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Die documenta aus Sicht von einem, der sucht, was ihn berührt.

Dieses Mal würde ich nicht so unvorbereitet sein, hab ich mir vorgenommen. Als ich auf der letzten documenta war, war das meine Erste. Die wollte ich so jungfräulich und unbeleckt wie möglich erleben. Das hat ein bisschen funktioniert und ein bisschen nicht: Es war zwar überraschend groß, aber auch zu großen Teilen überraschend öde. Für die diesmalige documenta hab ich mir also vorgenommen, mich vorzubereiten. Damit ich mit den angebotenen Sachen auch etwas würde anfangen können.

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Die documenta hat einen hohen emotionalen Wert für mich. Das liegt aber gar nicht so sehr an der Ausstellung selbst, sondern dass sie einer der wenigen Momente ist, in denen mein bester Freund Roman und ich uns die Zeit füreinander nehmen. Wir nutzen die Ausstellung als Buddy-Weekend. Das macht sie zu einem besonderen Anlass für mich. So oft schaffen wir es nicht, füreinander da zu sein. Er lebt in München, ich in Berlin und wie das immer so ist, kommt einem allzu oft der Alltag dazwischen. Aber documenta, die ist fix. Schade eigentlich, dass die nicht jährlich stattfindet.

Also, für uns ist das schade. Der Ausstellung schadet das nicht, wohl eher im Gegenteil: Jeder neue Kurator bringt ein komplett neues Konzept, eine neue Idee mit. Der organisatorische Aufwand, der hinter dieser Veranstaltung steckt, ist enorm - dieses Mal vielleicht sogar noch ein bisschen mehr als sonst.

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Aber zurück zum Anfang. Ich wollte also nicht unvorbereitet anreisen, sondern wirklich wissen, was mich erwartet. Also hab ich mir die documenta-Specials der beiden großen und wichtigen Kunst-Zeitschriften am Kiosk geholt. Was soll ich sagen: Ich war dann doch überrascht, wie sehr hier Gift und Galle über die Ausstellung gespuckt wurde, zumindest in einem der beiden Sonderhefte. Der Kritiker liess kein gutes Haar an der Kuration, ihm war das alles zu Holzhammerig, zu Grobschnittig, nicht subtil genug. Ich war mir nicht wirklich sicher, ob ich das so glauben konnte. Ob die Vision der documenta so schwachbrüstig sein sollte und ich gerade auf dem Weg zu einem langweiligen Wochenende wäre. Die vorsichtige Begeisterung des anderen Sonderhefts (welches auch regulär eher die Publikation meiner Wahl ist) überzeugte mich aber dann doch, nicht auf halber Strecke auszusteigen und schnell mit dem Zug zurück zu fahren.

Es ist durchaus nicht unüblich, dass die documenta sich harter Kritik ausgesetzt sieht. Das war bei den vorhergehenden Ausstellungen nicht anders. Und das ist auch kein Wunder: Wie soll die Weltausstellung zeitgenössischer Kunst nicht kritisiert werden? Wenn sie versuchen würde, es allen Recht zu machen, würden sie alle in der Luft zerreissen. So aber sucht man sich eine Kuratorin oder einen Kurator und lässt sie der Ausstellung ihren Stempel aufdrücken. Wohl wissend, dass sie sich der Bedeutung ihres Schaffens bewusst sind oder zumindest sein sollten.

Nun sind es wilde politische Zeiten, in denen wir gerade leben. Flüchtlinge versuchen nach Europa zu kommen, rechte Kräfte aller Orten versuchen die Angst vor den Flüchtlingen zu schüren und meist junge, meist männliche verwirrte Muslime lassen sich von Terroristen verführen, in ihrem Namen Angst und Schrecken zu verbreiten. Viel zu oft scheint etwas, das gemeinhin „gesunder Menschenverstand“ genannt wird, auf der Strecke zu bleiben. Auf allen Seiten. So zynisch das klingen mag: Wenn das nicht der Zeitpunkt ist, mit einer weltweit beachteten Ausstellung wie der documenta ein Zeichen zu setzen, zu versuchen ein Leuchtturm zu sein, in Zeiten geistiger Massenverwirrung - dann weiß ich es auch nicht. Insofern tat der diesmalige Kurator Adam Szymczyk gut daran, diese Ausstellung aufzuladen. Politisch. Nicht davor zurück zu schrecken, einen Standpunkt einzunehmen. Sehr laut, sehr klar und sehr deutlich.

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Einer dieser Signature Moves, etwas, was man für immer mit ihm und der documenta verbinden wird, war der kühne Plan, die Ausstellung diesmal an zwei Orten stattfinden zu lassen: Zuerst in Athen, dann in Kassel. Athen leuchtet jedem sofort ein: Wiege der Demokratie, der Philosophie und damit auch der abstrakten Beschäftigung mit Kunst, aber auch krisengeplagtes Land heute und eine Art erster Filter für die Flüchtlingsströme. Urlaubs-, Krisen- und Hoffnungsland gleichermassen. Wie kann das nicht der perfekte Ort für die documenta sein? Mein Freund Roman war vor Ort und seine Beobachtungen lesen sich wie folgt:

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Da reiste man nach Athen, um Athen so schön zu sehen, wie nie zuvor. Begeisterte sich an der Gastfreundschaft, dem schönen Wetter und hoffte auf Kunst, die nicht nur ihren Namen trägt.
Eine Leitfunktion hat oder hatte die Documenta doch, oder nicht, und deswegen war einer Öffnung der Spielorte über Europa verteilt zunächst so rein gar nichts einzuwenden.
Knorr, Wild, Ogboh, Aladag hatte die Pressemitteilung versprochen. Und dann bestaunte man diese Werke, Installationen, wie Performances und der Kopf wollte einem aus dem Rätseln fast schon nicht mehr aufwachen. Dann betrat Mann oder Frau jedoch den Raum von Lois Weinberger. Das sogennante „Debris Field“, diese Ausgrabungen rund um, unter und mit Fundstücken aus Bauernhof seiner Eltern traf er das Documenta Motto „Von Athen lernen“ so unununweit der Akropolis mit der Faust. Und damit war klar: Wie hier kuratiert werden sollte, stellte den Kopf vor erhebliche Probleme, die vielleicht allein nur ein Künstler wie Weinberger so wunderbar menschlich zu lösen vermochte.
So war man also nach Athen gereist, um Athen so schön, als nie zuvor zu sehen, und flog mit alles anderem als einem Trümmerfeld, stattdessen diesem eigentümlich zutiefst mystischen Seelenschmunzeln im Herzen weiter nach Kassel.

Also: Ein Teil Begeisterung, ein Teil Ernüchterung, ein Teil Neugier und ein Spritzer Skepsis. Fertig war sein persönlicher documenta-Cocktail, den er mit nach Kassel brachte. So trafen wir uns, beide gerade angereist, auf der Terrasse vom Hotel, mit Blick über die ganze Stadt. Nach Käsekuchen, Cola light und einchecken war kaum Zeit zu verlieren und wir gingen los. Spazierten den ganzen Weg, die Strassenbahnschienen entlang, die wie eine Schneise vom Berg, auf dem der Herkules steht, in die Innenstadt führen. Vorbei an Wohnhäusern, Eisdielen, Cafés und Supermärkten. Durch ein Kassel, das vollkommen unberührt ist, von irgendeinem internationalen Kunstzirkus. Nach längerer Zeit erreichten wir die Torwache, zwei Gebäude am Eingang zu Kassels Innenstadt, die einst als Fundament eines nie realisierten Triumphbogens dienen sollten. Nun waren beide eingehüllt, Christo-esk, in Jutesäcke, die man eigentlich zum Kaffeebohnen-Transport benutzt. Und es war ein überdeutliches Zeichen: Jetzt gehts los, sie betreten jetzt documenta-Gebiet. Eine gelungene Einleitung. Fast ein bisschen wie dieses Tor in der Unendlichen Geschichte, bei dem die riesen Skulpturen Laser auf jeden schiessen, der durchschreitet. Nur eben ohne die Laser. Ergo weniger gefährlich. Aber wir waren auf jeden Fall ähnlich aufgeregt.

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Auf dem Friedrichsplatz, dem zentralen Ort in Kassel, nicht nur für die documenta, sondern auch für die Einkaufsstrasse, an der der Platz liegt, sahen wir direkt eines der zentralen Werke, der 14. Ausstellung. Marta Minujins „Partheon of Books“ ein Stahlrohrkonstrukt-Nachbau der Akropolis in Athen, im Originalmassstab, aber die Rohre sind umwickelt von Klarsichtfolie in die wiederum Bücher eingewickelt sind. Jedes der Bücher, das da hängt, ist irgendwo auf der Welt verboten. Ja gut. Da ist er, der Holzhammer, vor dem uns aufgeregte Kunstkritiker so eindringlich gewarnt haben. Das sieht halt gut und beeindruckend aus. Da rennen Kinder zwischen den Säulen umher und ein gutes Selfie-Motiv ist es auch. Das kann ja also keine ernstzunehmende Kunst sein. Und da kapiere ich, wie ich diese documenta zu lesen, zu verstehen habe. Es geht um mehr, als eine Werkschau. Das hier wird keine Verkaufsveranstaltung, bei der sich jemand empfiehlt. Es gibt hier eine Botschaft und der wurde alles untergeordnet. Das mag man undemokratisch finden, vielleicht sogar als eine Art Zwang empfinden - aber was hat Kunst mit Demokratie zu tun? Der kleinste, gemeinsame Nenner ist gleichzeitig auch immer der zahnloseste Scheiss. Vielleicht ist das „Partheon of Books“ simpel. Vielleicht plakativ. Eventuell sogar pathetisch. So. Fucking. What. In einer Zeit, in der sich jeder und alles verbittet, alles und jedes zu sagen, tut es gut, wenn Kunst sich der Dinge annimmt, die schief laufen. Und anprangert. Was viele andere aus taktischen Gründen nicht mehr anprangern. Das ist nicht cool, wirklich nicht. Aber cool sein muss gerade auch einfach mal aussetzen. Dafür haben wir morgen wieder Zeit.

Im Fridericianum, eigentlich einem der zentralen Ausstellungsorte der documenta am Friedrichsplatz, ist dieses Mal auch alles anders: Keine extra kuratierte Show zeitgenössischer Künstler aus aller Welt, sondern ein Asyl für Kunst. Die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST), die in Athen zur Zeit keinen eigenen Raum zur Verfügung hat, bekommt durch die documenta in Kassel ein ganzes Museum für sich. Um endlich mal wieder zu sehen sein. Sichtbar gemacht zu werden. Denn was ist schlimmer, als Kunst in Lagerhallen? Über die Qualität der Sammlung lässt sich vorzüglich streiten, aber der Move, sie im Herzen der documenta zu platzieren wohl kaum. Das ist ein Statement, das ist ein gerader Rücken. Das bedeutet füreinander einstehen.

Meine persönlichen Highlights fand ich in anderen Ausstellungsräumen. Die „Neue Galerie“ war sehr spannend zusammengestellt. Die Hängung der Bilder fand ich sehr gelungen. Spannend. Andauernd Neues zu entdecken. Die Bilder von Andrzej Wróblewski (1927–57), haben es mir dabei besonders angetan. Seine beiden ausgestellten Serien „Trauernachrichten I-VI“ und „Flut in den Niederlanden“ sind Zeichnungen, die ich so selten gesehen habe. Tinte auf Papier. Kein Strich zuviel. Fast dokumentarisch hat Wróblewski Situationen gezeichnet während der Todesnachricht Stalins in Polen und der großen Flutkatastrophe in den Niederlanden im selben Jahr. Diese Bilder sind Kommentar und äusserst sensible Beobachtung zugleich. Die haben mich förmlich aufgesogen. Dagegen kam dann, zumindest in der neuen Galerie, nichts mehr für mich an. Vielleicht noch die Videoinstallation von Marina Gioti, „The Secret School“, die einen alten Militär-Propaganda-Film aus Griechenland wiederfand und restaurierte, der eine seltsame Besonderheit lokaler Geschichtsschreibung glorifizierte. Ein spannendes Dokument.

