Fünfzehntausend

Ich hab mich total vertan. Im ersten Moment, als ich gehört habe, dass 10.000 Menschen durch Dresden marschieren und meinen, für Deutschland zu demonstrieren, habe ich mich total erschrocken. Vor der großen Zahl. Vor der großen Ahnungslosigkeit. Vor dem großen Hass.

Eine Woche später waren sogar 5000 Demonstranten mehr dabei, aber plötzlich hatte ich gar keine Angst mehr. Es wurde sogar noch besser: Ich hab mir die angeguckt, hab alles gelesen, was ich in die Finger bekam, gehört, geschaut. Und was soll ich sagen: Ich musste plötzlich total lachen. Denn sind wir doch mal ehrlich: Diese Fremdenfeindlichkeit, die sich da endlich mal für jeden sichtbar entlädt, die ist doch total absurd. Aus dem letzten Jahrtausend. Ein Anachronismus, der sich jetzt noch einmal aufbäumt, so wie Plateauschuhe von Buffalo, aber das kann man doch beim besten Willen nicht ernst nehmen.

Ich gucke mir diese Menschen an und denke: Ich kann ja niemandem verbieten, für dumme Dinge auf die Straße zu gehen, dumme Dinge nachzuplappern oder dumme Dinge zu glauben, nur weil sie so dumm sind, dass es jedem denkenden und empathischen Menschen schwer fällt, zu glauben, dass das überhaupt mal jemand so formuliert hat oder irgendjemand ernsthaft glauben kann.

“Man muss die Sorgen ernst nehmen” heißt es und zuerst habe ich genauso gedacht. Aber einen Scheiß muss man. Man muss den Pegida Demonstranten die kalte Schulter zeigen. Den Rücken zudrehen. Ich muss niemanden bekehren, ich verlange Selbstverantwortung von meinen Mitmenschen. Dialog kann sich nicht immer nach dem dümmsten Menschen im Raum richten, sonst geht es nicht voran.

Die Pegida ist ein Witz. Und wenn morgen 20.000 durch Dresdens Straßen ziehen. Dann sind das eben 20.000 Idioten. Warum sollte es nicht so viele dumme Menschen geben und warum sollten die sich nicht versammeln, um ihre Dummheit gemeinsam zu zelebrieren? Das macht doch total Sinn.

Wir müssen keinen Dialog mit denen suchen. Wir haben alle Türen offen gehalten. Die möchten nicht reden. Das ist okay. Aber dann sollen die auch die Fresse halten, wenn man über sie redet, denn offensichtlich wollen sie es nicht anders (man kommt so natürlich auch schneller in die Opferrolle). Sie sind argumentativ widerlegt, faktisch widerlegt und ethisch widerlegt. Wenn sie jetzt, zwei Tage vor Weihnachten, mit so vielen auf die Straße gehen, um gegen Mitmenschlichkeit zu demonstrieren, dann haben sie selber zu verantworten, eben jene Idioten zu sein, die an der “Wahrheit” so sehr interessiert sind, wie die AfD an einem gerechten und sozialen Staat. Nämlich gar nicht.

Ich habe kein Mitleid mehr für die Demonstranten. Nur Verachtung. Pegida, ihr seid wirklich eine der lächerlichsten Veranstaltungen, die jemals durch deutsche Straßen gezogen ist. Ihr seid nicht das Volk, ihr seid nicht Deutschland, ihr seid nicht mal Demokraten. Ihr seid einfach ein Haufen sehr vieler, sehr dummer Menschen. Das ist eigentlich alles.

Macht bitte weiter. Werdet mehr und mehr. Nichts ist schöner, als Idioten bei der Selbstentblössung zuzusehen.



Da hat ein gewisser “Wald” angerufen und wollte dich sprechen?

Ich wollte mich ja nicht mehr so viel ärgern, vor allem nicht auf meinem Blog, aber da es mir innerhalb kürzester Zeit zuletzt dreimal hintereinander aufgefallen ist, muss es doch mal raus. Ausserdem passt es gut in die Diskussion die Patricia “The Nuf” Das Nuf hier auf ihrem Blog angestossen hat. Es hat nicht so schlimme Auswirkungen, aber ich halte es für symptomatisch und auch schon an solchen Situationen für prägend in der Kommunikation. Ich erläutere einfach mal die drei Beispiele. Alle aus der Lamäng, echte Namen werden nicht genannt. Aber die “Fälle” sind echt. Huhuhuuuuu, ich fühl mich schon wie bei Aktenzeichen XY.

1.) Eine Twitterin, die ich super finde, wartet vergeblich auf ein Paket mit für sie offensichtlich wichtigem Inhalt. Gut, welcher Paketinhalt ist nicht wichtig, von einem Paket, das man bekommt und auf das man wartet. Nun haben wir alle so unsere Erfahrungen mit den Paketboten, wenn wir in der Stadt wohnen und vor allem, wenn wir höher als Erdgeschoss oder Souterrain wohnen. Zeitdruck, übertriebene Liefermengen und scheiß Orga inklusive Ausbeutung machen den Job des Paketzustellers auch nur bedingt attraktiv. Aber man könnte ja schon mal bei den Leuten, die das Paket bekommen sollen, klingeln, anstatt es gleich woanders abzugeben und die Benachrichtigung in den Briefkasten zu werfen. Jeder, jeder, jeder kann ein Liedchen davon singen. Also, zumindest in der Stadt, auf dem Land ist es vielleicht noch ein klein wenig anders. Aber man kennt das eben.

Ihr Paket ist wieder nicht gekommen, obwohl in der Paketverfolgung stand, es sei auf dem Weg zu ihr. Dann war es wohl plötzlich wieder auf dem Weg in die Zentrale. Und sie, vielleicht sogar noch verständlich in ihrer Wut, blaffte die offenbar nächste Person an, die sie finden konnte, die in irgendeinem Zusammenhang mit dem Paket stand: Der öffentliche Twitteraccount des Paketunternehmens.

Warum das Paket denn wieder zurückginge? Sie sei doch zu Hause? Sie brauche das Paket zum arbeiten? Was denen einfiele. Nun könnte der Social Media Typ des Unternehmens, der irgendwo in diesem Land sitzt, nur sicher nicht da, wo das Paket der Twitterin ist, beschwichtigen, sich entschuldigen und sagen, er würde alles tun, damit sie ihr Paket sofort bekäme. Er entschied sich aber für den Weg der Vernunft. Etwas salopp formulierte er, dass wohl das “Schichtende” dazwischen gekommen sei. Empört retweetete die Twitterin den Tweet und erklärte nochmal, warum das Paket für sie so wichtig sei. Der Paket-Twitterer erklärte nochmal, dass nach über 11 Stunden eine Schicht auch mal zu Ende sein könnte. Auch das wurde empört geretweetet. Das Leben und Arbeiten der Twitterin sei wohl wichtiger und überhaupt, was ihm einfiele ihr zu widersprechen. Dann liess er sich, nach der Dauermeckerkanonade, noch zu der Bemerkung hinreissen, dass es nichts helfen würde, wenn sie jetzt andauernd seine Tweets wiederholen würde. Eine Bitte um ein Mindestmass an Höflichkeit. Aber die Twitterin im Rage-Modus retweetete auch dies und liess sich von Freunden bestätigen, dass dieser Umgangston vom Paketdienstleister im Social Media Kanal ja wohl unter aller Sau sei.

2.) Samstag Mittag. Ein Twitterer hat Probleme mit seinem Internet. Lebensbedrohlich für uns Online-Menschen. Aber anstatt einfach mal vorsichtig zu fragen, ob ihm jemand sagen könne, was da los sei, schreibt er gleich einen Tweet (mit Punkt davor, damit es alle mitbekommen) an den Internetdienstleister, der ein Hilfs-Team bei Twitter hat. Im strengen Duktus wird gefragt, warum das Internet in Pusemuckel-Süd ausgefallen sei und wann es denn endlich wieder funktionieren würde. Irgendwo, nur sicher nicht in Pusemuckel-Süd, sitzt der Social Media Beauftragte des Unternehmens und bruncht gerade. Es ist ja Samstag. Am Wochenende guckt man vielleicht nur mal ab und zu auf den Twitteraccount. Gibt ja wenig, was nicht auch mal ein bisschen warten kann. Vielleicht weiß er auch einfach nicht, warum das Internet in Pusemuckel-Süd nicht geht. Vielleicht hat er schon nachgefragt, in der Zentrale, in der am Samstag nicht so viele sitzen und wartet nun auf deren Antwort.

