Heino - Der Heini aus der Stadt von Heine

Hach, es ist schon ein Kreuz. Da hat ein Marketing Typ eine Idee und schon muss man sich wieder mit Asbach Cola Uralt Figuren auseinandersetzen.

Heino ist wieder da. Und weil die Hörerschaft für ein “normales” Heinoalbum schon ausgestorben sein dürfte, wildert man in fremden Gefilden oder bricht zu neuen Ufern auf, je nach Sichtweise. Heino hat auf jeden Fall eine Platte gemacht, auf der er nur Pop/Rock/Punkrock/HipHop Acts covert. Sportfreunde Stiller, Nena, Rammstein, Peter Fox. Und, exemplarisch als erste Single, natürlich die Ärzte.


[YouTubeDirektCoverFromHell]

Erstmal das: Ja, natürlich passt das textlich schonmal wie die Faust aufs Auge. Aber: Warum genau soll das nochmal gut sein? Durch das wegfallen einer ironischen Ebene, weil Heino eben wirklich so ein Vater sein könnte, verliert das Lied jeglichen Witz und ist einfach nur noch ein trauriges Lied das davon handelt, wie Kinder von ihren Eltern daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist lustig? Das ist jetzt natürlich superernst genommen, aber wie soll man Pop auch anders begreifen?

Was mir aber auf die Nerven geht, ist etwas ganz Anderes. Ich lese seit Tagen dass Heino “sich jetzt endlich mal wehrt” und “zurückschiesst”, gegen all den “jahrelangen Spott und Hohn”.

Ich hab zu Weihnachten die Otto Filmbox geschenkt bekommen, mit allen Filmen des Ostfriesen. Da gibt es ja auch diese Thriller/Heino-Parodie. Die ein bisschen lustig ist und natürlich auch Heinos Ikoknografie nährt (Blond, Sonnenbrille), von deren Marken-haftigkeit der Düsseldorfer meiner Meinung nach ganz gut profitiert hat. Das wichtigste daran ist aber: Das ist 25 Jahre her!


[YouTubeDirektThrillerHeino]

Heino-Witze sind so alt wie abgestandener Eierlikör. Und da “leidet” der noch heute so schlimm drunter? Nicht eher darunter, dass bis auf ein paar DVU-Fans und Vorpommerer wirklich niemand mehr größeres Interesse für den Sänger mit dem superrollenden R hat?

An Heino ist nichts “cool”. Heino hat schon immer in seiner Karriere verzweifelt versucht, sich überall anzubiedern, bei noch lebenden und halbwegs liquiden Käuferschichten als “Kult” durchzugehen. Ich erinner mich an den Acid-Enzian. Das wurde dann noch Rap genannt und hat ganz viel ganz schlimm durcheinander gewürfelt. Deswegen konnte da auch keiner was mit anfangen (Übrigens: Da hat er sich mit stilisierten Smileys, die sein Gesicht zeigen, schon des Images angenommen, unter dem er ja ach so gelitten hat…).


[YouTubeDirektAcidRapWasauchimmer]

Immerhin: Diesmal hat der Marketing-Mensch alles richtig gemacht. Die Platte kommt ganz früh im Jahr, wenn noch nicht viel los ist. Sie kommt in die Karnevalszeit, wo die Bereitschaft zu Quatschmusik am höchsten sein dürfte. Es werden nur credibile Hits gecovert. Und es wird ein “Rockerkrieg” erfunden, der das alte Klischee der Heinowitze aus den 80ern bedient. Bämm - plötzlich gilt der als cool.

Ich finde das sehr unangenehm und ich möchte ungern jemandem zujubeln, der so verzweifelt alles versucht um mich als Käufer zu gewinnen. Und ich lass mich nicht gerne für blöd verkaufen. Heino leidet, wenn überhaupt, an mangelnden Plattenverkäufen. Johnny Cashs American Recordings gingen mir ab dem dritten Teil zwar auch auf die Nerven, weil es irgendwann zum Cash (hihi) Cow milking wurde, aber dessen Cover Versionen haben durch sehr exaktes und behutsames auswählen und eine besondere Interpretation dem Orignal wenigstens noch etwas hinzugefügt. Eine gewisse Deepness. Von Heino gecoverte Lieder verlieren alles, was sie ausmacht und sie werden nur noch zu leeren Mitgröhlhüllen. Weil man schon merkt, dass sie für ihn selbst keinerlei Bedeutung haben.

Das ist nicht cool. Das ist homeshopping Television das so tut, als wäre es AC/DC.

Das Einzige, das noch nerviger als diese Platte ist: Von solchen Platten stehen uns jetzt mit Sicherheit hunderte ins Haus:

“Andy Borg singt Einstürzende Neubauten”

“Stephan Mross: Meine liebsten Battlerap-Tracks”

“Bata Iliç - Für immer Punk”

Hoffen wir das dieser Popsommer schnell an uns vorbeizieht.

Zum weiterlesen:

- Staiger, Raplabellegende, ist in etwa derselben Meinung wie ich. Danke Form Prim!

- Wie humorbefreit Heino schon in den 80ern reagiert hat, zeigt dieser Artikel von damals sehr gut. Danke Nico!



Stirb, Medium, stirb!

Alles fängt an mit einem Tweet:

Erstmal zum Tweet-Autor: Ich mag Jens Best. Best geht vielen Leuten auf den Sack, weil er zu allem gerne seinen Senf abgibt. Ich bin auch oft uneins mit ihm, aber ich finde seine vehemente Auf-den-Sack-Gehigkeit wirklich aufrichtig bewundernswert. Er taucht nie ab, bleibt immer sichtbar und steht zu 100% für sich und seine Meinung. Find ich stark.

Aber hier irrt er und da er nicht der Einzige ist, der diese Annahme teilt, muss ich mal einen Text drüber schreiben. Keinen Text, der sich mit den grotesken Forderungen der Verlage (a.k.a. Leistungsschutzrecht) beschäftigt, da sind andere deutlich bessere Quellen mit fundierteren Meinungen. Ich finde das einfach nur Gaga.

Mir geht es um das im Netz sehr weit verbreitete Herbeisehnen des Todes von Medien, die älter sind als das Internet, also allen ausser dem Internet.

- Zeitungen
Zugegeben, die Verleger haben sich jüngst mit ihren Kampagnen keinen Gefallen getan und nicht unbedingt Freunde gemacht. Sie faseln von “Qualitätsjournalismus”, sind aber selber oftmals nicht im Stande, Grundqualität abzuliefern. Im Sinne von: Durchdachte Inhalte. Oder vernetzte Inhalte. Dazu noch die einseitige Berichterstattung über das Leistungsschutzrecht, das tut schon ein bisschen weh. Aber ich möchte trotzdem nicht drauf verzichten. Und viele Andere möchten auch nicht drauf verzichten.

Meine Eltern
Lesen jeden Morgen den KStA. Mein Vater regt sich immer auf, das die scheiße recherchieren, was ihm natürlich bei den Sachen auffällt, bei denen er sich auskennt. Und die Beispiele, die er mir genannt hat, die haben ja auch gestimmt. Dumme Redaktionsfehler, vielleicht Flüchtigkeitsfehler, vielleicht “Der Leser ist doch eh egal”-Fehler, aber definitiv unnötige Fehler. Und trotzdem hat er ihn noch abonniert und liest ihn jeden Morgen zum Frühstück. Um ein Grundbedürfnis nach Information zu decken. Das er nicht durchs Fernsehen decken lassen will, sowieso nicht durchs Internet, sondern durch die Zeitung beim Frühstück. Und wenn ich da zu Besuch bin, mach ich es genauso. Auch wenn ich iPad und Rechner und Kindle und Handy dabei hab: Ich finde das super beim Frühstück ein Holländerbrötchen zu essen und dabei in der Zeitung etwas ausführlicher als durch SpOn über die Geschehnisse von gestern informiert zu werden. Das ist fast meditativ.

Anderes Beispiel: Meine beste Freundin
Hat alles zu Hause und nutzt es auch ausgiebig. Computer, Handy, Fernsehen, alles da. Aber hat immer das Gefühl, uninformiert zu sein. Eine zeitlang gab es mal diese Zeitung zum selber zusammenstellen, ich glaube die hiess niuu oder so, da hab ich ihr mal (auch weil ich selber neugierig war) ein Probeabo zusammengestellt und schicken lassen. Und sie fühlte sich rundum informiert. Hat sich morgens mit einer Tasse Tee in die Küche gesetzt, wenn unser Kind in der Schule war, und gelesen. Oder die Zeitung in die Tasche gestopft und im Café gelesen. Die würde niemals einen Rechner mitnehmen oder im Café auf SpOn irgendwelche Neuigkeiten lesen. Da würde sie dann eher eine der herumliegenden Zeitungen nehmen.

(Nachtrag: Als ich eben mit ihr telefonierte, meinte sie, das sie mittlerweile doch Nachrichten auf dem Handy lesen würde, wenn sie irgendwo rumsitzt…na gut. Sie hat aber nochmal betont, wie sehr ihr die niuu gefallen hat!)

Zeitungen haben einen Sinn. Das Medium “bedrucktes Papier” hat einen Sinn. Ist robust, ist leicht, ist easy anwendbar. Das ist nicht zu ersetzen. Ja, seine Inhalte bedürfen einer Nachjustierung. Aber deswegen erkläre ich doch kein Medium für Tod.

“Ja, aber die FTD!”