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Diese documenta suchte sich Raum in der ganzen Stadt. Die „Neue Neue Galerie“ fand ihren Raum im hässlichen spät-70er-Bau der neuen Hauptpost. Und hatte ebenfalls einige der spannendsten Installationen und Performances zu bieten. Irena Haiduks „Yugoexport“-Laden im oberen Stockwerk lädt zum Schuhkauf ein (und ein paar andere Accessoires wie Handtaschen oder Blusen gibt es auch noch). Das Schuhmodell wurde für serbische Fabrikarbeiterinnen entworfen, es soll elegant sein und gleichzeitig tragekomfortabel. Die Künstlerin liess das bereits eingestellte Modell wieder herstellen und verkauft es nun an Menschen, die angeben müssen, ob sie fähig sind „wenig“, „mittel“ oder „viel“ zahlen zu können - danach richtet sich dann der Preis der Schuhe. Wer sie kauft muss einen Zettel unterschreiben, der einem bestätigt, ein wertvolles Wesen zu sein und sich zu verpflichten, diese Schuhe bei der Arbeit zu tragen - was auch immer man selbst als Arbeit empfindet. Der ganze Schuhverkauf und die dazugehörigen Präsentationen waren so durchdacht und clever - ich stand viel zu lange rum und habe mir das alles angesehen. Auch die spannenden Verkaufsgespräche mit einer Künstlerin, die zu keinem Moment und durch keine Frage zum Zweifel am Konzept gebracht werden konnte (und es haben wirklich einige versucht…).

Im Erdgeschoss hat eine Videoionstallation von „Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit“ die Kasseler NSU-Morde rekonstruiert und den Protest darüber begleitet und nacherzählt. Ein sehr bedrückender Moment jüngster, deutscher Geschichte.

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Es machte Spaß, die Stadt zu erkunden, neue Ausstellungsräume und Spielstätten zu entdecken. Ein alter, stillgelegter U-Bahnhof. Oder in einer ehemaligen Ladenzeile, wurde jedes der Geschäfte künstlerisch bespielt. Mal mehr, mal weniger gut, aber die Glaskästen, in denen das stattfand, drängten sich förmlich auf, für Kunst genutzt zu werden und so auch einen umfassenden Blick von aussen zu ermöglichen. Hier beeindruckten mich vor allem die Bilder von Vivian Suter, die wirklich eindringlich den ganzen Pavillon voll hingen, in dem sie ausgestellt waren. Da wurde man Teil der Bilder, zwischen den frei hängenden, riesigen Leinwänden absorbiert. Ein völlig physisches Kunsterlebnis.

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So war auch diese documenta. Ein wirklich physisches Erlebnis, überall in der Stadt zu bestaunen und zu bewundern. Vor klarer Haltung nicht zurückschreckend. Und als Roman und ich dann am Abend müde im Hotelzimmer waren, tauschten wir noch einmal miteinander aus, was uns am Tag am meisten beeindruckt hat. Wir gingen was essen und später noch in eine Bar namens „Hot Legs“ bei der Schaufensterpuppen-Beine von der Decke hängen. Und so stark dieser Tag war, so gut klang er auch aus. Kassel ist wirklich ein besonderer Ort, an dem sich Zeit und Raum auf seltsamste Art und Weise krümmen.

Was nehm ich mit, von dieser documenta? Jede Ausstellung, die Arbeiten präsentiert, die mich in irgendeiner Weise beeindrucken, ist es wert, besucht worden zu sein. Deswegen kann ich nicht klagen. Und vielleicht bestätigt das auch wieder meinen Zugang zu Kunst, für den ich mich vor vielen Jahren entschieden habe: Es macht mehr Sinn, nach dem zu suchen, was mich beeindruckt, als mich über das zu beschweren, was mir nicht gefällt. Applaus für Kritik kriegen ist leicht und billig. Aber begeistern mit dem, was einen begeistert hat - das ist die Kunst. Das hat mir Kassel mal wieder bestätigt, auch diese documenta und mehr kann ich nicht erwarten. Und, ach ja, eins hab ich auch zum wiederholten Male festgestellt:

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Ich bin froh, so einen besten Freund zu haben. Den besten den es gibt.

Alle Fotos: Roman Libbertz



Lieber DFB, was sagen sie als Aussenstehender zum Thema: Musik?

Ich kenn mich mit Fussball nur sehr wenig aus. Glückwunsch an Dortmund. War ein schönes Spiel.

Nicht so schön war hingegen die Halbzeitpause. Aus verschiedenen, zum Teil naheliegenden Gründen. Was aber jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird, ist schon geradezu putzig. Da muss man dann doch mal ein bisschen ausholen:

In der Halbzeitpause des DFB-Pokal-Finales in Berlin zwischen Dortmund und Frankfurt ist Helene Fischer aufgetreten. Hat “Atemlos” gesungen und nach der Hälfte des Songs zu ihrem neuen “Hit” “Herzbeben” geschwenkt. Vermutlich in der Hoffnung, dass niemandem so wirklich der Unterschied auffällt. Damit der Konsument denkt: Wenn ich das alte mochte, dann kann ich mir ja auch das neue holen. So irgendwie. Keine Ahnung. To make a long story short: Es ist genauso scheisse. Vielleicht sogar noch etwas schlechter, weil “Atemlos” wenigstens noch neu war.

Während ihres Auftritts, bei dem sie von circa 15 Tänzerinnen und Tänzern flankiert war, haben eigentlich alle anwesenden Fans im Stadion gepfiffen. Das wurde am Ende nochmal deutlich lauter. Frau Fischer lächelte sich beharrlich durch die Nummer und auch am Ende kam ihr ein Dank an Berlin über die Lippen. So weit, so profi.

Aber was jetzt im Nachhinein daraus gemacht wird! “Die arme Helene!”, “Die sind doch nur neidisch!”, “Nur weil sie erfolgreich ist!”, “Das hat Helene Fischer nicht verdient!”, “Die Fans machen sich lächerlich!”, “Die wollen einen Fussball zurück, den es nicht mehr gibt!”, “Wie beim Superbowl!”, “Wir wollen keine amerikanischen Verhältnisse!”. So in etwa der Tenor. So in etwa die Stimmen danach und dazu.

Leute. Daran ist so viel Käse, dass Frau Antje Überstunden machen muss.

Ertsmal: Viele Fans rechtfertigen die Pfiffe als Kritik am DFB. Dass sie keine Halbzeitshow wollen. Vor allem nicht so eine. Ja, kann man sicher so verstehen. Es ist aber auch nichts schlimm daran, einfach Helene Fischer scheisse zu finden und mit ihrem Plastikschlager bei einem Fussballspiel äusserst deplatziert zu empfinden. Es mag ja sein, dass die CD von der im DFB-Stübchen, oder wie auch immer die Kneipe gegenüber der DFB-Zentrale in Frankfurt heissen mag, rauf und runter läuft und keinen stört und an ganz wilden Abenden dazu sogar Disco-Fox getanzt wird, aber diese groteske Instinktlosigkeit der Organisatoren mit der Gleichung im Kopf “Gefällt vielen = kommt sicher gut an” ist wirklich sagenhaft daneben. Gerade Fussballfans, die Lieder singen wie “You never walk alone”, “Ich würde nie zum FC Bayern gehen”, “Mir stonn ze dir - EffZeh Kölle!” u.ä., die offensichtlich eine Art kernige Ehrlichkeit mögen - warum sollten die im Stadion plötzlich zum jedem normalen Menschen mittlerweile aus den Ohren raushängenenden “Atemlos” voll abfeiern? Noch dazu in der Halbzeitpause, wo jeder Fan total angespannt ist?

Nein, das war kein Fanservice, das war der Brechstangenversuch, noch mainstreamiger zu werden (was ist denn bitte mainstreamiger als Fussball?). Das war der, missglückte, Versuch, auch mal Samstag Abendshow zu sein. Kann man probieren, gar kein Thema. Aber man könnte sich ja dann auch mal Mühe geben.

Es gab auch sehr viele Vergleiche mit der Superbowl-Halbzeitshow. Da würden ja auch Stars auftreten wie Lady Gaga, Beyoncé, Prince usw. Okay, der Vergleich ist auf so abermilionen Weisen dämlich, dass ich versuche nur die beiden allerbescheuertsten Fehler zu benennen:

1.) Football ist nicht Fussball
American Football ist ein werbeoptimierter Sport. Ein Spiel, in dem es gefühlt mehr Breaks und Taktikbesprechungen als Aktion gibt. Da fällt eine Halbzeitshow natürlich ins Gewicht, aber eben gefühlt nicht so, wie bei Fussball, welches im Grunde genommen 45 Minuten Spannung ist, dann ein bisschen Entspannung - aber vor allem Anspannung, was passiert, wenn alle wieder aus der Kabine kommen und dann nochmal 45 Minuten Spannung am Stück. Das ist eine komplett andere Dramatik als Football. Deswegen leiden die Fans auch anders mit. Und das sollte man beachten.

2.) Superbowl-Halbzeitshow
Das ist natürlich ein Riesenevent, sportlich sicherlich vergleichbar mit dem DFB-Pokal (eigentlich ist es die Meisterschaft, da die aber hierzulande nicht im KO-System ausgespielt wird, ist der Pokal eine Art Ersatz), alles spitzt sich auf dieses eine Spiel zu. Und damit alle daran Spaß haben, gibt es die Halbzeitshows. Das sind spektakuläre Auftritte fantastischer, internationaler Künstler. Man ist gespannt: Was werden sie sagen, was werden sie tragen? Was werden sie bieten, welche Hits werden sie spielen? Und gibt es Überraschungsgäste? Diese 10-15 Minuten sind so vollgepackt mit Attraktion, mit Überraschung, mit Hits und mit spektakulärsten Sachen - man vergisst komplett wo man ist.

Und jetzt gucken wir uns mal an, was da im Olympiastadion gemacht wurde: Helene Fischer singt 1,5 Lieder mit einer Gruppe Tänzer, die eine sauschlechte Choreografie tanzen und das nicht mal sonderlich synchron. Das Ganze vor der Tribüne mit den Ehrenplätzen, jämmerlich, um das Pokallogo herum. Fischer selbst tanzt die Choreo kaum noch mit. Bei “Atemlos” wirken ihre angedeuteten Bewegungen regelrecht lustlos. Leute, das ist nicht ansatzweise vergleichbar. Das ist, als würde ich die Wahl der schönsten Schaukuh zur “Miss Blickpunkt Rind” mit der Oscar-Verleihung gleichsetzen. Als wenn ich sagen würde: “Toni Erdmann wär echt besser gewesen, wenn Mario Barth die Hauptrolle gespielt hätte”. Oder “Ich mochte die Wildecker Herzbuben, als sie noch nicht so mainstream waren, irgendwie mehr…”. Das ist totaler Quatsch. Not even close. Durch nichts in der realen Welt nachvollziehbar. Das eine: Unfassbare Show. Das andere: Unfassbare Show.

Und dann noch ein letzter Punkt, der mich wirklich nervt in der Diskussion:

Niemand wird gerne ausgebuht. Wirklich. Es ist unfassbar unangenehm, auf einer Bühne zu stehen und direkte, negative Kritik zu bekommen. Das macht keinen Spass. Aber: Mein Mitleid mit Helene Fischer hält sich trotzdem in Grenzen. Sie wollte ja offensichtlich gerne da auftreten, davon ausgehend, dass jeder Fussballfan sie lieben muss, da sie ja auch am Brandenburger Tor so gut ankam zur Weltmeisterfeier. Und weil sie ja so erfolgreich ist. Und davon abgesehen nimmt sie natürlich gerne die Primetime-Coverage in der absehbar quotenstärksten Sendung mit. Wer sich so glatt durch alles zu aalen versucht, der darf dann auch mal auf die Schnauze fallen, find ich. Sie wollte eh nur ihre neue Single spielen. Ihre Fans vor den Fernsehern haben sich sicher gefreut. Aber selber nicht zu sehen, wie fehl man am Platz sein kann, weil einem die Auftrittsmöglichkeit wichtiger ist (und sie macht ja wirklich alles mit, was sie machen kann - deswegen hat sie es ja auch so weit gebracht), als alles andere, das ist dann auch schon mal okay. Da muss man dann halt durch und das hat sie mit festgetackertem Grinsen ja auch gemacht.

