Bitte nur Gedenken, wo es gut aussieht.

In Berlin wird 25 Jahre Mauerfall gedacht und dafür haben sich die Künstler Christoph und Marc Bauder, vermutlich im Auftrag des Berliner Stadtmarketings, etwas besonderes ausgedacht (denn besondere Jubiläen erfordern besondere Aktionen): Entlang der ehemaligen Grenze, also der Berliner Mauer, zieht sich eine Spur beleuchteter Ballons, die am Sonntag Abend um 19 Uhr losgelassen werden und in den Berliner Abendhimmel entschweben und somit den Fall der Mauer und den Sieg der Freiheit signalisieren. Dazu spielen die Philharmoniker am Brandenburger Tor Beethovens Ode an die Freude. Ein großer Festakt, neben Wowereit stehen wohl auch Gauck, Gorbatschow und Walesa auf der Bühne, um die ersten Ballons zu verabschieden. So weit, so üblich changierend zwischen “ganz gute Idee” und “woher kommt eigentlich die Angst vor Originalität”.

Aber und das ist ein großes, fettes “aber”, weil ich einerseits zwar keinen Bock habe, der Partypooper zu sein, andererseits aber so wütend darüber bin, dass ich mal wieder mein Blog dafür nutze, es loszuwerden: Ist es bei der Planung der Aktion eigentlich folgendermassen abgelaufen?

“Du, super Idee, wir stellen Ballons dann am gesamten Grenzweg entlang auf!”
“Boah, das gibt super Bilder!”
“Ja, gut, wir mögen die Idee. Eine Frage: Muss es denn die ganze Grenze sein? Also, seien wir doch mal ehrlich, die Hostels und Touristen, die befinden sich ja eher im Stadtkern…”
“Ja und die Logistik, wenn wir die Ballons wirklich entlang der kompletten Grenze aufstellen würden…”
“Ja, eben, die machen die ja überall kaputt!”
“Das kann man gar nicht bewachen!”
“Und was das wieder kostet!”
“Und es ist ja eigentlich auch egal, es geht ja eher um die Geste. Die Menschen aus den anderen Vierteln, die zwar auch durch die Mauer getrennt waren, aber die nicht so wichtig sind, die sind ja herzlich eingeladen, in die Innenstadt zu kommen und sich dort die Lichtgrenze anzusehen!”
“Ja, eben! Hach, Lichtgrenze ist so ein schöner Begriff. Da weht doch gleich so ein Hauch von André Heller durch die Stadt…!”
“Also abgemacht: wir sagen, die Ballons stünden auf dem Weg der ehemaligen Mauer und verschweigen einfach dezent, dass es nicht durch ganz Berlin geht. Dann findet das jeder toll.”
“Juchuh! Ich hol schon mal das Helium!”
“Ja, aber sei vorsichtig, Klaus!”

Ungefähr so muss es sich abgespielt haben. Für mich nutzt dieses ganze Aktion die Mauer, ihre Gewalt, ihre Toten und das wichtige Andenken an sie, als einen Ort des Terrors, nur aus um ein bisschen hippes Stadtmarketing zu betreiben. “Hey, Berlin ist eine verrückte Stadt, die macht alles anders. Guckt mal, wo hier überall Ballons stehen. Übrigens: Heute haben auch die Geschäfte auf!”

Und das mag kleinlich sein, aber wenn die Ballons die GESAMTE BERLINER Grenze entlang gestanden hätten (so, wie ich es zuerst verstanden hatte), hätte ich das derbe gefeiert, als eine Aktion, die die Mauer einreisst, die die Stadtteile zusammenführt und ihre Freude darüber vermitteln will, dass diese verkackte Mauer nicht mehr steht. Eine Aktion für Berlin eben, die damalige zerteilte Stadt. So aber kann ich die Ernsthaftigkeit in dieser Frage der Beteiligten nur anzweifeln und muss sagen, hier wurde halt versucht, einen weiteren schicken Selfie-Spot für den innerstädtischen Hostel-Ring anzulegen, aber mit aufrichtigem Gedenken, zu einem sehr erfreulichen Jubiläum, hat das nichts zu tun. Da feier ich den Mauerfall lieber wieder, wie immer, im Stillen für mich und freue mich, dass wir ein Land sind und über all die fantastischen Menschen, die ich ohne die Wiedervereinigung nie getroffen hätte.

Das kann mir kein verhunztes Stadtmarketing der Welt nehmen.



Ich setz mich wieder hin.

Zunächst einmal:

Ich bin müde.
Ich bin aufrichtigen Herzens!

Dann aber auch:

Du bist müde.
Du bist aufrichtigen Herzens!

So steht es auf der ersten Seite meines absoluten Lieblingsbuches ever, “Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität.” von meinem Schriftstellergott Dave Eggers.

Und ja, verdammt, es stimmt. Ich bin müde. Ich kann nicht mehr. Meine Energie ist aufgebraucht.

Die letzten Monate haben eigentlich nur noch daraus bestanden, sich vor den Kopf zu hauen. Wegen Politikern, die Journalistinnen anzubaggern für eine Zwinker-Zwinker-Tätigkeit halten. Wegen Schriftstellern, die plötzlich Hassschreiber werden oder Politiker, die ebenfalls merken, dass am rechten Rand der Gesellschaft noch eine schnelle Mark zu machen ist. Wegen einem Prozess, von dem man wusste, dass er sich ziehen würde wie nix Gutes und der dafür erschreckend wenig konkretes zu Tage bringt - obwohl klar ist mit wessen Geistes Kind man es zu tun hat. Wegen Parteien, die in ihren Reihen alles zulassen, nur um stärker zu werden und bei Kritik sich sofort halbherzig distanzieren. Wegen Menschen, die sich beleidigen lassen müssen, weil sie irgendjemanden lieben. Wegen öffentlichen Diskursen, die nicht mehr ohne Lügen oder “Wahrheitsdehnungen” stattfinden können. Wegen viel zu vielen Waffen-Im- und Exporten. Wegen Machthabern, die alles tun, um ihren Status zu zementieren, blind und unsensibel für ihr Handeln. Wegen Kriegstreibern. Wegen Aggressoren, die behaupten, sie täten alles im Interesse des Friedens und dabei dieses wundervolle Wort, diese tolle Sache, nur als Feigenblatt nutzen, um ihre bescheuerten Interessen zu artikulieren.

Heute sah ich einen Bericht über die Montagsdemos. Las ein bisschen auf den Seiten, auf denen sich die Demonstranten treffen. Las auf den Seiten ihrer Kritiker. Schaute mir Videos beider Seiten an. Las Texte beider Seiten. Und irgendwann war der Punkt da, da hab ich einfach alle Tabs geschlossen. Ich wollte diese Diskussion nicht mehr mitverfolgen. Ich hab einfach gemerkt: Ich bin am Limit angekommen. Ich kann mir keine Scheisse mehr durchlesen, kann meiner Faszination für mir fremd erscheinende Meinungen nicht mehr erliegen. Der Speicher ist voll.