Wenn man es nicht schafft, Leser von seiner Einzigartigkeit am Markt zu überzeugen, dann macht man vermutlich etwas falsch, vor allem wenn man als Letzter kommt. Es tut mir ja leid, aber da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man auch wieder als Erster geht. Und wenn man sich so arrogant verabschiedet, wie die FTD das getan hat, dann war das vielleicht auch alles nicht so falsch.

“Ja, aber die FR!”

Ja, die FR bedauer ich auch, wobei ich die auch nur online gelesen hab. Aber hier gilt das natürlich auch: Wer liest die noch, wo ist der Leser. Und damit meine ich eben kein blindes hinterherrennen irgendwelcher Marktforschungs-Ergebnisse, sondern Intuition. Gespür für den Leser, für den Markt. Das war wohl nicht gegeben. Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, das es zuerst die Berliner Zeitung erwischt, aber nun ja. Wenn man am Leser vorbeischreibt, dann kann man nicht bestehen, so leid mir das auch tut.

“Ja, aber die PRINZ!”

Hahahahahahahahahaha. Das letzte Mal, dass ich in die PRINZ geguckt hab, war das ein Gutscheinkatalog mit Partybildchen. Nichts mehr an Originalität, keine Meinung mehr, nur noch MaFo, MaFo, MaFo und dem Anzeigekunden in den Arsch kriechen. Sorry, aber warum gab es die überhaupt noch so lange?

Das sind eure Argumente für den Tod der Zeitung, für das Ende von Print? Da müsst ihr aber noch eine gehörige Schippe drauflegen, um mich zu überzeugen. Und viele Andere auch. Ich weiß natürlich auch ehrlich gesagt nicht, warum so viele im Internet sich wünschen, das gedrucktes stirbt. Es nimmt dem Netz nichts weg. Und so viele Baumschützer gibt es nicht mal online. Aber, liebe Leute: Get over it. Print bedient etwas, was das Netz nicht bedienen kann. Ja, es werden noch andere Zeitungen und Zeitschriften sterben. Es geht vielen schlecht. Und das große Auflagenwunder vergangener Jahrzehnte ist vorbei. Der Markt wird dünner. Aber er wird niemals verschwinden. Was eine Zeitung (in der analogen Welt) kann, kann nur eine Zeitung. Ich werde zumindest niemals eine Ecke meines Handys abreissen, um einen Kaugummi reinzupacken. Eine Telefonnummer auf meinen kindle kritzeln. Einen Tag später ausführliche Texte im Netz suchen zu Nachrichten, die ich da einen Tag vorher gelesen habe (wenn ich nicht drauf hingewiesen werde). Oder am Frühstückstisch meiner Eltern mit einem iPad sitzen.

- Fernsehen

Auch hier: Totaler, seltsamer Hass von Menschen, die sich stolz damit brüsten, gar keinen Fernseher mehr zu haben. Und die rufen es in die Welt hinaus: Fernsehen ist tot, braucht keiner mehr, Volksverdummung, blablabla. Regen sich aber dann über jeden TV-Beitrag über das Internet auf, der tendenziell negativ ausfällt. Wald? Hineinruft? Herausschallt?

Wenn man sich das Netz ansieht, hat man es beim Fernsehen immer noch mit dem Leitmedium Nummer 1 zu tun. Auf Twitter wird gemeinsam Tatort oder “Bauer sucht Frau” geguckt, bei Facebook versammelt man sich auf Fanpages über das Dschungelcamp und auf vielen Blogs lese ich Artikel über Dexter, Game of Thrones, Misfits oder die Big Bang Theory. Alles Fernsehen. Die Mediatheken der Sender laufen heiss, wenn eine neue Folge “Roche und Böhmermann” online geht und Zattoo dürfte zu internationalen Fussballturnieren einen deutlichen Download-Anstieg verzeichnen. Alles Fernsehen. Piraten lassen sich regelmässig zu Lanz oder anderen Talkern einladen. Bei Protesten vor dem Brandenburger Tor werden ZDF-Journalisten via Twitter beschimpft, weil sie zu wenig oder gar nicht berichterstatten, was so vielen berichterstattungswürdig erscheint. Und auf SpOn wird jede Talkshow am nächsten Tag besprochen. Alles Fernsehen.

Sieht so ein totes Medium aus?

Was ich nie kapiere ist: Das Wirkprinzip von Fernsehen ist ein komplett anderes, als das vom Netz. Die einzige Gemeinsamkeit sind laufende Bilder. Beim einen Medium als Default, beim anderen als Option. Das war es aber auch. Fernsehen ist eines der passivsten Medien, die es gibt, was gleichzeitig auch die Erklärung für seinen großen Erfolg ist. Ich muss nichts anderes tun ausser umschalten. Immer läuft irgendwo, irgendwas. Etwas läuft, was ich immer weiter laufen lassen könnte. Ich muss nichts tun. Nun mag es auch im Netz Seiten geben, die mir unendlich viele Videos hintereinander vorspielen, aber die sind eher selten. Und da ist das “umschalten” auch nicht so einfach, erfordert einen Mausklick, der sich aber vorher genauer mit dem Inhalt beschäftigen muss, damit ich überhaupt weiss, wo der Klick hingehört, wo der Link ist. Alles schon wieder viel zu viel Aktion. Ja, Fernsehen ist ein faules Medium. But guess what: Das ist sein Erfolg.

Warum also den Tod des Fernsehens herbeisehnen? Welchen Teil des Internets stört das Fernsehen? Ja, Fernsehen ist ein Medium, das primär “von oben herab” sendet. Die lassen sich die Inhalte nicht so leicht diktieren, wie irgendwelche Blogger oder im Zweifelsfall noch News-Seiten, das pisst viele an. Na und? Noch kein Grund zur Abschaffung oder kein Anzeichen des Untergangs. Diese ganzen schlauen Medienpropheten, die dem TV seine baldige Abwesenheit prophezeihen, vernachlässigen alle Umstände und stellen ihre eigene Sichtweise als Vision auf. Fernsehen muss auch nicht allen gefallen, das ist in Ordnung. Niemand kann gezwungnen werden, einen Fernseher zu besitzen. Auch okay. Aber einen gesunden Patienten, der hier und da ein paar Zipperlein hat, deswegen gleich für Tod zu erklären? Das ist wie bei “Ritter der Kokosnuss”, als der den Alten auf seiner Schulter zum Wagen rausbringt, auf dem die Toten gesammelt werden und der Alte ruft: “Lass mich runter, ich bin gar nicht tot, ich will spazieren gehen!”.

Das Fernsehen ist durchaus kritikwürdig. Heutzutage läuft da sehr viel Scheisse. Und das müsste nicht sein. Auch hier wieder: Marktforschungsoptimierte Programme sind ein Graus. Und die Verarschung und Vorführung von Leuten im Privatfernsehen in Formaten wie “Bauer sucht Frau” oder “Schwer verliebt” ist zum kotzen und soll allen Verantwortlichen ein fieses und fettes, haariges Furunkel am Arsch wachsen lassen. Aber Fernsehen darauf zu reduzieren, ist wie zu sagen: Das Internet ist vor allem Kinderpornographie. Reine, alberne Demagogie.

Ich freu mich schon, wenn irgendein Shoppingsender schliesst und dann online zu lesen ist: “Das große Fernsehsterben beginnt!”

- Radio

Warum lese ich eigentlich so wenige Rants gegen das Radio? Weil viele “Wortführer” im Netz von da kommen? Weil man das im Auto zur Arbeit noch braucht? Weil Podcasts nichts anderes sind?

Das finde ich erstaunlich. Die große Kritik am Medium Radio, die Rufe über ein “totes Medium” oder für “Kein Grundrecht auf Rundfunk” sind doch eher seltener Natur. Ich muss ehrlich gestehen, das mir das von allen Medien eigentlich am egalsten ist. Ja, ich höre gerne Domian, aber den kann ich ja auch gucken. Ich freu mich auch wenn ich mal einen guten, mir unbekannten Song im Radio höre - verfluche aber auch die Radiomacher dafür, es mir extra schwer zu machen, herauszufinden was ich da genau gehört habe. Ja, ich kann das online nachgucken, aber wie schön wäre es, wenn ich keinen Mediensprung machen müsste und mir einfach geSAGT würde, was ich gerade gehört hab? Max Goldt schrieb mal sehr schön sinngemäss über Radio, dass er niemand bräuchte, der ihm sagt, was für eine gute Stimmung er nun haben müsse, dass er seine Laune ganz gut selber im Griff hätte, er aber bei guter Musik immer gerne wissen würde, was er denn da nun gehört habe.

Radio ist das vielleicht schlimmste Opfer des Marktes, weil man hier (meine ich mich zu erinnern) irgendwie nicht so richtig “Quoten” messen kann und sich deswegen nur auf Zahlen gestützt wird, die irgendein Unternehmen im Quartal produziert, basierend auf Umfragen etc. Da wirds dann ganz abenteuerlich. Und alle Sender halten sich sklavisch an diese Zahlen, so wie es auch alle Werbekunden tun. Deswegen hat man beim Gros der Sender heute nur noch Jingle-Geballer und “Das Beste von Früher, Heute, Morgen und Niemals” oder so am Start.

