Das Zocker Manifest

Wir sind keine Freaks, zumindest nicht mehr wie ihr auch. Wir sind überall. Wir sind Lehrer und Schüler, Punks und Katy Perry Fans. Manche von uns spielen alle Jubeljahre, andere haben noch gar nicht rausgefunden, dass sie mit ihrem Fernseher auch fernsehen können. Es gibt zockende Richter und spielende Junkies.

Wir sind männlich, weiblich, transgender oder manche haben sich noch gar nicht festgelegt (und wollen das vielleicht auch gar nicht). Wir sind Menschen, die davon träumen, vom Fifa spielen leben zu können. Wir freuen uns unsere Sims aufwachsen zu sehen oder im großen Clan gemeinsam zu spielen. Und dennoch wissen wir, dass es ein Spiel ist. Wir verwechseln die Spiele nicht mit dem Leben. Unser Hamlet heißt Batman. Wir erleben Abenteuer mit Francis Drakes Nachfahren Nathan. Und Jahre nach dem ersten Lara Croft Abenteuer haben wir noch viel zu wenig Heldinnen, aber wir wissen das und wir sagen das und man hört uns zu.

Wir gucken einen Film nicht nur, wir gestalten ihn mit. Wir lesen eine Geschichte nicht nur, sie würde ohne unsere Hilfe gar nicht weitergehen. Unsere Helden sind schon unzählige Male gefallen und wieder aufgestanden. Unsere Autos haben wir schon so oft gecrasht, dass wir es nicht mehr zählen können, aber wir sind wieder eingestiegen und weiter gefahren, bis wir diese eine Haarnadelkurve in Ideallinie geschafft haben. Wir singen mit unseren Freunden die größten Hits und kriegen dafür Rekordpunktzahlen (und wenn nicht, dann haben wir trotzdem rekordverdächtigen Spaß – vielleicht sogar noch mehr). Wir sind Junggesellen oder Teil einer großen Familie, in der jeder sein Lieblingsspiel hat.

Es kann gar keinen Klischeespieler geben, weil es nicht den Spieler gibt. Wir sind grundlegend verschieden. Wir sind so bunt wie die Welt. Wir sind auf allen Kontinenten zu Hause. Wir sind über den ganzen Planeten vernetzt. Ein Mädchen aus Neuseeland teilt ihr selbstgebautes Little Big Planet Level mit einem Profizocker aus Schweden. Ein Cosplayer aus der Schweiz tauscht Final Fantasy Fanart mit Online-Freunden aus Japan. Ein deutscher Rentner holt sich bei einem brasilanischen Clan Tipps für Call of Duty.

Bei uns ist Alter, Geschlecht, Aussehen und Herkunft egal. Wir lieben unsere Konsole als ein Fenster in andere, großartige Welten. Egal ob echt oder virtuell. Wir hassen cheaten und machen es doch selber manchmal. Wir hassen Komplettlösungen und googlen sie doch selbst manchmal, wenn wir nicht weiterkommen. Aber wir schämen uns dann dafür. Und das ist okay. Wir haben nie behauptet, nicht widersprüchlich zu sein.

Wir sind Videospieler. Wir sind wie ihr, die Nicht-Videospieler. Wir haben nur eine zusätzliche Erlebnisebene. Und zu der laden wir euch gerne ein. Hier, nehmt den Controller in die Hand, drückt das X und folgt uns. Tut auch gar nicht weh. Und wenn ihr glaubt, das sei nichts für euch, dann hört auf unsere Worte, denn wenn uns jahrelanges spielen etwas gelehrt hat, dann:

Es gibt für jeden das passende Spiel.

Ich hab diesen Text für die CONSOUL geschrieben, einem Umsonst-Spiele-Magazin von Sony, aber ich wollte ihn auch nochmal auf mein Blog packen, damit er auch online verfügbar ist - wo er ja irgendwie auch hingehört.



Wie mir mal mein Essen, dass ich gerade erst bestellt hatte, fast schon vorher wieder hochgekommen wäre…

Eine Sommernacht. Ich sitze vor einer Pizzeria in Berlin und warte auf mein Essen. Mir schräg gegenüber setzen sich drei Jungs, schätzungsweise Anfang/Mitte 20. Auch sie müssen warten, bis ihre Pizza fertig ist. Sie blitzen bei einem Mädchen ab, dass sie, recht ungelenk, versuchen gemeinsam anzugraben. Sofort switcht ihre Aufmerksamkeit auf mich (ich hab mal alles, was ich sage, kursiv gesetzt):

“Hey, hey du. Bist du deutsch?”
Ja, bin ich.
“Und bist du Jude? Oder Israeli?”
Äh, nein, ich komme von hier.
“Und was denkst du über Israel? Bist du Israel-Fan?”

Ich spüre zwar eine gewisse rauhbeinigkeit in den Fragen, aber ich bleibe ganz ruhig und möchte mich wirklich auf das Gespräch einlassen. Man hört und liest so viel in letzter Zeit. Hier scheint der erste Moment zu sein, in dem ich mal erleben oder prüfen kann, was an all den Horrorszenarien, von denen man immer nur liest, dran sein soll. Die Jungs, vor allem einer von ihnen, scheinen das Gespräch mit mir zu suchen.

Ich verstehe nicht ganz, was das heissen soll. Ich hab nix gegen Israel oder Juden. Ich muss kein Fan ihrer Regierung sein.
“Oh! Ein Judenfan!”

Okay, ich nehme mir strikt vor ruhig und halbwegs sachlich zu bleiben. Ich möchte auf die Provokationen nicht eingehen. Die sind Beiwerk. Ich will zum Kern: Herausfinden, was sie wirklich über den Konflikt zu meinen wissen, herausfinden, wo sie ihre Meinung her haben.

Häh?
“Sind wir doch mal ehrlich: Die Juden hatten Glück, das es den Holocaust gab, deswegen dürfen wir Deutsche nämlich nichts mehr gegen die sagen.”

Ich bin das erste Mal sprachlos, nachdem mir der Junge, der so wirkte, als hätte er am meisten auf dem Kasten, mir diesen Satz grinsend auftischt. Ich glaube, ich soll immer noch “nur” provoziert werden, aber ich muss schon sehr schlucken. Ihre Masche funktioniert also. Ich versuche abzuwägen. Da schaltet sich ein anderer aus der Dreiergruppe ein.

Ich finde, man kann diesen Konflikt nicht so schwarz-weiß sehen. Da sind auf beiden Seiten Aggressoren, die anscheinend kein Interesse an einer friedlichen Lösung haben. Die Hamas zum Beispiel, die nimmt die Zivilbevölkerung ja im Grunde genommen als Schutzschilde…
“Drei tote Israelis und 1000 tote Palästinenser!”
Naja, ich bin mir da jetzt nicht so sicher, ob das korrekte Zahlen sind. Da ist ja auch viel Propaganda am Start…
“Ach, wo hast du denn deine Zahlen her? Aus der Tagesschau? Alles deutsche Lügenpresse. Die kriechen den Juden doch in den Arsch!”