Circa 20 Minuten später. Der Twitterer hat immer noch kein Internet zu Hause. Unglaublich. Ihm ist schon eine Menge entgangen. Empört schreibt er nochmal an den Account seines Anbieters, was denn jetzt los sei. Fünf Minuten später immer noch keine Antwort und der Twitterer macht, was er machen muss: Er muss die letzte Eskalationsstufe zünden und öffentlich seine Freundschaft kündigen. Und seinen Anschluss natürlich gleich mit. Nur weil er über Twitter innerhalb einer halben Stunde keine Information bekommen hat, warum an einem Samstag Mittag das Internet in Pusemuckel-Süd nicht funktioniert.

3.) Ein Twitterer benutzt ein gerade boomendes Verkehrsmittel: Einen Fernbus. Nachdem er die Reise hinter sich gebracht hat, sieht er sich anscheinend nochmal sein Ticket an (oder vielleicht zum ersten Mal). Er findet darauf eine Anzeige der Bild-Zeitung. Und schreibt auf Twitter an den Account des Reiseunternehmens. Dass es ja wohl eine Sauerei sei, dass da auf seinem Ticket Reklame für die Bild sei. Grinsegesichtig fragt der Social Media Beauftragte des Linienbusses nach, dass ihm, dem Twitterer, die Reise aber ja wohl gefallen habe, oder etwa nicht. Er ist sie ja angetreten. Ehrlich gesagt eine ziemlich souveräne Reaktion nach so einem seltsamen Vorwurf. Da der Twitterer aber ein bisschen sauer ist, jetzt nicht wirklich eskalieren zu können, eskaliert er einfach trotzdem. Es sei eine Sauerei, wie man mit ihm spreche, er werde in Zukunft mit anderen Unternehmen fahren, die so eine Reklame auf den Tickets nicht nötig hätten und das Social Media Team sei ja wohl ein Haufen Anfänger.

Gerade beim letzten Fall: Was zum Teufel hat der Twitterer erwartet? Das sie sich ihm zu liebe von einem Werbekunden trennen?

Leute, gehts noch? Auch bei Twitter, auch bei Firmenaccounts, sitzen Menschen (aus Fleisch und Blut!), die nicht dazu da sind, euch zu verhätscheln und zu pudern und in den Arsch zu kriechen. Wenn es ein ernsthaft lösbares Problem gibt, dann versuchen die Accounts in der Regel alles, um auf kurzem Wege alles möglich zu machen. Aber es kann doch bitte nicht wahr sein, das man die Accounts als Sandsäcke benutzt, wenn man mit dem Unternehmen unzufrieden ist und dann verlangt, dass die verbal vor einem zu Kreuze kriechen. Was sind das für vollkommen überzogene Ansprüche? Oder um es mal ganz überspitzt zu sagen: Was ist das für eine Kinderstube? Seid ihr alles klassische Einzelkinder, die sich vor der Kasse schreiend auf den Boden werfen, weil sie kein Caramac bekommen? Ich bin wirklich empört über solche Geschichten. Intelligente Menschen verhalten sich wie deutsche DomRep-Urlauber, die keine Salami am Frühstücksbuffet bekommen haben. Checkt mal bitte eure Umgangsformen. Und eure Erwartungen. Kein Twitterer der Welt, auch kein corporate Twitterer, kann “Schuld” sein, wenn bei euch was scheiße läuft. Das habt ihr immer noch selbst in der Hand, ihr kleinen Mäuse. Es ist der abgelutschteste Spruch des Planeten, aber vielleicht habt ihr den noch nicht gehört:

Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.



Fünftausend Ausrufezeichen gegen “Die drei !!!”

Ich hasse “Die drei !!!” mit aller Macht. Angefangen von dem unsagbar beschissenen Namen, über die Tatsache, dass man es überhaupt für nötig hielt, sie zu erfinden und zu schreiben, bis hin zu den Storys und den Titeln. Ich empfinde reine, ungetrübte Verachtung für die Autoren und den Verlag, der so etwas beschissen verlogenes zuliess.

Da kann man auch sagen: “Warum denn ins Museum? Hier, guck mal, ich kann auch eine tolle Mona Lisa malen! Und ich kann ihr sogar noch tolle rosa Schleife ins Haar malen und ihr ein bisschen Make-Up verpassen, damit du als Mädchen auch siehst, wie du als Mädchen auszusehen hast und was dich zu interessieren hat. Guck mal, wie glücklich die Mona Lisa über ihre neuen Smokey Eyes ist! Viel besser als dieses blöde Original!”

Ich bin kein Gender Experte, ich verstehe auch manche Aufregung nicht, andere schon. Ich lach mich kaputt, weil es Gewürzgurken für Männer und für Frauen gibt, kaufe mir persönlich immer das rosa Überraschungsei, weil da das coolere Spielzeug drin ist und mag auch mal gerne einen Aperol Spritz. Man kann sagen, bei mir persönlich hat dieses Gender Marketing auf voller Linie versagt, mich erreichen die nicht, kriegen die nicht, kennen die noch nicht mal. Das ist auch alles nur Marketing, was die für Etiketten auf die Gurkengläser, die ich eh nicht kaufe, kleben, ist mir also recht egal. Auch wenn ich das Symptom natürlich scheisse finde, aber mein Groteskigkeitscontainer ist mit so vielen Sachen in der heutigen Zeit einfach überfüllt, da muss ich gewisse Dinge links liegen lassen. Und da gehören Gurken definitiv dazu. Ich hoffe nur, dass sie darauf sitzen bleiben.

Aber diese drei Ausrufezeichen regen mich schon seit dem ersten Moment auf, als ich sie im Regal liegen sah. Da wurde kreative Arbeit hinein gesteckt. Da wurden Seiten voll geschrieben. Nur weil man meinte, Mädchen sollen keine Abenteuer von Jungs lesen. Mädchen sollten weichere Themen bekommen, mit Pferden, Handys und knutschen. Nun bin ich ja Vater einer unglaublich coolen Tochter und schon beim ersten entdecken der Bücher habe ich ihr unmissverständlich klar gemacht, was ich davon halte. Und sie sieht es ganz genauso. “Die drei ??? Kids” hat sie noch gelesen und gehört, damit war ich auch noch ein bisschen einverstanden. Aber sonst: Stick to the Original. Sie liebt die spannenden Abenteuer von Justus, Bob und Peter. Und kann sich im Leben nicht vorstellen, sich näher mit die drei !!! zu befassen. Selbst als sie klein war, hat sie schon kapiert wie bekloppt das “neue” Konzept war und ist.

Ich bin ja kein Real-Keeper, ich mag neue Sachen. Aber irgendwo ist auch mal gut. Wenn es irgendjemand in irgendeiner Marketingabteilung für eine gute Idee hält, ein seit vielen, vielen Jahren bei ALLEN Kindern etabliertes Produkt in einer “Mädchenversion” zu veröffentlichen, dann sollten in Zukunft endlich auch mal Leute am Konferenztisch aufstehen und dem den Vogel zeigen und sagen: “Du möchtest unsere Gesellschaft spalten, verpiss dich bitte aus diesem Büro.”

Die Ersten werden damit nicht weit kommen, vielleicht sogar im Gegenteil. Aber irgendwann wird man wieder kapiert haben, dass man nicht alles aufspalten kann und muss und soll. Und dann verschwindet dieser Müll hoffentlich auf dem Altpapier. Und verrottet. Und der Rest Asche, der davon übrig bleibt, weht den Machern, die sich in der Zwischenzeit hoffentlich nicht fortgepflanzt haben (denn wie müssen die armen Mädchen von denen aufwachsen???), mitten ins Gesicht und ins Essen. Und ich höre währenddessen mit meinen Enkeln und Enkelinnen den schreienden Wecker. Gut. Das mach ich sowieso.

Aber Eltern, die ihr die drei !!! kauft: Tut das nicht. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder verblödet werden. Unterstützt es nicht, dass eure Kinder schlechtere Chancen in der Zukunft bekommen sollen. Unterstützt es nicht, dass euren Kindern nur die Hälfte dieser Welt offen stehen soll. Lasst euch nicht ausnutzen, lasst euch nicht für dumm verkaufen. Ihr seid schlauer, intuitiver als alle Marketingmenschen zusammen. Zeigt den Spaltern die rote Karte. Lasst sie auf ihrem Mist sitzen. Für eine Josefine, die auch Maschinenbau studieren und ein Leo, der auch Kindergärtner werden kann.

P.S.: So lange der herausgebende Kosmos-Verlag die Bücher der drei !!! nicht unter einem Sublabel namens “Kosmiss” rausbringt, kann ich deren Willen zur Weiblichkeit eh noch nicht ernst nehmen.