Wie gesagt: Ich brauche Radio nicht unbedingt als Medium, zu selten sind unsere Berührungspunkte. Aber es gibt viele Menschen, die gerne Radio hören. Die jeden Morgen im Stau auf dem Weg zur Arbeit stehen und da gerne David Guetta hören, oder irgendwas Anderes, was sie vielleicht nicht selber auf CD haben. Oder die hören wollen, wo Stau ist. Oder auch Menschen, die dann zu Hause klassische Musik hören oder Hörspiele oder Reportagen. Es gibt Radiohörer und es soll sie geben. Radio nimmt meinem Medienkonsum nichts weg, gar nichts. Warum sollte ich also dagegen sein, warum sollte ich permanent rufen “Radio stirbt” und wenn dann nach fünf Jahren wirklich mal ein Lokalsender zu macht direkt rufen: “Seht ihr! Ich habs gesagt: Radio stirbt! Und das war erst der Anfang! Alle Anderen werden folgen! Radio stirbt, weil es unmodern ist!”

Warum rufen Menschen so was? Warum diese Verbitterung, diese Unentspanntheit?

Es gibt Tage, an denen kotzt mich das Internet an. Da bleibt man in irgendwelchen Kommentarspalten großer Zeitungen stecken oder liest dämliche Verschwörungstheorien oder klickt aus Versehen auf einen Broder-Artikel oder wundert sich über all den unreflektierten Hass und die Grabenkämpfe allerorten. Wundert sich, wie man dem Menschenbild, das im Netz konstruiert wird, jemals entsprechen soll. Wundert sich über das plötzliche aufpoppen eines Fettnäpfchens, das man nie als solches wahrgenommen hat, man aber gleich abgewatscht wird mit der Haltung, das man es schon immer hätte kennen müssen - denn es steht ja im Netz. Diese Tage frustrieren mich. Mich, der ich das Netz immer als tolles, fantastisches Medium propagiere. Als spannende Welt, als Meinungskanal, als vollkommen neue Möglichkeit des publizierens. Als spannenden Pool verschiedener Sichtweisen. Der leider oftmals dann aufhört, wenn die Meinung eine Andere ist.

Und dann klapp ich den Computer zu. Und mach den Fernseher an. Oder lese ein Videospielmagazin wie die “M!” oder das Rapfachblatt “Juice”. Oder ein Buch. Und denke:

Hach. Auch schön.



Warum ich mir eine (vermutlich) einmalige Gelegenheit entgehen lasse.

Fernsehen ist ein seltsames Geschäft. Hier geht es vor allem um Aufmerksamkeit. Wenn man nicht läuft, findet man nicht statt. Und es ist natürlich immer noch das Topmedium Nummer 1. Ich hab das zum Beispiel merken dürfen, als ich dieses Facebook-Gruppen Buch bei Langenscheidt geschrieben habe und damit beim Sat1 Frühstücksfernsehen war. Eine Sendung, die ich immer sehr als Nebenbei-TV wahrgenommen habe. Was nicht mal böse gemeint ist, aber der Name Frühstücksfernsehen impliziert das ja schon.

Da habe ich dann in aller Herrgottsfrühe in zwei sehr kurzen Interviews von dem Buch erzählt. Und dann? Dann bekam ich den Anruf, das man den Verkäufen auf Amazon gerade zugucken könne, wie sie nach oben steigen. Wegen dem einen verpennten Auftritt! Das fand ich krass und hat mir wieder mal gezeigt, das Fernsehen einfach das Leitmedium ist. Und es macht mir dazu auch noch wahnsinnig viel Spaß, Fernsehen zu machen.

Nun sollte man also, gerade in meinem Job, darauf achten dort immer stattzufinden. Zumindest so oft wie möglich oder so breit aufgestellt wie möglich. Und damit kommen wir auch schon zu dem Konflikt, mit dem ich mich seit Tagen rumplage: Ich habe eine sehr interessante Anfrage bekommen, die ich noch vor ein paar Jahren ohne mit der Wimper zu zucken sofort zugesagt hätte. Und zwar zu “Günther Jauch“. Das ist quotenstark, das ist ein toller Sendeplatz, das ist eine Sendung, über die man auch am nächsten Tag noch spricht. Grundsätzlich ist es also super, dort mit auf der Bühne zu sitzen, vor allem wenn die Währung “Aufmerksamkeit” so wichtig ist. Ausserdem mag ich Jauch und fänd es cool, den mal zu treffen. Ich hab mich aber trotzdem (nach zwei Tagen schwierigem hin und her überlegen und abwägen) zähneknirschend dagegen entschieden. Warum?

Das Thema wird “Digitale Demenz” sein und natürlich wird Manfred Spitzer, Autor des gleichnamigen Buchs, auch Gast sein. An seinem Buch, an seinen Thesen wird es sich abzuarbeiten gelten. Nun ist darin wohl vieles sehr scharf formuliert, zumindest entnehme ich das den Antworten, die der Hirnforscher in letzter Zeit in diversen Talkshows gibt. Und natürlich hat der da in ein Wespennest gestochen, vor allem weil sich der Titel seines Werks ja auch noch auf unsere Kinder bezieht. Da steht unter dem griffigen Titel als Unterzeile: “Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen”. Ja, die armen Kinder! Wir verblöden sie gleich mit!

Ich habe das Buch nicht gelesen, ich werde es auch nicht lesen, aber alles, wirklich ausnahmslos alles, was ich davon mitbekomme, ist meiner Meinung nach technologiefeindlicher Blödsinn, der wissenschaftlich diffuse Ängste bedienen will, die Eltern haben, die sich mit neuen Medien (ich fühl mich langsam ehrlich gesagt lächerlich, Netz und co noch “neu” zu nennen, aber meh) nicht auskennen und noch nicht beschäftigt haben. Spitzer pauschalisiert alles, schert alle über einen Kamm und erzählt seit gefühlten 27 Talkshows die Anekdote, wie sein Sohn sein iPhone in den Müll geworfen hat, weil er keine Lust mehr drauf hatte (und weil es wohl kaputt war…). Nun, alles gutes Futter für eine Diskussion. Ein Thema, für das ich brenne und Thesen, die ich gerne in der Luft zerreissen würde. Ich geh aber trotzdem nicht hin.

In dieser Runde, in dieser Konstellation kann ich nur verlieren. Natürlich kenn ich mich aus, weil es um meine ganz persönliche Lebensrealität geht. Ich hab aber keine Studien auswendig zur Hand und ich werd einen Teufel tun, mich mit einer Zettelwirtschaft bewaffnet in ein Fernsehstudio zu setzen, nur um einem ignoranten Mann genug Gegenthesen zu liefern, die er dann spontan sowieso nicht akzeptieren würde. Ich hab mir den jetzt in zwei Sendungen (N3 Talkshow, ZDF LogIn) genau angesehen und komme zu dem Fazit: Spitzer geht es zu keinem Zeitpunkt um eine Diskussion, genausowenig wie es ihm um eine Lösung geht. Spitzer geht es wahrscheinlich nicht mal so sehr um unsere Kinder. Spitzer geht es nur um eins: Sein Buch zu verkaufen.

Das er mit dieser Strategie gut fährt, beweisen ihm die Spiegel Bestseller Listen, die er seit dieser Woche anführt. Da will man nicht so schnell runter und das bisschen Restsommerloch kann man ja noch nutzen, dort auch an erster Stelle zu bleiben. Und so poltert er wohl weiter lautstark durch diverse Shows und brüllt wie zuvor jeden nieder, der anderer Meinung ist als er. Wirft Menschen ausgedachte Lobbytätigkeiten vor und beschimpft sie als ahnungslos. Behauptet Medienkompetenz wäre egal (!!!) und es ginge nur um Wissen und kapiert zu keinem Zeitpunkt, wo die eigentlichen Probleme liegen. Darum geht es ja auch nicht. Die Studien, die er alle ausgesucht hat, sind alle gut und seriös, alle Studien die etwas anderes behaupten sind schlecht und unseriös. Es muss eine schöne Welt sein in Spitzers Kopf. (All das basiert auf seinem Auftritt bei ZDF login, oben verlinkt)

Nun, dem Mann ist an keiner Diskussion gelegen, klar, sonst müsste er ja sein eigenes Buch anzweifeln, das er gerade verkaufen möchte. Er ist so eine Art Hirn-Sarrazin: Ich habe recht, sie sind alle blöd. Und mit dem soll ich mich in eine Sendung setzen? Von dem soll ich mich anschreien lassen, als blöd verkaufen lassen? Von dem soll ich mir Studien zitieren lassen und mich als ahnungslos oder vielleicht auch als Lobbyist hinstellen lassen? Ich soll dem, als vermeitliches “Opfer”, indirekt helfen auch nur ein weiteres seiner offensichtlich panikschürenden Bücher zu verkaufen? Ich soll der kleine, junge, unwissenschaftliche Trottelnerd sein, der ja nicht weiß, was er sagt?

Ich hab mich wirklich gefreut und war ein bisschen stolz, bei Jauch eingeladen zu werden. Wirklich. Das ist mir eine sehr große Ehre. Aber nicht für diesen Preis. Ich diskutiere nicht mit einem Verweigerer eines Mindestmass an sozialem Miteinander. Ich diskutiere nicht mit so einem Verkäufer. Und erst recht nicht mit solch einem Fundamentalisten. Ich diskutiere nicht mit einem Wissenschaftler, der nicht diskutieren will oder kann. Sorry Günther! Aber danke! Und viel Glück!



