Fünfzehntausend

Ich hab mich total vertan. Im ersten Moment, als ich gehört habe, dass 10.000 Menschen durch Dresden marschieren und meinen, für Deutschland zu demonstrieren, habe ich mich total erschrocken. Vor der großen Zahl. Vor der großen Ahnungslosigkeit. Vor dem großen Hass.

Eine Woche später waren sogar 5000 Demonstranten mehr dabei, aber plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Es wurde sogar noch besser: Ich hab mir die angeguckt, hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam, gehört, geschaut. Und was soll ich sagen: Ich musste plötzlich total lachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Diese Fremdenfeindlichkeit, die sich da endlich mal für jeden sichtbar entlädt, die ist doch total absurd. Aus dem letzten Jahrtausend. Ein Anachronismus, der sich jetzt noch einmal aufbäumt, so wie Plateauschuhe von Buffalo, aber das kann man doch beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Ich gucke mir diese Menschen an und denke: Ich kann ja niemandem verbieten, für dumme Dinge auf die Straße zu gehen, dumme Dinge nachzuplappern oder dumme Dinge zu glauben, nur weil sie so dumm sind, dass es jedem denkenden und empathischen Menschen schwer fällt, zu glauben, dass das überhaupt mal jemand so formuliert hat oder irgendjemand ernsthaft glauben kann.

“Man muss die Sorgen ernst nehmen” heißt es und zuerst habe ich genauso gedacht. Aber einen Scheiß muss man. Man muss den Pegida Demonstranten die kalte Schulter zeigen. Den Rücken zudrehen. Ich muss niemanden bekehren, ich verlange Selbstverantwortung von meinen Mitmenschen. Dialog kann sich nicht immer nach dem dümmsten Menschen im Raum richten, sonst geht es nicht voran.

Die Pegida ist ein Witz. Und wenn morgen 20.000 durch Dresdens Straßen ziehen. Dann sind das eben 20.000 Idioten. Warum sollte es nicht so viele dumme Menschen geben und warum sollten die sich nicht versammeln, um ihre Dummheit gemeinsam zu zelebrieren? Das macht doch total Sinn.

Wir müssen keinen Dialog mit denen suchen. Wir haben alle Türen offen gehalten. Die möchten nicht reden. Das ist okay. Aber dann sollen die auch die Fresse halten, wenn man über sie redet, denn offensichtlich wollen sie es nicht anders (man kommt so natürlich auch schneller in die Opferrolle). Sie sind argumentativ widerlegt, faktisch widerlegt und ethisch widerlegt. Wenn sie jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, mit so vielen auf die Straße gehen, um gegen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren, dann haben sie selber zu verantworten, eben jene Idioten zu sein, die an der “Wahrheit” so sehr interessiert sind, wie die AfD an einem gerechten und sozialen Staat. Nämlich gar nicht.

Ich habe kein Mitleid mehr für die Demonstranten. Nur Verachtung. Pegida, ihr seid wirklich eine der lächerlichsten Veranstaltungen, die jemals durch deutsche Straßen gezogen ist. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Deutschland, ihr seid nicht mal Demokraten. Ihr seid einfach ein Haufen sehr vieler, sehr dummer Menschen. Das ist eigentlich alles.

Macht bitte weiter. Werdet mehr und mehr. Nichts ist schöner, als Idioten bei der Selbstentblössung zuzusehen.



Zehntausend

10.000 Menschen sind durch Dresden gelaufen, um gegen eine Religion zu demonstrieren. 10.000 Menschen, die sich Sorgen machen. 10.000 Menschen, die vielleicht Angst haben. 10.000 Menschen, die so viel Angst haben, dass sie deswegen auf die Straße gehen. Unter diesen Menschen war bestimmt ein Bäcker, bei dem sich die Leute morgens ihr Brot und ihre Zeitung holen. Darunter war bestimmt eine Kassiererin, bei der man seine Lebensmittel bezahlt. Mindestens einer in dieser Menge war sicher Lehrer, vielleicht für Physik. Bestimmt war auch eine Polizistin dabei. Eine Metzgerin. Ein Verwaltungsfachangestellter. Ein Versicherungsvertreter. Eine Zahnärztin. Ein Automechniker. Eine Putzfrau. Eine Buchhändlerin. Eine Dolmetscherin. Ein Koch. Ein Bauer. Eine Straßembahnfahrerin. Ein Bauarbeiter. Ein Programmierer. Eine Rentnerin. Eine Schauspielerin. Ein Musiker.