Das Netz ist ein wundervoller Ort, weil ich mit ein paar Klicks alles erreichen kann. Ich kann auch versuchen, Dinge zu verstehen, die ich nicht verstehe. Versuche zu kapieren, warum Sichtweisen, die mir auf einer Welt, auf der wir alle zusammen leben (wollen), zwingend logisch erscheinen, von Anderen total negiert werden. Manchmal hatte ich vielleicht das Gefühl, diese Menschen zu verstehen. Diese Menschen die hetzen, die spalten, die brüllen oder extra schnell quasseln, um schlauer zu wirken. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich verstehe, was sie antreibt (ohne es teilen zu müssen). Aber dann bemerke ich, dass da nichts stattfindet. Kein Denkprozess. Keine Reflektion. Es gibt diese eine Wut und die wird von denen befeuert, die Menschen brauchen, die ihnen zustimmen. Die Motive können mannigfaltig sein. Von Kohle bis Fame dürfte da alles vertreten sein.

Aber ab heute interessiert mich das nicht mehr. Darf mich nicht mehr interessieren. Denn ich bin nicht mehr aufnahmefähig für Ignoranz. Ich kann mich nicht mehr mit Dummheit beschäftigen. Die Schüssel ist voll. Ich muss mich davon fern halten, denn es belastet mich. Ich sah diesen Beitrag und hab überlegt, dort einmal hinzugehen, um mit den Menschen zu sprechen, mir ihre Version anzuhören. Aber sie haben sich entschieden, dort zu sein. Sie wurden nicht gezwungen. Sie gehen dort hin um zu zeigen: Ich unterstütze diese Idee total. Und das ist halt nicht zu erklären. Ich kann da nicht meine Energie verbrauchen.

Deswegen, liebe Gegner, habt ihr es geschafft. Ihr habt mich mit eurer medialen Dauerpräsenz zermürbt. Ihr dürft jetzt machen, was ihr wollt. Fahrt fort. Macht diese Welt zu dem beschissenen Ort, den ihr unbedingt haben wollt. In dem sich alle hassen, sich niemand mehr über den Weg traut und mein Nachbar angeblich immer nur meine Äpfel will, selbst wenn er eine Apfelplantage hat. Ich werde mich nicht mehr wehren. Baut den ganzen Tempelhof mit euren beschissenen Townhouses zu, damit ihr nach der Politik noch tolle Pöstchen in der Baubranche kriegt. Schwafelt was von Sozialwohnungen, um dann nachher mit “Sachzwängen” nur drei bezahlbare anbieten zu können. Vom deutschen Wähler ist weder Ärger, noch Widerstand zu erwarten. Der grummelt mal, schreibt einen wütenden Kommentar auf eure Facebookfanseite und geht dann wieder arbeiten. Oder er schreibt diesen Blogeintrag und gibt dann einfach auf. Deswegen musste ich jetzt auch den Header ändern. Ihr habt das schöne Wort “Weltfrieden” missbraucht und ausgesaugt und mit eurem menschenfeindlichen Kack aufgefüllt. Ich möchte auf keinen Fall mit euren Motiven verwechselt werden.

Macht das sich die Völker hassen. Schürt Neid, schürt Wut, schürt Hass. Ich gebe auf. Mir ist alles egal. Ich kann nicht mehr. Ich kann meine Energie nicht mehr dafür nutzen, zu glauben, diese Welt zu einem besseren Ort machen zu können. Ich gebe meine Liebe jetzt nur noch für die, die mir wirklich wichtig sind. Versuche sie zu unterstützen, zu stärken, zu umarmen.

Und vor euch da draussen zu schützen.



18 Jahre Domian

Domian hat 18-jähriges Jubiläum und das bedeutet, mehr oder weniger, dass ich seit 18 Jahren jede Nacht zwischen 1 und 2 Uhr WDR gucke. Das ist die Hälfte meines Lebens! Grund genug also, dieser Sendung mal ein paar Zeilen zu widmen:

Domian und ich, wir haben ungefähr zur gleichen Zeit beim Fernsehen angefangen. Er ein Jahr später als ich, aber dafür auch deutlich konstanter on Air. Dabei hat er viele andere Call-in-Formate kommen und gehen sehen. Aber Domian blieb. Bis heute. Warum?

Domian hat Meinung, der sitzt da nicht so neutral wie möglich, sondern der macht auch mal Ansage, wenn ihm etwas gehörig gegen den Strich geht. Das Angenehme dabei ist, das er nicht psychologisch oder juristisch korrekt argumentiert, sondern nur nach gesundem Menschenverstand. Dass er dabei in den vergangenen 18 Jahren schon eine Menge gehört hat, ist klar. Manchmal tut er heutzutage noch so, als würde ihn ein Anrufer mit irgendeiner seltsamen Neigung schocken. Das kann man ihm nicht mehr so richtig abnehmen. Der hat doch schon alles gehört. Legendär dabei ist sicherlich der Hackfleischbeischläfer - wobei ich mir bis heute unsicher bin, ob der sich nicht einen Spaß gemacht hat. Aber vielleicht ist das auch der Witz von Domian oder das Geheimnis: Alles sofort Ernst zu nehmen, auch wenn es zum lachen ist. Dann lachen und trotzdem ernst nehmen.

Unvergessen auch dieser FC-Fan-Depp, der die Anti-Pezzoni-FB-Seite initiiert hat und dann auch noch bei Domian anruft. Oh Lord.


[YouTubeDirektFandepp]

Ich hab aber noch einen persönlichen Bezug zu Domian:

07.09.1996

Ich sitze in meiner ersten eigenen Wohnung (WG) in Köln und hab das Telefon bereitliegen. Der Fernseher läuft. Die Leute erzählen Domian ihre Probleme. Dabei steht ein Foto von mir in die Kamera gerichtet neben ihm auf dem Schreibtisch. Das Bild musste ich ihm selber einwerfen gehen, bei irgendeiner Adresse in der Stadt. Da hab ich mir noch gedacht: “Guck mal, ich soll das einwerfen, weil der bestimmt so einen komischen Schlafrhythmus hat und ein reiner Nachtmensch ist. Wie so einer, der von der Schicht kommt.” Das fand ich sehr interessant.

In der Sendung hat er dann von seinen Anrufern Fragen an mich gesammelt und mich zehn Minuten vor Ende angerufen, um die mit mir abzuarbeiten. Leider kam irgendwie keine wirklich interessante Frage, was ein bisschen schade war, aber cool fand ich es trotzdem, so Teil der Sendung zu sein. Als ich einige Zeit später (für mich) überraschend Proband eines Piloten einer KHM-Sendung war, ist er in der Sendung noch mal aufgetaucht, ich glaube als Bühnenhelfer zusammen mit Biolek. Was für eine Ehre (Einer Sendung übrigens, in der Wolfgang Lippert als Zauberer für mich aufgetreten ist.). Mehr hab ich mit dem leider nie zu tun gehabt. Aber ich mag den.