Moderatoren und Publikum

Ich mach den Job jetzt, mehr oder weniger erfolgreich, aber immer leidenschaftlich gern, seit zwanzig Jahren. Ich hab viel gesehen und viel verstanden. Klar, es hat mich nie zu 100% ausgefüllt, deswegen hab ich immer 27 Dinge gleichzeitig gemacht, aber moderieren ist meine Kernkompetenz, würde ich sagen. Das ist wirklich dass einzige, was ich von der berühmten Pike auf gelernt hab. Und es ist ein großer Spaß. Klar, ich bin jetzt nicht der begehrteste Moderator unter der Sonne, aber ich bin glücklich, dass ich so etwas cooles wie die ShortCuts jetzt schon seit über einem Jahr machen darf und dass ich so eine coole Redaktion dabei habe. Überhaupt: Ich glaube ich hatte das besondere Glück, niemals mit blöden Redakteuren oder Regisseuren oder sonstigen Teammitgliedern gestraft zu sein, sondern, im Gegenteil, immer mit Menschen, mit denen ich mich gegenseitig inspirierte, mit denen ich eine Sprache sprach und mit denen mich vor allem der Humor verband. Ich finde, man kann sich sehr glücklich schätzen, auf so eine Bilanz zurückzublicken. Vielleicht hatte ich keinen (großen) Erfolg, aber ich hatte (sehr großen) Spaß.

Dieser Job hat auch ein enorm hohes Frustpotential. Klar, Moderator kann sich jeder nennen und wer zwei Sätze geradeaus sprechen kann, wird gerne vor eine Kamera gezerrt. Meiner Meinung nach noch schlimmer als bei den Schauspielern (und die tun mir schon Leid), ist das Berufsbild des Moderators ganz schön zusammengestaucht worden. “Hier, sag mal was!”, scheint der Test zu sein, ob jemand für gewisse Formate reicht oder nicht. Andere Moderatoren haben in den Jahren ganz viel Leidenschaft verloren und sind immer angepasster geworden, um auch mal irgendeine Gala moderieren zu können. Früher bei VIVA hatte man irgendwann das Gefühl, nach Heike wollen alle nur Moderatoren werden, um schon mal im Fernsehen zu sein, dann aber so schnell wie möglich ins Schauspiel. Andere haben sich total bewusst vom moderieren losgesagt, was ich zum Beispiel im Fall von Christian Ulmen (wir sind befreundet, nur zur Klarstellung) unendlich schade finde und fand und für einen Verlust des deutschen Moderationsfernsehens halte (tatsächlich gibt es bei “joiz” gerade aber einen jungen Typen, der mich ein wenig an alte “MTV Most Wanted”-Zeiten erinnert, der macht da irgendwie die News…ich hoffe diesen Vergleich nimmt mir jetzt keiner Übel, aber da ist eine gewisse Ähnlichkeit…).

Wie dem auch sei: Manche nutzen es als Durchgangsstation, andere machen es gerne, wieder andere interessiert es nur am Rande und dann gibt es noch die Fischverkäufer, die muss man nicht wirklich mit dazu zählen. So Anrufquiz-Moderatoren und so.

Und natürlich die Showgiganten. Gottschalk, Jauch, Raab, meinetwegen noch Kerkeling (wieso hat er sich seine Schlagerplatte nicht von einem begeisterten Musiker produzieren lassen? Ein Jammer! Aber das nur am Rande…) und natürlich Schöneberger. Wenn zum Beispiel Gottschalk nochmal richtig Hunger kriegen würde und Jauch auch - hach, wie schön das wäre. Es ist eine Illusion, ich weiß, aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Ich glaube auch noch an Großes von Joko und Klaas, auch wenn es in letzter Zeit so wirkt, als verlöre Klaas mehr die Lust am moderieren als Joko. Das kann aber auch nur ein momentanes Formtief sein.

Ein Moderator spielt gerne mit seinem Publikum. Dabei ist es fast egal, ob es anwesend ist, oder nicht. Im Studio, wenn man mit der Kamera spricht, spricht man immer auch mit ganz vielen gleichzeitig. Man ruft einfach etwas heraus und hofft auf das Echo. Im Fernsehen kriegt man kaum eins. Im Radio auch nicht. Im Internet natürlich schon, aber da kann man ja auch die Hälfte immer mindestens von wegschmeissen. Aber auch das spielt keine Rolle. Gottschalk konnte jahrelang seinen Schuh bei Wetten dass durchziehen, weil er die Show für die Zuschauer moderierte und nicht für die Kritiker. Die fanden es eh immer blöd, das war egal. Man moderiert immer für den, bei dem es ankommt. Das ist die Essenz.

Ich führe gerne Interviews, bei denen ich nicht den ganzen Promoschmuh abklappern muss, sondern über Dinge sprechen kann, die mir gerade einfallen. Aber nicht zwanghaft. Eher hab ich gerne ein freundliches Gespräch, bei dem wir viel gelacht haben, als eine Info-Abfrage, die sich sowieso jeder selbst in 3 Sekunden ergooglen kann. Damals, als ich “Stoke”, die Fun-Sportshow im DSF gemacht habe, war das ganz oft so: Ich sass dann da auf Hawaii mit einer Gruppe internationaler Pro-Surfer und hab denen erzählt, dass ich gar nicht schwimmen kann. Das war für die dass 8. Weltwunder und somit auch der Inhalt im Interview. Aber um ein wie vieles besser man die dabei kennengelernt hat, wie viel persönlicher die wurden. Das war obergut. Und ich hab sie dann im Bowling oder Minigolf herausgefordert, damit ich wenigstens eine Chance habe. Ich hab immer verloren.

Moderieren ist ein Beruf, den man mit Leidenschaft machen muss. Klar, man kann auch ein Arbeiter sein, der einfach alles wegmoderiert und hat damit vermutlich sogar viel mehr Erfolg, als jemand wie ich, aber ich kann einfach nicht anders. Ich bin ein Überzeugungstäter. Übrigens, nur um mal ein Klischee aus der Welt zu schaffen: Kai Pflaume mit hundertprozentiger Sicherheit auch. Einer der angenehmsten Kollegen, immer aufmerksam interessiert. Nur falls jemand irrtümlich gedacht haben mag, ich hätte ihn gemeint.

Nach diesen biographischen Zeilen versuche ich nun die Kurve zu kriegen, warum ich das alles überhaupt aufgeschrieben habe:

Die Wege des Moderators, um den es gehen soll, und mir, haben sich zweimal wirklich gekreuzt. Als ich meine Band, Fritten und Bier, hatte, waren wir in seine Show eingeladen. Die Redaktion fragte uns, was wir für ein Instrumente-Setup bräuchten und wir haben uns zwei Umhängekeyboards hinstellen lassen. Nicht, dass in “Afrika” ein Keyboard groß im Einsatz gewesen wäre, geschweige denn zwei, aber wir fanden das irrsinnig witzig, damit so Modern Talking mässig aufzutreten und ganz schlechtes Playback zu machen. Gut, ich glaube es war am ehesten für uns witzig, aber soooooo schlimm war es auch nicht. Man konnte schon sehen, dass wir Spaß hatten. Dem Moderator der Show, gefiel das nicht so. Ist ja auch Geschmackssache. Allerdings hat er seinen Diss gegen uns erst in die Kamera gesagt, als wir nicht mehr im Studio waren. Hm. Ich habs dann später bei der Ausstrahlung gesehen und mich über so eine unsouveräne Aktion gewundert. Aber was solls. Die Show gab es auch nicht mehr lange, die war irgendwie komisch.

Ungefähr 15 Jahre später begegneten wir uns wieder, auf einem Boot. Einem Boot, auf das ich als Gesprächsgast eingeladen war. Dieses Boot war eine Werbeaktion eines Kräuterschnapses und für ein paar Tage lang, wurde von dort aus eine Art “Piratensender” (natürlich genehmigt und alles) veranstaltet. Ich kam an und lernte als erstes den Moderator kennen. Er sagte mir, er würde eigentlich gar nicht moderieren, er wäre hier auch zuerst nur als Gast gewesen, aber der “künstlerische Leiter” des Boots habe ihn sofort als Moderator eingestellt, nach dem Interview und deswegen sei er jetzt erstmal hier. Fand ich eine megagute Aktion, ehrlich. Und der Typ hat auch super moderiert, keine Frage. Und dann kam der “künstlerische Leiter” aus der Kajüte: Der Moderator der Show von vor vielen Jahren. Ich bin kein nachtragender Mensch, hab mich fast ein bisschen gefreut, ein bekanntes Gesicht wiederzusehen und begrüßte ihn. Er grüßte mich auch, auf eine Art, die er wohl irgendwie “konnte”, so mit nicht in die Augen gucken und sofort über berufliches zu sprechen und so. Aber okay. Mein Gott. Jeder wie er kann.

Nach diesem Nachmittag hab ich ihn noch kurz mal so auf der Strasse gesehen, aber ein gegenseitiges annicken, war da unsere einzige Interaktion.