Übrigens: Dieses “Das Fernsehen hat die Pfiffe runtergedreht!” ist ja auch nur grotesk. Ein TV-Regisseur will immer das bestmögliche Signal senden. Und das ist bei einem Auftritt die Musik und nicht die Umgebungsgeräusche - super Überraschung. Ich habs im Fernsehen gesehen und trotzdem die Reaktionen mitbekommen. Auch wenn vorsichtshalber kein Publikum in Großaufnahme gezeigt wurde.

Machen wir uns nix vor: Der Auftritt war ein Desaster. Fischer wirds nicht schaden. Am Spielablauf hats nichts geändert. Aber vielleicht, ganz vielleicht, checkt der DFB ja zum nächsten Mal, dass man sich auch beraten lassen kann, wenn es um Dinge geht, von denen man dort offensichtlich nichts versteht, wie zum Beispiel: Musik.



Was uns besser macht.

Ich bin gestern so die Strasse lang gegangen. Vor mir lief ein Teenager, ich schätze zwischen 15 und 16. Adidas-Rucksack. Kopfhörer auf. Und ich hab den die ganze Zeit nur von hinten gesehen. Und wie ich den so beobachte, fällt mir plötzlich auf dass der nicht normal geht. Der wippt auch nicht. Der federt ab, als würde er auf so Sprungfederschuhen laufen. Richtig hoch ging der ganze Körper mit jedem Schritt. Und der Rücken wurde gerade durchgedrückt. Dann blieb er stehen (ich auch), holte sein Handy raus. Scrollte ein bisschen auf dem Bildschirm. Drückte. Steckte es wieder ein und lief weiter. Auf neuen Sprungfederschuhen, diesmal etwas schneller, aber nicht weniger erhaben. Es war klar: Vor mir lief gerade der König der Welt. Seiner Welt. Genau jetzt.

Und an dem Gedanken bin ich hängen geblieben. Ich würde schon behaupten, jemand zu sein, der sich vielleicht überdurchschnittlich mit Kulturgütern beschäftigt. Und ich möchte keine der Lebensverbesserungen, die die mir geben, missen. Neulich war ich mit meiner Freundin im Museum Ludwig in Köln, weil die ein paar coole Sachen in ihrer permanenten Ausstellung haben, wie ich finde. Da war auch gerade eine Gerhard Richter Ausstellung namens “Neue Bilder”. Kurz gesagt: Die neuen Bilder waren doof, aber da waren - um sozusagen den Weg zu den neuen Arbeiten nachzuzeichnen - auch ein paar ältere Werke von Richter ausgestellt und die waren schon sehenswert. Wie überhaupt die Sammlung im Ludwig generell ein paar tolle Schätze bereit hält. Das spannendste dabei: Ich geh da vielleicht alle 5-10 Jahre mal rein. Und jedes Mal entdecke ich etwas anderes für mich. Entweder ist das dann neu hinzugekommen oder mir vorher nicht aufgefallen. Ich schätze, so würde es mir auch gehen, ginge ich jede Woche einmal da rein. Dieses Mal hatte ich Philip Guston für mich entdeckt. Sein Bild “Complications” fand ich sauwitzig. Das ist doch eine ganz schöne Verbindung aus Bild und Titel:

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Interessant, was so bildende Kunst mit mir macht. Dabei ist natürlich die Frage: Gefällt mir, was mir entspricht oder entdecke ich wirklich Neues, auch an mir, wenn ich mich mit Malerei beschäftige? Dieser Frage nachzugehen - das geht nur im Museum. Ich lass mich von Bildern beeindrucken. Interessanterweise geht das auch nur bei Malerei, bei mir. Fotos beeindrucken mich nur mässig, Bildhauerei quasi gar nicht. Ich habe noch einen Soft Spot für Installationen, aber nur, wenn mir die Originalität des Gedankens gefällt. Aber ganz von meinen Vorlieben abgesehen: Diese Art von Kunst bringt mich dazu, mich mit mir und meinem Blick auf die Welt zu beschäftigen. Wie gut das tut. Auch in so einem abstrakten (Denk-)Raum.

Ich lese gerne. Gut, mein Regal platzt vor Büchern, die ich gekauft oder geschenkt bekommen und noch nicht gelesen hab und ich kann mich nicht davon abhalten, regelmässig durch Buchläden zu streifen und trotzdem noch neue Bücher nachzukaufen, die ich dann meistens auch lange erstmal nicht lesen werde und die dann zum Teil sogar noch eingepackt ins Regal wandern, in der Hoffnung, einen Moment der Ruhe zu finden, in dem ich sie dann doch noch lesen werde. Bücher sind für mich auch ein Stück Lebensqualität, ich hab die gerne um mich. Ich bin auch in einem Haushalt aufgewachsen, in dem der Fernseher inmitten der großen Bücherwand stand, ich habe also quasi immer auf Buchrücken geblickt. Auch in meinen Kinderzimmer stand ein Bücherregal, dass unter seiner Last ächzte (aber hielt!). Für Bücher war immer Geld da. Und Platz.

Und klar: Ein paar dieser Bücher werde ich vielleicht auch niemals lesen. Einige habe ich sogar nur wegen dem Titel gekauft und um sie mir ins Regal zu stellen. Die Biografie von Karl Dall zum Beispiel. Die heisst: “Auge zu und durch” und wie könnte man dieses Buch nicht im Regal stehen haben wollen?

Aber ich habe auch Bücher, die ich gerne verschenke. Oder die ich schon mehrmals gelesen hab. Die ich toll und aufregend fand. Welche, die ich vielleicht gar nicht verstanden hab, beim lesen (und auch danach nicht). Durch die ich mich durchgekämpft hab. Die ich vielleicht sogar verflucht hab. Andere, die ich schon ewig hab oder die ich hatte und mir einfach wieder besorgt hab (ich träume immer noch davon, wieder alle “Pitje Puck” Bücher komplett zu haben, wie ich es als Kind tatsächlich hatte…). So viele Bücher, so viele Erinnerungen. An die Bücher selbst, aber auch an die Orte, wo ich sie las. Oder die Menschen, die sie mir gegeben haben. Ein Buch ist immer viel mehr, als das reine Buch.

Am wichtigsten aber: Jedes Buch, dass ich gelesen hab, hat mich schlauer gemacht. Und dabei ist es vollkommen egal, welches Buch das war. Ob ein Percy Pickwick-Band oder ein dicker Schmöker über die Geschichte der Zeit (die Masseinheit, nicht die Zeitung). Ob eines meiner vielen Lieblingsbücher von Dave Eggers oder eine Harald Juhnke Biografie. Es spielt keine Rolle. Jedes Buch, mit dem man sich beschäftigt, macht einen schlauer, macht einen zu einer besseren Version seiner selbst. Deswegen muss auch immer Zeit zu lesen sein. Und wenn man Monate für ein einzelnes Buch braucht - egal. Fast jedes Buch macht einen schlauer. Sogar dumme Bücher irgendwie. Lesen ist ziemlich toll.

Und damit komme ich wieder zu dem Jungen am Anfang. Musik. Hey Musik! Was ist Musik eigentlich für eine unfassbare Superkraft? Vielleicht macht sie einen nur in den seltensten Fällen schlauer und sie regt auch nicht unbedingt zur selbstreflektion an, aber, oh Boy, was macht die nur mit einem? Nichts auf der Welt, keine Kulturtechnik, keine soziale Interaktion, kann so viel so schnell bewirken, wie Musik! Man hört ein Lied und dockt sofort mit einem Gefühl an - vollkommen egal, wie irrational das sein mag. Du kannst der größte Haiopei sein - mit dem richtigen Song auf den Ohren gehst du über die Straße und fühlst dich wie das coolste Wesen, dass jemals den Erdboden berührt hat. Der richtige Song bringt einen zum weinen, wenn man das unbedingt will. Oder zum lachen. Man hört spezielle Musik VOR dem ausgehen, um sich in Stimmung zu bringen für die Musik, die man dann BEIM ausgehen hört und zu der man dann tanzt. Es gibt Musik, die man zum runterkommen hört. Zur Beruhigung. Es gibt Menschen, die beruhigt ein Napalm Death Album. Andere kommen bei Ed Sheeran zur Ruhe. Musik ist die emotionalste Kunstform, die es gibt.

Klar, ich kann einen Film spannend finden, ein Theaterstück aufwühlend - aber ein Lied, das ich mag, braucht drei Minuten um mich mitzureissen. Um in mir ein Bild entstehen zu lassen, dass uninszenierbar wäre. Abgesehen davon: Einige der emotinalsten Momente in Film und Bühne, entstehen vor allem durch das Zusammenspiel mit? Eben: Musik.

Musik, du geile Sau. Auch dich möchte ich nicht missen. Du löst das beste in mir aus. Du befreist alles, was in mir steckt. In Sekundenschnelle. Das kann kein Bild, kein Buch, kein Film, kein Stück. Das kannst nur du, Musik, und machst mich damit besser. Und es gibt so unendlich viel von dir! Ich werde bis an mein Lebensende gar nicht alle Musik entdeckt haben, die ich mögen könnte. Das macht mich einerseits traurig, andererseits bedeutet es: Ich kann mein Leben lang nach ihr suchen. Und werde immer fündig. Und das ist doch ein sehr tröstlicher Gedanke. Irgendetwas tolles werde ich immer nicht kennen und will nur von mir entdeckt werden. Ach, ich könnte mich sofort wieder in irgendwelche Plattenkisten stürzen, aus Freude über alles, was ich noch nicht kenne.

Und auf dem Weg dorthin hab ich sicher meine Kopfhörer auf. Und höre eine Playlist von mir. Und fühle mich wie der coolste Mensch, der rumläuft. Und wenn du mich siehst, ohne zu hören, was ich höre, wirst du denken: “Was ist das denn für ein Otto, warum läuft der so komisch und grinst so blöd?” und das ist okay. Aber du könntest falscher nicht liegen. Würdest du nur fühlen was ich fühle.

Kunst, jede Kunst und Kunstform, macht uns besser. Macht uns, in ihrem Rahmen, ein Stück größer, schlauer, cooler. Wir brauchen Kunst. Aber die braucht uns natürlich auch.

Ich nehm mir jetzt eines der eingepackten Bücher aus dem Regal.



Eine letzte Umarmung für Jutta Winkelmann

Jutta Winkelmann ist gestorben. Jutta war das, was man eine Ikone nennt. Eine Frau, die ein alternatives Leben lebte, ach, die das alternative Leben erfunden hat. Eine 68erin, wie man sie sich vorstellt. Die man betrachtet und neidlos (oder -voll, je nach Standpunkt) anerkennen muss, dass sie ihr ganzes Leben einer Idee von Freiheit gewidmet hat. Freiheit und Selbstbestimmung. Das ging sogar so weit, dass man ihr vorwarf, freiheitliche und selbstbestimmte Ideale über den Haufen zu werfen, als sie Teil des „Harems“ um Rainer Langhans wurde. Aber freier konnte eine Entscheidung natürlich nicht sein, so ein vollkommen neues und ungewöhnliches Beziehungskonzept ausserhalb irgendwelcher (gesellschaftlicher) Zwänge einmal auszuprobieren. Und der Name “Harem” war sowieso bescheuert (und weit entfernt von der Realität).

