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Wer bringt mich jetzt zu den Anderen? - Die neue von “Die Höchste Eisenbahn”

Drei Jahre ist das nun schon her. Drei Jahre seit einer Platte, die mich verzaubert hat, die damals meine Platte des Jahres war und die ich seitdem immer und immer wieder gehört habe. Das verrückte daran ist: Ich habe irgendwie gar nicht mehr mit einer weiteren Platte gerechnet. Vielleicht weil die Band in meinem Kopf einen gewissen Projekt-Charakter hat, auch wenn ich keine Ahnung habe, woher dieses Gefühl kommt.

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Nun habe ich es in der Hand, dass neue Album. Und abgesehen von der schönen Überraschung, ist das auch ein schönes Album. Eine Platte, die dem Debüt in keinster Weise nachsteht. Eine Platte, die auch wieder Magie verströmt, wie zuvor, aber vielleicht diesmal auf eine etwas andere Art. Vielleicht. Mal sehen zu welchem Fazit ich am Ende dieses Textes komme. Vorweg gestellt sei erstmal nur das: Bitte kaufen sie diese Platte. Sie gehört zu den Meisterwerken 2016.

Schon auf Twitter und Facebook wurde ich ungeduldig gefragt, wie mir denn die neue Höchste Eisenbahn gefallen würde - bevor ich sie überhaupt einmal durchgehört hatte. Dann aber hatte ich endlich das Momentum und den Zeitpunkt gefunden, mich in Ruhe mit ihr auseinanderzusetzen.

Und schon der erste Eindruck war: Ich möchte diese Lieder einpacken, in kleine Paketchen, mit Schleife und vielleicht an den Ecken etwas zusammengedrückt. Und die will ich verschicken, an ganz viele Menschen. Menschen, die ich mag. Einfach nur um zu wissen, dass sie diese Lieder auch hören, dass sie dieselben Lieder wie ich hören. Und zwar genau diese. Diese Songs die immer eine Mischung sind aus Anekdoten, die uns allen schon genauso passiert sind und Sätzen, die auf Plakaten gedruckt, unsere Innenstädte zukleistern sollten.

Eigentlich sollte das einen ja erschrecken: Mein Leben ist gar nicht so einzigartig, wie ich immer gedacht habe. Anderen Menschen passieren dieselben Dinge, erschreckend gleich, und sie schreiben dann auch noch Songs drüber. Und in ihren Songs tauchen all diese Namen auf, Lisbeth, Tillmann, Louie, Timmy. Ein Name macht einen Song konkret, ein Adressat macht ein Lied zu einer Aussage. Und dennoch ist das alles kein Grund zur Sorge:

1.) Die Musik
Der AOR des ersten Albums wurde ausgefeilt. Jetzt sind auch, wie zum Beispiel in “Stern”, andere EInflüsse zu hören, die vorsichtig in das Gesamtbild eingefügt wurden. Im genannten Song ist das ein fast housiges Piano im Refrain. In vielen anderen Liedern wurden auch neue Synthie-Sounds genutzt, Sounds, die fast verboten waren.

Die Kompositionen sind clever, ohne angeberisch sein zu wollen. Es scheint keinen Ton zu viel zu geben. Sehr leicht, sehr einschmeichelnd, manchmal mit kleinen eingebauten Stolperern. Ich weiß nicht, was diese Musik für mich so verführerisch macht. Ich kann diesen Harmoniebögen nicht widerstehen. Dieser schlauen Instrumentierung, die immer wie aus dem Bauch wirkt, obwohl man merkt, dass sie sehr durchdacht ist. Sie zwingen mich zuzuhören und gleichzeitig darüber glücklich zu sein. Ich freu mich über die Gesangsmelodien und die zweistimmigen Harmonien. Es schwebt in dur-igen Sphären und hallt in Moll nach. Die Kompositionen sind Sehnsuchtsorte. Vielleicht beschreibt es das am Besten (vielleicht aber auch gar nicht).

2.) Die Texte
Die letzten drei Jahre haben Moritz Krämer und Francesco Wilking wohl dazu genutzt, noch mehr zu beobachten, noch mehr zu erleben, noch genauer hinzuschauen. Manche Menschen haben ab einem gewissen Punkt alles erzählt, nichts Neues mehr erlebt (vor allem im deutschsprachigen HipHop ein häufiges Phänomen) und fangen dann nur noch an, sich zu wiederholen. Eine Falle, in die die Höchste Eisenbahn wohl niemals tritt. Denn ihre Texte handeln von Situationen, die niemals aufhören, die so einzigartig sind, dass sie ein Leben lang vorkommen.

Irgendwann werd ich dir alles erzählen.
Wenn du neben der Rutsche stehst,
werd ich mich zu dir stellen.

Ich sag was zum Wetter.
Du lachst und du nickst.
Und alles ist still.
Für einen Augenblick.

Diese Strophe zum Beispiel aus dem großartigen “Woher denn”, erzählt schon so viel, so bekannte Situationen und hat gleichzeitig etwas unangenehmes, etwas bedrückendes. Zusammen mit dem herrlich leichten Instrumental, in dem immer wieder irgendwelche Sounds kurz und klein aufpoppen, fast wie in einem Sumpf in der Abenddämmerung, wo es an allen Ecken und Enden kleine Geräusche gibt und welches sich dann in ein großes Uptempo-Finale steigert. Das ist so einzigartig toll - so einen Song kann es nur von dieser Band geben.

Oder der Refrain von “Lisbeth”:

Liebe Lisbeth,
wir sind nie Zuhaus
Mit dir würd ich immer wieder,
an einem Laken zum Fenster raus.
Wir waren Waisen
und ständig auf der Flucht.
Ängstlich und alleine
und dann kam der erste Kuss.
Bist nochmal gewachsen,
und ich kann jezt mehr verstehen:
Waisen sind wir immer wieder,
wenn wir uns nicht sehen.

Ich liebe diese Band, ich liebe ihre Melodien, die Art, wie sie ihre Instrumente spielen, wie sie singen, was sie singen, wie sie welche Worte benutzen. Wenn ich eine Band sein wollen würde, dann diese (oder die Lassie Singers). Auch auf dem neuen Album beweist die Höchste Eisenbahn wieder, sehr ausserhalb von allem zu sein, sehr einzigartig und vor allem: Sehr berührend. Es gibt viele deutschsprachige Bands, die ich verehre, aber im Moment keine, die ich so liebe.

Auch wenn ich es schade finde, dass Francesco nicht mal mehr einen italienischen Satz untergebracht hat - aber vielleicht kann ich mit ihm ja eine italienische Cover-Platte machen.



Himmelhochrappend / zu Tode bemüht - Das neue Beginner Album “Advanced Chemistry”

Wie fang ich denn so einen Text an? Hm, vielleicht so:

Die Beginner sind wieder da!

Und in mir macht sich ein großes Gefühl der Erleichterung breit. Irgendwie waren die drei das letzte Puzzle-Stück, das noch gefehlt hat, um meine Rap-Sozialisation wieder komplett zu machen. Fettes Brot waren nie weg und werden immer großartiger in einer gewissen Jetzt-erst-Recht-Haltung. Samy Deluxe bringt regelmässig Soloalben, bei denen man unsicher ist. 5 Sterne Deluxe hab ich so laut wie möglich beim Comeback-Gig vor 2,3 Jahren zugejubelt - aber da war es klar, dass man noch 3000 Jahre würde warten müssen, bis da wieder eine Platte kommt. Die Fantas sind eigentlich unentwegt auf Tour (ich will wieder hin!) und nun also Denyo, Eizy Eis und DJ Mad wieder am Start. Klar, wir werden alle nicht jünger, in der Zwischenzeit haben viele andere Bands und Rapper das Feld übernommen. Niemand hat 13 Jahre auf das Beginner Album gewartet, liebe Leute. Aber jetzt ist es da und niemand kommt daran vorbei. Und das ist auch richtig so.

Erstmal: “Advanced Chemistry” ist ein dopes Album geworden. Es ist exakt das Beginner-Album, das ich erwartet habe, als es hiess, es würde ein neues Beginner-Album geben. Der Flow steht, die Raps sind ebenso entspannt wie da (für mich immer eine der besonderen Beginner-Eigenheiten: Wie kann man nur so entspannt klingen und gleichzeitig so aufregend erzählen?). Die Beats sind von “Herrje” über “Jo, passt” bis zu “Woah! Krass!” und “Hehehe.”. Vielleicht gehen wir einfach mal die Tracklist durch, so wie ich das immer gerne mache:

“Ahnma” war der Türöffner, ist auch der Opener des Albums. Eine starke Represent-Nummer, die vor allem, vermutlich sogar überraschend, den Kultur-Chauvinismus vieler Beginner-”Fans” offenbarte, die mit spitzen Fingern: “Gute Nummer, aber was soll denn bitte dieser Prolo da drin?” in die sozialen Netzwerke kommentierten, damit das GZUZ-Feature im Refrain meinten und zeigten, dass sie von Rap nichts begriffen haben, während die Beginner bewiesen, sehr wohl noch Part des Games zu sein. Im Grunde genommen hätte sofort das Album kommen können - so viel wie da richtig gemacht wurde.