Stichwort: Eigene Nase

Die Diskussion um Sven Regener. Die Diskusion um die 51 Tatort-Autoren, die ein Pamphlet unterschrieben haben. Die Diskussion um die Piraten, um Christopher Lauer als deren mediales Sprachrohr. Die Diskussion um Schlecker. Die Diskussion um eine Urheberrecht-Erneuerung. Die Diskussion, das es nicht um eine Urheberrecht-Erneuerung gehe, sondern um eine Verwertungsrecht-Erneuerung. Die Diskussion um den EffZeh. Die Diskussion um die FDP. Die Diskussion um Gender Gedöns. Die Diskussion um die neue Madonna-Platte. Die Diskussion um Netzneutralität. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht. Die Diskussion um Vergütung. Die Diskussion ums Zitatrecht. Die Diskussion um die Banken. Die Diskussion um die NPD. Die Diskussion um Homöopathie. Die Diskussion um einen Lynchmob. Die Diskussion um die Ethik der Presse. Die Diskussion um die GEZ. Die Diskussion um Zensur. Die Diskussion um Verantwortung. Die Diskussion um die Diskussion um Verantwortung.

Ich werde mit gutem Beispiel voran gehen und mich einfach mal aus den kommenden Diskussionen raushalten. Zumindest bei Facebook und Twitter. Ich habe das Gefühl, dass zu viel Zeit und Energie dafür drauf geht, zu versuchen einen Ton zu finden, mit dem alle etwas anfangen können und verschiedene Positionen abzuwägen, nur um mich dann nachher doch wieder von der einen oder anderen Seite beschimpfen zu lassen. Und ich merke, wie mir das schlechte Laune macht, wenn mir wildfremde Menschen mehr oder weniger “ICH HABE VERDAMMT NOCHMAL DISKUSSIONSKULTUR, DU NICHTSWISSENDER VOLLWICHSER!”, wenn auch manchmal durch die Blume, virtuell ins Gesicht schreien.

Ich diskutiere gerne. Ich stelle auch meine Meinung gerne zur Disposition, wenn jemand kommt und mich davon überzeugt, das ich mich irre. Nur passiert das in den häufigsten, nein, eigentlich in allen Fällen nur, wenn mein Gegenüber ruhig, besonnen und fundiert argumentiert und nicht wenn er am lautesten grunzt. Und stellt euch mal vor: So geht es den meisten Menschen. Ich verstehe nicht, wie man denken kann es sei von Erfolg gekrönt, wenn man jemanden, den man von seiner Position überzeugen will, mit Häme, Spott, Zynismus und Ironie überzieht. Oder um es kurz zu machen: So nicht.

Der Ton im Netz ist nicht rauer geworden, er ist vor allem unschärfer geworden. Hauptsache draufknüppeln. Und Ohren zu halten und gleichzeitig “Lalala, ich kann dich nicht hören!” rufen. Das ist aber keine Diskussionskultur, das ist Bullshit. Respekt ist ein Fremdwort, weil im Netz alle körperlos sind. Deswegen sind alle immer auf Augenhöhe. Und deswegen freuen sich alle, wenn zum Beispiel Erika Steinbach, die nicht zu ertragende Vorsitzende des Bunds der Vertriebenen, oder wie der heisst, plötzlich auf Twitter ist, weil ihr dann jeder schreiben kann, wie doof und blöd und scheisse er sie findet, anstatt konkret und gezielt zu kritisieren. Wie traurig ist das eigentlich? (Ich hab auch zwei, drei Versuche mit ihr zu diskutieren auf Twitter miterlebt und die Frau ist wirklich beratungsresistent und auch nicht diskussionsfähig, aber da hielte ich dann konsequentes Ignorieren für die schlauere Wahl als permanentes Dissen…but maybe that´s just me)

Geil sind auch Menschen, die in Kommentaren aufschlagen, alles vor ihnen kommentierte ignorieren, weil sie keine Lust haben das zu lesen und eine Diskussion im Zweifelsfall im Keim ersticken, weil sie nochmal von vorne ansetzen, obwohl die stattfindende Auseinandersetzung schon längst viel weiter ist. Wie arrogant ist das bitte?

Ich hab da keine Lust mehr drauf. Wie gesagt, da muss jeder seine persönlichen Konsequenzen ziehen. Für mich bedeutet das zwar kein völliges einstellen meiner sozialen Netzwerkaktivitäten, aber eine deutliche und drastische Reduzierung. Auch wieder mehr bloggen. Vielleicht. Und sicher nicht (nur) über tagespolitische Themen. Im Gegenteil. Wieder offener, frischer, neuer, persönlicher werden.

Ich kann dem ganzen Hass auf der Welt, all dem Schlechten und den Bösen, den Strippenziehern und Lobbyisten, die sogar ihre Oma für ihre Sache verkaufen würden, nur eins entgegensetzen: Eine dicke Umärmelung. Das ändert nicht viel, aber im Kleinen schon.

Zusammengefasst: Ihr änder nichts, n i c h t s, wenn ihr Menschen direkt hart angeht. Die machen dann sofort zu. Ist so. Jetzt kommt mir nicht mit “If you can´t stand the heat…” oder “Wir haben halt keine Lust es zum 1000. Mal zu erklären…” oder “Ist halt Internet” oder “Naja, ist vielleicht ein bisschen ruppig, aber sonst…”, denn das ist alles Bullshit. Schutzbehauptungen, nennt das glaube ich der Jurist. Und wenn ich jemand in aller Ruhe einen Sachverhalt, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin (bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt :)), noch zum eine Millionsten Mal erklären muss, so sollte ich das auch genauso tun. Als wenn ich es zum ersten Mal erklären würde. Denn wie arrogant kann ich sein, zu erwarten, das es jeder mitbekommen hätte, wenn ich irgendwas gesagt habe?

Ich halte das Netz für einen der spannendsten Orte ever, aber die Entwicklung, die das gerade nimmt, ist falsch. Vom Diskussionsmedium zum Shitstorm-Tourismus. Nein Danke, ohne mich.

Ohne Menschen wäre das Netz nichts. Also holen wir sie wieder zurück.

Epilog: Während ich mich noch mit diesem Text hier rumquäle, drin rumeditiere und unsicher bin, auf “Veröffentlichen” zu drücken, kommt via Malte Welding plötzlich dieser Text von Dietrich Brüggemann reingetrudelt und ich lese den und mein Grinsen wird von Zeile zu Zeile breiter und am Ende denke ich: “Wie toll! Da hat jemand schon meinen Text gelesen, bevor ich den veröffentlicht habe.”

Was natürlich Quatsch ist, aber beweist: Ein Umdenken findet statt. Wir lassen uns das Netz nicht von Miesepetern wegnehmen oder okkupieren. Willkommen in der Bewegung: “Netz mit Herz”. Ne, das klingt irgendwie nach Musikantenstadel. “Heartweb”. Ne, auch nicht. Das könnte so eine 90er Jahre-Single vom Captain Hollywood Project sein. “Web of love”? Deutlich zu esoterisch. Ich glaub, ich habs: “Heart Nerds!”! Abgekürzt “<3N”. Juchuh! Sofort mal Buttons machen.



Lieber Sven Regener,

ich schreibe dir diesen Brief als Antwort. Auf deinen Rant beim BR/Zündfunk. Ich hab versucht, dir eine Antwort aufzunehmen, als Podcast, weil es mir die logische Reaktion auf dein frei gesprochenes Telefonat schien. Aber die Diskussion ist vermutlich zu wichtig, um sie mit Schaum vor dem Mund zu führen. Deswegen dieser Brief.

Ich schreibe diesen Brief aus zwei Positionen:

1.) Künstlerfreund.
Ich habe sehr viele Freunde und Bekannte, die Musik machen bzw. sogar davon leben. Ich hatte ja auch selber mal eine Band und wir haben zwei Alben bei einem Sublabel (Königshaus) des Majors WEA damals rausgebracht und zwei Deutschlandtourneen gespielt. Alles übrigens recht erfolglos, aber mit unglaublichem Spass. Eine Zeit, die ich auf gar keinen Fall missen möchte. Im Gegenteil: Ich denke immer noch recht häufig über eine Reunion nach und eine weitere Tour. Nur noch einmal dieses lustige Rock´n´Roll-Leben mitmachen, das wärs. Man kann also von einer grundsätzlichen Künstlersympathie und -empathie bei mir ausgehen.

2.) Internetfreund
Seit ich ins Netz schreibe, hat das so viel mit und für mich gemacht. Und um mich herum verändert, sogar in mir. Ausserdem habe ich es schätzen gelernt als einen Ort nicht enden wollender Zerstreuung (okay, das ist nicht immer gut, aber sei´s drum), offen zugänglicher Information (die man auch erstmal lernen muss zu filtern) und überbordender Kreativität und Freiheit. Im Netz kann jeder sein und machen, was er will. Das ist ein unglaublicher Platz, eine unfassbare Freiheit. Das ist im Prinzip die ultimative Kreativität. Das zieht natürlich jemanden wie mich, der sich nie festlegen konnte, was er am liebsten macht oder machen will, natürlich magisch an.

Man müsste also erstmal meinen, das ich zwischen den Stühlen sitze. Das ich genau dazwischen bin. Denn wenn man die Diskussionen um ein neues Urheberrecht, über neue Vergütungsmodelle und -Kriterien für Künstler in Zeiten des Internets oder nur mal die größtenteils erstaunlich argumentarme Diskussion über die Rolle der Gema für Musiker und Hörer verfolgt, dann scheint es nur zwei Positionen zu geben. User, die raffgierig alles umsonst haben wollen und Künstler, die halb verhungert auf der Strasse sitzen, weil niemand ihre Musik kauft. So falsch die beiden Bilder sind, so sehr kann ich beide Seiten verstehen.