Ich glaube, zumindest in Deutschland, bewundere ich keine Generation so sehr, wie die 68er. Nicht nur für ihr erwachendes politisches Bewusstsein, dass sich wütend gegen ein immer noch von Alt-Nazis durchsetztes Deutschland zu wehren versuchte (und dabei eben auch gewalttätig weit übers Ziel hinausschoss). Das finde ich schon auch spannend. Aber ich finde noch viel spannender, wie viel sich gesellschaftspolitisch tat. Wie sehr - auch nervenaufreibend - versucht wurde, neue Positionen zu finden. Zu erörtern, wie die Gemeinschaft vielleicht auch noch, vielleicht sogar noch besser funktionieren könnte. Nicht alle Ideen dazu waren gut oder schlau oder durchdacht. Aber dieser Wille zur Veränderung, der auch Kraft kostete, aber darauf abzielte, dieses Land besser, fairer, stärker zu machen, der imponiert mir noch heute, obwohl ich das ja nur aus Büchern oder Erzählungen kenne. Ich frage mich oft, wie ich damals gehandelt hätte. Ich wäre sicher kein Kämpfer gewesen - dazu bin ich viel zu sehr Schisser. Aber ich hätte mich der Faszination nicht entziehen können. Vielleicht wäre ich so wie Jutta gewesen. Ich glaube, ich wäre sehr gerne so wie Jutta gewesen.

Jutta hat viel ausprobiert. Ach, ich will jetzt nicht ihr bewegtes Leben nachzeichnen, dass können andere - sie inklusive - deutlich besser. Ich wusste auch immer sehr wenig über sie, erst nachdem sie gestorben ist, habe ich gecheckt, dass sie mal mit Adolf Winkelmann, dem tollen Regisseur, der u.A. „Die Abfahrer“ gemacht hat, verheiratet war. Ich hab mir ihren Nachnamen nie gesondert angeguckt. Ich wusste das mit Langhans. Dann blichen meine Infos über sie aber auch langsam aus.

Aber das war auch gar nicht wichtig. Denn ich mochte sie. Ich mochte sie aufrichtigen Herzens. Wir waren Facebookfreunde. Ich weiß gar nicht mehr, wer auf wen kam und wie unsere Verbindung dort entstand. Aber wir waren schon einige Zeit befreundet. Und sie ist mir immer mal wieder in meiner Timeline aufgefallen. Also, ihre Posts. Sie war ziemlich spirituell, aber irgendwie so authentisch dabei. Total cool. Das gute „cool“, nicht das kühle. Keine Ahnung, ich weiß nicht mal wie ich das formulieren soll, ohne das es besonders kitschig klingt. Eines Tages aber, da hab ich ihr einfach über Facebook geschrieben. Dass ich sie bewundere und toll finde und mich ihr sehr verbunden fühle, auf eine komische Art. Keine Ahnung, warum ich ihr das schrieb, aber es hat sich echt so angefühlt. Und sie hat sich total gefreut und mir zurückgeschrieben.

Ein paar Jahre später. Jutta hat ihre Krebserkrankung auf ihrer Seite öffentlich gemacht. Und immer wieder ihre Gedanken darüber geteilt. Oder wie sie sie erlebt. Was sie mit dem Virus erlebt. Wie sie sich begegnen. Oder wie es manchmal einfach nur total nervt. Die Schmerzen. Das erzwungene Nachdenken über den Tod. Auch über ihr Buch schrieb sie, nicht ohne Stolz, dass sie am Krankenbett fertig stellte. Sie liebäugelte auch eine Zeit lang damit, als Cover ein Foto ihrer Krankenwindel zu nehmen. Die Krankheit lächerlich machen. Deutungshoheit über das eigene Ich behalten, wenn so viele in so einer Krankheit verschwinden. Das war ihr wichtig und das hat sie mit bewundernswerter Stärke gemacht.

Ich weiß noch, dass sie ihre FB-Freunde um Rat fragte in irgendeiner Sache. Ich wusste nichts dazu. Viele andere auch nicht, aber das hielt sie nicht davon ab, ihr „schlaue“ Kommentare zu schreiben. Ich wollte aber niemanden blossstellen, deswegen schrieb ich ihr lieber wieder eine Privatnachricht. Dass ich ihr leider keinen Rat in der Sache geben könne, aber an sie denken würde. Ich hab das wirklich so gemeint. Und sie antwortete nur: „Danke! Dass du keinen Rat geben kannst….dafür liebe ich dich! Toll! Big Hug!“ Ich schickte ihr einen „Superbig Hug!“ zurück. Das war irgendwie schön zwischen uns. Und auf eine kindische Weise niedlich.

Ich sah, dass es anfing ihr deutlich schlechter zu gehen. Sie träumte davon, noch einmal Indien zu sehen, wohl wissend, dass das nicht mehr passieren würde. Wenn sich das unvermeidliche aufbaut, glaubt man umso mehr, dagegen glauben zu können. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, vielleicht würde sie sich nochmal erholen, vielleicht würde sie diese eine Reise noch machen können. Es war sinnlose Hoffnung. Aber ich wollte trotzdem dran glauben.

Eines Tages schrieb sie mir, ob ich ihr meine Adresse geben könnte, denn sie würde mir sehr gerne ihr fertig gestelltes Buch schicken. Ich freute mich total und zögerte keine Sekunde, bat sie noch um ihre Adresse, damit ich ihr mein neues Buch auch schicken könne, aber darauf antwortete sie nicht mehr. Vielleicht war es auch nicht so wichtig, sich so zu revanchieren, ihr schon gar nicht. Sie wollte keine Bücher tauschen. Sie wollte einfach, dass ich ihr Buch bekomme.

Ein paar Wochen später, war der dicke Umschlag in meinem Briefkasten. Ich packte ihr Buch aus. Schlug die erste Seite auf. Und da stand ihre Widmung:

„Für Nilz, mit einem superdicken Hug! Jutta“

Ich habe das Buch mit auf jede Reise genommen, auf jede längere Bahnfahrt. Aber nie angefangen zu lesen. Ich hab mich immer gefreut, ihr sagen zu können, wie es mir gefällt. Vermutlich war meine bescheuerte Ego-Hoffnung immer, dass sie gar nicht gehen könne, bevor ich ihr nicht was zu dem Buch gesagt hab. Sie konnte es doch. Sie gab dem Stern noch ein letztes, wirklich bewegendes Interview. Und starb am 23.02.

Wenn ich ihr jetzt auf Facebook schreiben würde, würde sie nicht mehr antworten. Und wenn ich unsere wenigen Dialoge dort lese, kommen sie mir nun irgendwie lustig vor. Der kleine Trottel und die weise Frau. So vielleicht. Uns haben nur wenige Momente verbunden, aber die waren von einer seltenen und besonderen Güte. Schon allein deswegen hab ich das Bedürfnis, noch folgendes zu schreiben:

Keine Ahnung, wo du jetzt bist, Jutta.
Aber ich schick dir superbig Hugs!



Talking Hetz

Liebe Maybritt Illner und lieber Volker Wilms,
liebe Anne Will und lieber Andreas Schneider,
lieber Frank Plasberg und lieber Georg Diedenhofen,
liebe Sandra Maischberger und lieber Theo Lange,

ihr seid allesamt sehr kluge Menschen. Das meine ich völlig ironiefrei. Ich halte euch für gebildet und clever, empathisch und ambitioniert. Ihr Moderatoren, die ihr wöchentlich euer Gesicht hinhaltet für eine steile These eurer Redaktion, die ihr diskutieren lasst. Dabei keineswegs übertrieben neutral, sondern immer mit Augenmass und dem Versuch, gesunden Menschenverstand als Massstab für die Diskussion zwischen Kontrahenten qua Partei oder Interessengemeinschaft anzuwenden. Das ist heavy, da ist es auch nicht immer einfach, die Streithähne und -hennen auseinander zu halten. Die machen einen vermutlich bisweilen etwas kirre, wenn man da zwischen denen sitzt und sich fragt, warum eigentlich immer alle aufeinander los gehen müssen, anstatt zu versuchen, konstruktive Lösungsansätze zu finden.

Und ihr, jeweilige Redaktionsleiter, habt auch alles andere als einen einfachen Job: Immer der Versuch ein Thema zu finden, das am Puls der Zeit liegt. Die genau richtige Gästemischung zusammenstellen, die gerne spitz formulieren, aber nicht nur Radaubrüder sind. Oder Promis finden, die eine klar umrissene Meinung haben und sich nicht unterbuttern lassen in einer Diskussion, die aber für die Zuschauer auch noch interessant genug sind, um dranzubleiben - auch nicht ganz einfach (und geht in den allermeisten Fällen auch furchtbar schief).

Euer Geschäft ist zynisch und das wisst ihr und das versucht ihr nach jeder Aufzeichnung abzustreifen. Ihr konzentriert euch dann auf das, was gut war an der Sendung. Und wenn dann da mal einer ein bisschen ausgeflippt ist, dann ist das natürlich auch gut für euch. Oder wenn da jemand dabei war, so far from reality, dass sich alle anderen Diskussionsteilnehmer aufgeregt haben - das findet ihr herrlich. Das sind dann in der Quotenanalyse sicher die Peaks. Und deswegen ladet ihr solche Leute immer gerne ein. Und eine verlässliche Quelle für solche Leute ist die AfD.

Da regen sich alle so schön drüber auf, wenn die ihre Deutschlandfahnen auf ihre Armlehne legen. Wenn die sich aus ihren kruden Schiessbefehl-Formulierungen winden, nur um dann was ganz anderes zu erzählen. Jeder Demokrat erschrickt vor deren gefühlter, andauernder Hetze, die aber natürlich nie so gemeint war, wenn man mal nachhakt. Die AfD ist wie ein Politclown, der mit einem Maschinengewehr plötzlich in die Menge ballert und den Menschen, die sich erschrocken zu Boden geworfen haben, dann den Vogel zeigt und sagt: “Waren doch nur Platzpatronen!”. Das ist sexy für Fernsehmacher, auf eine ganz morbide Art und Weise.

Talkshowmacher, ich möchte euch gerne zurufen: Lasst das! Ladet die nicht mehr ein! Ihr müsst keine Sendungen machen, die “Warum ist die AfD so erfolgreich?” heissen, wenn deren Vertreter wöchentlich, täglich, stündlich eure Sender als Plattformen für ihre anti-gemeinschaftlichen Thesen nutzen dürfen. Denn ihr macht sie so groß, ihr macht sie so wichtig. Ihr gebt ihnen Unmengen an Raum, sich selbst zu inszenieren. Gerade eure Talkshows sind ein perfekter Hort für die, ihre Thesen schnell rauszuposaunen. Ist schon mal jemand aufgefallen, wie Frauke Petry in ihren Sätzen jedes vierte, fünfte Wort verschluckt oder zusammenzieht und verkürzt? Ich denke, weil sie so schnell wie möglich, so viele seltsame Inhalte ihrer Partei wie möglich unterbringen will - darauf ist sie perfekt konditioniert: Vor dem Widerspruch, der natürlich immer schnell kommt, wenn sie mit aufgeschlossen (ich möchte fast sagen: normal) denkenden Menschen diskutiert, noch ganz viel eigenes unterbringen, das ist die Devise. Und das klappt. Weil ihr ihr und ihresgleichen immer und immer wieder ein Podium bietet.

Bitte. Ladet keine AfD-Menschen mehr ein. Man muss nicht mit denen reden, denn ihre Dialogbereitschaft ist gleich Null. Die wollen nur Plattform. Und die muss man ihnen ja nicht geben. Sie werden nicht verschwinden, wir müssen mit denen klar kommen, aber wir müssen ihnen ja nicht den Rücken stärken. Bitte, auch wenn die Versuchung groß ist: Ladet die nicht mehr ein. Ihr könnt das. Ihr schafft das. Ihr habt ja auch schon 100.000 Diskussionen über Flüchtlinge produziert, ohne einen Flüchtling einzuladen. Dann schafft ihr das mit der AfD auch. Bitte. Für den Frieden im Land. Nehmt mal eure Verantwortung ernst.

Danke.