Stattdessen kam noch eine Single, “Es war einmal”, ein schöner Wie alles begann-Track, zum sich erinnern. Also, eigentlich nur dafür. Wer würde den Song hören wollen, der die Geschichte nicht kennt? Dazu ein Video, das einen mit der Flut an Gastauftritten und versteckten Informationen auf Crawls und Einblendungen etwas überfordert, aber trotzdem erstmal begeistert. Aber so eine Reminiscence, die macht einen natürlich auch sofort: alt. Also, mich als Hörer vor allem auch. Hmpf.

Es folgt mit “Meine Posse” ein Song, in dem Samy mal wieder seine Stärken eindrucksvoll demonstriert. Dazu ein schöner, schräger Beat - der von einer ganz seltsam einschmeichelnden Melodie in der Hook getragen wird. Aber auch hier, ganz HipHop, wieder hauptsächlich represent. Ist ja okay.

Über das folgende “Schelle” hab ich viel negatives gelesen. Die Beginner würden versuchen, sich an einen modernen Sound anzubiedern. Wie kommt man auf so eine bekloppte Idee? Der Song ist musikalisch eine gut schräge Reggae/Trap/Cloud/Dubstep-Mische. Warum dürfen die Beginner so etwas nicht probieren? Weil sie älter als 13 sind? Die Jungs waren schon immer sehr geschmackssicher im Beatpicking, so auch hier. Der Song funktioniert super als Dancefloorsmasher. Weil die das wussten, ist der vielleicht auch textlich eher so…nun ja…representig?

“So schön” ist eine Art romantic Rap. Dazu ein Dendemann-Feature. Aber der Beat, ich weiß ja nicht. Keine Ahnung ob die den gesampled haben oder ob der live eingespielt wurde, aber es klingt wie letzteres. Und dabei irgendwie so uninspiriert. Oder brav. Ein bisschen wie späte Jazzkantine (sorry!). Wenn super Musikern ein bisschen die Ideen ausgehen. Text geht klar, vor allem Dendes Part ist - man kennt es ja quasi gar nicht anders von ihm - super. Aber wie schön wäre ein Part von ihm in einem Song gewesen, der genauso strahlt? Erster Bummer des Albums.

Dann aber: “Rambo No.5″. Abgesehen von dem herrlich bescheuerten Lou Bega Wortspiel: Der Beat! Alter! Was für ein Superbrett! Ich habe mich sofort in diesen Beat verliebt! Der Text ein Partytrack, mit dem wunderbaren “Wiener Krawalzer” und “Lambada Meinhoff” und der Zeile “Scheiß auf Ayurveda, der DJ ist mein Apotheker!” Instant Lieblingstrack. Diesen Song, das weiß ich sofort, werde ich dieses Jahr noch viele Male hören. Schon mit seinen Hip-Hop-Partychören in der Hook. Wie herrlich! Beginner! Ja!

Direkt danach “Kater”. Der Hangover-Song. Supergutes Sample, das mich an den “Wichita Lineman” erinnert (wer das nicht kennt: Super Song von Glenn Campbell, der auch viele Male ganz toll gecovert wurde, quer durch die Popgeschichte). Interessanterweise fühlt sich der Song für mich am meisten nach 90ern an. Dieses filtern des Main Samples in den Strophen, da werden sofort Erinnerungen an zum Beispiel “Tag am Meer” wach. Aber ich mag das. Gemütlich. Cozy. Wie immer sehr stilsicher zusammengesetzt.

“Rap und fette Bässe” ist dann wieder Verneigung und, ja, Represent zugleich. Dabei ist der Beat sehr lustig extra unfett (und dabei sehr fett). Es gibt keine Bassdrum, keine Snare. Alles pumpt über (fetten) Bass und Keyboardlines. Dazu ein Afrob und Ferris MC Sample in der Hook, in der nur “Afrob und der Ferris” durch ein “Die Beginner”-Sample verdeckt wird. Sehr gut. Genau DEN richtigen Song gesampled, auf den sich wirklich alle Rap-Heads über 30 einigen können. Starke Nummer!

“Spam”. Wuuuahh. Gruhuselig. Kulturpessimismus und eine “alle gucken nur noch auf ihr Handy”-Haltung, die erstaunlich undifferenziert für die Beginner ist. Find ich unangenehm. Eizi Eiz rappt am Anfang: “Mach auf Curse für die Dramatik und rappe auf Klavier” und genauso hört es sich auch an. Ich verstehe nicht so ganz, warum er es eigentlich macht, wenn es ihm selber aufgefallen ist - aber vielleicht kapiere ich da auch irgendeine Ironie nicht. Kann er mir ja eventuell auf Twitter erklären.

“Thomas Anders”. Puh. Das ist ne harte Nuss. Der Beat ist weird und das auf eine super Art und Weise. Und auch der Text ist stark, Eizi findet genau die richtigen Rhymes und das Megaloh-Feature ist perfekt. Technisch also alles Bombe. Aber: “Sorry Baby, dass ich anders bin” ist die Hook, ist die Aussage, darum dreht sich alles. Und jeder, der schon mal jemand getroffen hat, der von sich gesagt hat: “Sorry, ich bin so anders als die Anderen!”, naja. Das ist wie so ältere Frauen mit gebatikten Gewändern und rot gefärbten Haaren, die in städtischen Büros sitzen und deren Brillengestell zwei verschiedene Formen hat (rund und ein auf der Spitze stehendes Quadrat) und die von sich sagen, sie seien ja eher so verrückt. Sorry. Das verwirrt mich bei diesem Song übrigens extrem.

“Macha Macha”. Ja! Als würde das Haftbefehl-Feature die Jungs anstacheln, ist der Song wieder Beginner von der reinsten Sorte. Der Text wieder herrlich durchdacht, mit Wortspielen aus dem Trakt der Wortspielhölle, in dem man bitte für die Ewigkeit eingesperrt sein möchte und einer guten, den alten Männern ziemlich gut stehenden, Portion Aggroness (”Johann Sebastian Reibach”, “Mittelmaß ist ein No-Go wie ein Hitler-Bart”, etc.). Und natürlich Hafti über dem ganzen Song. Mega. Vielleicht eines der wichtigsten Features des Albums. Auf dass die selbsternannten Gralshüter der Beginner wieder heulen werden und ihr Unwissen wie eine Fahne vor sich hertragen.

“Nach Hause” ist dann vermutlich ein klassischer Album-Closer. Ein Lied zum runterkommen, ein Lied das sich ganz klar gegen Rassismus wendet, gegen die Scheissigkeit, die in Deutschland gerade allgegenwärtig ist. Und gleichzeitig eine Ode an Hamburg, an den Hafen, an die Weite des Wassers, des Hafens. Das Glück in einem Ort zu leben, der von der MIschung der Menschen lebt. Das ist einerseits sehr schön und ergreifend, aber der Beat ist irgendwie so zahm. Schade, dass das Album so enden muss. Ich hätte mir da eher einen Knall zum Ende gewünscht. Aber man kann halt nicht alles haben.

Wie ist nun das Fazit? Ich hab keine Ahnung. Ich freue mich über das Album, freue mich über die Beginner und freue mich über jeden Song, den ich Hammer finde. Aber ich ärger mich auch ein bisschen über die Songs, die ich scheisse finde. Und irgendwie hab ich die ganze Zeit das seltsame Gefühl, irgendeiner unangenehmen Nostalgie auf den Leim zu gehen. Ich checks nicht.

Vielleicht ist das das Beste, was man über eine Platte sagen kann. Dass sie einen verwirrt. Aber dass einem ganz viel gefällt. Denn am Ende sind die guten Songs immer tausendmal wertvoller, als die schlechten. Und ein guter Beginner-Song kann Tage, Wochen, Monate, Jahre retten. Auch wenn es 13 sind. Der Nachfolger wird hoffentlich schneller kommen. Und mit Sicherheit alles abreissen.

Hier zum reinhören:



Die Donots sind back…äh…zurück!

Die Menschen entwickeln die aussergewöhnlichsten Spleens, wenn sie seit 20 Jahren zusammen sind. Manche entdecken plötzlich wagemutige Hobbys wie Fallschirmspringen oder Golf, andere entwickeln obszessive Leidenschaften für solche Dinge wie Nahrung und beschäftigen sich plötzlich mit Molekularküche, wiederum andere suchen sich eine junge Geliebte. Und dann gibt es diejenigen, die plötzlich deutsch sprechen.

Die Donots, seit über 20 Jahren im Geschäft - was man ihnen, unverschämterweise, nicht ansieht - haben beschlossen, mal was anderes auszuprobieren und ihr neues Album “Karacho” mit ausschliesslich deutschen Texten bestückt. Nun kommen die ja aus Ibbenbüren, einer kleinen westfälischen Bergbaustadt im Norden NRWs, mit Stadtteilen, die auf Namen wie “Püsselbüren”, “Dickenberg” oder “Uffeln” hören und einem Flüsschen, bei dessen Benennung die Entdecker nicht weit im Alphabet gekommen sind, weswegen sie es “Aa” nannten. Kein Scheiss.