Puh. Der Typ, der das gesagt hat, ist deutlich aggressiver als seine zwei Freunde. Und während ich noch versuche, zu appellieren, dass man in dem vorliegenden Konflikt wohl bei jeder Informationsquelle vorsichtig sein sollte, setzt er zum finalen Move an.

Also, ich denke die sind noch deutlich seriöser als irgendwelche Internetseiten. Die erzählen zum größten Teil ziemlichen Müll.
“Ach, Schwachsinn. Ich bin stolz ein Antisemit zu sein!”

Das hat der wirklich so gesagt. Ich sitze im Sommer 2014 auf einer Bank vor einem italienischen Imbiss in Neukölln. Nebenan ein Thai-Imbiss und ein Dönermann. Eine Touristin aus Island bestellt etwas zu essen. Und vor mir sitzt ein Typ, der mir erzählen will, dass er stolz sei, Leute zu hassen, weil ihm ihre Religion nicht passt. Da sitzt ein Typ, den Hitler und seine abartigen Schergen auch weggesperrt und in irgendwelche Lager gesteckt hätten, weil er nicht arisch genug aussieht und propagiert Ansichten der Nazis. Ich hab mich, glaube ich, in einem Gespräch noch nie so erschrocken. Ich war total baff und wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ich wollte gerade ansetzen. Dass doch im Koran zum Beispiel stehen würde, dass jeder glauben soll, was er will.

109. Die Ungläubigen (Al-Káferün)
1. Sprich: «O ihr Ungläubigen!
2. Ich verehre nicht das, was ihr verehret,
3. Noch verehrt ihr das, was ich verehre.
4. Und ich will das nicht verehren, was ihr verehret;
5. Noch wollt ihr das verehren, was ich verehre.
6. Euch euer Glaube, und mir mein Glaube.»

Aber wie weit wäre ich mit diesem Beispiel gekommen? Ist da noch ein durchkommen möglich? Ich wollte aufs Ganze gehen, wollte es wissen, wollte dieses Gespräch weiterführen. Diese Jugendlichen waren verblendet. Ich würde eine Möglichkeit finden müssen, an sie ranzukommen. An ihre Vernunft zu appellieren. Irgendwie würde ich ihnen ihren Irrtum doch klar machen können müssen!

“Pizza ist fertig. Und Jungs, bitte beendet jetzt mal euer Gespräch.”

Aus Angst, Kunden zu vergraulen, bat der Pizzabäcker, mit fester Stimme, um das Ende unserer Unterhaltung. Und ich hatte Hunger. Und war, ehrlich gesagt, ganz froh, aufstehen und weggehen zu können. Aber, so pathetisch das auch klingen mag, irgendwas von mir ist auf dieser Bank sitzen geblieben. Vielleicht der naive Glaube, dass solche Sprüche, solche Parolen immer ganz weit weg sind. Immer bei den Anderen. Ne, sind sie nicht.

Sie sind neben mir am Tisch.



Wenn der Hass anklopft…

Lustig, naja, komisch das ich mich mittlerweile so viel mit Hass hier beschäftige. Aber da der in meiner Filterbubble so allgegenwärtig ist, ist der für mich auch immer ein Thema. Klar, manchmal ist das sehr von Aussen betrachtet. Aber es gibt auch die Momente, wo der sehr nah an mich herankommt.

Da war dieses Mädchen, das fand ich mal toll. Also, ich glaube das ist immer noch eine tolle Frau. Aber ich verstehe nicht, wie sie so viele Abzweigungen nehmen konnte, die dazu führten, dass ich nun nur noch die Augen rollen kann, wenn sie mal wieder ihren vollkommen übertriebenen und undifferenzierten Islam-Hass in meine Timeline kotzt. Ich habe sie vor vielen Jahren als total liberalen, offenen, herzlichen Menschen kennengelernt. Klar, sie war auch spackig und alles, aber so wie wir alle. Total gut. Jederzeit nachvollziehbar. Und dann zog sie weg, heiratete. Sie war früher eine Künstlerin, ihre Kunst gab sie auf. Überhaupt schien sie nur noch für die Familie da zu sein. Ihr Mann machte Karriere, sie blieb zu Hause.

Das ist kein Problem, das muss jeder entscheiden wie er oder sie das möchte. Und ich kenne sie gut genug um zu wissen, dass das eine bewusste Entscheidung gewesen sein muss. Aber, so sieht es von aussen aus, diese Entscheidung führte dazu, dass sie begann zu hassen. Nicht alles und jeden, das würde sie spüren. Deswegen jemand, von dem man ihr (oder vermutlich besser: sie sich) gut einreden kann, es sei ein geeignetes Feindbild, verantwortlich für all das Übel auf der Erde.

Und so lese ich sie zusammenhanglos Koran-Zitate rausschleudern, die beweisen sollen, wie kriegerisch der Islam sei - nicht beachtend das man ähnliche Zitate und Fundstellen auch endlos aus der Bibel auflisten könnte. Sie wettert gegen Obama und jeden, der nicht ihre Meinung teilt. Sie wirft den Menschen vor, blind zu sein, den Feind nicht zu sehen - aber plappert doch blind irgendwelche Klischees nach. Ich frage mich, wie sich so ein Menschenhass mit Buddhismus in Einklang bringen lassen soll, aber sie anscheinend nicht, denn so wie ich das verstehe, definiert sie sich noch als Buddhistin.

Plötzlich ist da jemand, den man nicht mehr versteht. Klar, wir verändern uns alle, ständig. Aber so sehr? Ist es möglich, zu so einem anderen Menschen zu werden? Oder war ich geblendet, damals? Hatte sie das schon immer in sich und ich hab es nur nie gesehen? Und was tun? Aus meiner Freundesliste löschen? Und wenn ja, kommentarlos? Oder ihr nochmal schreiben, wie schade man das findet? Sie vielleicht einfach nur muten? Oder hoffen, das irgendwo, tief in ihr drinne, noch eine Stimme der Vernunft haust und darauf warten, dass die wieder durchscheint? Mir macht das echt Bauchschmerzen.

Was tun, wenn der Hass im Freundeskreis auftaucht?



No know

Irren ist zu einem absoluten No-Go geworden. Man darf sich nicht mehr irren. Das vermutlich Einzige, das noch schlimmer ist, als sich zu irren (oder zuzugeben, sich zu irren) ist sich zu korrigieren. Derjenige, der sich korrigiert, ist nach Internetmassstäben eigentlich schon gar kein Mensch mehr. Man kann sich doch nicht irren und dann auch noch korrigieren! Wenn man sich irrt, dann sollte man gefälligst ganz viele Argumente sammeln (=googlen), die den Irrtum als richtig bestätigen. Sonst kann man ja gleich sagen, dass man keine Ahnung hat!