Verantwortung ist die Lösung

Läuft bei der AfD. Man hat zwar Probleme mit solchen Leuten wie Höcke, die die Klientel anziehen, die von der Gesellschaft eher liegen gelassen wurde, weil ganz Rechts nicht unbedingt sozial verträglich ist, aber andererseits ist man froh, so einen wie Höcke zu haben, weil der bei diesen Menschen natürlich Stimmen einfängt, die sonst an die NPD oder ähnliche Charmebolzen gegangen wären. Man lässt ihn also gewähren, druckst sich hier und da mal ein “Na na na” ab, wenn er mal wieder zu sehr über die Stränge schlägt, aber meint es nur halbherzig. Ein bisschen schwanger geht eben doch, wenn man Frauke Petry ist. Die kann gleichzeitig für und gegen die selbe Sache sein. Genial.

Und auch 2016 donnern einem wieder die Umfragen um die Ohren. Dieses Jahr stehen ein paar Landtagswahlen an und die AfD hat überall durchaus gute Zahlen. Hier und da munkelt man sogar von um die 15%. Und demokratisch irgendwo in der Mitte verortete Menschen schlagen schon die Hände vor Furcht überm Kopf zusammen. Wie kann das sein, fragen sie sich, dass diese Partei so viele Menschen verführt? Haben denn die Deutschen nichts aus der Geschichte gelernt?

Und ja, also nein, viele Deutsche haben sicher nichts aus der Geschichte gelernt. Das merkt man ja zum Beispiel daran, dass es jemand, der offensichtlich der deutschen Sprache mächtig ist, es geschafft hat, den Begriff “Schuldkult” zu erfinden. Der hört sich gut an, reimt sich, das Wort “Kult” kommt drin vor und das ist immer gut. Das Wort soll beschreiben, wie unmöglich es ist, dass sich die deutsche Gesellschaft noch heute mit den Verbrechen der Nazizeit beschäftigen soll. Denn laut dieser Menschen, ist das Kapitel nun abgeschlossen und gut ist. Man will unbedingt auf etwas stolz sein können, wofür man nichts tun muss (und wofür man auch nichts geleistet haben muss) und da bleibt eigentlich nur der Nationalstolz übrig. Der wird einem hierzulande aber immer so vergällt, wegen dieser doofen Sache damals und deswegen soll man da jetzt nicht mehr drüber reden. Dann kann man wieder öffentlich stolz auf Deutschland sein und alles wird gut.

Aber das nur nebenbei. Es soll auch nicht der Verdacht eines Vergleichs entstehen: Die AfD wird mit Sicherheit nicht die nächste Führer-Partei. Und ich glaube auch ihren Fans und Mitgliedern, dass sie sich selber gar nicht für Nazis halten, sondern für Menschen, denen das Wohl ihres Landes am Herzen liegt. Aus welchen Motiven auch immer.

Das mag Grund zur Sorge sein. Das mag alarmieren. Aber was man auch tut, so sehr man auch gegen sie und ihre kruden Thesen argumentiert - intellektuell ist der Partei und ihren Anhängern nicht beizukommen. Man mauert und lässt Argumente nicht an sich ran. Könnte ja das gemütliche, eigene Weltbild in Frage gestellt werden. Deswegen ja auch immer dieses geifernde Lügenpresse-Geschrei und Mainstreammedien-Gelaber: Es ist der einzige Weg, jede kritische Argumentation an den eigenen Positionen mit einem Wisch vom Tisch zu fegen: Es lügen einfach alle. Und sollte mal zufällig irgendwo etwas stehen, was der eigenen Argumentation gerade gut in den Kram passt, dann ist es ein “lichter Moment”. Man hat sich da also gut in einem logischen Paralleluniversum eingerichtet und als Aussenstehender Normalo betrachtet man das und wünscht sich, auch so schlicht zu sein, um so etwas zu glauben.

Wie soll man also nun so einer Partei beikommen. Wie kann man sie stoppen, bevor sie zu viel Unheil anrichtet? Und im Grunde genommen ist es ganz einfach: Sie kann sich nur selbst stoppen und dazu muss man sie ein bisschen Unheil anrichten lassen.

So schmerzhaft das sein mag, so sehr man sich wünscht, eine Legislaturperiode nicht mit dem babysitten von Pappnasen verbringen zu müssen - eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Sprich: Lasst sie wählen und gewählt werden! Die AfD in alle Landtage! Mit so vielen Stimmen wie möglich! Wir normale Demokraten müssen jetzt mal unsere Leidensfähigkeit beweisen (die SPD-Wähler unter uns haben davon ja eine ganze Menge) und das einfach aushalten. Es ist die einzige Chance.

Denn wenn man sich die Realpolitik der letzten Jahrzehnte ansieht, dann hat sich eines immer bewiesen: Stimmen fangen ist nicht das Problem, das kann jeder Depp. Aber Parlamentsarbeit, dass ist was ganz anderes. Vor allem wenn die Töpfe aufgeteilt werden, dann geht das hauen und stechen los. Und als man gerade noch überlegt hat, wie man solche hauptberuflichen Störenfriede wie die Schill-Partei oder die NPD wieder los wird, haben die sich schon selbst verabschiedet oder sind innerlich komplett zerstritten. Und man kann daneben sitzen, sich zurücklehnen, die Arme verschränken und lächelnd mit ansehen, wie die selbst ernannten Retter des Volkes sich selbst demontieren. Schon jetzt scheint es zum Beispiel innerhalb der Partei (vor allem im immer mehr erstarkenden rechten Flügel) den Spitznamen “Frauke Lucke” zu geben. Hahaha, es geht los!

Kurz gesagt: Lasst sie mal machen. Kriegen sie eh nicht hin. Die ganz besonders dummen Kinder muss man halt auf die Herdplatte fassen lassen.



Was braucht ihr noch für ein “Stop!”?

Jetzt ist es also passiert. Henriette Reker, parteilose Oberbürgermeisterin-Kandidatin in Köln, unterstützt von CDU, Grünen und FDP, wurde Opfer eines Attentats, dass sie offenbar schwer verletzt überlebte. So weit, so Horror. Und Erleichterung, dass sie überlebt hat.

Aber was in den sozialen Netzwerken passierte, ab Bekanntwerdung des Anschlags, zeigt in trauriger und bitterer Art und Weise, wie realitätsfern und Pippi-Langstrumpfesk die neue Rechte (oder besser Rechte im neuen Gewand) sich ihr Weltbild aus der Nachrichtenlage so dreht, wie es ihr gerade passt - natürlich unterstützt durch jeden, dem der gegenwärtig an allen Ecken des Landes verbreitete Hass, nützt und in die Karten spielt.

Wenn man sich die Kommentarspalten unter den ersten Meldungen, zu einem Zeitpunkt als noch nichts bekannt war, ausser, dass ein Anschlag stattfand, durchliest, braucht man nicht lange um Kommentare zu finden, die nur eine Lesart zulassen: Das Verbrechen muss von einem Migranten, Ausländer, Asylbewerber verübt worden sein, denn die sind ja das Böse und das haben “wir” nun davon, dass wir die alle ins Land lassen. Angeblich klare Indizien für diese Räuberpistole gibt es natürlich auch:

1.) Die Herkunft des Täters wird verschwiegen. Für die Rechten der perfekte Beweis, dass der Täter nicht deutsch sein kann. Sonst könnte man es ja gleich dazu sagen. Ich weiß, unheimlich bestechende Logik. So sind sie.

2.) Der Täter benutzte ein Messer, das wird als Waffe nur in islamisch geprägten Kulturkreisen benutzt. Auch hier: Ein Argument aus dem fröhlichen Rassistenkasten. Vor allem: Welche Waffe würde denn ein strammer Deutscher benutzen? Eine Walther PKK? Eine Streitaxt? Eine Steinschleuder? Pfeil und Bogen? Man kann sich gar nicht so viele Waffen ausdenken, wie das Argument schwachsinnig ist und auch nur von ebensolchen Menschen ins Feld geführt wird.

Aber dann, die riesen Überraschung: Der Täter war ein Deutscher. Der irgendwas von “Messias” faselte und dann zustach. Und im Nachhinein wohl sagte, dass er es tat wegen der Flüchtlingspolitik von Merkel und der Bundesregierung.

Da müsste ja jeder Mensch mit funktionierendem Gehirn sagen, Mensch, da waren die vorschnellen Verurteilungen vorher ja ganz schöner Käse und ganz schön dumm und voreilig und jeder, der so etwas schrieb, möchte sich entschuldigen und unter den untersten Stein kriechen, der zur Verfügung steht und erst wieder rauskommen, wenn er glaubt, einen intelligenten Gedanken zu haben.

Aber nein, so denken rechte Scheisshaufen nicht, die sich, befeuert durch öffentliche Aussagen und Hetzereien von Parteien wie der AfD, der CSU, Gruppierungen wie Pegida oder Politiker wie Sigmar Gabriel und Thomas de Maziere, im Recht wähnen. Sie machen nonchalant eine 180 Grad Wende und behaupten, der Frust und die Verzweiflung in der Bevölkerung über die momentane Politik, liessen Menschen so ausrasten und so sehr zum Äussersten greifen. Ausserdem sei das ein Verrückter und deswegen ein Einzeltäter.

Nehmen wir an, der Täter wäre Moslem gewesen. Alle Islam-Verbände wären aufgefordert worden, sich von solchen Anschlägen zu distanzieren, denn er hat ja offensichtlich im Namen der Religion gehandelt. Es wären sofort Talkshows gestartet worden in der sich Muslima für ihr Kopftuch hätten rechtfertigen müssen. Und überhaupt: Alles gewalttätig. Hätte man von einem durchgeknallten Einzeltäter gesprochen, wäre man, mit Häme überzogen, ausgelacht worden.

Die Diskussion in diesem Land ist in eine unglaubliche Schräglage geraten. Das mag daran liegen, dass die Deutschen kein Debattier-Volk sind. Der harte Austausch von Argumenten, das begreifen von Standpunkten - das wird hier niemandem beigebracht. Meine Meinung und sonst nichts. Alle Anderen haben Unrecht. Dazu der Glaube, dass eine rechte Einstellung eine tolerierbare “Meinung” sei, denn schliesslich sei links zu sein ja auch eine Meinung, die man akzeptiere. Überhaupt: Der Terror der Linken sei auch voll schlimm. Auch diese Art der Argumentation kommt nicht nur von mangelnder Bildung, sondern ist bewusst so toleriert und gefördert worden von der Politik der vergangenen Jahre - man erinnere sich beispielsweise an Kristina Schröder und ihr Grundgesetz-Bekennungs-Generalverdacht für gemeinnützige Organisationen. Und immer wieder muss man an dieser Stelle betonen: So sehr ich mich schäme für politische Autoanzünder oder Randale-Touristen, die sich auf Demos nur mit Polizisten prügeln wollen: Rechte Menschen töten seit Jahren mehr oder weniger unbehelligt in diesem Land. Rechte Menschen richten sich immer gegen andersdenkende Menschen. Mit Gewalt. Mit Angst. Mit Mord. Da können noch so viele linke Volltrottel Mercedesse in Prenzlberg anzünden - das wird immer eine andere Qualität haben als besoffene Nazibanden, die Menschen durch ein Dorf jagen. Deswegen lasse ich mich auf keinen verharmlosenden Vergleich ein.

So sehr ich Angela Merkel für ihr momentanes Rückgrat geradezu bewundere und schätze: Diese ganzen Heim-Brände, diese ganzen fremdenfeindichen Demos, dieser ganze Erfolg solcher Rattenfänger wie Petry und Bachmann ist alles auch eine Konsequenz ihrer Politik des wegduckens und nicht auffallen wollens. Ich bin froh, dass sie das nun erkannt hat und gegensteuert. Besser spät als nie.

Ich lasse diesen jetzt aufkommenden Rechtfertigungstwist nicht zu, ich erlaube den Hetzern und ihrem Klatschvieh keine Deckung. Pegidisten, AfDler - das Attentat von Köln ist auch eurem Hass zuzuschreiben, den ihr seit Wochen brüllt und propagiert. Das Messer wurde auch von dem Galgen geführt, den ihr rumtragt. Der Irre wurde auch von eurer Kapazitäts-Diskussion angeregt, Politiker jeglicher Parteien, die ihr schamlos öffentlich führt.

