bei mir) Platte auslöst.

Aber eine Platte besprechen, von schnoddrigem Gesang sprechen, diese Art Pop historisch einordnen, andere Bands in diesen Kompositionen hören und das alles in elaborierte Worte fassen, das kann ich eigentlich nicht, vor allem nicht wenn ich Begeistert bin. Dann will ich BRÜLLEN! Ich will mich auf den Marktplatz stellen, auf eine Kiste mit einer Flüstertüte und rufen: Menschen, kauft diese Platte, hört sie, Tag und Nacht! Ich verspreche, diese Welt wird ein besserer Ort! Versuchen kann ich es ja trotzdem mal:

Die Lieder von Die Höchste Eisenbahn entwickeln alle einen so seltsamen Sog, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht bei der „Siamese Dream“ der Smashing Pumpkins erlebt habe und doch ist es musikalisch nicht zu vergleichen. Verzerrte Rock-E-Gitarren finden hier nicht statt. Hier hört man 80er Jahre Synthesizer, entfernte Saxofone, Kinderchöre, Drummachines und zärtliches Schlagzeug, weiche, anschmiegsame Gitarren, ein ehrliches Piano, zurückhaltende Streichersätze. Wie kann ich meine Begeisterung ausdrücken, ohne für esoterisch gehalten zu werden? Wie kann ich den Ausdruck „sphärisch“ umschiffen? Ich spüre eine gute Dosis Hall & Oates. Ich schmecke Spandau Ballet, einen ordentlichen Schuß Cure, Paul Simon und Hamburger Schule. Und natürlich ein sehr, sehr eigenes Verständnis von Musik, von Kompositionen, die so eine schöne Trauer haben, dass man sie am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber nicht um sie glücklicher zu machen, sondern um ein bisschen was von dieser wundervollen Traurigkeit abzukriegen, die einen nachts mit Tränen in den Augen durch die verregneten Straßen spazieren und lachen lässt, weil einem so viel bewusst wird, wenn alles drum herum stimmt.

Die Texte handeln oberflächlich größtenteils vom scheitern. Aber wer immer scheitert, der sieht das anders. Der scheitert nicht. Und die Situationen in denen die Texte spielen, können nicht im klassischen Sinne gut ausgehen. Es sind keine Happy End-Situationen. Es sind eher die Momente kurz vor der Klimax, die, in denen dem Held bewusst wird, was er alles falsch gemacht hat. Und nach denen er damit anfangen wird, alles besser zu machen. Man kann auch sagen: Die wahrhaftigsten Momente im Leben.

Im Lied „Pullover“ zum Beispiel, meines Erachtens nach der Überhit dieser Hitplatte, wird mit einer textlichen Auf-den-Punktheit eine Liebe beschrieben, die für immer ist, aber scheitern muss. Weil im Leben so vieles ist, das es so schwer macht, für-immerigkeit zu leben. Aber vielleicht ist das ja toll, vielleicht ist das ja gerade schön. Vielleicht ist es ein toller Moment, das zu begreifen. Vielleicht ist es ja „für immer“, nur eben in diesem Moment. Die letzte Zeile des Refrains heisst dann auch: „Ohne Kopf ist er endlich das was er ist.“ Dazu pumpen die Rhodes in schönsten Sehnsuchtsfarben.

Oder „Mira“: Die Akkustikgitarre pickt sanft, aber bestimmt. Und wir hören die Geschichte eines Paares, das sich ein Haus anguckt und dort wohl seine Zukunft plant. Aber der Mann, der Sänger, dessen Perspektive wir hier erzählt bekommen, kann sich nicht dazu durchringen. Kann sich nicht verbindlich auf eine Zukunft einlassen. Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass dieses Idyll die Endstation sei. Das man sich so einen Klotz ans Bein bindet, mit so einem Haus, den man nie wieder los wird. Man läuft durch so eine Gegend und alles ist schön. Ausser sich alt werden zu sehen. Zumindest nicht für den Helden dieses Lieds. Und die Frau hat keine Alternative: Sie muss Schluss machen, wenn sie keine Lust auf so eine Unsicherheit hat. Sie erwartet anderes vom Leben. Das Ganze erzählt in bittersüßen vier Minuten sechsunddreissig. Wahnsinn.