Domian ist einfach superrreal. Ich find es schade, dass die Talkshow-Versuche von dem nie so hingehauen haben, ich fand die nämlich immer extrem gut. Wie der da einmal diesen Nazi bei sich in der Sendung hatte und dem die Meinung gegeigt hat, dass war toll. Domian ist sozusagen in den Medien das personifizierte Rückgrat.

Und natürlich liebe ich, wie alle Anderen auch, die ganzen Spinner, die da immer anrufen und so herrlich skurril sind. Ich erinner mich an einen Anrufer, der meinte Unglücke im Traum vorhergesehen zu haben. Dann erzählte er von einem Flugzeugabsturz, an den sich aber Domian nicht erinnern konnte und der Anrufer kam total ins stottern, weil seine Konstruktion plötzlich im Eimer war. Ich hab mich kaputt gelacht. Ich glaube, das war einer der lustigsten Anrufer ever. Domian ist aber ganz ernst geblieben (ich meine abe gesehen zu haben, wie er ein Schmunzeln unterdrückte…). Für solche Anrufer liebe ich die Sendung.

Deswegen, Domian, alles Gute und Beste zum Jubiläum! Du bist ein wichtiger Anker des deutschen Fernsehens! Echt jetzt mal (Und halb Twitter würde ohne dich nachts zu Grunde gehen…). Deswegen: Alles so weitermachen wie bisher. Auf die nächsten 18 Jahre!



Die Welt als Loop

Ich hab ein neues Handy bekommen. Entschuldigung, “Smartphone” sagt man ja heute dazu. Handy klingt noch so nach “Snake”.

Ich habe also ein neues Smartphone bekommen, von denen, die uns schon “Snake” gebracht haben: Nokia.
Und auf dem Lumia (920 um genau zu sein, aber ohne die Aufladematte, die ich gerade noch in jedem Shop Berlins suche…:)) wurden mir ein paar Apps vorinstalliert. Viele hab ich runtergeschmissen, weil unnötig. Aber eine hab ich erst ein bisschen liegen lassen, dann benutzt und nicht kapiert und als ich sie kapiert habe, gings ab.

“Cinemagram” hilft einem dabei, GIFs zu erzeugen, kleine Bewegtbildloops. Und zwar mit der eigenen Kamera. Dazu nimmt man mehrere Sekunden eine Szenerie auf und die App analysiert dann, welche Bereiche sich bewegt haben. Daraus bietet sie dann eine Auswahl, bei der man entscheiden kann, on man ihr folgt. Ansonsten kann man aber auch selber markieren, welchen Bereich man animiert sehen möchte und wie lang die Animation sein soll. Abspeichern. Fertig. Das ist so simpel, das krieg sogar ich hin.

Und das macht derbe Bock. Deswegen, hier, meine ersten Gifs aus der echten Welt.

Hier gleich mein absoluter Liebling. Ich hab dann noch die Sequenz etwas verkürzt, damit die Person wirklich die ganze Zeit hintereinander kommt.

Das hier war mein Erstes.

Ich steh auf so ganz minimale Animationen, hab ich festgestellt.

Wenn man die quasi kaum merkt und zweimal hingucken muss, weil man nicht sicher ist, ob man das eben richtig gesehen hat.

Oder hier auch:

Und der “Klassiker” des Cinemagrammens darf natürlich auch von mir nicht fehlen:

Ich steh auf so nen Quatsch.

Übrigens: Eine tolle Freundin von mir hatte zuletzt die tolle Idee, warum denn nicht auf den ganzen Smartphones von Werk aus Erste Hilfe Apps installiert sind. Ich finde den Gedanken großartig und unterstütze den hiermit total. Das muss man noch mal en Detail durchdenken, aber das macht total Sinn. Viele würden das sofort löschen, aber ein Paar nicht. Die würden sich das vielleicht noch mal ansehen. Und einer von denen, würde das dann vielleicht anwenden, in einer Notsituation. Und schon wäre einer mehr gerettet. Wie super das wäre! Hey! Handymacher! Macht mal! Das wäre Smart!

Disclosure: Ja, die haben mir das Handy Smartphone umsonst gegeben. Und vielleicht wollten die so einen Test dafür oder so, ich bin da total frei. Da ich aber von Technik eh keine Ahnung habe, mir die App aber so viel Spaß gemacht hat, hab ich mich für diesen Beitrag entschieden. Irgendwelche Techniktests müsstet ihr woanders suchen, sorry!



Heino - Der Heini aus der Stadt von Heine

Hach, es ist schon ein Kreuz. Da hat ein Marketing Typ eine Idee und schon muss man sich wieder mit Asbach Cola Uralt Figuren auseinandersetzen.

Heino ist wieder da. Und weil die Hörerschaft für ein “normales” Heinoalbum schon ausgestorben sein dürfte, wildert man in fremden Gefilden oder bricht zu neuen Ufern auf, je nach Sichtweise. Heino hat auf jeden Fall eine Platte gemacht, auf der er nur Pop/Rock/Punkrock/HipHop Acts covert. Sportfreunde Stiller, Nena, Rammstein, Peter Fox. Und, exemplarisch als erste Single, natürlich die Ärzte.


[YouTubeDirektCoverFromHell]

Erstmal das: Ja, natürlich passt das textlich schonmal wie die Faust aufs Auge. Aber: Warum genau soll das nochmal gut sein? Durch das wegfallen einer ironischen Ebene, weil Heino eben wirklich so ein Vater sein könnte, verliert das Lied jeglichen Witz und ist einfach nur noch ein trauriges Lied das davon handelt, wie Kinder von ihren Eltern daran gehindert werden, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Das ist lustig? Das ist jetzt natürlich superernst genommen, aber wie soll man Pop auch anders begreifen?

Was mir aber auf die Nerven geht, ist etwas ganz Anderes. Ich lese seit Tagen dass Heino “sich jetzt endlich mal wehrt” und “zurückschiesst”, gegen all den “jahrelangen Spott und Hohn”.

Ich hab zu Weihnachten die Otto Filmbox geschenkt bekommen, mit allen Filmen des Ostfriesen. Da gibt es ja auch diese Thriller/Heino-Parodie. Die ein bisschen lustig ist und natürlich auch Heinos Ikoknografie nährt (Blond, Sonnenbrille), von deren Marken-haftigkeit der Düsseldorfer meiner Meinung nach ganz gut profitiert hat. Das wichtigste daran ist aber: Das ist 25 Jahre her!


[YouTubeDirektThrillerHeino]

Heino-Witze sind so alt wie abgestandener Eierlikör. Und da “leidet” der noch heute so schlimm drunter? Nicht eher darunter, dass bis auf ein paar DVU-Fans und Vorpommerer wirklich niemand mehr größeres Interesse für den Sänger mit dem superrollenden R hat?