Das Netz (eine per se schon schwierige Pauschalisierung, das ist als wenn du sagen würdest: “alle Menschen, die heute schwarze Socken tragen” oder “jeder, der Klopapier benutzt”) hat Angst um seine Freiheit. Das ist in manchen Fällen Hysterie, in anderen berechtigte Sorge. Klar ist, das dieser Ort frei sein muss, sonst funktioniert es nicht. Facebook beispielsweise hat für viele Menschen eigentlich schon den Stellenwert des Netzes eingenommen, die bewegen sich kaum da raus. Dennoch merken sie, wie schnell sie an ihre Grenzen stossen, wenn zum Beispiel ihr Name für ein Pseudonym gehalten wird (oder tatsächlich eins ist) und sie sich komischen Tests unterziehen müssen oder direkt ihren Perso scannen und an Facebook schicken. Da wird jedem klar, das das mit Freiheit nicht wahnsinnig viel zu tun hat. So weit, so gut. Schön, wenn man das noch merkt.

Das Urheberrecht, das alte, das nun auf das Netz angewendet wird, kannte das Internet gar nicht und konnte sich das auch nichtmal vorstellen. Und macht es dadurch zu einem unfreien Raum. Und damit meine ich nicht die Freiheit Songs zu “klauen” oder so. Aber die Freiheit Songs auf YouTube zu gucken, um sie danach eventuell zu kaufen, wenn sie mir gefallen haben und ich mehr davon will, die wird mir genommen. Und das ist irgendwie schade, denn eine große Stärke dieses Netzes ist es, das ich solche Sachen wie Songs, zumindest theoretisch, jetzt vorher hören kann, bevor ich sie kaufe. Das ist ja irgendwie voll gut.

UPDATE: Weil die Diskussion hier und auf Facebook in den Kommentaren aufkam, hier zur Sache: Der obige Absatz ist ein bisschen verwaschen, da hab ich mich zu sehr von so einer Wut leiten lassen. Das Urheberrecht hat erstmal nix mit der Gema/YouTube-Problematik zu tun. Nicht direkt. Das Urheberrecht soll dazu da sein, das der Urheber entsprechend entlohnt wird, also die Rechte an seinen Werken hat und hält. Und das am Besten überall, in und auf jedem Medium. Videos, die bei YouTube nicht zu sehen sind, werden nicht von der Gema gesperrt - um das nochmal klipp und klar auszusprechen - sondern von YT/Google in einer Art vorrauseilendem Gehorsam (und formulieren es dann extra so schwammig das man, ohne die Hintergründe zu kennen, meinen könnte die GEMA würde Videos sperren - Bad Move YT! Von wegen “Do no evil!”…). Das sich beide Parteien endlich einmal einigen müssen, gerade im Interesse der Künstler, liegt aber auf der Hand. Also, der Künstler die das wollen. Die Anderen können ja das, was sie dann mit YT-Views verdienen, spenden :) Weitere Infos zu dem Gema/YT-Konflikt, sehr viel detaillierter und versierter zusammengetragen, hier bei Spreeblick. Weiter im ursprünglichen Text:

Nun sagst du, das YouTube dafür zahlen soll, das sie Videos abspielen und das ist auch irgendwie richtig. Da muss man sich wohl auf einen fairen Preis einigen. Dann kommt noch das “die gehören nämlich zum bösen Google!”-Argument schnell hinterher, um zu rechtfertigen, das die ja auch das nötige Kleingeld dafür hätten. Das macht dein Argument leider wieder ein bisschen madig. Weil natürlich Google ein Konzern ist der natürlich Geld verdienen möchte. Welch Überraschung. Und das die alle lieber auf ihrem Geld sitzen, anstatt es auszugeben, ist irgendwie auch nicht die Nachricht der Woche. Aber Fakt ist, das die sich endlich einigen müssen. MÜSSEN. Es kann nicht sein, das wir das einzige Idiotenland sind, in dem man keine Videos gucken kann, weil sich zwei bockige Parteien nicht einigen können. Denn wer leidet darunter? Also, ausser den Labels, denen eventuelle Einnahmen entgehen? Na klar, die Künstler. Deichkind haben sich erst vor kurzem öffentlichkeitswirksam darüber beschwert, das ihr Video gesperrt wurde. Man mag von der Gema halten, was man will. Ich hab die von meiner Künstlerseite aus immer als einen sehr entgegenkommenden Verein erlebt, wo man auch mal mit ungewöhnlichen Fragen anrufen konnte und die haben stets versucht, mit dem Künstler zusammen eine Lösung zu finden. Aber was die da jetzt machen, das geht nicht. Diese Bevormundung. Einem Künstler nicht zu erlauben, selber darüber zu verfügen, was mit seiner Musik passiert, das geht einfach nicht. Wenn ein Artist dann eben in Kauf nimmt, kein Geld durch YT-Plays zu verdienen, dann soll man ihm doch auch bitte dieses Recht einräumen, oder nicht?

Damit kämen wir auch schnell zu deinem anderen Argument, das es “uncool” sei, sich gegen Downloads etc. in der Öffentlichkeit zu positionieren. Du sagst das vor allem junge, kleine Labels die Schnauze halten, weil sie Angst haben als “uncool” wahrgenommen zu werden.

Dicker. Das müssen wir jetzt aber nicht auseinanderklambüsern, oder? Das ist natürlich Unsinn. Gerade junge Labels nutzen das Netz wie niemand anders und wissen um seine Wirkmechanismen. Und weisst du woran das liegt? Die haben keine Angst, die sind damit aufgewachsen. Die sind anders sozialisiert. Die kennen das nur so. Für die ist das Internet ein selbstverständlicher Raum. Im Privaten wie eben auch im Beruf. Deswegen nutzen die das so, wie sie es tun. Das du Angst davor hast, okay. Aber wir helfen dir gerne, die abzubauen. Ehrlich.

Ich empfinde deine Argumentation, nach einem Blick auf die Element of Crime-Karriere auf der Wikipedia, mit Verständnis. Du bist seit 27 Jahren Major-Act. Da kann man den Blick für das ausserhalb der Blase schonmal verlieren. Das kann man dir nicht verübeln. Denn, ja, ich hab auch schon Diskussionen im Netz geführt, tatsächlich auch zum Großteil mit Piraten, die der Meinung waren, das Künstler doch mit touren und Merchandise Geld verdienen könnten. Das ist natürlich himmelschreiender Blödsinn. Selbstverständlich müssen Künstler mit ihrer Kunst Geld verdienen können. Das sich Musiker nun die am verhältnismässig leichtesten reproduzierbare Kunst dabei ausgesucht haben, ist ein doofer Zufall. Das darf ihnen aber nicht zum Verhängnis werden. Es müssen neue Vergütungsmodelle gefunden werden, von denen ganz klar alle Beteiligten profitieren. Die User und die Hersteller. Das ist nicht einfach und man hätte schon vor sehr langer Zeit damit anfangen sollen, sich diese Gedanken zu machen. Es ist erst jetzt so weit. Nun gut. Aber dann machen wir doch das Beste draus.

Michael Seeman, ein Netzdenker, hat heute auf Twitter - auch mit Bezug auf deinen Rant - geschrieben:

“der grundfehler der urheberrechtsdebatte ist die fixe idee, die gesellschaft sei den künstlern ein funktionierendes geschäftsmodell schuldig”

Ich weiß nicht, wie sehr er damit Recht hat. Ich denke nicht zur Gänze, denn auch der Gesellschaft sollte an fairer Entlohnung für geleistete Arbeit gelegen sein, aber er hat einen wichtigen Punkt: Anstatt immer zu fordern, dass sich jetzt alle mal Gedanken machen sollen, wie sie Musiker richtig bezahlen können, könnten diese sich doch auch einmal zusammensetzen und selber drüber nachdenken. Oder? Denn vom nachplappern dessen, was einem die diversen Lobbyverbände seit Jahren einflüstern, wird sich niemand ein Brötchen kaufen können. Das ist nur einzementierung des Status Quo.

- Anstatt immer gleich den Gesetzgeber anzurufen, könnte man doch auch mal versuchen dem User entgegenzukommen.

- Anstatt jeden Downloader als Schwerverbrecher oder mindestens Ladendieb hinzustellen, könnte man doch mal auf der eigenen Festplatte gucken ob jedes Logic-PlugIn, mit dem man da seine Musik produziert, jedes Stück, das man da hört, ob das alles rechtmässig gekauft ist.

- Anstatt zu versuchen, so viele Menschen wie möglich zu kriminalisieren, könnte man doch versuchen ihnen in Ruhe zu erklären, warum es cool ist, für ein Musikstück zu zahlen.

- Anstatt zu klagen, wie wenig Geld nur noch beim Künstler ankommt, könnte man doch mal die Labels fragen, ob immer noch so viel wie bei einer CD-Produktion bei ihnen hängenbleiben muss. Oder die Gema, ob ihr Verteilungsschlüssel nicht überaltert und unfair ist.

Es gäbe so viele Ansätze, Künstlern zu helfen zu ihrem verdienten Brot zu kommen. Lass sie uns suchen und versuchen. Bis wir den oder die Richtigen gefunden haben.

Musik wird es immer geben. Lass uns ein faires Business drumherum bauen.

Leg die Scheuklappen ab, Sven.
Es lohnt sich.