Und dann wurde irgendwann dieses Video von irgendwelchen Piraten auf Twitter geteilt und das hab ich mir angehört. Und konnte nicht fassen, was für einen Schmonz ich mir da anhören musste. Was war denn mit dem Typen passiert? Was erzählt der denn da? Was für einen Quatsch über den 11.September lässt Ken Jebsen da bitte vom Stapel?

Dann ging alles ganz schnell: Durch seinen Beef mit Broder und einer wahnsinnig absurd-bescheuerten Mail verlor er seinen Job bei Radio Fritz und ging dann komplett ins Internet, wo er plötzlich gar keine Schlussredaktion mehr hatte (UPDATE: Die hatte er bei FRITZ auch nicht, wie mir via Twitter gesagt wurde….) und wo er alles frei heraus pumpen konnte, was er wollte. Ehrlich gesagt habe ich gedacht, damit hätte sich der Spuk erledigt. Aber weit gefehlt: Der Rauswurf, die Zwangs-Selbstständigkeit haben ihn nur noch mehr angetrieben. Angetrieben weiter zu machen, mehr Menschen um sich zu scharen, immer lauter und bedrohlicher zu werden, damit ihm immer mehr zuhören. Und der Plan ging total auf: Jebsen setzt sich auf alle Themen, die als guter Aufreger taugen, vermischt es mit ein bisschen “die da oben - wir hier unten”-Rhetorik und dem alten Richard “Keiner von da oben” Pryor-Trick, in dem er sagt: “Folgt mir nicht, ich will nicht das ihr mir folgt, ihr sollt nur eurem Herzen folgen….” etc. Das hat ja auch schon bei Beppe Grillo und den Cinque Stelle in Italien funktioniert, warum also nicht auch hier? Und es funktioniert: Ken FM Fans saugen jedes Wort von ihm auf. Wenn er auf einer Demo spricht, dann die meiste Zeit in die Kamera, die er selber mitgebracht hat, weil man es dann danach besser auswerten kann. Anhänger als Kulisse. Und die Fans klicken und klicken und klicken.

Und Ken FM? Tut das, was er immer machen wollte: Moderieren. Moderieren vor einem Publikum, das an seinen Lippen klebt. Das ihm jeden Wunsch von den Augen abliest. Das ihn wie einen Messias feiert. Das seine Werke auch in der Zweit- und vermutlich auch noch Dritt-Verwertung feiert. Er hat gerackert und er hat endlich sein Publikum gefunden. Er kann jetzt moderieren, was er will, wie er will, er findet immer Gehör und so gut wie keinen Widerspruch. Den kann man ignorieren, aussen vor lassen. Ken und seine Fanbase bleiben gerne unter sich, alle anderen haben Unrecht und kritisieren kann man sie schon mal gar nicht, denn sie sind ja für den Frieden. Clever. Am Ende hat er gewonnen, gegen die, die ihn rausgeschmissen haben. Gegen die, die ihn ignoriert haben. Er hat es bewiesen: Er hat doch Zuhörer. Er ist ein guter erfolgreicher Moderator.

Jeder Moderator sucht sein Publikum. Manche finden es schnell, andere nie. Scheint so als hätte Jebsen, aus Moderatorensicht, alles richtig gemacht. Er beginnt seine Reden gerne mit dem schicken Satz: “Mein Name ist Ken Jebsen und meine Zielgruppe ist immer noch der Mensch.” Dabei vergisst er anscheinend immer den Nebensatz: “…der mir zustimmen will.”.



Ich setz mich wieder hin.

Zunächst einmal:

Ich bin müde.
Ich bin aufrichtigen Herzens!

Dann aber auch:

Du bist müde.
Du bist aufrichtigen Herzens!

So steht es auf der ersten Seite meines absoluten Lieblingsbuches ever, “Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität.” von meinem Schriftstellergott Dave Eggers.

Und ja, verdammt, es stimmt. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Energie ist aufgebraucht.

Die letzten Monate haben eigentlich nur noch daraus bestanden, sich vor den Kopf zu hauen. Wegen Politikern, die Journalistinnen anzubaggern für eine Zwinker-Zwinker-Tätigkeit halten. Wegen Schriftstellern, die plötzlich Hassschreiber werden oder Politiker, die ebenfalls merken, dass am rechten Rand der Gesellschaft noch eine schnelle Mark zu machen ist. Wegen einem Prozess, von dem man wusste, dass er sich ziehen würde wie nix Gutes und der dafür erschreckend wenig konkretes zu Tage bringt - obwohl klar ist mit wessen Geistes Kind man es zu tun hat. Wegen Parteien, die in ihren Reihen alles zulassen, nur um stärker zu werden und bei Kritik sich sofort halbherzig distanzieren. Wegen Menschen, die sich beleidigen lassen müssen, weil sie irgendjemanden lieben. Wegen öffentlichen Diskursen, die nicht mehr ohne Lügen oder “Wahrheitsdehnungen” stattfinden können. Wegen viel zu vielen Waffen-Im- und Exporten. Wegen Machthabern, die alles tun, um ihren Status zu zementieren, blind und unsensibel für ihr Handeln. Wegen Kriegstreibern. Wegen Aggressoren, die behaupten, sie täten alles im Interesse des Friedens und dabei dieses wundervolle Wort, diese tolle Sache, nur als Feigenblatt nutzen, um ihre bescheuerten Interessen zu artikulieren.

Heute sah ich einen Bericht über die Montagsdemos. Las ein bisschen auf den Seiten, auf denen sich die Demonstranten treffen. Las auf den Seiten ihrer Kritiker. Schaute mir Videos beider Seiten an. Las Texte beider Seiten. Und irgendwann war der Punkt da, da hab ich einfach alle Tabs geschlossen. Ich wollte diese Diskussion nicht mehr mitverfolgen. Ich hab einfach gemerkt: Ich bin am Limit angekommen. Ich kann mir keine Scheisse mehr durchlesen, kann meiner Faszination für mir fremd erscheinende Meinungen nicht mehr erliegen. Der Speicher ist voll.

Das Netz ist ein wundervoller Ort, weil ich mit ein paar Klicks alles erreichen kann. Ich kann auch versuchen, Dinge zu verstehen, die ich nicht verstehe. Versuche zu kapieren, warum Sichtweisen, die mir auf einer Welt, auf der wir alle zusammen leben (wollen), zwingend logisch erscheinen, von Anderen total negiert werden. Manchmal hatte ich vielleicht das Gefühl, diese Menschen zu verstehen. Diese Menschen die hetzen, die spalten, die brüllen oder extra schnell quasseln, um schlauer zu wirken. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich verstehe, was sie antreibt (ohne es teilen zu müssen). Aber dann bemerke ich, dass da nichts stattfindet. Kein Denkprozess. Keine Reflektion. Es gibt diese eine Wut und die wird von denen befeuert, die Menschen brauchen, die ihnen zustimmen. Die Motive können mannigfaltig sein. Von Kohle bis Fame dürfte da alles vertreten sein.

Aber ab heute interessiert mich das nicht mehr. Darf mich nicht mehr interessieren. Denn ich bin nicht mehr aufnahmefähig für Ignoranz. Ich kann mich nicht mehr mit Dummheit beschäftigen. Die Schüssel ist voll. Ich muss mich davon fern halten, denn es belastet mich. Ich sah diesen Beitrag und hab überlegt, dort einmal hinzugehen, um mit den Menschen zu sprechen, mir ihre Version anzuhören. Aber sie haben sich entschieden, dort zu sein. Sie wurden nicht gezwungen. Sie gehen dort hin um zu zeigen: Ich unterstütze diese Idee total. Und das ist halt nicht zu erklären. Ich kann da nicht meine Energie verbrauchen.

Deswegen, liebe Gegner, habt ihr es geschafft. Ihr habt mich mit eurer medialen Dauerpräsenz zermürbt. Ihr dürft jetzt machen, was ihr wollt. Fahrt fort. Macht diese Welt zu dem beschissenen Ort, den ihr unbedingt haben wollt. In dem sich alle hassen, sich niemand mehr über den Weg traut und mein Nachbar angeblich immer nur meine Äpfel will, selbst wenn er eine Apfelplantage hat. Ich werde mich nicht mehr wehren. Baut den ganzen Tempelhof mit euren beschissenen Townhouses zu, damit ihr nach der Politik noch tolle Pöstchen in der Baubranche kriegt. Schwafelt was von Sozialwohnungen, um dann nachher mit “Sachzwängen” nur drei bezahlbare anbieten zu können. Vom deutschen Wähler ist weder Ärger, noch Widerstand zu erwarten. Der grummelt mal, schreibt einen wütenden Kommentar auf eure Facebookfanseite und geht dann wieder arbeiten. Oder er schreibt diesen Blogeintrag und gibt dann einfach auf. Deswegen musste ich jetzt auch den Header ändern. Ihr habt das schöne Wort “Weltfrieden” missbraucht und ausgesaugt und mit eurem menschenfeindlichen Kack aufgefüllt. Ich möchte auf keinen Fall mit euren Motiven verwechselt werden.