In so einem Spannungsfeld zwischen Kohle, Schiefer, Fachwerk und dem jährlichen Kartoffelfest “Tolle Knolle” erwartet man sicher einiges. Ruhe, Gelassenheit, Sicherheit, Geborgenheit würde mir da als Erstes einfallen. Ich bin ja in Wesseling aufgewachsen, einer Kleinstadt zwischen Köln und Bonn, ich kenne das Leben in westdeutschen Kleinstädten also gut. Aber von solchen Orten aus den Punkrock erobern, eine zwei Dekaden währende, stetig wachsende Karriere hinlegen und sich dann nochmal neu erfinden? Das ist mehr als bemerkenswert. Das sind die Donots.

Vielleicht liegt das alles auch in ihrem Naturell, denn, ganz im Ernst, es gibt auf dem ganzen Planeten keine freundlichere Band als diese, geht gar nicht. Die Männer sind total offen, uneitel, sich für nix zu schade und gehen trotzdem ihren Weg. Wenn es so etwas wie Karma gibt, dann wird ihr Erfolg niemals versiegen und sie immer erfolgreicher und glücklicher. Es ist wirklich so, dass man sich wünscht, die würden alle bei einem einziehen, einfach weil es so unheimlich angenehm ist, wenn die um einen herum sind (oder man selbst in ihrer Nähe sein kann). Doch genug der Liebeserklärung. Wichtig ist, was kann das neue Album “Karacho” (Amazon-Partner-Link) und wie gut tut der Sprachenwechsel?

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Wir machen es einfach so: ich zähle erstmal das Negative auf und danach konzentrieren wir uns nur noch auf das Positive am Album. Dann haben wir nämlich die Kritikpunkte aus den Füßen und brauchen uns über den Rest nur noch freuen.

Erster Kritikpunkt: “Junger Mann zum Mitleiden gesucht”. Das Wortspiel ist eigentlich ganz okay, aber der Song als Ganzes, also ich weiß ja nicht. Das Lied klingt wie “I will survive”, da ist so eine Dramagitarre, die durch das Riff zieht, die find ich schwierig. Und textlich will da bei mir leider auch kein Funke überspringen. Ich hab so ein bisschen das Gefühl, die Titelzeile war zuerst da und die gefiel und dann wurde versucht, da einen Text drumrum zu spinnen, der halbwegs passt und Sinn macht. Let’s call it a filler.

Zweiter Kritikpunkt: “Immer noch”. Dudes, seriously? Ein Countrysong? Nach Texas Lightning und dieser Countrysängerin mit der kehligen Stimme und diesem Hit, in dem sie alles so schnell sang? Nachdem sich sogar Taylor Swift nach Jahren vom Country abgewendet hat? The Boss Hoss? Und es ist ja nicht so, als wäre alles schlecht daran. Ich mag dann und wann nochmal einen guten, alten Dolly Parton Song und “Eastbound & Down” ist, trotz akustischer Überstrapazierung als “Circus Halligalli” Titelsong, immer noch ein Knallerlied (Jerry Reed hat eh ein paar ganz gute Nummern gemacht…). Aber das Genre ist auserzählt, da muss nix Neues kommen. Das tut mir ein bisschen weh. Vielleicht ist es auch nur deutscher Country, der mich schmerzt, das weiß ich nicht. Aber ich sehe vor meinem geistigen Auge sofort die “Ibbenbürer Westerngemeinde”, wie sie zu dem Lied von “ihren” Jungs squaredanced und das freut mich sehr für die, aber ich muss das nicht hören.

Nun hab ich mir die Platte auf Vinyl gekauft, schönes Artwork, dickes Doppelvinyl. Der eine Song ist auf der ersten, der andere auf der zweiten Schallplatte und diese Besonderheit ist Glück, denn jede Platte auf der Welt hat ihren Aussetzer. Hier ist es eben einer pro Vinyl. Dadurch absolut verkraftbar und problemlos auszuhalten, denn: Der Rest des gesamten Albums ist großartig.

Der Sprachenwechsel hat super funktioniert, vielleicht war das sogar genau die richtige Idee, vor allem nach dieser langen Zeit. Die Texte, die Ingo schreibt, sind auf eine gute Art bildlich. Das jahrelange schreiben auf Englisch hat dafür gesorgt, dass er irgendwie anders mit Worten in Texten umgeht, als deutsche Songwriter. Seine Worte sollen klingen, sollen einen gewissen Sound haben. Die Aussage ist nicht egal, aber seine Worte sind eben nicht nur Inhaltscontainer, sondern auch Rhythmus, Metronom, Geräusch. Das wirkt manchmal ungewöhnlich, aber das funktioniert super. Schon im Opener “Ich mach nicht mehr mit”, direkt ein Hitfavorit auf der Platte, gibt es die Zeile “Komm lebt doch mein Leben ohne mich”, über die man direkt stolpert. Aber der Song treibt weiter und kommt irgendwann zu der trotzigen Kind vor der Supermarktkasse-Zeile: “Die will ich hier nicht, will ich nicht, nicht nicht nicht nicht!”. Das funktioniert super, Worte wie Maschinengewehr-Salven. Jedes “nicht” ein Treffer. Danach folgt sofort der (erste?) Anti-Pegida-Song “Dann ohne mich”, mit so schönen Textzeilen wie “Der Dumme hängt die Flagge stets am höchsten” oder “Der kleine Mann, die große Meinung - die Dummheit feiert ihr Comeback.”. Herrlich. Man will immer nur “Ja, Mann! Amen, Bruder!” rufen. Mein Lieblingslied auf “Karacho” heißt “Kopf bleibt oben” und lässt sich schön mit folgender Textzeile zusammenfassen:

“Denn: Lieber falsches Pferd als hohes Ross - die Welt sagt Nein, das Herz sagt doppelt Doch!”

Es werden Bilder gezeichnet vom glücklichen Nachts betrunken durch die Straßen ziehen mit Herzensmenschen (”Hansaring, 2:10 Uhr”) oder es sich bequem zu machen, in der Nische des ewigen nicht-verstanden-werdens (”Problem, kein Problem”). Manchmal wird es mir etwas zu Hosig, wie bei “Du darfst niemals glücklich sein”, aber das kann man easy verknuspeln. Man spürt einfach, bei den ganzen Liedern, bei den Dingen die sie unbedingt erzählen wollen - die haben das Herz am rechten Fleck.

Musikalisch macht das ebenfalls große Freude. Moderner Punkrock, viele schöne “Oooooh”-Chöre, die ich uns schon alle im Publikum mitgröhlen sehe und höre. Tolle Riffs, bisschen englisch, weiß auch nicht, warum ich das so empfinde. Mich erinnert das einfach an so modernen, britischen Punkrock. Geil ist zum Beispiel auch “Kaputt”, das nach NDW klingt. Könnte fast ein Ideal-Song sein. Oder das schon erwähnte “Problem, kein Problem”, übrigens das Einzige nicht von Ingo, sondern von Gitarrist Guido, gesungene Stück auf dem Album, welches schon fast ein Reggae-Gefühl vermittelt, sehr leicht, fluffig, poppig. Passt trotzdem zum Rest. Sehr.

Was soll ich sagen: Das zehnte Studioalbum der Donots ist eine Überraschung und auch keine. Der Sprachwechsel funktioniert Eins A. Die Platte macht Spaß und bietet einige Hymnen für diesen Sommer. Meine wird “Kopf bleibt oben” sein. Und was daran keine Überraschung ist?

Vielleicht können schlechte Menschen gute Platten machen. Bestimmt sogar. Aber gute niemals eine schlechte. It’s Karma, Baby.



ESC 2014 - One Wurst for Europe

Gleich zu Beginn: Den größten Glückwunsch von mir an Österreich und vor allem an Conchita Wurst und an alle Entscheidungsträger, die dafür gesorgt haben, dass sie heute Abend dort auf der internationalen Grand-Prix-Bühne stand und den Pokal nach Hause gebracht hat. Tolle, richtige und mutige Entscheidung. Denn, wie man ja allerorten sieht: Die Holzköpfe trommeln immer am lautesten. Aber deswegen haben sie nicht am rechtesten. Sie sind es nur.

Ich war, ehrlich gesagt, kein großer Fan von Conchita Wursts Song. Ein bisschen Bond-ig, ein bisschen Adele-ig und ich fand es auch ein wenig schnarchig. Allerdings, entscheidend ist aufm Platz und da hat sie voll überzeugt: Der Song war ihr noch mehr auf den Leib geschneidert als das Kleid und das sass schon wie eine Eins. Trotzdem hatte ich andere Favoriten an dem Abend. Wenig überraschend: Deutschland war nicht dabei. Deutsche Entscheidungen, an denen Raab nicht beteiligt ist, bestechen allerhöchstens noch durch totale Einfallslosigkeit. Ich möchte gar nicht an das Cascada-Debakel denken - wer jemals geglaubt hat, dass die irgendeine Chance gehabt hätte, mit ihrem ultradurchschnittlichen Dancepop, der Frau Mustermann als Punkerin wirken lässt, sollte sich nach wie vor um alles kümmern, nur bitte nichts mehr aus dem Themenkomplex “Musik” entscheiden. Elaiza, von den Zuschauern wenigstens zum Glück VOR Unheilig gewählt, sind auch ohne Chance nach Kopenhagen gereist. Dafür war das Lied viel zu vorhersehbar, die Performance viel zu sehr “angezogene Handbremse” und dieser Balkan-Pop-Trend war schon 2013 out. Man kann relativ froh sein, noch im hinteren Mittelfeld gelandet zu sein.