Ahoi,
dein Nilz.



Schlechte Menschen

Ich kotze. Ich kotze im Quadrat. MIch kotzt es total an, das man denen das einfach so durch lässt. Kein einziger Politiker hat Konsequenzen seines Handelns zu befürchten. Nur so Konsequenzchen. Ja, gut, wenn man Scheisse gebaut hat und erwischt wurde, dann gibt man halt großgestig irgendwelche Scheissposten ab, aber sagt dann noch schnell nuschelnd hinterher, das man den Moneyjob behält. So wie Koch-Mehrin, die den ganzen Vorsitzquatsch, der eh nur zeitraubender Prestigestuss war, mit lautem Tralala abgegeben hat, aber immernoch da im Parlament sitzt, um uns zu vertreten. Eine überführte Betrügerin! Vertritt uns in Europa. Vielen Dank. Weil sie sagt: Nein, ich bleibe hier. Und keiner geht zu ihr hin und sagt: Du Silvana, schwing doch mal deinen Arsch hoch und sieh zu das du hier weg kommst, um mal wenigstens jetzt, wenn es auch eigentlich zu spät ist, noch ansatzweise so was wie Anstand zu zeigen.

Und solche Fälle gibt es ja zu Hauf. Man nennt das ja dann immer so niedlich “am Pöstchen kleben”, als wenn es um so kleine Kinder gehen würde, die nicht in den Kindergarten wollen (oder später nicht mehr aus dem Kindergarten nach Hause). Das ist ein totales Problem. Denn das ist nicht niedlich. Das ist unverschämt. Und moralisch nicht fragwürdig, sondern komplett verwerflich. Mir ist dabei die Parteizugehörigkeit auch herzlich Wurst. Wenn jemand dessen überführt wurde, den moralischen Standards die er und/oder seine Partei hoch hält nicht zu genügen, dann hat dieser jemand zu gehen. Ganz einfach. Und vor allem: Keine Diskussion.

Womit wir ja wieder beim aktuellen Fall wären: Diese öffentliche Heul-Show von von Boetticher möchte ich nicht weiter kommentieren, die war schon schlimm genug. Aber zu sagen: “Ich trete als Landesvorsitzender zurück!”, damit in den Zeitungen steht “Er ist zurück getreten”, dann aber noch schnell klar zu machen, das man den Fraktionsvorsitz aber behalten (wollen) würde, das ist schon von einer besonderen Dreistigkeit, wie sie nur Politiker haben. Verdammte Scheisse, tritt zurück, wenn du Kacke gebaut hast! Und nicht so ein halber Showrücktritt! Oder welches Signal willst du uns vermitteln? War doch nicht so schlimm? Ist ja nicht verboten, also okay? Really? Was für eine arme Wurst.

Ich sag das gerne nochmal in aller Deutlichkeit: Ihr Politiker, die ihr Verantwortung übernehmen wollt, aber dann doch einzelne Posten behaltet, um euer Geld weiterhin in der Politik zu verdienen, ihr seid schlechte Menschen. Richtig schlechte Menschen. Nicht nur schlechte Vorbilder, schlechte Politiker oder schlechte Lügner. Ihr seid schlechte Menschen. Rundum. Und das verachte ich zutiefst, weil ihr das ganz bewusst seid, obwohl ihr es eben so bewusst nicht sein könntet.

Das Traurige ist nur, das diese Nachricht niemals bei ihnen ankommen wird. Aber ich musste das mal los werden.



Come on Schirmi! (Update 13:10 Uhr!!)

Are you fuckin serious? Ist es die Art Journalismus, die gute alte Zeitungen wie die F.A.Z. von dem ganzen Online-Dreck unterscheidet? Nämlich keine Ahnung zu haben, aber trotzdem dick drüber zu schreiben?

fazfail11

fazfail2

Ich will nicht kleinlich sein. Ein kleiner Fehler, meinetwegen. Okay. Aber so deutlich zu machen, das man über ein Thema schreibt, das einen weder interessiert, noch das man es sonderlich ernst nehmen würde, das find ich schon ein bisschen haarig. Hey, ihr MÜSST auch nicht drüber schreiben. Zwingt euch keiner zu, ehrlich. Ich weiss schon wie es in der Redaktion abging:

“Hey, hier ist so eine Videospielefirma oder so ein Quatsch, mach mal einer was dazu. Die machen Geld.”
“Geld?”
“Ja!”
“Okay, ich schreib mal irgendwas aus der Wikipedia zusammen.”
“Aber machs unauffällig, wir machen hier Qualitätsjournalismus!”
“Hehehe, der war gut! Essen geht auf dich heute!”

Und ZACK, schon steht der Artikel da. Hach, muss Festanstellung schön sein.

[via Dirk Steins]

Update:
Den ersten Fehler, nämlich die “Nintendo Playstation”, haben sie jetzt schon heimlich still und leise entfernt. Ich bin gespannt, wann sie sich um den zweiten kümmern. Wobei das natürlich schwieriger ist, weil man da inhaltlich umschreiben müsste. Ausser man wüsste einen populären Ego-Shooter, den man an die Stelle setzen könnte, wo jetzt gerade noch “World of Warcraft” steht…Hmmm…Schwer. Denn als erstes müsste man ja mal wissen, was das überhaupt ist.

Okay, ich lasse jetzt mal die Häme und Gehässigkeit und versuche an die Vernunft zu appelieren, falls das hier irgendein F.A.Z.-Mensch lesen sollte: Es stimmt einfach nicht was da steht. Das sage ich nicht aus Zocker-Eitelkeit, oder weil es unter Zockern tausende heimlich verabredeter Codes gäbe, die sowieso niemand von aussen verstehen kann. Darum geht es ausdrücklich nicht. Es geht hier um eine simple Genre-Bezeichnung. So wie “Komödie” oder “Kriegsdrama” oder wie “Jazz” und “Blues”, um nur einige zu nennen. “World of Warcraft” erfüllt zu keinem einzigen Zeitpunkt die Massgabe dafür, “Ego-Shooter” genannt zu werden, denn “Ego-Shooter” heissen Ballerspiele, die man aus der Ich-Perspektive spielt. Deswegen auch das “Ego”. Das ist aber bei WoW nicht der Fall. Das ist ein Fantasyspiel, in dem man seine Figur immer von aussen sieht, auch “3rd Person” genannt und das schiessen ist nicht das zentrale Spielelement, wie es bei einem “Shooter” (to shoot-schiessen) der Fall ist. Bei Warcraft geht es eher darum, irgendeine Fantasyfigur, die man sich zusammenbastelt, aufzuleveln, also grösser und stärker zu machen, indem man irgendwelche Aufgaben löst. Vorzugsweise im Team, deswegen auch diese grosse Online-Community. Deswegen wird “World of Warcraft” auch zu den “MMORPG” gezählt, ich will aber jetzt nicht zu fachchinesich werden. Fakt ist nur: Was in dem Artikel steht ist falsch und nachdem das jetzt schon mehrere Kommentatoren bemängeln, wird der Leser bewusst angelogen, denn mittlerweile wüsste man es besser. Wie man beim verbessern der “Playstation” ja auch gesehen hat.

Bitte, bitte ändert das. Ich kann sonst gar nix mehr ernst nehmen, was ihr schreibt, denn wenn ihr schon solch eklatanten Fehler in einem Text zu einem Thema macht, in dem ich mich auskenne: Wie schlimm müssen die Fehler sein, die ich nicht erkenne, weil es in den Texten um Materie geht in der ich mich eben NICHT auskenne?



Das Manifest gegen das Manifest und gegen das Gegen-Manifest

Es geht mal wieder um die Entwickluing des Netzes. Also im weitesten Sinne Politik. Ich weiß auch nicht, warum ich im Moment immerwieder auf das Thema stosse, aber mei: Ab dem 28. September fällt das Thema sicher wieder weg.

Eine handvoll Blogger/Netzaktivisten/Impressarios hat sich zusammengesetzt und ein Manifest geschrieben und das danach sinnloserweise “Internet-Manifest” genannt. Wobei der Name eigentlich nicht sinnlos ist, aber ungenau. Eigentlich sollte es “Internet-Journalismus-Manifest” heissen, was aber natürlich nicht nur nicht griffig, sondern auch in keinster Weise catchy ist, weswegen man den Begriff “Journalismus” einfachheitshalber aus der Überschrift wegließ. Das ist natülich ein kapitaler Fehler gewesen, weil sich nun jeder angesprochen fühlt, der “Internet” ist. Und das sind ja nunmal eine ganze Menge Leute. In dem Manifest geht es aber nur um die Entwicklung von Journalismus unter den neuen Bedingungen. Gut, es geht am Rande auch noch um die Frage, wie man heutzutage ein Medienimperium schafft, aber das gehört theatisch ja fast dazu. Und natürlich hat das Manifest ein paar Problemchen:

- Wer soll das lesen? Die, die betroffen sind, stimmen ein wenig zu und wissen aber nicht so recht, was sie mit dem Text anfangen sollen. Kommentieren? Selber bloggen? Retweeten? Links liegen lassen? Was soll ich mit einem Text anfangen, der Tatsachen etwas allgemeiner formuliert, anstatt sie mit Beispielen zu untermauern, die mir sowieso klar sind? Da fühle ich mich nicht so wirklich repräsentiert, sondern eher etwas, nun ja, verarscht. So wie ein altes, 67-jähriges bayerisches Ehepaar mit einem jungen, schwarzen Berliner redet. Das fühlt sich nicht gut an. Allerdings, das muss man ja auch betonen: Den gleichen Umgamg pflegen die “alten Medien” mit dem kompletten Netz, von einigen Ausnahmen einmal abgesehen.