Es gibt keine guten und schlechten Flüchtlinge. Es gibt gute und schlechte Menschen. Und die schlechten haben heute gezeigt bekommen, was sie anrichten. Es ist zu hoffen, dass sie sehen und verstehen. Und endlich ihren Kopf einschalten. Und, vermutlich noch viel wichtiger: Ihr Herz.

Gute, ach, die allerbeste Besserung wünsche ich Henriette Reker.



Oaschlocht is!

Deutschland macht die Grenzen dicht. Zumindest im Süden. Weil es der CSU zu viel wird, mit diesen Flüchtlingen da. Ich seh schon den bayerischen Bauer in Hintertupfingen, wie er Abends beim Bier in der Stube sitzt und Angst hat, dass ihm ein Syrer den Mähdrescher klaut und sich damit nach Syrien absetzt. Oder wie er Angst hat, dass ihm eine muslimische Großfamilie mit Handys in den Stall zwangseinquartiert wird - der Zwang wird hier auf den Bauern ausgeübt, wohlgemerkt, der die Familie aufnehmen muss und nicht auf die Familie, die im Stall leben muss. Oder seine Angst, dass ein Moslem durch sein Dorf läuft und sich spontan in die Luft sprengt, denn das sind doch alles Terroristen.

Gut, dass der Seehofer den Orban zum nächsten CSU-Parteitag einladen will. Viktor Orban, Premierminister von Ungarn, der gerade durch Initiativen glänzt, seine Grenzen mit endlich wieder Stacheldraht zu sichern. Endlich wird seine Vision wahr und er kann von Ungarn aus die europäische Idee zerstören. Also, die Teile, die ihm nicht passen. Dieser ganze Quatsch mit Solidarität und offenen Grenzen und so. Die Kohle aus der EU möchte man natürlich trotzdem mitnehmen.

Diesen Typen auf jeden Fall, der seit dem Flüchtlings-Ansturm - oder sagen wir besser Vertriebenen-Ansturm, denn freiwillig wollte keiner von denen die Heimat verlassen - nichts besseres zu tun hat, als die Idee einer Gesellschaft, die Vertriebene mit offenen Armen empfängt und ihnen Sicherheit und Kraft anbietet, zu torpedieren und im eigenen Land de facto unmöglich zu machen, diesen Typen, nennen wir ihn ruhig ultra-rechts, der auf die Pressefreiheit im eigenen Land scheisst, der Journalisten einschüchtert, kritische Künstler mit Arbeitsverboten belegt, der ein Klima der Angst verbreitet, bei denen, die ihm im öffentlich-demokratischen Rahmen widersprechen wollen, diesen Typen also möchte Seehofer zur CSU einladen, um mit ihm zu reden.

Gut, eine Partei, die immer noch an ihrem alten Anführer hängt, der ebenfalls Kritiker mundtot machen wollte, in dem er sein Amt missbrauchte und sie grundlos einsperren liess, ein Anführer, dem vor allem der eigene Geldbeutel wichtig war, in den er fleissig reinwirtschaftete, auf Kosten des Landes, welches er ja ach so sehr liebte - wer so einen Typen immer noch als leuchtendes Vorbild an Rechtschaffenheit und Leistung feiert, der lädt sich natürlich auch Faschisten als Gesprächspartner ein. Den Rechten keine Stimme überlassen, indem man selber so Rechts wie möglich ist - das ist ihre CSU.

Und nun also das: Applaus von Orban, Applaus von der AfD, Quasi-Applaus von der NPD: Die CSU ist anscheinend endlich dort angekommen, wo sie hin wollte. Und Merkel hat nichts besseres zu tun, als ihr zuzuarbeiten. Keine Ahnung woher diese Angst vor den Krachledernen kommt, aber sie lässt sich von denen erst auf der Nase herumtanzen und dann tanzt sie nach deren Pfeife. Wow, wie sehr sollte man sich noch vom provinziellen Juniorpartner demütigen lassen? Die Schmerzgrenze scheint da ziemlich hoch. Vielleicht denkt sie auch, dass nun all die Negativ-Schlagzeilen an Seehofer hängen bleiben, während sie sich noch ein bisschen in dem fälschlicherweise international empfundenen Sonnenschein aalen kann, der denkt, sie sei die Kanzlerin mit Herz, die sich so für die Flüchtlinge eingesetzt hat und nicht etwa die passivste Politikerin aller Zeiten, der die Zufälle nur so in den Schoß fallen. Aber was sie dabei nicht bedenkt ist, dass Seehofer international gar keine Rolle spielt, nicht mal ansatzweise. Interessiert niemanden. Kommt alles auf sie zurück.

Bayern, du bist politisch ein großes Problem-Land. Auch wenn dort irrsinnig viele Menschen leben und herkommen, die ich bewundere und liebe. Ich wünschte dann immer, sie würden dich so schnell wie möglich verlassen und irgendwo hin gehen, wo man sie schätzt, wo man Freigeister spannend findet und nicht störend. Und dann könntest du, Bayern, ganz easy unter deinesgleichen bleiben und ihr könnt euch fortpflanzen und sehen, wie weit ihr kommt, ohne Menschen von aussen, die euch helfen und bereichern.

CSU, du bist die mit Abstand unchristlichste Partei aller Zeiten und das weißt du auch und es ist dir scheissegal, aber es sollte dann doch noch mal jemand aufgeschrieben haben. Das “C” in deinem Namen bedeutet: “Hängt ein Kruzifix in mein Büro und Heiligabend komm ich in den Gottesdienst!”, und das wars. End of christlich. Keine Nächstenliebe vorhanden, kein christlicher Gedanke, nix.

Ihr kommt für eure Unmenschlichkeit alle in die Hölle und da wartet FJS schon auf euch und muss jedem einzeln erklären, warum und was er alles falsch gemacht hat. Und euer Mythos und Held bricht vor euren Augen zusammen zu der kleinen, jämmerlichen Figur, die er ist und war und er darf erst da weg, wenn er seinen letzten Fan persönlich aufgeklärt hat und da ihr eifrig an dem Mythos strickt und euren Strauß Jahr um Jahr um Jahr zum großen Staatsmann und CSU-Übervater stilisiert, wachsen immer wieder Fans nach und er wird niemals erlöst. Dumm gelaufen.

Weißt du, was Politik und Politiker real macht, CSU? Weißt du, was die Leute gerne sehen? Soll ich dir sagen, was man glaubt? Es ist so simpel, wie doof: Dass jemand auch mal einen Fehler macht. Und den einsieht. Und zugibt. Und sich entschuldigt. Übrigens auch ein zentrales Thema des Christentums, Vergebung und so. Könnte man wissen. Aber du, CSU, siehst dich und deine Leute als unfehlbar. Und das wird dir irgendwann auf die Füße fallen. Keine Ahnung wann. Der Leidensdruck auf dem bayerischen Land ist offensichtlich noch nicht hoch genug. Aber er wird steigen. Und dann bekommst du die Quittung. Und ey, wer weiß, vielleicht wird dein Land dann auch wirklich wieder frei und liberal. Offen und neugierig. Und damit wieder eine echte Urlaubsalternative. Man wird ja wohl noch träumen dürfen!

Aber so lange diese Regierung an der Alleinherrschaft ist, die einschüchtert und abschreckt und nur denen in den Arsch kriecht, die mit Geldscheinen wedeln, so lange sind wir beide leider getrennt, Bayern. Ich wünschte es wäre anders. I love you, but you´ve chosen Vorurteile.

Ach so, nur der Vollständigkeit halber: Durch die Blume zu sagen, man wolle den Flüchtlingsstrom stoppen, damit das Oktoberfest in Ruhe vonstattengehen kann, ist an unchristlicher Schäbigkeit und rassistischer Unverschämtheit kaum zu überbieten. Da dürfte man selbst in den braunsten Kreisen respektvoll überrascht durch die Zähne gepfiffen zu haben:



Die große Show der Unterhaltung

Ich liebe Fernsehen.

Hört man heutzutage auch nicht mehr oft. “Fernsehen ist tot”, rufen sie. “Die Zukunft heisst YouTube”, sagen sie. “Die Menschen wollen gucken, wann sie wollen”, heißt es. Ich wundere mich etwas über so viel Fundamentalismus, habe selten verstanden, warum man vor entweder-oder Entscheidungen gestellt wird, gerade in Bezug auf Medien. Haben doch die letzten Jahrzehnte bewiesen, dass nicht das eine das andere zwangsläufig verdrängen muss. Absgesehen davon: Erstaunlich viele YouTube-Stars können es erstaunlich wenig aushalten, nicht so schnell wie möglich im Fernsehen oder Kino aufzutauchen. Der “Webvideopreis” hat sich neulich voller Stolz mit einer ausführlichen Pressemeldung damit gebrüstet, auch endlich im (sogar öffentlich-rechtlichen) Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Klar, das funktioniert auch alles andersrum: Böhmermann und Joko und Klaas strahlen mindestens genauso sehr ins Netz, wie auf dem Sender, wenn nicht sogar noch ein bisschen mehr. Und holen so ihre Zuschauer zum TV. “Wechselwirkung” ist hier wohl das Zauberwort, nicht “Nein, du darfst nur eins!”. Wer jemals Germanys Next Top Model oder Tatort oder Dschungelcamp mit geöffnetem Twitteraccount geguckt hat, weiß um die Bereicherung dank des sogenannten “Second Screen”.

Ich seh hier also eine Menge Potential für Gemeinsamkeit, statt dem Kampf sich zu ersetzen. Eigentlich.

Der Standpunkt der sogenannten Netzgemeinde ist in tausenden Beiträgen ausführlich dokumentiert: Beeindruckende Serienproduktionen von zum Beispiel Netflix oder Amazon Prime scheinen die These des Netzes als neuer Inhaltegenerator zu stützen. Dem lässt sich schön einfach das Fernsehen als großer, träger Apparat gegenüberstellen, der Innovationen verhindert, wo es nur geht. So weit, so einseitig. Dass die Produktion fiktiver Inhalte aufwendig ist und eine ganze Menge verlangt, geschenkt. Dass kaum eine Serie, die irgendein Streaming-Anbieter produziert, ohne zweit- und drittverwertung auf DVD und im FERNSEHEN auskommt, wird dann gern mal ignoriert oder “vergessen”. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Mich interessiert vor allem mein “Fachgebiet”: Die Show.

Da ist das Netz ja im Grunde genommen keine Gefahr. Moderierte Shows eignen sich einfach kaum als Onlineinhalte. Man konsumiert sie am liebsten zu mehreren, man sieht sie gern auf einem grösseren Bildschirm (Fernseher), sie sind klassische Couch-Formate. Nun wird auch im Internet und auf Youtube moderiert und das ist ja auch alles gut und richtig und schliesslich mache ich das selber auch. YouTube ist eine Plattform für moderierte Inhalte, aber die Form funktioniert anders. Die Zielgruppe ist zu bestimmt 80% einfach jung. Die Dauer der Formate ist meistens kurz. Und der Produktionsaufwand im Gegensatz zu Fernsehshows dann doch meistens deutlich geringer.

Was machen aber Fernsehshows, was machen Fernsehsender?

Der öffentliche Untergang von Wetten dass…? hat viele geschockt. Vielleicht gar nicht so sehr, weil ein legendäres Format sich selbst überlebt hat, sondern weil der Verfall vor aller Augen durchexerziert wurde. Es gab keine Sekunde, in der Markus Lanz zu beneiden war. Die Kritik war zu großen Teilen unfassbar übertrieben (Man erinnere sich an Tom Hanks, der sich ein bisschen ironisch-belustigt über die Sendung ausgelassen hat, nachdem er dort zu Gast war und gleich von allen deutschen Medien deswegen lustvoll selbstzerfleischend als Kronzeuge aufgerufen wurde, wie unfassbar lächerlich das Ausland angeblich “Wetten dass” fände…) und die Show hat er nie in den Griff bekommen. Alleine den Mut, dieses Monstrum von Show zu übernehmen, muss man ihm hoch auf die Eiergröße anrechnen. Aber das Ende kam dann trotzdem nicht überraschend und die letzte Ausgabe war tatsächlich von Anfang bis Ende so verfahren und daneben, dass man ganz froh war, als es zu Ende war.