Wen mochte ich heute Abend?


[YouTubeDirektIsland]

Island war ein schöner Punkpop-Song. Ich hab da einfach eine Schwäche für. War aber relativ klar, dass die nix würden reissen können. Umso mehr mochte ich diese positive Attitude, die von denen ausging. Niedlich.


[YouTubeDirektRumänien]

Klar, Kirmestechno, ich mag das aber immer, wenn ich da von einer Idee überrascht werde, die ich zumindest originell finde. Hier ist das zum Beispiel diese Bassdrum, die manchmal jedes Wort betont. Und das wahnsinnig bescheuerte Kreisklavier ist natürlich auch der Hammer.


[YouTubeDirektPolen]

Die polnischen Buttermacherinnen. Das ist auf so vielen Ebenen so unheimlich bescheuert - ich kann das Null ernst nehmen, aber sehr lustig bis skuril finden. Ich glaube übrigens auch nicht, dass die das zu einhundert Prozent ernst gemeint haben. So weit auseinander können Ansichten mit einem direkten Nachbarn nicht driften.


[YouTubeDirektFrankreich]

Die Loser des Abends, die Franzosen. Aber ich fand das so gut! Das war Party, ein wenig bekloppt, gut tanzbar und Schnurrbärte halte ich für ein gutes Thema. Dem hab ich eindeutig mehr Chancen eingerechnet. Lag es am französisch? Oder hat ein ESC-Abend immer nur Platz für einen Freak? Wenn man es positiv sehen will: Ist doch schön, so ist die Liste aller Teilnehmer von Freaks eingerahmt. Auf dem ersten und dem letzten Platz. Tröstender Gedanke.


[YouTubeDirektItalien]

Italia! Dich find ich einfach immer gut, egal was du machst. Isso. (Die sah aber auch cool aus, heute, mit diesem Lorbeerkranz…)


[YouTubeDirektFinnland]

Woah, Finnland hat mich echt überrascht. Eine Band mit lauter jungen Jungs mit einer guten Rocknummer, die irgendwo zwischen Coldplay, Mando Diao und One Direction oszilliert (geil, den Begriff wollte ich schon immer mal irgendwo sinnvoll einsetzen…). Hat mir supergut gefallen, war sofort mein persönlicher Favorit - wenn ich ihm auch keine Riesenchancen zugetraut habe.


[YouTubeDirektSpanien]

Und schliesslich Spanien, dass mich mit seiner Powerballade gekriegt hat, weil man mich mit Powerballaden immer kriegt. Ich bin nämlich Powerballaden-Afficionado.

Alles in Allem war das diesmal ein wirklich schöner ESC. Das Zeichen, dass Europa mit seiner Auszeichnung von Conchita Wurst setzt, kommt an und tut gut.

Einen Kritikpunkt hab ich noch, aber den kann ja überlesen, wen es nicht betrifft:

Lieber Peter Urban,

seit so vielen Jahren moderierst du nun das ESC-Finale und ich liebe deine Stimme, deinen Witz und deine ironischen Bemerkungen. Eines meiner LIeblings-TV-Ereignisse war nicht das umgefallene Tor damals in Spanien, sondern deine Moderation des Grand Prix, bei dem Deutschland nicht “zugelassen” war, weil der Song zu schlecht war. Ich glaube, das war “Leon” oder so. In dem Jahr hast du dich mit deinen Kommentaren und Moderationen selbst übertroffen, kein Grand Prix war jemals witziger. Und damit kommen wir auch schon zum vermutlichen Knackpunkt:

Deine Begeisterung in allen Ehren, aber in den letzten Jahren scheint mir deine Deutschen-Brille schon etwas zu zwanghaft. Dein “Das hat sie wirklich nicht verdient” zu Cascadas letztem Platz war albern, weil sogar jeder Zuschauer wusste, dass sie es verdient hat, weil ihre Nominierung so komsich von den Plattenfirmen durchgedrückt wurde. Und dein heutiges bedauern, dass man von Österreich oder den Niederlanden keine Punkte bekommt, nur weil sie unsere Nachbarn sind - da könnte einem dann schon auch auffallen, dass das eigene Lied nicht so prickelnd ist. Klar, du sollst nicht die ganze Zeit selbstzerfleischend betonen, wie schlecht der eigene Beitrag ist, aber man darf ruhig auch mal analysieren, wann ein Lied eher langweilig ist. Oder eine Performance. Man muss nix automatisch gut finden. Das wirkt etwas krampfhaft und etwas sehr unauthentisch. Ansonsten, wie immer ein guter Job und das “FUCKING HELL!”, live übern Äther, das hat mir gefallen.

Davon abgesehen: Ich freu mich darauf, nächstes Jahr wieder einen Käseigel zu machen. Aber den pack ich dann ein und nehm ihn mit. Nach Wien. Da will ich nämlich dabei sein. Danke ESC!



Offene Tabs 3 (Musik-Edition)

Manchmal sind nur noch Tabs mit Musikvideos auf.

- Bardo “One Step”
Die waren wohl Anfang der 80er die Grand Prix Hoffnung für England und haben dann mit diesem Song Platz 7 gemacht. Für mich, heute, mindestens Platz 1. Ich mag auch diese vollkommen bescheuerte aber so herrlich unschuldige Choreografie. Superguter Song. Raffinierte Popkomposition. Ein bisschen Bucks Fizz, aber mit so einem Extra-Schuss Ambition. Ich mag so was ja gerne.


[YouTubeDirektWendyPärchen]

- Jürgen Drews “Es ist kalt in meinem Zimmer”
Ich frag mich wirklich immer, ob Jürgen Drews vielleicht eine ganz andere Karriere hingelegt hätte, wenn der keinen Erfolg mit seinem blöden Bett im Kornfeld gehabt hätte. Vielleicht wär der eher so in die Liedermacher, wenigstens aber in die Chansonnier-Richtung, ähnlich einem Udo Jürgens, gegangen. Das wär irgendwie cool gewesen, find ich. Hier spürt man ein bisschen, wo das hätte hinführen können. Wir wissen halt leider alle, dass es woanders hinging. Aber manchmal, in so Interviews, da merkt man dem an, dass der auch mal ambitioniert war. Das da tief im Herzen, unter der König von Mallorca-Oberfläche, noch ein Drews lebt, der eigentlich Musik machen will.

[YouTubeDirektHeizung]

- Gillian Scalici “Antarctic Arias”
Ein enorm seltsames Lied, dass mich nicht mehr loslässt, seit ich es zum ersten Mal in irgendeiner Sendung gesehen habe. Das rockt so gut. Und dieser Gesang - sehr schräg. Geil. Und irgendwie ist die auch sexy, obwohl ich finde das die ein wenig wie Tony Danza aussieht. Auf eine gute Art!

[YouTubeDirektOpernMetal3000]

- Ireen Sheer “Wenn du eine Frau wärst und ich wär ein Mann”
Ich hab eigentlich die herrlich ungelenke, deutsche Version von “Don´t go breakin my heart” gesucht und bin dabei auf diese Nummer gestossen. Ich konnte nicht anders, bei diesem Songtitel musste ich klicken. Und was sah ich gleich als Erstes? Gabi Decker im Chor! Hihihi, wie süß. Find ich gut, deswegen bin ich auch drangeblieben. Der Song ist wirklich seltsam, ich kapiere überhaupt nicht, was mir der Text sagen will. Und dann dieses Bonnie Tylereske. Auf einer Millarde Ebenen schräg. Vielleicht nicht gut, aber einmal sollte man das schon gesehen haben.

[YouTubeDirektGendertausch]

- Laura Branigan “All night with me”
Ich weiß auch nicht warum, ich werd von so yachtrockigen Hall & Oates-Hooks immer magisch angezogen. Ich kann mich da nicht wehren. Und hätte nie gedacht, dass Frau Branigan auch ein Lied mit Gefühl intonieren kann.