- Wie soll man Menschen, die offensichtlich vom Netz überfordert sind, durch das Netz erreichen? Gut, ich gehe davon aus, das das Manifest auch als gedruckte Version an die “Entscheider” weitergeschickt wurde. Oder nein: Ich hoffe es. Das Ding ist nur: Natürlich muss so etwas im Netz stehen, aber doch bitte nicht mit so einem Aufriss. Auch das das alle Beteiligten zum gleichen Zeitpunkt gebloggt haben, mag einen gewissen Impact gehabt haben, aber vor allem auf das “genervte Netz”, denn das es tatsächlich bis in die Chefetagen geschwappt sein sollte.

- Ich verstehe durchaus die Verzweiflung der Beteiligten und sehe auch wo die hinwollten. Aber wenn 15, in meinen Augen äusserst intelligente Menschen, die ich zum großen Teil sehr schätze (Disclaimer mittendrin: Ja, auch privat), zusammensetzen, dann sollte doch etwas mehr rauskommen, als so etwas undurchdachtes. Gut, die Meckerreaktionen waren abzusehen, da muss man nichts drauf geben, die kommen ja immer, aber es wurden ein paar Fehler gemacht, die man dann doch easy hätte vermeiden können, oben erwähntes Überschriften-Problem zum Beispiel oder eine gewisse Intransparent im erstellen des Papiers. Hier wäre etwas Integration des Netzes vorher wohl mehr als angebracht gewesen.

- Das Internet-Manifest ist zu verschwurbelt formuliert. Natürlich wissen die Autoren, das gerade Chefetagen empfänglich für solch eine Art “konzeptioneller Marketingtext” sind, aber da wäre doch deutich mehr drin gewesen. Klingt wie ein Kompromiss aus 15 Köpfen, was es ja demnach vermutlich auch ist. Da wäre ein Chefschreiber schon effizienter gewesen.

Damit könnte dieser Text auch eigentlich aufhören. Wenn da nicht diese Kultur des “Ich breche dir jetzt mal ins Gesicht, reiche dir dann ein Taschentuch in das ich vorher meine Popel geschmiert habe und wenn du dann noch scharf sehen kannst, dann pinkel ich noch auf deine Brille” wäre. Das scheint nämlich im Moment der Konsens bzw. die Neudefinition der Netiquette zu sein und ich finde das ehrlich unerträglich. Aber nicht nur, weil ich es formell daneben finde. Geschenkt. Das Netz ist nunmal voll mit Spacken, so wie die Welt da draussen auch. Ich finde es hinterwäldlerisch, rückschrittlich, daneben und einfach nur dumm. DAS ist das Problem. Alle schreien sich die Seele aus dem Leib, wegen angeblich vor der Tür stehender Netzzensur, aber wenn es dann mal darum geht gemeinsam anzupacken und “die da draussen” davon zu überzeugen, was für ein reichhaltiger Schatz das Netz ist, ja, das es quasi eine Art Naturreservat ist, das es zu schützen gilt, dann fällt ihnen allen nur ein, das Sascha Lobo auf einem Vodafone-Plakat zu sehen ist. Das ist kontraproduktiver als alle Von-Der-Leyens zusammen.

Verschiedene Dinge möchten mir dabei nicht in meinen Kopf:

- Woher dieser blanke Hass? Man könnte meinen Lobo wäre ein indischer Programmierer, der aus Versehen auf das Sommerfest der NPD gerät. Gut, er wäre ein Programmierer, der sich bei dem Sommerfest auch noch auf die Bühne stellen und versuchen würde, die Anwesenden von Sharukh Khans Superfilmen zu überzeugen. Aber dennoch: Ich bin auch nicht mit allem Einverstanden, was er tut und sagt, aber man sollte dennoch festhalten, das er für die Aussenwirkung des Netzes mehr getan hat, als die meisten selbsternannten Realkeeper des Netzes zusammen. Plus der Tatsache, das er sich anscheinend gerne als Zielscheibe zur Verfügung stellt, was den Hass auf seine Mitstreiter ein bischen kanalisiert und ein Johnny Haeussler oder Thomas Knüwer eben nicht mehr die volle Breitseite abkriegen. Die sich ebenfalls um eine grössere Diskussion und Akzeptanz verdient gemacht haben.

- Woher die Verachtung? Alle User, ausser den selbsternannten Rettern des einzig Wahren, sind dämliche Idioten, die nur auf Bild.de und SpOn surfen, vermutlich bei Facebook doofe Quizze spielen oder gleich Farmville, und die noch nie einen Wikieintrag editiert hätten, geschweige denn wissen, was ein Wiki überhaupt ist und die eigentlich nur Wikipedia kennen. Geradezu genüsslich werden die Seiten, die “normale” User ansurfen “Klicki-Bunti” genannt, als ob das das einzige wäre, was die interessiert. Diese himmelschreiende Arroganz mündet dann darin, das man sich empört, das die Regierung oder wer auch immer das Sagen in irgendwelchen Netzbereichen hat, sich über diese, sich selbst gerne “kritische Masse” bezeichnende, Gruppe von Lästerern hinwegsetzt, weil sie ja offensichtlich sowieso nicht zu einem Dialog bereit sind mit jemandem, der eben kein Net Citizen ist (Stichwort: Die “Internetausrucker”). Der Witz an der Sache ist: Sie sind es tatsächlich nicht. Selbst wenn der Dialog mit ihnen gesucht wird, können sie nur schreien und sich empören, aber mit einem Entgegenkommen ist definitiv nicht zu rechnen.

- Warum so billig? Das einfachste der Welt ist es, das Manifest auseinanderzunehmen und der Lächerlichkeit preiszugeben. Ja, die 15 Manifestierer können nicht für alle sprechen. Und auch wenn sie immerwieder “das Internet” sagen und “wir”, dann möchte ich dennoch nicht glauben, das das auch ihre Intention war. Das Problem an Netzdiskussionen ist ja das: Es wird immer, ich betone: IMMER, vom schlechtesten im Menschen ausgegangen. A-Blogger, ein Titel den sich Ami-Blogger nur zu gerne ans Revers haften, weil es sie für ihre Arbeit und Mühen belohnt (einschliesslich lukrativer Werbeschaltungen, die das so mit sich bringt), ist hierzulande mittlerweile ein Schimpfwort. Es ist geradezu verboten mit bloggen Geld zu verdienen, als wenn das die eigene Korrumpierbarkeit erhöhen würde. Das ist so dermassen weit entfernt von der Realität, das es nicht auszuhalten ist. Und ich will mich gar nicht auf das Neid-Argument der Kritiker-Kritiker berufen, das ist ebenso bescheuert. Hier geht es nicht um Neid. Das ist einfacher Hass. Das ist die Angst, sein Spielzeug weggenommen zu bekommen und dann wird einfach so lange weitergeheult, in der Hoffnung es dann irgendwann wiederzubekommen. Aber:

Das Internet wird nie wieder so wie früher sein. Es wächst, ständig. Und wie jeder Teenager, der gerade aus der Pubertät raus ist (zumindest aus dem Gröbsten), bemüht es sich nun als Erwachsener ernst genommen zu werden. Get over it.

Das Internet ist für alle da. Auch wenn das Nutzungsverhalten der meisten User nicht mit eurem übereinstimmt und ihr nicht verstehen könnt, wie man sich mit so wenig zufrieden geben kann, wäre hier doch nicht nur etwas Toleranz angebracht, sondern auch überlebensnotwendig. Get over it.

Das Internet verändert die Gesellschaft. Man muss aber auch bereit sein, über diese Änderungen zu reden. Dialogbereitschaft ist das vermutlich wichtigste Signal, das man aus dem Netz heraus in die reale Welt (ja, das Internet ist auch eine reale Welt, ich weiß, ich formuliere es jetzt nur etwas zugespitzt, wenn ich nämlich alle 2 Absätze relativieren muss, kriegen wir nie ein Manifest auf die Beine..;)) senden kann. Wenn man sich dem Dialog aber verweigert, auch oder besser gesagt vor allem denjenigen gegenüber, die offensichtlich keine Ahnung haben, dann wird hier alles schneller abgeschaltet, als man 7 Kinder gebären kann.

Das Internet ist keine homogene Masse und soll es bitte auch nicht werden. Auch wenn ich Rassisten-Dreck wie PI oder Panikmache a la Broder aus tiestem Herzen verachte und im ersten Moment reflexartig denke, das so etwas nicht erscheinen sollte, da es Menschen die eher schlichten Gemüts sind, auf die falsche Spur bringen könnte, finde ich es ebenso wichtig, das es existiert und dazu nützt, die “Gegenseite” aus der Deckung zu holen und zu lesen, warum die eigentlich so schräg denken, wie sie es nuneinmal tun. Ganz davon abgesehen das eine Demokratie das meiner Meinung nach sowieso aushalten muss.