Aber mal im Ernst: Im Moment spüre ich es wieder ganz stark, dieses Verlangen nach einer Auszeit. Ich will aber gar nicht das Netz, das ja so viele tolle Seiten hat, die ich sehr liebe, für eine gewisse Zeit verlassen. Ich will eine Auszeit für die Anderen. Ich möchte, dass diejenigen, die für dieses Klima sorgen, verschwinden. Sie haben ihr Recht auf Internet gehabt und sie haben Scheisse damit gebaut und nun sollte man es ihnen wieder entziehen. Sie hatten es in der Hand und sie haben es verbockt.

Wenn man zu politischen Themen nicht innerhalb von fünf Sekunden, nachdem die erste Meldung bei Spiegel Online aufpoppte, eine fundierte (sprich: mindestens durch fünf Seiten bei Google verifizierbare) Meinung hat, kann man sich gleich gehackt legen. Nun, es gibt einfache, gesellschaftspolitische Themen, da braucht man tatsächlich nur Sekunden um sich festzulegen. Die “Gaucho”-Affäre, die ja eher eine “Journalisten versuchen mit Gewalt ihre Meinungshoheit zu behalten, aber haut nicht so gut hin”-Affäre war, ist so ein Fall. Das ist so überschaubar konstruiert, da braucht man nicht lang. Man muss vielleicht ein paar Fallstricke umschiffen, um nicht in der “Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!”-Soße zu landen, die versucht die Diskussion für sich auszunutzen, aber da kommt man recht sicher durch.

Anders zum Beispiel die Situation im Gaza-Streifen. Ich höre die Nachrichten, ich sehe sie, ich bin sehr bewegt und tief erschrocken. Aber ich bin auch erschrocken um meine totale Unwissenheit, was diesen Konflikt betrifft. Also, ja, ein paar Basics weiß ich natürlich schon, aber niemals genug, um mir ein komplettes Bild zu machen. Ich halte diesen aufziehenden Krieg für ein äusserst diffiziles Konstrukt, mit tausenden Betrachtungsmöglichkeiten. Aber was ich in meine diversen Timelines gespült bekomme, sind nur strikte und feste Meinungen. Von direkt Betroffenen wundern die mich nicht, da finde ich die auch richtig und würde denen niemals widersprechen. Aber die Meinungen mancher Menschen scheinen mir eher sehr vorgefestigt zu sein und sie googlen sich dann die Meldungen zusammen, die ihnen argumentativ in den Kram passen und schiessen die dann auf ihre Timelines als angeblichen Beweis raus. So war das aber eigentlich nicht gedacht, mit der Informationsgesellschaft. You´re doing it wrong.

Informationsgesellschaft bedeutet nicht “Ich suche mir die Information, die ich will”, sondern “Ich habe die Verantwortung, sorgfältig mit Informationen umzugehen, auch wenn sie meiner Meinung widersprechen”.

Ich kann es nur immer wieder ausrufen:

Irrt euch! Macht Fehler! Gebt zu, keine Ahnung zu haben!

Das tut nicht weh, im Gegenteil, das kann sogar sehr befreiend sein. Es gibt nicht auf alles einfache Antworten. Aber dort, wo es keine einfachen (oder nur zu einfache) Antworten gibt, ist nicht die denkbar unglaublichste oder geheimste Antwort die richtige. Es macht nix, nix zu wissen. Das lässt sich einfach ändern. Es macht viel mehr, sich das nicht eingestehen zu wollen.



The Dusk of the golden Pineapple

Es gibt ja eine Menge, dass man an der FIFA und ihrem Verständnis von Fussball (Cashcow) kritisieren kann. Geschenkt. Eigentlich müssten die ja alle mit Fackeln und Mistgabeln aus der Zentrale gejagt und stattdessen Menschen dort hingesetzt werden, für die Fussball und seine Fans an erster Stelle stehen und dann erst Coca-Cola, Mc Donalds, Adidas und Budweiser. Und dann erst das Architekturbüro, das seit mehreren Jahren kategorisch Stadien verschandelt oder schlecht neu ausdenkt. Und dann erst irgendwelche Politiker, die sich ein Denkmal setzen möchten. Und dann erst, wenn überhaupt, die eigene Tasche.

Bis es so weit ist, bis Kinder mit Fussbällen und ihre Familien mit noch mehr Fussbällen, die Zentrale der Fifa stürmen, wird noch viel Wasser den Rhein runter und viel Geld auf das Konto von Blatter und Konsorten fliessen. Darum soll es auch gar nicht gehen. Vielleicht kann man aber schon mal kleine Veränderungen andenken. Zum Beispiel:

Warum spielt man noch um den dritten Platz?

Jetzt mal ehrlich: Das Spiel, dass man schon seit Jahren “Goldene Ananas” nennt, ist nach meinem Empfinden, überflüssiger geworden als jemals zuvor. Ich denke, das liegt an der Tatsache, dass Fussball wirklich schneller geworden ist, ein anderes Spiel geworden ist. Das alte Spiel, die alten Weltmeisterschaften, das waren tatsächlich noch Spiele irgendeiner wie auch immer gearteten “Ehre”, der olympische Geist des “Dabeisein ist alles” war allgegenwärtig. Deswegen, in diesem Geiste, war es auch allen Beteiligten wichtig zu wissen, wer ist Erst-, Zeit- und Drittbester.

Nun befinden wir uns in einer komischen Leistungsgesellschaft, der Kapitalismus hat auch die Arbeitswelt erobert (Meine Güte, man muss echt viele Binsenweisheiten schreiben, wenn man über Fussball schreibt…das kommt ja wirklich ganz automatisch!). Das muss einem ja nicht gefallen, mich befremdet das die meiste Zeit auch eher. Aber so ist es halt. Ein Handschlag zum Beispiel, gilt heute nix mehr, nur Mails bei denen man zur Sicherheit 27 Menschen cc setzt, am Besten noch die eigene Oma und die des Empfängers. Alles um sich abzusichern. Und erfolgreich alles einzutüten.

Fussball macht Spaß, aber für die Spieler auf dem Platz ist das ihr Job. Und man stelle sich einmal vor, in der Werbeagentur (Oder Redaktion, oder Supermarkt, oder Werkstatt…you get the point) würde eine große Ansprache gehalten, über den einen Mitarbeiter, der nur sehr knapp den Deal nicht bekommen hat. Vor versammelter Mannschaft. Und dann wird noch der andere Mitarbeiter hervorgehoben, der seinen Abschluss noch knapper nicht bekommen hat. Und am darauffolgenden Tag wird dann derjenige gelobt und gefeiert, der es geschafft hat. Das wäre doch eigentlich ziemlicher Quatsch. Ungefähr so muss sich mittlerweile das Spiel um den dritten Platz anfühlen. Eine reine Demütigung. Ihr habt beide verloren? Dann gucken wir doch mal, wer von euch nochmal verliert.