[YouTubeDirektDurchmachenMitMir]



Wenn, dann so: Die Höchste Eisenbahn “Schau in den Lauf Hase”

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Ich will nicht lange rumdrucksen: Das ist die Platte des Jahres. Jetzt, wo es raus ist, kann ich mich entspannen, muss keinen künstlichen Spannungsbogen aufrecht erhalten, sondern kann versuchen in ganz klaren Worten die perfekte Schönheit dieses Debuts zu beschreiben und zu loben. Kann ruhig auch so Dinge sagen wie: „Mehr als dieses Album braucht von 2013 nicht übrig bleiben.“ Oder: „Wenn ich mich für drei Dinge für die berüchtigte einsame Insel entscheiden müsste, wären es wohl Die, dann Höchste und Eisenbahn.“

Und dann würden die Leute beim lesen aber unruhig werden. Die Augen würden weiterwandern, den Text verlassen und bei irgendeinem Quatsch hängenbleiben. Weil es nur flache Platitüden wären. Und ich müsste aufpassen. Solche Sätze wohl dosiert einsetzen, wenn überhaupt. Das Letzte was ich will, wenn ich beschreibe warum „Schau in Den Lauf Hase(Amazon-Partnerlink) für mich eine der großartigsten Pop-Platten seit langer Zeit ist (neben „Drei ist ne Party“ von Fettes Brot – die in keinerlei Konkurrenz zueinander stehen), ist den Eindruck zu erwecken, Zeilen schinden zu wollen. Ich will einfach ein Gefühl aufmachen, das vielleicht ansatzweise das erreicht, das diese (bei mir) Platte auslöst.

Aber eine Platte besprechen, von schnoddrigem Gesang sprechen, diese Art Pop historisch einordnen, andere Bands in diesen Kompositionen hören und das alles in elaborierte Worte fassen, das kann ich eigentlich nicht, vor allem nicht wenn ich Begeistert bin. Dann will ich BRÜLLEN! Ich will mich auf den Marktplatz stellen, auf eine Kiste mit einer Flüstertüte und rufen: Menschen, kauft diese Platte, hört sie, Tag und Nacht! Ich verspreche, diese Welt wird ein besserer Ort! Versuchen kann ich es ja trotzdem mal:

Die Lieder von Die Höchste Eisenbahn entwickeln alle einen so seltsamen Sog, wie ich ihn das letzte Mal vielleicht bei der „Siamese Dream“ der Smashing Pumpkins erlebt habe und doch ist es musikalisch nicht zu vergleichen. Verzerrte Rock-E-Gitarren finden hier nicht statt. Hier hört man 80er Jahre Synthesizer, entfernte Saxofone, Kinderchöre, Drummachines und zärtliches Schlagzeug, weiche, anschmiegsame Gitarren, ein ehrliches Piano, zurückhaltende Streichersätze. Wie kann ich meine Begeisterung ausdrücken, ohne für esoterisch gehalten zu werden? Wie kann ich den Ausdruck „sphärisch“ umschiffen? Ich spüre eine gute Dosis Hall & Oates. Ich schmecke Spandau Ballet, einen ordentlichen Schuß Cure, Paul Simon und Hamburger Schule. Und natürlich ein sehr, sehr eigenes Verständnis von Musik, von Kompositionen, die so eine schöne Trauer haben, dass man sie am liebsten auf ein Bier einladen würde, aber nicht um sie glücklicher zu machen, sondern um ein bisschen was von dieser wundervollen Traurigkeit abzukriegen, die einen nachts mit Tränen in den Augen durch die verregneten Straßen spazieren und lachen lässt, weil einem so viel bewusst wird, wenn alles drum herum stimmt.

Die Texte handeln oberflächlich größtenteils vom scheitern. Aber wer immer scheitert, der sieht das anders. Der scheitert nicht. Und die Situationen in denen die Texte spielen, können nicht im klassischen Sinne gut ausgehen. Es sind keine Happy End-Situationen. Es sind eher die Momente kurz vor der Klimax, die, in denen dem Held bewusst wird, was er alles falsch gemacht hat. Und nach denen er damit anfangen wird, alles besser zu machen. Man kann auch sagen: Die wahrhaftigsten Momente im Leben.

Im Lied „Pullover“ zum Beispiel, meines Erachtens nach der Überhit dieser Hitplatte, wird mit einer textlichen Auf-den-Punktheit eine Liebe beschrieben, die für immer ist, aber scheitern muss. Weil im Leben so vieles ist, das es so schwer macht, für-immerigkeit zu leben. Aber vielleicht ist das ja toll, vielleicht ist das ja gerade schön. Vielleicht ist es ein toller Moment, das zu begreifen. Vielleicht ist es ja „für immer“, nur eben in diesem Moment. Die letzte Zeile des Refrains heisst dann auch: „Ohne Kopf ist er endlich das was er ist.“ Dazu pumpen die Rhodes in schönsten Sehnsuchtsfarben.

Oder „Mira“: Die Akkustikgitarre pickt sanft, aber bestimmt. Und wir hören die Geschichte eines Paares, das sich ein Haus anguckt und dort wohl seine Zukunft plant. Aber der Mann, der Sänger, dessen Perspektive wir hier erzählt bekommen, kann sich nicht dazu durchringen. Kann sich nicht verbindlich auf eine Zukunft einlassen. Weil er sich nicht traut. Weil er Angst hat, dass dieses Idyll die Endstation sei. Das man sich so einen Klotz ans Bein bindet, mit so einem Haus, den man nie wieder los wird. Man läuft durch so eine Gegend und alles ist schön. Ausser sich alt werden zu sehen. Zumindest nicht für den Helden dieses Lieds. Und die Frau hat keine Alternative: Sie muss Schluss machen, wenn sie keine Lust auf so eine Unsicherheit hat. Sie erwartet anderes vom Leben. Das Ganze erzählt in bittersüßen vier Minuten sechsunddreissig. Wahnsinn.

Die Höchste Eisenbahn macht mit ihrem ersten Album keine große Hoffnung, dass am Ende alles gut würde. Aber sie schenken trotzdem ein gutes, ein wunderbares Gefühl. Weil vielleicht gar nicht alles gut werden muss oder kann. Ein bisschen wäre ja auch schon gut. Eine Platte wie ein Sonnenuntergang, der alles wegwischt und resetet. Die Höchste Eisenbahn kennt die Problemchen, mit denen wir uns rumplagen und die uns oft zu peinlich sind, um sie zu teilen. Und sie finden sehr präzise und genaue Worte, uns diese eigenen Doofheiten vor Augen zu führen. Aber diese Formulierungen, diese Worte sind so präzise, dass sie auch noch genug Platz und Raum lassen, sie absichtlich mißzuverstehen. Denn wer uns so genau kennt, der weiß auch was für uns am wichtigsten ist: Selbstbetrug. Und dafür ist immer Platz.

Die Platte endet mit den (ja, italienischen) Worten: „Sono io che afferra quello che non vuole.“ Was ich jetzt mit meinem zusammengeklaubten Italienisch als: „Ich habs nicht gerafft…“ übersetzen würde. Fänd ich irgendwie ein gutes Fazit. Auf eine seltsame Art.



Die fünf besten, kölschen Lieder aller Zeiten (Endlich gute Musik - Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Kölsche Musik. Man muss nicht aus Köln kommen, um ihren besonderen Zauber zu verstehen. Aber man muss sich einen Kölner ansehen, wie er sie mitsingt um zu begreifen, was die mit einem Menschen machen können und um ihre herzzerreissende Schönheit zu verstehen. Am besten an Kölnern im Exil ausprobieren. Und Taschentücher bereit halten!

Platz 5
Et Trömmelche – De Räuber

„Denn wenn et Trömmelche jeit, dann stonn mer all parat und mir trecke durch die Stadt un jeder hätt jesaat: Kölle alaaf, alaaf! Kölle alaaf!“ Das ist das Gefühl „Karneval“ komplett auf den Punkt gebracht. Schon Tage vor den „tollen Tagen“ (sprich Weiberfastnacht bis Aschermittwoch) fiebert Köln dem großen Fest entgegen, in dem sich jung und alt vergnügen, das die Schwarte kracht. Das Angenehme dabei ist ja auch noch, das allen Versuchen zum Trotz, Karneval immer noch nicht DAS große Ausflugsziel junger Partytouristen geworden ist. Also ja, na klar, es gibt Karnevalstourismus (auch Rückwärts: Die Kölner, die über die Zeit aus der Stadt fliehen…), aber der ist immer noch in einem überschaubaren Rahmen. Vermutlich einfach deswegen, weil das ausserhalb Kölns kein Feiertag ist. Da liegt am Rosenmontag und an Weiberfastnacht einfach die halbe Stadt brach. Wir lieben eben unseren Karneval.
Nun durfte ich mir auch oft genug von ausserhalb anhören, dass das ja nur ein Sauffest sei und so viele Menschen und ihh und bah. Dazu muss ich sagen: Ich bin damit aufgewachsen, ich sehe das natürlich ein bisschen anders. Aber ich begreife Karneval eher als Chance: Die Chance, endlich einmal in die Kneipen zu gehen, in die ich da Jahr über sonst nicht gehe. Und der größte Spaß an Weiberfastnacht ist es in einer Gruppe Freunde verkleidet eine Kneipe zu „erobern“ in der nicht so viel los ist. Da hatte ich bislang den größten Spaß. Die Leute lieben es auf die Strasse zu rennen und gemeinsam zu feiern. Hach, man muss Karneval einfach lieben. Das ist wahre Völkerverständigung.