Selbstbewusst marschieren sie durch die Straßen, rufen “Wir sind das Volk” und fühlen sich auch so. Fühlen sich ungerecht behandelt. Glauben, die Welt besser zu machen, sie vor sich selbst zu schützen. Meinen den Finger in die Wunde zu legen, mit Informationen, die sie sich zusammen gesucht haben, von Menschen veröffentlicht, die wollten dass es genau zu dem kommt, wie es jetzt ist. Sie handeln aus Notwehr. Unverstanden und bisweilen sogar belächelt von einer Politik, die nur noch wegducken als Strategie kennt. Einer Arbeitswelt, die ein solches Verhalten adaptiert. Mitten in einem Sturm aus Informationen, in denen zuerst der gehört wird, der am lautesten ist oder am abstrusesten, was bei Informationen ungefähr den gleichen Effekt hat.

10.000 Menschen gehen auf die Straße, weil sie die Welt nicht mehr verstehen. Weil sie aufgehetzt, instumentalisiert und vor den Karren gespannt werden. Diesen Menschen wurde ein einfaches Feindbild konstruiert, dass sie dankend angenommen haben. Sie müssen die Schuld für ihre Misere nicht mehr in komplexen Zusammenhängen suchen, in einer Politik, die sie vergessen hat. Sie haben einen Sündenbock auf dem Silbertablett serviert bekommen: Der schlechte Asylant.

Rhetorik aus der Zeit, in der die ersten Asylbewerberheime brannten, taucht plötzlich wieder auf der Oberfläche auf. “Wirtschaftsflüchtlinge”, “Das Boot ist voll”, “Scheinasylanten”, “Die wollen sich doch hier nur durchfressen!” oder, mit Hinblick auf die menschenunwürdige Unterbringung vieler Asylsuchender hierzulande: “Denen geht es hier doch gut! Die kriegen mehr als Hartz IV!”.

Die Saat ist aufgegangen, die Hetze hat gezogen. All die Menschen, die seit Jahren Resentiments schüren, nennen wir sie mal BroSaPi, können sich nun die Hände reiben. Ausgerechnet auch noch in Dresden! Vor wenigen Wochen noch haben wir gefeiert, dass die Menschen hierzulande seit 25 Jahren nicht mehr fliehen müssen, nicht mehr alles zurück lassen müssen, um bei Null anzufangen. Nicht mehr Arbeit, Freunde, Familie verlassen müssen, um frei zu sein. Frei leben zu können. Und da war nicht mal ein Krieg, da waren keine zerstörten Heime. Da war totale Unfreiheit. Eingesperrtheit. Und die wurde gemeinsam aufgebrochen, friedlich niedergerungen.

Nun gehen die Menschen mir den gleichen Sprüchen wie damals auf die Straße. Aber alles ist anders. Sie kämpfen nicht für sich, sondern gegen Andere. Sie sind nicht beseelt von einem “Alles ist möglich”-Gefühl, sondern von einem “Nichts geht mehr”. Vielleicht kann ich diese Menschen verstehen. Aber vielleicht ist das Verständnis auch fehl am Platz. Mir macht es Angst, wenn 10.000 Menschen gegen Fremde auf die Straße gehen. Da kann am Ende nichts Gutes bei rauskommen.

Pegida, ihr mögt ein Querschnitt aus dem Volk sein, aber ihr seid nicht das Volk.

Ihr seid die Gefahr.



Da hat ein gewisser “Wald” angerufen und wollte dich sprechen?

Ich wollte mich ja nicht mehr so viel ärgern, vor allem nicht auf meinem Blog, aber da es mir innerhalb kürzester Zeit zuletzt dreimal hintereinander aufgefallen ist, muss es doch mal raus. Ausserdem passt es gut in die Diskussion die Patricia “The Nuf” Das Nuf hier auf ihrem Blog angestossen hat. Es hat nicht so schlimme Auswirkungen, aber ich halte es für symptomatisch und auch schon an solchen Situationen für prägend in der Kommunikation. Ich erläutere einfach mal die drei Beispiele. Alle aus der Lamäng, echte Namen werden nicht genannt. Aber die “Fälle” sind echt. Huhuhuuuuu, ich fühl mich schon wie bei Aktenzeichen XY.