Oliver Bierhoff hat das letzte Golden Goal geschossen. Lassen wir Brasilien - Niederlande das letzte Spiel um den dritten Platz werden. Und als solches feiern.

Versenken wir die goldene Ananas innerhalb der nächsten vier Jahre im Meer. Spongebob würde sich freuen. Win-Win.



Gleich und Gleich und doch nicht Gleich.

Ja, klar gibt es Unterschiede:

Ich hatte gestern den ganzen Tag lang Lust zu tanzen. Ich wollte unbedingt das Tanzbein schwingen, mal wieder die Musik durch mich durch schleudern und einfach loslassen. Den Beat im Solar Plexus spüren und wie er sich von dort im ganzen Körper verteilt, bis in die Arme, bis in die Beine, bis in die Finger- und Zehenspitzen. Deswegen habe ich mir den halben Tag lang eine Playlist gebastelt, mit Liedern, zu denen ich gerne tanzen würde. Die sah so aus:

Nun gibt es aber keinen mir bekannten Club in Berlin, in dem exakt so eine Musik läuft. Aber gestern war ja CSD und bei mir in der Nähe ist ein großer Schwulenclub (natürlich auch für Lesben und Bis und queere Eumel und Eumelinnen und Transgender und allem, was noch dazu gehört), die haben eine große CSD-Party gemacht. Und dann lag ich da so zu Hause, nach diesem semifrustrierenden Deutschlandspiel und hab überlegt, was ich machen soll. Und die Lösung war: Da gehste jetzt mal hin, in den Club.

Was soll ich sagen: Es war ein großer Spaß. Ich bin volle Lotte auf meine Kosten gekommen. Denn so ein Laden mit größtenteils schwulem Publikum hat einen ganz wundervollen Vorteil: Ich hab keine Ahnung, wann ich zum letzten Mal in einer weniger aggressiven Disco war, als da. Nicht falsch verstehen: Das bedeutet nicht, dass Schwule nicht aggressionsfähig wären (warum sollten sie das auch nicht sein?), sondern weil nicht ein Rudel Männer nach den Frauen sucht, die noch anzubaggern sind. Es wurde ausgegangen um zu feiern und zu tanzen und ja, sicher auch um jemanden abzuschleppen - aber das passiert offensichtlich mit einer viel weniger aggressiven Dringlichkeit, als in Heten-Clubs. Wie herrlich das war, wie toll ich getanzt hab. Gut, ich war ein bisschen enttäuscht, dass mich niemand angegraben hat, aber vielleicht hab ich ja “HETE” in Leuchtbuchstaben auf der Stirn stehen. Oder ich habs nicht gemerkt (wer jetzt schreibt “Oder du bist nicht attraktiv.”, den hau ich), kann auch gut sein. Aber deswegen war ich ja auch nicht da. Ich wollte ein Bierchen trinken, etwas tanzen und das habe ich auf perfekteste Art und Weise bekommen. Danke dafür. Was für ein Fest. Ich geh nirgendwo anders mehr hin. Wenigstens zum tanzen.

Es gibt aber auch Nicht-Unterschiede:

Wir haben in der Regel zwei Beine, zwei Arme, Bauch, Brust, Kopf, Pimmel. Es gibt keine schwulen Körper. Es gibt auch keine heterosexuelle Spucke.

Aber offensichtlich gibt es homo- und bisexuelles Blut.

Das ist nämlich per Gesetz nicht gleichwertig zu heterosexuellem, welches munter gespendet werden darf. Homosexuelles nicht. Und das ist auf so vielen Ebenen falsch.

- An jeder Ecke lerne und höre ich “Jede Spende ist wichtig, jede Spende kann Leben retten!”. Nur um dann potentiellen Spendern zu sagen: Aber ihr dürft nicht, sorry, ihr seid schwul geboren, ihr dürft keine Leben retten. Wie absurd ist das?

- Es diskriminiert Homosexuelle in einem irritierenden Maße, welches ich 2014 nicht nur für nicht mehr zeitgemäss halte, sondern für absolut erstaunlich, dass es überhaupt noch existiert.

- Und jetzt mal ganz ehrlich: Es sollte bei einer Blutspende natürlich darauf geachtet werden, dass es sich nicht um wie auch immer infiziertes Blut handelt, aber mit wem ich wann und wie ins Bett gehe, hat denen SCHEIßEGAL zu sein. Im Gegenteil: Die sollten mir den Teppich ausrollen, wenn ich komme. Und davon abgesehen: Wie wollen die eigentlich checken, dass ich nicht einfach behaupte hetero oder homo zu sein? Muss ich ein Fotoalbum mitbringen? Werden mir erotische Bilder beiderlei Geschlechtes gezeigt und dabei mein Ständerwinkel gemessen?

Wir schütteln verstört die Köpfe darüber, dass irgendwelche Religionsspinner kein Spenderblut annehmen dürfen oder wollen und blicken schulterzuckend hin, wenn gesunde Menschen lebensrettendes Blut spenden wollen, aber nicht dürfen. Mal ganz ehrlich:

Wie absurd ist das?

Deswegen, selten genug, aber dieses Mal gerechtfertigt und wichtig: Geht bitte HIER hin und unterschreibt diesen absolut essentiellen und wichtigen Appell. Auf das diese durch absolut nichts zu rechtfertigende Ungerechtigkeit abgeschafft wird.

Liebt wen ihr wollt, verdammte Axt und lasst uns immer darauf achten, dass das jeder problemlos kann.

Und tanzt, tanzt, tanzt.



Moderatoren und Publikum

Ich mach den Job jetzt, mehr oder weniger erfolgreich, aber immer leidenschaftlich gern, seit zwanzig Jahren. Ich hab viel gesehen und viel verstanden. Klar, es hat mich nie zu 100% ausgefüllt, deswegen hab ich immer 27 Dinge gleichzeitig gemacht, aber moderieren ist meine Kernkompetenz, würde ich sagen. Das ist wirklich dass einzige, was ich von der berühmten Pike auf gelernt hab. Und es ist ein großer Spaß. Klar, ich bin jetzt nicht der begehrteste Moderator unter der Sonne, aber ich bin glücklich, dass ich so etwas cooles wie die ShortCuts jetzt schon seit über einem Jahr machen darf und dass ich so eine coole Redaktion dabei habe. Überhaupt: Ich glaube ich hatte das besondere Glück, niemals mit blöden Redakteuren oder Regisseuren oder sonstigen Teammitgliedern gestraft zu sein, sondern, im Gegenteil, immer mit Menschen, mit denen ich mich gegenseitig inspirierte, mit denen ich eine Sprache sprach und mit denen mich vor allem der Humor verband. Ich finde, man kann sich sehr glücklich schätzen, auf so eine Bilanz zurückzublicken. Vielleicht hatte ich keinen (großen) Erfolg, aber ich hatte (sehr großen) Spaß.