Platz 4
Winke Winke – De Höhner

„Winke Winke“ war das erste kölsche Lied, das ich mitsingen konnte. Schon alleine deshalb gebührt ihm hier natürlich ein Ehrenplatz. Ich bin ja zwar im Kölner Grossraum aufgewachsen (im schönen Wesseling), aber bei uns zu Hause wurde kein Kölsch gesprochen. Insofern war das schon wichtig und toll, auch endlich etwas in dem Dialekt zu können. War natürlich nur der Refrain, aber das ist ja erstmal egal. „Winke, winke, winke, isch jonn eine drinke, drinke, drinke! Ein, zwei Bier, dann komm ich widder heim!“ Die genaue Bedeutung war mir im zarten Alter von Acht auch noch nicht klar, geschweige denn, das ich den Text verstehen konnte.
Über zwanzig Jahre später: Ich war mittlerweile ein großer Liebhaber des kölschen Liedgutes. Vor allem diese ganzen Songs aus den siebziger Jahren haben es mir angetan, allen voran natürlich die Bläck Fööss. Aber auch alte Höhnerlieder waren toll. Nun habe ich mich mit zwei Freunden zusammen getan und wir haben eine Band gegründet namens „Stussdämpfer“ und hatten ein Lied geschrieben, welches „De Mülltüüt“ hiess und als Demo aufgenommen. Wir wollten einfach mal wieder ein kölsches Lied machen, das so instrumentiert ist, wie die alten Nummern und keine durchgehende 4totheFloor-Bassdrum hat, wie dieser ganze neue Schlagerrotz, der immer über die kölsche Musik hereinbricht. Der EMI, eigentlich DIE kölner Plattenfirma, gefiel das total gut und wir machten zusammen eine Single daraus. Ich würde auf Sitzungen spielen! Im Karneval! Und wir haben der Plattenfirma sogar noch eigene Stussdämpfer-Schnäpse als Promotool aus den Rippen geleiert! Wie toll das war, denn selbst wenn es kein Erfolg würde (und das wurde es nicht): Ich hatte ein kölsches Lied veröffentlicht. Ich war ein Teil, der Kölner Liedkultur. Mehr wollte ich doch gar nicht.

Unsere Plattenfirma wollte uns noch ein bisschen mehr promoten und darum gab es folgenden Plan: Der Express, DIE Kölner Boulevardzeitung, machte einen Wettbewerb, zusammen mit den Höhnern: „Kölle sucht das Superhohn“. Ja, der hiess wirklich so. Und wir sollten da mitmachen, weil das gute Presse wäre. Zu Anfang sollte sich jeder ein Lied der Höhner aussuchen und für die performen. Und da schliesst sich der Kreis natürlich wieder, denn was hab ich mir ausgesucht: „Winke Winke“.

Um das Lied einzustudieren hab ich mich natürlich zum ersten Mal genauer damit auseinandergesetzt und war ganz verzückt: Es beginnt wie ein Lied über einen typischen Hausmann, der seine Frau alleine zu Hause sitzen lässt, weil er ein Bier trinken will und die Frau ihn ein bisschen nervt. Dann aber dreht die Frau das Lied plötzlich um und geht selber einen trinken und zwar ausdrücklich ohne ihren Mann. Der ist ganz verdattert. Und versteht die Welt nicht mehr. Herrlich. Kölsche Emanzipation. Schon immer so en passant erledigt.

Wir haben das dann auch unplugged, nur mit einer Akkustikgitarre vor den Höhnern vorgetragen, aber sind nicht weitergekommen. Da waren wohl Andere, die das mehr wollten. Aber ey: Ich hab denen ihr eigenes Lied vorgespielt, das meine Initialzündung war. Man kann sagen: Was kölsche Musik betrifft hab ich in der Session so ziemlich alles erreicht, was ich erreichen wollte. Winke, winke!

Platz 3
Ich han nen Deckel – Bläck Fööss

Wenn man in Köln lebt, dann hat man irgendwann schon ein gewisses Stillstand-Gefühl. Die Stadt ist so klein, jeder kennt jeden und schnell denkt man, das alle Möglichkeiten etwas anzustellen ausgeschöpft sind und beginnt Däumchen zu drehen. Das liegt natürlich auch daran, das Köln relativ überschaubar ist. Eine kleine Stadt in der sich mehr oder weniger wirklich alles zu Fuß machen lässt. Und irgendwie führt ja auch alles immer auf den Dom zu. Aber das wird einem natürlich auch irgendwann zu eng. Es fühlt sich an, als gäbe es keine Entfaltungsmöglichkeiten mehr. Als hätte jeder schon mal aufgelegt, gelesen, getan und gemacht. Und dann zieht es einen weg. Oder zumindest mich. Und so bin ich über viele Umwege in Berlin gelandet. Und ich mag Berlin, vor allem im Sommer. Berlin, mit seinen riesigen Strassen, hat ein irrsinniges Freiheitsgefühl. Hier kann jeder rumlaufen, wie er oder sie will. In Berlin gibt es keine zu kleinen Strassen, man kann hier sieben Tage die Woche ausgehen und trotzdem jeden Abend auf komplett neue Leute treffen. Man kann sogar sieben verschiedene Freundeskreise haben, die sich kein bisschen überschneiden. Das geht nur in einer großen Stadt. Und Berlin ist die einzige, wirkliche Großstadt in Deutschland.

Was man dabei aber gerne mal übersieht: So kölsche Lieder und die ganze Kultur, das prägt natürlich auch ungemein. Und wenn man dann mal weg aus der Heimat ist, dann fällt einem das ganz besonders auf. Plötzlich rümpfen die Leute die Nase, wenn man mal vom Karneval erzählt. Gucken einen an, als spräche man Mandarin, wenn man kölsche Lieder singt oder erzählen etwas über angebliche „Reagenzgläser“, wenn man über sein Lieblingsbier aus der Heimat referiert. Das kuschelige, kölsche „Man kennt sich“, weicht einem „Sprich mich bloss nicht an!“ und Rücksicht aufeinander ist plötzlich ein Fremdwort.

Nun war Berlin ja schon immer beliebt, hat aber, denke ich, durch den Mauerfall noch mal an Popularität dazu gewonnen. Ist dann irgendwie doch einfacher zu erreichen. Junge Menschen leben heute gerne in Berlin. Und jetzt kommts:

Auf der Platte „Mer han nen Deckel“ aus dem Jahre 1978 haben die Fööss ein Lied gesungen, in dem ein Mann zum arbeiten nach Berlin ziehen muss. Weil da die besseren Jobs sind und alles besser ist und größer und wilder. Ausserdem, so heisst es in dem Song, wurde ihm gesagt: „Komm her zu uns. Berlin ist in!“. Ist das nicht unglaublich, das man dieses Lied 35 Jahre später immer noch (oder wieder?) genauso unterschreiben kann? Der Text handelt dann auch davon, Köln in der Fremde zu vermissen. Auch wenn es einem in der Fremde gut geht und man glücklich ist und Freunde hat und alles: Wenn ein Kölner aus Köln raus muss, dann fehlt ihm immer was. Eben Köln. Und deswegen hat der Protagonist des Lieds in seiner Stammkneipe in Köln, „Beim Strohze Jupp“, auch immer noch einen Deckel liegen. Damit er immer zurück kann und muss. Was für ein wundervolles Bild ist das bitte schön, in so einer zarten und schönen Country-Ballade. Mit einer ganz wunderschönen Mundharmonika. Das beste Mittel gegen Heimweh ist eben total superpathetisches Heimweh.

Platz 2
En unserm Veedel/Drink doch eine met – Bläck Fööss

Warum zwei Lieder auf Platz zwei? Irgendwie gehören diese beiden Nummern fest zusammen. Ein Kölner, der eines der Lieder hört, wird sofort auch das jeweils Andere hören wollen, beziehungsweise gleich im Ohr haben. Es handelt sich um die zwei größten Hymnen, die es in Köln gibt. Die Lieder, die es bislang am Besten geschafft haben, dieses sehr spezielle kölsche Lebensgefühl (das für die Kölner alles ist) zu artikulieren. „En unserem Veedel“ handelt dabei vom Zusammenhalt in der Nachbarschaft. Man trifft sich auf der Strasse, in der Kneipe und wenn es einem schlecht geht, ist sofort jemand da, der irgendwie verarzten kann. Ausserdem ist das ein so starkes Band, zwischen den Bewohnern eines Viertels, das kann niemals durchschnitten werden. „Wat auch passeet, dat eine, dat is klar: Et schönste wat mir han, schon all die lange Johr: Es unser Veedel! Denn he, hält mir zesamme! Ejal, wat auch passeet…in unserm Veedel…“

Da scheint auch ein bisschen Widerstand durch. Das ist wohl auch durch die Zeit begründet und ein Thema, dass die Fööss auch mindestens in noch einem anderen Lied („Et Südstadt-Leed (Karolinerring)“ aufgegriffen haben. Die Angst aus der Innenstadt vertrieben zu werden, weil alles neu gebaut wird und umgebaut. Alles im Namen des „Fortschritts“, weil dann da ein neuer, unpersönlicher Supermarkt oder so hinkommt, während die homogen gewachsene „Community“ an den Stadtrand verdrängt wird. Das war eine große Sorge, das heutige Stadtbild Kölns beweist ja auch, dass die vielleicht nicht ganz unbegründet war. Sensibel wurde da nichts geplant. Eher mit der groben Nadel gestrickt. Aber das ist ja eigentlich bis heute so. Man muss sich seine Stadt eben schön singen. Dann geht das.