1.) Eine Twitterin, die ich super finde, wartet vergeblich auf ein Paket mit für sie offensichtlich wichtigem Inhalt. Gut, welcher Paketinhalt ist nicht wichtig, von einem Paket, das man bekommt und auf das man wartet. Nun haben wir alle so unsere Erfahrungen mit den Paketboten, wenn wir in der Stadt wohnen und vor allem, wenn wir höher als Erdgeschoss oder Souterrain wohnen. Zeitdruck, übertriebene Liefermengen und scheiß Orga inklusive Ausbeutung machen den Job des Paketzustellers auch nur bedingt attraktiv. Aber man könnte ja schon mal bei den Leuten, die das Paket bekommen sollen, klingeln, anstatt es gleich woanders abzugeben und die Benachrichtigung in den Briefkasten zu werfen. Jeder, jeder, jeder kann ein Liedchen davon singen. Also, zumindest in der Stadt, auf dem Land ist es vielleicht noch ein klein wenig anders. Aber man kennt das eben.

Ihr Paket ist wieder nicht gekommen, obwohl in der Paketverfolgung stand, es sei auf dem Weg zu ihr. Dann war es wohl plötzlich wieder auf dem Weg in die Zentrale. Und sie, vielleicht sogar noch verständlich in ihrer Wut, blaffte die offenbar nächste Person an, die sie finden konnte, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Paket stand: Der öffentliche Twitteraccount des Paketunternehmens.

Warum das Paket denn wieder zurückginge? Sie sei doch zu Hause? Sie brauche das Paket zum arbeiten? Was denen einfiele. Nun könnte der Social Media Typ des Unternehmens, der irgendwo in diesem Land sitzt, nur sicher nicht da, wo das Paket der Twitterin ist, beschwichtigen, sich entschuldigen und sagen, er würde alles tun, damit sie ihr Paket sofort bekäme. Er entschied sich aber für den Weg der Vernunft. Etwas salopp formulierte er, dass wohl das “Schichtende” dazwischen gekommen sei. Empört retweetete die Twitterin den Tweet und erklärte nochmal, warum das Paket für sie so wichtig sei. Der Paket-Twitterer erklärte nochmal, dass nach über 11 Stunden eine Schicht auch mal zu Ende sein könnte. Auch das wurde empört geretweetet. Das Leben und Arbeiten der Twitterin sei wohl wichtiger und überhaupt, was ihm einfiele ihr zu widersprechen. Dann liess er sich, nach der Dauermeckerkanonade, noch zu der Bemerkung hinreissen, dass es nichts helfen würde, wenn sie jetzt andauernd seine Tweets wiederholen würde. Eine Bitte um ein Mindestmass an Höflichkeit. Aber die Twitterin im Rage-Modus retweetete auch dies und liess sich von Freunden bestätigen, dass dieser Umgangston vom Paketdienstleister im Social Media Kanal ja wohl unter aller Sau sei.

2.) Samstag Mittag. Ein Twitterer hat Probleme mit seinem Internet. Lebensbedrohlich für uns Online-Menschen. Aber anstatt einfach mal vorsichtig zu fragen, ob ihm jemand sagen könne, was da los sei, schreibt er gleich einen Tweet (mit Punkt davor, damit es alle mitbekommen) an den Internetdienstleister, der ein Hilfs-Team bei Twitter hat. Im strengen Duktus wird gefragt, warum das Internet in Pusemuckel-Süd ausgefallen sei und wann es denn endlich wieder funktionieren würde. Irgendwo, nur sicher nicht in Pusemuckel-Süd, sitzt der Social Media Beauftragte des Unternehmens und bruncht gerade. Es ist ja Samstag. Am Wochenende guckt man vielleicht nur mal ab und zu auf den Twitteraccount. Gibt ja wenig, was nicht auch mal ein bisschen warten kann. Vielleicht weiß er auch einfach nicht, warum das Internet in Pusemuckel-Süd nicht geht. Vielleicht hat er schon nachgefragt, in der Zentrale, in der am Samstag nicht so viele sitzen und wartet nun auf deren Antwort.