Dieser Job hat auch ein enorm hohes Frustpotential. Klar, Moderator kann sich jeder nennen und wer zwei Sätze geradeaus sprechen kann, wird gerne vor eine Kamera gezerrt. Meiner Meinung nach noch schlimmer als bei den Schauspielern (und die tun mir schon Leid), ist das Berufsbild des Moderators ganz schön zusammengestaucht worden. “Hier, sag mal was!”, scheint der Test zu sein, ob jemand für gewisse Formate reicht oder nicht. Andere Moderatoren haben in den Jahren ganz viel Leidenschaft verloren und sind immer angepasster geworden, um auch mal irgendeine Gala moderieren zu können. Früher bei VIVA hatte man irgendwann das Gefühl, nach Heike wollen alle nur Moderatoren werden, um schon mal im Fernsehen zu sein, dann aber so schnell wie möglich ins Schauspiel. Andere haben sich total bewusst vom moderieren losgesagt, was ich zum Beispiel im Fall von Christian Ulmen (wir sind befreundet, nur zur Klarstellung) unendlich schade finde und fand und für einen Verlust des deutschen Moderationsfernsehens halte (tatsächlich gibt es bei “joiz” gerade aber einen jungen Typen, der mich ein wenig an alte “MTV Most Wanted”-Zeiten erinnert, der macht da irgendwie die News…ich hoffe diesen Vergleich nimmt mir jetzt keiner Übel, aber da ist eine gewisse Ähnlichkeit…).

Wie dem auch sei: Manche nutzen es als Durchgangsstation, andere machen es gerne, wieder andere interessiert es nur am Rande und dann gibt es noch die Fischverkäufer, die muss man nicht wirklich mit dazu zählen. So Anrufquiz-Moderatoren und so.

Und natürlich die Showgiganten. Gottschalk, Jauch, Raab, meinetwegen noch Kerkeling (wieso hat er sich seine Schlagerplatte nicht von einem begeisterten Musiker produzieren lassen? Ein Jammer! Aber das nur am Rande…) und natürlich Schöneberger. Wenn zum Beispiel Gottschalk nochmal richtig Hunger kriegen würde und Jauch auch - hach, wie schön das wäre. Es ist eine Illusion, ich weiß, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Ich glaube auch noch an Großes von Joko und Klaas, auch wenn es in letzter Zeit so wirkt, als verlöre Klaas mehr die Lust am moderieren als Joko. Das kann aber auch nur ein momentanes Formtief sein.

Ein Moderator spielt gerne mit seinem Publikum. Dabei ist es fast egal, ob es anwesend ist, oder nicht. Im Studio, wenn man mit der Kamera spricht, spricht man immer auch mit ganz vielen gleichzeitig. Man ruft einfach etwas heraus und hofft auf das Echo. Im Fernsehen kriegt man kaum eins. Im Radio auch nicht. Im Internet natürlich schon, aber da kann man ja auch die Hälfte immer mindestens von wegschmeissen. Aber auch das spielt keine Rolle. Gottschalk konnte jahrelang seinen Schuh bei Wetten dass durchziehen, weil er die Show für die Zuschauer moderierte und nicht für die Kritiker. Die fanden es eh immer blöd, das war egal. Man moderiert immer für den, bei dem es ankommt. Das ist die Essenz.

Ich führe gerne Interviews, bei denen ich nicht den ganzen Promoschmuh abklappern muss, sondern über Dinge sprechen kann, die mir gerade einfallen. Aber nicht zwanghaft. Eher hab ich gerne ein freundliches Gespräch, bei dem wir viel gelacht haben, als eine Info-Abfrage, die sich sowieso jeder selbst in 3 Sekunden ergooglen kann. Damals, als ich “Stoke”, die Fun-Sportshow im DSF gemacht habe, war das ganz oft so: Ich sass dann da auf Hawaii mit einer Gruppe internationaler Pro-Surfer und hab denen erzählt, dass ich gar nicht schwimmen kann. Das war für die dass 8. Weltwunder und somit auch der Inhalt im Interview. Aber um ein wie vieles besser man die dabei kennengelernt hat, wie viel persönlicher die wurden. Das war obergut. Und ich hab sie dann im Bowling oder Minigolf herausgefordert, damit ich wenigstens eine Chance habe. Ich hab immer verloren.

Moderieren ist ein Beruf, den man mit Leidenschaft machen muss. Klar, man kann auch ein Arbeiter sein, der einfach alles wegmoderiert und hat damit vermutlich sogar viel mehr Erfolg, als jemand wie ich, aber ich kann einfach nicht anders. Ich bin ein Überzeugungstäter. Übrigens, nur um mal ein Klischee aus der Welt zu schaffen: Kai Pflaume mit hundertprozentiger Sicherheit auch. Einer der angenehmsten Kollegen, immer aufmerksam interessiert. Nur falls jemand irrtümlich gedacht haben mag, ich hätte ihn gemeint.

Nach diesen biographischen Zeilen versuche ich nun die Kurve zu kriegen, warum ich das alles überhaupt aufgeschrieben habe:

Die Wege des Moderators, um den es gehen soll, und mir, haben sich zweimal wirklich gekreuzt. Als ich meine Band, Fritten und Bier, hatte, waren wir in seine Show eingeladen. Die Redaktion fragte uns, was wir für ein Instrumente-Setup bräuchten und wir haben uns zwei Umhängekeyboards hinstellen lassen. Nicht, dass in “Afrika” ein Keyboard groß im Einsatz gewesen wäre, geschweige denn zwei, aber wir fanden das irrsinnig witzig, damit so Modern Talking mässig aufzutreten und ganz schlechtes Playback zu machen. Gut, ich glaube es war am ehesten für uns witzig, aber soooooo schlimm war es auch nicht. Man konnte schon sehen, dass wir Spaß hatten. Dem Moderator der Show, gefiel das nicht so. Ist ja auch Geschmackssache. Allerdings hat er seinen Diss gegen uns erst in die Kamera gesagt, als wir nicht mehr im Studio waren. Hm. Ich habs dann später bei der Ausstrahlung gesehen und mich über so eine unsouveräne Aktion gewundert. Aber was solls. Die Show gab es auch nicht mehr lange, die war irgendwie komisch.