Das Internet ist Herkules. Mindestens. Wir wollen alle das gleiche: Ein freies Netz, das nicht rechtsfrei ist. Das muss man auch mal ganz klar formulieren. Auch wenn das Politiker-Mantra “Das Netz ist kein rechtsfreier Raum” lächerlich ist und gerade bei eklatanten Rechtsmissbräuchen (Stichwort: Abmahnungen) eher das Gefühl entsteht, das das Netz zwar nicht rechtsfrei, wohl aber rechts-beugend sein kann, darf man sich nicht gemütlich auf seine Besserwisser-Position zurückziehen und sagen: Ihr seid so dumm, wir wissen wie das Netz geht. Sondern mit einer ebenso redundanten Vehemenz erklären, das niemand die Absicht hat, eine Mauer zu bauen das Netz zu einem rechtsfreien Raum zu machen, der er sowieso nicht ist. Das ist mühsam und nervig, aber irgendwann kommt die Botschaft an. Bestimmt. Deswegen ist Zusammenhalten wichtiger als Grabenkämpfe. Das macht das Internet stark.

Das Internet ist … Alles was wir drauss machen. Wir können uns gegenseitig zerstören, Vorwürfe machen, anzicken, bekriegen, anmotzen, runtermachen, auslachen, unsachlich angehen. Wir können aber ebenso dafür sorgen, die Stärken des Netzes auszubauen, es zu einem Instrument machen vor dem “die da oben” zu Recht zittern, das sie ernst nehmen können und müssen, das aber ebenso gut für Ablenkung sorgt.

Wir sind das Netz. Wir werden das Netz sein. Wir sollten Bestehendes besser machen, anstatt unsere Energie dafür einzusetzen, die Versuche dazu zu zerstören. Hugh.



Das Internet und die Lüge

Ja, klar, ich weiss: Reisserische Überschrift unter der man jetzt weiss ich was erwarten kann. Es geht aber um einen konkreten Fall. Dafür hole ich mal etwas aus:

Ich lese eigentlich täglich das PoliticallyIncorrect-Watchblog Politisch Korrekt von Dietmar Näher. Es ist unglaublich was der Mann sich täglich für eine Arbeit macht, um die rassistische, islamophobe Drecksschleuder als das zu entlarven, was sie ist, nämlich eine islamophobe und rassistische Drecksschleuder. Wobei entlarven vielleicht das flasche Wort ist, denn das machen die ja selbst schon den lieben langen Tag. Näher dokumentiert das hauptsächlich. Dabei recherchiert er recht sauber und führt die Typen ein ums andere Mal vor. Was diese scheinbar unbeeindruckt lässt. Aber wenn man ab und zu sieht, was sie ihm für Mails schreiben, dann merkt man schon das ihnen nicht immer ganz wohl in ihrer Haut ist.

Wie dem auch sei: Die PI-Macher lügen gerne und oft in ihren Beiträgen. Ich will ihnen gar nicht vorwerfen, das sie das immer bewusst machen, sicher ist das ab und zu auch mit Recherche-Unfähigkeit oder -Unlust zu erklären und ausserdem dem Zwang, “andere” Nachrichten als der Mainstream zu generieren. Da muss man sich das schonmal alles zurechtbiegen, um das eigene Klickvolk bei der Stange zu halten. Exemplarisch nehmen wir uns mal einen recht aktuellen Eintrag (Link zum Watchblog) vor:

Unter “Starbucks: Erklärung gegen Israel”, behauptet PI das der Kaffee-Gigant antiisraelisch sei und lieber arabische Kunden hätte, plus dem nahen Osten. Die ganze Geschichte ist so anstrengend konstruiert, das man nur den Kopf schütteln kann. Ich kann es kurz anreissen: Im Netz wird behauptet, Starbucks unterstütze Israel. Was übrigens im Netz im Moment von allen möglichen Firmen behauptet wird. Starbucks sagt: Nein, tun wir nicht, wir unterstützen niemanden, wir sind ein weltweites Unternehmen, das für alle da ist. Weil sie diese Meldung neben vielen anderen Sprachen auch in arabisch übersetzen, sieht PI einen eindeutigen Beweis für die Antiisraelität des Konzerns. Konstruiert? You Betcha! Amüsante Pointe: Der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Starbucks ist Sohn eines jüdischen Hilfsarbeiters.

Wirklich erstaunlich, wie so oft bei den selbsternannten Aufklärern, wird es dann in den Kommentaren (Man verzeihe mir, das ich hier nichts von dem menschenverachtenden Blog verlinke). Man werde dort nun nicht mehr seinen Kaffee kaufen, die werden schon sehen, was sie davon haben, sollen sie doch pleite gehen, blablabla. Einer, der sich honigbaer nennt, schreibt dann:

Der Laden steht kurz vor der Pleite. Will 9.600 “Mitarbeiter” entlassen. Gewinne sollen um 69 % gefallen sein.

Okay. Starbucks hat gerade ein echtes Problem. So weit, so richtig. Man muss Leute entlassen und Filialen schliessen. Das stimmt. Beide Zahlen aber, in dem wirklich kurzen Kommentar, sind so nirgends aufzufinden. Der Gewinneinbruch beträgt 70%, so ist es überall zu lesen. Es sollen ca. 12.000 Leute entlassen werden oder aber versetzt. Da verstehe ich jetzt schon zwei Sachen nicht: Woher kommt die “9.600″ in dem Kommentar und warum wurde Mitarbeiter in Gänsefüsschen gesetzt? Sind Starbucksmitarbeiter keine echten Mitarbeiter? Wird da nicht gearbeitet? Oder ist nur dieser eine Begriff in dem Kommentar ein Zitat und somit auch das einzig nicht erfundene? Und warum ist der Laden kurz vor der Pleite? Weil ein honigbaer das gerne so möchte? Ja, das sind sehr grosse Zahlen, um die es da gerade geht, aber wenn man so eine aggressive Expansionspolitik wie Starbucks betreibt, dann ist scheitern nicht nur imament, sondern auch komplett einkalkuliert. Klar, man hat Probleme durch die Konkurrenz, allen voran McCafé. Aber wir reden hier von 7% der weltweiten Mitarbeiter, deren Posten auf der Kippe steht. Sieben Prozent! Es sollen in USA 600 Filialen geschlossen werden..600 von 11000! Und dann noch on top: Nach diesen Nachrichten lag die Aktie auch noch leicht im Plus! Ja, sind die denn alle verrückt geworden?

Das ist aber nur die Faktenlage. Darum soll es gar nicht gehen. Mich fasziniert etwas anderes: Warum lügt jemand einfach so? Warum lügt der Zahlen in seinen Kommentar, was verspricht sich dieser Mensch davon? Aufmerksamkeit? Joa, sicher. Aber hätte er die nicht auch mit den echten Zahlen? Ich glaube da wird gelogen, weil das ein elementarer Bestandteil des politischen Weltbildes ist. Man hat es nicht leicht als islamophober Waschlappen und muss sich seine Argumente andauernd zusammenlügen, so das man es schon gar nicht mehr merkt und so ist es ein Reflex, wenn man irgendwo Zahlen liest, diese zu eigenen Zahlen zu machen und ein bischen umzulügen. Versteht ihr worauf ich hinaus will? Die wollen unbedingt EIGENE Meldungen, Nachrichten und lügen dann eben bekannte Meldungen um. Das haben die Kommentierer natürlich gelernt, von ihrer Basis, PI. Aber ist das nicht erstaunlich? Lügen, damit man was eigenes hat. Wie traurig ist das eigentlich?



Frustrierte Kackbratzen made my day!

Ich stehe also morgens in der UBahn, die superüberfüllt ist, weil, wie ich vermute, sauviele Menschen auf die Schiene auswichen, weil ihre Auten nicht angesprungen sind. Schützend stelle ich mich hinter meine Tochter, die in die Schule gebracht werden muss, damit sie in dem Gedrängel der schlechten Laune nicht erdrückt wird. Wir gehen in den Gang, zwischen die Sitzreihen.

Vor uns steht eine Frau mit einem hässlichen Rucksack. Plötzlich dreht sie sich mit einem genervten Schnauber um, zu einer Frau in einer hässlichen Jacke, die da sitzt und zur hässlicher-Rucksack-Frau sagt:

“Ich bin nicht ihre Lehne!”

Es war also offensichtlich so, das die Rucksackfrau die sitzende Jackenfrau andauernd, vermutlich unbeabsichtigt, mit ihrer hässlichen Rückentasche anstiess, bis dieser dann der Kragen platzte über so viel Unachtsamkeit, und sie einfach mal zurückstiess, was die Rucksackfrau nicht so recht einsehen wollte. Es entspann sich also folgender Dialog zwischen den zwei Kontrahentinnen, der, soviel kann ich jetzt schonmal verraten, einen Superknaller am Schluss hat. Man stelle sich bitte vor das wirklich ausnahmslos jeder nun folgende Satz in totaler Pampigkeit von zwei frühmorgendlich schlechtgelaunten Nervzicken gekeift wurde:

“Ich bin nicht ihre Lehne!”
“Was wollen sie von mir? Unverschämtheit!”
“Nehmen sie mal ihren Rucksack hier weg! Herrgott nochmal, ziehen sie ihn halt aus!”
“Nein, den werde ich nicht ausziehen, nur weil sie mir das sagen!”
“Dann passen sie gefälligst ein bischen auf mit ihrem Scheissteil!”
“Wenn sie heute Morgen um 8 schon so scheisse drauf sind, wie wird das dann erst heute Abend um 8 sein?”
“Ja, nee, heute Abend um 8 bin ich gut drauf!”

Ich weiss, ihr glaubt mir das nicht, die letzten zwei Sätze kommen aber auch überraschend, aber was denkt ihr, wie ich heute Morgen gestaunt habe…