Circa 20 Minuten später. Der Twitterer hat immer noch kein Internet zu Hause. Unglaublich. Ihm ist schon eine Menge entgangen. Empört schreibt er nochmal an den Account seines Anbieters, was denn jetzt los sei. Fünf Minuten später immer noch keine Antwort und der Twitterer macht, was er machen muss: Er muss die letzte Eskalationsstufe zünden und öffentlich seine Freundschaft kündigen. Und seinen Anschluss natürlich gleich mit. Nur weil er über Twitter innerhalb einer halben Stunde keine Information bekommen hat, warum an einem Samstag Mittag das Internet in Pusemuckel-Süd nicht funktioniert.

3.) Ein Twitterer benutzt ein gerade boomendes Verkehrsmittel: Einen Fernbus. Nachdem er die Reise hinter sich gebracht hat, sieht er sich anscheinend nochmal sein Ticket an (oder vielleicht zum ersten Mal). Er findet darauf eine Anzeige der Bild-Zeitung. Und schreibt auf Twitter an den Account des Reiseunternehmens. Dass es ja wohl eine Sauerei sei, dass da auf seinem Ticket Reklame für die Bild sei. Grinsegesichtig fragt der Social Media Beauftragte des Linienbusses nach, dass ihm, dem Twitterer, die Reise aber ja wohl gefallen habe, oder etwa nicht. Er ist sie ja angetreten. Ehrlich gesagt eine ziemlich souveräne Reaktion nach so einem seltsamen Vorwurf. Da der Twitterer aber ein bisschen sauer ist, jetzt nicht wirklich eskalieren zu können, eskaliert er einfach trotzdem. Es sei eine Sauerei, wie man mit ihm spreche, er werde in Zukunft mit anderen Unternehmen fahren, die so eine Reklame auf den Tickets nicht nötig hätten und das Social Media Team sei ja wohl ein Haufen Anfänger.

Gerade beim letzten Fall: Was zum Teufel hat der Twitterer erwartet? Das sie sich ihm zu liebe von einem Werbekunden trennen?

Leute, gehts noch? Auch bei Twitter, auch bei Firmenaccounts, sitzen Menschen (aus Fleisch und Blut!), die nicht dazu da sind, euch zu verhätscheln und zu pudern und in den Arsch zu kriechen. Wenn es ein ernsthaft lösbares Problem gibt, dann versuchen die Accounts in der Regel alles, um auf kurzem Wege alles möglich zu machen. Aber es kann doch bitte nicht wahr sein, das man die Accounts als Sandsäcke benutzt, wenn man mit dem Unternehmen unzufrieden ist und dann verlangt, dass die verbal vor einem zu Kreuze kriechen. Was sind das für vollkommen überzogene Ansprüche? Oder um es mal ganz überspitzt zu sagen: Was ist das für eine Kinderstube? Seid ihr alles klassische Einzelkinder, die sich vor der Kasse schreiend auf den Boden werfen, weil sie kein Caramac bekommen? Ich bin wirklich empört über solche Geschichten. Intelligente Menschen verhalten sich wie deutsche DomRep-Urlauber, die keine Salami am Frühstücksbuffet bekommen haben. Checkt mal bitte eure Umgangsformen. Und eure Erwartungen. Kein Twitterer der Welt, auch kein corporate Twitterer, kann “Schuld” sein, wenn bei euch was scheiße läuft. Das habt ihr immer noch selbst in der Hand, ihr kleinen Mäuse. Es ist der abgelutschteste Spruch des Planeten, aber vielleicht habt ihr den noch nicht gehört:

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.



Vorruf: Boris Becker

Ich hab vor kurzem eine schöne Anekdote über Robin Williams gelesen. Was genau ist ja erstmal egal. Auf jeden Fall war das eine Geschichte, die man auch schon problemlos zu seinen Lebzeiten hätte erzählen können und damit vielleicht etwas bewegt hätte. Sie hätte weder Williams geschadet, noch sonst irgendwem. Und da hab ich mir doch wieder gedacht: wie unglaublich bescheuert ist es eigentlich, sich schöne Erlebnisse mit Prominenten oder gute Dinge, die man über sie erfahren hat, “aufzusparen”, bis man einen Nachruf über sie schreibt. Dem will ich nun entschlossen entgegenwirken und unter “Vorruf” Anekdoten oder Erlebnisse aufschreiben, die ich mit Persönlichkeiten hatte, die man vielleicht (mich eingeschlossen) ganz anders eingeschätzt hat. Und da schien mir Boris Becker, vor allem nachdem ich sein letztes Spiegel-Interviews gelesen hab, in dem er sich für jeden Hühnerschiss rechtfertigen musste, ein würdiger Startkandidat zu sein:

Ich hab damals mit Becker zusammen diese Sendung, “Sofaduell”, im DSF moderiert. Als mir gesagt wurde, wer mein Co-Moderator sein würde, war ich erst etwas baff: Boris Becker, lebende Legende, würde mit mir zusammen eine Sendung machen, bei der wir durch WG-Wohnzimmer ziehen und ein Sport-Quiz auf der Playstation gegen sportbegeisterte Studenten zocken. Die Vorstellung war irgendwie bizarr.

Die Realität irgendwie auch: Bei der Aufzeichnung zur ersten Sendung kam Becker immer zum drehen aus seinem Aufenthaltsraum raus, ansonsten blieb er die ganze Zeit dort drin. Er war gut gelaunt und es hat mehr Spaß gemacht, als gedacht. Vor allem war der Sportsmann Becker nicht so verbissen, aber doch engagiert genug, gewinnen zu wollen. Irgendwie die perfekte Mischung. Hätte ich so vielleicht vorher auch nicht erwartet.

Bei der Aufzeichnung zur zweiten Sendung schien sich alles zu wiederholen. Ich sass im Catering, Becker in dem von ihm verlangten und ihm zugewiesenen persönlichen Raum. Immer an seiner Seite: Seine Assistentin, die ihm andauernd irgendwelche Fragen zu Terminen stellte, ihn an Anrufe erinnerte usw. Naja, dachte ich mir, so ist das eben. Die Moderationen und das spielen mit ihm funktionierte ja super, er war immer genau on point, wenn man ihn brauchte. Den Rest der Zeit nutzte er eben, um wichtige Sachen zu erledigen.

Ich sass immer noch alleine im Catering, mampfte ein Käsebrötchen, als Becker rein kam. Er setzte sich zu mir. Wir schwiegen uns kurz an. “Na Nilz, wie läufts bei dir mit den Frauen?”

Ich spuckte fast das Käsebrot aus, vor lachen und Becker sass mir grinsend gegenüber. Er, dessen vermeintliche Frauengeschichten gerade in den Käseblättern dieser Welt diskutiert wurden, stellte mir diese Frage. Gelungener Joke! Das Eis war gebrochen, wir kamen sofort ins Gespräch über alles mögliche.

Einige Sendungen später. Ich wusste, dass er zum Superbowl gehen würde und ich erzählte, wie gerne ich so einen Schaumstofffinger hätte, vor allem vom Superbowl. Er gab mir seine Nummer, ich solle ihm noch eine Erinnerungs-SMS schreiben und er würde mal sehen, was er machen kann. Ja, klar, Boris Becker läuft für Nilz Bokelberg durchs Superbowl-Stadion und versucht einen Schaumstofffinger zu kaufen. Ich fand seinen Move mit der Nummer und so smart, schickte ihm auch die SMS, aber war realistisch genug, mir nicht allzu große Hoffnungen zu machen, so ein Teil zu bekommen. Mein Gott, der Mann hat wirklich andere Sorgen. Er war ja auch noch irgendwie als halber Kommentator da, hatte also genug besseres zu tun, als Souvenirs zu shoppen.

Aufzeichnung vorletzte Sendung. Becker frisch aus Miami zurück. Wir stehen in einer Hamburger WG, irgendwo in der Nähe “Schlump”, wenn ich mich recht entsinne (ich find den Namen immer so lustig). Ich komme an, das Set ist schon eingerichtet, Becker auch schon da. Ich begrüße alle. Boris und ich schlagen ein. Ich setz mich hin, Becker verlässt den Raum. Und kommt zurück:

“Nilz, so eine Hand habe ich leider nicht bekommen.”

Ach, egal, sag ich und meine es auch so. Das er daran gedacht hat, fand ich schon cool.

“Deswegen hab ich dir das hier mitgebracht!”