Ungefähr 15 Jahre später begegneten wir uns wieder, auf einem Boot. Einem Boot, auf das ich als Gesprächsgast eingeladen war. Dieses Boot war eine Werbeaktion eines Kräuterschnapses und für ein paar Tage lang, wurde von dort aus eine Art “Piratensender” (natürlich genehmigt und alles) veranstaltet. Ich kam an und lernte als erstes den Moderator kennen. Er sagte mir, er würde eigentlich gar nicht moderieren, er wäre hier auch zuerst nur als Gast gewesen, aber der “künstlerische Leiter” des Boots habe ihn sofort als Moderator eingestellt, nach dem Interview und deswegen sei er jetzt erstmal hier. Fand ich eine megagute Aktion, ehrlich. Und der Typ hat auch super moderiert, keine Frage. Und dann kam der “künstlerische Leiter” aus der Kajüte: Der Moderator der Show von vor vielen Jahren. Ich bin kein nachtragender Mensch, hab mich fast ein bisschen gefreut, ein bekanntes Gesicht wiederzusehen und begrüßte ihn. Er grüßte mich auch, auf eine Art, die er wohl irgendwie “konnte”, so mit nicht in die Augen gucken und sofort über berufliches zu sprechen und so. Aber okay. Mein Gott. Jeder wie er kann.

Nach diesem Nachmittag hab ich ihn noch kurz mal so auf der Strasse gesehen, aber ein gegenseitiges annicken, war da unsere einzige Interaktion.

Und dann wurde irgendwann dieses Video von irgendwelchen Piraten auf Twitter geteilt und das hab ich mir angehört. Und konnte nicht fassen, was für einen Schmonz ich mir da anhören musste. Was war denn mit dem Typen passiert? Was erzählt der denn da? Was für einen Quatsch über den 11.September lässt Ken Jebsen da bitte vom Stapel?

Dann ging alles ganz schnell: Durch seinen Beef mit Broder und einer wahnsinnig absurd-bescheuerten Mail verlor er seinen Job bei Radio Fritz und ging dann komplett ins Internet, wo er plötzlich gar keine Schlussredaktion mehr hatte (UPDATE: Die hatte er bei FRITZ auch nicht, wie mir via Twitter gesagt wurde….) und wo er alles frei heraus pumpen konnte, was er wollte. Ehrlich gesagt habe ich gedacht, damit hätte sich der Spuk erledigt. Aber weit gefehlt: Der Rauswurf, die Zwangs-Selbstständigkeit haben ihn nur noch mehr angetrieben. Angetrieben weiter zu machen, mehr Menschen um sich zu scharen, immer lauter und bedrohlicher zu werden, damit ihm immer mehr zuhören. Und der Plan ging total auf: Jebsen setzt sich auf alle Themen, die als guter Aufreger taugen, vermischt es mit ein bisschen “die da oben - wir hier unten”-Rhetorik und dem alten Richard “Keiner von da oben” Pryor-Trick, in dem er sagt: “Folgt mir nicht, ich will nicht das ihr mir folgt, ihr sollt nur eurem Herzen folgen….” etc. Das hat ja auch schon bei Beppe Grillo und den Cinque Stelle in Italien funktioniert, warum also nicht auch hier? Und es funktioniert: Ken FM Fans saugen jedes Wort von ihm auf. Wenn er auf einer Demo spricht, dann die meiste Zeit in die Kamera, die er selber mitgebracht hat, weil man es dann danach besser auswerten kann. Anhänger als Kulisse. Und die Fans klicken und klicken und klicken.

Und Ken FM? Tut das, was er immer machen wollte: Moderieren. Moderieren vor einem Publikum, das an seinen Lippen klebt. Das ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. Das ihn wie einen Messias feiert. Das seine Werke auch in der Zweit- und vermutlich auch noch Dritt-Verwertung feiert. Er hat gerackert und er hat endlich sein Publikum gefunden. Er kann jetzt moderieren, was er will, wie er will, er findet immer Gehör und so gut wie keinen Widerspruch. Den kann man ignorieren, aussen vor lassen. Ken und seine Fanbase bleiben gerne unter sich, alle anderen haben Unrecht und kritisieren kann man sie schon mal gar nicht, denn sie sind ja für den Frieden. Clever. Am Ende hat er gewonnen, gegen die, die ihn rausgeschmissen haben. Gegen die, die ihn ignoriert haben. Er hat es bewiesen: Er hat doch Zuhörer. Er ist ein guter erfolgreicher Moderator.

Jeder Moderator sucht sein Publikum. Manche finden es schnell, andere nie. Scheint so als hätte Jebsen, aus Moderatorensicht, alles richtig gemacht. Er beginnt seine Reden gerne mit dem schicken Satz: “Mein Name ist Ken Jebsen und meine Zielgruppe ist immer noch der Mensch.” Dabei vergisst er anscheinend immer den Nebensatz: “…der mir zustimmen will.”.



Ich setz mich wieder hin.

Zunächst einmal:

Ich bin müde.
Ich bin aufrichtigen Herzens!

Dann aber auch:

Du bist müde.
Du bist aufrichtigen Herzens!

So steht es auf der ersten Seite meines absoluten Lieblingsbuches ever, “Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität.” von meinem Schriftstellergott Dave Eggers.

Und ja, verdammt, es stimmt. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Energie ist aufgebraucht.

Die letzten Monate haben eigentlich nur noch daraus bestanden, sich vor den Kopf zu hauen. Wegen Politikern, die Journalistinnen anzubaggern für eine Zwinker-Zwinker-Tätigkeit halten. Wegen Schriftstellern, die plötzlich Hassschreiber werden oder Politiker, die ebenfalls merken, dass am rechten Rand der Gesellschaft noch eine schnelle Mark zu machen ist. Wegen einem Prozess, von dem man wusste, dass er sich ziehen würde wie nix Gutes und der dafür erschreckend wenig konkretes zu Tage bringt - obwohl klar ist mit wessen Geistes Kind man es zu tun hat. Wegen Parteien, die in ihren Reihen alles zulassen, nur um stärker zu werden und bei Kritik sich sofort halbherzig distanzieren. Wegen Menschen, die sich beleidigen lassen müssen, weil sie irgendjemanden lieben. Wegen öffentlichen Diskursen, die nicht mehr ohne Lügen oder “Wahrheitsdehnungen” stattfinden können. Wegen viel zu vielen Waffen-Im- und Exporten. Wegen Machthabern, die alles tun, um ihren Status zu zementieren, blind und unsensibel für ihr Handeln. Wegen Kriegstreibern. Wegen Aggressoren, die behaupten, sie täten alles im Interesse des Friedens und dabei dieses wundervolle Wort, diese tolle Sache, nur als Feigenblatt nutzen, um ihre bescheuerten Interessen zu artikulieren.