An Heino ist nichts “cool”. Heino hat schon immer in seiner Karriere verzweifelt versucht, sich überall anzubiedern, bei noch lebenden und halbwegs liquiden Käuferschichten als “Kult” durchzugehen. Ich erinner mich an den Acid-Enzian. Das wurde dann noch Rap genannt und hat ganz viel ganz schlimm durcheinander gewürfelt. Deswegen konnte da auch keiner was mit anfangen (Übrigens: Da hat er sich mit stilisierten Smileys, die sein Gesicht zeigen, schon des Images angenommen, unter dem er ja ach so gelitten hat…).


[YouTubeDirektAcidRapWasauchimmer]

Immerhin: Diesmal hat der Marketing-Mensch alles richtig gemacht. Die Platte kommt ganz früh im Jahr, wenn noch nicht viel los ist. Sie kommt in die Karnevalszeit, wo die Bereitschaft zu Quatschmusik am höchsten sein dürfte. Es werden nur credibile Hits gecovert. Und es wird ein “Rockerkrieg” erfunden, der das alte Klischee der Heinowitze aus den 80ern bedient. Bämm - plötzlich gilt der als cool.

Ich finde das sehr unangenehm und ich möchte ungern jemandem zujubeln, der so verzweifelt alles versucht um mich als Käufer zu gewinnen. Und ich lass mich nicht gerne für blöd verkaufen. Heino leidet, wenn überhaupt, an mangelnden Plattenverkäufen. Johnny Cashs American Recordings gingen mir ab dem dritten Teil zwar auch auf die Nerven, weil es irgendwann zum Cash (hihi) Cow milking wurde, aber dessen Cover Versionen haben durch sehr exaktes und behutsames auswählen und eine besondere Interpretation dem Orignal wenigstens noch etwas hinzugefügt. Eine gewisse Deepness. Von Heino gecoverte Lieder verlieren alles, was sie ausmacht und sie werden nur noch zu leeren Mitgröhlhüllen. Weil man schon merkt, dass sie für ihn selbst keinerlei Bedeutung haben.

Das ist nicht cool. Das ist homeshopping Television das so tut, als wäre es AC/DC.

Das Einzige, das noch nerviger als diese Platte ist: Von solchen Platten stehen uns jetzt mit Sicherheit hunderte ins Haus:

“Andy Borg singt Einstürzende Neubauten”

“Stephan Mross: Meine liebsten Battlerap-Tracks”

“Bata Iliç - Für immer Punk”

Hoffen wir das dieser Popsommer schnell an uns vorbeizieht.

Zum weiterlesen:

- Staiger, Raplabellegende, ist in etwa derselben Meinung wie ich. Danke Form Prim!

- Wie humorbefreit Heino schon in den 80ern reagiert hat, zeigt dieser Artikel von damals sehr gut. Danke Nico!



Angezogen einschlafen

Für den “Literaturwettbewerb Prenzlauer Berg” hab ich eine Kurzgeschichte geschrieben (Vorgabe war “Wildnis in der Stadt”). Da ich es damit nicht unter die 10 Nominierten geschafft habe, pack ich sie nun hier rein, denn ich mag die ganz gerne und das wär irgendwie doof, wenn die nie jemand zu Gesicht bekäme. Viel Spaß!

Angezogen einschlafen

Das erste Mal ist er mir begegnet, als ich auf den Winter gewartet habe: Nachts stieg ich aus der Tram und da lief er vor mir über die zweispurige Hauptverkehrsader, auf der gerade nicht viel los war. Ein echter Fuchs. Mitten in der Stadt. Eigentlich hab ich mir die immer röter vorgestellt. Der hier sah fast weiß aus. Oder grau. Auf jeden Fall nicht rot. Kein Bisschen. Er rannte vor mir in die Seitenstrasse und ich sah ihn nicht mehr. Ich war ganz euphorisiert. Ein Fuchs! Sofort überlegte ich, wo und wie der wohl lebt und ob den schon viele andere gesehen haben.

Ich malte mir aus, dass er in dem kleinen Mini-Park wohnt, gleich gegenüber. Zwischen Hauptstrasse und Plattenbausiedlung. Wie der da im Gebüsch sein Basislager hat. Ich hab überhaupt keine Ahnung, wie ein Fuchs so lebt. Bauen die vielleicht Nester? Ich lach mich selber aus. Nester! Was kommt als nächstes? Stell ich mir jetzt noch vor, wie der Fuchs Eier legt? Er wird da schon irgendwie leben. Fuchsbau! Ja, bei dem Wort klingelts. Das hab ich schon mal gehört. Ist wahrscheinlich so eine Mulde in der Erde, wie eigentlich immer bei Tieren. Ich hab als Kind bei uns im Naherholungsgebiet immer Maulwurfshügel umgegraben und zerwühlt, aber nicht ein einziges Mal einen Gang unter dem Erdhaufen entdeckt. Zumindest keinen, den man direkt als solchen erkennen konnte. Diese Enttäuschung, das Tiere dann in freier Wildbahn eben doch nicht so leben, wie man sich das mit Hilfe von Büchern und Zeichentrickserien zusammengereimt hat, sitzt immer noch tief. Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, das der Fuchsbau was tolles ist.

Aber der Fuchs war toll. Ich stellte mir vor, wie der durch die Strassen zieht, immer auf der Suche nach etwas essbarem. Was fressen Füchse denn so? Mäuse bestimmt, oder? Vielleicht auch Vögel? Das kann ja wirklich alles mögliche sein. Ich stelle mir vor, wie er zwischen den parkenden Autos entlangschleicht und überrascht wird von einem Anwohner, der gerade mit seinem Hund Gassi geht. Das find ich auch so toll an einem Fuchs, das er ja so etwas wie ein „freier Hund“ ist. Der Anwohner aber würde sich tierisch aufregen über den Fuchs. Er hielte das Tier für gefährlich. Weil er es nicht einschätzen könnte. Und weil es frei ist. Es könnte Tollwut haben und seinen Hund beißen und anstecken. Tollwut. Auch so ein Mysterium meiner Kindheit. Ich erinnere mich, das in einem kleinen Park regelmäßig Schilder mit „Achtung, Tollwut!“ aufgehängt waren, aber ich habe das nie verstanden. War das jetzt für Menschen gefährlich? Oder nur für Tiere? Und was war das eigentlich genau? Das klang gleichermaßen bedrohlich, aber auch irgendwie cool. Der hatte direkt so eine Kraft, der Begriff.

Der Mann würde Angst vor dem Fuchs haben. Angst um sein Haustier. Er würde seinen Hund fest an der Leine ziehen und schnell mit ihm weggehen. Weit weg von dem wilden und freien Tier. Dann würde er eine wütende Email an die Bezirksverwaltung schreiben, wie es denn möglich sei, das hier solche Tiere frei herumlaufen. Und die Bezirksverwaltung würde die Stirn runzeln und überlegen, was zu tun sei. Dann schickte sie einen Tierfänger los, der mehrere Abende erfolglos auf der Lauer liegen würde. Bevor sie dann zu drastischeren Maßnahmen greifen müsste und Fallen aufstellte. Und dann nach zwei Wochen feierlich verkündete, das der Fuchs nun gefangen und die Strassen wieder sicher seien.