Sagt er und zieht hinter seinem Rücken ein Shirt und ein Cap vom Superbowl hervor. Nur dort vor Ort und nur an diesem Tag zu erwerben. Selbst wenn er es nicht gekauft, sondern nur in die Hand gedrückt bekommen und mir mitgebracht hat: Ich bin sehr gerührt. Damit hab ich wirklich, wirklich nicht gerechnet. Coole, souveräne Aktion und spätestens seit dem:

Boris Becker für immer in meinem Buch der cool People.



Generation cc

Man stelle sich folgendes vor: Peter möchte mit mir arbeiten. Er hat eine tolle Idee, was wir zusammen machen könnten. Es soll ein ganz aufregendes Projekt werden, eigentlich noch nie da gewesen. Und ich finde das gut. Ich finde, wir sollten das machen, mag die Idee, bin gerne mit dabei. Um uns zu besprechen brauchen wir mehrere Treffen, die ganze Geschichte ist relativ komplex. Bei einem dieser Treffen, bringt er einen Kollegen mit. Also, ich denke es ist ein Kollege, denn ich kenne ihn nicht, er wird mir aber auch nicht vorgestellt. Er steht eigentlich die ganze Zeit über schräg hinter Peter, nickt mit dem Kopf und hört zu, macht aber sonst nichts. Peter bringt ihn von da an jedes Mal mit, erklärt aber nichts und auch der Kollege sagt nichts, macht nichts, ist einfach nur da. Ich drehe mich so, dass die Dinge, die ich sage, nur Peter hören kann. Aber auch dann dreht er sich einfach wieder zurück, so dass sein Kollege wieder alles mitbekommt.

Das wäre doch irgendwie schräg, oder? Aber genau so etwas passiert mir und vielen Anderen andauernd.

Wenn ich per Email mit irgendwelchen Leuten beruflich zu tun habe, kommt immer irgendwann der Punkt, an dem sie jemanden cc setzen. Manchmal von Anfang an, manchmal erst später. Ich mache mir dann oft den Spaß, das cc zu ignorieren und eben nicht “Reply all” zu drücken, denn ich habe ja von Anfang an nur mit der einen Person kommuniziert. Aber in der Antwort ist das cc in der Regel dann immer wieder gesetzt. Und ich glaube, das ist symptomatisch für unsere Zeit.

Warum werden eigentlich irgendwelche Leute cc gesetzt? Also, ausser wenn mehrere Menschen konkret an diesem einem Projekt arbeiten? Oftmals sind es ja die direkten Vorgesetzten, die als Mitleser eingesetzt werden, aber manchmal auch mehr oder weniger random irgendwelche Kollegen. Die Message, die so ein cc mir als Empfänger sendet, ist folgende: “Du, ich mag dich, aber ich hätte gerne ein paar Zeugen bei unserer Konversation.” Und das ist natürlich wieder direkt zurückzuführen auf ein: “Ich möchte nicht die Verantwortung tragen! Ihr seht, ich bin das nicht alleine schuld! Wir sind alle gemeinsam schuld! Auch ihr Zeugen, ihr habt nicht eingegriffen! Ihr seid auch schuld!”

Ich finde das mittlerweile absolut schrecklich. Als das losging, hab ich es erst nicht so richtig gecheckt. Ich hab dann die cc-Menschen einfach nicht beachtet, weil ich dachte, die seien aus Versehen in der Adresszeile gelandet. Aber irgendwann hab ich natürlich kapiert, dass das System hat. Dass das irgendwann mal jemand für eine gute Idee gehalten hat und dann alle nachgezogen haben. Alles nur unter Zeugen machen. Immer viele Menschen involvieren (ob sie wollen oder nicht, übrigens - gegen eine cc-Setzung kann ich mich als Gesetzter ja erstmal gar nicht wehren). Verantwortung möglichst breit verteilen. Nichts mehr alleine verantworten oder entscheiden müssen.