Die Höchste Eisenbahn macht mit ihrem ersten Album keine große Hoffnung, dass am Ende alles gut würde. Aber sie schenken trotzdem ein gutes, ein wunderbares Gefühl. Weil vielleicht gar nicht alles gut werden muss oder kann. Ein bisschen wäre ja auch schon gut. Eine Platte wie ein Sonnenuntergang, der alles wegwischt und resetet. Die Höchste Eisenbahn kennt die Problemchen, mit denen wir uns rumplagen und die uns oft zu peinlich sind, um sie zu teilen. Und sie finden sehr präzise und genaue Worte, uns diese eigenen Doofheiten vor Augen zu führen. Aber diese Formulierungen, diese Worte sind so präzise, dass sie auch noch genug Platz und Raum lassen, sie absichtlich mißzuverstehen. Denn wer uns so genau kennt, der weiß auch was für uns am wichtigsten ist: Selbstbetrug. Und dafür ist immer Platz.

Die Platte endet mit den (ja, italienischen) Worten: „Sono io che afferra quello che non vuole.“ Was ich jetzt mit meinem zusammengeklaubten Italienisch als: „Ich habs nicht gerafft…“ übersetzen würde. Fänd ich irgendwie ein gutes Fazit. Auf eine seltsame Art.



Die fünf besten, kölschen Lieder aller Zeiten (Endlich gute Musik - Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Kölsche Musik. Man muss nicht aus Köln kommen, um ihren besonderen Zauber zu verstehen. Aber man muss sich einen Kölner ansehen, wie er sie mitsingt um zu begreifen, was die mit einem Menschen machen können und um ihre herzzerreissende Schönheit zu verstehen. Am besten an Kölnern im Exil ausprobieren. Und Taschentücher bereit halten!

Platz 5
Et Trömmelche – De Räuber

„Denn wenn et Trömmelche jeit, dann stonn mer all parat und mir trecke durch die Stadt un jeder hätt jesaat: Kölle alaaf, alaaf! Kölle alaaf!“ Das ist das Gefühl „Karneval“ komplett auf den Punkt gebracht. Schon Tage vor den „tollen Tagen“ (sprich Weiberfastnacht bis Aschermittwoch) fiebert Köln dem großen Fest entgegen, in dem sich jung und alt vergnügen, das die Schwarte kracht. Das Angenehme dabei ist ja auch noch, das allen Versuchen zum Trotz, Karneval immer noch nicht DAS große Ausflugsziel junger Partytouristen geworden ist. Also ja, na klar, es gibt Karnevalstourismus (auch Rückwärts: Die Kölner, die über die Zeit aus der Stadt fliehen…), aber der ist immer noch in einem überschaubaren Rahmen. Vermutlich einfach deswegen, weil das ausserhalb Kölns kein Feiertag ist. Da liegt am Rosenmontag und an Weiberfastnacht einfach die halbe Stadt brach. Wir lieben eben unseren Karneval.
Nun durfte ich mir auch oft genug von ausserhalb anhören, dass das ja nur ein Sauffest sei und so viele Menschen und ihh und bah. Dazu muss ich sagen: Ich bin damit aufgewachsen, ich sehe das natürlich ein bisschen anders. Aber ich begreife Karneval eher als Chance: Die Chance, endlich einmal in die Kneipen zu gehen, in die ich da Jahr über sonst nicht gehe. Und der größte Spaß an Weiberfastnacht ist es in einer Gruppe Freunde verkleidet eine Kneipe zu „erobern“ in der nicht so viel los ist. Da hatte ich bislang den größten Spaß. Die Leute lieben es auf die Strasse zu rennen und gemeinsam zu feiern. Hach, man muss Karneval einfach lieben. Das ist wahre Völkerverständigung.