Macht das sich die Völker hassen. Schürt Neid, schürt Wut, schürt Hass. Ich gebe auf. Mir ist alles egal. Ich kann nicht mehr. Ich kann meine Energie nicht mehr dafür nutzen, zu glauben, diese Welt zu einem besseren Ort machen zu können. Ich gebe meine Liebe jetzt nur noch für die, die mir wirklich wichtig sind. Versuche sie zu unterstützen, zu stärken, zu umarmen.

Und vor euch da draussen zu schützen.



Rundum

Lieber Matussek, lieber Pirinçci, lieber Broder, liebe Lewatschoff(Name falsch geschrieben, verbessert, danke @Jigedi!) Lewitscharoff, lieber Sarazzin und alle anderen ähnlichen Krawallschwestern und Radaubrüder, die gerade versuchen ihre Bücher zu verkaufen,

ich hasse euch.

Ich hab mir lange überlegt, ob ich dieses Wort benutzen soll. “Hass”. Nutze ich eigentlich nie. Ja, klar: Man sagt mal “Ich hasse Spargel!” oder “Ich hasse aufräumen” oder so, aber das man irgendwelche anderen Menschen einfach so hasst? Käme mir nie in den Sinn. Deswegen erschrecke ich auch immer, falls mir das dann mal rausrutscht. Ich will gar keinen hassen. Hass ist so derbe brutal, schon als Verb, ich will das nicht. Der Klang schon. Hass. Da schlägt vorne eine Faust und hinten zischt noch eine Schlange. Ich finde, dass ist ein tolles Wort, denn es klingt wirklich genau so hart und schlimm, wie es auch inhaltlich ist.

Nun, wenn man diese Empfindungen und Überlegungen dem zu Grunde legt, was ich eingangs schrieb, dann muss es schon verdammt ernst sein. Und das ist es, meiner Meinung nach auch. Es reicht jetzt. Ironie, Sarkasmus und Zynismus haben in der Auseinandersetzung mit euch versagt (auch wenn ihr sie nach wie vor munter anwendet), gutes Zureden und der Versuch, in aller Ruhe zu erklären, warum ihr irrt, kommt bei euch gar nicht mehr an, weil der Tinnitus auf euren beiden rechten Ohren schon so ausgeprägt ist, dass nur noch die besonders schrillen und lauten Töne überhaupt eine Chance haben, bis zu eurem Hirn durchzudringen. Man kann euch nicht mehr zur Vernunft bringen, ihr habt alle Seile gekappt. Ihr wollt keinen Diskurs mehr, weil das immer bedeuten würde, die Bereitschaft zu haben, die eigene Meinung zu überdenken. Aber die habt ihr schon lange nicht mehr. Eurer Meinung nach wurde viel zu viel geredet und geredet. Ihr wollt jetzt Aktion. Schluss mit der Laberei, endlich anpacken! Und was macht ihr? Genau. Ihr schreibt ein Buch. Ihr labert rum. Ihr Witzfiguren.

Es geht euch nicht um die Sache. Sarazzin bereitet der herbeiphantasierte “Tugend-Terror” keine schlaflosen Nächte, Pirinçcis Seelenheil hängt nicht davon ab, dass wir wissen, wie er Deutschland findet. Ihr wollt verkaufen. Ihr wollt eure Bücher verkaufen und ihr habt gelernt, dass man am meisten Bücher los wird, wenn man kläfft. Wenn man Ressentiments bedient. Wenn man sich so laut wie möglich artikuliert. Die Leute kaufen euer Buch. Auch wenn sie es nicht lesen, der Kauf allein wird zum Statement, zum Zeichen der Haltung. So wie mir mal ein Typ auf seinem Handy zeigte, dass er da gerade “Deutschland schafft sich ab” liest, weil er abchecken wollte, wie ich drauf reagiere (und als ich gelassen meinte, dass das Buch scheisse sei, musste er gleich ein: “Ich finde, der sagt wahre Sachen…” hinterher schieben…). Eure Bücher sind Trophäen und das wisst ihr. Und wisst ihr was das ist? Schäbig.

Ihr zündelt nicht, ihr giesst Benzin über das ganze Land und zündet das mit einem Flammenwerfer an. Für die paar Euro und das bisschen Applaus aus der Ecke derer, die gar nichts mehr haben und deswegen die Schuld bei allen anderen suchen. Das ist gefährlich, das ist fahrlässig und das ist gemein. Ihr spaltet, nichts an euch ist konstruktiv, ihr schreibt literarische Baseballknüppel, die auf den Köpfen derer landen, die sich bemühen alle Seiten zu vereinen oder wenigstens zum Dialog miteinander zu bringen. Ihr wollt Hass säen und Hass ernten. Das ist keine Wut, denn Wut weiß immer auch, dass sie subjektiv ist - ihr haltet euch aber für Beobachter. Das ist auch keine Verzweiflung, denn zum verzweifeln geht es euch viel zu gut in euren gated Communities, in euren Filterblasen. Das ist kalkulierter Hass. Das ist Talkshowanbiederung. Ihr wollt keine Lösung anbieten, ihr wollt nur “das Kind beim Namen nennen”, um dann bei Will, Plasberg und Illner zu landen. Und euch wie Aufklärer fühlen. Ihr wollt alles kaputt machen, damit ihr die nächste Tankfüllung eures SUV zahlen könnt.

Mir ist da jetzt jede Etikette, jedes Benehmen (diese zwei Begriffe kennt ihr nicht, kann euch aber sicher mal beizeiten jemand erklären) total egal. Ihr seid jetzt meine Feinde. Ich kann mit Feinden leben, mich kann nicht jeder lieben. Auch wenn ich das unangenehm finde, auch wenn ich Harmoniesüchtig bin. Anscheinend gibt es Menschen, die Frieden bewusst ablehnen, weil sie damit nichts verdienen können: Waffenfabrikanten und Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Buchautoren. Eure Bücher und Texte sind Tretminen und damit habt ihr mich als erklärten Gegner. Profit aus dem Leid anderer schlagen ist so ziemlich das erbärmlichste, was man sich leisten kann. Ihr seid inhaltliche und moralische Nullen.

Ich weiß, ein Text wie dieser belustigt euch (wenn ihr ihn überhaupt lest). Und das hat mich bislang auch davon abgehalten, so etwas zu schreiben. Aber ich scheisse auf euren Zynismus. Ich bin viel größer als ihr. Mein Herz kann zum Glück lieben. Und das strahlt eure Geschäftsgrundlage “Hass” kaputt, auch in dieser Welt, auch zu diesen Zeiten.

Deswegen, an dieser Stelle, etwas in eurem Jargon, in eurer Deutlichkeit, in eurer Sprache:

Fickt euch. Hart. Niemand braucht euch.



Ein Anrufer bei Domian

Ich gucke/höre nahezu jeden Abend Domian vor dem einschlafen. Gestern Abend hat ein Zuhörer seine Geschichte erzählt (und wurde etwas gehetzt, weil er am Ende dran kam und nicht mehr viel Zeit hatte).

Der Anrufer erzählt, wie er sich geoutet hat und warum er das bereut. Er lebte schon seit einiger Zeit in einer Hetero-Ehe, war aber heimlich schwul, mit langjährigem Partner und so. Seine Eltern dachten immer, es handele sich bei dem Mann an der Seite ihres Sohnes um einen “Kumpel”. Nun sind die Eltern und der Sohn mit seinem Freund eines Abends ausgegangen. Erst zum essen, dann noch in irgendeinen Club, dort in Düsseldorf. Der schwule Sohn ergriff die Gelegenheit, auf eine zugegeben etwas bizarre Art und Weise: Er lieh sich das Mikro vom DJ und outete sich vor der versammelten Disco. Laut ihm waren circa 40-50 Leute da. Er erzählte wohl irgendwas über Romantik ins Mikro eben mit der Konklusio schwul zu sein.

Seine konservativen Eltern nahmen es überraschenderweise total positiv auf. Die ganze Gruppe lag sich in den Armen, freute sich und drückte sich. Und auch der ganze Laden war wohl sehr gerührt und applaudierte und johlte und war happy. Der soeben Geoutete ging erleichterten Herzens auf Toilette. Da stand er am Pissoir, Gesicht zur Wand.