Heute sah ich einen Bericht über die Montagsdemos. Las ein bisschen auf den Seiten, auf denen sich die Demonstranten treffen. Las auf den Seiten ihrer Kritiker. Schaute mir Videos beider Seiten an. Las Texte beider Seiten. Und irgendwann war der Punkt da, da hab ich einfach alle Tabs geschlossen. Ich wollte diese Diskussion nicht mehr mitverfolgen. Ich hab einfach gemerkt: Ich bin am Limit angekommen. Ich kann mir keine Scheisse mehr durchlesen, kann meiner Faszination für mir fremd erscheinende Meinungen nicht mehr erliegen. Der Speicher ist voll.

Das Netz ist ein wundervoller Ort, weil ich mit ein paar Klicks alles erreichen kann. Ich kann auch versuchen, Dinge zu verstehen, die ich nicht verstehe. Versuche zu kapieren, warum Sichtweisen, die mir auf einer Welt, auf der wir alle zusammen leben (wollen), zwingend logisch erscheinen, von Anderen total negiert werden. Manchmal hatte ich vielleicht das Gefühl, diese Menschen zu verstehen. Diese Menschen die hetzen, die spalten, die brüllen oder extra schnell quasseln, um schlauer zu wirken. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich verstehe, was sie antreibt (ohne es teilen zu müssen). Aber dann bemerke ich, dass da nichts stattfindet. Kein Denkprozess. Keine Reflektion. Es gibt diese eine Wut und die wird von denen befeuert, die Menschen brauchen, die ihnen zustimmen. Die Motive können mannigfaltig sein. Von Kohle bis Fame dürfte da alles vertreten sein.

Aber ab heute interessiert mich das nicht mehr. Darf mich nicht mehr interessieren. Denn ich bin nicht mehr aufnahmefähig für Ignoranz. Ich kann mich nicht mehr mit Dummheit beschäftigen. Die Schüssel ist voll. Ich muss mich davon fern halten, denn es belastet mich. Ich sah diesen Beitrag und hab überlegt, dort einmal hinzugehen, um mit den Menschen zu sprechen, mir ihre Version anzuhören. Aber sie haben sich entschieden, dort zu sein. Sie wurden nicht gezwungen. Sie gehen dort hin um zu zeigen: Ich unterstütze diese Idee total. Und das ist halt nicht zu erklären. Ich kann da nicht meine Energie verbrauchen.

Deswegen, liebe Gegner, habt ihr es geschafft. Ihr habt mich mit eurer medialen Dauerpräsenz zermürbt. Ihr dürft jetzt machen, was ihr wollt. Fahrt fort. Macht diese Welt zu dem beschissenen Ort, den ihr unbedingt haben wollt. In dem sich alle hassen, sich niemand mehr über den Weg traut und mein Nachbar angeblich immer nur meine Äpfel will, selbst wenn er eine Apfelplantage hat. Ich werde mich nicht mehr wehren. Baut den ganzen Tempelhof mit euren beschissenen Townhouses zu, damit ihr nach der Politik noch tolle Pöstchen in der Baubranche kriegt. Schwafelt was von Sozialwohnungen, um dann nachher mit “Sachzwängen” nur drei bezahlbare anbieten zu können. Vom deutschen Wähler ist weder Ärger, noch Widerstand zu erwarten. Der grummelt mal, schreibt einen wütenden Kommentar auf eure Facebookfanseite und geht dann wieder arbeiten. Oder er schreibt diesen Blogeintrag und gibt dann einfach auf. Deswegen musste ich jetzt auch den Header ändern. Ihr habt das schöne Wort “Weltfrieden” missbraucht und ausgesaugt und mit eurem menschenfeindlichen Kack aufgefüllt. Ich möchte auf keinen Fall mit euren Motiven verwechselt werden.

Macht das sich die Völker hassen. Schürt Neid, schürt Wut, schürt Hass. Ich gebe auf. Mir ist alles egal. Ich kann nicht mehr. Ich kann meine Energie nicht mehr dafür nutzen, zu glauben, diese Welt zu einem besseren Ort machen zu können. Ich gebe meine Liebe jetzt nur noch für die, die mir wirklich wichtig sind. Versuche sie zu unterstützen, zu stärken, zu umarmen.

Und vor euch da draussen zu schützen.



Schlimme Liquide

Ich finde, es ist höchste Zeit, eine Liste ekeliger Flüssigkeiten anzulegen. Weil, naja, manche Flüssigkeiten sind so widerwärtig, aber niemand spricht drüber. Es scheint ein besonders schlimmes Tabuthema in unserer Gesellschaft zu sein und die Gutmenschen schweigen alles in ihrer übertriebenen Flüssigkeitstoleranz tot, nur um politisch-flüssig korrekt zu sein. Aber wenn es Flüssigkeiten gibt, die fies sind, dann wird man das ja wohl noch sagen dürfen! Auch wenn die FED versuchen wird, dieses Blogeintrag zu verhindern. NIcht mit mir! Lest! Schreibt! Folg mir nicht, nur weil ich euch die Wahrheit sage! Macht es wie der Wald, da gibt es keine Demokratie, da sind alle Flüssigkeiten gleich flüssig!

Entschuldigung, ich bin etwas abgedriftet. Es ist aber auch wirklich zu leicht, in so einen Stuss-Laber-Modus zu verfallen, wenn man die Kontrolle über das eigene Gehirn verloren hat. Nun aber wirklich zu ekeligen Flüssigkeiten. Ich mach den Anfang und ihr ergänzt in den Kommentaren, ja? Wider die grün-linksversiffte Flüssigkeitskritik-Zensur! Okay, sorry, ich leg los:

- Philadelphia-Wasser
Wenn man so eine frische Packung Frischkäse aufmacht und da auf der perfekt aussehend abgefüllten Creme diese leichte Pfütze trüben Wassers ist. Wuah. Superekelig. Ich schütte das immer weg, habe dann aber immer Angst, dass mir der Käse austrocknet. Ich bin mir der Absurdität bewusst, aber kann nichts gegen diese Gedanken machen.

- Nasenwasser, das man für Gehirnwasser hält
Manchmal läuft einem einfach so Wasser aus der Nase. Ich bin kein Nasologe, erkläre mir das aber mit Duschwasser oder Schwimmbadwasser, welches aus Versehen in irgendeiner Nebenhöhle oder Luftblase oder so eingeschlossen war und plötzlich raus läuft. Manchmal muss man sich nur doof bewegen, manchmal kommt es auch beim Headbangen. Ich habe im ersten Moment immer die Angst, es handele sich um Gehirnwasser und das läuft jetzt alles aus und mein Hirn liegt dann trocken und ich bin dann kaputt. Geht das als Phobie durch? Aquabraniusphobie, oder so?