Platz 4
Winke Winke – De Höhner

„Winke Winke“ war das erste kölsche Lied, das ich mitsingen konnte. Schon alleine deshalb gebührt ihm hier natürlich ein Ehrenplatz. Ich bin ja zwar im Kölner Grossraum aufgewachsen (im schönen Wesseling), aber bei uns zu Hause wurde kein Kölsch gesprochen. Insofern war das schon wichtig und toll, auch endlich etwas in dem Dialekt zu können. War natürlich nur der Refrain, aber das ist ja erstmal egal. „Winke, winke, winke, isch jonn eine drinke, drinke, drinke! Ein, zwei Bier, dann komm ich widder heim!“ Die genaue Bedeutung war mir im zarten Alter von Acht auch noch nicht klar, geschweige denn, das ich den Text verstehen konnte.
Über zwanzig Jahre später: Ich war mittlerweile ein großer Liebhaber des kölschen Liedgutes. Vor allem diese ganzen Songs aus den siebziger Jahren haben es mir angetan, allen voran natürlich die Bläck Fööss. Aber auch alte Höhnerlieder waren toll. Nun habe ich mich mit zwei Freunden zusammen getan und wir haben eine Band gegründet namens „Stussdämpfer“ und hatten ein Lied geschrieben, welches „De Mülltüüt“ hiess und als Demo aufgenommen. Wir wollten einfach mal wieder ein kölsches Lied machen, das so instrumentiert ist, wie die alten Nummern und keine durchgehende 4totheFloor-Bassdrum hat, wie dieser ganze neue Schlagerrotz, der immer über die kölsche Musik hereinbricht. Der EMI, eigentlich DIE kölner Plattenfirma, gefiel das total gut und wir machten zusammen eine Single daraus. Ich würde auf Sitzungen spielen! Im Karneval! Und wir haben der Plattenfirma sogar noch eigene Stussdämpfer-Schnäpse als Promotool aus den Rippen geleiert! Wie toll das war, denn selbst wenn es kein Erfolg würde (und das wurde es nicht): Ich hatte ein kölsches Lied veröffentlicht. Ich war ein Teil, der Kölner Liedkultur. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Unsere Plattenfirma wollte uns noch ein bisschen mehr promoten und darum gab es folgenden Plan: Der Express, DIE Kölner Boulevardzeitung, machte einen Wettbewerb, zusammen mit den Höhnern: „Kölle sucht das Superhohn“. Ja, der hiess wirklich so. Und wir sollten da mitmachen, weil das gute Presse wäre. Zu Anfang sollte sich jeder ein Lied der Höhner aussuchen und für die performen. Und da schliesst sich der Kreis natürlich wieder, denn was hab ich mir ausgesucht: „Winke Winke“.

Um das Lied einzustudieren hab ich mich natürlich zum ersten Mal genauer damit auseinandergesetzt und war ganz verzückt: Es beginnt wie ein Lied über einen typischen Hausmann, der seine Frau alleine zu Hause sitzen lässt, weil er ein Bier trinken will und die Frau ihn ein bisschen nervt. Dann aber dreht die Frau das Lied plötzlich um und geht selber einen trinken und zwar ausdrücklich ohne ihren Mann. Der ist ganz verdattert. Und versteht die Welt nicht mehr. Herrlich. Kölsche Emanzipation. Schon immer so en passant erledigt.

Wir haben das dann auch unplugged, nur mit einer Akkustikgitarre vor den Höhnern vorgetragen, aber sind nicht weitergekommen. Da waren wohl Andere, die das mehr wollten. Aber ey: Ich hab denen ihr eigenes Lied vorgespielt, das meine Initialzündung war. Man kann sagen: Was kölsche Musik betrifft hab ich in der Session so ziemlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Winke, winke!

Platz 3
Ich han nen Deckel – Bläck Fööss

Wenn man in Köln lebt, dann hat man irgendwann schon ein gewisses Stillstand-Gefühl. Die Stadt ist so klein, jeder kennt jeden und schnell denkt man, das alle Möglichkeiten etwas anzustellen ausgeschöpft sind und beginnt Däumchen zu drehen. Das liegt natürlich auch daran, das Köln relativ überschaubar ist. Eine kleine Stadt in der sich mehr oder weniger wirklich alles zu Fuß machen lässt. Und irgendwie führt ja auch alles immer auf den Dom zu. Aber das wird einem natürlich auch irgendwann zu eng. Es fühlt sich an, als gäbe es keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr. Als hätte jeder schon mal aufgelegt, gelesen, getan und gemacht. Und dann zieht es einen weg. Oder zumindest mich. Und so bin ich über viele Umwege in Berlin gelandet. Und ich mag Berlin, vor allem im Sommer. Berlin, mit seinen riesigen Strassen, hat ein irrsinniges Freiheitsgefühl. Hier kann jeder rumlaufen, wie er oder sie will. In Berlin gibt es keine zu kleinen Strassen, man kann hier sieben Tage die Woche ausgehen und trotzdem jeden Abend auf komplett neue Leute treffen. Man kann sogar sieben verschiedene Freundeskreise haben, die sich kein bisschen überschneiden. Das geht nur in einer großen Stadt. Und Berlin ist die einzige, wirkliche Großstadt in Deutschland.