Als sein Kopf plötzlich von hinten gegen die Wand geschlagen wurde. Und er sich einem totalen Gewaltausbruch gegenüber sah, von Leuten, die er nicht kannte. Die ihn verprügelten. Und so Sachen dabei sagten wie: “Wir brauchen hier keine Schwuchteln!”. Nach mehreren Wochen kam der Anrufer gestern aus dem Krankenhaus.

Nur um mal ach-so-wichtige Aussagen wie “Ich bin homophob und das ist auch gut so” und ihre Wirkung einzuordnen.



Der Beirat der Musikindustrie - der Song

Der Echo, der nationale Musikpreis, hat jetzt einen externen Beirat. Diese, vom Echo-Veranstalter ernannte, “Experten”-Kommission, bestehend aus sieben weißen Männern (wenn irgendwo eine Quote vonnöten ist, dann ja wohl dringend in der Musikindustrie) soll Fälle klären, die zu Diskussionen führen oder führen könnten. Wir erinnern uns alle an das vergangene Jahr und die Nominierung und dann, nach breiten Protesten seitens der Künstler, wieder Ent-nominierung von brei.mild. Solch ein PR-Desaster für den Echo möchte man nun proaktiv vermeiden. Und hat deswegen eben jenen Beirat gegründet, der die Fälle unabhängig (hahaha) bewertet. Und der hat auch gleich seinen ersten Job, denn schrei.bild stehen natürlich wieder vor der Tür, diesmal mit einem unplugged-Album oder so, welches sich natürlich auch wieder dutzendfach verkauft hat, an irgendeine sich missverstanden-wähnende Masse. Und wenn es etwas gibt, was den Bundesverband der Musikindustrie aufhorchen lässt, dann ist es der liebliche Klang eines “Ka-Ching”. Und bei wem es ganz oft ka-chingt, den haben die dann natürlich ganz doll lieb. Und haben deswegen den Beirat entscheiden lassen, dass wir alle dieses Jahr drei.grillt auch ganz dolle lieb haben. Nicht das die sich in irgendeiner Weise innerhalb der letzten 12 Monate geändert hätten, im Gegenteil. Der Echo-Ausschluss von vor einem Jahr wird denen sogar ganz Recht gewesen sein, konnte man sich doch nur noch mehr als armes Opfer der von denen sogenannten “Mainstream-Medien” gerieren. Das mögen die Fans. Wir gegen alle, niemand versteht uns. Da muss die Band sich dieses Jahr etwas Neues einfallen lassen.

Aber, da der Beirat des Industrieverbands der Musikindustrie ja beschlossen hat, dass wir jetzt alle zwei.gilt-Fans sind, möchte ich helfen. Ich habe der Band (und dem heiligen Beirat) einen Song geschrieben, der sicher der nächste Hit für sie und ihre Fans wird:

Hier der Text, zum mitlesen und mitsingen:

Ihr habt uns nicht verstanden,
das war schon immer so.
Uns war das stets egal.
Doch dann kam der Echo.

Mit euren dummen Lügen
und viel zu engen Hosen,
habt ihr uns von der Preis-
Verleihung ausgeschlosen.

Wir dachten dieses Jahr,
lädt uns keiner mehr ein.
Denn alle deutschen Bands,
ausser uns, sind voll Gemein. (Und Lügner! Und die Mainstreamlügenpresse auch!)

Doch der Echo selbst
wollte uns unbedingt!
Und hatte ne Idee,
damit das jetzt gelingt!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir gründen einen Beirat!
Und dann haltet ihr die Fresse!
Ihr werdet uns nicht stoppen!
Wir werden nicht vergesse (das “n” ist stumm)!

Wir lieben den Beirat,
der Beirat macht uns stolz.
Das sind keine Lügner,
die sind aus unserm Holz.

Zum Glück sitzen im Beirat,
keine Wesen mit zwei Brüsten.
Weil die mit Sicherheit,
nichts beizufügen wüssten.

Die machen doch nur Ärger,
genau wie diese Bands,
die nicht mit uns spielen wollen.
Wo bleibt da die Toleränz?

Nein, nein, in unserm Beirat,
sagen Männer wie es läuft.
Und wer das kritisiert,
muss halt zusehen wo er säuft (auf jeden Fall nicht auf der Echo-Aftershow-Party)!

Wir gründen einen Beirat!
Gegen eure Lügen!
Wir gründen einen Beirat!
Das sollte euch genügen!
Wir verkünden eine Heirat!
Das ist der schönste Tag im Leben!
Die Onkelz und wir,
werden uns das Ja-Wort geben.

Wir fahren heut nach Beirut!
Da soll es ja sehr schön sein!
Wir brauchen noch ein Dreirad!
Jetzt wirds schon wieder gemein.
Wir machen jeden Brei fad!
Wir gehen heut ins Freibad!
Wir hassen jeden der,
einen Papagei hat!
Malst du Bilder mit Schwertern,
dann ist das Samurai-Art!
Verdoppelst du dein Haarspray,
dann besitzt du zwei Gard!
Boxt du gegen einen Fisch,
merkst du schnell: Oh, ist der Hai hart!
Lügenpresse, Lügenbands, Gutmenschen!
Hass! Hass! Hass!



Heino - Der Heini aus der Stadt von Heine

Hach, es ist schon ein Kreuz. Da hat ein Marketing Typ eine Idee und schon muss man sich wieder mit Asbach Cola Uralt Figuren auseinandersetzen.

Heino ist wieder da. Und weil die Hörerschaft für ein “normales” Heinoalbum schon ausgestorben sein dürfte, wildert man in fremden Gefilden oder bricht zu neuen Ufern auf, je nach Sichtweise. Heino hat auf jeden Fall eine Platte gemacht, auf der er nur Pop/Rock/Punkrock/HipHop Acts covert. Sportfreunde Stiller, Nena, Rammstein, Peter Fox. Und, exemplarisch als erste Single, natürlich die Ärzte.


[YouTubeDirektCoverFromHell]

Erstmal das: Ja, natürlich passt das textlich schonmal wie die Faust aufs Auge. Aber: Warum genau soll das nochmal gut sein? Durch das wegfallen einer ironischen Ebene, weil Heino eben wirklich so ein Vater sein könnte, verliert das Lied jeglichen Witz und ist einfach nur noch ein trauriges Lied das davon handelt, wie Kinder von ihren Eltern daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist lustig? Das ist jetzt natürlich superernst genommen, aber wie soll man Pop auch anders begreifen?

Was mir aber auf die Nerven geht, ist etwas ganz Anderes. Ich lese seit Tagen dass Heino “sich jetzt endlich mal wehrt” und “zurückschiesst”, gegen all den “jahrelangen Spott und Hohn”.

Ich hab zu Weihnachten die Otto Filmbox geschenkt bekommen, mit allen Filmen des Ostfriesen. Da gibt es ja auch diese Thriller/Heino-Parodie. Die ein bisschen lustig ist und natürlich auch Heinos Ikoknografie nährt (Blond, Sonnenbrille), von deren Marken-haftigkeit der Düsseldorfer meiner Meinung nach ganz gut profitiert hat. Das wichtigste daran ist aber: Das ist 25 Jahre her!


[YouTubeDirektThrillerHeino]

Heino-Witze sind so alt wie abgestandener Eierlikör. Und da “leidet” der noch heute so schlimm drunter? Nicht eher darunter, dass bis auf ein paar DVU-Fans und Vorpommerer wirklich niemand mehr größeres Interesse für den Sänger mit dem superrollenden R hat?

An Heino ist nichts “cool”. Heino hat schon immer in seiner Karriere verzweifelt versucht, sich überall anzubiedern, bei noch lebenden und halbwegs liquiden Käuferschichten als “Kult” durchzugehen. Ich erinner mich an den Acid-Enzian. Das wurde dann noch Rap genannt und hat ganz viel ganz schlimm durcheinander gewürfelt. Deswegen konnte da auch keiner was mit anfangen (Übrigens: Da hat er sich mit stilisierten Smileys, die sein Gesicht zeigen, schon des Images angenommen, unter dem er ja ach so gelitten hat…).


[YouTubeDirektAcidRapWasauchimmer]

Immerhin: Diesmal hat der Marketing-Mensch alles richtig gemacht. Die Platte kommt ganz früh im Jahr, wenn noch nicht viel los ist. Sie kommt in die Karnevalszeit, wo die Bereitschaft zu Quatschmusik am höchsten sein dürfte. Es werden nur credibile Hits gecovert. Und es wird ein “Rockerkrieg” erfunden, der das alte Klischee der Heinowitze aus den 80ern bedient. Bämm - plötzlich gilt der als cool.