Der Mann würde sich freuen. Er wäre glücklich sein Recht durchgesetzt zu haben und wieder in Ruhe mit seinem Hund seine nächtliche Runde drehen zu können, ohne Angst haben zu müssen, das aus irgendeiner Parklücke irgendein Tier schießt und ihn oder sein Haustier überfällt. Der Fuchs aber würde in einem Wald, irgendwo vor den Toren der Stadt ausgesetzt. Die neue Umgebung wäre für ihn fremd und gefährlich. Gestresst würde er Tag und Nacht durch das Unterholz rennen. Um dann eines diesigen Morgens auf einer Bundesstrasse, die er hektisch passierte, von einem Lastwagen erfasst zu werden. Der Fuchs wäre auf der Stelle tot. Und der Fahrer hätte es gar nicht mitbekommen.

Ich merkte, wie ich wahnsinnig wütend wurde. Auf den Igel, auf den Gassigeher, auf das Bezirksamt, auf den Lastwagenfahrer. Und auf mich. Weil ich mir so eine Geschichte so gut vorstellen konnte, das ich sie mir am Ende sogar selber glaubte.

Ein paar Tage später. Es war spät am Abend. Und noch lange nicht so kalt, wie es eigentlich sein sollte. Ich zog mich extra warm an und schwitzte ab dem Moment, in dem ich vor die Tür ging. Dieses Zwiebelprinzip war noch nie was für mich, weil ich gar nicht weiß, ab welchem Moment ich das einsetzen muss. So kommt es, das ich es im Vorwinter immer viel zu warm hab. Ich ließ die Jacke einfach auf und die kühle Luft an mich ziehen. Ich freute mich auf die bevorstehende Party. Seitdem ich hier lebte, ging ich viel zu selten aus. Dieser Abend sollte eine dieser Ausnahmen sein. Und ich wusste: Es würde lang werden. Und feucht. Und fröhlich. Ich würde nicht gehen wollen, ehe ich nicht sturzbetrunken wäre.

Nachdem ich in einem etwas ekeligen Imbiss eine Stärkung zu mir genommen hatte, ging ich die Strasse hinunter. Ein kleiner Verdauungsspaziergang. Wenn ich gleich abbiegen würde, wäre ich vor dem Lokal, in dem die Feier stattfindet. Und da schoss er auf den Bürgersteig, drehte sich ein paar mal vor meinen Füssen und war ebenso schnell wieder verschwunden. Über die Strasse, über die Gleise der Straßenbahn, in eine Seitenstrasse hinein und weg war er.

Ich kann bis heute Glenn Close und Meryl Streep nicht auseinanderhalten, aber ich bin mir sicher: Das war derselbe Fuchs. Und ich hatte so das Gefühl, das er mich auch wiedererkannt hat oder mir etwas sagen wollte. Das klang wahnsinnig esoterisch und ich wollte mich gerne selber ohrfeigen, für diesen Gedanken, aber ich wurde ihn nicht los. Irgendwas war da zwischen uns. Ich konnte auch seine Fellfarbe immer noch nicht definieren. Sie sah einfach nicht nach Fuchs aus. Aber angenommen, er wollte mir etwas sagen: Dann was? Was versuchte mir ein wildes Tier, mitten in der Großstadt mitzuteilen? Ich würde unbedingt googlen müssen, was es nun mit dieser Tollwut auf sich hat. Vielleicht ist die ja doch gefährlich für die Menschen.

Ich verstand immer noch nicht, woher meine Faszination für das Tier kam. Tief wühlte ich in meinen Erinnerungen. Fuchs. Meine Mutter heißt so mit Mädchennamen. Deswegen musste ich das Tier ja noch nicht gut finden. Aber die hat mir meistens zum einschlafen vorgelesen. Unter anderem auch den „kleinen Prinz“. Und hat der da nicht auch so eine Begegnung mit einem verführerisch-bösen Fuchs? Mir kamen kleine Bröckchen Kotze hoch, denn das Buch ist für mich eines der schlimmsten, das es gibt. Ich habe sogar schon damit geliebäugelt einen Verein namens „Das Wesentliche IST sichtbar“ zu gründen. Überall Tassen, Postkarten, Memory-Spiele mit dieser Grützfigur. Die ist die Diddelmaus des Bildungsbürgertums. Und dann noch erwachsene Menschen die „Man sieht nur mit dem Herzen gut…“-Zitate für eine gute und clevere Lebensphilosophie halten. Schlimm. Die kann man doch nicht ernst nehmen.

Ich war wahnsinnig wütend auf den kleinen Prinz. Und auf Antoine de Saint-Exupéry. Und auf mich, weil ich wusste, wie der geschrieben wird, ohne nachgucken zu müssen.

Dezember. Der Stressmonat. Von nun an sollte sich alles nur noch um Geschenke drehen. Zum 1. mussten diverse Adventskalender fertig sein. Dann war Nikolaus und schließlich Weihnachten. Meine Familie kam in die Stadt, wir wollten ein großes Familienfest feiern. Das bedeutete aber auch: Noch mehr Geschenke als sonst besorgen. Ich wusste wirklich nicht, wann ich diesen Monat besonders zur Ruhe kommen würde. Vermutlich gar nicht. Dazu kamen ja auch noch die ganzen Weihnachtsfeiern, zu denen man eingeladen war. Die machten zwar total Spaß, aber danach fiel man auch erstmal wieder einen ganzen Tag aus.

Daran dachte ich nicht mehr, als ich nach Hause wankte. Wir haben unsere erfolgreiche Zusammenarbeit in einem Restaurant gefeiert, in dem es fantastisches Fleisch gab. Und ganz wunderbaren Rotwein. Wir saßen an einer langen Tafel und nach dem Essen, haben manche angefangen, sich umzusetzen. Andere gingen zum rauchen vor die Tür. Man saß in Grüppchen um den Tisch verteilt, tauschte Neuigkeiten aus, trank noch einen Espresso, noch einen Wein, noch ein Wasser, vielleicht noch einen Wein. Es wurde gelacht, es wurde diskutiert. Und irgendwann, als die Kellner durch demonstratives Gähnen andeuteten, das sie gerne schließen würden, war eine weitere Weihnachtsfeier beendet. Und ich lief nach Hause, mit einem letzten, vollen Weinglas in der Hand, das ich seltsam geschickt aus dem Laden geschmuggelt hatte. Ich mag es durch die nächtlichen, kalten und vorweihnachtlichen Strassen zu laufen. Tief durchzuatmen, auch wenn ich ein wenig Schlagseite habe. Meine Schritte waren das einzige Geräusch, das ich in dem Moment hörte. Ich musste ein wenig über mich selbst kichern, weil mich die weinselige Albernheit erwischt hat. Das liebe ich am Meisten. Wenn man grundlos kichert. Kurz blieb ich stehen um durchzuatmen und meinen Weg in Ruhe fortzusetzen. Und da stand er vor mir. Einfach so. Aus dem Nichts.