Was man dabei aber gerne mal übersieht: So kölsche Lieder und die ganze Kultur, das prägt natürlich auch ungemein. Und wenn man dann mal weg aus der Heimat ist, dann fällt einem das ganz besonders auf. Plötzlich rümpfen die Leute die Nase, wenn man mal vom Karneval erzählt. Gucken einen an, als spräche man Mandarin, wenn man kölsche Lieder singt oder erzählen etwas über angebliche „Reagenzgläser“, wenn man über sein Lieblingsbier aus der Heimat referiert. Das kuschelige, kölsche „Man kennt sich“, weicht einem „Sprich mich bloss nicht an!“ und Rücksicht aufeinander ist plötzlich ein Fremdwort.

Nun war Berlin ja schon immer beliebt, hat aber, denke ich, durch den Mauerfall noch mal an Popularität dazu gewonnen. Ist dann irgendwie doch einfacher zu erreichen. Junge Menschen leben heute gerne in Berlin. Und jetzt kommts:

Auf der Platte „Mer han nen Deckel“ aus dem Jahre 1978 haben die Fööss ein Lied gesungen, in dem ein Mann zum arbeiten nach Berlin ziehen muss. Weil da die besseren Jobs sind und alles besser ist und größer und wilder. Ausserdem, so heisst es in dem Song, wurde ihm gesagt: „Komm her zu uns. Berlin ist in!“. Ist das nicht unglaublich, das man dieses Lied 35 Jahre später immer noch (oder wieder?) genauso unterschreiben kann? Der Text handelt dann auch davon, Köln in der Fremde zu vermissen. Auch wenn es einem in der Fremde gut geht und man glücklich ist und Freunde hat und alles: Wenn ein Kölner aus Köln raus muss, dann fehlt ihm immer was. Eben Köln. Und deswegen hat der Protagonist des Lieds in seiner Stammkneipe in Köln, „Beim Strohze Jupp“, auch immer noch einen Deckel liegen. Damit er immer zurück kann und muss. Was für ein wundervolles Bild ist das bitte schön, in so einer zarten und schönen Country-Ballade. Mit einer ganz wunderschönen Mundharmonika. Das beste Mittel gegen Heimweh ist eben total superpathetisches Heimweh.

Platz 2
En unserm Veedel/Drink doch eine met – Bläck Fööss

Warum zwei Lieder auf Platz zwei? Irgendwie gehören diese beiden Nummern fest zusammen. Ein Kölner, der eines der Lieder hört, wird sofort auch das jeweils Andere hören wollen, beziehungsweise gleich im Ohr haben. Es handelt sich um die zwei größten Hymnen, die es in Köln gibt. Die Lieder, die es bislang am Besten geschafft haben, dieses sehr spezielle kölsche Lebensgefühl (das für die Kölner alles ist) zu artikulieren. „En unserem Veedel“ handelt dabei vom Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Man trifft sich auf der Strasse, in der Kneipe und wenn es einem schlecht geht, ist sofort jemand da, der irgendwie verarzten kann. Ausserdem ist das ein so starkes Band, zwischen den Bewohnern eines Viertels, das kann niemals durchschnitten werden. „Wat auch passeet, dat eine, dat is klar: Et schönste wat mir han, schon all die lange Johr: Es unser Veedel! Denn he, hält mir zesamme! Ejal, wat auch passeet…in unserm Veedel…“

Da scheint auch ein bisschen Widerstand durch. Das ist wohl auch durch die Zeit begründet und ein Thema, dass die Fööss auch mindestens in noch einem anderen Lied („Et Südstadt-Leed (Karolinerring)“ aufgegriffen haben. Die Angst aus der Innenstadt vertrieben zu werden, weil alles neu gebaut wird und umgebaut. Alles im Namen des „Fortschritts“, weil dann da ein neuer, unpersönlicher Supermarkt oder so hinkommt, während die homogen gewachsene „Community“ an den Stadtrand verdrängt wird. Das war eine große Sorge, das heutige Stadtbild Kölns beweist ja auch, dass die vielleicht nicht ganz unbegründet war. Sensibel wurde da nichts geplant. Eher mit der groben Nadel gestrickt. Aber das ist ja eigentlich bis heute so. Man muss sich seine Stadt eben schön singen. Dann geht das.