Ich finde das sehr unangenehm und ich möchte ungern jemandem zujubeln, der so verzweifelt alles versucht um mich als Käufer zu gewinnen. Und ich lass mich nicht gerne für blöd verkaufen. Heino leidet, wenn überhaupt, an mangelnden Plattenverkäufen. Johnny Cashs American Recordings gingen mir ab dem dritten Teil zwar auch auf die Nerven, weil es irgendwann zum Cash (hihi) Cow milking wurde, aber dessen Cover Versionen haben durch sehr exaktes und behutsames auswählen und eine besondere Interpretation dem Orignal wenigstens noch etwas hinzugefügt. Eine gewisse Deepness. Von Heino gecoverte Lieder verlieren alles, was sie ausmacht und sie werden nur noch zu leeren Mitgröhlhüllen. Weil man schon merkt, dass sie für ihn selbst keinerlei Bedeutung haben.

Das ist nicht cool. Das ist homeshopping Television das so tut, als wäre es AC/DC.

Das Einzige, das noch nerviger als diese Platte ist: Von solchen Platten stehen uns jetzt mit Sicherheit hunderte ins Haus:

“Andy Borg singt Einstürzende Neubauten”

“Stephan Mross: Meine liebsten Battlerap-Tracks”

“Bata Iliç - Für immer Punk”

Hoffen wir das dieser Popsommer schnell an uns vorbeizieht.

Zum weiterlesen:

- Staiger, Raplabellegende, ist in etwa derselben Meinung wie ich. Danke Form Prim!

- Wie humorbefreit Heino schon in den 80ern reagiert hat, zeigt dieser Artikel von damals sehr gut. Danke Nico!



Stirb, Medium, stirb!

Alles fängt an mit einem Tweet:

Erstmal zum Tweet-Autor: Ich mag Jens Best. Best geht vielen Leuten auf den Sack, weil er zu allem gerne seinen Senf abgibt. Ich bin auch oft uneins mit ihm, aber ich finde seine vehemente Auf-den-Sack-Gehigkeit wirklich aufrichtig bewundernswert. Er taucht nie ab, bleibt immer sichtbar und steht zu 100% für sich und seine Meinung. Find ich stark.

Aber hier irrt er und da er nicht der Einzige ist, der diese Annahme teilt, muss ich mal einen Text drüber schreiben. Keinen Text, der sich mit den grotesken Forderungen der Verlage (a.k.a. Leistungsschutzrecht) beschäftigt, da sind andere deutlich bessere Quellen mit fundierteren Meinungen. Ich finde das einfach nur Gaga.

Mir geht es um das im Netz sehr weit verbreitete Herbeisehnen des Todes von Medien, die älter sind als das Internet, also allen ausser dem Internet.

- Zeitungen
Zugegeben, die Verleger haben sich jüngst mit ihren Kampagnen keinen Gefallen getan und nicht unbedingt Freunde gemacht. Sie faseln von “Qualitätsjournalismus”, sind aber selber oftmals nicht im Stande, Grundqualität abzuliefern. Im Sinne von: Durchdachte Inhalte. Oder vernetzte Inhalte. Dazu noch die einseitige Berichterstattung über das Leistungsschutzrecht, das tut schon ein bisschen weh. Aber ich möchte trotzdem nicht drauf verzichten. Und viele Andere möchten auch nicht drauf verzichten.

Meine Eltern
Lesen jeden Morgen den KStA. Mein Vater regt sich immer auf, das die scheiße recherchieren, was ihm natürlich bei den Sachen auffällt, bei denen er sich auskennt. Und die Beispiele, die er mir genannt hat, die haben ja auch gestimmt. Dumme Redaktionsfehler, vielleicht Flüchtigkeitsfehler, vielleicht “Der Leser ist doch eh egal”-Fehler, aber definitiv unnötige Fehler. Und trotzdem hat er ihn noch abonniert und liest ihn jeden Morgen zum Frühstück. Um ein Grundbedürfnis nach Information zu decken. Das er nicht durchs Fernsehen decken lassen will, sowieso nicht durchs Internet, sondern durch die Zeitung beim Frühstück. Und wenn ich da zu Besuch bin, mach ich es genauso. Auch wenn ich iPad und Rechner und Kindle und Handy dabei hab: Ich finde das super beim Frühstück ein Holländerbrötchen zu essen und dabei in der Zeitung etwas ausführlicher als durch SpOn über die Geschehnisse von gestern informiert zu werden. Das ist fast meditativ.

Anderes Beispiel: Meine beste Freundin
Hat alles zu Hause und nutzt es auch ausgiebig. Computer, Handy, Fernsehen, alles da. Aber hat immer das Gefühl, uninformiert zu sein. Eine zeitlang gab es mal diese Zeitung zum selber zusammenstellen, ich glaube die hiess niuu oder so, da hab ich ihr mal (auch weil ich selber neugierig war) ein Probeabo zusammengestellt und schicken lassen. Und sie fühlte sich rundum informiert. Hat sich morgens mit einer Tasse Tee in die Küche gesetzt, wenn unser Kind in der Schule war, und gelesen. Oder die Zeitung in die Tasche gestopft und im Café gelesen. Die würde niemals einen Rechner mitnehmen oder im Café auf SpOn irgendwelche Neuigkeiten lesen. Da würde sie dann eher eine der herumliegenden Zeitungen nehmen.

(Nachtrag: Als ich eben mit ihr telefonierte, meinte sie, das sie mittlerweile doch Nachrichten auf dem Handy lesen würde, wenn sie irgendwo rumsitzt…na gut. Sie hat aber nochmal betont, wie sehr ihr die niuu gefallen hat!)

Zeitungen haben einen Sinn. Das Medium “bedrucktes Papier” hat einen Sinn. Ist robust, ist leicht, ist easy anwendbar. Das ist nicht zu ersetzen. Ja, seine Inhalte bedürfen einer Nachjustierung. Aber deswegen erkläre ich doch kein Medium für Tod.

“Ja, aber die FTD!”

Wenn man es nicht schafft, Leser von seiner Einzigartigkeit am Markt zu überzeugen, dann macht man vermutlich etwas falsch, vor allem wenn man als Letzter kommt. Es tut mir ja leid, aber da ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass man auch wieder als Erster geht. Und wenn man sich so arrogant verabschiedet, wie die FTD das getan hat, dann war das vielleicht auch alles nicht so falsch.

“Ja, aber die FR!”

Ja, die FR bedauer ich auch, wobei ich die auch nur online gelesen hab. Aber hier gilt das natürlich auch: Wer liest die noch, wo ist der Leser. Und damit meine ich eben kein blindes hinterherrennen irgendwelcher Marktforschungs-Ergebnisse, sondern Intuition. Gespür für den Leser, für den Markt. Das war wohl nicht gegeben. Ich hätte ehrlich gesagt gedacht, das es zuerst die Berliner Zeitung erwischt, aber nun ja. Wenn man am Leser vorbeischreibt, dann kann man nicht bestehen, so leid mir das auch tut.

“Ja, aber die PRINZ!”

Hahahahahahahahahaha. Das letzte Mal, dass ich in die PRINZ geguckt hab, war das ein Gutscheinkatalog mit Partybildchen. Nichts mehr an Originalität, keine Meinung mehr, nur noch MaFo, MaFo, MaFo und dem Anzeigekunden in den Arsch kriechen. Sorry, aber warum gab es die überhaupt noch so lange?

Das sind eure Argumente für den Tod der Zeitung, für das Ende von Print? Da müsst ihr aber noch eine gehörige Schippe drauflegen, um mich zu überzeugen. Und viele Andere auch. Ich weiß natürlich auch ehrlich gesagt nicht, warum so viele im Internet sich wünschen, das gedrucktes stirbt. Es nimmt dem Netz nichts weg. Und so viele Baumschützer gibt es nicht mal online. Aber, liebe Leute: Get over it. Print bedient etwas, was das Netz nicht bedienen kann. Ja, es werden noch andere Zeitungen und Zeitschriften sterben. Es geht vielen schlecht. Und das große Auflagenwunder vergangener Jahrzehnte ist vorbei. Der Markt wird dünner. Aber er wird niemals verschwinden. Was eine Zeitung (in der analogen Welt) kann, kann nur eine Zeitung. Ich werde zumindest niemals eine Ecke meines Handys abreissen, um einen Kaugummi reinzupacken. Eine Telefonnummer auf meinen kindle kritzeln. Einen Tag später ausführliche Texte im Netz suchen zu Nachrichten, die ich da einen Tag vorher gelesen habe (wenn ich nicht drauf hingewiesen werde). Oder am Frühstückstisch meiner Eltern mit einem iPad sitzen.