„Was willst du eigentlich von mir?“, fragte ich ihn, ein wenig lallend. Er guckte mich an, mit diesem komischen Blick, den Tiere haben. Dieser Blick, bei dem man immer versucht ist, dem Tier gewisse Gedanken zuzutrauen. Gedanken, die vielleicht eher das eigene Empfinden spiegeln.
„Jetzt sag schon! Warum verfolgst du mich?“ Der Fuchs zuckte kurz mit dem Kopf. Ich hatte jetzt immerhin genug Zeit, mir sein Fell genau anzugucken. Das war Grau. Silbergrau. Und total dreckig. Gefiel mir nicht, gefiel mir überhaupt nicht.
„Sag! Du nervst mich langsam. Hau ab!“, sagte ich. Wenig überzeugend. Komisch eigentlich, das mich das Tier so aggressiv gemacht hat. Ich rief Sachen wie „Kusch!“ oder machte Geräusche von denen ich glaubte, das Tiere sie unheimlich finden könnten. Aber der Fuchs rührte sich nicht. Er blieb einfach stehen und sah mich an. Vielleicht sollte ich die Straßenseite wechseln. Das Tier ließ mich offensichtlich nicht vorbei.

Ich wurde wahnsinnig wütend auf den Fuchs und warf mein Weinglas nach ihm. Es zersprang auf dem Boden, spritzte den Fuchs mit Rotwein voll. Das Tier rannte weg. „Höret her, Bürger! Hier läuft ab heute ein rot gesprenkelter Fuchs durch die Strassen.“, hörte ich mich hochoffiziell sagen. Aus meinem Kichern wurde ein Lachen und glücklich ging ich nach Hause und ließ mich auf mein Bett fallen, wo ich noch angezogen sofort einschlief.



Stichwort: Eigene Nase

Die Diskussion um Sven Regener. Die Diskusion um die 51 Tatort-Autoren, die ein Pamphlet unterschrieben haben. Die Diskussion um die Piraten, um Christopher Lauer als deren mediales Sprachrohr. Die Diskussion um Schlecker. Die Diskussion um eine Urheberrecht-Erneuerung. Die Diskussion, das es nicht um eine Urheberrecht-Erneuerung gehe, sondern um eine Verwertungsrecht-Erneuerung. Die Diskussion um den EffZeh. Die Diskussion um die FDP. Die Diskussion um Gender Gedöns. Die Diskussion um die neue Madonna-Platte. Die Diskussion um Netzneutralität. Die Diskussion um das Leistungsschutzrecht. Die Diskussion um Vergütung. Die Diskussion ums Zitatrecht. Die Diskussion um die Banken. Die Diskussion um die NPD. Die Diskussion um Homöopathie. Die Diskussion um einen Lynchmob. Die Diskussion um die Ethik der Presse. Die Diskussion um die GEZ. Die Diskussion um Zensur. Die Diskussion um Verantwortung. Die Diskussion um die Diskussion um Verantwortung.

Ich werde mit gutem Beispiel voran gehen und mich einfach mal aus den kommenden Diskussionen raushalten. Zumindest bei Facebook und Twitter. Ich habe das Gefühl, dass zu viel Zeit und Energie dafür drauf geht, zu versuchen einen Ton zu finden, mit dem alle etwas anfangen können und verschiedene Positionen abzuwägen, nur um mich dann nachher doch wieder von der einen oder anderen Seite beschimpfen zu lassen. Und ich merke, wie mir das schlechte Laune macht, wenn mir wildfremde Menschen mehr oder weniger “ICH HABE VERDAMMT NOCHMAL DISKUSSIONSKULTUR, DU NICHTSWISSENDER VOLLWICHSER!”, wenn auch manchmal durch die Blume, virtuell ins Gesicht schreien.

Ich diskutiere gerne. Ich stelle auch meine Meinung gerne zur Disposition, wenn jemand kommt und mich davon überzeugt, das ich mich irre. Nur passiert das in den häufigsten, nein, eigentlich in allen Fällen nur, wenn mein Gegenüber ruhig, besonnen und fundiert argumentiert und nicht wenn er am lautesten grunzt. Und stellt euch mal vor: So geht es den meisten Menschen. Ich verstehe nicht, wie man denken kann es sei von Erfolg gekrönt, wenn man jemanden, den man von seiner Position überzeugen will, mit Häme, Spott, Zynismus und Ironie überzieht. Oder um es kurz zu machen: So nicht.

Der Ton im Netz ist nicht rauer geworden, er ist vor allem unschärfer geworden. Hauptsache draufknüppeln. Und Ohren zu halten und gleichzeitig “Lalala, ich kann dich nicht hören!” rufen. Das ist aber keine Diskussionskultur, das ist Bullshit. Respekt ist ein Fremdwort, weil im Netz alle körperlos sind. Deswegen sind alle immer auf Augenhöhe. Und deswegen freuen sich alle, wenn zum Beispiel Erika Steinbach, die nicht zu ertragende Vorsitzende des Bunds der Vertriebenen, oder wie der heisst, plötzlich auf Twitter ist, weil ihr dann jeder schreiben kann, wie doof und blöd und scheisse er sie findet, anstatt konkret und gezielt zu kritisieren. Wie traurig ist das eigentlich? (Ich hab auch zwei, drei Versuche mit ihr zu diskutieren auf Twitter miterlebt und die Frau ist wirklich beratungsresistent und auch nicht diskussionsfähig, aber da hielte ich dann konsequentes Ignorieren für die schlauere Wahl als permanentes Dissen…but maybe that´s just me)

Geil sind auch Menschen, die in Kommentaren aufschlagen, alles vor ihnen kommentierte ignorieren, weil sie keine Lust haben das zu lesen und eine Diskussion im Zweifelsfall im Keim ersticken, weil sie nochmal von vorne ansetzen, obwohl die stattfindende Auseinandersetzung schon längst viel weiter ist. Wie arrogant ist das bitte?

Ich hab da keine Lust mehr drauf. Wie gesagt, da muss jeder seine persönlichen Konsequenzen ziehen. Für mich bedeutet das zwar kein völliges einstellen meiner sozialen Netzwerkaktivitäten, aber eine deutliche und drastische Reduzierung. Auch wieder mehr bloggen. Vielleicht. Und sicher nicht (nur) über tagespolitische Themen. Im Gegenteil. Wieder offener, frischer, neuer, persönlicher werden.

Ich kann dem ganzen Hass auf der Welt, all dem Schlechten und den Bösen, den Strippenziehern und Lobbyisten, die sogar ihre Oma für ihre Sache verkaufen würden, nur eins entgegensetzen: Eine dicke Umärmelung. Das ändert nicht viel, aber im Kleinen schon.