Nun ist das Ende von Deutschlands letzter, legendärer Samstag-Abend-Show oft genug als Symbol für das Ende dieser Art von Fernsehen umgedeutet worden. Aber wie konnte es so weit kommen? Ist das Internet schuld? Weil die Kids heute lieber Dagi und Bibi gucken, als alte Männer, die alberne Spiele moderieren?

Ja und nein. Ja, weil ich es an meiner Tochter beobachte. Hatte sie zu Gottschalk-Zeiten noch Spaß daran, mit Papa auf der Couch zu sitzen und atemberaubende Wetten zu gucken, liess das mit Lanz deutlich nach. Auch wenn ich sie noch jedes Mal gefragt habe. Aber ich musste dann immer alleine gucken. Ich weiß, da kamen eine Menge Faktoren zusammen: Als ich in die Pubertät kam, haben mich Familienshows auch nicht mehr so richtig gekickt, eher die Sendungen, die meine Eltern für doof hielten, die aber am darauffolgenden Montag Schulhofgespräch Nummer Eins waren. “Alles Nichts Oder” dürfte da eine Pionierrolle einnehmen. Sei es, wie es ist: Den Sendungen laufen die Zuschauer demnach nicht weg, oder besser: Nicht mehr als früher auch. Die gehen nur woanders hin. Aber, frei nach Loriot, wo laufen sie denn? Hin?

Und da fallen einem ad hoc erstmal zwei Formate ein, beide auch noch beim selben Sender: “Schlag den Raab” und “Joko und Klaas - Duell um die Welt”. Warum wird denn lieber das (von jungen Menschen vor allem) geguckt, als das neue Superquiz mit Johannes B. Kerner? Warum schalten nicht so viele Frank Plasbergs Quiz des Körpers, der Wissenschaft, der Tiere, der Nadelbäume, der Gesteinsarten, der Briefmarken ein, wie die Pro Sieben Formate? Beim Plasberg, da sitzen doch immer die richtigen (gleichen) Stars! Die Ferres! Der Liefers! Der Rohde! Die Rakers! Der Pocher! Alles absolute A-Liga. Das wollen die Leute doch! Bei Raab und den anderen beiden sind nie Promis! Das geht doch nicht!

Ironie off. Natürlich brauchen Raab und Joko und Klaas keine Stars, denn sie sind selbst die Stars ihrer Shows. Ihre Konzepte drehen sich nur um sie selber und sind dabei doch so unterhaltend und frisch, dass bei ARD und ZDF vermutlich regelmässig Taschentücher gezückt werden. Wer sollte eine Sendung, die so viel Aktivität und Kampfgeist von ihren Protagonisten verlangt (und vom Zuschauer, bis zum Ende dranzubleiben) denn in der ARD moderieren? Man müsste einen neuen Moderator suchen, aber da hat dort niemals jemand Bock drauf, also ist es wieder Pilawa. Der leidenschaftsloseste Moderator im deutschen Fernsehen. “Schlag den Pilawa”: Die Show wäre nach einer halben Stunde vorbei und der Kandidat hätte jedes Mal gewonnen. 5000 Euro und eine Tasse mit dem Logo der Show. Oder Kerner würde zusammen mit Klaus Kleber das “Duell um die Welt” im ZDF machen: Johannes Baptiste müsste sich trauen, von einem Klettergerüst zu springen, während es Klebers Aufgabe wäre, einen Böller in einen Briefkasten zu werfen. Aber begleitet von Warnhinweisen, dass doch bitte nicht nachzumachen.

Klar, falsches Personal in falsche Shows zu stecken ist ein einfaches Spiel. Ich mag ja sogar die Art von Plasberg oder Kerner. Aber worauf ich hinaus will, ist etwas anderes: Das “Geheimnis” für den Erfolg der Kollegen ist nicht das sie lauter, krasser, schlimmer oder wilder als alle Anderen sind. Das wird immer so behauptet und mag oberflächlich gesehen auch so sein. Aber es gibt einen anderen, meines Erachtens nach triftigeren Grund. Spielen wir als Beispiel ein wenig 80er Jahre Samstagabend-Show-Bingo. Ich sage den Titel einer Samstagabend-Show und der geneigte Leser möge an sich selbst beobachten, was er damit assoziiert:

“Auf los gehts los”

“Die verflixte Sieben”

“Wetten dass…?!?”

“Einer wird gewinnen”

“Vier gegen Willi”

“Flitterabend”

“Geld oder Liebe”

Na? Fällt was auf? Die ersten Dinge, die mir da in den Kopf kamen, waren:
Blacky Fuchsberger, Rudi Carell, Thomas Gottschalk, Kulenkampff, Mike Krüger und sein Hamster, Michael Schanze, Jürgen von der Lippe. Man hat die Shows nicht nur der Show wegen geguckt. Jede Show hatte ihren Moderator. Hatte ihre Seele. Hatte ihren Menschen, der die Sendung verkörperte, lebte, erfüllte. Ein Mensch, ein Format. Und die Moderatoren stiegen und fielen gemeinsam mit ihren Sendungen. Die Samstagabendshow hatte Persönlichkeit.

Wieviele verschiedene Shows moderiert Plasberg? Pilawa? Kerner? Keine Ahnung, aber so viele wie möglich. Sendungen ohne Gesicht, ohne persönliche Note. Sendungen, die jeder andere Moderator jederzeit exakt genauso moderieren kann. Bloss kein Risiko mehr eingehen. Alles schön glatt unter dem Radar laufen lassen. Hat irgendwer den “großen Spiele-Abend” im ZDF gesehen? Eine Show, in der einfach die ganze Zeit nur räumlich-riesige Versionen bekannter Brettspiele gespielt wurden? Mit Ferres, Ceylan und co als Kandidaten? Moderiert von Kerner mit Til Schweigers Tochter Emma als Assistentin? Ich hab mir das angesehen und konnte wirklich nur noch fragen, wen das ZDF mit dieser lieblosen Scheisse von Show eigentlich verarschen möchte.

“Aber die Quote war gut!”

Deine Mudder war auch gut! Die Sendung war die endgültige Kapitulation vor allem, was Fernsehen mal ausgemacht hat. Originalität? Bitte nicht. Dynamik? Wir möchten niemand überfordern. Charme? Braucht man beim Einwohnermeldeamt auch nicht. Spannung? Ach komm, bitte, es wird nicht besser. Witz? Ey, der eine Moment, in dem Bülent Ceylan seine Haare aufgemacht hat und Veronika Ferres so lustig geguckt hat, dass war echt witzig!

Die Privaten müssen sich jetzt übrigens nicht die Hände reiben, denn auch da: Joko und Klaas und Raab dürfen nur deswegen machen, was sie wollen, weil sie sich dieses Recht erspielt haben, aber wo sind andere Moderatoren bei Pro Sieben? Gibts nicht? Braucht man ja erst wieder, wenn man die durchgenudelt hat? Produziert auch noch jemand anders Spielshows bei RTL ausser Jauch? Nein? Dieter Bohlen forever, weil der ja noch so lustig ist? Kann der Hartwich (so gut ich den eigentlich finde) neben Dschungel, Lets Dance und Supertalent nicht auch gleich RTL Aktuell mitmoderieren?

Wenn Jürgen von der Lippe damals bei “Geld oder Liebe” Bands angekündigt hat, dann hat der gebrannt und voller Leidenschaft die Acts teilweise bis zu zehn Minuten lang angesagt und gelobt, herausgearbeitet, was diesen Künstler jetzt so besonders macht. Und am Montag danach wurden in den Plattenläden die Fächer jener Künstler leer gekauft, weil vermutlich wenig so mitreissen kann, wie echte Leidenschaft (etwas, dass ich mit “Endlich gute Musik” als Buchform versucht habe). Wofür brennt Kerner? Was liebt er, was vermittelt er mir? Haben die Supermärkte nach der großen Spielenacht Bonaqua und Gutfriedwurst Engpässe? Ich glaube nicht. Haben die Kaufhausabteilungen und Toys R Usse dieses Landes leere Brettspielregale? Ich fürchte nein. Wer sollte die nach dieser, aus allen Poren Langeweile ausstrahlende, Show noch spielen wollen, ausser die Ferres und sadistische Wärter in Guantanamo, während sie die Insassen zwingen zuzugucken (Was übrigens EINDEUTIG gegen die Genfer Konventionen verstösst…)?

Die (vor allem öffentlich-rechtliche, aber bisweilen auch private) Samstagabendshow ist nicht tot, weil die keiner mehr sehen will. Sondern weil die keiner mehr richtig machen will.

“Ja, meckern, dass können die Deutschen gut. Immer rumkritisieren. Denk dir doch was besseres aus! Du bist doch nur neidisch, weil du nix mehr im Fernsehen machst!”

Ernsthaft? Ich will eine Show, die einem Moderator “gehört”, die sein Spielplatz ist, sein Terrain, seine Sandbox. Die er zu seinem Zirkus macht und in der nach seinen Regeln gespielt wird. Ich will Moderatoren, auf die ich mich freue, sie einmal im Monat zu sehen. Ich will auch mal andere Kandidaten in den Sendungen, die trotzdem berühmt und lustig sind. Ich will, dass diese Sendungen ganz viele Sachen miteinander verknüpfen. Ich will nicht nur ein schnödes Hashtag pro Show, ich will dass sich Redaktionen ausdenken, wie sie Online Communitys einbinden können. Ich will die große Annette Frier Show einmal im Monat, in der sie mit ihren Gästen singt, Sketche vor Publikum spielt und mit Kandidaten absurde Spiele spielt. Ich will Böhmermann mit dem Neomagazin jeden Abend der Woche nach Lanz und nicht nur einmal hinter Aspekte, wo die meisten schon eingeschlafen sind. Ich will eine lustige Spielshow mit Ina Müller. Ich will ein absurdes Quiz mit Amiaz (kennt man eventuell durch die Vox-Show “Wer weiß es - wer weiß es nicht?”). Ich will Showtreppen. Fernsehballett. Big Bands. Das muss alles nicht altbacken sein, das kann man alles auch modern machen. Und mittendrin Caro Korneli. Und Jan Köppen. Ich will, dass neben Schauspielern YouTuber auf den Couchen sitzen, denn Stars sind Stars. Die Arroganz, Stars der Jugend nicht anzuerkennen, darf man sich gerne schnell wieder abgewöhnen, wenn man auch Zuschauer unter 50 haben will. Ich will, verdammt nochmal, wieder Begeisterung auf dem Bildschirm sehen. Ich will Nova Meierhenrich eine Charity Gala moderieren sehen. Ich will das Jeannine Michaelsen “Verstehen sie Spaß” übernimmt und die dringend notwendige Redaktion selber mitbringt. Auf das sie, vor allem im Live-Teil, auch Menschen unter 100 anzusprechen versuchen. Ich will auch eine wirklich lustige Show für Luke Mockridge. Ich verlange ein aktuelles Quiz für Micky Beisenherz. Und Kai Pflaume will ich auch behalten, aber seine Show soll verdammt nochmal wieder “Dalli Dalli” heissen, weil es “Dalli Dalli” ist. Ich will selber eine Show mit Musik machen, ich will auch eine tägliche Late Night Show haben, weil ich die Menschen liebe und ich will die Beatsteaks als Studioband. Ich will Gäste und Musikacts wie Frederik Lau, Michael Gwisdek, Kurt Krömer, Bilderbuch, Haftbefehl, LeFloid, Gronkh, Uwe Wöllner, Olli Schulz, Joy Denalane, Prag, meine beste Freundin Chiara Schoras, Anke Engelke, Dagi Bee, Bibi und wie sie alle heissen, in deutschen Shows, statt Ferres, Fischer und Konsorten. Die haben jetzt Fernsehpause. Ich will eine ehrliche Show, das muss kein Widerspruch in sich sein. Ich will, dass das Fernsehen wieder den Menschen Platz macht, die Bock drauf haben. Die ihren Job lieben und nicht an ihm kleben. Ich will ein Fernsehen, dass keine Angst hat vor irgendetwas Neuem, sondern die Arme öffnet, auch auf die Gefahr hin, dass ein oder andere Mal dabei auf die Fresse zu fallen (Remember “Nase vorn”?). Aber die Momente, in denen es sich auszahlt, gleichen alles wieder aus. Ich will eine Show, nach der ich gut gelaunt mit Freunden ausgehe. Oder fröhlich ins Bett. Ich will wieder Fernsehmomente, die man bereut verpasst zu haben, als sie live waren. Ich will wieder Fernsehen, über das man spricht. Ich glaube nicht, dass das tot ist. Ich glaube nur, dass das (ausser im Moment vielleicht Böhmermanns Redaktion) niemand mehr machen will.