- Fernsehen

Auch hier: Totaler, seltsamer Hass von Menschen, die sich stolz damit brüsten, gar keinen Fernseher mehr zu haben. Und die rufen es in die Welt hinaus: Fernsehen ist tot, braucht keiner mehr, Volksverdummung, blablabla. Regen sich aber dann über jeden TV-Beitrag über das Internet auf, der tendenziell negativ ausfällt. Wald? Hineinruft? Herausschallt?

Wenn man sich das Netz ansieht, hat man es beim Fernsehen immer noch mit dem Leitmedium Nummer 1 zu tun. Auf Twitter wird gemeinsam Tatort oder “Bauer sucht Frau” geguckt, bei Facebook versammelt man sich auf Fanpages über das Dschungelcamp und auf vielen Blogs lese ich Artikel über Dexter, Game of Thrones, Misfits oder die Big Bang Theory. Alles Fernsehen. Die Mediatheken der Sender laufen heiss, wenn eine neue Folge “Roche und Böhmermann” online geht und Zattoo dürfte zu internationalen Fussballturnieren einen deutlichen Download-Anstieg verzeichnen. Alles Fernsehen. Piraten lassen sich regelmässig zu Lanz oder anderen Talkern einladen. Bei Protesten vor dem Brandenburger Tor werden ZDF-Journalisten via Twitter beschimpft, weil sie zu wenig oder gar nicht berichterstatten, was so vielen berichterstattungswürdig erscheint. Und auf SpOn wird jede Talkshow am nächsten Tag besprochen. Alles Fernsehen.

Sieht so ein totes Medium aus?

Was ich nie kapiere ist: Das Wirkprinzip von Fernsehen ist ein komplett anderes, als das vom Netz. Die einzige Gemeinsamkeit sind laufende Bilder. Beim einen Medium als Default, beim anderen als Option. Das war es aber auch. Fernsehen ist eines der passivsten Medien, die es gibt, was gleichzeitig auch die Erklärung für seinen großen Erfolg ist. Ich muss nichts anderes tun ausser umschalten. Immer läuft irgendwo, irgendwas. Etwas läuft, was ich immer weiter laufen lassen könnte. Ich muss nichts tun. Nun mag es auch im Netz Seiten geben, die mir unendlich viele Videos hintereinander vorspielen, aber die sind eher selten. Und da ist das “umschalten” auch nicht so einfach, erfordert einen Mausklick, der sich aber vorher genauer mit dem Inhalt beschäftigen muss, damit ich überhaupt weiss, wo der Klick hingehört, wo der Link ist. Alles schon wieder viel zu viel Aktion. Ja, Fernsehen ist ein faules Medium. But guess what: Das ist sein Erfolg.

Warum also den Tod des Fernsehens herbeisehnen? Welchen Teil des Internets stört das Fernsehen? Ja, Fernsehen ist ein Medium, das primär “von oben herab” sendet. Die lassen sich die Inhalte nicht so leicht diktieren, wie irgendwelche Blogger oder im Zweifelsfall noch News-Seiten, das pisst viele an. Na und? Noch kein Grund zur Abschaffung oder kein Anzeichen des Untergangs. Diese ganzen schlauen Medienpropheten, die dem TV seine baldige Abwesenheit prophezeihen, vernachlässigen alle Umstände und stellen ihre eigene Sichtweise als Vision auf. Fernsehen muss auch nicht allen gefallen, das ist in Ordnung. Niemand kann gezwungnen werden, einen Fernseher zu besitzen. Auch okay. Aber einen gesunden Patienten, der hier und da ein paar Zipperlein hat, deswegen gleich für Tod zu erklären? Das ist wie bei “Ritter der Kokosnuss”, als der den Alten auf seiner Schulter zum Wagen rausbringt, auf dem die Toten gesammelt werden und der Alte ruft: “Lass mich runter, ich bin gar nicht tot, ich will spazieren gehen!”.

Das Fernsehen ist durchaus kritikwürdig. Heutzutage läuft da sehr viel Scheisse. Und das müsste nicht sein. Auch hier wieder: Marktforschungsoptimierte Programme sind ein Graus. Und die Verarschung und Vorführung von Leuten im Privatfernsehen in Formaten wie “Bauer sucht Frau” oder “Schwer verliebt” ist zum kotzen und soll allen Verantwortlichen ein fieses und fettes, haariges Furunkel am Arsch wachsen lassen. Aber Fernsehen darauf zu reduzieren, ist wie zu sagen: Das Internet ist vor allem Kinderpornographie. Reine, alberne Demagogie.

Ich freu mich schon, wenn irgendein Shoppingsender schliesst und dann online zu lesen ist: “Das große Fernsehsterben beginnt!”

- Radio

Warum lese ich eigentlich so wenige Rants gegen das Radio? Weil viele “Wortführer” im Netz von da kommen? Weil man das im Auto zur Arbeit noch braucht? Weil Podcasts nichts anderes sind?

Das finde ich erstaunlich. Die große Kritik am Medium Radio, die Rufe über ein “totes Medium” oder für “Kein Grundrecht auf Rundfunk” sind doch eher seltener Natur. Ich muss ehrlich gestehen, das mir das von allen Medien eigentlich am egalsten ist. Ja, ich höre gerne Domian, aber den kann ich ja auch gucken. Ich freu mich auch wenn ich mal einen guten, mir unbekannten Song im Radio höre - verfluche aber auch die Radiomacher dafür, es mir extra schwer zu machen, herauszufinden was ich da genau gehört habe. Ja, ich kann das online nachgucken, aber wie schön wäre es, wenn ich keinen Mediensprung machen müsste und mir einfach geSAGT würde, was ich gerade gehört hab? Max Goldt schrieb mal sehr schön sinngemäss über Radio, dass er niemand bräuchte, der ihm sagt, was für eine gute Stimmung er nun haben müsse, dass er seine Laune ganz gut selber im Griff hätte, er aber bei guter Musik immer gerne wissen würde, was er denn da nun gehört habe.

Radio ist das vielleicht schlimmste Opfer des Marktes, weil man hier (meine ich mich zu erinnern) irgendwie nicht so richtig “Quoten” messen kann und sich deswegen nur auf Zahlen gestützt wird, die irgendein Unternehmen im Quartal produziert, basierend auf Umfragen etc. Da wirds dann ganz abenteuerlich. Und alle Sender halten sich sklavisch an diese Zahlen, so wie es auch alle Werbekunden tun. Deswegen hat man beim Gros der Sender heute nur noch Jingle-Geballer und “Das Beste von Früher, Heute, Morgen und Niemals” oder so am Start.

Wie gesagt: Ich brauche Radio nicht unbedingt als Medium, zu selten sind unsere Berührungspunkte. Aber es gibt viele Menschen, die gerne Radio hören. Die jeden Morgen im Stau auf dem Weg zur Arbeit stehen und da gerne David Guetta hören, oder irgendwas Anderes, was sie vielleicht nicht selber auf CD haben. Oder die hören wollen, wo Stau ist. Oder auch Menschen, die dann zu Hause klassische Musik hören oder Hörspiele oder Reportagen. Es gibt Radiohörer und es soll sie geben. Radio nimmt meinem Medienkonsum nichts weg, gar nichts. Warum sollte ich also dagegen sein, warum sollte ich permanent rufen “Radio stirbt” und wenn dann nach fünf Jahren wirklich mal ein Lokalsender zu macht direkt rufen: “Seht ihr! Ich habs gesagt: Radio stirbt! Und das war erst der Anfang! Alle Anderen werden folgen! Radio stirbt, weil es unmodern ist!”

Warum rufen Menschen so was? Warum diese Verbitterung, diese Unentspanntheit?

Es gibt Tage, an denen kotzt mich das Internet an. Da bleibt man in irgendwelchen Kommentarspalten großer Zeitungen stecken oder liest dämliche Verschwörungstheorien oder klickt aus Versehen auf einen Broder-Artikel oder wundert sich über all den unreflektierten Hass und die Grabenkämpfe allerorten. Wundert sich, wie man dem Menschenbild, das im Netz konstruiert wird, jemals entsprechen soll. Wundert sich über das plötzliche aufpoppen eines Fettnäpfchens, das man nie als solches wahrgenommen hat, man aber gleich abgewatscht wird mit der Haltung, das man es schon immer hätte kennen müssen - denn es steht ja im Netz. Diese Tage frustrieren mich. Mich, der ich das Netz immer als tolles, fantastisches Medium propagiere. Als spannende Welt, als Meinungskanal, als vollkommen neue Möglichkeit des publizierens. Als spannenden Pool verschiedener Sichtweisen. Der leider oftmals dann aufhört, wenn die Meinung eine Andere ist.

Und dann klapp ich den Computer zu. Und mach den Fernseher an. Oder lese ein Videospielmagazin wie die “M!” oder das Rapfachblatt “Juice”. Oder ein Buch. Und denke:

Hach. Auch schön.