Das zweite Lied stösst in ein ähnliches Horn, kümmert sich aber mehr um das „kümmern“. „Drink doch eine met“ handelt oberflächlich gesehen von einem Typen, der vor einer Kneipe rumhängt, aber leider keine Kohle in der Tasche hat, um auch ein Bier zu trinken. Und der wird einfach eingeladen. Ohne wenn und aber. Man kann doch keinen durstigen Mann vor einer Kneipe stehen lassen. Irgendwer wird die paar Kölsch schon noch bezahlen und seien es alle zusammen. Natürlich bedeutet das nicht, das in Köln niemand sein Bier bezahlt oder das man da überall frei trinken kann, wenn man sich nur lange genug vor irgendeine Tür stellt. Aber es bedeutet, dass man in dieser Stadt aufeinander achtet. Der Mann vor der Kneipe ist auch noch alt, vermutlich hat er nicht so viel Geld, er zählt es immer wieder und wieder, aber es reicht einfach nicht. Während da drinnen die Post abgeht, muss er wohl wieder nach Hause. Und da kommt einer aus und drückt ihm ein Bier in die Hand. Und tatsächlich: So etwas kann einem in Köln durchaus passieren. Man trinkt halt nicht gern allein und wen jemand alleine ist und offensichtlich keinen Anschluss findet, dann nimmt sich der Kölner in der Regel doch ein Herz und versucht, denjenigen mit einzubeziehen. Das kenne ich so aus anderen Städten ehrlich gesagt nicht. Nicht Berlin, nicht München, nicht Hamburg. Aber Kölle. Und jeder Kölsche hat bei diesem Lied laut gröhlend einen Kloss im Hals. Wir können da nicht groß anders.

Wichtiger Hinweis zum Lied: Die Fööss selbst haben sich das Lied in den 90ern kaputt gemacht, indem sie einen Wolfgang Petry-ähnlichen Chor etabliert haben, der die Zeile „Du steijst he die janze Zick eröm…“ mit einem „Zick! Zick! Zick eröm!“-Echo abschliesst – Musikliebhaber und Menschen, die dem Lied das tiefe Gefühl, das es eigentlich hat, erhalten wollen, werden tunlichst gebeten von diesem Ausruf Abstand zu nehmen…Ich bin kein krampfhafter Realkeeper, aber das ist wirklich nur Gaga und ein Schlag in die Fresse des Originals…

Platz 1
En dr Kayjass - Drei Laachduve

Karneval ist ein Fest der Gemeinsamkeit. Selbst wenn man alleine losziehen würde (was ich nicht empfehle, weil das nur der halbe Spaß ist), würde man nicht lange alleine bleiben. Die Menschen grüßen einander, kommen überall ins Gespräch. Es wird geprostet, getrunken, geschunkelt und gelacht. Nun bin ich viele Jahre immer mit meinem Bruder losgezogen, wenigstens einen Tag. Und der hat immer seine Ukulele mitgenommen. Und da haben wir, wo wir standen und gingen, immer einen totalen Klassiker kölschen Liedguts angestimmt, „Die Kayjass“.

Ich hab keine Ahnung, wie so ein Lied überhaupt entstehen konnte. Es geht im Grunde genommen um einen Leher und seine Methoden. Es geht vielleicht um ein „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir“-Gefühl. Ganz sicher geht es aber um ein kölsches , sehr eigenes Laissez-faire. In den Strophen dieses Lieds ist eine Gruppe von Männern unterwegs, die erst ihren Unterricht beschreiben, dann die Streiche, die sie spielen und am Ende auch noch Vater werden sollen. Zumindest einer von ihnen soll der Vater sein (was im Umkehrschluss auf eine ziemliche polyamouröse Beziehung aller zueinander hinweist…). Und ihre Antwort auf alles ist der Refrain des Lieds:

„Dreimol Null is Null bliev Null, denn mir woren in dr Kayjass op dr Schull!“

Was für eine Lebensphilosophie. Wie sehr man sich auch anstrengt, rumrechnet, auf den Kopf stellt: Dreimal Null ist Null und wird immer Null bleiben. Egal was passiert. Manche Sachen sind wie sie sind, also kein Grund zur Aufregung. Auch wenn der Schutzmann wissen will, wer die Scheibe kaputt gemacht hat oder die Marie wissen will, wer jetzt genau der Vater des Kindes ist, das sie erwartet: Dreimal Null ist Null und bleibt Null.

Kann man es noch geiler auf den Punkt bringen?



Das nacherzählte Lied: “Operator (That´s not the way it feels)” von Jim Croce (Endlich Gute Musik - Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


[YouTubeDirektBuchtrailer]

Manche Lieder erzählen mit wenigen Worten sehr komplexe, dramatische und tolle Geschichten. Ich versuche diese Geschichten einmal nachzuerzählen. Ohne Versmaß und Reimzwang. Oder anders gesagt: Das hier stelle ich mir vor und fühle ich, wenn ich diese Lieblingslieder höre:

Hallo? Ja, hallo? Vermittlung? Ah, gut. Könnten sie mich bitte verbinden? Ach wissen sie, eigentlich hätte ich ja selber die Nummer gewählt, aber die ist schon alt und so verblasst, hier in diesem Streichholzbriefchen, dewegen wende ich mich an sie. Die Dame, die ich anrufen möchte, lebt in Los Angeles, zusammen mit meinem ehemaligen besten Freund, Ray. Ha, da fällt mir wieder ein, wie sie immer sagte, dass sie ihn wirklich gut kennt und den sie manchmal einfach nur gehasst hat, was ich mir immer nie so richtig erklären konnte. Aber jetzt hab ich wohl die Antwort bekommen, was?

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern sagen können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Hallo? Vermittlung? Ja, hallo? Sorry, ich war kurz etwas abgelenkt. Ähm, wenn sie mir die Nummer vielleicht noch mal durchgeben könnten, das wäre super. Oder mich am besten gleich verbinden? Ginge das? Ich kann die Nummer nicht lesen, die sie mir gerade gegeben haben, ich hab da irgendwas im Auge, ganz komisch. Passiert mir gerade andauernd, vor allem wenn ich an die Liebe denke, von der ich dachte, dass sie mich retten würde. Retten vor dieser traurigen, traurigen Welt. Ja, geradezu erlösen!

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern einreden können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Ähm, Vermittlung? Ja, Hallo? Immer noch ich. Ja, wissen sie, ich habs mir anders überlegt. Vergessen sie es einfach mit meinem Anruf und so, da ist eigentlich niemand mit dem ich wirklich reden will, verstehen sie? Was soll das denn groß bringen? Ist doch total sinnlos. Vielen Dank für ihre Zeit, sie waren wirklich sehr nett und geduldig, während ich sie hier mit meinen Problemem zugesülzt hab, dass hat sie sicher keinen Deut interessiert. Behalten sie einfach die Vermittlungsgebühr. Ist für sie. Danke noch mal! Für alles.

Aber, so läuft es eben, oder? Ach, ich nerve sie vermutlich nur mit meinem Gejammer. Geben sie mir einfach die Nummer, wenn sie sie finden und gut ist. Dann kann ich da anrufen und denen sagen, das bei mir alles cool ist und damit beweisen, das ich längst drüber hinweg bin und so. Ach, ich würd mir so gern sagen können, dass das alles nicht wahr ist, aber so fühlt es sich einfach nicht an, egal was ich mache.

Musik zum Text:

[YouTubeDirektVermittlung]



Unverfilmte Soundtracks (”Endlich gute Musik”- Outtake)

Ich habe ein Buch geschrieben. Das heisst “Endlich gute Musik”
und ist im Buchhandel erhältlich (wessen Buchladen um die Ecke unfreundliche Verkäufer hat, der kann es natürlich auch bei zum Beispiel Amazon bestellen, wenn er oder sie dem obigen (Partner-)Link folgt). In dem Buch geht es um Popmusik im weitesten Sinne und wie ich sie sehe, verstehe und wie sie mich geprägt hat. Dabei kommen die unterschiedlichsten Bands und Einflüsse vor, von Abba über Pantera bis Cure und N.W.A., um nur einige zu nennen. Nicht alle Texte, die ich für das Buch geschrieben hab, haben es auch in das Buch geschafft. Deswegen jetzt und hier sozusagen die Outtakes. Damit man ein leichtes Gefühl für das Buch bekommt und für die, die das Buch schon haben, als schönes Bonusmaterial. Wie gesagt: Der astreine Stoff ist nur im Buch selbst zu finden. Viel Spaß!