Zusammengefasst: Ihr änder nichts, n i c h t s, wenn ihr Menschen direkt hart angeht. Die machen dann sofort zu. Ist so. Jetzt kommt mir nicht mit “If you can´t stand the heat…” oder “Wir haben halt keine Lust es zum 1000. Mal zu erklären…” oder “Ist halt Internet” oder “Naja, ist vielleicht ein bisschen ruppig, aber sonst…”, denn das ist alles Bullshit. Schutzbehauptungen, nennt das glaube ich der Jurist. Und wenn ich jemand in aller Ruhe einen Sachverhalt, von dessen Richtigkeit ich überzeugt bin (bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt :)), noch zum eine Millionsten Mal erklären muss, so sollte ich das auch genauso tun. Als wenn ich es zum ersten Mal erklären würde. Denn wie arrogant kann ich sein, zu erwarten, das es jeder mitbekommen hätte, wenn ich irgendwas gesagt habe?

Ich halte das Netz für einen der spannendsten Orte ever, aber die Entwicklung, die das gerade nimmt, ist falsch. Vom Diskussionsmedium zum Shitstorm-Tourismus. Nein Danke, ohne mich.

Ohne Menschen wäre das Netz nichts. Also holen wir sie wieder zurück.

Epilog: Während ich mich noch mit diesem Text hier rumquäle, drin rumeditiere und unsicher bin, auf “Veröffentlichen” zu drücken, kommt via Malte Welding plötzlich dieser Text von Dietrich Brüggemann reingetrudelt und ich lese den und mein Grinsen wird von Zeile zu Zeile breiter und am Ende denke ich: “Wie toll! Da hat jemand schon meinen Text gelesen, bevor ich den veröffentlicht habe.”

Was natürlich Quatsch ist, aber beweist: Ein Umdenken findet statt. Wir lassen uns das Netz nicht von Miesepetern wegnehmen oder okkupieren. Willkommen in der Bewegung: “Netz mit Herz”. Ne, das klingt irgendwie nach Musikantenstadel. “Heartweb”. Ne, auch nicht. Das könnte so eine 90er Jahre-Single vom Captain Hollywood Project sein. “Web of love”? Deutlich zu esoterisch. Ich glaub, ich habs: “Heart Nerds!”! Abgekürzt “<3N”. Juchuh! Sofort mal Buttons machen.



“Paying for it” - Chester Browns Comic-Beichte

Chester Brown ist mein Lieblingscomiczeichner. Sein “Ed, the happy clown” ist für mich ein nachwievor unerreichtes Meisterwerk (das ich gerade nicht mehr habe, weil ich jede Ausgabe, die ich davon hab, früher oder später immer wieder verschenke). Ein Comic das ebenso seltsam wie lustig, bizarr wie traurig ist. Und der Zeichenstil, dieser feine Strich, ist so ein bisschen wie das genaue Gegenteil von Crumb. Sehr leise, sehr ruhig. Aber jetzt nicht leise storywise. Neben “Ed” gab es damals noch zwei weitere Bücher von Brown hierzulande zu kaufen, das war einmal “Fuck” und “The Playboy-Stories”. Beides autobiografische Werke, wobei die Playboy-Stories hier noch deutlich besser waren. Für mein Empfinden. Darin ging es um den jungen Chester Brown und seine ersten Erfahrungen, eben mit dem Playboy. In Jugendjahren. Ich bin ja auch der Meinung: “Sein erstes Playmate vergisst man nie.” Das ist so ein bisschen die erste wirkliche “Frau”, die einen ernst nimmt. Sexuell. Es ging in dem Comic natürlich auch viel um “Schuld”, so sah Chester desöfteren seine verstorbene Mutter, die enttäuscht war, das er zu Playboys masturbierte. Am meisten wurde aber vermutlich die Art, wie er wichste, diskutiert. Das hat er genau gezeichnet und die weiter hinten im Heft abgedruckten Leserbriefe zeigten, das das wohl schon eine sehr spezielle Technik war. Der hat, wenn ich mich recht entsinne, seinen Schwanz so zwischen beiden Händen gerollt, wie wenn so Indianer in einem Western Feuer machen. Ich hatte das dann auch mal probiert, nachdem ich den Comic gelesen habe, aber die Erfahrung war eher unbefriedigend. Dennoch ein tolles Heft.

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Nach Jahren, in denen ich nichts von Brown gehört oder gelesen habe, nun also sein neuestes Buch. Mein Comicladen, “Grober Unfug“, wusste um mein Brown-Fandom, denn das erste Tattoo, das ich mir hab stechen lassen, war eine Zeichnung von Chester Brown (siehe obiges Foto). Deswegen haben sie mir sofort seinen neuen Band gegeben, damit ich ein Review zu schreiben kann. Würde der alte Brown-Fan glücklich oder eher enttäuscht mit “Paying for it”? Das habe ich mich auch gefragt.

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Ich will keinen künstlichen Spannungsbogen aufbauen, deshalb: Ich bin glücklich. Der Chester Brown Fanboy in mir ist glücklich. “Paying for it” ist wie nach Hause kommen. Ein vertrauter Kosmos, eine vertraute Hauptfigur und alles wieder so lakonisch und komisch - eigentlich kommt Brown jetzt, je älter er wird, noch viel eher da an, wo er wohl schon immer hinwollte. Erstmal zur Geschichte:

“Paying for it” ist wieder autobiographisch. Der Untertitel ist: “A comic-strip memoir about being a john”. Und “a john” bedeutet: Freier. Denn genau darum geht es in dem Buch: Browns Beziehung geht zu Ende. Und entgegen seinen Erwartungen, stört ihn das nicht. Es ist nicht so, das es ihm egal wäre, es stört ihn halt nur einfach nicht. So wundert er sich verhältnismässig lange über sich selbst und seine Freunde noch umso mehr. Sie können es nicht verstehen, so sehr er es auch versucht ihnen zu erklären. Sie meinen dann er wäre sich seines Unglücks nur nicht bewusst. Doch Chester macht tatsächlich einen zufriedenen Eindruck. Bis sich eines Tages seine Libido meldet. Er ist jetzt nicht unaufhaltbar horny, aber da ist etwas und ein gewisser Wunsch, nach einer gewissen Nähe. Nur ohne dieses Liebe-Pflichtgefühl. Und somit beschliesst er auszuprobieren, wie es wohl ist zu einer “Professionellen” zu gehen.

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Nach anfänglicher Scham und Unsicherheit, findet Chester langsam Gefallen daran. Dabei ist er ein besonders pflegeleichter “John”: Er will nichts ungewöhnliches, er ist immer höflich, er bleibt seinen Mädchen meistens längere Zeit “treu” (falls sie ihm gefallen) und er gibt immer grosszügig Trinkgeld, in der Hoffnung, das die Mädchen es behalten dürfen und nicht abgeben müssen (übrigens auch zeichnerisch wunderbar diskret gelöst, indem man nie die Gesichter der Mädchen sieht, weil sie meistens von Sprechblasen zugedeckt sind). Und als er nach längerer Zeit auch aus der gemeinsamen Wohnung mit der Ex auszieht, kann er die Mädchen sogar endlich zu sich nach Hause kommen lassen und bewegt sich somit sogar endlich aus der Illegalität heraus (in Kanada ist/war es wohl so, das Hausbesuche legal sind, “Puffs” oder “Apartments” in denen die Mädchen “wohnen” aber illegal). Chesters Freunde verstehen das immer weniger, für ihn aber wird es immer klarer. Er hat die Liebe seiner Freunde, seiner Kumpels, seiner Familie und bei den Prostituierten holt er sich noch das körperliche als klares und faires Geschäft. Es scheint, als hätte er den für ihn perfekten Weg gefunden.