Das zweite Lied stösst in ein ähnliches Horn, kümmert sich aber mehr um das „kümmern“. „Drink doch eine met“ handelt oberflächlich gesehen von einem Typen, der vor einer Kneipe rumhängt, aber leider keine Kohle in der Tasche hat, um auch ein Bier zu trinken. Und der wird einfach eingeladen. Ohne wenn und aber. Man kann doch keinen durstigen Mann vor einer Kneipe stehen lassen. Irgendwer wird die paar Kölsch schon noch bezahlen und seien es alle zusammen. Natürlich bedeutet das nicht, das in Köln niemand sein Bier bezahlt oder das man da überall frei trinken kann, wenn man sich nur lange genug vor irgendeine Tür stellt. Aber es bedeutet, dass man in dieser Stadt aufeinander achtet. Der Mann vor der Kneipe ist auch noch alt, vermutlich hat er nicht so viel Geld, er zählt es immer wieder und wieder, aber es reicht einfach nicht. Während da drinnen die Post abgeht, muss er wohl wieder nach Hause. Und da kommt einer aus und drückt ihm ein Bier in die Hand. Und tatsächlich: So etwas kann einem in Köln durchaus passieren. Man trinkt halt nicht gern allein und wen jemand alleine ist und offensichtlich keinen Anschluss findet, dann nimmt sich der Kölner in der Regel doch ein Herz und versucht, denjenigen mit einzubeziehen. Das kenne ich so aus anderen Städten ehrlich gesagt nicht. Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg. Aber Kölle. Und jeder Kölsche hat bei diesem Lied laut gröhlend einen Kloss im Hals. Wir können da nicht groß anders.

Wichtiger Hinweis zum Lied: Die Fööss selbst haben sich das Lied in den 90ern kaputt gemacht, indem sie einen Wolfgang Petry-ähnlichen Chor etabliert haben, der die Zeile „Du steijst he die janze Zick eröm…“ mit einem „Zick! Zick! Zick eröm!“-Echo abschliesst – Musikliebhaber und Menschen, die dem Lied das tiefe Gefühl, das es eigentlich hat, erhalten wollen, werden tunlichst gebeten von diesem Ausruf Abstand zu nehmen…Ich bin kein krampfhafter Realkeeper, aber das ist wirklich nur Gaga und ein Schlag in die Fresse des Originals…

Platz 1
En dr Kayjass - Drei Laachduve

Karneval ist ein Fest der Gemeinsamkeit. Selbst wenn man alleine losziehen würde (was ich nicht empfehle, weil das nur der halbe Spaß ist), würde man nicht lange alleine bleiben. Die Menschen grüßen einander, kommen überall ins Gespräch. Es wird geprostet, getrunken, geschunkelt und gelacht. Nun bin ich viele Jahre immer mit meinem Bruder losgezogen, wenigstens einen Tag. Und der hat immer seine Ukulele mitgenommen. Und da haben wir, wo wir standen und gingen, immer einen totalen Klassiker kölschen Liedguts angestimmt, „Die Kayjass“.

Ich hab keine Ahnung, wie so ein Lied überhaupt entstehen konnte. Es geht im Grunde genommen um einen Leher und seine Methoden. Es geht vielleicht um ein „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“-Gefühl. Ganz sicher geht es aber um ein kölsches , sehr eigenes Laissez-faire. In den Strophen dieses Lieds ist eine Gruppe von Männern unterwegs, die erst ihren Unterricht beschreiben, dann die Streiche, die sie spielen und am Ende auch noch Vater werden sollen. Zumindest einer von ihnen soll der Vater sein (was im Umkehrschluss auf eine ziemliche polyamouröse Beziehung aller zueinander hinweist…). Und ihre Antwort auf alles ist der Refrain des Lieds:

„Dreimol Null is Null bliev Null, denn mir woren in dr Kayjass op dr Schull!“

Was für eine Lebensphilosophie. Wie sehr man sich auch anstrengt, rumrechnet, auf den Kopf stellt: Dreimal Null ist Null und wird immer Null bleiben. Egal was passiert. Manche Sachen sind wie sie sind, also kein Grund zur Aufregung. Auch wenn der Schutzmann wissen will, wer die Scheibe kaputt gemacht hat oder die Marie wissen will, wer jetzt genau der Vater des Kindes ist, das sie erwartet: Dreimal Null ist Null und bleibt Null.

Kann man es noch geiler auf den Punkt bringen?