Ich will jetzt hier auch nicht den alten Sozialromantiker raushängen lassen, aber es gab mal eine Zeit, in der ein Händedruck zweier Menschen bindend war und etwas galt und zwar nicht nur im Kuhhandel auf dem Marktplatz, sondern auch in den Büros und Agenturen dieser Welt. Den hatte jeder zu verantworten. Und gerade eine schriftliche Konversation wie Email, hat ja schon so etwas wie ein bindendes Gespräch. Schliesslich steht ja alles schon “schwarz auf weiss”. Dann warum muss da noch eine “Sicherheitsebene” gezogen werden? Ich mag damit alleine stehen, weil sich jeder schon dran gewöhnt hat, aber ich finde das einfach extrem unhöflich. Für mich fühlt sich das auch nach starkem Misstrauen an. Und dieses Gefühl ist die Wurzel allen Übels. wäre ich ein großer Freund übertriebener Verkürzungen (was ich manchmal bin), könnte ich es auch so formulieren:

Der Akt des cc setzens hetzt Menschen gegeneinander auf.

Ein wenig polemisch, ich weiss, aber ich übernehme die Verantwortung für diesen Satz. cc setzen ist Misstrauen. Misstrauen ist das schlimmste Gefühl der Welt. Misstrauen entzweit die Menschen.

Deswegen: Lasst es sein. Nehmt euren Gegenüber wieder ernst. Nehmt euch selber wieder ernst. Ihr könnt Dinge entscheiden. Ihr könnt das auch alleine. Ihr werdet vielleicht auch mal daneben hauen, aber das ist dann eure eigene Verantwortung. Befreit euch aus den Ketten der Absicherung. Vertraut auf euch selbst! Hört auf ein Klima zu schaffen, in dem niemand mehr irgendwem über den Weg traut. Manche Menschen werden euch sicherlich enttäuschen. Aber diejenigen, die es nicht tun, sind es tausend Mal wert. Nicht immer nach den Arschlöchern richten. Sondern nach den Guten.

Damit die Welt wieder ein bisschen nicer wird.



Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



Wenn der Hass anklopft…

Lustig, naja, komisch das ich mich mittlerweile so viel mit Hass hier beschäftige. Aber da der in meiner Filterbubble so allgegenwärtig ist, ist der für mich auch immer ein Thema. Klar, manchmal ist das sehr von Aussen betrachtet. Aber es gibt auch die Momente, wo der sehr nah an mich herankommt.

Da war dieses Mädchen, das fand ich mal toll. Also, ich glaube das ist immer noch eine tolle Frau. Aber ich verstehe nicht, wie sie so viele Abzweigungen nehmen konnte, die dazu führten, dass ich nun nur noch die Augen rollen kann, wenn sie mal wieder ihren vollkommen übertriebenen und undifferenzierten Islam-Hass in meine Timeline kotzt. Ich habe sie vor vielen Jahren als total liberalen, offenen, herzlichen Menschen kennengelernt. Klar, sie war auch spackig und alles, aber so wie wir alle. Total gut. Jederzeit nachvollziehbar. Und dann zog sie weg, heiratete. Sie war früher eine Künstlerin, ihre Kunst gab sie auf. Überhaupt schien sie nur noch für die Familie da zu sein. Ihr Mann machte Karriere, sie blieb zu Hause.

Das ist kein Problem, das muss jeder entscheiden wie er oder sie das möchte. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen sein muss. Aber, so sieht es von aussen aus, diese Entscheidung führte dazu, dass sie begann zu hassen. Nicht alles und jeden, das würde sie spüren. Deswegen jemand, von dem man ihr (oder vermutlich besser: sie sich) gut einreden kann, es sei ein geeignetes Feindbild, verantwortlich für all das Übel auf der Erde.

Und so lese ich sie zusammenhanglos Koran-Zitate rausschleudern, die beweisen sollen, wie kriegerisch der Islam sei - nicht beachtend das man ähnliche Zitate und Fundstellen auch endlos aus der Bibel auflisten könnte. Sie wettert gegen Obama und jeden, der nicht ihre Meinung teilt. Sie wirft den Menschen vor, blind zu sein, den Feind nicht zu sehen - aber plappert doch blind irgendwelche Klischees nach. Ich frage mich, wie sich so ein Menschenhass mit Buddhismus in Einklang bringen lassen soll, aber sie anscheinend nicht, denn so wie ich das verstehe, definiert sie sich noch als Buddhistin.