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Manche Lieder entwickeln einen recht seltsamen Sog, wenn ich sie höre. Ich weiß nicht ob das nur an meinem Regie-Studium und meiner damit verbundenen, ständigen Suche nach Inspiration lag, aber wenn ich diese Songs höre, habe ich direkt konkrete Filmszenen vor meinem inneren Auge und die sind dann auch für immer mit diesen Szenen verknüpft. Szenen aus Filmen wohlgemerkt, die es gar nicht gibt (und vermutlich auch nie geben wird). Manchmal ist das nur ein Ausschnitt, manchmal entsteht in meinem Kopf eine komplexere Geschichte. Was manche Lieder eben so auslösen können. Ich beschreibe mal ein paar dieser Szenen, vielleicht kann man sich dann auch den Song vorstellen:

My cruel Joke – Soulwax
Der frustrierte Typ, Mitte Zwanzig, geht die nächtlichen und regennassen Strassen hinunter. Sie hat ihn verlassen, für einen anderen Typen. Und er hat noch an die große Liebe geglaubt, hat gedacht, das mit ihnen, das wäre etwas Besonderes. Er geht an die Orte zurück, an denen sie gemeinsam Sachen erlebt haben. Das Restaurant ihres ersten Dates, der Club in dem sie zum ersten Mal miteinander getanzt haben. Aber die Magie der Orte ist nicht nur weg, im Gegenteil: Alles dort ist hässlich geworden. Monster sitzen an den Tischen und lachen ihn aus. Menschen knutschen ekelig. Alles ist dunkel und schwarz und ungemütlich. Die Romantik ist weg und die Orte sind mit Hass aufgeladen. Der Typ kauft sich ein Bier und trinkt es auf seinem Weg durch die Stadt. Überall sieht er sie. Sie, die Sonne, das weiche Licht. Aber jetzt ist sie weg und mit ihr alles, was gut war.
Er bleibt stehen, atmet ein, atmet aus. Jetzt nur nicht die Kontrolle verlieren. Tief ein- und ausatmen. Sein Blick schweift über die spärlich beleuchtete Strasse. Und da sieht er sie. Sie mit ihrem Neuen, lachend in seinem Arm. Sie schlendern die Strasse hinunter. Sein Blick wird entschlossen. Seine Hand greift die Bierflasche noch fester. Schnellen Schrittes geht er über die Strasse, hinter den Beiden her. Ohne irgendetwas zu sagen zieht er dem Neuen mit voller Wucht die Bierflasche über den Kopf.
Sie fängt an zu schreien. Ein Kampf entsteht. Sofort ist überall Blut. Der Angegriffene schlägt zurück, tritt gezielt auf den Frustrierten. High Kick. Fast Martial Arts. Der Gefrustete fliegt rückwärts zu Boden, richtet sich wieder auf – und bekommt wieder einen Punch, gezielt ins Gesicht. Er hat keine Chance, er muss hier weg. Der Angegriffene verfolgt ihn. Auf seiner Flucht rutscht er auf dem glatten und nassen Kopfsteinpflaster aus, steht aber schnell wieder auf und läuft weiter. Sein vermeintliches Opfer immer hinter ihm her. Wo ist hier Sicherheit? Stress! Nachdem er Ewigkeiten gelaufen ist, sieht er sich vorsichtig um. Er wird anscheinend nicht mehr verfolgt. Erschöpft lässt er sich in einem Hauseingang auf den Boden gleiten und atmet durch.

Spanish Bombs – The Clash
Buddy Komödie. Der smartere hat das Mädchen bekommen, aber das macht dem Anderen nix. Sie haben gegen alle Widerstände geschafft, was sie schaffen wollten. Jetzt sind sie an der Strandpromenade, mit den vielen kleinen Geschäften. Die spätnachmittägliche Sonne wird sicher bald untergehen. Die Jungs schlagen ein, die Frau in der Mitte. So gehen sie die Promenade hinunter, die Kamera fährt leicht nach oben, bleibt aber stehen. Die drei Protagonisten entfernen sich immer weiter von der Kamera. Passanten laufen herum. Der Abspann läuft über die rechte Hälfte vom Bild. Mit dem Ende des Songs wird auch das Bild langsam schwarzgeblendet.

Jesse James – Brazzaville
Der hübsche Mann führt das Mädchen aus. Sie unterhalten sich angeregt im Restaurant. Sie sitzen zusammen im Kino und lachen sich kaputt. Dann zieht sie ihn in einen Fotoautomat, er will erst nicht. Die schwarz-weiß Bilder sind lustig, weil er nur Grimassen zieht. Sie balanciert auf einem Geländer, er hält ihre Hand. Sie sind auf dem Flohmarkt, er guckt ihr verliebt beim feilschen zu. Sie hat ihm ein rotes Halstuch gekauft. Er wirft es sich um den Hals, lässt es im Wind flattern und macht Revolutionsposen. Sie rennen durch den Park. Im Schutz eines Baumes eingeholt haben sie einen Moment. Kurz vor dem ersten Kuss. Sie gucken sich an, kommen sich näher, küssen sich fast. Dann löst sie sich los und rennt wieder weg. Er lachend und augenrollend hinterher.

Lost on the sea – Amari
Superheisse Sexszene. Vielleicht was mit Matsch oder mit zwei Frauen. Oder beides.

Someone for everyone – Nikka Costa
Drängt sich natürlich auf, aber würde auch unglaublich gut funktionieren. Ensemble-Film. Sämtliche Beziehungen sind an einem Wendepunkt, die einen dramatischer, die anderen vielleicht sogar glücklicher. Kamera bleibt bei den Hauptprotagonisten. Zeitlupige Zufahrten auf die Gesichter. Mal traurig, mal in freudiger Erwartung. Alle in anderen Situationen. Mit dem Gitarrensolo geht die Sonne auf und taucht die Gesichter noch mal in ein anderes Licht. Kitschig? Ja, vielleicht. Effektiv? Mit Sicherheit.

Hustle – Jamelia
Anfang des Films. Wir lernen die Hauptfiguren kennen. Wie sie cool in ihr Auto einsteigen, wie sie zur Arbeit gehen, wie sie essen, küssen, tanzen, lachen. Alle Leben scheinen noch in Ordnung (später wird natürlich was passieren, ich weiß aber nicht was). Bei den Hauptcharakteren das Bild in cooler Pose einfrieren und den Namen drunter schreiben. Action, Style, Sexyness. Ich sehe Cabrios. Charlies Angels. Alle sind guter Dinge. Autos fahren mit quietschenden Reifen von der Kamera weg. Der Filmtitel wird übergroß im Bild eingeblendet.

Young until i die – Muff Potter
Auch Filmanfang. Buddykomödie. Man sieht die beiden Leben parallel geschnitten. Der eine steht auf, wohnt in chaotischer Wohnung. Stolpert nach dem aufstehen über Pizzakartons. Sucht in Wäschehaufen mit Geruchstest nach Klamotten, die er noch anziehen kann. Der Andere hat ein spartanisch eingerichtetes Schlafzimmer. Stylisch reduziert. Steht auf, geht sofort ins Bad wo seine Klamotten ordentlich über dem Stuhl hängen. Der Chaot rasiert und putzt sich die Zähne unter der Dusche. Der Aufgeräumte macht alles ordentlich nacheinander. Dabei achtet er genauestens darauf, das keine Zahnpasta im Waschbecken landet. Der Chaot schmiert sich ein Toastbrot, das sofort auf den Boden fällt. Er hebt es auf, pustet einmal sinnloserweise drauf und steckt es sich in den Mund. Beim verlassen der Wohnung zieht er noch das Sakko an, stopft das Hemd in die Hose, hat den Toast im Mund und schließt hektisch ab. Der Andere hat sich bereits angezogen, entfernt letzte Fussel von seinem Jackett mit einer extra Fusselbürste. Sein Frühstück hat er korrekt in einer Tupperdose verstaut. Alles in einen Rucksack eingepackt verlässt er seine Wohnung und per Knopfdruck verriegelt die Tür.
Eine verranzte, zugetaggte Haustür. Der Chaot kommt raus, Toastbrot schon fast aufgegessen, Hemd noch aus der Hose hängend und wirft sein Skateboard auf den Boden, springt drauf und skatet die Strasse runter. An einem vorbeifahrenden Polizeiauto duckt er sich und hängt sich hinten dran. Eine Andere, schöne und neue Haustür. Die Kamera schwenkt zur Seite. Ein Garagentor geht auf. Heraus kommt der Aufgeräumte auf einem teuren Rennrad. Seine Hose hat er mit Fahrradklammern zur Seite gemacht. Schnurstracks fährt er los. Gleichzeitig im Bild zu sehen, wie beide zur Arbeit fahren. Der Skater springt vom Board, tritt hinten drauf und fängt es. Rennt durch eine Glashalle in einen Aufzug. Der Korrekte steht schon drin. Beide im Fahrstuhl, geben sich High Five. Die Fahrstuhltür schließt sich, der Vorspann ist beendet.

Musik zum Text:

„My cruel Joke“ aus „Much against everyones Advice“ – Soulwax
„Spanish Bombs“ aus „London calling“ – The Clash
„Jesse James“ aus „…in Istanbul“ – Brazzaville
„Lost on the Sea“ aus „Poweri“ – Amari
„Someone for everyone“ aus „Pebble to a Pearl“ – Nikka Costa
„Hustle“ aus „Walk with me“ – Jamelia
„Young until i Die“ aus „Heute wird gewonnen, bitte.“ – Muff Potter