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Das ist im großen und Ganzen die Geschichte von “Paying for it”. Dabei bewegen wir uns als Leser hauptsächlich zwischen den Treffen mit den Frauen und den Treffen mit Browns verständnislosen Freunden. Letztere bescheren immer wieder ein Woody Allen-Gefühl. Dieses sezieren von Gefühlen, diese uneinsichtigen Freunde, über die der Protagonist sich immer ein wenig wundert (und somit auch der Leser), das hat schon diesen Geschmack eines “Annie Hall”. Aber wo Allen dann am Ende doch auch immer sehr moralisch ist, in einer Mainstream-Art, da hat Brown seine ganz eigene Moral entwickelt. Und das geht so lange gut, bis die Panels aufhören. Denn das Buch hat, leider, auch eine dunkle Seite: Die Anhänge.

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In den Anhängen versucht Brown seine Position zu erklären, versucht Prostitution als etwas Gutes darzustellen und er versucht die Diskussion zu leiten. Das scheitert leider vor allem an seiner Argumentation. Kann man solche Sachen wie “Man darf nicht immer davon ausgehen, das alle Prostituierten das unfreiwllig machen” vielleicht noch nachvollziehen und als Argument durchgehen lassen, entiwirft er anderer Stelle eine Zukunftsvision, die ihm der ein oder andere Prostitutionsgegner vemutlich genüsslich um die Ohren klatschen wird:

Now lets jump ahead to the year 2080. A young woman works in a hat shop — let´s call her Mary. A young man who also works there decides to ask Mary out on a date.They´ve known each other several months and she likes him, so she says yes, adding that, if he wants to have sex with her, it´ll cost an amount of money that she specifies. He doesn´t find this shocking — it´s a common request in a situation like this. They go out to dinner and then have sex at either his apartment or hers. He pays her the specified price. The next day, Mary tells her friends about the date. They all have sex for money too, so none of them are shocked. Mary tells her mother. She´s not shocked either –she still gets paid for sex herself.

Und so weiter. Das ist jetzt nur aus “Anhang 3″ (über “The normalization of prostitution”) von insgesamt 23 (!!!) Anhängen, die über 20 Seiten Anmerkungen noch gar nicht mitgerechnet. Okay. Hatten wir es also bis zum Ende des Comics noch mit einer, wie ich finde, sehr berührenden und rührenden Geschichte zu tun, deren leise Traurigkeit bzw. Tristesse eine unglaubliche Schönheit (und einen starken Sog) hat, so will Brown jetzt was anderes. Er möchte auf die Situation von Prostituierten aufmerksam machen. Will ihnen helfen. Will ihre Arbeitsrealität verbessern. So weit, so gut. Aber das ändert natürlich alles. Das lädt den Comic (meines Erachtens nach unnötig) politisch auf. Plötzlich geht es gar nicht mehr darum, was Chester Brown da erlebt hat. Plötzlich geht es darum, das es doch normale Health Care auch für Huren geben sollte. Und man erwischt sich selbst dabei im nachhinein den Comic auf seine Ungerechtigkeiten abzuklopfen.

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Problematisch wird es ausserdem, wenn Brown - als Argumentationslinie - eine Prostituierte zu sein mit schwul sein vergleicht. Aua. Darauf muss man gar nicht weiter eingehen, das tut schon weh.

Ich habe nach der Hälfte aufgehört den Anhang zu lesen. Ich möchte nicht dabei zusehen, wie sich ein Künstler, den ich toll finde, selbst intelektuell politisch demontiert. Ich unterstelle Brown dabei die besten Absichten und vielleicht ist der Blick auf das Gewerbe überhalb des Teiches naiver als hier. Ausserdem zerlegt Brown auch die Prostitutions-Thesen der Feministin Sheila Jeffries, deren Aussagen mindestens ebenso abenteuerlich wie die von Brown sind, nur eben auf der anderen Seite des Spektrums. Da hat er sich eine gute Sparrings-Partnerin ausgesucht. Aber wie gesagt: Warum im Anhang dieses Comics? Warum nicht als extra Heftchen, wenn er sich schon so viel damit beschäftigt hat?

Meine dringende Empfehlung: Diesen äusserst fantastischen Comic lesen. Wie immer sehr grossartig gezeichnet und sehr packend. Man wird mal wieder eingesogen in das Brownsche (Sexual)Leben, mit so einem seltsamen Blick auf sich selbst, das es eine große Freude ist. Zumindest als Leser. Sobald aber die “Appendix” losgehen, SOFORT das Buch zuschlagen. Niemals, und ich meine NIEMALS, die Anhänge lesen. Auch nicht in einer schwachen Stunde. Dafür dann einfach lieber nochmal die “Playboy Stories” besorgen und lesen. Dann kann man das alles geniessen, dann ist und bleibt “Paying for it” ein weiterer Meilenstein im Kosmos des Chester Brown.

Dabei fällt mir auf, das “Comic-Beichte” vielleicht die falsche Bezeichnung ist, weil eine Beichte ja irgendwie immer etwas negatives ist und Brown findet ja gar nicht schlimm oder falsch was er macht. Aber “Comic-Prostitutions-Spass” klingt so komisch…



Black, Ferell, Wood, Sarandon, Riley, Rogen und Co präsentieren: Die neue Beastie Boys Platte

Wenn grenzenlose Liebe zu steigern ist, dann ist das eben passiert, als ich diesen Trailer zum 30-Minüter zum neuen Beastie Boys Album gesehen habe. Ich liebe diese Band und ich könnte mie vor Glücksgefühlen den Sack abreissen, wenn ich dieses Video sehe:


[YouTubeDirektHurra]

Und wie immer in ihrer gesamten Karriere haben sie mal wieder einen neuen, komplett eigenen Standard gesetzt. Unglaubliche Band.



Neues Metronomy-Video “The Look”

Ich steh ja auf Metronomy, nicht nur, aber natürlich auch wegen den Videos. Das neue ist wieder sehr schick, aber der Song ist wieder ein absoluter Knaller, an dem ich mich nicht satt hören kann, auch wenn “an dem ich mich nicht satt hören kann” eine furchtbare 80er-Formulierung ist, an der ich mich schon satt gehört habe. Passt aber vom Style her so gut zu Metronomy. Und jetzt alle: “And now you´re given me the look look…”


[DailymotiondirektGuckGuck, via 365 Stones]