Ich brenne für dieses Medium. Und ich gebe nicht eher Ruhe, ehe ich ihm nicht ein bisschen Seele, ein bisschen Feuer, ein bisschen Leidenschaft zurückgegeben habe. Gegen die Marktforscher und Innovationsverhinderer dieser Welt und für die Unterhaltung. Denn Fernsehen kann viel mehr, als Sicherheitsdenker daraus machen. Frei nach Biohazard:

Fernsehen’s for you and me - not the fuckin industry.



3 Shades of beruhigt euch mal

Ich habe als Kind wahnsinnig gerne die Tom Sawyer und Huckleberry Finn Fernsehserie geguckt. Die war spannend und schön, aufregend und angenehm und die Titelmusik war so schön. Eines schönen Sommertages (das lief ja im Kinderferienprogramm), hat meine Mutter es nicht geschafft, mich zum spielen rauszuschicken und ich sass wieder vor der Glotze. Die Folge war spannend. Die Helden wurden eingeschlossen und mussten sich irgendwie retten. Einer von beiden, ich glaube Tom, hat unter der Tür seines Gefängnisses eine Zeitung geschoben, mit einem Stock im Schloss rumgestochert, den Schlüssel somit auf die Zeitung fallen lassen, die Zeitung mit dem Schlüssel wieder zu sich in den Raum gezogen und ZACK, konnte er sich befreien. Etwas cooleres hatte ich bis dato noch nicht gesehen.

Als die Sendung zu Ende war, ging ich in das Zimmer meiner Schwester. Ich war allein zu Hause, meine Mutter war einkaufen oder so und der Rest der Familie ausgeflogen. Das Zimmer meiner Schwester hatte, im Gegensatz zu meinem, einen Schlüssel. War abschliessbar. Also perfekt, um das eben gesehene nachzuspielen. Ich hab mir noch einen Stock aus dem Garten mitgenommen und die Tageszeitung vom Küchentisch. Dann hab ich mich in dem Zimmer eingeschlossen. Auf dem Boden war Teppich verlegt, der ziemlich bündig mit der Tür abschloss. Da war nur ein kleiner Spalt. Ich drückte den Zimmerschlüssel mit aller Kraft mühsam durch diesen Spalt nach draussen. Dann friemelte ich die Zeitung unter der Tür durch. Als ich mich dann mit dem Stock am Schloss zu schaffen machte, dämmerte mir langsam, dass ich irgendwo einen Denkfehler gemacht hatte. Ach du Kacke. Ich hab mich eingeschlossen und den Schlüssel aus dem Zimmer unerreichbar verbannt.

Mein sechsjähriger Kopf wusste sofort was Sache war: Ich würde hier oben elendig verhungern. Sie würden nur noch mein Skelett finden und sich wundern, warum der Schlüssel vor der Tür lag und eine halb zerrissene und zerknüddelte Zeitung daneben. Ich nahm die letzten Kraftreserven meines bald vorbei gehenden Lebens in meinem selbst gewählten, schon seit zehn Minuten bestehenden, Exil zusammen und klopfte und rief und schrie so laut ich konnte. Meine Mutter war doch da und rettete mich. Ich beschloss, in Zukunft mehr Gedanken an mögliche Versuchsaufbauten zu verschwenden.

Nun, warum muss ich wieder an diese Episode denken? Deswegen: 50 Shades of Grey.

Der Hype um die gerade angelaufene Verfilmung ist endlos und ein schöner Marketing-Coup, aber die Kritik am Sujet und am Film ist, vermutlich auch ausgelöst durch den Marketing-Terror, oftmals so übers Ziel hinaus. Dazu super redundant und sich in ihrer vermeintlichen Originalität fühlend super unoriginell. Ich habe mittlerweile 37mal irgendwo gelesen, dass es wohl deswegen ein SM-Film sei, weil es so eine Qual ist, ihn ganz anzusehen. Höhöhö. Anderen ist er zu flach, zu wenig Fetisch, zu viel gesülze und der Klischeebegriff “Hausfrauenporn” taucht auch in schöner Regelmäßigkeit auf. Dazu die Meldung, dass weltweit Baumärkte ihr Sortiment an Kabelbindern aufstocken, weil ein Run darauf befürchtet wird, weil die sich wohl in dem Film damit fesseln. Ich kann mir schon genau vorstellen, wie süffisant jeder Mensch angeguckt wird, der heute im Baumarkt Kabelbinder kaufen muss. Zwinker zwinker, wa?

Und ebenfalls nicht fehlen dürfen die Mahner und Warner, was der Laie bei solchen Fesselungen ja alles falsch machen könne! Das Buch und der Film sei superkontraproduktiv, das habe doch nix mit echtem SM zu tun, schlimm sei das. Jetzt kichern wieder alle, wenn sie eine Peitsche sehen.

Okay, People, seriously, you have to calm down.

Ich gehe davon aus, dass das Leben die Menschen erfahrener macht. Wirklich. Eine Geschichte wie “50 Shades of Grey” ist ja eben nicht Kinderferienprogramm, sondern eher Erwachsenenferienprogramm. Und da sollten die meisten doch auch schon ihr Tom Sawyer Schlüsselmoment gehabt haben, um zu wissen: Nein, man kann nicht alles im wahren Leben eins zu eins so nachmachen, wie man es in einem Film gesehen hat. Klar, ein paar Pfeifen gibt es immer, aber die werden vermutlich auch nicht auf Warnungen in Interviews anspringen, die muss man einfach als verloren akzeptieren. Das sind die Gleichen, die auch schon vorher die Feuerwehr rufen mussten, weil sie die Handschellenschlüssel verloren oder aus Versehen verschluckt haben. Sexuelle Spielarten wie SM bringen das eben so mit sich, dass sie auch falsch gemacht werden können, aber ausser maximal in peinliche Erklärungsnot zu kommen und vielleicht eine taube Hand (ja, schon gut, es gab sicher auch zwei, drei schlimmere Fälle auf der Welt), wird da wohl nicht viel mehr passieren. Und dieses Risiko ist ja, nicht zu vergessen, auch ein Reiz dieses Spiels.

Fazit Eins: Lasst die Leute ausprobieren und ihre kleinen Fehler machen. Niemand wird sich sofort unter die Decke hängen.

Dann diese Interviews mit Szene-Menschen, die jetzt aufstöhnen, dass ihre Clubs und Nischen nun von Hausfrauen belästigt würden, die denken, sie müssten nur eine Beate Uhse Peitsche schwingen und das sei dann schon SM. Und was die alle für falsche Vorstellungen hätten. Rhabarber Rhabarber Rhabarber. Ansonsten, wenn gerade keine 50 Shades Saison ist, lese ich immer von Problemen der Akzeptanz. Ach, die Leute würden das immer so falsch verstehen, man müsse sich verstecken, könne das nicht ausleben. Dann kommt die Chance, die eigenen Präferenzen einer breiteren Akzeptanz zuzuführen, dann ist es auch wieder doof.

Wenn ich durch Beobachtungen und das lesen von Berichten irgendetwas gelernt habe, dann dass die unterschiedlichen Spielarten, die sich unter dem Label Sado-Maso versammeln, so vielfältig sind, wie beispielsweise unter dem Label “Sex zu zweit” oder “Kamasutra”. DEN SM gibt es nicht. Was in 50 Shades gemacht wird, ist eine Version, die quasi auch nur für diese zwei Charaktere ist. Das kann man nicht nachspielen. Das ist bei jedem Menschen anders. Man könnte halt einfach genau darauf hinweisen und sich freuen, dass das Thema nun im Mainstream ist und nicht mehr ganz hinter verschlossenen Schlafzimmer oder Folterkammer Türen. Aber nein: Die Angst, dass einem jemand das Spielzeug wegnimmt, überwiegt immer bei Hypes.

Fazit Zwei: Begrüsst die Neuankömmlinge. Die haben vielleicht ein bisschen Angst. Auch vor euch.

Und das noch: Ich mache ja jetzt seit mehreren Jahren Filmkritik. Da durfte ich mir auch schon einiges anhören, ganz oft dass ich absichtlich Doofes gut und Gutes doof finden würde, nur um eine “andere” Meinung zu haben. Das ist natürlich totaler Kokolores. Aber meine Idee von Kritik mag eine andere sein, als sie die meisten haben. Ich bin der Überzeugung, dass es keine objektive Kritik geben kann. Wie soll das gehen? Kritik muss sich immer an Massstäben abarbeiten, die sich jemand angeeignet hat und wenn es keine selbst gefundenen sind, dann solche, die von anderen formuliert wurden, also auch schon wieder subjektiv. Was soll das auch sein, “objektive Kritik”? Warum verlangen Menschen das? Das macht hinten und vorne keinen Sinn. Nun, warum weicht meine Meinung manchmal von der anderer Kritiker ab? Weil ich mich relativ früh für einen, meiner Meinung nach, recht konstruktiven Ansatz der Kritik entschieden habe: Ich versuche in jedem Film, selbst wenn er mich nicht interessiert, als allererstes herauszufinden, was mir gefallen hat. Was fand ich originell, was hab ich so vielleicht noch nie gesehen, was gibt es Besonderes von dem Film zu berichten? Durch diesen Ansatz lässt sich natürlich auch in der grottigsten Trashkomödie noch ein Moment finden, den man nicht ganz scheisse finden kann. Es sorgt aber interessanterweise auch dafür, dass man manch große Blockbuster nicht so prickelnd finden kann, weil einem genau dann auffällt, dass da wirklich gar nichts originelles mehr drin stattfindet, auch wenn es auf den ersten Moment so wirkt. Ich weiß wovon ich rede, denn ich hab damals den ersten Hobbit verrissen, so ziemlich aus diesen Gründen und mir eine Menge Fanboy-Ärger damit eingehandelt. Aber ich kann und konnte den Film nicht anders bewerten.

Bei “50 Shades of Grey” ist sich gefühlt die komplette Presse einig, dass es sich um seichte Scheisse handelt, die mal ein bisschen härter tut, aber doch eigentlich nur eine Schmonzette sei. So. Fucking. What. Was soll das denn sonst sein? Ein Film, in dem sich ein Paar zwei Stunden lang die Fresse poliert? Wer es bitterer, härter, vielleicht sogar konsequenter will, der kann sich ja nachwievor die “Geschichte der O” mit Udo Kier auf DVD holen. Toller, sexy Film, aber das kann ich doch von 50 gar nicht erwarten. Das ist ein Date Movie, ein Kuschelfilm. Kein bisschen mehr. Warum muss ich mich darüber so aufregen? Jeder will den anderen im sich lustig machen überbieten. Ich aber rufe der Filmkritik zu: Guckt doch mal, was vielleicht interessant war!

Fazit Drei: Alle Kritiker finden den Film scheisse. Wir haben es verstanden. Ist gut jetzt.

Wenn ich also jetzt den Schlüssel wegwerfe, dann weiß ich was ich mache. Meistens zumindest.