- Tiersabber
“Der tut nix, der will nur spielen!” Ja, und mir seinen Sabber überall hinmachen. Das ist doch superekelig so Hundesabber, ich hab keine Ahnung, was da drin ist. Entsetzte Hundebesitzer werden mir jetzt vermutlich erklären, es handele sich dabei um eine der reinsten Flüssigkeiten der Welt, vergleichbar mit Quellwasser aus den Alpen, aber sorry: Die Nase hat vorher die ganze Zeit nach fremder Pisse geschnüffelt, der Mund hat Pansen und kalten Hühnermatsch gefressen und alles abgeleckt, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ich möchte davon bitte nicht abgeleckt werden.

Wurstwasser ist zu einfach, ihr seid dran!



Fahrradhelm verrecke! - Fraktus im Thalia

Ich war auf der Uraufführung von “Tonight:Fraktus” im Thalia Theater in Hamburg. Die Männer von Studio Braun haben ihre erfundenen Techno-Erfinder wieder aktiviert und erzählen in diesem Stück nun, wie es nach dem Film weitergeht. Irgendwie.

Schauplatz ist dabei ein Konzert der Band, die zu Beginn noch gar nicht da ist (und deren Ankunft sich immer weiter verschiebt, was ein Bühnenarbeiter durch immer gruseliger werdende Wasserstandsmeldungen in regelmässigen Abständen verkündet). Auf der Bühne finden sich allerlei prototypische (Live-)Musikmitarbeiter, vom Alt-68er über den selbstverliebten Nix-Könner-Schwaben, der natürlich eine leitende Position hat, bis hin zur ultrahysterischen und -nervösen Managerin der Band. Erzählt, vorgestellt und zusammengehalten wird dieses Sammelsurium an Nervbacken von Roadie Dennis. Dennis ist schüchtern, der Arsch für alles (”Wenn du etwas anfängst, ist das als würden zwei was fallen lassen…!”), aber als Nerd auch ein ebenso guter Beobachter und deswegen die beste Wahl, um dem Publikum in kurzen Freeze-Momenten die Protagonisten vorzustellen. Da gibt es die Körner-Schwestern, zweieiige Zwillinge, die zwar die Background-Sängerinnen von Fraktus sind, aber bei diesem Gig ihre große Chance als Vorband bekommen sollen, mit ihrem Postpunk-Electro-Lärm-Act “Thrill”, den sie immer ganz niedlich “Trill” aussprechen.

Und in diesem Chaos ist es dann irgendwann endlich so weit: Die Band ist da. Fraktus. Mit neuen Songs, neuer Show und extrem originellem neuen Merch, getoppt von der Premiere eines Fraktus-Computerspiels. Das folgende Konzert endet mit der Hymne “Friends sind Freunde, Freunde sind Friends” und lässt erahnen: Die Erfinder der elektronischen Musik haben gerade erst wieder damit angefangen, anzufangen. Fraktus forever. Oder so.

Erstmal dieses: Ich bin kein Theater-Typ. Das mag nachlässig sein oder doof oder sonstwas, aber Theater und ich, uns verbindet keine langjährige Freundschaft. Ich hab auch immer mal wieder gute oder interessante Inszenierungen gesehen, so ist es ja nicht, aber ich hab auch ganz oft langweiligen Quatsch gesehen und irgendwie ist das einfach nicht mein Medium. Zumindest nicht als Zuschauer. Gespielt hab ich Theater ja schon in jungen Jahren und ich weiß, wie viel Spaß das machen kann und was das für ein besonderes Gefühl ist. Das mal vorweg, nicht dass man mir mangelnde Vergleiche mit ähnlichen Inszenierungen vorwirft oder so. Ich hab keine Ahnung.

Vielleicht war das bei der Premiere auch von Vorteil, denn ich hab mich noch seltener im Theater so lauthals kaputt gelacht, wie in “Tonight: Fraktus!”. Die ganzen Klischees, die da munter über die Bühne tanzen, sind so bescheuert überdreht und scheinen sich einen Wettlauf zu liefern, wer noch bekloppter rüberkommt. Man schämt sich für keinen Kalauer, kein Gag - und sei er auch noch so platt - wird liegengelassen, man ist sich für nix fies, wie man in Köln so schön sagt. Dabei war es ein ganz wundervoller Einfall, Dennis zum Zentrum des Geschehens zu machen. Jörg Pohl spielt den Bühnenarbeiter so herrlich uneitel und unbeteiligt: Der perfekte Vertreter für den Zuschauer. Man hat das Gefühl, Dennis ist der einzig normale Mensch in dem Zirkus, er stünde im Auge eines Hurrikans aus Stuss und Kokolores.

Irgendwann gibt es aber Momente, in denen kippt diese Muppet Show, Momente in denen es ganz kurz ernst wird. Wenn die Körner Schwestern aus ihrem Randalesong “Jeder gegen Jeden” plötzlich in eine ganz rührende Ballade abdriften, zu der Mel Körner dann auch noch Geige spielt - dann verstummt das Theater. Oder wenn Dennis sehr spät in der zweiten Hälfte ein flammendes Plädoyer gegen Fahrradhelme als Symbol der modernen Verspiessung in den Saal spittet, dann braust Applaus auf, nicht von allen, aber von allen die kapiert haben, was er meint. Ein wenig scheint sich das Stück dieser wahrhaften Momente zu schämen oder unsicher zu sein, denn sie werden schnell wieder weggewischt oder besser noch: weggegagt. Aber das ist voll okay. Wir sind hier ja nicht im Drama, wir sind hier in der Komödie und manche bringen das comic relief eben gerne schnell. Man könnte sich fast dazu hinreissen lassen zu behaupten, die deepen Momente klängen so noch viel stärker nach. Naja. Man kann es auch übertreiben. Einigen wir uns auf: Es schadet ihnen nicht besonders, dass sie schnell vorbei sind.

Aber: Es schadet dem Stück selber, dass es so schnell vorbei ist. Das Ende kommt relativ abrupt und wirkt schnell hingeschrieben - das wäre mein wirklicher Kritikpunkt an der Geschichte. Die Hauptfigur Dennis wird hier ein wenig verheizt und meines Erachtens nicht ausreichend “gewürdigt”. Vielleicht ist das so gewollt, ich hätte mir ein größeres Finale-Gefühl gewünscht, wenigstens einen Song für Dennis. Das, was ich da gestern sah, wirkt so lieblos und passt in diesem Gefühl leider gar nicht zum Rest des Stücks. Doof, vor allem wenn es das Ende betrifft, denn das ist ja erstmal der letzte Eindruck, mit dem man rausgeht.

Vergessen wir das Ende. Erfreuen wir uns an dem ganzen Rest: 90 Minuten wunderbares Entertainment, das angenehm clever eine herrliche Albernheit zelebriert und somit perfekt den Geist des Films weiteratmet. Mediensprung wunderbar gelungen. Ich freue mich dann mal auf die Fraktus-TV-Show oder so.

Oh Oh Oheeo!