Plötzlich ist da jemand, den man nicht mehr versteht. Klar, wir verändern uns alle, ständig. Aber so sehr? Ist es möglich, zu so einem anderen Menschen zu werden? Oder war ich geblendet, damals? Hatte sie das schon immer in sich und ich hab es nur nie gesehen? Und was tun? Aus meiner Freundesliste löschen? Und wenn ja, kommentarlos? Oder ihr nochmal schreiben, wie schade man das findet? Sie vielleicht einfach nur muten? Oder hoffen, das irgendwo, tief in ihr drinne, noch eine Stimme der Vernunft haust und darauf warten, dass die wieder durchscheint? Mir macht das echt Bauchschmerzen.

Was tun, wenn der Hass im Freundeskreis auftaucht?



No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



The Dusk of the golden Pineapple

Es gibt ja eine Menge, dass man an der FIFA und ihrem Verständnis von Fussball (Cashcow) kritisieren kann. Geschenkt. Eigentlich müssten die ja alle mit Fackeln und Mistgabeln aus der Zentrale gejagt und stattdessen Menschen dort hingesetzt werden, für die Fussball und seine Fans an erster Stelle stehen und dann erst Coca-Cola, Mc Donalds, Adidas und Budweiser. Und dann erst das Architekturbüro, das seit mehreren Jahren kategorisch Stadien verschandelt oder schlecht neu ausdenkt. Und dann erst irgendwelche Politiker, die sich ein Denkmal setzen möchten. Und dann erst, wenn überhaupt, die eigene Tasche.

Bis es so weit ist, bis Kinder mit Fussbällen und ihre Familien mit noch mehr Fussbällen, die Zentrale der Fifa stürmen, wird noch viel Wasser den Rhein runter und viel Geld auf das Konto von Blatter und Konsorten fliessen. Darum soll es auch gar nicht gehen. Vielleicht kann man aber schon mal kleine Veränderungen andenken. Zum Beispiel:

Warum spielt man noch um den dritten Platz?

Jetzt mal ehrlich: Das Spiel, dass man schon seit Jahren “Goldene Ananas” nennt, ist nach meinem Empfinden, überflüssiger geworden als jemals zuvor. Ich denke, das liegt an der Tatsache, dass Fussball wirklich schneller geworden ist, ein anderes Spiel geworden ist. Das alte Spiel, die alten Weltmeisterschaften, das waren tatsächlich noch Spiele irgendeiner wie auch immer gearteten “Ehre”, der olympische Geist des “Dabeisein ist alles” war allgegenwärtig. Deswegen, in diesem Geiste, war es auch allen Beteiligten wichtig zu wissen, wer ist Erst-, Zeit- und Drittbester.

Nun befinden wir uns in einer komischen Leistungsgesellschaft, der Kapitalismus hat auch die Arbeitswelt erobert (Meine Güte, man muss echt viele Binsenweisheiten schreiben, wenn man über Fussball schreibt…das kommt ja wirklich ganz automatisch!). Das muss einem ja nicht gefallen, mich befremdet das die meiste Zeit auch eher. Aber so ist es halt. Ein Handschlag zum Beispiel, gilt heute nix mehr, nur Mails bei denen man zur Sicherheit 27 Menschen cc setzt, am Besten noch die eigene Oma und die des Empfängers. Alles um sich abzusichern. Und erfolgreich alles einzutüten.

Fussball macht Spaß, aber für die Spieler auf dem Platz ist das ihr Job. Und man stelle sich einmal vor, in der Werbeagentur (Oder Redaktion, oder Supermarkt, oder Werkstatt…you get the point) würde eine große Ansprache gehalten, über den einen Mitarbeiter, der nur sehr knapp den Deal nicht bekommen hat. Vor versammelter Mannschaft. Und dann wird noch der andere Mitarbeiter hervorgehoben, der seinen Abschluss noch knapper nicht bekommen hat. Und am darauffolgenden Tag wird dann derjenige gelobt und gefeiert, der es geschafft hat. Das wäre doch eigentlich ziemlicher Quatsch. Ungefähr so muss sich mittlerweile das Spiel um den dritten Platz anfühlen. Eine reine Demütigung. Ihr habt beide verloren? Dann gucken wir doch mal, wer von euch nochmal verliert.

Oliver Bierhoff hat das letzte Golden Goal geschossen. Lassen wir Brasilien - Niederlande das letzte Spiel um den dritten Platz werden. Und als solches feiern.

Versenken wir die goldene Ananas innerhalb der nächsten vier Jahre im Meer. Spongebob würde sich freuen. Win-Win.